Vierzehntes Kapitel

[202] Was nun die Uebung und Pflege solcher Disputationen anlangt, so muss man auch zunächst in der Umkehrung der Schlüsse eine Geschicklichkeit verschaffen; denn dadurch erlangt man mehr Mittel zum Bekämpfen der aufgestellten Streitsätze und lernt aus wenigen Sätzen viele Gründe entwickeln. Die Umkehrung besteht in der Umkehrung des Schlusssatzes, um dann mit Benutzung der übrigen gefragten Sätze einen der zugegebenen Sätze zu widerlegen. Denn wenn der Schlusssatz nicht gilt, so muss nothwendig einer der Vordersätze falsch sein, da der Schlusssatz sich nur darauf stützt, dass alle Vordersätze richtig sind. Es muss ferner bei jedem Streitsatze der Angriff sowohl gegen die Bejahung wie gegen die Verneinung desselben in Betracht gezogen werden, und wenn man einen Beweis nach der einen Richtung gefunden hat, muss man sich gleich zur Widerlegung desselben wenden. Auf diese Weise erlangt man die nöthige Uebung sowohl für das Fragen, wie für das Antworten. Hat man keinen Gegner, so muss man sich in dieser Weise für sich allein üben. Man muss dann die Beweismittel für und gegen neben einander stellen, indem man für den entgegengesetzten Satz die Angriffsmittel aufsucht. Es hilft viel für die Bekräftigung eines Satzes, und ebenso gewährt es viele Hülfe bei der Widerlegung desselben, wenn jemandem viele Gründe zu Gebote stehen, sowohl dafür, dass Etwas sich so verhalte, wie dass es sich nicht so verhalte; man kann dann nach beiden Richtungen hin wachsam sein. Selbst für die Erkenntniss und für die philosophische Forschung ist es kein geringes Hülfsmittel, wenn man übersehen kann oder schon erwogen hat, welche Folgen aus der Bejahung und aus der Verneinung eines aufgestellten Satzes sich ergeben; denn man kann dann das Richtige[202] von beiden erwählen. Dergleichen verlangt indess eine gute natürliche Anlage und zwar eine gute Anlage in Bezug auf die Wahrheit, d.h. auf das Vermögen, richtig das Wahre zu erfassen und das Falsche zu vermeiden. Gute Naturen vermögen dies; denn indem sie das lieben und das hassen, was sich gehört, sind sie am besten im Stande, aufgestellte Behauptungen richtig zu beurtheilen.

Für die am meisten zur Verhandlung gelangenden Streitsätze muss man vorzugsweise die Gründe genau innehaben, besonders für die obersten Grundsätze; denn bei diesen geben die Antwortenden oft vor Ungeduld die Vertheidigung auf. Auch muss man in der Benutzung der Begriffe wohlbewandert sein und sowohl von den glaubwürdigen, wie von den obersten Grundsätzen immer welche zur Hand haben, da durch diese die Schlüsse zu Stande kommen. Auch muss man die Begriffe, auf welche die Disputationen meistentheils gerathen, genau innehaben; denn so, wie es für die Geometrie von Nutzen ist, wenn man sich in deren Elementen geübt hat, und so, wie es bei der Zahlenlehre einen grossen Unterschied macht, ob man im Einmaleins sicher ist, um die vielfachen Zahlen zu erkennen, so nützt es auch bei den mündlichen Erörterungen, wenn man die obersten Grundsätze zur Hand hat und die Vordersätze auswendig kann. Denn so, wie bei dem in der Gedächtnisskunst Geübten die blosse Aufzählung der Merkzeichen auch sofort die Sachen selbst in das Gedächtniss zurückruft, so werden auch jene Mittel eine grössere Geschicklichkeit im Schliessen verschaffen, wenn man sie einzeln der Zahl nach übersieht. Sätze muss man übrigens sich mehr als Begriffe in das Gedächtniss einprägen; denn es ist schwer, auch nur einigermassen in den obersten Grundsätzen und Aufstellungen gewandt zu sein.

Auch muss man sich üben, die eine Begründung des Gegners in viele zu verwandeln und das ihn möglichst wenig merken zu lassen. Es wird dies dann gelingen, wenn man so viel als möglich die Begriffe, welche mit denen des Streitsatzes verwandt sind, vermeidet. Die allgemeinsten Sätze können am meisten in dieser Weise ausgedehnt werden, z.B. dass es von mehreren Gegenständen nicht eine Wissenschaft giebt, denn so allgemein gefasst erstreckt sich dieser Satz auch auf die Beziehungen[203] und auf die Gegentheile und auf die verwandten Begriffe.

Auch muss man bei Wiedergabe der Sätze des Gegners dieselben zu allgemeineren machen, selbst wenn er sie in beschränktem Sinne aufgestellt hat; denn auch damit kann man aus einer Begründung viele machen. Aehnliches geschieht in der Rednerkunst mit den nicht ausdrücklich ausgesprochenen Sätzen. Umgekehrt muss man sich selbst möglichst davor hüten, seine Schlüsse allgemein zu machen. Auch muss man immer auf die Begründungen Acht haben und prüfen, ob sie über Gemeinsames sich erstrecken; denn alle beschränkten Begründungen sind auch allgemeine und in dem Beweise eines Beschränkten ist auch der Beweis des Allgemeinen enthalten, da man ohne einen allgemeinen Satz überhaupt keinen Schluss ziehen kann.

Die Uebung in den induktiven Begründungen muss man mit den Anfängern, und die durch Schlüsse geschehenden mit den Geübteren vornehmen. Man muss auch sich bemühen, von dem im Schliessen Erfahrenen die Vordersätze abzulernen und von den in der Induktion Erfahrenen die Beispiele; da jeder in den seinigen am meisten geübt ist. Ueberhaupt muss man suchen, aus den zur Uebung angestellten Disputationen einen Schluss für Etwas, oder eine Widerlegung, oder einen Satz oder einen Einwurf davon zu tragen, mag dabei richtig gefragt worden sein oder nicht, und mag dies von einem selbst oder von dem anderen geschehen sein, oder von beiden in einzelnen Punkten. Dadurch erlangt man das Geschick zu disputiren, und die Uebungen geschehen nur um dieser Geschicklichkeit willen. Am meisten muss die Aufstellung von Vordersätzen zu einem Schluss und von Einwürfen geübt werden, denn im Ganzen genommen ist der wahre Disputant derjenige, welcher die Vordersätze zu den Schlüssen und die Einwürfe gut aufzustellen versteht. Jenes besteht darin, dass man Vieles zu Einem macht; (denn das, gegen welches die Begründung gerichtet ist, muss im Ganzen genommen werden). Das Aufstellen von Einwürfen besteht dagegen darin, dass man das Eine zu Vielem macht, denn entweder theilt man, oder widerlegt man, indem man von den aufgestellten Sätzen den einen zugiebt, den anderen aber nicht.[204]

Man muss sich auch nicht mit jedem in eine Disputation einlassen und nicht mit dem, welchen man gerade trifft, eine Uebung anstellen. Denn mit manchen Personen muss die Erörterung nothwendig schlecht ausfallen; denn wenn man überhaupt den Versuch, mit einem durchaus Geübten zu disputiren, vermeidet, so ist dies zwar billig, aber doch nicht gerade anständig. Deshalb darf man nicht leicht mit jedem, den man trifft, Erörterungen beginnen; denn sie müssen nothwendig schlecht ausfallen, da auch die, welchen es nur um die Uebung zu thun ist, sich nicht immer enthalten können, die Erörterung in streitsüchtiger Weise zu führen.

Auch muss man immer die Beweise für solche Streitsätze bereits fertig haben, bei welchen man mit den wenigsten Mitteln sie doch zu den meisten Sätzen benutzen kann. Dergleichen Beweise sind die allgemeinen und solche, gegen die der Angriff am schwersten aus dem Alltäglichen und Offenliegenden entnommen werden kann.


Ende.[205]

Quelle:
Aristoteles: Die Topik. Heidelberg 1882.
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