Drittes Capitel

[179] Daß aber, was sich umbildet, alles sich umbildet, durch das Empfindbare, und in demjenigen allein Umbildung stattfindet, was als durch sich selbst von dem Empfindbaren leidend gilt, ist aus Folgendem zu sehen. Unter Allem möchte man am meisten annehmen, daß in den Gestalten und Formen und Eigenschaften, und dem Annehmen und Ablegen von diesen Umbildung statt findet: aber in nichts davon ist es so. Denn das was gestaltet wird, sobald es vollendet ist, nennen wir es nicht mehr das selbst, woraus es ist; z.B. die Bildsäule, Erz, oder die Spitzsäule, Wachs, oder den Stuhl, Holz: sondern mit abgeleiteten Worten, die eine ehern, die andere wächsern, den dritten hölzern. Von jenem aber sagen wir aus, es habe etwas erlitten oder sei umgebildet worden. Trocken nämlich und naß, und hart, und warm nennen wir das Erz und das Wachs. Und nicht allein so, sondern auch das Nasse und das Warme, sagen wir, sei Erz, und nennen es mit gleichem Namen, wie den Zustand, so den Stoff. Also wenn nach der Gestalt und der Form nicht genannt wird das Gewordenen, worin ist die Gestalt; nach den Zuständen aber und den Umbildungen genannt wird: so ist ersichtlich, daß nicht dieses Werden kann Umbildung sein. Ja es kann sogar sich auszudrücken auffallend scheinen: es werde umgebildet der Mensch, oder das Haus, oder irgend etwas, das zu dem Gewordenen gehört. Aber entstehen zwar kann vielleicht nichts, ohne daß etwas sich umbildet: wie z.B. daß der Stoff sich verdichtet oder verdünnt, oder daß er erwarmt oder erkaltet. Nicht jedoch das was entsteht, wird umgebildet hiebei, noch ist die Entstehung desselben Umbildung. – Aber auch nicht die Eigenschaften, noch die Tugenden des Körpers. Von den Eigenschaften nämlich sind die Tugenden, die andern[180] Fehler. Nicht aber ist weder die Tugend noch der Fehler Umbildung: sondern die Tugend zwar ist eine Vollendung. Denn wenn etwas seine eigenthümliche Tugend annimmt, dann wird es vollendet genannt. Dann nämlich ist es am meisten seiner Natur gemäß. Z.B. der Kreis heißt vollendet, wenn er der möglichst beste Kreis geworden ist. Der Fehler aber ist Untergang von diesem und Entfernung. Gleichwie wir nun auch nicht die Vollendung des Gebäudes Umbildung nennen; denn seltsam wäre es, wenn der Ziegel und der Thon Umbildung sein, oder, indem es aus Ziegel und Thon geformt wird, umgebildet und nicht vielmehr verfertigt werden sollte das Gebäude: auf dieselbe Weise auch bei den Tugenden und den Fehlern, und denen, die sie haben oder annehmen. Die einen nämlich sind Vollendungen, die anderen Entfernungen: also nicht Umbildungen. Ferner sagen wir auch, daß alle Tugenden bestehen in einem Verhältnisse zu etwas. Die nämlich des Körpers, z.B. Gesundheit und Wohlgebautheit, setzen wir in eine Mischung und Zusammenstimmung von Warmem und Kaltem, entweder des Inneren zu sich selbst, oder zu dem Umgebenden. Eben so auch die Schönheit und die Stärke, und die übrigen Tugenden und Fehler. Denn eine jede besteht in einem Verhältnisse zu etwas, und setzt hinsichtlich der eigenen Zustände in gute oder üble Lage das, was sie hat. Eigene aber sind, durch welche etwas auf natürliche Weise zum Entstehen oder Vergehen gebracht wird. Da nun, was in einem Verhältnisse besteht, weder selbst Umbildung ist, noch es davon eine Umbildung giebt, noch Entstehung, noch überhaupt irgend eine Veränderung: so ist ersichtlich, daß weder die Eigenschaften, noch der Verlust und Gewinn der Eigenschaften Umbildungen sind. Doch entstehen vielleicht und vergehen, indem etwas Anderes sich umbildet, müssen sie; gleichwie auch die Gestaltung und die Form; z.B. wenn Warmes und Kaltes, oder Trocknes und Nasses, oder worin sie zufällig zunächst sind. Denn in[181] Bezug auf solches gilt etwas für Tugend oder Fehler, durch welches auf natürliche Weise umgebildet wird das, was dieses hat. Die Tugend nämlich macht eines Zustandes unempfänglich, oder auf welche Art es sein soll, empfänglich; der Fehler auf entgegengesetzte Art empfänglich und unempfänglich. Gleichergestalt auch bei den Eigenschaften der Seele. Auch diese nämlich bestehen alle in einem Verhältnisse zu etwas; und die Tugenden sind Vollendung, die Fehler aber Entfernung. Ferner versetzt die Tugend in eine gute Lage hinsichtlich der eigenthümlichen Zustände; der Fehler ist eine üble. Also werden auch diese nicht Umbildungen sein; und eben so wenig auch ihr Verlust und Gewinn. Entstehen aber müssen sie, indem sich umbildet der sinnliche Theil: er bildet aber sich um durch das Empfindbare. Denn alle sittliche Tugend ist in Bezug auf körperliche Genüsse und Schmerzen. Diese aber bestehen entweder im gegenwärtigen Thun und Leiden, oder im Erinnern, oder im Hoffen. Die ersteren nun liegen in der Sinnlichkeit, und werden also von etwas Empfindbarem erregt; die aber in dem Gedächtniß und der Hoffnung, rühren her von jenen. Denn entweder was man erfahren hat, genießt man in der Erinnerung, oder in der Hoffnung, was man erwartet. Also muß aller solcher Genuß durch das Empfindbare entstehen. Da aber, indem Genuß und Schmerz in etwas entsteht, auch der Fehler und die Tugend darin entsteht (denn in Bezug auf diese sind sie); die Genüsse aber und die Schmerzen Umbildungen des Sinnlichen sind: so ist ersichtlich, daß, indem etwas umgebildet wird, auch diese müssen gewonnen oder verloren werden. So wäre denn ihre Entstehung mit Umbildung verbunden zwar; nicht aber diese selbst. – Allein auch nicht dem denkenden Theile der Seele gehört die Umbildung an. Denn das Erkennende wird vorzugweise zu dem, was im Verhältnisse besteht, gezählt. Dieß aber ist klar. Denn in Bezug auf kein Vermögen bewegt[182] man sich, um die Gabe der Erkenntniß zu empfangen, sondern es bietet sich etwas dar. Aus der theilweisen Erfahrung nämlich nehmen wir die allgemeine Erkenntniß. Auch nun nicht die Thätigkeit ist Werden, wenn man nicht auch das Anblicken und das Tasten Werden nennen will. Denn etwas dieser Art ist die Thätigkeit. Eben so wenig aber giebt es ein Werden des Gebrauches und der Thätigkeit, wenn man nicht glaubt, daß es auch von dem Anblicken und dem Tasten ein Wer den giebt. Und das Thätigsein ist diesem gleich. Der erste Gewinn aber der Erkenntniß ist nicht Werden, noch Umbildung. Denn das Ruhen und Stillstehen der Denkkraft nennen wir verstehen und erkennen. Zu dem Ruhen aber findet kein Werden statt. Denn überhaupt keine Veränderung hat ein solches, wie zuvor gesagt. Und wie wenn einer aus der Trunkenheit oder dem Schlafe, oder der Krankheit in das Entgegengesetzte übergeht, wir dann nicht sagen, er sei nochmals erkennend geworden; obgleich er vorher unfähig war, der Erkenntniß sich zu bedienen: so auch nicht, wenn er zuerst die Eigenschaft gewinnt. Denn dadurch, daß die Seele sich feststellt durch sittliche Tugend, wird etwas verständig und erkennend. Darum auch können die Kinder weder lernen, noch sinnlich unterscheiden auf gleiche Weise wie die Aelteren; denn vielfach ist die Unruhe und die Bewegung. Sie werden aber gestillt und beruhigt bald durch die Natur, bald durch Andere. In beiden Fällen aber, indem etwas sich umbildet im Körper; wie bei dem Erwachen und der Thätigkeit, wenn einer nüchtern wird und aufwacht. Eigentlich nun ist aus dem Gesagten, daß das Umbilden und die Umbildung in dem Empfindbaren geschieht, und in dem empfindenden Theile der Seele; aber in keinem anderen, außer nebenbei.[183]


Quelle:
Aristoteles: Physik. Leipzig 1829, S. 179-184.
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