§ 48.

[157] Das Wissen wurde in seiner höchsten Potenz betrachtet, als reines Entspringen durchaus aus Nichts. Dann aber wurde es positiv genommen, als wirkliches Entspringen, nicht Nichtentspringen. Dies war die Form. Aber in der Materie des Entspringens liegt an sich schon, dass es auch nicht seyn könnte: somit wird das Seyn des Wissens, dem absoluten Seyn gegenüber, als ein zufälliges, ebensogut auch nicht seyn könnendes, als Act absoluter Freiheit gesetzt. – Dieses Setzen der Zufälligkeit des Wissens ist noch zu beschreiben.

1) Es ist offenbar das Einzige, was uns im wirklichen Wissen noch zu realisiren übrig blieb. Die Realisation des oben auch in der ersten Synthesis aufgestellten Begriffes von Seyn und Nichtseyn zugleich – ist ein Denken, vermittelst eines Schematisirens (zum leeren Schema Machens) der Form des Seyns selbst. Wie alles Denken, so ist auch dieses nicht ohne Anschauung, hier eben ohne die Anschauung des schon gesetzten,[157] sich vollzogen habenden Wissens. Dies Gesetztseyn wird nun durch das Denken, seiner Wirklichkeit nach, aufgehoben; um aber auch nur aufgehoben werden zu können, muss es im Denken allerdings gesetzt seyn. (Es ist dies das höchste Schematisiren, dessen so oft erwähnt worden, und die Form alles übrigen. Die Sache ist übrigens leicht; sie ist bei dem üblichen crassen Denken nur aus der Uebung gekommen. Wer da sagt: A ist nicht, dem ist es gerade im Denken. – Hier wird nun das Wissen nicht überhaupt negirt; das kann es nicht; es wird nur in Beziehung auf das absolute Seyn negirt, d.h. gedacht, als das auch nicht seyn könnende, in seinem Seyn.)

Dieses ist nun die Freiheit, und hier zwar die absolute, die Indifferenz in Bezug auf das absolute, ganze (nicht dieses oder jenes) Wissen selbst. a) Die Freiheit kat' exochên ist daher ein Gedanke und nur in ihm, der selbst mit Freiheit zu Stande gebracht ist, wie sich versteht. b) Sie ist, negativ gefasst, nichts Anderes als der Gedanke von der Zufälligkeit des absoluten Wissens. (Man beachte wohl den scheinbaren Widerspruch: das Wissen nemlich ist das absolut Zufällige, oder das zufällige Absolute – die Seite der Zufälligkeit (früher: Accidentalität) des Absoluten – eben weil es in die Quantität und die absolute Grundform derselben, die unendliche Zeitfolge, hineinfällt.) – Positiv gefasst, ist die Freiheit der Gedanke der Absolutheit des Wissens, dass es eben sich selbst setzt durch sich verwirklichende Freiheit. Das Verschmelzen beider Bestimmungen ist der Begriff der Freiheit in seinem idealen und realen Momente. c) Dieser Gedanke der Freiheit des Wissens ist nicht ohne sein Seyn (so wie überhaupt kein Denken ohne Anschauung: es ist dieselbe durchgreifende Verbindung, wie in den früheren Synthesen). Nun ist dies die Freiheit kat' exochên und alle andere Freiheit ist nur eine untergeordnete Art. Sonach: keine Freiheit ohne Seyn (Gebundenheit, Nothwendigkeit) und umgekehrt. Die Zeit füllt unter das Band dieser Nothwendigkeit, nur das Denken ist frei. Nur nach vollendeter Zeit wäre die Intelligenz ganz und durchaus Freiheit: dann aber wäre sie Nichts; sie wäre ein unwirkliches (seynloses)[158] Abstractum, und so bleibt es dabei, dass das Wissen seiner Substanz nach Freiheit, immer jedoch in bestimmter Weise (in bestimmten Reflexionspuncten) gebundene Freiheit ist.

2) Hauptsatz: Es ist absoluter formaler Charakter des Wissens, dass es reines Entspringen sey; wo es daher zum Wissen kommt, kommt es durchaus nothwendig zum Wissen von der Freiheit. Die tiefste Potenz im Principe der Wahrnehmung ist das blosse Analogon des Denkens (Gedanke würde es, wenn in diesem Principe die gestern beschriebene Möglichkeit der höheren Freiheit aufgefasst würde), – das Gefühl. Jedes Individuum fühlt sich wenigstens frei. (Man kann gegen dieses Gefühl durch verkehrtes Denken streiten, auch wohl es abläugnen, wiewohl dies kein Verständiger gethan hat; aber es bleibt doch unaustilgbar und lässt sich auch jedem Denker, wenn er nicht gerade an sein System gebunden ist, nachweisen.) Zusatz: Dies Gefühl der Freiheit ist aber nicht ohne eines der Gebundenheit.

Folgesatz: Durchaus alle Freiheit ist daher eine Abstraction von irgend einer, in irgend einem Maasse gesetzten Realität: ein blosses Schematisiren derselben.

3) In jeder niederen Potenz der Freiheit ist für das Individuum eine höhere reale mitenthalten, die er selbst nicht erkennt, die ihm aber ein Anderer anmuthen kann, und die für ihn eine Gebundenheit, Concretion seiner selbst ist. – Z.B. die gedachte Freiheit in ihrer niederen Potenz haben wir kennen lernen als den Begriff eines beliebig zu fassenden sinnlichen Zweckes. Das Allgemeine dazu ist jene Freiheit, auf das sinnliche Object, über dem der Zweckbegriff schwebt, zu reflectiren oder auch nicht (wo Nothwendigkeit und Freiheit schlechthin in einen Punct zusammenfallen). Hier setzt das Wissen sich als frei, indifferent, nur gegen dieses bestimmte Object; – in der Wahrnehmung überhaupt aber ist es befangen, und in ihrem ganzen Geiste und ihrer Sinnesart, ohne dies zu merken, – und dies ist eben der Zustand des sinnlichen Menschen. Jeder, der höher steht, kann ihm sagen, dass er[159] frei sey, sich auch darüber zu erheben: nur er selbst nicht. Oder – wer dies weiss, überhaupt weiss, kann doch von jener anderen Welt abstrahiren, – jetzt nicht wissen wollen, noch erwägen, was dieser Punct in der Reihe der Erscheinungen in Beziehung auf seinen intelligiblen Charakter bedeute. Dieser steht in einer Freiheit der Wechselbedingung: er wird gehalten und gefangen durch seine Trägheit. Dass der jedoch, der reflectirt bis ans Ende, nicht danach handle, ist unmöglich. Aber selbst in dieser Stimmung und in diesem Geiste kann man, ohnerachtet man praktisch frei ist, theoretisch befangen seyn, indem man sie sich nicht weiter erklärt, sie in sich eine occulte Qualität bleiben lässt. (Dies die Stimmung aller über ihr wahres Princip nicht erleuchteten Religiosen, Mystiker und Heiligen, welche das Rechte trieben, sich selbst aber dabei nicht verstanden. Diesen kann nun eine Theorie, wie die gegenwärtige, sagen, dass sie noch nicht ganz frei sind; denn selbst der Ewige, die Gottheit, muss die Freiheit nicht gefangen halten.)

In der totalen Abstraction von durchaus allen materiellen Objecten des Wissens, der ganzen Anschauung mit allen ihren Gesetzen also in der absoluten Realisirung der Freiheit und Indifferenz des Wissens in Beziehung auf die Anschauung; jedoch in der Befangenheit in das eigene immanente, formale Gesetz des Wissens und in dessen Folge und Consequenz – besteht die Logik und Alles, was sich Philosophie nennt, seinem inneren Geiste nach aber nur Logik ist: was nicht über die Consequenz jenes Standpunctes hinauskann, der endliche Verstand. Sein Wesen ist, wie das seines höchsten Productes, der Logik, immer innerhalb der Bedingungen stehen zu bleiben und sich nie zu einem Unbedingten, Absoluten des Wissens und des Seyns zu erheben.

In der Abstraction selbst von diesem Gesetze, der Quantität schlechthin in ihrer Urform, somit auch von allem besonderen Wissen, besteht die Wissenschaftslehre. (Man könnte von einer anderen Seite sagen, sie bestehe in einer Transcendentalisirung der Logik selbst und entstehe daraus; denn wenn[160] ein Logiker sich fragen wollte, wie ich im Verlaufe an mehreren Beispielen gezeigt habe: wie komme ich doch nur zu meinen Behauptungen? – müsste er in die Wissenschaftslehre gerathen, und auf diesem Wege ist denn auch wirklich durch den eigentlichen Entdecker des Principes, Kant, die Sache gefunden worden.) In der Erhebung über alles Wissen, im reinen Denken des absoluten Seyns und der Zufälligkeit des Wissens ihm gegenüber ist der Augpunct der Wissenschaftslehre; sie besteht daher im Denken dieses Denkens selbst; sie ist blosses reines Denken des reinen Denkens oder der Vernunft, die Immanenz, das Fürsich dieses reinen Denkens. Mithin ist ihr Standpunct derselbe, den ich oben als den der absoluten Freiheit angab.

Aber dies Denken ist (nach allem Bisherigen) nicht möglich, ohne dass in der Anschauung das Wissen doch sey, welches in jenem nur schematisch vernichtet wird. Und so ist denn die letzte Frage, die ich zu beantworten versprochen und mit deren Beantwortung ich den Schluss ankündigte, gelöst: die, wie die Wissenschaftslehre, welche über alles Wissen hinauszugehen verbunden ist, dieses vermöge, ob sie denn, als selbst ein Wissen, nicht immerdar im Wissen stehe und an dasselbe gebunden sey, wie sie daher über sich selbst, als Wissen, hinauskommen könne? Sie hat ewig das Wissen in der Anschauung. Nur im Denken vernichtet sie es, um es in demselben wiederzuerzeugen.

Und so ist denn die Wissenschaftslehre vom Leben unterschieden. Sie erzeugt das in der Anschauung wirkliche Leben im Denken schematisch. Sie behält den Charakter des Denkens, die schematische Blässe und Leerheit, und das Leben den seinigen, die concrete Fülle der Anschauung. Uebrigens sind beide durchaus Eins, weil nur die Einheit des Denkens und Anschauens das wahre – in der Facticität freilich unzugängliche, und hier in die beiden sich ausschliessenden Glieder sich spaltende Wissen, der höchste Mittelpunct der Intelligenz ist.

Die Wissenschaftslehre ist schlechthin factisch, von Seiten[161] dar Anschauung: das höchste Factum, das des Wissens (weil es ja auch nicht seyn könnte), ist ihre Grundlage: sie ist schlechthin folgernd, von Seiten des Denkens, welches das höchste Factum erklärt aus dem absoluten Seyn und der Freiheit: – beides aber, Anknüpfen an die Facticität und darüber hinaussehendes Denken derselben aus ihrem absoluten Grunde, ist sie in nothwendiger Vereinigung. In der Anschauung ist, was sie denkt, aber nur unmittelbar; im Denken wird es als nothwendig verkettet. Aber sie denkt, was da ist, denn das Seyn ist nothwendig; und es ist, was sie denkt, weil sie es denkt; denn ihr Denken wird selbst das Seyn des Wissens. (Die Wissenschaftslehre ist kein Herausgehen oder Erklärendes Wissens aus anderweitigen hypothetischen Prämissen, – woher sollten diese denn zu nehmen seyn für das schlechthin Universale? – obwohl noch neulich der Repräsentant der Skeptiker nach der Wissenschaftslehre sich die Sache – abgeschmackt genug – also denkt.)

Sie ist in sich theoretisch und praktisch zugleich. Theoretisch – für sich ein leeres, bloss schematisirtes Wissen, ohne allen Gehalt, Trieb, Reiz oder dergleichen (und wohlgemerkt, diesen soll sie verschmähen). Praktisch: – das Wissen soll in der Wirklichkeit frei werden; dies liegt selbst mit in seiner intellectuellen Bestimmung. Die Wissenschaftslehre ist daher eine allen Intelligenzen, die in der Reihe der Bedingungen bis zu ihrer Möglichkeit gekommen sind, immerfort anzumuthende Pflicht. In diese Reihe der Bedingungen aber kommt man durch innere herzliche Rechtlichkeit, Wahrhaftigkeit und Aufrichtigkeit gegen sich selbst.

Daher ist das redliche Bestreben, sie zu verbreiten, selbst das Betreiben eines ewigen und unvergänglichen Zweckes; denn die Vernunft, und die einmal errungene klare Einsicht derselben in sich selbst ist ewig. Nur ist sie zu verbreiten mit der Gesinnung, die ein ewiger Zweck fordert, mit absoluter Verläugnung aller endlichen und vergänglichen Zwecke. Nicht mit der Absicht, dass sie, heute oder morgen, von diesem oder jenem begriffen werde, denn da würde sicher irgend[162] ein egoistischer Zweck gewollt, sondern sie werde unbefangen hingeworfen in den Strom der Zeit, bloss damit sie eben dasey. Fasse und verstehe sie, wer da kann; verdrehe und schmähe sie, wer sie nicht gefasst; dies als ein Nichts, soll gleichgültig seyn dem, der sie ergriffen hat und von ihr ergriffen ist.

Nachdem ich noch dies, nicht über meine Gesinnung, – denn von irgend einem empirischen Ich ist in der Wissenschaftslehre nicht die Rede, – sondern über die schlechthin gebührliche Gesinnung gesagt habe, schliesse ich und empfehle Ihnen die Wissenschaft.[163]

Quelle:
Johann Gottlieb Fichtes sämmtliche Werke. Band 2, Berlin 1845/1846, S. 157-164.
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