Beilage zur sechsten Vorlesung

[567] [Nähere Erklärung der in der sechsten Vorlesung gemachten Unterscheidung zwischen historischer und metaphysischer Erfassung; in Beziehung auf das Grunddogma des Christenthums.]


Die Hauptlehre des Christenthums, als einer besonderen Anstalt, Religion im Menschengeschlecht zu entwickeln: dass in Jesu zu allererst, und auf eine keinem andern Menschen also zukommende Weise, das ewige Daseyn Gottes eine menschliche Persönlichkeit angenommen habe, dass alle übrigen nur durch ihn, und vermittelst der Wiederholung seines ganzen Charakters in sich, zur Vereinigung mit Gott kommen könnten; sey ein bloss historischer, keinesweges aber ein metaphysischer Satz, heisst es im Texte (S. 482). Es ist vielleicht nicht überflüssig, die Unterscheidung, auf welche die erwähnte Aeusserung sich Gründet, hier noch klarer auseinanderzusetzen; da ich bei dem grösseren Publicum, dem ich jetzt dieselbe im Druck vorlege, nicht ebenso, wie bei der Mehrzahl meiner unmittelbaren Zuhörer, voraussetzen darf, dass ihnen aus meinen übrigen Lehren jene Unterscheidung geläufig sey.

Wo die Ausdrücke streng genommen werden, ist das Historische und das Metaphysische geradezu entgegengesetzt; und was nur wirklich historisch ist, ist gerade deswegen nicht metaphysisch,[567] und umgekehrt. Historisch nemlich und das rein Historische an jeder möglichen Erscheinung, ist dasjenige, was sich nur eben als blosses und absolutes Factum, rein für sich dastehend und abgerissen von allem übrigen, auffassen, keinesweges aber aus einem höheren Grunde erklären und ableiten lässt: metaphysisch dagegen und der metaphysische Bestandtheil jeder besondern Erscheinung, ist dasjenige, was aus einem höheren und allgemeineren Gesetze nothwendig folgt, und aus demselben abgeleitet werden kann; somit gar nicht lediglich als Factum erfasst wird, und, der Strenge nach, nur durch Täuschung für ein solches gehalten wird, da es in Wahrheit gar nicht als Factum, sondern zufolge des in uns waltenden Vernunftgesetzes also erfasst wird. Der letztgenannte Bestandtheil der Erscheinung geht niemals bis zu ihrer Wirklichkeit, und niemals geht die wirkliche Erscheinung in ihm vollständig auf; und es sind darum in aller wirklichen Erscheinung diese beiden Bestandtheile unabtrennlich verknüpft.

Es ist das Grundgebrechen aller ihre Grenzen verkennenden, vermeintlichen Wissenschaft (des transscendenten Verstandesgebrauchs), wenn sie sich nicht begnügen will, das Factum rein als Factum zu nehmen, sondern es metaphysicirt. Da unter der Voraussetzung, dasjenige, was eine solche Metaphysik auf ein höheres Gesetz zurückzuführen sich bemüht, sey in der That lediglich factisch und historisch, es ein solches, wenigstens im gegenwärtigen Leben uns zugängliches Gesetz nicht geben kann: so folgt daraus, dass die beschriebene Metaphysik, willkürlich voraussetzend, es finde hier eine Erklärung statt, – welches ihr erster Fehler ist, – sich noch überdies auf das Erdichten legen und durch eine willkürliche Hypothese die vorhandene Kluft ausfüllen müsse, welches ihr zweiter Fehler ist.

In Beziehung auf den vorliegenden Fall nimmt man das Urfactum des Christenthums historisch und rein als Factum, wenn man nimmt, was am Tage liegt, dass Jesus gewusst habe, was er eben weiss, früher als irgend ein andrer es gewusst hat, und gelehrt und gelebt habe, wie er hat; – ohne noch weiter wissen zu wollen, wie dieses alles ihm möglich[568] gewesen: was man denn auch, zufolge einleuchtender, nur hier nicht mitzutheilender Grundsätze, in diesem Leben nimmermehr erfahren wird. Durch, das Factum überfliegenden, Verstandesgebrauch aber metaphysicirt wird dasselbe Factum, wenn man es in seinem Grunde zu begreifen strebt, und etwa zu diesem Behufe eine Hypothese, wie das Individuum Jesus, als Individuum, aus dem göttlichen Wesen hervorgegangen sey, aufstellet. – Als Individuum, habe ich gesagt: denn wie die ganze Menschheit aus dem göttlichen Wesen hervorgehe, lässt sich begreifen, und hat durch die vorstehenden Vorlesungen begreiflich gemacht werden sollen, und ist nach uns der Inhalt des Einganges des Johanneischen Evangeliums.

Nun kommt es uns insbesondre, die wir die Sache historisch nehmen, nicht darauf an, auf welche von den beiden Weisen irgend jemand den aufgestellten Satz nehmen wolle, sondern zunächst nur darauf, auf welche von den beiden Weisen Jesus selber und sein Apostel Johannes ihn genommen haben, und die übrigen befugt gewesen seyen, ihn zu nehmen; und es ist allerdings der bedeutendste Bestandtheil unserer Behauptung, dass das Christenthum selber, d. h. zunächst Jesus, jenen Satz durchaus nicht metaphysisch genommen habe.

Wir bringen unsere Beweisführung auf folgende Sätze zurück.

1) Jesus von Nazareth hat die allerhöchste und den Grund aller anderen Wahrheiten enthaltende Erkenntniss von der absoluten Identität der Menschheit mit der Gottheit, in Absicht des eigentlichen Realen an der erstern, ohne Zweifel besessen. – Ueber diesen, auch nur historischen Satz müsste zu allererst ein jeder, für den der folgende Beweis etwas beweisen soll, mit mir einverstanden seyn; und ich ersuche mein Zeitalter, über diesen Punct sich ja nicht zu übereilen. Meines Erachtens wird nicht leicht jemand, der nicht dieselbe Erkenntniss von der Einen Realität schon vorher auf einem andern Wege erhalten, und sie in sich lebendig werden lassen, sie da finden, wo ich sie, auch erst hindurchgegangen durch jene Bedingung, gefunden habe. Hat aber jemand nur erst[569] diese Bedingung erfüllt, und sich dadurch erst das Organ verschafft, mit welchem allein das Christenthum aufgefasst werden kann: so wird er nicht nur jene Grundwahrheit im Christenthume klar wiederfinden, sondern es wird sich ihm auch über die übrigen, oft sehr sonderbar scheinenden Aeusserungen derselben Schriften ein hoher und heiliger Sinn verbreiten.

2) Die Art und Weise dieser Erkenntniss in Jesu Christo, welche der zweite Punct ist, auf den es ankommt, Lässt sich am besten Charakterisiren durch den Gegensatz mit der Art und Weise, auf welche der speculative Philosoph zu derselben Erkenntniss kommt. Der letztere geht aus von der an sich der Religion fremden und für sie profanen Aufgabe seiner Wissbegier, das Daseyn zu erklären. Die Aufgabe findet er allenthalben; wo ein gelehrtes Publicum vorhanden ist, schon durch andere ausgesprochen vor sich, und findet Mitarbeiter um die Auflösung unter seinen Vorgängern und Zeitgenossen. Ihm kann es nicht einfallen, um der blossen, ihm klar gewordenen Aufgabe will er sich für etwas besonderes und ausgezeichnetes zu halten. Ferner spricht die Aufgabe, als Aufgabe, seinen eignen Fleiss und seine ihm klar bewusste persönliche Freiheit an; seiner Selbstthätigkeit gar klar sich bewusst, kann er sich ebensowenig für inspirirt halten.

Setzet endlich, dass die Lösung ihm gelinge, und ihm auf die einzig rechte Weise durch das Religionsprincip, gelinge, so liegt sein Fund doch immer in einer Reihe von vorbereitenden Untersuchungen, und ist auf diese Weise für ihn ein natürliches Ereigniss. Die Religion ist nur nebenbei, und nicht rein und lediglich als Religion, sondern zugleich als das lösende Wort des Räthsels, welches die Aufgabe seines Lebens ausmachte, an ihn gekommen.

So verhielt es sich nicht mit Jesu. Er ist zuvörderst schlechthin nicht von irgend einer speculativen Frage, welche durch die später und im Verlaufe der Erforschung jener Frage ihm gekommene Religionserkenntniss nur gelöst worden wäre, ausgegangen: denn – er erklärt durch sein Religionsprincip schlechthin nichts in der Welt, und leitet nichts ab aus jenem[570] Princip; sondern trägt ganz allein und ganz rein nur dies vor, als das einzige des Wissens Würdige, liegen lassend alles übrige, als nicht werth der Rede. Sein Glaube und seine Ueberzeugung liess es über das Da seyn der endlichen Dinge auch nicht einmal zur Frage kommen. Kurz, sie sind eben gar nicht da für ihn, und allein in der Vereinigung mit Gott ist Realität. Wie dieses Nichtseyn denn doch den Schein des Seyns annehmen könne, von welcher Bedenklichkeit alle profane Speculation ausgeht, wundert ihn nur nicht.

Ebensowenig hatte er seine Erkenntniss durch Lehre von aussen und Tradition; denn bei der wahrhaft erhabenen Aufrichtigkeit und Offenheit, die aus allen seinen Aeusserungen hervorleuchtet – hier setze ich freilich abermals bei meinem Leser voraus, dass er durch seine eigne Verwandtschaft zu dieser Tugend, und durch ein tieferes Studium der Lebensbeschreibung Jesu einen anschaulichen Begriff von jener Aufrichtigkeit sich verschaffe – hätte er in diesem Falle das gesagt, und seine Jünger nach seinen eigenen Quellen hingewiesen. – Daraus, dass er selbst auf eine richtigere Religionskenntniss vor Abraham hindeutet, und einer seiner Apostel bestimmt auf Melchisedek hinweiset, folgt nicht, dass Jesus durch unmittelbare Tradition mit jenem Systeme zusammengehangen habe; sondern er kann sehr füglich das ihm schon in ihm selber aufgegangene beim Studium Moses nur wiedergefunden haben; indem auch aus einer Menge anderer Beispiele hervorgeht, dass er die Schriften des alten Testaments unendlich tiefer erfasste, als die Schriftgelehrten seiner Zeit und die Mehrzahl der unsrigen; indem auch er ausging, wie es scheint, von dem hermeneutischen Princip, dass Moses und die Propheten nicht nichts, sondern etwas hätten sagen wollen.

Jesus hatte seine Erkenntniss weder durch eigne Speculation, noch durch Mittheilung von aussen, heisst: er hatte sie eben schlechthin durch sein blosses Daseyn; sie war ihm erstes und absolutes, ohne irgend ein anderes Glied, mit welchem sie zusammengehangen hätte; rein durch Inspiration, wie wir hinterher, und im Gegensatze mit unserer Erkenntniss, uns darüber ausdrücken; er selbst aber nicht einmal also sich[571] ausdrücken konnte. – Und zwar, welche Erkenntniss bette er auf diese Weise! Dass alles Seyn nur in Gott gegründet sey: mithin, was da unmittelbar folgt, dass auch sein eignes Seyn mit dieser und in dieser Erkenntniss in Gott gegründet sey, und unmittelbar aus ihm hervorgehe. Was da unmittelbar folgt, sagte ich; denn für uns ist das letztere allerdings ein Schluss vom Allgemeinen aufs Besondere, weil wir insgesammt erst unser vorher vorhandenes persönliches Ich, als das hier vorkommende Besondere, an dem Allgemeinen vernichten müssen: keinesweges aber eben also – was als die Hauptsache ich zu bemerken bitte – bei Jesu. Da war kein zu vernichtendes geistiges, forschendes oder lernendes Selbst; denn erst in jener Erkenntniss war sein geistiges Selbst ihm aufgegangen. Sein Selbstbewusstseyn war unmittelbar die reine und absolute Vernunftwahrheit selber; seyend und gediegen, und blosses Factum des Bewusstseyns, keinesweges, wie bei uns andern allen, genetisch, aus einem vorhergegangenen andern Zustande, und darum kein blosses Pactum des Bewusstseyns, sondern ein Schluss. In dem, was ich soeben bestimmt auszusprechen mich bemühte, dürfte wohl der eigentliche persönliche Charakter Jesu Christi, welcher, wie jede Individualität, nur einmal gesetzt seyn kann in der Zeit, und in derselben nie wiederholt werden, bestanden haben. Er war die zu einem unmittelbaren Selbstbewusstseyn gewordene absolute Vernunft, oder was dasselbe bedeutet, Religion.

3) In diesem absoluten Factum ruhte nun Jesus, und war in ihm aufgegangen; er konnte nie es anders denken, wissen oder sagen, als dass er eben wisse, dass es so sey, dass er es unmittelbar in Gott wisse, und dass er auch dies eben wisse, dass er es in Gott wisse. Ebensowenig konnte er seinen Jüngern eine andere Anweisung zur Seligkeit geben, ausser die, dass sie werden müssten wie Er: denn dass seine Weise, da zu seyn, beselige, wusste er an sich selber; anders aber, ausser an sich selbst, und als seine Weise, da zu seyn, kannte er das beseligende Leben gar nicht, und konnte es darum auch nicht anders bezeichnen. Er kannte es ja nicht im allgemeinen Begriffe, wie der speculirende Philosoph es kennet und[572] es zu bezeichnen vermag; denn er schöpfte nicht aus dem Begriffe, sondern lediglich aus seinem Selbstbewusstseyn. Er nahm es lediglich historisch; und wer es so nimmt, wie wir soeben uns darüber erklärt haben, der nimmt es, unsers Erachtens nach seinem Beispiele, auch nur historisch: es war zu der und der Zeit im jüdischen Lande ein solcher Mensch; und damit gut. – Wer aber nun noch ferner zu wissen begehrt, durch welche – entweder willkürliche Veranstaltung Gottes, oder innere Nothwendigkeit in Gott – ein solches Individuum möglich und wirklich geworden, der überfliegt das Factum und begehrt zu metaphysiciren das nur Historische.

Für Jesus war eine solche Transscendenz schlechthin unmöglich; denn für diesen Behuf hätte er sich in seiner Persönlichkeit von Gott unterscheiden, und sich abgesondert hinstellen und sich über sich selber, als ein merkwürdiges Phänomen, verwundern und sich die Aufgabe stellen müssen, das Räthsel der Möglichkeit eines solchen Individuums zu lösen. Aber es ist ja der allerhervorspringendste, immer auf dieselbe Weise wiederkommende Zug im Charakter des Johanneischen Jesus, dass er von einer solchen Absonderung seiner Person von seinem Vater gar nichts wissen will, und andern, welche sie zu machen versuchen, sie ernstlich verweist; dass er immerfort annimmt, wer ihn sehe, sehe den Vater, und wer ihn höre, höre den Vater, und das sey alles Eins; und dass er ein Selbst an ihm, über dessen ungebührliche Erhebung der Misverstand ihm Vorwürfe macht, unbedingt abläugnet und wegwirft. Ihm war nicht der Jesus Gott, denn einen selbstständigen Jesus gab er nicht zu; wohl aber war Gott Jesus, und erschien als Jesus. Von jener Selbstbeschauung aber und Verwunderung über sich selber, war – ich will nicht sagen, ein Mann wie Jesus, in Beziehung auf welchen wohl die blosse Lossprechung hievon eine Lästerung seyn dürfte, – sondern der ganze Realismus des Alterthums sehr weit entfernt; und das Talent, immer nach sich selber hinzusehen, wie es uns stehe, und sein Empfinden, und das Empfinden seines Empfindens wieder zu empfinden, und aus langer Weile sich selber und seine merkwürdige Persönlichkeit psychologisch zu erklären,[573] war den Modernen vorbehalten; aus weichen eben darum so lange nichts rechtes werden wird, bis sie sich begnügen, eben einfach und schlechtweg zu leben, ohne wiederum in allerlei Potenzirungen dieses Leben leben zu wollen; andern, die nichts besseres zu thun haben, überlassend, dieses ihr Leben, wenn sie es der Mühe werth finden, zu bewundern und begreiflich zu machen.

Quelle:
Johann Gottlieb Fichtes sämmtliche Werke. Band 5, Berlin 1845/1846, S. 567-574.
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