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Aus einer Abhandlung über Macchiavelli als Schriftsteller, und Stellen aus seinen Schriften
1. Aus dem Beschlusse jener Abhandlung

[259] Zunächst fallen uns zwei Gattungen von Menschen ein, gegen die wir uns verwahren möchten, wenn wir es könnten.[259] Zuvörderst solche, welche, so wie sie selbst mit ihren Gedanken niemals über die neueste Zeitung hinauskommen, annehmen, dass dies auch kein anderer könne; dass demnach alles, was geredet oder geschrieben werde, eine Beziehung auf diese Zeitung habe, und derselben zum Commentar dienen solle. Diese bitte ich zu bedenken, dass keiner sagen könne: siehe, da ist dieser gemeint, und dieser! – der nicht vorher bei sich selbst geurtheilt habe, dass dieser, und dieser wirklich und in der That also sey, dass er hier gemeint seyn könne; dass daher keiner einen im allgemeinen bleibenden Schriftsteller, der in der alle Zeit umfassenden Regel jede besondere Zeit vergisst, der Satire beschuldigen könne, ohne erst selbst, als ursprünglicher und selbstständiger Urheber, diese Satire gemacht zu haben, und so höchst thörichterweise seine eignen geheimsten Gedanken zu verrathen.

Sodann giebt es solche, die vor keinem Dinge Scheu haben, wohl aber vor den Worten zu den Dingen, und vor diesen eine unmässige. Du magst sie unter die Füsse treten und alle Welt mag zusehen; dabei ist für sie weder Schande noch Uebel: wenn aber darauf ein Gespräch erhoben würde vom Treten mit Füssen, so wäre dies ein unleidliches Aergerniss, und nun erst höbe das Uebel an; da doch auch überdies kein Vernünftiger und Wohlwollender ein solches Gespräch erheben wird aus Schadenfreude, sondern lediglich um die Mittel ausfindig zu machen, dass der Fall nicht wieder eintrete. Ebenso mit den zukünftigen Uebeln: sie wollen nicht gestört seyn in ihrem süssen Traume, und schliessen darum fest zu ihr Auge vor der Zukunft. Da aber dadurch andre, welche die Augen offenbehalten, nicht verhindert werden zu sehen, was herannaht, und in Versuchung kommen könnten zu sagen und mit Namen zu benennen! was sie sehen: so dünkt ihnen gegen diese Gefahr das sicherste Mittel dieses, dass sie den Sehenden dieses Sagen und Benennen verkümmern; als ob nun, in umgekehrter Ordnung mit der Wirklichkeit, aus dem Nichtsagen das Nichtsehen, und aus dem Nichtsehen das Nichtseyn erfolgen würde. So schreitet der Nachtwandler einher am Rande des Abgrundes; aus Barmherzigkeit ruft ihm nicht zu,[260] jetzt sichert ihn sein Zustand, wenn er aber erwacht, so stürzt er herab. Möchten nur auch die Träume jener die Gabe, die Vorrechte und die Sicherheit des Nachtwandelns mit sich führen, damit es ein Mittel gäbe, sie zu retten, ohne ihnen zuzurufen, und sie zu erwecken. So sagt man, dass der Strauss die Augen vor dem auf ihn zukommenden Jäger verschliesse, eben auch, als ob die Gefahr, die ihm nicht mehr sichtbar sey, überhaupt nicht mehr da sey. Der wäre kein Feind des Strausses, der ihm zuriefe: öffne deine Augen, siehe, da kommt der Jäger, fliehe nach jener Seite hin, damit du ihm entrinnest.


2. Grosse Schreibe- und Pressfreiheit in Macchiavelli's Zeitalter

Es dürfte auf Veranlassung des vorigen Abschnittes, und indem vielleicht einer oder der andere unsrer Leser sich wundert, wie dem Macchiavelli das soeben Gemeldete habe hingehen können, der Mühe werth seyn, zu Anfange des 19ten Jahrhunderts aus den Ländern, die sich der höchsten Denkfreiheit rühmen, einen Blick zu werfen auf die Schreibe- und Pressfreiheit, die zu Anfange des 16ten Jahrhunderts in Italien und in dem päpstlichen Sitze Rom stattfand. Ich führe von tausenden nur Ein Beispiel an. Macchiavellis florentinische Geschichte ist auf die Aufforderung des Papstes Clemens VII. geschrieben und an denselben überschrieben. In derselben befindet sich gleich im ersten Buche folgende Stelle: »So wie bis auf diese Zeit keine Meldung geschehen ist von Nepoten oder Verwandten irgend eines Papstes, so wird von nun an von solchen die Geschichte voll seyn, bis wir sodann auch auf die Söhne kommen werden; und so ist denn den künftigen Päpsten keine Steigerung mehr übrig, als dass sie, so wie sie bisher diese ihre Söhne in Fürstenthümer einzusetzen gesucht haben, denselben auch den päpstlichen Stuhl erblich hinterlassen.«

Dieser florentinischen Geschichte, nebst dem Buche vom[261] Fürsten und den Discursen, stellt derselbe Clemens, honesto Antonii (so hiess der Drucker) desiderio annuere volens, ein Privilegium aus, in welchem allen Christen bei Strafe der Excommunication, den päpstlichen Unterthanen noch überdies bei Confiscation der Exemplare und 25 Ducaten Strafe, verboten wird, diese Schriften nachzudrucken.

Zu erklären ist dies allerdings. Die Päpste und die Grossen der Kirche betrachteten selber ihr ganzes Wesen lediglich als ein Blendwerk für den niedrigsten Pöbel und, wenn es seyn könnte, für die Ultramontanen, und sie waren liberal genug, jedem feinen und gebildeten italiänischen Manne zu erlauben, dass er über diese Dinge ebenso dächte, redete und schriebe, wie sie selbst unter sich darüber redeten. Den gebildeten Mann wollten sie nicht betrügen, und der Pöbel las nicht. Eben so leicht ist zu erklären, warum späterhin andere Maassregeln nöthig wurden. Die Reformatoren lehrten das deutsche Volk lesen, sie beriefen sich auf solche Schriftsteller, die unter den Augen der Päpste geschrieben hatten, das Beispiel des Lesens wurde ansteckend für die andern Länder, und jetzt wurden die Schriftsteller eine furchtbare, und eben darum unter strengere Aufsicht zunehmende Macht.

Auch diese Zeiten sind vorüber, und es werden dermalen, zumal in protestantischen Staaten, manche Zweige der Schriftstellerei, z.B. philosophische Aufstellung allgemeiner Grundsätze jeder Art, gewiss nur darum der Censur unterworfen, weil es so hergebracht ist. Da sich nun hierbei findet, dass denen, welche nichts zu sagen wissen, als das, was jederman auch schon auswendig weiss, in alle Wege erlaubt wird, so viel Papier zu verwenden, als sie irgend wollen; wenn aber einmal wirklich etwas neues gesagt werden soll, der Censor, der das nicht sogleich zu fassen vermag, und vermeinend, es könne doch ein nur ihm verborgen bleibendes Gift darin liegen, um ganz sicher zu gehen, es lieber unterdrücken möchte: so wäre es vielleicht manchem Schriftsteller vom Anfange des 19ten Jahrhunderts in protestantischen Ländern nicht zu verdenken, wenn er sich einen schicklichen und bescheidenen Theil von derjenigen Pressfreiheit wünschte, welche die Päpste[262] zu Anfange des 16ten ohne Bedenken allgemein zugestanden haben.


3. Aus der Vorrede zu einigen ungedruckt gebliebenen Gesprächen über Vaterlandsliebe und ihr Gegentheil

Innerhalb dieser Beschränkungen nun, welche die Gerechtigkeit und die Billigkeit erfordern, könnten uns, sollte ich denken, jene sehr wohl erlauben, dass wir ohne Scheu sagen, was sie selber sich nicht scheuen in wirklicher That zu thun; indem ja offenbar die That, welche auch ohne unser Sagen ohne Zweifel in die Augen fallen wird, ein weit grösseres Aergerniss anrichtet, als unser nachheriges Sagen von der That. Und obgleich durchaus nichts verhindert, dass diejenigen, welche von Amtswegen die Aufsicht über den öffentlichen Bücherdruck führen, für ihre Personen zu einer von den beiden dermalen im Streite liegenden Hauptparteien in der Geisterwelt gehören: so können sie doch das Interesse dieser ihrer Partei nur sodann wahrnehmen, wenn sie etwa selbst einmal als Schriftsteller auftreten sollten; als öffentliche Personen aber haben sie gar keine Partei, und sie müssen dem Verstande, der ohnedies weit seltner bei ihnen das Wort nachsucht, denn der Unverstand, dasselbe ebensowohl geben, wie sie dem letztern täglich erlauben, nach aller Lust seiner Nothdurft zu pflegen; keinesweges aber sind sie befugt, irgend einem Tone deswegen zu verwehren, laut zu werden, weil er an ihre Ohren fremd und paradox anschlägt.

Geschrieben zu Berlin, im Julius 1806.[263]

Quelle:
Johann Gottlieb Fichtes sämmtliche Werke. Band 7, Berlin 1845/1846, S. 259-264.
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