Zwölftes Bruchstück

Vaṉgīso

[82] Das hab' ich gehört. Zu einer Zeit weilte der Erhabene vor Āḷavī, beim Aggāḷaver Grabmal.1

Um diese Zeit nun war des ehrwürdigen Vaṉgīso Lehrer, einer der Oberen, Nigrodhakappo genannt, beim Aggāḷaver Grabmal unlängst erloschen. Da kam dem ehrwürdigen Vaṉgīso in einsamer Abgeschiedenheit der Gedanke in den Sinn: ›Ist er denn erloschen, mein Lehrer, oder ist er nicht erloschen?‹

Als nun der ehrwürdige Vaṉgīso gegen Abend die Gedenkensruhe beendet hatte, begab er sich dorthin wo der Erhabene weilte, begrüßte den Erhabenen ehrerbietig und setzte sich seitwärts nieder. Seitwärts sitzend sprach nun der ehrwürdige Vaṉgīso also zum Erhabenen:

»Während ich da, o Herr, in einsamer Abgeschiedenheit weilte, kam mir der Gedanke in den Sinn: ›Ist er denn erloschen, mein Lehrer, oder ist er nicht erloschen?‹«

Und der ehrwürdige Vaṉgīso stand von seinem Sitze auf, schlug den Mantel um die eine Schulter, verbeugte sich ehrerbietig vor dem Erhabenen und sprach nun den Erhabenen mit einem Sange an:


343

Den Meister frag' ich, hoch in Wissen mächtig,

Der sichtbar sicher Zweifel zwingt, entfremdet:

Hier, bei Aggāḷavam, verschied ein Jünger,

Gerühmt, gepriesen wahnentwesen innig,


344

»Nigrodhakappo«, also hieß der Hehre,

Von dir, o Herr, benannt mit diesem Namen;

Er hat erlugt Erlösung, dein gedenkend,

In kühnem Kampfe stark bestanden Wahrheit.


[83] 345

Nun mögen alle, Sakko, jenen Jünger

Erspüren wir, erspähen, o Weltauge!

Zu hören solche Kunde sieh' uns kommen:

Denn du bist Meister, bist erhaben herrlich.


346

So löse denn den Zweifel, laß' mich ahnen,

Den Wahnerloschnen finden, o du Weiser!

In Mönchesmitten gib uns Kunde, Seher,

Wie Sakko, tausendäugig, Göttern deutet.


347

Und wie der Irrtum immer auch uns bändigt,

Im Dunkeln tappen läßt, in Zweifel einzwängt:

Vor auferwachtem Herrn zergeht er gänzlich,

Vor Ihm, dem höchsten Antlitz auf der Erde.


348

Doch so der Mensch gemeine Sucht nicht ausmerzt,

Gleichwie der Sturm gestaute Wolken fortfegt:

Als Nebel nur erscheint ihm dieses Dasein,

Erleuchter selbst erleuchten seine Nacht nicht.


349

Die Weisen sind es, die da licht uns leuchten:

Wer leuchtet, ja, nur dieser dünkt mich weise;

Zum Kenner sind gekommen wir um Wissen,

In unsrer Mitte gib uns Kunde, Meister!


350

Laß' hören bald, o Holder, holde Botschaft,

Gleichwie der Schwan in sanftem Sang emporschwebt,

Gemessen anhebt, wie der Quelle Murmeln:

Wir alle horchen einzig auf die Antwort.


351

Geburt und Grab hast ewig überwunden,

Geschüttelt ab: o laß' mich schauen Wahrheit,

Genosse nicht und Narr gemeiner Menschen,

Genosse wohl, Gesell erwachter Sieger!


[84] 352

Gewisse Kunde birgst du keusch im Busen,

Der helle Seher hütet sichres Wissen;

Mit aufgehobnen Händen sieh' mich flehen:

Nicht laß', Erlauchter, harren uns in Irre!


353

Hinüber siehst du, siehst herüber heilig,

Nicht laß', Erlöster, harren uns in Irre:

Gleichwie man Wasser dürstend sucht im Sommer

Ersehnen wir dein Wort, bereite Rat uns!


354

Warum Asket er, Dulder ist gewesen,

Gekämpft hat Kappo sicher doch umsonst nicht:

Ist nun erloschen dieser ohne Neige,

Wie dann entlebt er sei, so sag' es, Lehrer!


Der Herr:


355

»Bezwungen hat er hier den Durst nach Zwiesal,

Des Durstes vielgewohnte Wirbelkreise,

Gekreuzt auf ewig Gräber und Geburten«:

So sprach der Herr, der höchste Sproß der Völker.


Vaṉgīso:


356

Verstanden hab' ich, heiter, still,

Die Botschaft, bester Denker du!

Hab' freilich nicht umsonst gefragt,

Beschieden also offenbar.


357

Im Lehren gleich, im Leben gleich,

Des Meisters Jünger immerdar,

Er riß entzwei des Todes Netz,

Gelegt so listig, knapp geknüpft.


[85] 358

Er hat gesehn das Ende, Herr,

Von allem Sehnen, aller Sucht:

Entschwunden, wo man schwer entrinnt,

Ist Kappo aus dem Todesreich.

Quelle:
Die Reden Gotamo Buddhos. Bd. 3, Zürich/Wien 1957, S. 82-86.
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