Sechsundzwanzigstes Kapitel

[173] Ich komme abermals nach Hamburg, werde von einem lutherischen Pastor für ein räudiges Schaf und der Aufnahme in die christliche Herde für unwürdig erklärt. Ich werde Gymnasiast und jage den Oberrabbiner ins Bockshorn.


Glücklich kam ich wieder nach Hamburg, geriet hier aber in die allerbedrängtesten Umstände. Ich logierte in einem elenden Wirtshause, hatte nichts zu zehren und wußte nicht, was ich anfangen sollte. Ich war zu aufgeklärt, um zurück nach Polen zu gehn, in Elend, Mangel an allen vernünftigen Beschäftigungen und jedes Umgangs beraubt, mein Leben zuzubringen und in die Finsternis des Aberglaubens und der Unwissenheit, woraus[173] ich mich mit so vieler Mühe kaum losgemacht hatte, zurückzusinken. In Deutschland fortzukommen, durfte ich mir auch, aus Mangel an Kenntnis der Sprache, Sitten und Lebensart, worin ich mich noch bis jetzt nicht recht fügen wollte, keine Rechnung machen. Eine bestimmte Profession hatte ich nicht gelernt, in keiner besonderen Wissenschaft mich hervorgetan, ja ich verstand nicht einmal irgendeine Sprache, worin ich mich ganz verständlich machen konnte. Ich geriet also auf den Gedanken, daß für mich kein anderes Mittel übrig sei, als die christliche Religion anzunehmen und mich in Hamburg taufen zu lassen. Ich beschloß also, zu dem ersten besten Geistlichen zu gehn und ihm sowohl meinen Entschluß als die Motive, dazu auf eine ungeheuchelte, der Wahrheit und Rechtschaffenheit angemessene Art, mitzuteilen. Da ich mich aber mündlich nicht gut ausdrücken konnte, so setzte ich meine Gedanken in deutscher Sprache mit hebräischen Lettern geschrieben auf, ging zu einem Schulmeister und ließ meinen Aufsatz mit deutschen Lettern abschreiben. Der Inhalt desselben war kürzlich dieser:

Ich bin aus Polen gebürtig, von der jüdischen Nation, nach meiner Erziehung und meinem Studium zum Rabbiner bestimmt, habe aber in der dicksten Finsternis einiges Licht erblickt. Dieses bewog mich, nach Licht und Wahrheit weiter zu forschen und mich aus der Finsternis des Aberglaubens und der Unwissenheit völlig loszumachen; zu diesem Zwecke ging ich (da mir dieses in meinem Geburtsort zu erreichen unmöglich war) nach Berlin, wo ich durch Unterstützung einiger aufgeklärter Männer unserer Nation einige Jahre studierte, nicht zwar planmäßig, sondern bloß zur Befriedigung meiner Wißbegierde. Da aber unsre Nation nicht nur von einem solchen unplanmäßigen, sondern auch von einem planmäßigen Studium keinen Gebrauch machen kann, so kann man es ihr nicht verdenken, wenn sie zuletzt müde wird und die Unterstützung desselben für unnütz erklärt. Ich bin daher[174] entschlossen, um meine zeitliche sowohl, als ewige Glückseligkeit, welche von der Erlangung der Vollkommenheit abhängt, zu erreichen, und um sowohl mir selbst, als andern nützlich zu werden, die christliche Religion anzunehmen. Die jüdische Religion kommt zwar, in Ansehung ihrer Glaubensartikel, der Vernunft näher als die christliche. Da aber diese in Ansehung des praktischen Gebrauchs einen Vorzug vor jener hat, und die Moral, die nicht in Meinungen, sondern in Handlungen besteht, der Zweck aller Religion überhaupt ist, so kommt die letztere offenbar diesem Zwecke näher als die erstere. Ich halte übrigens die Geheimnisse der christlichen Religion für das was sie sind, für Geheimnisse, d.h. allegorische Vorstellungen der für den Menschen wichtigsten Wahrheiten, wodurch ich meinen Glauben an dieselben mit der Vernunft übereinstimmend mache; ich kann sie aber unmöglich ihrem gemeinen Sinne nach glauben. Ich bitte also gehorsamst, mir die Frage zu beantworten: ob ich nach diesem Bekenntnisse der christlichen Religion würdig bin oder nicht? Im erstern Falle bin ich bereit, mein Vorhaben ins Werk zu setzen. Im zweiten aber muß ich allen Anspruch auf eine Religion aufgeben, die mir zu lügen befiehlt, d.h. mit Worten ein Glaubensbekenntnis abzulegen, das meiner Vernunft widerspricht.

Der Schulmeister, dem ich dieses diktierte, geriet in Bewunderung und Erstaunen über eine solche Dreistigkeit, noch nie hatte er ein solches Glaubensbekenntnis ablegen hören. Er schüttelte mit vieler Bedenklichkeit den Kopf, unterbrach einigemal das Schreiben und wurde zweifelhaft, ob nicht schon das Abschreiben Sünde sei? mit vielem Widerwillen schrieb er es ab, um nur das Ding loszuwerden.

Ich ging nun zu einem vornehmen Geistlichen, übergab ihm dieses Schreiben und bat um eine Resolution. Dieser las es mit vieler Aufmerksamkeit, geriet gleichfalls in Verwunderung und ließ sich nach dem Durchlesen mit mir in eine Unterredung ein.

[175] Pastor. So ist, wie ich sehe, Ihre Absicht, bloß darum die christliche Religion anzunehmen, um dadurch Ihre zeitlichen Umstände zu verbessern?

Ich. Um Vergebung, Herr Pastor, ich glaube mich in meinem Schreiben genug darüber erklärt zu haben, daß meine Absicht die Erlangung der Vollkommenheit sei. Freilich gehört dazu als Bedingung die Hebung der Hindernisse und Verbesserung der äußern Umstände. Dieses ist aber nicht der Hauptzweck.

Past. Spüren Sie in sich keinen innern Trieb zur christlichen Religion ohne Rücksicht auf alle äußeren Motive?

Ich. Ich müßte lügen, wenn ich dieses von mir bejahen sollte.

Past. Sie sind zu sehr Philosoph, um ein Christ werden zu können. Die Vernunft hat bei Ihnen die Oberhand, und der Glaube muß sich nach derselben richten. Sie halten die Geheimnisse der christlichen Religion für bloße Fabeln und die Gebote dieser Religion für bloße Gesetze der Vernunft. Für jetzt kann ich mit Ihrem Glaubensbekenntnis nicht zufrieden sein. Beten Sie also zu Gott, daß er Sie mit seiner Gnade erleuchten und Ihnen den Geist des wahren Christentums eingeben möge; und alsdann kommen Sie wieder.

Ich. Wenn dem so ist, so muß ich gestehen, Herr Pastor, daß ich zum Christentum nicht qualifiziert bin. Das Licht, das ich empfangen werde, werde ich immer mit dem Lichte der Vernunft beleuchten. Ich werde nie glauben, auf neue Wahrheiten geraten zu sein, wenn ihr Zusammenhang mit den mir schon bekannten Wahrheiten nicht einzusehen ist. Ich muß daher bleiben was ich bin, ein verstockter Jude. Meine Religion befiehlt mir, nichts zu glauben, sondern die Wahrheit zu denken und das Gute auszuüben. Werde ich jetzt darin durch äußere Umstände gehindert, so ist dieses nicht meine Schuld. Ich tue, was in meinem Vermögen ist.

Hiermit empfahl ich mich dem Herrn Pastor.[176]

Die Beschwerlichkeiten der Reise und schlechte Diät zogen mir hier ein kaltes Fieber zu. Ich lag auf einem Strohlager auf einer Dachstube und litt an allen Bequemlichkeiten und Erfrischungen Mangel. Der Wirt, der mit mir Mitleid hatte, ließ einen jüdischen Arzt rufen. Dieser kam, verschrieb mir ein Vomitiv und, da er an mir keinen Alltagsmenschen fand, unterhielt er sich mit mir einige Stunden und bat, daß ich ihn nach meiner Wiederherstellung besuchen solle. Bald darauf wurde ich wirklich durch dieses Mittel von meinem Fieber befreiet.

Unterdessen erfuhr ein junger Mensch, der mich von Berlin aus kannte, meine Ankunft. Er besuchte mich, sagte mir, daß, da jetzt Herr W ..., der mich in Berlin gesehn, in Hamburg wohne, ich ihn billig besuchen müsse. Ich tat es. Herr W ..., der ein sehr geschickter und braver Mann und von guter Natur zu guten Handlungen aufgelegt war, fragte mich, was ich nun vorzunehmen willens sei. Ich stellte ihm meine ganze Lage vor und bat ihn um Rat. Er sagte: seiner Meinung nach käme meine schlimme Lage daher, weil ich mich den reellen Kenntnissen und Wissenschaften mit Eifer gewidmet, das Studium der Sprachen aber vernachlässigt habe und daher meine Kenntnisse und Wissenschaften andern nicht mitteilen und davon Gebrauch machen könne; indessen sei noch nichts versäumt, und wenn ich mich noch jetzt dazu bequemen wolle, so könne ich meinen Zweck in dem Gymnasium zu Altona, wo sein Sohn studierte, erlangen; für meine Unterstützung wolle er schon Sorge tragen. Ich nahm dieses Anerbieten mit vielem Dank an und ging frohen Mutes nach Hause. Unterdessen sprach Herr W. mit den Professoren dieses Gymnasiums, wie auch mit dem Vorsteher desselben, besonders aber mit einem wegen der Talente seines Kopfs und Herzens nicht genug zu rühmenden Manne, Herrn Syndikus G., stellte mich ihnen als einen Mann von ungewöhnlichen Talenten vor, dem nur mehrere Sprachkenntnis fehle, um sich auf eine rühmliche Art[177] der Welt zu zeigen, die er durch einen kurzen Aufenthalt auf ihrem Gymnasium zu erlangen hoffte. Sie bewilligten sein Gesuch. Man fertigte mir eine Matrikel aus und wies mir eine Wohnung auf dem Gymnasium an.

Hier lebte ich ein paar Jahre ruhig und zufrieden; da man aber, wie leicht zu denken, auf einem solchen Gymnasium nur sehr langsam weiterrückt, so war ganz natürlich, daß ich, der in Wissenschaften schon ziemliche Progressen gemacht hatte, in einigen Vorlesungen ziemlich Langeweile haben mußte. Ich wohnte daher nicht allen Lehrstunden bei, sondern wählte mir nach Gefallen aus. Auf Herrn Direktor Dusch hielt ich wegen seiner gründlichen Gelehrsamkeit und seines vortrefflichen Charakters sehr viel und wohnte seinen Lehrstunden mehrenteils bei. Freilich konnte mich die Philosophie des Ernesti, worüber er las, nicht befriedigen, und ebensowenig seine Vorlesungen über Segners mathematisches Kompendium. Viel profitierte ich bei ihm von der englischen Sprache.

Herr Rektor H., ein alter munterer Mann, der aber ziemlich pedantisch war, war mit mir nicht sonderlich zufrieden, weil ich seine lateinischen Exerzitien nicht machen und kein Griechisch lernen wollte.

Der Professor der Geschichte, Herr Konrektor ..., fing seine Vorlesungen ab ovo von Adam an und gelangte am Ende des zweiten Jahres mit vieler Mühe zum babylonischen Turmbau.

Der Lehrer der französischen Sprache, Herr Subkonrektor ..., ließ den Fenelon sur l'existence de Dieu explizieren, wogegen ich einen großen Widerwillen faßte, weil, wie ich bemerkte, dieser Autor bei seinem Anschein, wider den Spinozismus zu deklamieren, im Grunde für denselben argumentiert.

Die ganze Zeit meines Aufenthalts in diesem Gymnasium konnten die Professoren sich von mir keinen richtigen Begriff machen, indem sie keine Gelegenheit hatten, mich kennenzulernen.[178]

Da ich meine Absicht erfüllt und in Sprachen einen guten Grund gelegt zu haben glaubte, wurde ich dieser untätigen Lebensart überdrüssig und beschloß daher, am Ende des ersten Jahres das Gymnasium zu verlassen. Der Direktor Dusch aber, der mich nach und nach kennenzulernen anfing, bat mich, daß ich zum wenigsten noch ein Jahr bleiben möchte, und ich ließ es mir, da mir sonst hier nichts mangelte, gefallen.

Um diese Zeit ereignete sich mit mir folgende Begebenheit. Ein polnischer Jude, den meine Frau mich aufzusuchen abgeschickt hatte, erfuhr meinen hiesigen Aufenthalt. Er kam also nach Hamburg und besuchte mich auf dem Gymnasium. Seine Gesandtschaft bestand darin, daß mir meine Frau durch ihn befehlen ließ, entweder ohne Verzug nach Hause zu kommen, oder ihr durch ihn einen Scheidebrief zu schicken. Ich konnte damals aber so wenig das eine als das andere tun. Mich von meiner Frau ohne Ursache scheiden zu lassen, war ich nicht geneigt, und gleich auf der Stelle nach Polen zurückzukehren, wo ich noch nicht die mindeste Aussicht hatte, mir mein Fortkommen zu verschaffen und ein vernünftiges Leben zu führen, war mir unmöglich. Ich stellte dieses dem Herrn Gesandten vor und fügte hinzu, daß ich bald vom Gymnasium abzugehen und nach Berlin zu reisen willens sei; meine Berliner Freunde würden mir, wie ich hoffte, mit Rat und Tat beistehen und dieses Vorhaben auszuführen behilflich sein.

Diese Antwort wollte ihn nicht befriedigen, er hielt sie für eine bloße Ausflucht. Da er also bei mir nichts ausrichten konnte, ging er zu dem Oberrabbiner und verklagte mich bei demselben. Dieser schickte einen Gerichtsdiener und forderte mich vor seinen hohen Richterstuhl. Ich ließ ihm aber sagen, daß ich jetzt nicht unter seiner Gerichtsbarkeit stünde, und daß das Gymnasium seine eigene Gerichtsbarkeit habe, wo meine Sache entschieden werden müsse. Der Herr Oberrabbiner gab sich nun alle mögliche[179] Mühe, mich durch die Regierung zu seinem Vorhaben zu zwingen, aber seine Mühe war hierin vergeblich. Da er nun sah, daß er mit mir auf diese Art nichts ausrichten konnte, schickte er abermals zu mir und ließ mich bitten, ich sollte doch zu ihm kommen, er wolle mich bloß sprechen. Dieses bewilligte ich gern und ging sogleich zu ihm.

Er kam mir entgegen und empfing mich mit vieler Achtung, und da ich ihm meinen Geburtsort und meine Familie in Polen bekannt machte, so fing er an zu wehklagen und mit den Händen zu ringen. »Ach,« sagte er, »Sie sind der Sohn des berühmten Rabbi Josua? Ich kenne Ihren Vater sehr wohl, er ist ein frommer und gelehrter Mann. Auch Sie sind mir nicht unbekannt; ich habe Sie als Knabe verschiedenemal examiniert und mir von Ihnen viel versprochen. Ach, wie ist es möglich, daß Sie sich so (er zeigte auf meinen rasierten Bart) verändert haben!« Ich erwiderte hierauf, daß ich auch die Ehre habe, ihn zu kennen und mich seines Examens noch wohl erinnere; meine bisherigen Handlungen wären so wenig der (wohl verstandenen) Religion als der Vernunft zuwider. »Aber,« unterbrach er mich, »Sie tragen keinen Bart, kommen nicht in die Synagoge; ist das nicht der Religion zuwider?« Ich antwortete nein, und zeigte ihm aus dem Talmud, daß unter den Umständen, worin ich mich befände, dieses alles erlaubt sei. Wir gerieten hierüber in einen weitläuftigen Disput, worin jeder von uns recht behielt. Da er nun auf diese Art mit mir nichts ausrichten konnte, so ließ er sich auf das bloße Predigen ein; da aber auch dieses nichts helfen wollte, so geriet er in einen heiligen Eifer und fing an, laut zu rufen: »Schofar! Schofar!« (so heißt nämlich das Horn, worin als Ermahnung zur Buße am Neujahrsfest in der Synagoge geblasen wird und vor dem sich der Satan ganz abscheulich fürchten soll), zeigte zugleich auf einen Schofar, der vor ihm auf dem Tische lag, und fragte mich: »Wissen Sie, was das ist?« Ich erwiderte hierauf ganz dreist: »O ja! Es ist ein Horn von einem Bock.« Bei diesen[180] Worten fiel der Oberrabbiner auf seinen Stuhl zurück und fing an, meine verlorene Seele zu beklagen, ich aber ließ ihn klagen, solange er Lust hatte, und empfahl mich.

Am Ende des zweiten Jahres überlegte ich, daß es sowohl in Ansehung meines zukünftigen Fortkommens vorteilhaft, als in Ansehung des Gymnasiums billig sei, mich den Herren Professoren näher bekannt zu machen. Ich ging also zum Direktor Dusch, meldete ihm meine baldige Abreise und sagte ihm, da ich von ihm ein Attest zu erhalten wünsche, so sei es billig, daß ich mich erst in Ansehung meiner gemachten Progressen examinieren ließe, damit er mein Attest so viel als möglich der Wahrheit gemäß einrichten könne. Er ließ mich zu dem Ende einige Stellen aus lateinischen und englischen sowohl prosaischen als poetischen Schriften übersetzen und war damit sehr zufrieden. Nachher unterredete er sich mit mir über einige Gegenstände der Philosophie, fand mich aber darin so beschlagen, daß er sich zu seiner eignen Sicherheit zurückziehen mußte. Endlich fragte er mich: »Aber wie steht es mit der Mathematik?« und ich bat ihn, auch hiermit eine Probe zu machen. »Wir sind«, fing er an, »in unsern mathematischen Vorlesungen ungefähr bis zu der Lehre von den mathematischen Körpern gelangt. Wollen Sie also einen noch in unsern Vorlesungen nicht vorgekommenen Lehrsatz, z.B. von dem Verhältnis des Zylinders, der Kugel und des Kegels zueinander selbst ausarbeiten; Sie können sich einige Tage Zeit dazu nehmen.« Ich erwiderte, daß dieses nicht nötig sei, und erbot mich auf der Stelle, die Aufgabe zu lösen. Ich demonstrierte nicht nur den mir aufgegebenen Satz, sondern noch mehrere Sätze aus der Segnerschen Geometrie. Der Rektor verwunderte sich hierüber sehr, ließ alle Gymnasiasten zu sich kommen und stellte ihnen meine außerordentlichen Progressen zu ihrer Beschämung vor. Die meisten darunter wußten nicht, was sie dazu sagen sollten, einige aber antworteten: »Glauben Sie nicht, Herr Direktor, daß Maimon[181] diese Progressen in der Mathematik hier gemacht hat! Er hat so selten den mathematischen Stunden beigewohnt, und wenn er auch da war, so hat er nie darauf gemerkt.« Sie wollten noch weiter reden, aber der Direktor gebot ihnen Stillschweigen und gab mir ein ehrenvolles Attest, woraus ich einige Stellen anzuführen nicht unterlassen kann, die mir nach der Zeit ein beständiger Sporn immer weiterzukommen geworden sind.

Ich hoffe, daß man es mir in dieser Rücksicht nicht für eine Ruhmredigkeit auslegen wird, das Urteil dieses geschätzten Mannes kürzlich mitzuteilen.

»Seine Talente« – sagt er – »überhaupt zur Erlernung alles Schönen, Guten und Nützlichen, vorzüglich solcher Wissenschaften, welche starke Anstrengung der Geisteskräfte, abstraktes und tiefes Denken erfordern, sind, ich möchte beinah sagen, außerordentlich. Jedes Wissen, was den meisten Aufwand von eigner Tätigkeit fordert, ist ihm das angenehmste, und Beschäftigung der Denkkräfte scheint sein größtes, wo nicht einziges Vergnügen zu sein. – Sein liebstes Studium ist bisher Philosophie und Mathematik gewesen, worin er Fortschritte zu meinem Erstaunen gemacht hat usw.«

Ich nahm nun von den Lehrern und Vorstehern des Gymnasiums Abschied, die mir einstimmig das Kompliment machten, daß ich ihrem Gymnasium Ehre gemacht hätte, und reiste wieder nach Berlin.

Quelle:
Maimon, Salomon: Geschichte des eigenen Lebens (1754–1800). Berlin 1935, S. 173-182.
Lizenz:
Ausgewählte Ausgaben von
Salomon Maimons Lebensgeschichte
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Salomon Maimons Lebensgeschichte. Von ihm selbst geschrieben
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