Zweites Kapitel

[13] Erste Jugenderinnerungen.


Auf diese Art lebte mein Großvater in dem Wohnort seiner Vorfahren viele Jahre hindurch; diese Pacht war gleichsam ein Eigentum der Familie geworden. Vermöge des jüdischen Ritualgesetzes der Chasaka, d.h. Recht des Eigentums an ein Gut, welches durch einen dreijährigen Besitz erworben und auch von den Christen in dieser Gegend respektiert wird, durfte kein anderer Jude diese Pacht durch eine Hoßafa, d.h. durch Erhöhung des Pachtgeldes an sich ziehen, wenn er nicht den jüdischen Kirchenbann auf sich laden wollte, und obgleich der Besitz der Pachtung mit vielen Mühseligkeiten und selbst Gewalttätigkeiten verknüpft war, so war er doch auch von der anderen Seite wieder sehr einträglich. Mein Großvater konnte nicht nur als ein wohlhabender Mann leben, sondern auch seine Kinder reichlich versorgen.

Seine drei Töchter wurden wohl ausgestattet und an brave Männer verheiratet. Seine zwei Söhne, mein Onkel Moses und mein Vater Josua, verheirateten sich gleichfalls, und da er schon alt und von den ausgestandenen Mühseligkeiten geschwächt war, so übergab er die Hausverwaltung seinen Söhnen gemeinschaftlich. Diese, von verschiedenen Temperamenten und Neigungen (mein Onkel Moses war von starker Leibeskonstitution und schwachem Geist, mein Vater aber das Gegenteil von ihm), konnten nicht gut zusammen harmonieren. Mein Großvater übergab also meinem Onkel ein anderes Dorf und behielt meinen[13] Vater bei sich, obgleich dieser vermöge seines Standes als Gelehrter den häuslichen Geschäften nicht sonderlich gewachsen war. Er hielt bloß Rechnung, schloß Kontrakte, führte Prozesse u. dgl. Meine Mutter hingegen war eine sehr lebhafte, zu allen Geschäften aufgelegte Frau. Sie war klein von Statur und damals noch sehr jung.

Eine Anekdote kann ich hier nicht unberührt lassen, weil sie die erste Erinnerung aus meinen Jugendjahren ist. Ich war damals ungefährt drei Jahre alt. Die sich da beständig aufhaltenden Kaufleute, und besonders die Shaffars, d.h. die Edelleute, die die Führung der Schiffe, Einkauf und Lieferung der Waren für die großen Herren übernahmen, liebten mich wegen meiner Lebhaftigkeit außerordentlich und trieben mit mir allerhand Spaß.

Diese lustigen Herren gaben meiner Mutter wegen ihrer Kleinheit und Lebhaftigkeit den Zunamen Kuza, d.h. ein junges Füllen. Da ich sie oft so nennen hörte und die Bedeutung davon nicht wußte, so nannte ich sie auch Mama Kuza. Meine Mutter verwies mir dieses und sagte: »Gott straft denjenigen, der seine Mutter Mama Kuza nennt.« Einer dieser Shaffars, Herr Piliezki, pflegte täglich in unserem Hause Tee zu trinken, und lockte mich dadurch an sich, daß er mir zuweilen ein Stückchen Zucker gab. Eines Morgens, da ich mich bei seinem Teetrinken zum Empfang des Zuckers wie gewöhnlich eingestellt hatte, sagte er: er würde mir nur unter der Bedingung ein Stückchen Zucker geben, daß ich Mama Kuza sagen solle. Da nun meine Mutter zugegen war, so weigerte ich mich, dies zu tun. Er winkte also meiner Mutter zu, daß sie sich in ein Nebenzimmer begeben möchte. Da sie sich versteckt hatte, ging ich zu ihm und sagte ihm ins Ohr: »Mama Kuza.« Er bestand aber darauf, daß ich es recht laut sagen sollte, und versprach mir so viel Stücken Zucker zu geben, als ich es laut sagen würde. Ich sagte also: »Herr Piliezki will, ich soll Mama Kuza sagen, ich aber will nicht Mama Kuza sagen, weil Gott den straft, der Mama Kuza[14] sagt,« und bekam darauf meine drei Stückchen Zucker richtig.

Mein Vater führte im Hause eine feinere Lebensart ein, besonders da er nach Königsberg in Preußen handelte, wo er allerhand schöne und nützliche Sachen zu sehen bekam. Er schaffte sich zinnernes und messingenes Geschirr an. Man fing an, besser zu essen, sich schöner zu kleiden als sonst, ja ich wurde sogar in Damast gekleidet.

Quelle:
Maimon, Salomon: Geschichte des eigenen Lebens (1754–1800). Berlin 1935, S. 13-15.
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