Karl Marx

Die Ostindische Kompanie, ihre Geschichte und die Resultate ihres Wirkens

London, Freitag, 24. Juni 1853

Die Debatte über Lord Stanleys Antrag, die Indien-Gesetzgebung zu verschieben, ist bis heute abend ausgesetzt worden. Zum ersten Male seit 1783 ist die indische Frage zu einer Regierungsfrage geworden. Aus welchem Grunde?

Die eigentlichen Anfänge der Ostindischen Kompanie reichen nicht weiter als bis 1702 zurück, als die verschiedenen Gesellschaften, die auf das Monopol des ostindischen Handels Anspruch erhoben, sich zu einer einzigen Kompanie zusammengeschlossen hatten. Bis zu diesem Zeitpunkt war selbst das Bestehen der ursprünglichen Ostindischen Kompanie wiederholt gefährdet: einmal, zur Zeit des Protektorats Cromwells, wurde sie auf Jahre hinaus suspendiert, ein andermal, unter der Herrschaft Wilhelms III., durch Eingreifen des Parlaments mit gänzlicher Auflösung bedroht. Es war unter der Herrschaft jenes holländischen Prinzen, als die Whigs zu den eigentlichen Schöpfern des Reichtums des Britischen Reiches wurden, die Bank von England ins Leben gerufen wurde, das Schutzzollsystem in England festen Fuß gefaßt hatte und das Gleichgewicht der Kräfte in Europa endgültig hergestellt war, daß das Bestreben einer Ostindischen Kompanie durch das Parlament anerkannt wurde. Doch war diese Ära scheinbarer Freiheit in Wirklichkeit eine Ära der Monopole, die zwar nicht durch königliche Urkunden, wie zu Zeiten Elisabeths und Karls I., eingeführt, wohl aber durch Parlamentsbeschluß sanktioniert und auf das ganze Land ausgedehnt wurden. Diese Epoche in der Geschichte Englands weist in der Tat die weitgehendste Ähnlichkeit mit der Epoche Louis-Philippes in Frankreich auf. Die alte Grundaristokratie hatte eine Niederlage erlitten, dieweil die Bourgeoisie deren Platz nicht anders als[148] unter der Ägide der Plutokratie, der »haute finance«, zu besetzen vermochte. Die Ostindische Kompanie schloß das einfache Volk vom Handel mit Indien zur selben Zeit aus, als das Unterhaus es seiner Vertretung im Parlament beraubte. In diesem Falle und auch in anderen Fällen sehen wir, daß der erste entscheidende Sieg der Bourgeoisie über die Feudalaristokratie mit der entschiedensten Reaktion gegen das Volk zusammenfällt, eine Erscheinung, die mehr als einen populären Schriftsteller, wie z.B. Cobbett, veranlaßt hat, die Volksfreiheit mehr in der Vergangenheit als in der Zukunft zu suchen.

Das Bündnis der konstitutionellen Monarchie mit den monopolistischen Finanzinteressen, der Ostindischen Kompanie mit der »glorreichen« Revolution von 1688, wurde durch die gleiche Macht gefördert, mit deren Hilfe die liberalen Interessen und die liberale Dynastie zu allen Zeiten und in allen Ländern sich fanden und zusammenschlossen: durch die Macht der Korruption, diese erste und letzte Triebkraft der konstitutionellen Monarchie, diesen Schutzengel Wilhelms III. und bösen Geist Louis-Philippes. Wie parlamentarische Untersuchungen ergaben, erreichen die jährlichen Ausgaben der Ostindischen Kompanie unter dem Posten »Geschenke« an Regierungsmänner – einem Posten, der vor der Revolution 1200 Pfd. St. nur selten überschritten hatte – bereits 1693 die Summe von 90000 Pfd. St. Der Herzog von Leeds wurde beschuldigt, eine Bestechungssumme von 5000 Pfd. St., und der tugendhafte König selbst wurde überführt, eine solche von 10000 Pfd. St. empfangen zu haben. Außer durch solche direkten Bestechungen wurden Konkurrenzgesellschaften dadurch beseitigt, daß man der Regierung enorme Darlehen zu niedrigstem Zinsfuß gewährte oder rivalisierende Direktoren dieser Gesellschaften kaufte.

Die Ostindische Kompanie mußte die Macht, die sie – ebenso wie die Bank von England – durch Bestechung der Regierung erlangt hatte, nun auch – ebenso wie die Bank von England – durch weitere Bestechungen aufrechterhalten. Jedesmal, wenn die Frist ihres Monopols abgelaufen war, vermochte sie eine Erneuerung ihrer Charte nur durch die Anbietung neuer Anleihen und neuer Geschenke an die Regierung zu erwirken.

Die Ereignisse dieses siebenjährigen Krieges verwandelten die Ostindische Kompanie aus einer Handels- in eine Militär- und Territorial-Macht. Damals wurde der Grundstein zum gegenwärtigen Britischen Reich im Osten gelegt. Die Aktien der Ostindischen Kompanie stiegen damals auf 263 Pfd. St., und es wurden Dividenden in Höhe von 12 1/2% gezahlt. Doch da tauchte ein neuer Feind der Kompanie auf, zwar nicht mehr in der Gestalt rivalisierender[149] Gesellschaften, wohl aber rivalisierender Minister und eines rivalisierenden Volkes. Man berief sich darauf, daß das Territorium der Gesellschaft mit Hilfe der britischen Flotte und der britischen Truppen erobert worden sei und daß mithin britische Untertanen keine Souveränität über von der Krone unabhängige Territorien besitzen könnten. Damals beanspruchten die Minister und das Volk ihren Anteil an den »märchenhaften Schätzen«, die – wie nun annahm – die Kompanie durch die letzte Eroberung erhalten hatte. Die Kompanie rettete ihren Fortbestand nur durch ein 1767 zustandegebrachtes Übereinkommen, laut welchem sie jährlich 400000 Pfd. St. an das staatliche Schatzamt zu entrichten hatte. Anstatt aber das Übereinkommen zu erfüllen und dem englischen Volk seinen Anteil auszuzahlen, geriet die Ostindische Kompanie in finanzielle Schwierigkeiten und appellierte an das Parlament um finanzielle Unterstützung. Die Folge dieses Schrittes waren erhebliche Änderungen in der Charte der Kompanie. Da sich indessen die Verhältnisse der Kompanie trotz der neuen Lage nicht gebessert und das englische Volk gleichzeitig seine Kolonien in Nordamerika verloren hatte, machte sich die Notwendigkeit, an anderer Stelle ein großes Kolonialreich zu gewinnen, immer allgemeiner fühlbar. Der illustre Fox hielt 1783 den Augenblick für gekommen, seine berühmte Indienbill einzubringen, die den Vorschlag enthielt, das Direktorium und den Aufsichtsrat abzuschaffen und die gesamte Verwaltung Indiens sieben durch das Parlament einzusetzenden Kommissären zu übertragen. Durch den persönlichen Einfluß des schwachsinnigen Königs auf das Oberhaus wurde jedoch der Antrag des Herrn Fox abgelehnt und dazu benutzt, die damalige Koalitionsregierung Fox-Lord North zu stürzen und den berühmten Pitt an die Spitze der Regierung zu setzen. Pitt brachte 1784 in beiden Häusern einen Gesetzentwurf zur Annahme, der die Bildung einer aus sechs Mitgliedern des Geheimen Staatsrates bestehenden Kontrollbehörde anordnete, die die Aufgabe hatte,

»alle Maßnahmen, Operationen und Angelegenheiten, die auf irgendeine Weise mit der Zivil- und Militärverwaltung, mit den Einkünften aus Ländereien und Besitztümern der Ostindischen Kompanie in Verbindung standen, zu zügeln, zu überwachen und zu kontrollieren«.

Dazu bemerkt der Historiker Mill:

»Die Annahme dieses Gesetzes verfolgte einen doppelten Zweck. Um der Unterstellung zu entgehen, zu welcher der angeblich verruchte Zweck des Gesetzentwurfes des Herrn Fox Anlaß gegeben hatte, war es notwendig, den Anschein zu erwecken, als[150] verbliebe der Hauptteil der Macht in den Händen der Direktoren. Das Regierungsinteresse erforderte, daß ihnen in Wirklichkeit die Macht gänzlich genommen würde. Angeblich unterschied sich der Gesetzentwurf Pitts von dem seines Rivalen hauptsächlich dadurch, daß, während jener die Macht der Direktoren vernichtete, dieser sie fast unangetastet ließ. Unter dem Gesetz Fox' wäre die Macht der Minister offen zutage getreten, unter dem Pitts dagegen sollte die Macht geheim durch Trug ausgeübt werden. Der Gesetzentwurf Fox' übertrug die Macht der Kompanie auf die durch das Parlament eingesetzten Kommissäre. Der Gesetzentwurf des Herrn Pitt übertrug sie auf Kommissäre, die vom König ernannt wurden.«

Die Jahre 1783 und 1784 waren somit die ersten und bis auf den heutigen Tag einzigen Jahre, in denen die indische Frage eine Regierungstrage gewesen. Nach Annahme des Pittschen Gesetzentwurfes wurde die Charte der Ostindischen Kompanie erneuert und die indische Frage für zwanzig Jahre ad acta gelegt. 1813 aber wurden alle übrigen politischen Fragen durch den Antijakobinerkrieg und 1833 durch die neueingebrachte Reformbill in den Hintergrund gedrängt.

Der Hauptgrund also, daß die indische Frage vor 1784 und nachher zu keiner großen politischen Frage geworden ist, besteht darin, daß vor dieser Zeit sich die Ostindische Kompanie erst ihr Daseinsrecht und ihr Gewicht erkämpfen mußte, nach dieser Zeit aber die Oligarchie ihr soviel Macht nahm, als sie nehmen konnte, ohne gleichzeitig die Verantwortung für sie zu tragen, und endlich, noch später, das englische Volk allgemein gerade in den Jahren der Erneuerung der Charte, also 1813 und 1833, durch wichtigere Fragen in Anspruch genommen war.

Nun wollen wir die Sache einmal von einer anderen Seite betrachten. Die Ostindische Kompanie begann ihre Tätigkeit damit, daß sie bloß den Versuch machte, Faktoreien für ihre Agenten und Depots für ihre Waren einzurichten. Um diese zu schützen, baute sie mehrere Forts. Obwohl sie bereits 1689 die Absicht hatte, ihre Herrschaft in Indien zu begründen und die Bodensteuer zu einer ihrer Einkommenquellen zu machen, hatte sie bis 1744 doch nur einige unwichtige Distrikte um Bombay, Madras und Kalkutta erworben. Der Krieg, der danach in Karnatik ausbrach, hatte zur Folge, daß die Kompanie nach einer Reihe von Kämpfen zum tatsächlichen Souverän dieses Teils Indiens wurde. Weit beträchtlichere Folgen hatten der Krieg in Bengalen und die Siege von Clive. Diese führten zur faktischen Besetzung von Bengalen, Bihar und Orissa. Ende des 18. und in den ersten Jahren unseres Jahrhunderts folgten dann die Kriege mit Tippu Sahib, die einen bedeutenden Machtzuwachs und eine ungeheure Ausdehnung des Subsidiensystems herbeigeführt hatten. Im zweiten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts ist schließlich[151] die erste geeignete Grenze Indiens, und zwar die innerhalb der Wüste, erobert worden. Erst damit hatte das britische Weltreich im Osten jene Gegenden Asiens erreicht, die stets der Sitz jeder mächtigen Zentralgewalt Indiens gewesen waren. Doch der verwundbarste Teil des Reiches, von dem aus es noch immer, sobald ein alter Eroberer durch einen neuen vertrieben wurde, überrannt worden war, die Barriere der Westgrenze, befand sich noch nicht in den Händen der Engländer. In der Periode von 1838 bis 1849, in den Kriegen gegen die Sikhs und Afghanen, setzte sich das englische Regime durch die gewaltsame Annexion von Pandschab und Sind endgültig in den Besitz der ethnographischen, politischen und militärischen Grenzen des ostindischen Kontinents. Deren Besitz war unbedingt notwendig, um jede aus Mittelasien einfallende Macht zurückzuschlagen und um Rußlands Vordringen gegen die Grenzen Persiens zu verhindern. Im Laufe dieses letzten Jahrzehnts wurde das britische Hoheitsgebiet in Indien um 167000 Quadratmeilen mit einer Bevölkerung von 8572 630 Seelen vergrößert. Was das Innere des Landes anbelangt, so waren nun alle einheimischen Staaten von britischem Besitz umringt, in verschiedener Form der britischen Suzeränität unterworfen und mit der einzigen Ausnahme von Gudscharat und Sind von der Seeküste abgeschnitten. Was die äußere Gestalt Indiens betrifft, so war Indien damit vollendet. Erst seit 1849 besteht ein einheitliches großes angloindisches Reich.

So kämpfte die britische Regierung zwei Jahrhunderte hindurch unter dem Decknamen der Ostindischen Kompanie, bis sie schließlich die natürlichen Grenzen Indiens erreicht hatte. Wir verstehen nun, warum alle Parteien in England, selbst jene, die entschlossen waren, nach vollendetem Arrondissement eines einheitlichen indischen Reiches ihre heuchlerischen Friedensschalmeien am lautesten ertönen zu lassen, stillschweigend zusahen. Mußten sie doch natürlich dieses Reich erst schaffen, bevor sie es zum Gegenstand ihrer unbändigen Menschenliebe machen konnten. Von diesem Gesichtspunkt verstehen wir den veränderten Aspekt der indischen Frage, heute, im Jahre 1853, im Vergleich mit allen früheren Perioden der Erneuerung der Charte.

Die Dinge lassen sich nun noch aus einem anderen Gesichtswinkel betrachten. Wir werden die eigentümliche Krise der Indien-Gesetzgebung noch besser erfassen, wenn wir die Geschichte des Handelsverkehrs zwischen Großbritannien und Indien in ihren verschiedenen Phasen verfolgen.

Zu Beginn ihrer Tätigkeit unter der Herrschaft Elisabeths erhielt die Ostindische Kompanie, um ihren Handel mit Indien gewinnbringend fortführen zu können, die Erlaubnis, alljährlich Silber, Gold und ausländische Münzen im Werte von 30000 Pfd. St. auszuführen. Das bedeutete den Bruch mit allen[152] Vorurteilen des Zeitalters, und Thomas Mun mußte in »A Discourse on Trade from England into the East Indies« die Grundlagen des »Merkantilismus« entwickeln, wobei er einräumte, daß Edelmetalle den einzigen wirklichen Reichtum eines Landes ausmachten, gleichzeitig aber behauptete, daß ihre Ausfuhr dennoch ruhig erlaubt werden dürfe, vorausgesetzt, daß die Zahlungsbilanz für die ausführende Nation günstig sei. In diesem Sinne forderte er, daß die aus Ostindien eingeführten Waren in der Hauptsache nach solchen Ländern wieder ausgeführt würden, aus denen eine weit erheblichere Menge Edelmetall nach England hereinkomme, als für die Bezahlung jener Waren in Indien erforderlich sei. Im gleichen Sinne verfaßte Sir Josiah Child »A Treatise wherin it is demonstrated that the East India Trade is the most national Trade of all Trades«. Allmählich wurden die Parteigänger der Ostindischen Kompanie kühner, und es kann als ein Kuriosum in dieser sonderbaren indischen Geschichte verzeichnet werden, daß die Monopolisten in Indien die ersten Verkünder des Freihandels in England waren.

Ein Vorgehen des Parlaments gegen die Ostindische Kompanie wurde Ende des 17. und während des größeren Teils des 18. Jahrhunderts wieder verlangt, aber nicht von der Handelsklasse, sondern von der Industriellenklasse, als die Einfuhr von Baumwoll- und Seidenstoffen aus Ostindien die armen englischen Fabrikanten angeblich zugrunde richtete – eine Behauptung, die z.B. in der Schrift von John Pollexfens: »England and India inconsistent in their Manufactures«, London 1697, vertreten wurde. Dieser Titel hat sich anderthalb Jahrhunderte später, wenn auch in einem ganz anderen Sinne, auf sonderbare Art bewahrheitet. Das Parlament griff hierauf ein. Durch die Regierungsakte Wilhelms III. Nr. 11 und 12, Kapitel 10, wurde angeordnet, daß das Tragen von verarbeiteter Seide wie von bedrucktem oder gefärbtem Kattun aus Indien, Persien und China verboten sei. Alle Personen, die sich im Besitz solcher Waren befänden oder solche verkauften, würden einer Geldstrafe in Höhe von 200 Pfd. St. unterworfen. Ähnliche Gesetze wurden wegen der wiederholten Beschwerden der später so »aufgeklärten« britischen Fabrikanten unter Georg I., II. und III. erlassen. So wurden also während des größeren Teils des 18. Jahrhunderts indische Manufakturwaren im allgemeinen nach England nur eingeführt, um auf dem Kontinent abgesetzt zu werden. Vom englischen Markt selbst blieben sie ausgeschlossen.

Außer diesem durch die gierigen britischen Fabrikanten veranlaßten Eingreifen des Parlaments in die ostindischen Angelegenheiten wurden bei jeder Erneuerung der Charte seitens der Kaufleute von London, Liverpool und Bristol Anstrengungen gemacht, um das Handelsmonopol der Ostindischen[153] Kompanie zu durchbrochen und sich an diesem Handel, in dem man eine wahre Goldgrube erblickte, zu beteiligen. Als Folge dieser Anstrengungen wurde in das Gesetz von 1773, durch das die Charte der Ostindischen Kompanie bis zum 1. März 1814 verlängert wurde, eine Bestimmung aufgenommen, laut welcher nahezu alle Waren von britischen Privatpersonen von England nach Indien ausgeführt und von Angestellten der Ostindischen Kompanie nach England eingeführt werden durften. Dieses Zugeständnis war jedoch an Bedingungen geknüpft, die seine Wirkung in Bezug auf das Recht der privaten Kaufleute zur Ausfuhr nach Britisch-Indien zunichte machten. 1813 war die Ostindische Kompanie nicht mehr in der Lage, dem Druck des nicht monopolisierten Handels standzuhalten. Mit Ausnahme des Monopols für den Chinahandel wurde der Handel mit Indien unter bestimmten Bedingungen für das private Unternehmertum freigegeben. Nach der Erneuerung der Charte im Jahre 1833 fielen schließlich auch diese letzten Einschränkungen: Der Kompanie wurde jeglicher Handel verboten, ihr kommerzieller Charakter wurde völlig aufgehoben und ihr Privileg, britische Staatsangehörige vom indischen Territorium fernzuhalten, annulliert.

Inzwischen machte der Handel mit Ostindien eine Reihe ernster Umwälzungen durch, die das Verhältnis der verschiedenen Klasseninteressen in England ihm gegenüber völlig veränderten. Während des gesamten 18. Jahrhunderts wurden die aus Indien nach England gebrachten Schätze weit weniger durch den verhältnismäßig geringfügigen Handel als durch direkte Ausbeutung dieses Landes und aus den aus ihm herausgepreßten, nach England überführten enormen Vermögen gewonnen. Als 1813 der Handel mit Indien freigegeben worden war, hat er sich in kürzester Zeit mehr als verdreifacht. Doch war das noch nicht alles. Der ganze Charakter des Handels wurde geändert. Bis 1813 war Indien in der Hauptsache ein exportierendes Land, während es nun zu einem importierenden wurde, und zwar mit einer solchen Geschwindigkeit, daß der Wechselkurs, der im allgemeinen 2 sh. 6 d. für die Rupie betrug, 1823 schon auf 2 sh. für die Rupie zurückgegangen war. Indien, seit undenklichen Zeiten die gewaltigste Werkstatt für Baumwollwaren, wurde nun mit englischem Garn und englischen Baumwollstoffen überschwemmt. Hatte man die einheimische indische Produktion von England ferngehalten oder nur unter den härtesten Bedingungen zugelassen, so wurde Indien nun selbst mit englischen Waren bei niedrigem, lediglich nominellem Zoll überschwemmt. Das bedeutete den Ruin der einst so berühmten einheimischen Baumwollindustrie. 1780 betrug der Wert der nach Indien ausgeführten englischen Produkte und Manufakturwaren nur 386152 Pfd. St., der Wert der während desselben Jahres ausgeführten Edelmetalle[154] 15041 Pfd. St. Der Gesamtwert der Ausfuhr im Jahre 1780 belief sich auf 12648616 Pfd. St., so daß der Handel mit Indien nur 1/32 des gesamten Außenhandels ausmachte. 1850 dagegen betrug die Ausfuhr aus Großbritannien und Irland nach Indien 8024000 Pfd. St., wovon auf Baumwollwaren allein 5220000 Pfd. St. entfielen, so daß sie mehr als 1/8 der Gesamtausfuhr und mehr als 1/4 des Baumwollaußenhandels ausmachten. Die Baumwollfabriken beschäftigten nunmehr 1/8 der Bevölkerung Großbritanniens und lieferten 1/12 des gesamten Nationaleinkommens. Nach jeder Handelskrise wurde der Handel mit Ostindien von überragender Bedeutung für die englischen Baumwollfabrikanten, und der ostindische Kontinent wurde tatsächlich zu ihrem besten Absatzmarkt. In gleichem Maße, wie die Baumwollindustrie von vitaler Bedeutung für das gesamte soziale System Großbritanniens wurde, wurde Ostindien von vitaler Bedeutung für die englische Baumwollindustrie.

Soweit waren die Interessen der Plutokratie, die Indien zu ihrem Grundeigentum gemacht, die Interessen der Oligarchie, die es mit ihren Armeen erobert, und die Interessen der Millokratie, die es mit ihren Fabrikaten überschwemmt hatten, Hand in Hand gegangen. Je mehr aber die britischen Industriellen vom indischen Markte abhängig wurden, um so mehr fühlten sie die Notwendigkeit, in Indien, nachdem sie dort die einheimische Industrie zerstört hatten, neue Produktivkräfte zu schaffen. Man kann nicht auf die Dauer ein Land mit seinen eigenen Erzeugnissen überschwemmen, wenn man ihm nicht ermöglicht, irgendwelche andere Produkte dafür in Austausch zu geben. Die englischen industriellen stellten fest, daß ihr Handel abnahm, statt zuzunehmen. In den mit 1846 abschließenden vier Jahren betrug die Einfuhr aus Großbritannien nach Indien 261 Millionen Rupien. In den mit 1850 abschließenden vier Jahren betrug sie nur 253 Millionen, während die Ausfuhr aus Indien in der ersten Periode 274 Millionen Rupien, in der zweiten Periode 254 Millionen Rupien betrug. Die Industriellen stellten fest, daß die Kaufkraft für ihre Waren in Indien auf die denkbar niedrigste Stufe gesunken war, daß der Konsum ihrer Produkte in Britisch-Westindien etwa 14 sh. im Jahre pro Kopf der Bevölkerung ausmachte, in Chile 9 sh. 3 d., in Brasilien 6 sh. 5 d., in Kuba 6 sh. 2 d., in Peru 5 sh. 7 d., in Zentralamerika 10 d., in Indien hingegen nur etwa 9 d. Dann kam die Baumwollmißernte in den Vereinigten Staaten, die den britischen Industriellen 1850 einen Verlust von 11 Millionen Pfd. St. verursachte, und sie waren erbittert, daß sie von Amerika abhängig waren und nicht statt dessen aus Ostindien Rohbaumwolle in ausreichenden Mengen erhielten. Außerdem fanden sie, daß sie bei allen Versuchen, in Indien Kapital anzulegen, auf Hindernisse und Schikanen[155] seitens der britischen Behörden in Indien stießen. So wurde Indien zum Schlachtfeld im Kampfe zwischen dem Industriekapital auf der einen und der Plutokratie und Oligarchie auf der anderen Seite. Die britischen Industriellen, ihres überwiegenden Einflusses in England sicher, verlangen jetzt die Vernichtung dieser ihnen feindlich gegenüberstehenden Mächte in Indien, die Zerstörung des dortigen gesamten alten Verwaltungsapparates und die endgültige Beseitigung der Ostindischen Kompanie.

Nun zum vierten und letzten Gesichtspunkt, von dem aus die indische Frage beurteilt werden muß. Seit 1784 sind die indischen Finanzschwierigkeiten immer größer geworden. Es besteht jetzt eine Staatsschuld von 50 Millionen Pfd. St., eine ständige Abnahme der Einnahmequellen und eine entsprechende Zunahme der Ausgaben. Ein zweifelhaftes Gleichgewicht wird durch das Ungewisse Einkommen aus der Opiumsteuer erzielt, das gegenwärtig dadurch, daß die Chinesen anfangen, selbst Mohn anzubauen, von Vernichtung bedroht wird. Die infolge des sinnlosen Krieges gegen Birma zu erwartenden Ausgaben verschärfen und erschweren die Lage noch mehr.

»Wie die Dinge liegen«, sagt Herr Dickinson, »würde der Verlust des indischen Reiches den Ruin Englands bedeuten – während die Notwendigkeit, es zu erhalten, unsere eigenen Finanzen mit Ruin bedroht.«

Ich habe damit gezeigt, wie die indische Frage zum erstenmal seit 1783 zu einer englischen Frage und einer Regierungsfrage geworden ist.[156]

Quelle:
Karl Marx, Friedrich Engels: Werke. Berlin 1960, Band 9.
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