Anhang

Kölner Kommunistenprozeß

Die in diesem Abschnitt (des »Herr Vogt«) von mir gemachten Mitteilungen über die preußische Gesandtschaft zu London und ihren Briefwechsel mit preußischen Behörden auf dem Kontinent während der Kölner Prozeßverhandlungen beruhn auf den von A. Willich in der »New-Yorker Criminal-Zeitung« April 1853 unter dem Titel »Die Opfer der Moucharderie, Rechtfertigungsschrift von Wilhelm Hirsch« veröffentlichten Selbstbekenntnissen des jetzt zu Hamburg gefangensitzenden Hirsch, der das Hauptinstrument des Polizeileutnants Greif und seines Agenten Fleury war, auch in ihrem Auftrage und unter ihrer Leitung das während des Kommunistenprozesses von Stieber vorgelegte falsche Protokollbuch schmiedete. Ich gebe hier einige Auszüge aus Hirschs Memoiren.

»Die deutschen Vereine wurden gemeinschaftlich« (während der Industrieausstellung) »von einem Polizeitriumvirat, dem Polizeirat Stieber für Preußen, einem Herrn Kubesch für Östreich und dem Polizeidirektor Huntel aus Bremen überwacht.«

Hirsch beschreibt folgendermaßen die erste Szene, die er infolge seines Angebots als Mouchard mit dem preußischen Gesandtschaftssekretär Alberts zu London hatte.

»Die Rendezvous, welche die preußische Gesandtschaft in London ihren geheimen Agenten gibt, finden in einem dazu geeigneten Lokale statt. Die Gastwirtschaft The Cock, Fleet Street, Temple Bar, fällt so wenig in die Augen, daß, wenn nicht ein goldener Hahn, Aushängeschild, ihren Eingang zeigte, ein Nichtsuchender sie schwerlich entdecken würde. Ein schmaler Eingang führte mich in das Innere dieser altenglischen Taverne, und auf meine Frage nach Mr. Charles präsentierte sich mir unter dieser Firma eine wohlbeleibte Persönlichkeit mit einem so freundlichen Lächeln, als ob wir beide bereits alte Bekannte wären. Der Beauftragte der Gesandtschaft, denn dieser war es, schien sehr heiter gestimmt, und seine Laune stärkte sich noch dermaßen in Brandy und Wasser, daß er darüber eine ganze Weile den Zweck unserer Zusammenkunft zu vergessen schien. Mr. Charles, oder wie er sich mir gleich bei seinem richtigen Namen nannte, der Gesandtschaftsschreiber Alberts, machte mich zunächst damit bekannt, daß er eigentlich nichts mit Polizelsachen zu tun habe, aber dennoch wolle er die Vermittlung übernehmen... Ein zweites Rendezvous fand in seiner damaligen Wohnung,[565] Brewer Street 39, Golden Square, statt, hier lernte ich zuerst den Polizeileutnant Greif kennen; eine Figur nach echtem Polizeischnitte, mittlerer Größe mit dunklem Haar und einem gleichfarbigen par ordre zugeschnittenen Barte, so daß der Schnurr-sich mit dem Backenbart verbindet, und freiem Kinn. Seine Augen, die nichts weniger als Geist verraten, scheinen sich durch den häufigen Umgang mit Dieben und Gaunern an ein scharfes Herausglotzen gewöhnt zu haben... Herr Greif hüllte sich, wie zu Anfang Herr Alberts, in denselben Pseudonym-Mantel und nannte sich Mr. Charles. Der neue Mr. Charles war wenigstens ernster gestimmt; er glaubte zunächst mich examinieren zu müssen... Unsere erste Zusammenkunft schloß damit, daß er mir den Auftrag erteilte, ihm genauen Bericht über alle Tätigkeit der revolutionären Emigration abzustatten... Herr Greif stellte mir das nächstemal ›seine rechte Hand‹, wie er es nannte, ›nämlich einen seiner Agenten‹, fügte er hinzu, vor. Der also Genannte war ein großer junger Mann in eleganter Kleidung, der sich mir wieder als ein Mr. Charles präsentierte; die gesamte politische Polizei scheint diesen Namen als Pseudonymus adoptiert zu haben, ich hatte es jetzt bereits mit drei Charles zu tun. Der Neuhinzugekommene schien indes bei weitem der beachtenswerteste. ›Er sei‹, wie er sagte, ›auch Revolutionär gewesen, aber es lasse sich alles machen, ich solle nur mit ihm zusammengehn.‹«

Greif verließ London für einige Zeit und schied von Hirsch

»mit der ausdrücklichen Bemerkung, daß der neue Mr. Charles stets in seinem Auftrage handle, ich dürfe kein Bedenken tragen, mich ihm zu vertrauen, wenn auch manches mir seltsam vorkommen sollte: ich dürfte daran keinen Anstoß nehmen; um mir dies deutlicher zu machen, fügte er hinzu: ›Das Ministerium bedarf zuweilen dieser oder jener Gegenstände; Dokumente sind die Hauptsache, kann man sie nicht schaffen, muß man sich doch zu helfen wissen!‹«

Hirsch erzählt weiter: Der letzte Charles sei Fleury gewesen,

»früher beschäftigt bei der Expedition der von L. Wittig redigierten ›Dresdner Zeitung‹. In Baden wurde er auf Grund überbrachter Empfehlungen aus Sachsen von der provisorischen Regierung nach der Pfalz geschickt, um die Organisation des Landsturms zu betreiben usw. Als die Preußen in Karlsruhe einrückten, wurde er gefangen usw. Er erschien plötzlich wieder in London Ende 1850 oder anfangs 1851; hier trägt er von Anfang an den Namen de Fleury und befindet sich als solcher unter den Flüchtlingen in einer, wenigstens scheinbar, schlechten Lage, bezieht mit ihnen die vom Flüchtlingskomitee errichtete Flüchtlingskaserne und genießt die Unterstützung. Anfangs Sommer 1851 verbessert sich plötzlich seine Lage, er bezieht eine anständige Wohnung und verheiratet sich Ende des Jahrs mit der Tochter eines englischen Ingenieurs. Wir sehn ihn später als Polizeiagenten in Paris... Sein wirklicher Name ist Krause, und zwar ist er der Sohn des Schuhmachers Krause, der vor etwa 15 bis 18 Jahren, wegen Ermordung der Gräfin Schönberg und deren Kammerfrau in Dresden, daselbst mit Backhof und Beseler hingerichtet wurde... Oft hat mir Fleury-Krause gesagt, er habe schon seit seinem 14. Jahre für die Regierungen gearbeitet.«

Es ist dieser Fleury-Krause, den Stieber in der öffentlichen Gerichtssitzung zu Köln als direkt unter Greif dienenden geheimen preußischen Polizeiagenten eingestand. Ich sage von Fleury in meinen »Enthüllungen über den Kommunisten-Prozeß«:[566] »Fleury ist zwar nicht die Fleur de Marie der Prostituierten der Polizei, aber Blume ist er und Blüten wird er treiben, wenn auch nur Fleurs-de-lys.« Dies hat sich gewissermaßen erfüllt. Einige Monate nach dem Kommunistenprozeß ward Fleury wegen Fälschung in England zu einigen Jahren hulks verurteilt.

»Als die rechte Hand des Polizeileutnant Greif«, sagt Hirsch, »verkehrte Fleury in dessen Abwesenheit mit der preußischen Gesandtschaft direkt.«

Mit Fleury stand in Verbindung Max Reuter, der bei Oswald Dietz, damals Archivar des Schapper-Willichschen Bundes, den Briefdiebstahl vollführte.

»Stieber«, sagt Hirsch, »war durch den Agenten des preußischen Gesandten Hatzfeldt in Paris, jenen berüchtigten Cherval, über die Briefe, welche dieser letztere selbst nach London geschrieben, unterrichtet, und ließ sich durch Reuter nur den Aufenthaltsort desselben ermitteln, worauf Fleury in Stiebers Auftrag jenen Diebstahl mit Hülfe Reuters vollführte. Dies sind die gestohlenen Briefe, die Herr Stieber sich nicht entblödet hat, offen ›als solche‹ vor dem Geschwornengericht in Köln zu deponieren... Im Herbst 1851 war Fleury gemeinsam mit Greif und Stieber in Paris gewesen, nachdem der letztere dort bereits, durch die Vermittlung des Grafen Hatzfeldt, mit jenem Cherval oder richtiger Joseph Crämer in Verbindung getreten war, mit dessen Hülfe er ein Komplott zustande zu bringen hoffte. Zu dem Ende berieten die Herren Stieber, Greif, Fleury, ferner zwei andre Polizeiagenten, Beckmann5 und Sommer in Paris, gemeinsam mit dem famosen französischen Spion Lucien de la Hodde (unter dem Namen Duprez) und erteilten ihre Instruktionen an Cherval, nach denen er seine Korrespondenzen zuzuschneiden hatte. Oft genug hat sich Fleury mir gegenüber über jene provozierte Attacke zwischen Stieber und Cherval amüsiert; und jener Schmidt, der sich in der von Cherval auf polizeilichen Befehl gegründeten Verbindung als Sekretär eines revolutionären Bundes von Straßburg und Köln einführte, jener Schmidt ist kein andrer als Herr de Fleury... Fleury war in London unzweifelhaft der einzige Agent der preußischen geheimen Polizei, und alle Anerbietungen und Vorschläge, welche der Gesandtschaft gemacht wurden, gingen durch seine Hand... seinem Urteile vertrauten sich die Herren Greif und Stieber in vielen Fällen an.«

Fleury eröffnet dem Hirsch:

»Herr Greif hat ihnen gesagt, wie man handeln muß... Die Zentralpolizei in Frankfurt ist selbst der Ansicht, daß es sich vor allem darum handelt, die Existenz der politischen Polizei sicherzustellen, durch welche Mittel wir dies tun, ist gleichgültig; ein Schritt ist getan durch das Septemberkomplott in Paris.«[567]

Greif kehrt nach London zurück, spricht seine Zufriedenheit über Hirschs Arbeiten aus, verlangt aber mehr, namentlich Berichte über »die geheimen Bundessitzungen der Partei Marx«.

»A tout prix«, schloß der Polizeileutnant, »müssen wir Berichte über die Bundessitzungen aufstellen, machen Sie es nun, wie Sie wollen, nur die Wahrscheinlichkeit müssen Sie stets nicht überschreiten, ich selbst bin zu sehr beschäftigt. Herr de Fleury wird mit Ihnen in meinem Namen zusammenarbeiten.«

Greifs damalige Beschäftigung bestand, wie Hirsch sagt, in einer Korrespondenz mit Maupas durch de la Hodde-Duprez über die zu veranstaltende Scheinflucht von Cherval und Gipperich aus dem Gefängnis St. Pélagie. Auf Hirschs Versicherung, daß

»Marx in London keinen neuen Bundes-Zentralverein gegründet habe... verabredete Greif mit Fleury, daß wir unter den gegebenen Umständen vorderhand selbst Berichte über Bundessitzungen anfertigen sollten; er, Greif, wollte die Echtheit übernehmen und vertreten, und was er vorlege, werde sowieso akzeptiert«.

Fleury und Hirsch setzen sich also an die Arbeit. »Der Inhalt« ihrer Berichte über die von Marx gehaltnen Geheim-Bundessitzungen

»wurde damit ausgefüllt«, sagt Hirsch, »daß hin und wieder Diskussionen stattgefunden, Bundesmitglieder aufgenommen, in irgendeinem Winkel Deutschlands sich eine neue Gemeinde gegründet, irgendeine neue Organisation stattgefunden, in Köln die gefangnen Freunde von Marx Aussicht oder keine Aussicht auf Befreiung hätten, daß Briefe von dem oder dem angekommen usw. Was das letztre betraf, so nahm Fleury dabei gewöhnlich Rücksicht auf Personen in Deutschland, welche bereits durch politische Untersuchungen verdächtig waren oder irgendwie eine politische Tätigkeit entfaltet hatten; sehr häufig jedoch mußte auch die Phantasie aushelfen und kam dann auch wohl einmal ein Bundesmitglied vor, dessen Namen vielleicht gar nicht in der Welt existierte. Herr Greif meinte dennoch, die Berichte wären gut und man müsse ja einmal à tout prix welche schaffen. Teilwels übernahm Fleury allein die Abfassung, meistenteils aber mußte ich ihm dabei behülflich sein, da es ihm unmöglich war, die geringste Kleinigkeit richtig zu stilisieren. So kamen die Berichte zustande, und ohne Bedenken übernahm Herr Greif die Garantie ihrer Wahrheit.«

Hirsch erzählt nun weiter, wie er und Fleury A. Ruge zu Brighton und Eduard Meyen (Tobyschen Andenkens) besuchen und ihnen Briefe und lithographierte Korrespondenzen stehlen. Nicht genug damit. Greif-Fleury mieten in der Stanburyschen Druckerei, Fetter Lane, eine lithographische Presse und machen mit Hirsch zusammen nun selbst »radikale Flugblätter«. Hier gibt es etwas zu lernen für »Demokrat« F. Zabel. Er höre:

»Das erste Flugblatt, von mir« (Hirsch) »verfaßt, war nach Fleurys Angabe ›An das Landproletariat‹ betitelt, und es gelang, einige gute Abzüge davon zustande zu bringen. Herr Greif sandte diese Abzüge als von der Marxschen Partei ausgehend ein[568] und fügte über die Entstehungsweise, um noch wahrscheinlicher zu werden, in den auf die bezeichnete Weise fabrizierten Berichten der sogenannten Bundessitzungen einige Worte über die Versendung einer solchen Flugschrift ein. Noch einmal geschah eine ähnliche Anfertigung unter dem Namen ›An die Kinder des Volkes‹, und ich weiß nicht, unter welcher Firma Herr Greif diesmal dieselbe eingeliefert hat; später hörte dieses Kunststück auf, hauptsächlich, weil soviel Geld dabei zugesetzt ist.«

Cherval trifft nun in London ein nach seiner Scheinflucht aus Paris, wird vorläufig mit Salär von 1 Pfd. 10 sh. wöchentlich an Greif attachiert,

»wofür er verpflichtet war, Berichte über den Verkehr zwischen der deutschen und französischen Emigration abzustatten«.

Im Arbeiterverein öffentlich enthüllt und als Mouchard ausgestoßen,

»stellte Cherval aus sehr erklärlichen Gründen die deutsche Emigration und ihre Organe so unbeachtenswert als möglich dar, weil es ihm ja nach dieser Seite hin total unmöglich war, auch nur etwas zu liefern. Dafür entwarf er dem Greif einen Bericht über die nichtdeutsche revolutionäre Partei, der über Münchhausen ging.«

Hirsch kehrt nun zu dem Kölner Prozeß zurück.

»Schon oftmals war Herr Greif über den Inhalt der in seinem Auftrag von Fleury verfertigten Bundesberichte, soweit sie den Kölner Prozeß betrafen, interpelliert worden... Auch bestimmte Aufträge liefen über diesen Gegenstand ein, einmal sollte Marx mit Lassalle unter einer Adresse ›Trinkhaus‹ korrespondieren, und der Herr Staatsprokurator wünschte darüber Recherchen angestellt zu sehn... Naiver erscheint ein Gesuch des Herrn Staatsprokurators, in welchem er gern genaue Aufklärung über die Geldunterstützungen, die Lassalle in Düsseldorf dem gefangnen Röser in Köln zukommen lasse, zu erhalten wünschte... das Geld sollte nämlich eigentlich aus London kommen.«

Es ist bereits Abschnitt III, 4 (des »Herr Vogt«) erwähnt, wie Fleury in Hinckeldeys Auftrag eine Person in London auftreiben sollte, die den verschwundenen Zeugen Haupt vor dem Kölner Geschworenengericht vorstelle usw. Nach ausführlicher Darstellung dieses Zwischenfalls fährt Hirsch fort:

»Herr Stieber hatte inzwischen an Greif das dringende Verlangen gestellt, womöglich Originalprotokolle über die von ihm eingesandten Bundessitzungen zu liefern. Fleury meinte, wenn man nur irgendwie Leute zur Verfügung hätte, würde er ein Originalprotokoll zustande bringen. Namentlich aber müsse man die Handschriften einiger Freunde von Marx haben. Diese letztere Bemerkung benutzte ich und wies meinerseits die Zumutung zurück; nur noch einmal kam Fleury auf diesen Gegenstand zu sprechen, dann aber schwieg er davon. Plötzlich trat um diese Zeit Herr Stieber in Köln mit einem Protokollbuch des in London tagenden Bundes-Zentralvereins hervor... Noch mehr erstaunte ich, als ich in den durch die Journale auszüglich mitgeteilten Protokollen fast aufs Haar die in Greifs Auftrag durch Fleury gefälschten Berichte erkannte. Herr Greif oder Herr Stieber selbst hatten also doch auf irgendeinem Wege eine Abschrift bewerkstelligt, denn die Protokolle in diesem angeblichen Originale trugen Unterschriften, die von Fleury eingereichten waren nie mit solchen versehn. Von Fleury[569] selbst erfuhr ich über diese wunderbare Erscheinung nur, ›daß Stieber alles zu machen wisse, die Geschichte werde Furore machen‹!«

Sobald Fleury erfuhr, daß »Marx« die wirklichen Handschriften der angeblichen Protokollunterzeichner (Liebknecht, Rings, UImer etc.) vor einem Londoner Policecourt legalisieren ließ, verfaßte er folgenden Brief:

»An das hohe Königl. Polizeipräsidium in Berlin. London d. d. in der Absicht, die Unterschriften der Unterzeichner der Bundesprotokolle als gefälscht darzustellen, beabsichtigen Marx und seine Freunde hier die Legalisation von Handschriften zu bewerkstelligen, die dann als die wirklich echten Signaturen dem Assisenhofe vorgelegt werden sollen. Jeder, der die englischen Gesetze kennt, weiß auch, daß sie sich in dieser Beziehung wenden und drehn lassen und daß derjenige, welcher die Echtheit garantiert, im Grunde genommen eigentlich keine Bürgschaft leistet. Derjenige, welcher diese Mitteilung macht, scheut sich nicht, in einer Sache, wo es sich am die Wahrheit handelt, seinen Namen zu unterzeichnen. Becker, 4, Litchfield Street.«

»Fleury wußte die Adresse Beckers, eines deutschen Flüchtlings, der mit Willich in demselben Hause wohnte, so daß späterhin leicht der Verdacht der Urheberschaft auf diesen, als einen Gegner von Marx, fallen konnte... Fleury freute sich schon im voraus über den Skandal, den das dann anrichten werde. Der Brief würde dann natürlich so spät verlesen werden, meinte er, daß etwaige Zweifel über seine Echtheit erst dann erledigt werden könnten, wenn der Prozeß bereits beendigt sei... Der Brief, unterzeichnet Becker, war an das Polizeipräsidium in Berlin gerichtet, ging aber nicht nach Berlin, sondern ›an den Polizeibeamten Goldheim, Frankfurter Hof in Köln‹, und ein Kuvert zu diesem Brief ging an das Polizeipräsidium zu Berlin mit der Bemerkung auf einem einliegenden Zettel: ›Herr Stieber zu Köln wird genaue Auskunft über den Zweck, geben...‹ Herr Stieber hat keinen Gebrauch von dem Briefe gemacht; er konnte keinen Gebrauch davon machen, weil er gezwungen war, das ganze Protokollbuch fallenzulassen.«

In bezug auf letztres sagt Hirsch:

»Herr Stieber erklärt« (vor Gericht), »er habe dasselbe vierzehn Tage vorher in Händen gehabt und sich besonnen, ehe er Gebrauch davon gemacht; er erklärt weiter, es sei ihm durch einen Kurier in der Person Greifs zugekommen... Greif hätte ihm mithin seine eigne Arbeit überbracht; – wie stimmt dies aber mit einem Schreiben des Herrn Goldheim überein? Herr Goldheim schreibt an die Gesandtschaft: ›Man habe das Protokollbuch nur deshalb so spät gebracht, um dem Erfolge etwaiger Interpellationen über seine Echtheit zu entgehn‹...«

Freitag, den 29. Oktober, langte Herr Goldheim in London an.

»Herr Stieber hatte nämlich die Unmöglichkeit vor Augen, die Echtheit des Protokollbuchs aufrechterhalten zu können, er schickte deshalb einen Deputierten, um an Ort und Stelle mit Fleury darüber zu verhandeln; die Frage war, ob man nicht auf irgendeinem Wege eine Beweisführung herbeischaffen könne. Seine Besprechungen blieben fruchtlos, und er reiste resultatlos wieder ab, indem er Fleury in einer verzweifelten Stimmung zurückließ; Stieber war nämlich entschlossen, in dem Falle, um nicht die Polizeichefs zu kompromittieren, ihn bloßzustellen. Daß dies der Grund der[570] Unruhe Fleurys war, lehrte mich erst die bald darauf folgende Erklärung des Herrn Stieber. Bestürzt griff Herr Fleury nun zu einem letzten Mittel; er brachte mir eine Handschrift, nach welcher ich eine Erklärung kopieren und mit dem Namen Liebknecht versehn dann vor dem Lord Mayor von London, unter der Angabe, daß ich Liebknecht sei, beschwören solle... Fleury sagte mir, die Handschrift rühre von demjenigen her, der das Protokollbuch geschrieben habe, und Herr Goldheim habe sie« (aus Köln) »mitgebracht. Wie aber, wenn Herr Stieber das Protokollbuch per Kurier Greif aus London empfangen hatte, wie konnte Herr Goldheim in dem Augenblicke, als Greif bereits wieder in London war, eine Handschrift des angeblichen Protokollisten aus Köln überbringen?... Was Fleury mir gab, waren nur einige Worte und die Signatur...« Hirsch »kopierte die Handschrift möglichst ähnlich und erklärte in derselben, daß der Unterzeichnete, Liebknecht nämlich, die von Marx und Konsorten geschehene Legalisation seiner Unterschrift für falsch und diese, seine Signatur, für die einzig richtige erkläre. Als ich meine Arbeit vollendet und die Handschrift in Händen hatte« (nämlich die ihm zur Kopie von Fleury übergebne Handschrift), »die ich glücklicherweise noch gegenwärtig besitze, äußerte ich Fleury zu seinem nicht geringen Erstaunen mein Bedenken und schlug ihm sein Gesuch rundweg ab. Untröstlich anfangs, erklärte er mir dann, daß er selbst die Beeidigung leisten werde... Der Sicherheit halber, meinte er, werde er die Handschrift vom preußischen Konsul kontrasignieren lassen, und er begab sich deshalb zunächst auf das Büro desselben. Ich erwartete ihn in einer Taverne; als er zurückkam, hatte er die Kontrasignatur bewerkstelligt, worauf er sich in der Absicht der Beeidigung zum Lord Mayor begab. Aber die Sache ging nicht auf dem Wege; der Lord Mayor verlangte weitere Bürgschaften, die Fleury nicht leisten konnte, und der Eidschwur unterblieb... Spätabends sah ich noch einmal und damit zum letztenmal den Herrn de Fleury. Grade heute hatte er die üble Überraschung gehabt, in der ›Kölnischen Zeitung‹ die ihn betreffende Erklärung des Herrn Stieber zu lesen! ›Aber ich weiß, Stieber konnte nicht anders, er hätte sich sonst selbst kompromittieren müssen‹, trostphilosophierte Herr de Fleury sehr richtig... ›In Berlin werde ein Schlag geschehn, wenn die Kölner verurteilt wären‹, sagte mir Herr de Fleury an einem der letzten Tage, die ich ihn sah.«

Fleurys letzte Zusammenkünfte mit Hirsch fanden statt Ende Oktober 1852; Hirschs Selbstbekenntnisse sind datiert Ende November 1852; und Ende März 1853 geschah der »Schlag in Berlin« (Ladendorfsche Verschwörung).A2

Es wird nun den Leser interessieren, zu sehn, welches Zeugnis Stieber selbst seinen beiden Spießgesellen Fleury-Krause und Hirsch ausstellt. Über ersteren heißt es im Schwarzen Buch, II, S. 69:

»Nr. 345. Krause, Carl Friedrich August, aus Dresden. Er ist der Sohn des im Jahre 1834 wegen Teilnahme an der Ermordung der Gräfin Schönberg zu Dresden hingerichteten früheren Ökonomen, dann« (nach seiner Hinrichtung?) »Getreidemäklers[571] Friedrich August Krause und der noch lebenden Witwe desselben, Johanna Rosine geb. Göllnitz, und am 9. Januar 1824 in den Weinbergshäusern bei Coswig ohnweit Dresden geboren. Seit 1. Oktober 1832 besuchte er die Armenschule zu Dresden, wurde 1836 in das Waisenhaus zu Antonstadt-Dresden aufgenommen und 1840 konfirmiert. Dann kam er zum Kaufmann Gruhle zu Dresden in die Lehre, im folgenden Jahre aber schon wegen mehrfacher Entwendungen beim Stadtgerichte in Dresden in Untersuchung und Haft, worauf ihm der erlittene Arrest als Strafe angerechnet wurde. Nach der Entlassung hielt er sich bei seiner Mutter geschäftslos auf, kam im März 1842 wegen eines Diebstahls mit Einbruch wieder in Haft und Untersuchung und erlitt eine ihm zuerkannte vierjährige Zuchthausstrafe. Am 23. Oktober 1846 kam er aus der Strafanstalt nach Dresden zurück und verkehrte nun unter den berüchtigtsten Dieben. Darauf nahm der Verein für entlassene Sträflinge sich seiner an und brachte ihn als Zigarrenmacher unter, als welcher er bis März 1848 ohne Unterbrechung mit leidlichem Betragen gearbeitet hat. Doch nun gab er sich von neuem dem Hang zur Arbeitslosigkeit hin und besuchte die politischen Vereine« (als Regierungsspion, wie er selbst dem Hirsch in London gestand, s. oben). »Anfang 1849 wurde er Kolporteur der von dem jetzt in Amerika befindlichen republikanischen Literaten E. L. Wittig aus Dresden redigierten ›Dresdner Zeitung‹, beteiligte sich im Mai 1849 als Kommandant der Barrikade an der Sophienstraße am Dresdner Aufstand und floh nach Unterdrückung desselben nach Baden, wo er namentlich mit Vollmachten der provisorischen badischen Regierung vom 10. und 23. Juni 1849 behufs Ausführung des Aufgebots zum Landsturm und behufs Erpressung von Lebensmitteln für die Insurgenten auftrat, vom preußischen Militär gefangengenommen wurde, am 8. Oktober 1849 aus Rastatt entsprang.«

(Ganz wie später Cherval aus Paris »entsprang«. Nun kommt aber das echte duftige Polizeiblümlein – man vergesse nicht, daß dies zwei Jahre nach dem Kölner Prozeß gedruckt wurde.)

»Zufolge einer in Nr. 39 des ›Berliner Publizisten‹ vom 15. Mai 1853 enthaltnen Nachricht, welche aus dem in New York im Druck erschienenen Werk des Handlungsdieners Wilhelm Hirsch aus Hamburg ›Die Opfer der Spionage‹ entnommen ist« (du ahnungsvoller Engel, du Stieber!), »trat Krause Ende 1850 oder anfangs 1851 in London unter dem Namen Charles de Fleury als politischer Flüchtling auf und hat zuerst in ärmlichen Verhältnissen gelebt, ist seit 1851 aber in bessere Lage gekommen, indem er nach seiner Aufnahme in den Kommunistenbund« (die Stieber hinzulügt) »verschiedenen Regierungen als Agent gedient hat, wobei er sich aber mannigfache Schwindeleien hat zuschulden kommen lassen.«

So bedankt sich Stieber bei seinem Freund Fleury, der übrigens, wie oben erwähnt, wenige Monate nach dem Kölner Prozeß in London wegen Fälschung zu verschiedenen Jahren Zuchthaus verurteilt wurde.

Von Ehren-Hirsch heißt es ebendaselbst, S. 58:

»Nr. 265. Hirsch, Wilhelm, Handlungsdiener aus Hamburg. Er hat sich, wie es scheint, nicht als Flüchtling« (wozu diese ganz zwecklose Lüge? Goldheim hatte ihn ja in Hamburg verhaften wollen!), »sondern freiwillig nach London gewendet, dort aber viel mit den Flüchtlingen verkehrt, namentlich hatte er sich der Kommunistenpartei angeschlossen. Er entwickelte eine doppelte Rolle. Einmal nahm er teil an den Bestrebungen der Umsturzpartei, zum andern bot er sich den Kontinentalregierungen als[572] Spion sowohl gegen politische Verbrecher als auch gegen Falschmünzer an. Er hat in dieser letzten Beziehung aber die ärgsten Betrügereien und Schwindeleien, namentlich Fälschungen, verübt, so daß vor ihm nicht genug gewarnt werden kann. Er hat sogar im Verein mit ähnlichen Subjekten selbst falsches Papiergeld gemacht, nur um für hohe Bezahlung den Polizeibehörden angeblich Falschmünzereien zu entdecken. Er wurde allmählich von beiden Seiten« (von den polizeilichen wie von den unpolizeilichen Falschmünzern?) »erkannt und hat sich jetzt von London nach Hamburg zurückgezogen, wo er in dürftigen Umständen lebt.«

So weit Stieber über seine Londoner Handlanger, deren »Wahrhaftigkeit und Zuverlässigkeit« zu beschwören er nicht müde wird. Interessant ist dabei besonders die absolute Unmöglichkeit, in der sich dieser Musterpreuße befindet, die einfache Wahrheit zu sagen. Zwischen die aus den Akten hineingenommenen – wahren und falschen – Tatsachen kann er es nicht lassen, selbst ganz zwecklose Lügen hineinzustiebern. Und darin, daß auf die Aussagen solcher gewerbsmäßigen Lügner – sie sind heute zahlreicher als je – Hunderte von Leuten zu Gefängnis verurteilt werden, darin besteht das, was man heute Staatsrettung nennt.[573]

Quelle:
Karl Marx, Friedrich Engels: Werke. Berlin 1960, Band 8, S. 471-472,565-574.
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