Dritte Rede
Über die Bildung zur Religion

[75] Was ich selbst bereitwillig eingestanden habe als tief im Charakter der Religion liegend, das Bestreben Proselyten machen zu wollen aus den Ungläubigen, das ist es doch nicht, was mich jetzt antreibt auch über die Bildung der Menschen zu dieser erhabenen Anlage und über ihre Bedingungen zu Euch zu reden. Zu jenem Endzweck kennt die Religion kein anderes Mittel, als nur dieses, daß sie sich frei äußert und mitteilt.

Wenn sie sich mit aller ihr eignen Kraft bewegt, wenn sie alle Vermögen des eignen Gemüts in dem Strom dieser Bewegung zu ihrem Dienst mit fortreißt: so erwartet sie auch daß sie hindurchdringen werde bis ins Innerste eines jeden Individuums welches in ihrer Atmosphäre atmet, daß jedes homogene Teilchen werde berührt werden, und von derselben Schwingung ergriffen zum Bewußtsein seines Daseins gelangend durch einen antwortenden, verwandten Ton das harrende Ohr des Auffordernden erfreuen werde. Nur so durch die natürlichen Äußerungen des eignen Lebens will sie das Ähnliche aufregen, und wo ihr das nicht gelingt verschmäht sie stolz jeden fremden Reiz, jedes gewalttätige Verfahren, beruhigt bei der Überzeugung, die Stunde sei noch nicht da, wo sich hier etwas ihr verschwistertes regen könne. Nicht neu ist mir dieser mißlingende Ausgang. Wie oft habe ich die Musik meiner Religion angestimmt um die Gegenwärtigen zu bewegen, von einzelnen leisen Tönen anhebend und mit jugendlichem Ungestüm sehnsuchtsvoll fortschreitend bis zur vollesten Harmonie der religiösen Gefühle: aber nichts regte sich und antwortete in ihnen! Von wie vielen werden auch diese Worte, die ich einer größern und beweglichern Atmosphäre vertraue, mit allem was sie Gutes darbieten sollten traurig zu mir zurückkehren ohne verstanden[75] zu sein, ohne auch nur die leiseste Ahndung von ihrer Absicht erweckt zu haben? Und wie oft werde ich und alle Verkündiger der Religion dieses uns von Anbeginn bestimmte Schicksal noch erneuern. Dennoch wird es uns nie quälen, denn wir wissen daß es nicht anders begegnen darf; und nie werden wir versuchen unsere Religion aufzudringen, auf irgendeinem andern Wege weder diesem noch dem künftigen Geschlechte. Da ich selbst nicht weniges an mir vermisse, was zum Ganzen der Menschheit gehört; da so Viele Vieles entbehren: welches Wunder wenn auch die Anzahl derer groß ist, denen die Religion versagt wurde. Und sie muß notwendig groß sein: denn wie kämen wir sonst zu einer Anschauung von ihr selbst und von den Grenzen welche sie nach allen Seiten hinaus den übrigen Anlagen des Menschen absteckt? woher wüßten wir wie weit er es hier und dort bringen kann ohne sie, und wo sie ihn aufhält und fördert? woher ahndeten wir, wie sie, auch ohne daß er es weiß, in ihm geschäftig ist? Besonders ist es der Natur der Dinge gemäß, daß in diesen Zeiten allgemeiner Verwirrung und Umwälzung ihr schlummernder Funke in vielen nicht aufglüht und wie liebevoll und langmütig wir sein pflegen mochten, doch nicht zum Leben gebracht wird, da er unter glücklichem Umständen sich in ihnen durch alle Hindernisse würde hindurchgearbeitet haben. Wo nichts unter allen menschlichen Dingen unerschüttert bleibt; wo jeder gerade das, was seinen Platz in der Welt bestimmt, und ihn an die irdische Ordnung der Dinge fesselt, in jedem Augenblick im Begriff sieht, nicht nur ihm zu entfliehen und sich von einem andern ergreifen zu lassen, sondern unterzugehen im allgemeinen Strudel; wo die Einen keine Anstrengung ihrer Kräfte schonen, und noch nach allen Seiten um Hilfe rufen um dasjenige festzuhalten was sie für die Angeln der Welt und der Gesellschaft der Kunst und der Wissenschaft halten die sich nun durch ein unbegreifliches Schicksal wie von selbst aus ihren innersten Gründen emporheben, und fallen lassen was sich so lange um sie bewegt hatte, und wo die Andern mit eben dem rastlosen Eifer geschäftig sind die Trümmern eingestürzter Jahrhunderte aus dem Wege zu räumen, um unter den Ersten zu sein, die sich ansiedeln auf dem fruchtbaren[76] Boden der sich unter ihnen bildet aus der schnell erkaltenden Lava des schrecklichen Vulkans; wo Jeder, auch ohne seine Stelle zu verlassen von den heftigen Erschütterungen des Ganzen so gewaltig bewegt wird, daß er in dem allgemeinen Schwindel froh sein muß, irgendeinen einzelnen Gegenstand fest genug ins Auge zu fassen, um sich an ihn halten und sich allmählich überzeugen zu können, daß doch etwas noch stehe; in einem solchen Zustande wäre es töricht zu erwarten, daß Viele geschickt sein könnten das Unendliche wahrzunehmen. Sein Anblick ist freilich mehr als je majestätisch und erhaben und in Augenblicken lassen sich bedeutendere Züge ablauschen als in Jahrhunderten: aber wer kann sich retten vor dem allgemeinen Treiben und Drängen! wer kann der Gewalt eines beschränkteren Interesses entfliehen? wer hat Ruhe und Festigkeit genug um stillzustehen und anzuschauen? Aber auch in den glücklichsten Zeiten, auch mit dem besten Willen, die Anlage zur Religion nicht nur da, wo sie ist, durch Mitteilung aufzuregen, sondern sie auch einzuimpfen und anzubilden auf jedem Wege der dazu führen könnte: wo gibt es denn einen solchen? Was durch Kunst und fremde Tätigkeit in einem Menschen gewirkt werden kann, ist nur dieses, daß Ihr ihm Eure Vorstellungen mitteilt, und ihn zu einem Magazin Eurer Ideen macht, daß Ihr sie so weit an die seinigen verflechtet bis er sich ihrer erinnert zu gelegener Zeit: aber nie könnt Ihr bewirken, daß er die welche Ihr wollt, aus sich hervorbringe. – Ihr seht den Widerspruch der den aus den Worten nicht herausgebracht werden kann. Nicht einmal gewöhnen könnt Ihr jemand auf einen bestimmten Eindruck so oft er ihm kommt eine bestimmte Gegenwirkung erfolgen zu lassen, vielweniger daß Ihr ihn dahin bringen könntet, über diese Verbindung hinauszugehen, und eine innere Tätigkeit dabei frei zu erzeugen. Kurz, auf den Mechanismus des Geistes könnt Ihr wirken, aber in die Organisation desselben, in diese geheiligte Werkstätte des Universums könnt Ihr nach Eurer Willkür nicht eindringen, da vermögt Ihr nicht irgend etwas zu ändern oder zu verschieben, wegzuschneiden oder zu ergänzen, nur zurückhalten könnt Ihr seine Entwickelung und gewaltsam einen Teil des Gewächses verstümmeln. Aus dem Innersten[77] seiner Organisation aber muß alles hervorgehen was zum wahren Leben des Menschen gehören und ein immer reger und wirksamer Trieb in ihm sein soll. Und von dieser Art ist die Religion; in dem Gemüt welches sie bewohnt, ist sie ununterbrochen wirksam und lebendig, macht Alles zu einem Gegenstande für sich, und jedes Denken und Handeln zu einem Thema ihrer himmlischen Phantasie. Alles was, wie sie, ein Kontinuum sein soll im menschlichen Gemüt, liegt weit außer dem Gebiet des Lehrens und Anbildens. Darum ist jedem, der die Religion so ansieht, Unterricht in ihr ein abgeschmacktes und sinnleeres Wort. Unsere Meinungen und Lehrsätze können wir Andern wohl mitteilen, dazu bedürfen wir nur Worte, und sie nur der auffassenden und nachbildenden Kraft des Geistes: aber wir wissen sehr wohl daß das nur die Schatten unserer Anschauungen und unserer Gefühle sind, und ohne diese mit uns zu teilen würden sie nicht verstehen was sie sagen und was sie zu denken glauben. Anschauen können wir sie nicht lehren, wir können nicht aus uns in sie übertragen die Kraft und Fertigkeit, vor welchen Gegenständen wir uns auch befinden dennoch überall das ursprüngliche Licht des Universums aus ihnen einzusaugen in unser Organ; das mimische Talent ihrer Phantasie können wir vielleicht so weit aufregen, daß es ihnen leicht wird, wenn Anschauungen der Religion ihnen mit starken Farben vorgemalt werden, einige Regungen in sich hervorzubringen die dem von ferne gleichen, wovon sie unsere Seele erfüllt sehen: aber durchdringt das ihr Wesen, ist das Religion? Wenn Ihr den Sinn für das Universum mit dem für die Kunst vergleichen wollt, so müßt Ihr diese Inhaber einer passiven Religiosität – wenn man es noch so nennen will – nicht etwa denen gegenüber stellen, die ohne selbst Kunstwerke hervorzubringen, dennoch von jedem was zu ihrer Anschauung kommt, gerührt und ergriffen werden; denn die Kunstwerke der Religion sind immer und überall ausgestellt; die ganze Welt ist eine Galerie religiöser Ansichten und ein Jeder ist mitten unter sie gestellt: sondern denen müßt Ihr sie vergleichen die nicht eher zur Empfindung gebracht werden bis man ihnen Kommentare und Phantasien über Werke der Kunst als Arzneimittel auflegt, und auch dann in einer[78] übel verstandnen Kunstsprache nur einige unpassende Worte herlallen wollen, die nicht ihr eigen sind. Das ist das Ziel alles Lehrens und absichtlichen Bildens in diesen Dingen. Zeigt mir Jemand, dem Ihr Urteilskraft, Beobachtungsgeist, Kunstgefühl oder Sittlichkeit angebildet und eingeimpft habt; dann will ich mich anheischig machen auch Religion zu lehren. Es gibt freilich in ihr ein Meistertum und eine Jüngerschaft, es gibt Einzelne, an welche Tausende sich anschließen: aber dieses Anschließen ist keine blinde Nachahmung, und Jünger sind das nicht, weil ihr Meister sie dazu gemacht hat; sondern er ist ihr Meister weil sie ihn dazu gewählt haben. Wer durch die Äußerungen seiner eignen Religion sie in Andern aufgeregt hat, der hat nun diese nicht mehr in seiner Gewalt sie bei sich zu behalten: frei ist auch ihre Religion sobald sie lebt und geht ihres eignen Weges. Sobald der heilige Funken aufglüht in einer Seele, breitet er sich aus zu einer freien und lebendigen Flamme, die aus ihrer eignen Atmosphäre ihre Nahrung saugt. Mehr oder weniger erleuchtet sie der Seele den ganzen Umfang des Universums und nach eigner Willkür kann diese sich ansiedeln auch fern von dem Punkt auf welchem sie sich zuerst erblickt hat. Nur vom Gefühl ihres Unvermögens und ihrer Endlichkeit gedrungen sich in irgendeine bestimmte Gegend niederzulassen, wählt sie ohne deshalb undankbar zu werden gegen ihren ersten Wegweiser jedes Klima, welches ihr am besten behagt, da sucht sie sich einen Mittelpunkt, bewegt sich durch freie Selbstbeschränkung in ihrer neuen Bahn, und nennt den ihren Meister, der diese ihre Lieblingsgegend zuerst aufgenommen und in ihrer Herrlichkeit dargestellt hat, seine Jüngerin durch eigne Wahl und freie Liebe.

Nicht also als ob ich Euch oder Andre bilden wollte zur Religion, oder Euch lehren wie Ihr Euch selbst absichtlich oder kunstmäßig dazu bilden müßt: ich will nicht aus dem Gebiet der Religion herausgehen, was ich somit tun würde sondern noch länger mit Euch innerhalb desselben verweilen. Das Universum bildet sich selbst seine Betrachter und Bewunderer, und wie das geschehe, wollen wir nur anschauen, soweit es sich anschauen läßt. Ihr wißt die Art wie jedes einzelne Element der Menschheit in einem Individuo erscheint,[79] hängt davon ab, wie es durch die übrigen begrenzt oder freigelassen wird; nur durch diesen allgemeinen Streit erlangt jedes in Jedem eine bestimmte Gestalt und Größe, und dieser wiederum wird nur durch die Gemeinschaft der Einzelnen und durch die Bewegung des Ganzen unterhalten. So ist Jeder und Jedes in Jedem ein Werk des Universums, und nur so kann die Religion den Menschen betrachten. In diesen Grund unseres bestimmten Seins und die religiöse Beschränkung unserer Zeitgenossen möchte ich Euch zurückführen; ich möchte Euch deutlich machen warum wir so und nicht anders sind und was geschehen müßte wenn nun unsere Grenzen auf dieser Seite sollten erweitert werden; ich wollte, Ihr könntet Euch bewußt werden wie auch Ihr durch Euer Sein und Wirken zugleich Werkzeuge des Universums seid und wie Euer auf ganz andre Dinge gerichtetes Tun Einfluß hat auf die Religion und ihren nächsten Zustand.

Der Mensch wird mit der religiösen Anlage geboren wie mit jeder andern, und wenn nur sein Sinn nicht gewaltsam unterdrückt, wenn nur nicht jede Gemeinschaft zwischen ihm und dem Universum gesperret und verrammelt wird – dies sind eingestanden die beiden Elemente der Religion – so müßte sie sich auch in Jedem unfehlbar auf seine eigne Art entwickeln; aber das ist es eben was leider von der ersten Kindheit an in so reichem Maße geschieht zu unserer Zeit. Mit Schmerzen sehe ich es täglich wie die Wut des Verstehens den Sinn gar nicht aufkommen läßt, und wie Alles sich vereinigt den Menschen an das Endliche und an einen sehr kleinen Punkt desselben zu befestigen damit das Unendliche ihm so weit als möglich aus den Augen gerückt werde. Wer hindert das Gedeihen der Religion? Nicht die Zweifler und Spötter; wenn diese auch gern den Willen mitteilen keine Religion zu haben, so stören sie doch die Natur nicht welche sie hervorbringen will; auch nicht die Sittenlosen, wie man meint, ihr Streben und Wirken ist einer ganz andern Kraft entgegengesetzt als dieser; sondern die Verständigen und praktischen Menschen, diese sind in dem jetzigen Zustande der Welt das Gegengewicht gegen die Religion, und ihr großes Übergewicht ist die Ursache, warum sie eine so dürftige und unbedeutende Rolle spielt. Von der zarten Kindheit[80] an mißhandeln sie den Menschen und unterdrücken sein Streben nach dem Höheren. Mit großer Andacht kann ich der Sehnsucht junger Gemüter nach dem Wunderbaren und Übernatürlichen zusehen. Schon mit dem Endlichen und Bestimmten zugleich suchen sie etwas Anders was sie ihm entgegensetzen können; auf allen Seiten greifen sie darnach, ob nicht etwas über die sinnlichen Erscheinungen und ihre Gesetze hinausreiche; und wie sehr auch ihre Sinne mit irdischen Gegenständen angefüllt werden, es ist immer als hätten sie außer diesen noch andre welche ohne Nahrung vergehen müßten. Das ist die erste Regung der Religion. Eine geheime unverstandne Ahndung treibt sie über den Reichtum dieser Welt hinaus; daher ist ihnen jede Spur einer andern so willkommen; daher ergötzen sie sich an Dichtungen von überirdischen Wesen, und alles wovon ihnen am klarsten ist, daß es hier nicht sein kann, umfassen sie mit aller der eifersüchtigen Liebe, die man einem Gegenstande widmet, auf den man ein offenbares Recht hat, welches man aber nicht geltend machen kann. Freilich ist es eine Täuschung, das Unendliche gerade außerhalb des Endlichen, das Entgegengesetzte außerhalb dessen zu suchen dem es entgegengesetzt wird; aber ist sie nicht höchst natürlich bei denen welche das Endliche selbst noch nicht kennen? und ist es nicht die Täuschung ganzer Völker, und ganzer Schulen der Weisheit? Wenn es Pfleger der Religion gebe unter denen die sich der werdenden Menschen annehmen, wie leicht wäre dieser von der Natur selbst veranstaltete Irrtum berichtigt, und wie begierig würde denn in helleren Zeiten die junge Seele sich den Eindrücken des Unendlichen in seiner Allgegenwart überlassen. Ehedem ließ man ihn ruhig walten; der Geschmack an grotesken Figuren, meinte man, sei der jungen Phantasie eigen in der Religion wie in der Kunst; man befriedigte ihn in reichem Maß, ja man knüpfte unbesorgt genug die ernste und heilige Mythologie, das was man selbst für Religion hielt, unmittelbar an diese luftigen Spiele der Kindheit an: Gott, Heiland und Engel waren nur eine andere Art von Feen und Sylphen. So wurde freilich durch die Dichtung frühzeitig genug der Grund gelegt zu den Usurpationen der Metaphysik über die Religion: aber der Mensch blieb doch mehr sich selbst überlassen,[81] und leichter fand ein gradsinniges, unverdorbenes Gemüt, das sich frei zu halten wußte von dem Joch des Verstehens und Disputierens, in späteren Jahren den Ausgang aus diesem Labyrinth. Jetzt hingegen wird dieser Hang von Anfang an gewaltsam unterdrückt, alles übernatürliche und wunderbare ist proskribiert, die Phantasie soll nicht mit leeren Bildern angefüllt werden, man kann ja unterdes eben so leicht Sachen hineinbringen und Vorbereitungen aufs Leben treffen. So werden die armen Seelen, die nach ganz etwas anderem dursten, mit moralischen Geschichten gelangweilt und lernen, wie schön und nützlich es ist, fein artig und verständig zu sein; sie bekommen Begriffe von gemeinen Dingen, und ohne Rücksicht auf das zu nehmen, was ihnen fehlt, reicht man ihnen noch immer mehr von dem, wovon sie schon zu viel haben. Um den Sinn einigermaßen gegen die Anmaßungen der andern Vermögen zu schützen, ist jedem Menschen ein eigner Trieb eingepflanzt, bisweilen jede andere Tätigkeit ruhen zu lassen, und nur alle Organe zu öffnen, um sich von allen Eindrücken durchdringen zu lassen; und durch eine geheime höchst wohltätige Sympathie ist dieser Trieb gerade am stärksten, wenn sich das allgemeine Leben in der eignen Brust und in der umgebenden Welt am vernehmlichsten offenbart: aber daß es ihnen nur nicht vergönnt wäre, diesem Triebe in behaglicher untätiger Ruhe nachzuhängen; denn aus dem Standpunkt des bürgerlichen Lebens ist dies Trägheit und Müßiggang. Absicht und Zweck muß in Allem sein, sie müssen immer etwas verrichten, und wenn der Geist nicht mehr dienen kann, mögen sie den Leib üben; Arbeit und Spiel, nur keine ruhige, hingegebene Beschauung, – Die Hauptsache aber ist die, daß sie Alles verstehen sollen, und mit dem Verstehen werden sie völlig betrogen um ihren Sinn: denn so wie jenes betrieben wird, ist es diesem schlechthin entgegengesetzt. Der Sinn sucht sich Objekte, er geht ihnen entgegen und bietet sich ihren Umarmungen dar; sie sollen etwas an sich tragen, was sie als sein Eigentum, als sein Werk charakterisiert, er will finden und sich finden lassen; ihrem Verstehen kommt es gar nicht darauf an, wo die Objekte herkommen; mein Gott! sie sind ja da, ein wohlerworbenes angeerbtes Gut, wie lange sind sie schon[82] aufgezählt und definiert; nehmt sie nur, wie das Leben sie bringt, denn grade die, die es bringt, müßt ihr verstehen: sich selbst welche machen und suchen wollen, das ist ja exzentrisch, es ist hochfahrend, es ist ein vergebliches Treiben, denn was fruchtets im menschlichen Leben? Freilich nichts; aber ohne das wird kein Universum gefunden. – Der Sinn strebt den ungeteilten Eindruck von etwas Ganzem zu fassen; was und wie etwas für sich ist, will er erschauen, und jedes in seinem eigentümlichen Charakter erkennen: daran ist ihrem Verstehen nichts gelegen; das Was und Wie liegt ihnen zu weit, denn sie meinen es besteht nur in dem Woher und Wozu, in welchem sie sich ewig herumdrehen. Dies ist ihr großes Ziel, der Platz, den ein Gegenstand einnimmt in der Reihe der Erscheinungen, sein Anfangen und Aufhören ist ihr Alles. Auch fragen sie nicht darnach, ob und wie das, was sie verstehen wollen, ein Ganzes ist – das würde sie freilich weit führen, und mit einer solchen Tendenz würden sie so ganz ohne Religion wohl nicht abkommen – sie wollen es ja ohnedies zerstückeln und anatomieren. So gehen sie sogar mit demjenigen um, was eben dazu da ist, den Sinn in seiner höchsten Potenz zu befriedigen, mit dem, was gleichsam ihnen zum Trotz ein Ganzes ist in sich selbst, ich meine mit allem, was Kunst ist in der Natur und in den Werken des Menschen: sie vernichten es, ehe es seine Wirkung tun kann, im Einzelnen soll es verstanden und Dies und Jenes aus abgerissenen Stücken erlernet werden. Ihr werdet zugeben müssen, daß dies in der Tat die Praxis der verständigen Leute ist; Ihr werdet gestehen daß ein reicher und kräftiger Überfluß an Sinn dazu gehört, wenn auch nur etwas davon diesen feindseligen Behandlungen entgehen soll, und daß schon um deswillen die Anzahl derer nur gering sein kann, welche sich bis zur Religion erheben. Noch mehr aber schmilzt sie dadurch zusammen, daß nun noch das mögliche geschieht, damit der Sinn, welcher noch übrig blieb, sich nur nicht aufs Universum hinwende. In den Schranken des bürgerlichen Lebens müssen sie festgehalten werden mit allem, was in ihnen ist. Alles Handeln soll sich ja doch auf dieses beziehen, und so, meinen sie, besteht auch die gepriesene innere Harmonie des Menschen in nichts anderem, als daß sich alles wieder auf[83] sein Handeln beziehe. Stoff genug, meinen sie, habe er für seinen Sinn und reiche Gemälde vor sich, wenn er auch nie aus diesem Gesichtspunkt, der zugleich sein Stand und Drehpunkt ist, herausgehe. Daher sind alle Empfindungen, welche damit nichts zu tun haben, gleichsam unnütze Ausgaben, durch welche man sich erschöpft und von denen das Gemüt möglichst abgehalten werden muß durch zweckmäßige Tätigkeit. Daher ist reine Liebe zur Dichtung und zur Kunst eine Ausschweifung, die man nur duldet, weil sie nicht ganz so arg ist als andere. So wird auch das Wissen mit einer weisen und nüchternen Mäßigung betrieben, damit es diese Grenzen nicht überschreite, und indem das Kleinste, was auf diesem Gebiet Einfluß hat, nicht aus der Acht gelassen wird, verschrein sie das Größte, eben weil es weiter zielt als etwas Sinnliches. Daß es Dinge gibt, die bis auf eine gewisse Tiefe erschöpft werden müssen, ist ihnen ein notwendiges Übel, und dankbar gegen die Götter, daß sich immer noch einige aus unbezwinglicher Neigung dazu hergeben, sehen sie diese als freiwillige Opfer mit heiligem Mitleid an. Daß es Gefühle gibt, die sich nicht zügeln lassen wollen durch ihre gebietende praktische Notwendigkeit, und daß so viele Menschen bürgerlich unglücklich oder unsittlich werden auf diesem Wege – denn auch die rechne ich zu dieser Klasse, die ein wenig über die Industrie hinausgehen und denen der sittliche Teil des bürgerlichen Lebens Alles ist – das ist der Gegenstand ihres herzlichsten Bedauerns, und sie nehmen es für einen der tiefsten Schäden der Menschheit, dem sie doch bald möglichst abgeholfen zu sehen wünschten. Das ist das große Übel, daß die guten Leute glauben, ihre Tätigkeit sei universell und die Menschheit erschöpfend, und wenn man tue, was sie tun, brauche man auch keinen Sinn, als nur für das, was man tut. Darum verstümmeln sie alles mit ihrer Schere, und nicht einmal eine originelle Erscheinung, die ein Phänomen werden könnte für die Religion, möchten sie aufkommen lassen; denn was von ihrem Punkte aus gesehen und umfaßt werden kann, das heißt Alles, was sie gelten lassen wollen, ist ein kleiner und unfruchtbarer Kreis ohne Wissenschaft, ohne Sitten, ohne Kunst, ohne Liebe, ohne Geist, und wahrlich auch ohne Buchstaben; kurz, ohne Alles, von wo aus sich die Welt entdecken[84] ließe, wenngleich mit viel hochmütigen Ansprüchen auf alles dieses. Sie freilich meinen, sie hätten die wahre und wirkliche Welt, und sie wären es eigentlich, die Alles in seinem rechten Zusammenhange nähmen. Möchten sie doch einmal einsehen, daß man jedes Ding, um es als Element des Ganzen anzuschauen, notwendig in seiner eigentümlichen Natur und in seiner höchsten Vollendung muß betrachtet haben. Denn im Universum kann es nur etwas sein durch die Totalität seiner Wirkungen und Verbindungen; auf diese kommt alles an, und um ihrer inne zu werden, muß man eine Sache nicht von einem Punkt außer ihr, sondern von ihrem eignen Mittelpunkt aus und von allen Seiten in Beziehung auf ihn betrachtet haben, das heißt, in ihrem abgesonderten Dasein, in ihrem eignen Wesen. Nur einen Gesichtspunkt zu wissen für Alles, ist gerade das Gegenteil von dem Alle zu haben für jedes, es ist der Weg, sich in gerader Richtung vom Universum zu entfernen, und in die jämmerlichste Beschränkung versunken, ein wahrer glebae adscriptus des Flecks zu wer den, auf dem man eben von Ohngefähr stehe. – Es gibt in dem Verhältnis des Menschen zu dieser Welt gewisse Übergänge ins Unendliche, durchgehauene Aussichten, vor denen jeder vorübergeführt wird, damit sein Sinn den Weg finde zum Universum, und bei deren Anblick Gefühle erregt werden, die zwar nicht unmittelbar Religion sind, aber doch, daß ich so sage, ein Schematismus derselben. Auch diese Aussichten verstopfen sie weislich, und stellen in die Öffnung so irgend etwas, womit man sonst einen unansehnlichen Platz verdeckt, ein schlechtes Bild, eine philosophische Karikatur; und wenn ihnen, wie es doch bisweilen geschieht, damit auch an ihnen die Allgewalt des Universums offenbar werde, irgendein Strahl zwischendurch in die Augen fällt, und ihre Seele sich einer schwachen Regung von jenen Empfindungen nicht erwehren kann, so ist das Unendliche nicht das Ziel, dem sie zufliegt, um daran zu ruhen, sondern wie das Merkzeichen am Ende einer Rennbahn nur der Punkt, um welchen sie sich, ohne ihn zu berühren, mit der größten Schnelligkeit herumbewegt, um nur je eher je lieber auf ihren alten Platz zurückkehren zu können. Geboren werden und[85] sterben sind solche Punkte, bei deren Wahrnehmung es uns nicht entgehen kann, wie unser eignes Ich überall vom Unendlichen umgeben ist, und die allemal eine stille Sehnsucht und eine heilige Ehrfurcht erregen; das Unermeßliche der sinnlichen Anschauung ist doch auch eine Hindeutung wenigstens auf eine andere und höhere Unendlichkeit: aber ihnen wäre eben nichts lieber, als wenn man den größten Durchmesser des Weltsystems auch brauchen könnte zu Maß und Gewicht im gemeinen Leben, wie jetzt den größten Kreis der Erde, und wenn die Anschauung von Leben und Tod sie einmal ergreift, wie viel sie auch dabei sprechen mögen von Religion, glaubt mir, es liegt ihnen nichts so am Herzen, als bei jeder Gelegenheit dieser Art unter den jungen Leuten einige zu gewinnen für den Hufeland. Gestraft sind sie freilich genug; denn da sie auf keinem höheren Standpunkt stehen, um wenigstens diese Lebensweisheit, an der sie hängen, nach Prinzipien selbst zu machen, so bewegen sie sich sklavisch und ehrerbietig in alten Formen oder ergötzen sich an kleinlichen Verbesserungen, das ist das Extrem des Nützlichen, zu dem das Zeitalter mit raschen Schritten hingeeilt ist, von der unnützen scholastischen Wortweisheit, eine neue Barbarei als ein würdiges Gegenstück der alten, das ist die schöne Frucht der väterlichen eudämonistischen Politik, die die Stelle des rohen Despotismus eingenommen hat. Wir alle sind dabei hergekommen und im frühen Keim hat die Anlage zur Religion gelitten, daß sie nicht gleichen Schritt halten kann in ihrer Entwicklung mit den übrigen. Diese Menschen – Euch mit denen ich rede, kann ich sie gar nicht beigesellen, denn sie verachten die Religion nicht, obgleich sie sie vernichten, und sie sind auch nicht Gebildete zu nennen, obwohl sie das Zeitalter bilden, und die Menschen aufklären, und dies gern tun möchten bis zur leidigen Durchsichtigkeit – Diese sind immer noch der herrschende Teil, Ihr und wir ein kleines Häufchen. Ganze Städte und Länder werden nach ihren Grundsätzen erzogen, und wenn die Erziehung überstanden ist, findet man sie wieder in der Gesellschaft, in den Wissenschaften und in der Philosophie: ja auch in dieser,[86] denn nicht nur die alte – man teilt jetzt, wie Euch bekannt sein wird, die Philosophie mit viel historischem Geist nur in die alte, neue und neueste – ist ihr eigentlicher Wohnsitz, sondern selbst die neue haben sie in Besitz genommen. Durch ihren mächtigen Einfluß auf jedes weltliche Interesse und durch den falschen Schein von Philanthropie, womit sie auch die gesellige Neigung blendet, hält diese Denkungsart noch immer die Religion im Druck und widerstrebt jeder Bewegung, durch welche sie irgendwo ihr Leben offenbaren will, mit voller Kraft. Nur bei dem stärksten Oppositionsgeist gegen diese allgemeine Tendenz kann sich also jetzt die Religion emporarbeiten, und nie in einer andern Gestalt erscheinen, als in der, welche Jenen am meisten zuwider sein muß. Denn so wie Alles dem Gesetz der Verwandtschaft folgt, so kann auch der Sinn nur da die Oberhand gewinnen, wo er einen Gegenstand in Besitz genommen hat, an dem das ihm feindselige Verstehen nur lose hängt, und den er also sich am leichtesten und mit einem Übermaß freier Kraft zueignen kann. Dieser Gegenstand aber ist die innere Welt, nicht die äußere: die erklärende Psychologie, dieses Meisterstück jener Art des Verstandes, hat zuerst, nachdem sie sich durch Unmäßigkeit erschöpft und fast ehrlos gemacht hat, der Anschauung wieder das Feld geräumt. Wer also ein religiöser Mensch ist, der ist gewiß in sich gekehrt mit seinem Sinn, in der Anschauung seiner selbst begriffen, und alles Äußere, das Intellektuelle sowohl als das physische für jetzt noch den Verständigen überlassend zum großen Ziel ihrer Untersuchungen. Ebenso finden nach demselben Gesetz diejenigen am leichtesten den Übergang zum Unendlichen, die von dem Zentralpunkt aller Gegner des Universums durch ihre Natur am weitesten abgetrieben werden. Daher kommt es denn, daß seit langem her alle wahrhaft religiösen Gemüter sich durch einen mystischen Anstrich auszeichnen, und daß alle phantastischen Naturen, die sich mit dem Realen der weltlichen Angelegenheiten nicht befassen mögen, Anfälle von Religion haben: dies ist der Charakter aller religiösen Phänomene unserer Zeit, dies sind die beiden Farben, aus denen sie immer, wenngleich in den verschiedensten Mischungen, zusammengesetzt sind. Phänomene sage ich, denn mehr ist[87] nicht zu erwarten in dieser Lage der Dinge. Den phantastischen Naturen gebricht es an durchdringendem Geist, an Fähigkeit sich des Wesentlichen zu bemächtigen. Ein leichtes abwechselndes Spiel von schönen, oft entzückenden, aber immer nur zufälligen und ganz subjektiven Kombinationen genügt ihnen und ist ihr Höchstes; ein tiefer und innerer Zusammenhang bietet sich ihren Augen vergeblich dar. Sie suchen eigentlich nur die Unendlichkeit und Allgemeinheit des reizenden Scheines – die weit weniger oder auch weit mehr ist, als wohin der Sinn wirklich reicht – an den sie gewohnt sind sich zu halten, und daher bleiben alle ihre Ansichten abgerissen und flüchtig. Bald entzündet sich ihr Gemüt, aber nur mit einer unsteten gleichsam leichtfertigen Flamme: sie haben nur Anfälle von Religion, wie sie sie haben von Kunst, von Philosophie und allem Großen und Schönen, dessen Oberfläche sie einmal an sich zieht. Denjenigen dagegen zu deren innerem Wesen die Religion gehört, deren Sinn aber immer in sich gekehrt bleibt, weil er sich eines Mehreren in der gegenwärtigen Lage der Welt nicht zu bemächtigen weiß, gebricht es zu bald an Stoff um Virtuosen oder Helden der Religion zu werden. Es gibt eine große kräftige Mystik, die auch der frivolste Mensch nicht ohne Ehrerbietung und Andacht betrachten kann, und die dem Vernünftigsten Bewunderung abnötiget durch ihre heroische Einfalt und ihre stolze Weltverachtung. Nicht eben gesättigt und überschüttet von äußeren Anschauungen des Universums, aber von jeder einzelnen durch einen geheimnisvollen Zug immer wieder zurückgetrieben auf sich selbst und sich findend als den Grundriß und Schlüssel des Ganzen, durch eine große Analogie und einen kühnen Glauben überzeugt, daß es nicht nötig sei, sich selbst zu verlassen, sondern daß der Geist genug habe an sich, um auch alles dessen, was ihm das Äußere geben könnte, inne zu werden; so verschließt er durch einen freien Entschluß die Augen auf immer gegen Alles, was nicht Er ist: aber diese Verachtung ist keine Unbekanntschaft, dieses Verschließen des Sinnes ist kein Unvermögen. So aber ist es mit den Unsrigen: sie haben nichts sehen gelernt außer sich, weil ihnen alles nur in der schlechten Manier der gemeinen Erkenntnis mehr vorgezeichnet, als[88] gezeigt worden ist, sie haben nun weder Sinn noch Licht genug übrig von ihrer Selbstbeschauung, um diese alte Finsternis zu durchdringen, und zürnend mit dem Zeitalter, dem sie Vorwürfe zu machen haben, mögen sie gar nicht mit dem zu schaffen haben, was sein Werk in ihnen ist. Darum ist das Universum in ihnen ungebildet und dürftig, sie haben zu wenig anzuschauen, und allein wie sie sind mit ihrem Sinn, gezwungen sich in einem allzuengen Kreise ewig umher zu bewegen, erstirbt ihr religiöser Sinn nach einem kränklichen Leben aus Mangel an Reiz an indirekter Schwäche. Für die, deren Sinn fürs Universum bei größerer Kraft aber ebenso weniger Bildung, sich kühn nach außen wandernd auch dort mehr und neuen Stoff sucht, gibt es ein anderes Ende, das ihr Mißverhältnis gegen die Zeit nur zu deutlich offenbart, einen sthenischen Tod, also wenn Ihr wollt, eine Euthanasie, aber eine furchtbare – den Selbstmord des Geistes, der nicht verstehend die Welt zu fassen, deren inneres Wesen, deren großer Sinn ihm fremd blieb unter den kleinlichen Ansichten seiner Erziehung, getäuscht von verwirrten Erscheinungen, hingegeben zügellosen Phantasien, suchend das Universum und seine Spuren, da wo es nimmer war, endlich unwillig den Zusammenhang des Innern und Äußern gänzlich zerreißt, den ohnmächtigen Verstand verjagt, und in einem heiligen Wahnsinn endet, dessen Quelle fast Niemand erkennt, ein lautschreiendes und doch nichtverstandenes Opfer der allgemeinen Verachtung und Mißhandlung des Innersten im Menschen. Aber doch nur ein Opfer, kein Held: wer untergeht, gemeiniglich in der letzten Prüfung, kann nicht unter die gezählt werden, welche die innersten Mysterien empfangen haben. – Diese Klage, daß es keine beständige und vor der ganzen Welt anerkannte Repräsentanten der Religion unter uns gibt, soll dennoch nicht zurücknehmen, was ich früher, wohl wissend, was ich sagte, behauptet habe, daß auch unser Zeitalter der Religion nicht ungünstiger sei, als jedes andre. Gewiß, die Masse derselben in der Welt ist nicht verringert, aber zerstückelt und zu weit auseinander getrieben; durch einen gewaltigen Druck offenbart sie sich nur in kleinen und leichten aber vielen Erscheinungen, die mehr die[89] Mannigfaltigkeit des Ganzen erhöhen, und das Auge des Beobachters ergötzen, als daß sie für sich einen großen und erhabenen Eindruck machen könnten. Die Überzeugung, daß es Viele gibt, die den frischesten Duft des jungen Lebens in heiliger Sehnsucht und Liebe zum Ewigen und Unvergänglichen ausatmen, und spät erst, vielleicht nie ganz von der Welt überwunden werden, daß es keinen gibt, dem nicht einmal wenigstens der hohe Weltgeist erschienen wäre, und dem beschämten über sich selbst, dem errötenden über seine unwürdige Beschränkung einen von jenen tiefdringenden Blicken zugeworfen hätte, die das niedergesenkte Auge fühlt, ohne sie zu sehen; – hier stehe sie noch einmal, und das Bewußtsein eines Jeden unter Euch möge sie richten. Nur an Heroen der Religion, an heiligen Seelen wie man sie ehedem sah, denen sie Alles ist, und die ganz von ihr durchdrungen sind, fehlt es diesem Geschlecht, und muß es ihm fehlen. Und so oft ich darüber nachdenke was geschehen, und welche Richtung unsere Bildung nehmen muß, wenn religiöse Menschen in einem höhern Stil wieder als seltene zwar, aber doch natürliche Produkte ihrer Zeit erscheinen sollen, so finde ich, daß Ihr durch Euer ganzes Streben – ob mit Eurem Bewußtsein mögt Ihr selbst entscheiden – einer Palingenesie der Religion nicht wenig zu Hilfe kommt, und daß teils Euer allgemeines Wirken, teils die Bestrebungen eines engeren Kreises, teils die erhabenen Ideen einiger außerordentlicher Geister im Gange der Menschheit benutzt werden zu diesem Endzweck.

Der Umfang und die Wahrheit der Anschauung hängt ab von der Schärfe und Weite des Sinnes, und der Weiseste ohne Sinn ist der Religion nicht näher als der Törichtste der einen richtigen Blick hat. Alles also muß davon anheben, daß der Sklaverei ein Ende gemacht werde, worin der Sinn der Menschen gehalten wird zum Behuf jener Verstandesübungen durch die nichts geübt wird, jener Erklärungen die nichts hell machen, jener Zerlegungen die nichts auflösen; und dies ist ein Zweck auf den Ihr Alle mit vereinten Kräften bald hinarbeiten werdet. Es ist mit den Verbesserungen der Erziehung gegangen wie mit allen Revolutionen die nicht aus den höchsten Prinzipien angefangen wurden; sie gleiten allmählich[90] wieder zurück in den alten Gang der Dinge und nur einige Veränderungen im Äußern erhalten das Andenken der anfangs für Wunder wie groß gehaltenen Begebenheit: die verständige und praktische Erziehung unterscheidet sich nur noch wenig – und dies Wenige liegt weder im Geist noch in der Wirkung – von der alten mechanischen. Dies ist Euch nicht entgangen, sie ist Euch größtenteils schon eben so verhaßt und eine reinere Idee verbreitet sich von der Heiligkeit des kindlichen Alters und von der Ewigkeit der unverletzlichen Willkür, auf deren Äußerungen man auch bei den werdenden Menschen schon warten und lauschen müsse. Bald werden diese Schranken gebrochen werden, die anschauende Kraft wird von ihrem ganzen Reiche Besitz nehmen, jedes Organ wird sich auftun und die Gegenstände werden sich auf alle Weise mit dem Menschen in Berührung setzen können. Mit dieser unbegrenzten Freiheit des Sinnes kann aber sehr wohl bestehen eine Beschränkung und feste Richtung der Tätigkeit. Dies ist die große Forderung mit welcher die Bessern unter Euch jetzt hervortreten an die Zeitgenossen und an die Nachwelt. Ihr seid müde das fruchtlose enzyklopädische Herumfahren mit anzusehen. Ihr seid selbst nur auf dem Wege dieser Selbstbeschränkung das geworden was Ihr seid, und Ihr wißt, daß es keinen andern gibt um sich zu bilden; Ihr dringt also darauf, Jeder solle etwas bestimmtes zu werden versuchen und solle irgend etwas mit Stetigkeit und ganzer Seele betreiben. Niemand kann die Wahrheit dieses Rats besser einsehen als der welcher schon zu jener Allgemeinheit des Sinnes herangereift ist, denn er muß wissen daß es keine Gegenstände geben würde, wenn nicht alles gesondert und beschränkt wäre. Und so freue auch ich mich dieser Bemühungen, und wollte sie wären schon weiter gediehen. Der Religion werden sie trefflich zu Nutze kommen. Denn gerade diese Beschränkung der Kraft, wenn nur der Sinn nicht mit beschränkt wird, bahnt ihm desto sicherer den Weg zum Unendlichen und eröffnet wieder die so lange gesperrte Gemeinschaft. Wer vieles angeschaut hat und kennt, und sich dann entschließen kann etwas Einzelnes mit ganzer Kraft und um sein selbst willen zu tun und zu fördern, der kann doch nicht anders als auch das übrige Einzelne[91] für etwas zu erkennen, was um sein selbst willen gemacht werden und da sein soll, weil er sonst sich selbst widersprechen würde, und wenn er dann was er wählte so hoch getrieben hat als er kann, so wird es ihm gerade auf dem Gipfel der Vollendung am wenigsten entgehen, daß es eben nichts ist ohne das Übrige. Dieses einem sinnigen Menschen sich überall aufdringende Anerkennen des Fremden und Vernichten des Eigenen, dieses zu gleicher Zeit geforderte Lieben und Verachten alles Endlichen und Beschränkten ist nicht möglich ohne eine dunkle Ahndung des Universums und muß notwendig eine lautere und bestimmtere Sehnsucht nach dem Unendlichen, nach dem Einem in Allem herbeiführen. Drei verschiedene Richtungen des Sinnes kennt jeder aus seinem eignen Bewußtsein, die eine nach innen zu auf das Ich selbst, die andre nach außen auf das Unbestimmte der Weltanschauung, und eine dritte die beides verbindet, indem der Sinn in ein stetes hin und her Schweben zwischen beiden versetzt nur in der unbedingten Annahme ihrer innigsten Vereinigung Ruhe findet; dies ist die Richtung auf das in sich Vollendete, auf die Kunst und ihre Werke. Nur Eine unter ihnen kann die herrschende Tendenz eines Menschen sein, aber von Jeder aus gibt es einen Weg zur Religion und sie nimmt eine eigentümliche Gestalt an nach der Verschiedenheit des Weges auf welchem sie gefunden worden ist. – Schaut Euch selbst an mit unverwandter Anstrengung, sondert alles ab, was nicht Euer Ich ist, fahrt so immer fort mit immer geschärfterem Sinn, und je mehr Ihr Euch selbst verschwindet, desto klarer wird das Universum vor Euch dastehen, desto herrlicher werdet Ihr belohnt werden für den Schreck der Selbstvernichtung durch das Gefühl des Unendlichen in Euch. Schaut außer Euch auf irgend einen Teil, auf irgend ein Element der Welt und faßt es auf in seinem ganzen Wesen, aber sucht auch alles zusammen was es ist, nicht nur in sich, sondern in Euch, in diesem und jenem und überall, wiederholt Euren Weg vom Umkreise zum Mittelpunkte immer öfter und in weitern Entfernungen: das Endliche werdet Ihr bald verlieren und das Universum gefunden haben. Ich wünschte wenn es nicht frevelhaft wäre, über sich hinaus zu wünschen, daß ich eben so klar anschauen könnte, wie der[92] Kunstsinn für sich allein übergeht in Religion, wie trotz der Ruhe in welche das Gemüt durch jeden einzelnen Genuß versenkt wird, es sich dennoch getrieben fühlt die Fortschreitungen zu machen die es zum Universum führen können. Warum sind die, welche dieses Weges gegangen sein mögen, so schweigsame Naturen? Ich kenne ihn nicht, das ist meine schärfste Beschränkung, es ist die Lücke, die ich tief fühle in meinem Wesen, aber auch mit Achtung behandle. Ich bescheide mich nicht zu sehen, aber ich – glaube; die Möglichkeit der Sache steht klar vor meinen Augen, nur daß sie mir ein Geheimnis bleiben soll. Ja, wenn es wahr ist daß es schnelle Bekehrungen gibt, Veranlassungen durch welche dem Menschen, der an nichts weniger dachte als sich über das Endliche zu erheben, in einem Moment wie durch eine innere unmittelbare Erleuchtung der Sinn fürs Universum aufgeht, und es ihn überfällt mit seiner Herrlichkeit; so glaube ich, daß mehr als irgend etwas anders der Anblick großer und erhabner Kunstwerke dieses Wunder verrichten kann; nur daß ich es nie fassen werde: doch ist dieser Glaube mehr auf die Zukunft gerichtet als auf die Vergangenheit oder die Gegenwart. Auf dem Wege der abgezogensten Selbstbeschauung das Universum zu finden war das Geschäft des uralten morgenländischen Mystizismus, der mit bewundernswerter Kühnheit das unendlich Große unmittelbar anknüpfte an das unendlich Kleine, und alles fand dicht an der Grenze des Nichts. Von der Weltanschauung weiß ich, ging jede Religion aus, deren Schematismus der Himmel war oder die organische Natur, und das vielgöttrige Ägypten war lange die vollkommenste Pflegerin dieser Sinnesart, in welcher – es läßt sich wenigstens ahnden – die reinste Anschauung des ursprünglichen Unendlichen und Lebendigen in demütiger Duldsamkeit dicht neben der finstersten Superstition und der sinnlosesten Mythologie mag gewandelt haben; von einer Kunstreligion, die Völker und Zeitalter beherrscht hatte, habe ich nie etwas vernommen. Nur das weiß ich daß sich der Kunstsinn nie jenen beiden Arten der Religion genähert hat, ohne sie mit neuer Schönheit und Heiligkeit zu überschütten und ihre ursprüngliche Beschränktheit freundlich[93] zu mildern. So wurde durch die ältere Weisen und Dichter der Griechen die Naturreligion in eine schönere und fröhlichere Gestalt umgewandelt und so erhob ihr göttlicher Plato die heiligste Mystik auf den höchsten Gipfel der Göttlichkeit und der Menschlichkeit. Laßt mich huldigen der mir unbekannten Göttin, daß sie ihn und seine Religion so sorgsam und uneigennützig gepflegt hat. Die schönste Selbstvergessenheit bewundre ich in Allem was er in heiligem Eifer gegen sie sagt, wie ein gerechter König der auch der zu weichherzigen Mutter nicht schont, denn alles galt nur dem freiwilligen Dienst den sie der unvollkommenen Naturreligion leistete. Jetzt dient sie keiner, und Alles ist anders und schlechter. Religion und Kunst stehen nebeneinander wie zwei befreundete Seelen deren innere Verwandtschaft, ob sie sie gleich ahnden, ihnen doch noch unbekannt ist. Freundliche Worte und Ergießungen des Herzens schweben ihnen immer auf den Lippen und kehren immer wieder zurück weil sie die rechte Art und den letzten Grund ihres Sinnens und Sehnens noch nicht finden können. Sie harren einer näheren Offenbarung und unter gleichem Druck leidend und seufzend sehen sie einander dulden, mit inniger Zuneigung und tiefem Gefühl vielleicht, aber doch ohne Liebe. Soll nur dieser gemeinschaftliche Druck den glücklichsten Moment ihrer Vereinigung herbeiführen? oder werdet Ihr bald einen großen Streich ausführen für die Eine, die Euch so wert ist, so wird sie gewiß eilen wenigstens mit schwesterlicher Treue sich der andern anzunehmen. – Aber für jetzt entbehren nicht nur beide Arten der Religion der Hilfe der Kunst, auch an sich ist ihr Zustand übler als sonst. Groß und prächtig strömten beide Quellen der Anschauung des Unendlichen zu einer Zeit wo wissenschaftliches Klügeln ohne wahre Prinzipien durch seine Gemeinheit der Reinigkeit des Sinnes noch nicht Abbruch tat, obschon keine für sich reich genug war um das Höchste hervorzubringen; jetzt sind sie außerdem getrübt durch den Verlust der Einfalt und durch den verderblichen Einfluß einer eingebildeten und falschen Einsicht. Wie reinigt man sie? wie schafft man ihnen Kraft und Fülle genug um zu mehr als ephemeren Produkten den Erdboden zu befruchten? Sie zusammenzuleiten und in einem Bett zu vereinigen,[94] das ist das Einzige was die Religion, auf dem Wege den wir gehen, zur Vollendung bringen kann, das wäre eine Begebenheit aus deren Schoß sie bald in einer neuen und herrlichen Gestalt bessern Zeiten entgegen gehen würde. Sehet da, das Ziel Eurer gegenwärtigen höchsten Anstrengungen ist zugleich die Auferstehung der Religion! Eure Bemühungen sind es welche diese Begebenheit herbeiführen müssen, und ich feire Euch als die, wenn gleich unabsichtliche Retter und Pfleger der Religion. Weichet nicht von Eurem Posten und Eurem Werke, bis Ihr das Innerste der Erkenntnis aufgeschlossen und in priesterlicher Demut das Heiligtum der wahren Wissenschaft eröffnet habt, wo Allen welche hinzutreten, und auch den Söhnen der Religion Alles ersetzt wird, was ein halbes Wissen und ein übermütiges Pochen darauf verlieren machte. Die Moral in ihrer züchtigen himmlischen Schönheit fern von Eifersucht und despotischem Dünkel wird ihnen selbst beim Eingang die himmlische Leier und den magischen Spiegel reichen um ihr ernstes stilles Bilden mit göttlichen Tönen zu begleiten, und es in unzähligen Gestalten immer dasselbe durch die ganze Unendlichkeit zu erblicken. Die Philosophie den Menschen erhebend zum Begriff seiner Wechselwirkung mit der Welt, ihn sich kennen lehrend nicht nur als Geschöpf, sondern als Schöpfer zugleich, wird nicht länger leiden, daß unter ihren Augen der seines Zwecks verfehlend arm und dürftig verschmachte, welcher das Auge seines Geistes standhaft in sich gekehrt hält dort das Universum zu suchen. Eingerissen ist die ängstliche Scheidewand, alles außer ihm ist nur ein andres in ihm, alles ist der Widerschein seines Geistes, so wie sein Geist der Abdruck von Allem ist; er darf sich suchen in diesem Widerschein ohne sich zu verlieren oder aus sich heraus zu gehen, er kann sich nie erschöpfen im Anschauen seiner selbst, denn Alles liegt in ihm. Die Physik stellt den, welcher um sich schaut um das Universum zu erblicken mit kühnen Schritten in den Mittelpunkt der Natur, und leidet nicht länger daß er sich fruchtlos zerstreue und bei einzelnen kleinen Zügen verweile. Er verfolgt nur das Spiel ihrer Kräfte bis in ihr geheimstes Gebiet von den unzulänglichen Vorratskammern des beweglichen Stoffs bis in die künstliche Werkstätte des organischen[95] Lebens, er ermißt ihre Macht von den Grenzen des Welten gebärenden Raumes bis in den Mittelpunkt seines eignen Ichs und findet sich überall mit ihr im ewigen Streit in unzertrennlichster Vereinigung, sich ihr innerstes Zentrum und ihre äußerste Grenze. Der Schein ist geflohen und das Wesen errungen; fest ist sein Blick und hell seine Aussicht überall unter allen Verkleidungen dasselbe erkennend und nirgends ruhend als in dem Unendlichen und Einen. Schon sehe ich einige bedeutende Gestalten eingeweiht in diese Geheimnisse aus dem Heiligtum zurückkehren, die sich nur noch reinigen und schmücken um im priesterlichen Gewände hervorzugehen. Möge denn auch die eine Göttin noch lange säumen mit ihrer hilfreichen Erscheinung, auch dafür bringt uns die Zeit einen großen und reichen Ersatz. Das größte Kunstwerk ist das, dessen Stoff die Menschheit ist welches das Universum unmittelbar bildet und für dieses muß Vielen der Sinn bald aufgehen. Denn es bildet jetzt eben mit kühner und kräftiger Kunst, und Ihr werdet die Neokoren sein, wenn die neuen Gebilde aufgestellt sind im Tempel der Zeit. Leget den Künstler aus mit Kraft und Geist, erklärt aus den frühern Werken die spätern, und diese aus jenen. Laßt uns Vergangenheit Gegenwart und Zukunft umschlingen, eine endlose Galerie der erhabensten Kunstwerke durch tausend glänzende Spiegel ewig vervielfältigt. Laßt die Geschichte, wie es derjenigen ziemt, der Welten zu Gebote stehn, mit reicher Dankbarkeit der Religion lohnen als ihrer ersten Pflegerin, und der ewigen Macht und Weisheit wahre und heilige Anbeter erwecken. Seht wie das himmlische Gewächs mitten in Euern Pflanzungen gedeiht ohne Euer Zutun. Stört es nicht und rauft es nicht aus! Es ist ein Beweis vom Wohlgefallen der Götter und von der Unvergänglichkeit Eueres Verdienstes, es ist ein Schmuck der es ziert, ein Talisman, der es schützt.[96]

Quelle:
Friedrich Schleiermacher: Über die Religion. Hamburg 1958, S. 75-97.
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