Lucius Annaeus Seneca

Trostschrift an Polybius

[90] (Ad Polybium de consolatione)


I. (XX.) (1.) [Wenn man unsern Körper mit Werken von Menschenhand] vergleicht, so sind sie dauerhaft, wenn man sie [aber] auf das Verhältniß zur Natur zurückführt, die Alles zerstört und eben dahin zurückbringt, woher sie es genommen hat, sind sie hinfällig. Denn was könnten wohl sterbliche Hände Unsterbliches schaffen? Jene sieben Wunderwerke und was etwa die Eifersucht der folgenden Jahre noch viel Bewundernswürdigeres geschaffen hat, wird man irgend einmal dem Erdboden gleich gemacht sehen. So ist es; Nichts ist ewig, Weniges von langer Dauer; das Eine ist auf diese, das Andere auf jene Art zerbrechlich; das Ende der Dinge ist verschieden, aber Alles, was angefangen hat, hört auch einmal auf. (2.) Manche drohen der Welt den Untergang, und dieses All, welches alles Göttliche und Menschliche umfaßt, wird, wenn man's glauben darf, irgend ein Tag zerstören und [wieder] in die alte Verwirrung und Finsterniß versenken. Nun so gehe denn Einer hin und beklage das Leben Einzelner; er jammerte über Carthago's, Numantia's und Corinth's Asche und wo sonst noch etwas Höheres zusammengestürzt ist, wenn sogar das untergehen wird, was keinen Raum hat, in den es fallen kann. Er gehe hin und klage das Schicksal an, das einst ein so großes Verbrechen wagen könne, auch ihn nicht zu verschonen.

II. (XXI.) (1.) Wer besitzt eine so übermüthige und zügellose Anmaßung, daß er bei diesem nothwendigen Naturgesetz, welches Alles demselben Ende zuführt, blos sich und die Seinen ausgenommen wissen und dem auch der Welt selbst drohenden Einsturze ein[92] einzelnes Haus entziehen wollte? Der größte Theil also ist, zu denken, daß uns begegnet sei, was Alle vor uns erlitten haben und Alle erleiden werden; und mir scheint die Natur das, was das Schwerste ist, deshalb Allen gemeinschaftlich gemacht zu haben, damit die Gleichmäßigkeit für die Grausamkeit des Schicksals trösten sollte. (2.) Auch das wird dir nicht wenig helfen, wenn du bedenkst, dein Schmerz werde nichts nützen, weder dem, nach dem du dich sehnst, noch dir selbst; denn du kannst nicht wünschen, daß Etwas lange währe, was vergeblich ist. Ja wenn wir durch Traurigkeit Etwas erreichen könnten, so würde ich mich nicht weigern, alle die Thränen, die mir mein Geschick noch übrig gelassen hat, für das deinige zu vergießen; ja ich würde auch jetzt noch Etwas finden, was diesen schon durch Beweinen des eigenen Schicksals erschöpften Augen entströmte, wenn es nur dir zu Gute kommen würde. Was zauberst du? Laß uns zusammen klagen und ich will deine Sache zu der meinigen machen. (3.) O Schicksal, nach dem Urtheil Aller das Unbilligste, bisher schienst du dich noch des Mannes enthalten zu haben, der durch dein Geschenk einer solchen Verehrung theilhaft geworden war, daß, was selten Einem begegnet, sein Glück dem Neide entging. Siehe, jetzt hast du ihm den größten Schmerz aufgebürdet, der ihn, so lange der Kaiser lebte, treffen konnte, und nachdem du ihn von allen Seiten umschlichen, hast du gemerkt, daß er nur auf dieser Seite deinen Schlägen zugänglich sei. (4.) Denn was solltest du ihm sonst anthun? solltest du ihm Geld entreißen? nie war er ein Sklave desselben; auch jetzt wirft er, so viel er kann, von sich, und bei so günstiger Gelegenheit dasselbe zu erwerben, sucht er keinen andern Nutzen davon, als seine Verachtung. Solltest du ihm Freunde entreißen? Du wüßtest, er sei so liebenswürdig, daß er an die Stelle der verlornen leicht wieder Andere setzen konnte. Denn ihn allein glaube ich unter Allen, die ich im kaiserlichen Palaste etwas gelten sah, als einen solchen kennen gelernt zu haben, den zum Freunde zu haben zwar Jedem Nutzen bringt, jedoch weit mehr noch Freude macht. (5.) Solltest du ihm seinen guten Ruf entreißen? Dieser steht bei ihm[93] fester, als daß er selbst von dir erschüttert werden könnte. Solltest du ihm seine gute Gesundheit entreißen? Du wußtest, daß sein Geist durch die edeln Wissenschaften, mit denen er nicht nur genährt, sondern verwachsen ist, eine solche Grundlage hat, daß er über alle Schmerzen des Körpers erhaben ist. Solltest du ihm das Leben entreißen? Wie wenig hättest du ihm [dadurch] geschadet! Der Ruhm seines Talents verspricht ihm das längste Dasein. (6.) Dafür hat er [schon] selbst gesorgt, daß er dem bessern Theile seines Wesens nach fortdauert und durch Abfassung trefflicher Werke der Beredsamkeit vor der Sterblichkeit sich schützte. So lange den Wissenschaften irgend eine Ehre gezollt, so lange die Kraft der Lateinischen oder die Anmuth der Griechischen Sprache bestehen wird, wird er fortleben mit den größten Männern, deren Geiste er sich gleich gestellt, oder, wenn dies seine Bescheidenheit zurückweist, [wenigstens] genähert hat.

III. (XXII.) (1.) Das allein also hast du dir ausgedacht, wie du ihm am meisten schaden könntest. Denn je besser Einer ist, desto öfter hat er es mit dir aufnehmen müssen, da du ohne alle Auswahl wüthest und selbst bei deinen Wohlthaten zu fürchten bist. Wie wenig kostete es dich, den Mann mit solcher Unbill verschont zu lassen, dem deine Gunst aus einem sichern Grunde zugekommen, nicht deiner Sitte nach blindlings zugefallen zu sein schien? (2.) Laß uns, wenn du willst, zu diesen Klagen noch hinzufügen, daß die Anlagen jenes Jünglings selbst in ihrer ersten Entwickelung für immer unterbrochen worden. Er war eines Bruders, wie du, würdig, du aber in der That am würdigsten, dich selbst über einen deiner unwürdigen Bruder nie betrüben zu müssen. Ihm wird ein einstimmiges Zeugniß aller Menschen ausgestellt; er wird vermißt zu deiner, er wird gepriesen zu seiner eigenen Ehre; es war Nichts an ihm, was du nicht freudig anerkannt hättest. Du wärst freilich auch gegen einen minder guten Bruder gut gewesen; an ihm aber hat sich deine brüderliche Liebe, da sie eine passende Gelegenheit gefunden, noch viel freier ergangen. (3.) Niemand hat seinen Einfluß durch ein ihm angethanes Unrecht gefühlt,[94] niemals hat er Einem mit dir, als seinem Bruder, gedroht. Nach dem Muster deiner Bescheidenheit hatte er sich gebildet und bedachte, welche Zierde, aber auch welche Last du für die Deinigen seiest. Er aber zeigte sich dieser Bürde gewachsen. O hartes und gegen keine Tugend gerechtes Geschick! Ehe noch dein Bruder sein Glück kennen lernte, wurde er hinweggerafft. Ich weiß wohl, daß mein Unwille nicht groß genug ist; denn Nichts ist schwerer, als für einen großen Schmerz entsprechende Worte zu finden. (4.) Laß uns jedoch jetzt zusammen klagen, wenn wir Etwas [dadurch] erreichen können. Was hast du gedacht, du so ungerechtes und so gewaltiges Schicksal? Hat dich deine Zärtlichkeit so schnell gereut? was ist das für eine Grausamkeit? Du wolltest mitten hinein auf Brüder einen Angriff machen und durch blutigen Raub die einträchtigste Schaar verringern, das so schön vereinigte, in keinem der Brüder ausartende Haus der trefflichsten jungen Männer in Verwirrung setzen und ihm ohne alle Ursache Abbruch thun? (5.) Nichts also hilft die sich nach jedem Gesetz pünktlich richtende Unschuld, Nichts die alterthümliche Mäßigkeit, Nichts die Macht des höchsten Glücks, Nichts die streng bewahrte Enthaltsamkeit, Nichts die reine, sich sicher fühlende Liebe zu den Wissenschaften, Nichts die von jedem Makel freie Seele? Polybius trauert, und durch den einen Bruder daran erinnert, was er auch hinsichtlich der andern fürchten könne, ist ihm sogar für den Trost in seinen Schmerzen bange. Unwürdiger Frevel! Polybius trauert und hat, obgleich ihm der Kaiser gnädig ist, einen Kummer! Darum ohne Zweifel, zügelloses Schicksal, war es dir zu thun, daß du zeigen wolltest, Niemand könne gegen dich geschützt werden, selbst vom Kaiser nicht.

IV. (XXIII.) (1.) Noch länger können wir das Schicksal anklagen, [aber] ändern können wir es nicht; es bleibt hart und unerbittlich. Niemand rührt es weder durch Vorwürfe, noch durch Thränen, noch durch Gründe; nie schont es Einen, nie läßt es Einem Etwas nach. Nun laß uns die Nichts fruchtende Thräne sparen;[95] denn leichter wird uns dieser Schmerz Jenen zugesellen, als sie uns zurückbringen. Wenn er uns auch quält, er hilft doch Nichts; im ersten besten Augenblicke müssen wir ihn aufgeben und das Gemüth von nichtigen Tröstungen und einem gewissen bittersüßen Schmerzgefühl zurückrufen. Denn macht nicht die Vernunft unsern Thränen ein Ende, das Schicksal macht es nicht. (2). Wohlan, blickte hin auf alle Menschen um dich her: überall ist reichlicher und unaufhörlicher Anlaß zum Weinen. Den Einen ruft beschwerliche Armuth zu täglicher Arbeit, den Andern quält nimmer ruhender Ehrgeiz; der Eine fürchtet den Reichthum, den er [erst] gewünscht hatte, und sein Wunsch ist ihm zur Qual geworden; den Einen plagt die Sorge, einen Andern die Mühe, einen Dritten der stets seinen Vorhof umlagernde Menschenschwarm, diesen schmerzt es, Kinder zu besitzen, Jenen sie verloren zu haben. Eher werden uns die Thränen ausgehen, als die Veranlassungen schmerzlich ergriffen zu sein. (3.) Siehst du nicht, was für ein Leben uns die Natur versprochen hat, da sie wollte, daß Weinen die erste Handlung des Menschen bei seiner Geburt sein sollte? Mit einem solchen Anfang werden wir geboren, und damit stimmt die ganze Reihe der folgenden Jahre überein. So bringen wir unser Leben hin, und deshalb muß das von uns mäßig geschehen, was wir oft zu thun genöthigt sind, und berücksichtigend, wie viel Trauriges uns noch im Rücken droht, müssen wir unsere Thränen, wo nicht beendigen, doch wenigsten aufsparen. (4.) Man hat keine Sache mehr zu schonen, als diese, von der man so oft Gebrauch machen muß. Auch das möchte dir nicht geringe Dienste leisten, wenn du bedächtest, daß dein Schmerz Niemandem weniger lieb sein kann, als dem, dem er gezollt zu werden scheint. Er will entweder nicht, daß du dich quälen sollst, oder er bemerkt es nicht; daher ist kein vernünftiger Grund zu einem solchen Liebesdienst vorhanden, der für denjenigen, welchem er gezollt wird, wenn er ihn nicht bemerkt, überflüssig, und wenn er ihn bemerkt, unangenehm ist.[96]

V. (XXIV.) (1.) Ich möchte kühn behaupten, daß es auf dem ganzen Erdkreis Niemand gibt, der an deinen Thränen Freude hätte. Wie also? eine Gesinnung, die Niemand gegen dich hegt, setzest du bei deinem Bruder voraus, daß er dir durch deine Qual schaden und dich von deinen Beschäftigungen, d.h. von den wissenschaftlichen Studien und vom Kaiser abziehen wollte? Das ist doch nicht wahrscheinlich. Denn Jener hat dir zärtliche Liebe gezollt, wie einem Bruder, Ehrfurcht, wie einem Vater, Verehrung, wie einem Vorgesetzten; er will dir ein Gegenstand der Sehnsucht sein, aber dir Qual bereiten will er nicht. Was frommt es also, dich im Schmerze zu verzehren, den, wenn anders die Verstorbenen Empfindung haben, dein Bruder geendigt wünscht? (2.) Von einem andern Bruder, dessen Gesinnung ungewiß scheinen könnte, würde ich dies Alles nur zweifelhaft äußern und sagen: Entweder wünscht dein Bruder, daß du dich mit nie versiegenden Thränen abquälst, dann ist er dieses Gefühls deines Herzens für ihn unwürdig, oder er wünscht es nicht, dann laß den für euch Beide überflüssigen Kummer; ein liebloser Bruder verdient und ein liebevoller wünscht nicht, daß man sich so nach ihm sehne. Bei diesem aber, dessen Liebe so erprobt ist, ist als gewiß anzunehmen, daß ihm Nichts schmerzlicher sein kann, als wenn dir sein Tod schmerzlich ist, wenn er dich irgendwie quält, wenn er deine Augen, die solch ein Leid durchaus nicht verdienen, durch endloses Weinen zugleich trübt und schwächt. (3.) Nichts jedoch wird deine brüderliche Liebe so sehr von nutzlosen Thränen zurückhalten, als wenn du bedenkst, daß du deinen [andern] Brüdern zum Muster dienen mußt, wie eine solche Unbill des Schicksals standhaft zu ertragen sei. Was große Feldherrn in schlimmer Lage machen, daß sie sich absichtlich heiter stellen und den schlimmen Stand der Ding durch erheuchelten Frohsinn verdecken, damit nicht die Soldaten, wenn sie den Geist ihres Feldherrn gebeugt sehen, selbst auch den Muth sinken lassen: das mußt auch du jetzt thun. (4.) Nimm eine deiner Stimmung ganz unähnliche[97] Miene an und wirf, wenn du es vermagst, überhaupt allen Schmerz von dir; wo nicht, so verbirg und verhalte ihn [wenigstens] in deinem Innern, damit er nicht zu Tage komme, und gib dir Mühe, daß deine Brüder dir nachahmen, die Alles, was sie dich thun sehen, für ehrenhaft halten und ihr Gemüth nach deinen Mienen stimmen werden. Du mußt zugleich ein Trost und ein Tröster für sie sein: du wirst aber ihrem Kummer nicht in den Weg treten können, wenn du dem eigenen nachhängst.

VI. (XXV.) (1.) Auch das vermag dich von allzu großer Trauer abzuhalten, wenn du dir selbst sagst, daß Nichts von dem, was du thust, den Blicken der Welt entzogen werden könne. Die allgemeine Stimme hat dir eine große Rolle zuertheilt: diese mußt du durchführen. Um dich her steht jene ganze Schaar von Tröstenden und sucht dein Inneres zu erforschen und prüft, wie viel Kraft es habe gegen den Schmerz und ob du blos das Glück geschickt zu benutzen wissest, oder auch das Unglück männlich zu ertragen vermögest: man beobachtet [selbst] deine Augen. (2.) Größere Freiheit in Allem findet sich bei denen, die ihre Gemüthsstimmung zu verdecken vermögen: dir ist kein Geheimniß verstattet, das Geschick hat dich in helles Tageslicht gestellt. Alle Welt wird erfahren, wie du dich bei diesem dich betroffenen Schlage benommen hast, ob du sogleich, wie du getroffen warst, die Waffen gestreckt hast, oder in Kämpferhaltung stehen geblieben bist. Längst schon haben dich sowohl die Liebe des Kaisers, als deine wissenschaftlichen Studien auf eine höhere Stufe erhoben: dir ziemt nichts Gemeines, nichts Niedriges. Was aber ist so niedrig und unmännlich, als sich dem Schmerze bis zur Verzehrung hinzugeben? (3.) Bei gleichem Trauerfalle ist doch dir nicht eben das erlaubt, was deinen Brüdern; Vieles gestattet dir die von deiner Wissenschaft und deinem Charakter gefaßte Meinung nicht; viel verlangt, viel erwartet die Welt von dir. Wolltest du, daß dir Alles erlaubt sei, so durftest du nicht die Blicke Aller auf dich lenken; nun aber mußt du leisten, so viel du allen denen versprochen hast, welche die Werke deines Geistes preisen,[98] sie abschreiben und, wenn sie auch dein Glück nicht brauchen, doch deines Geistes bedürfen. (4.) Sie sind die Wächter deines Gemüthszustandes; daher kannst du nie Etwas thun, was des Namens eines vollendeten und gebildeten Mannes unwürdig wäre, ohne daß es nicht Viele gereuen sollte, dir Bewunderung gezollt zu haben. Dir ist es nicht erlaubt, unmäßig zu weinen, und nicht blos dies steht dir nicht zu, es ist dir nicht einmal gestattet, den Schlaf auf einen Theil des Tages auszudehnen, oder aus dem Getümmel der Welt in die Stille eines ruhigen Landhauses zu flüchten, oder den von der beständigen Abwartung eines mühevollen Amtes erschöpften Körper durch eine aus freiem Entschluß unternommene Reise zu erquicken, oder den Geist durch abwechselnde Schauspiele zu beschäftigen, oder die Zeit nach deiner Willkür einzutheilen.

VII. (XXVI.) (1.) Vieles ist dir nicht gestattet, was den Niedrigsten und in irgend einem Winkel Lebenden erlaubt ist. Großes Glück ist große Knechtschaft. Du darfst Nichts nach deiner Willkür thun: so viele tausend Menschen mußt du anhören, so viele Schriften in Ordnung bringen; damit eine so große Masse aus dem ganzen Erdkreis zusammenströmender Gegenstände der gehörigen Ordnung nach dem Geiste des erhabensten Fürsten vorgelegt werden könne, mußt du den deinigen anstrengen. (2.) Es ist dir, sage ich, nicht erlaubt zu weinen, damit du viele Weinende anhören könnest; du mußt deine eigenen Thränen trocknen, um die Solcher trocknen zu können, die in Gefahr schweben und zu der Gnade des mildesten Kaisers zu gelangen trachten. Eine weitere Hülfe jedoch werden dir noch folgende gelindere Mittel leisten: wenn du Alles vergessen willst, denke an den Kaiser; erwäge, welche Treue, welchen Fleiß du seiner Huld schuldig bist, und du wirst einsehen, daß du ebensowenig dich beugen lassen darfst, als Jener. Wenn es anders – wie die[99] Fabel sagt – Einen gibt, auf dessen Schultern die Welt ruht, so ist selbst dem Kaiser, dem doch Alles erlaubt ist, eben deswegen Vieles nicht erlaubt. (3.) Aller Häuser schützt seine Wachsamkeit, Aller Muße seine Arbeit, Aller Vergnügungen seine Thätigkeit, Aller Geschäftslosigkeit seine Beschäftigung. Seitdem er sich als Kaiser dem Erdkreise geweiht, hat er seiner selbst entsagt, und den Gestirnen gleich, die nimmer rastend beständig ihre Bahnen durchlaufen, ist es ihm nie still zu stehen, noch irgend Etwas in eignem Interesse zu thun erlaubt. Sonach ist auch dir in gewisser Hinsicht derselbe Zwang auferlegt: du darfst nicht auf deinen Vortheil, auf deine Neigungen Rücksicht nehmen. (4.) So lange der Kaiser den Erdkreis besitzt, kannst du dich weder dem Vergnügen, noch dem Schmerze, noch irgend etwas Anderem widmen: ganz bist du dich dem Kaiser schuldig. Nimm nun noch dazu, daß dir, da du stets erklärst, der Kaiser sei dir theurer, als dein Leben, nicht erlaubt ist, über dein Schicksal zu klagen, so lange der Kaiser wohlbehalten ist. Ist er unverletzt, so steht es auch mit den Deinen gut; du hast Nichts verloren: nicht nur trocken, sondern auch freudestrahlend müssen deine Augen sein; in ihm hast du Alles, er ist dir anstatt alles Anderen. (5.) Du bist, was doch deinem so verständigen und frommen Gemüthe ganz fern liegt, gegen dein Glück zu wenig dankbar, wenn du dir, so lange er wohlbehalten ist, zu weinen erlaubst. Ich will dir jetzt noch ein, zwar nicht kräftigeres, doch gemüthlicheres Mittel zeigen. Wenn du dich einmal nach Hause zurückziehst, da magst du Traurigkeit zu befürchten haben; doch so lange du den Blick auf deine Gottheit richtest, wird jene keinen Zugang zu dir finden; Alles an dir wird der Kaiser besitzen; hast du dich von ihm entfernt, dann wird, gleichsam als sei ihm eine Gelegenheit gegeben, der Schmerz deiner Einsamkeit nachstellen und sich allmälig in dein ausruhendes Gemüth einschleichen. (6.) Daher darfst du nicht zulassen, daß irgend ein Augenblick[100] frei von deinen Studien sei; dann mögen sie dir deine so lang und so treu geblieben Wissenschaften dankbar beweisen, dann mögen sie dich, ihren Priester und Verehrer, sicher stellen, dann mögen dein Homer und Virgil, die sich um die Menschheit eben so verdient gemacht haben, wie du um Alle und um sie, da du Mehrere mit ihnen bekannt machen wolltest, als für die sie geschrieben hatten, viel bei dir verweilen. Sicher wirst du die ganze Zeit über sein, wo du dich ihrem Schutze anvertraut hast. Dann schreibe, so weit es dir möglich ist, die Thaten deines Kaisers, damit sie alle Jahrhunderte hindurch in einer vaterländischen Lobschrift gerühmt werden; denn er wird dir selbst für die herrlichste Darstellung und Aufbewahrung von Thatsachen Stoff und Muster zugleich darbieten.

VIII. (XXVII.) (1.) Ich wage nicht, dich dahin zu vermögen, daß du auch Fabeln und Aesopische Erzählungen, eine von römischen Talenten bis jetzt noch unversuchte Arbeit, mit der dir eigenen Anmuth [zu einem Kranze] zusammenflechtest. Es ist freilich schwer, daß ein so heftig erschüttertes Gemüth sich so schnell an solche mehr heitere Studien mache: nimm es jedoch für einen Beweis eines bereits erstarkten und sich selbst zurückgegebenen Gemüths, wenn es sich von ernsteren Schriften zu diesen ungebundnern zu wenden vermag. (2.) Bei jenen nämlich wird der Ernst des behandelten Gegenstandes selbst das, wenn auch noch kranke und mit sich selbst kämpfende Gemüth [von seinem Kummer] abziehen; diese aber, die mit erheiterter Stirn ausgearbeitet sein wollen, wird es nicht vertragen, wenn es nicht schon durchaus beruhigt ist. Daher wirst du es zuerst mit ernsteren Gegenständen beschäftigen und dann durch mehr heitere in's Gleichgewicht bringen müssen. (3.) Auch das wird dir zu großer[101] Erleichterung dienen, wenn du dich selbst oft also fragest: Betrübe ich mich denn um mein selbst willen, oder um den Dahingeschiedenen? Ist's um meinetwillen, so muß alles Gerede von meiner Zärtlichkeit aufhören und es beginnt mein Schmerz, den nur noch der eine Umstand entschuldigt, daß er mit der Ehre verträglich ist, da er, sich von der brüderlichen Liebe abwendend, auf den Vortheil Rücksicht nimmt. Nichts aber ziemt einem edeln Manne weniger, als bei der Trauer um einen Bruder eine Berechnung anzustellen. (4.) Betrübe ich mich aber um seinetwillen, so muß der eine oder der andere von beiden folgenden Fällen entscheiden. Bleibt nämlich den Verstorbenen keine Empfindung, so ist mein Bruder allen Widerwärtigkeiten des Lebens entflohen und in den Zustand zurückversetzt, in welchem er sich befand, ehe er geboren wurde, und frei von allem Uebel, fürchtet er Nichts, wünscht er Nichts, leidet er Nichts. Welcher Wahnsinn aber ist es, niemals aufzuhören um den zu trauern, der nie mehr Schmerz empfinden wird? (5.) Haben aber die Verstorbenen noch Empfindung, so frohlockt ja der Geist meines Bruders, gleichsam aus langwieriger Gefangenschaft entlassen, endlich erst im Genuß seiner Selbstständigkeit und unbeschränkten Freiheit, genießt des Anblicks der Natur der Dinge und blickt aus seiner Höhe auf alles Irdische herab, das Göttliche aber, nach dessen Wesen er so lange vergebens geforscht hat, schauet er in größerer Nähe. Weshalb also verzehre ich mich in Sehnsucht nach ihm, der entweder selig oder Nichts ist? einen Seligen zu beweinen, ist Neid, Einen, der Nichts ist, Wahnsinn.

IX. (XXVIII.) (1.) Oder beunruhigt dich etwa der Umstand, daß er großer und reichlich um ihn ausgegossener Güter zu entbehren scheint? Wenn du daran denkst, daß es viele Dinge sind, die er verloren hat, so bedenke auch, daß es noch mehrere sind, die er nun nicht [mehr] fürchtet. Kein Zorn wird ihn quälen, keine Krankheit ihn befallen, kein Argwohn reizen, kein gefräßiger und allem Wachsthum fremden Vermögens stets feindseliger Neid ihm zusetzen, keine Furcht ihn beunruhigen, keine[102] Unbeständigkeit des mit seinen Gaben so schnell wechselnden Glückes ihm seine Ruhe rauben. Wenn du richtig rechnest, so ist ihm mehr erlassen, als entrissen. (2.) Er wird nicht [mehr] des Reichthums, nicht [mehr] der Gunst genießen, in der er mit dir zugleich stand; er wird keine Wohlthaten [mehr] empfangen, keine gewähren. Hältst du ihn für unglücklich, weil er diese Dinge verloren hat, oder für selig, weil er sie nicht [mehr] begehrt? Glaube mir, seliger ist der, für den das Glück überflüssig ist, als der, dem es zu Diensten steht. Alle jene Güter, die uns mit blendender, aber trügerischer Lust ergötzen, Geld, Ehre, Macht und mehreres dergleichen, was die blinde Begierde des Menschengeschlechts anstaunt, besitzt man [nur] mit Mühe, betrachtet man [nur] mit Neid, und sie sind für diejenigen selbst, die sie schmücken, auch eine Last; sie drohen mehr, als sie nützen, sie sind schlüpfrig und unzuverlässig; nie lassen sie sich gut halten; denn gesetzt auch, man fürchtete Nichts von der Zukunft, so ist schon die Bewahrung großer Glücksgüter etwas Sorgen Machendes. (3.) Willst du denen glauben, die tiefer in die Wahrheit hineinschauen, so ist das ganze Leben eine Strafe. In dieses tiefe und unruhige Meer hinausgeschleudert, das in wechselnden Fluten sich thürmt, und uns bald durch plötzlichen Zuwachs erhebt, bald durch noch größere Verluste hinabstürzt und unaufhörlich hin und her wirft, stehen wir nie auf einer festen Stelle; wir schweben und wogen, werden Einer an den Andern angestoßen, leiden bisweilen Schiffbruch, sind [wenigstens] immer in Furcht. Für die in einem so stürmischen und jedem Unwetter ausgesetzten Meere Schiffenden gibt es keinen Hafen, als den Tod. (4.) Daher mißgönne deinem Bruder [sein Loos] nicht; er hat Ruhe, er ist endlich frei, endlich sicher, endlich unvergänglich. Zurückgelassen hat er den Kaiser und dessen ganzes Geschlecht, zurückgelassen dich sammt den [euch Beiden] gemeinsamen Brüdern. Ehe noch das Schicksal in seiner Gunst irgend Etwas änderte, hat er dem noch fest stehenden und seine Gaben mit[103] vollen Händen auf ihn häufenden den Rücken gekehrt. (5.) Er erfreut sich nun des offnen und freien Himmels; aus einem niedrigen und tiefen Orte hat er sich zu jenem emporgeschwungen, der, sei er welcher er wolle, die ihrer Fesseln entledigten Seelen in seinem seligen Schooß aufnimmt, und nun wandelt er frei umher und durchschaut mit höchster Wonne alle Güter der Natur. Du irrst: dein Bruder ist des Lichtes nicht verlustig gegangen, sondern ein gesicherteres ist ihm zu Theil geworden. Dorthin geht unser Aller gemeinsame Reise: warum [also] beweinen wir unser Loos? Er hat uns nicht verlassen, sondern ist [nur] vorausgegangen.

X. (XXIX.) (1.) Glaube mir, ein großes Glück liegt in dem Glücke zu sterben selbst. Es gibt nichts auch nur auf einen ganzen Tag hin Zuverlässiges. Wer vermag bei der so dunkeln und verhüllten Wahrheit den prophetischen Ausspruch zu thun, ob der Tod deinem Bruder übel gewollt oder ihn begünstigt hat? Auch das muß dir zu Folge deiner Gerechtigkeit in allen Dingen Trost gewähren, wenn du bedenkst, daß dir kein Unrecht dadurch widerfahren, daß du einen solchen Bruder verloren hast, sondern daß dir eine Wohlthat dadurch erwiesen worden ist, daß du seine Liebe so lange besitzen und genießen durftest. (2.) Unbillig ist, wer dem Geber nicht völlig freie Verfügung über sein Geschenk läßt, und habsüchtig, wer es nicht als Gewinn betrachtet, daß er Etwas bekomme, sondern [nur] als Verlust, daß er es wieder hergeben mußte. Undankbar ist, wer das Ende eines Vergnügens eine Kränkung nennt, thöricht, wer nur in noch vorhandenen Gütern einen Genuß findet und sich nicht auch mit entschwundenen begnügt, und die, welche dahin sind, [gerade] deshalb für sicherer hält, weil von ihnen nicht [mehr] zu befürchten ist, daß sie aufhören werden. Allzu sehr beschränkt seine Freuden, wer nur von denen Genuß zu haben glaubt, die er hat und sieht, und es für Nichts achtet, sie gehabt zu haben; denn schnell verläßt uns jede Lust, sie flieht dahin und geht vorüber und wird, fast ehe sie noch kommt, hinweggerafft.[104] (3.) Daher muß man die Seele in die Vergangenheit zurückversetzen und sich Alles, was uns je ergötzt hat, in's Gedächtniß zurückrufen und sich häufig in Gedanken damit beschäftigen. Länger und treuer ist die Erinnerung an genossene Freuden, als ihre Gegenwart. Daher rechne es unter die größten Glücksgüter, daß du einen so trefflichen Bruder gehabt hast. Du darfst nicht daran denken, wie viel länger du ihn hättest haben können, sondern wie lange du ihn gehabt hast. (4.) Die Natur hat ihn dir wie deinen übrigen Brüdern nicht zum Leibeigenen gegeben, sondern nur geliehen; als es ihr dann gefiel, hat sie ihn zurückgefordert und sich nicht nach deinem Ueberdruß an ihm, sondern nach ihrem Gesetz gerichtet. Wenn Einer unwillig darüber wäre, daß er geliehenes Geld zurückzahlen mußte, besonders solches, das er ohne Zinsen benutzen konnte, würde er nicht für einen ungerechten Mann gehalten werden? Die Natur gab deinem Bruder das Leben, sie gab es auch dir, und sie gebraucht [nur] ihr Recht, wenn sie ihr Darlehen, von wem sie will, früher eintreibt. Sie trifft keine Schuld, da ihre Bedingung bekannt war, sondern die gierige Hoffnung des Menschenherzens, welches öfters vergißt, was Naturgesetz sei, und nie seines Looses eingedenk ist, als wenn es daran gemahnt wird. (5.) Freue dich also, daß du einen so trefflichen Bruder gehabt hast und sei mit seinem Besitz und Genusse zufrieden, wenn er auch kürzer war, als dein Wunsch. Bedenke, wie höchst erfreulich es war, daß du ihn besaßest, und [nur] menschlich, daß du ihn verlorst. Denn Nichts stimmt weniger zusammen, als wenn Einer bekümmert ist, daß ihm ein solcher Bruder nicht lange genug geschenkt blieb, und sich nicht freut, daß er ihm doch geschenkt war. »Aber er ist mir unvermuthet entrissen worden«. (6.) Jeden täuscht die eigene Leichtgläubigkeit und das eigenwillige Vergessen der Sterblichkeit dessen, was er liebt. Die Natur hat Keinem eine Urkunde ausgestellt, daß sie ihr nothwendiges Gesetz nach seinem Gefallen handhaben werde. Täglich gehen Leichen von Bekannten und[105] Unbekannten an unsern Blicken vorüber: wir jedoch beachten das nicht und glauben, es komme das plötzlich, was uns doch das ganze Leben als bevorstehend verkündet. Es ist das also keine Unbilligkeit des Schicksals, sondern eine Verkehrtheit des menschlichen Gefühls, das in Allem unersättlich ist und unwillig wird, von da weggehen zu müssen, wohin es [doch nur] aus Gefälligkeit zugelassen wurde.

XI. (XXX.) (1.) Wie viel gehöriger benahm sich jener Mann, der, als ihm der Tod seines Sohnes gemeldet wurde, die eines großen Mannes würdige Aeußerung that: »Als ich ihn zeugte, wußte ich schon, daß er einst sterben werde.« Man wird sich durchaus nicht wundern, daß von einem solchen Manne ein Sohn gezeugt wurde, der muthig zu sterben verstand. Er empfing die Botschaft vom Tode seines Sohnes nicht als etwas Neues; denn was ist es denn Neues, wenn ein Mensch stirbt, dessen ganzes Leben nichts ist, als ein Ganz zum Tode? »Als ich ihn zeugte, wußte ich schon, daß er einst sterben werde.« Dann fügte er noch Folgendes hinzu, was von noch größerem Verstande und Gemüthe zeugt: »Dazu erzog ich ihn.« (2.) Wir alle werden dazu erzogen: Jeder, der in's Leben gesetzt wird, wird zum Tode bestimmt. Freuen wir uns also dessen, was uns gegeben wird, und geben wir es wieder hin, wenn es von uns zurückgefordert wird. Den Einen erfaßt das Geschick heute, den Andern morgen, [aber] Niemanden übergeht es. Daher sei unser Geist gerüstet und fürchte nie, was nothwendig ist, erwarte [aber] stets, was ungewiß ist. (3.) Was soll ich von Feldherrn und Sprößlingen der Feldherrn, oder von Männern reden, die, durch viele Consulate und Triumphe glänzend, dem unerbittlichen Schicksale erlegen sind? Haben doch ganze Reiche sammt ihren Königen und ganze Völker sammt ihren Geschlechtern den Untergang gefunden. Wir Alle, ja Alles [in der Welt] sieht seinem letzten Tage entgegen, [nur] haben nicht Alle ein gleiches Ende. Dem Einen scheidet das Leben mitten auf seiner Bahn, den Andern[106] verläßt es gleich beim Antritt derselben, einen Dritten entläßt es kaum im höchsten Greisenalter, wenn er schon ermattet den Ausgang ersehnt; bald zu dieser, bald zu jener Zeit gehen wir doch Alle demselben Orte zu. Ich weiß [daher] nicht, ob es thörichter sei, nicht an das Gesetz der Sterblichkeit zu denken, oder unverschämter, sich dagegen zu sträuben. (4.) Nun wohlan, nimm die Gesänge jener beiden Dichter zur Hand, die durch große Anstrengung deines Talents allgemein bekannt worden sind und die du so umgeschaffen hast, daß, obgleich der ganze Bau sich verändert hat, ihre anziehende Anmuth doch geblieben ist. Denn du hast sie so aus der einen Sprache in die andere übergetragen, daß – was das Allerschwierigste war – alle ihre Vorzüge dir auch in die fremde Sprache gefolgt sind. Es wird sich in jenen Schriften kein Buch finden, das dir nicht sehr viele Beispiele von dem Unbestande alles Menschlichen, von der Unzuverlässigkeit des Schicksals und von Thränen darböte, die bald aus dieser, bald aus jener Ursache fließen. (5.) Lies, mit welcher Erhebung des Geistes du gewaltige Ereignisse in Donnerworten geschildert hast, und du wirst dich schämen, plötzlich so entmuthigt zu sein und von der Erhabenheit der Rede abzufallen. Laß nicht zu, daß Jeder, der deine Schriften – – bewundert, fragen muß, wie doch ein so hinfälliger Geist so große und gediegene Gedanken habe fassen können. Wende dich vielmehr von dem, was dich quält, zu so Vielem und so Kräftigem, was dich tröstet, und blicke hin auf deine treffliche Brüder, blicke hin auf deine Gattin, blicke hin auf deinen Sohn. Zum Wohle dieser Aller hat sich das Schicksal gegen [Ueberlassung] dieses Theils mit dir[107] verglichen. Du hast [noch] Viele, in deren Besitz du dich zufrieden geben kannst.

XII. (XXXI.) (1.) Sichre dich vor der Schande, daß Alle glauben müssen, ein einziger Schmerz vermöge mehr über dich, als diese so zahlreichen Trostgründe. Du siehst ja jene alle mit dir zugleich zu Boden geschlagen und unfähig, dir beizustehen, ja du begreifst vielmehr, daß sie obendrein erwarten, von dir aufgerichtet zu werden, und daher mußt du, je weniger Gelehrsamkeit und Geisteskraft sich bei ihnen findet, um so mehr dem gemeinsamen Uebel Widerstand leisten. Selbst das aber vertritt die Stelle eines Trostes, daß man seinen Schmerz mit Vielen theilen kann; denn eben weil er sich unter Mehrere vertheilt, muß er mit einem [nur] kleinen Theile an dir haften. (2.) Ich kann nicht aufhören, dir wiederholt den Kaiser vorzuhalten. So lange er die Länder beherrscht und zeigt, um wie viel besser die Herrschaft durch Wohlthaten bewahrt wird, als durch Waffen, so lange er den menschlichen Angelegenheiten vorsteht, ist keine Gefahr, daß du irgend einen Verlust fühlest; an ihm allein hast du Schutz, hast du Trost genug. Erhebe dich, und so oft Thränen in deine Augen treten wollen, richte sie jedesmal auf den Kaiser; sie werden trocknen bei dem Anblick des so erhabenen und herrlichen Gottes. (3.) Sein Glanz wird sie blenden, daß sie auf nichts Anderes schauen können, und sie auf ihm haftend festhalten. An ihn, an dem bei Tag und Nacht deine Blicke hangen, von dem du deine Seele nie abwendest, mußt du denken, ihn mußt du gegen das Schicksal zu Hülfe rufen, und ich zweifle nicht, daß er, dessen Milde und Huld gegen alle die Seinen ja so überaus groß ist, deine Wunde bereits durch viele Trostmittel geschlossen und Manches, was deinem Schmerze wehren konnte, herbeigeschafft haben wird. Und wie? Gesetzt, er hätte Nichts dergleichen gethan, gereicht dir nicht schon der Anblick, ja der bloße Gedanke an den Kaiser sofort zum größten Troste? (4.) Mögen Götter und Göttinnen ihn lange dem Erdkreis gönnen! möge er den Thaten des göttlichen Augustus gleich kom men, dessen Jahre [aber] übertreffen! möge er, so lange er unter den Sterblichen weilt, nie erfahren, daß in seinem Hause Etwas sterblich sei! Möge er[108] durch lange, gewissenhafte Leitung in seinem Sohne dem römischen Reiche einen Beherrscher erziehen und ihn eher als Mitregenten des Vaters erblicken, als er sein Nachfolger wird. Spät und unsern Enkeln erst erscheine der Tag, wo ihn sein Geschlecht zu sich in den Himmel aufnimmt.

XIII. (XXXII.) (1.) Halte von ihm deine Hand ab, o Schicksal, und zeige nie an ihm deine Macht, außer von der Seite, wo du Segen bringst. Laß ihn der schon lange krankenden und leidenden Menschheit ein Arzt sein, laß ihn Alles, was des vorigen Kaisers Wahnsinn zerrüttet hat, wieder in gehörigen Stand zurückversetzen und wiederherstellen. Dieses Gestirn, welches dem in den Abgrund gestürzten und in Finsterniß begrabenen Erdkreise strahlend aufgegangen ist, möge ihm immerfort leuchten. (2.) Er möge Germanien zur Ruhe bringen, Britannien zugänglich machen, und väterliche sowohl, als neue Triumphe feiern, deren Zuschauer zu werden auch mir seine Gnade verspricht, die unter seinen Tugenden die erste Stelle einnimmt. Denn auch mich hat er nicht so tief gestürzt, daß er mich nicht [wieder] erheben wollte, ja er hat mich nicht einmal gestürzt, sondern den vom Schicksal Gestoßenen und Fallenden gehalten und den im Sturz Begriffenen durch Leitung seiner Götterhand an einen Verwahrungsort gebracht. Er hat beim Senate eine Fürbitte für mich eingelegt und mir das Leben nicht nur geschenkt, sondern auch erbeten. (3.) Er mag zusehen, wie er meine Sache betrachtet wissen will und wie er sie beurtheilt; entweder wird seine Gerechtigkeit sie als gut erkennen, oder seine Gnade wird sie zu einer guten machen; in beiden Fällen wird sein Verdienst um mich ein gleiches sein, mag er nun einsehen,[109] oder [nur] wollen, daß ich unschuldig sei. Inzwischen ist es mir ein großer Trost in meinem Elend, zu sehen, wie sein Erbarmen sich über den ganzen Erdkreis verbreitet, und da es aus demselben Winkel, an welchen ich gebannt bin, schon Mehrere, die bereits unter dem Schutte vieler Jahre begraben liegen, herausgearbeitet und an das Tageslicht zurückgeführt hat, so fürchte ich nicht, daß es mich allein übergehen werde. Er selbst aber kennt am besten die Zeit, wo er einem Jeden zu Hülfe kommen müsse; ich will mir alle Mühe geben, daß er nicht zu erröthen braucht, [auch] bis zu mir zu kommen. (4.) O Heil deiner Gnade, mein Kaiser, welche bewirkt, daß Verbannte unter dir ein ruhigeres Leben führen, als jüngst unter Cajus die Ersten [des Volks] führten. Sie zittern nicht, noch erwarten sie jede Stunde das Schwert, sie erbeben nicht beim Anblick eines jeden Schiffes. Durch dich haben sie, wie den Grenzpunkt eines [gegen sie] wüthenden Schicksals, so auch die Hoffnung eines bessern und Ruhe für die Gegenwart. Mögest du es erfahren, daß erst diejenigen [Bann]strahlen völlig gerecht sind, welche selbst die davon Getroffenen verehren.

XIV. (XXXIII.) (1.) Dieser Fürst also, der der gemeinsame Trost aller Menschen ist, hat, wenn mich nicht Alles täuscht, dein Gemüth bereits erquickt und bei der so großen Wunde noch wirksamere Heilmittel angewandt; er hat dich bereits auf alle Art ermuthigt, er hat bereits alle Beispiele, durch die du zur Fassung des Gemüths angetrieben werden solltest, aus seinem so überaus treuen Gedächtniß angeführt, bereits die Lehren aller Weisen mit der ihm eignen Rednergabe vorgetragen. (2.) Niemand also möchte dies Geschäft des Zuspruchs besser verrichtet haben; ein anderes Gewicht werden, wenn er spricht, die Worte haben, gleich als wären sie vom Orakel ausgegangen; die ganze Gewalt deines Schmerzes wird sein göttliches Ansehn brechen. Denke also, er spräche so zu dir: »Nicht dich allein hat sich das Schicksal ausersehen, um ihn mit so schwerer Unbill heimzusuchen; kein[110] Haus auf der ganzen Erde ist oder war ohne irgend einen Trauerfall. Ich will die gewöhnlichen Beispiele übergehen, die, obgleich unbedeutender, dennoch wunderbar sind, und dich zu den öffentlichen Jahrbüchern und Chroniken hinführen. (3.) Siehst du alle diese Ahnenbilder, welche die Vorhalle des Kaiserpalastes erfüllen? Jeder von denen, die sie darstellen, ist durch irgend einen Unfall der Seinen ausgezeichnet; jeder von diesen als Zierden ihres Jahrhunderts leuchtenden Männern ist entweder von Sehnsucht nach den Seinen gequält, oder von den Seinen mit größter Seelenpein vermißt worden. Wozu braucht ich dir den Scipio Africanus zu nennen, dem in der Verbannung der Tod seines Bruders gemeldet wurde? Derselbe Bruder, der den Bruder dem Gefängnisse hatte, konnte ihn dem Tode nicht entreißen, und wie sich die Bruderliebe des Africanus an Recht und Billigkeit kehrte, wurde Allen klar; denn an demselben Tage, wo Scipio Africanus seinen Bruder den Händen der Gerichtsdiener entrissen hatte, that er auch als Privatmann gegen das Verfahren des Volkstribuns Einspruch. Er hat jedoch des Bruders Verlust mit eben so großem Herzen ertragen, als er ihn vertheidigt hatte. (4.) Wozu soll ich den Scipio Aemilianus anführen, der fast zu derselben Zeit den Triumphzug seines Vaters und das Leichenbegängniß zweier Brüder sah? Dennoch ertrug er, ein Jüngling, ja fast noch ein Knabe, die plötzliche Leere in seiner während des Paulus Triumphzug[111] zusammensinkenden Familie mit dem hohen Muthe, womit sie ein Mann ertragen mußte, der dazu geboren war, daß entweder der Stadt Rom kein Scipio fehle, oder daß Carthago nicht stehen bleibe.«

XV. (XXXIV.) (1.) »Wozu soll ich den durch den Tod getrennten Eintrachtsbund der beiden Lucullus erwähnen? wozu die Pompejer, denen das grausame Schicksal nicht einmal das gewährte, daß sie endlich durch einen und denselben Sturz zu Grunde gingen? Zuerst überlebte Sextus Pompejus seine Schwester, durch deren Tod die Bande des so fest geschlossenen Friedens zu Rom gelöst wurden. Ebenderselbe überlebte seinen trefflichen Bruder, den das Schicksal nur deshalb so hoch erhoben hatte, um ihn eben so tief herabstürzen zu können, wie seinen Vater; und dennoch zeigte sich Sextus Pompejus nach diesem Unglücksfalle nicht nur dem Schmerze, sondern auch dem Kriege gewachsen. (2.) Von allen Seiten her bieten sich unzählige Beispiele von Brüdern dar, die durch den Tod getrennt wurden; ja im Gegentheile kaum sah man irgendwo Brüderpaare, die zusammen das Greisenalter erreichten; doch ich will mich mit Beispielen aus unserer Familie begnügen. Denn Niemand wird so baar an gesundem Menschenverstande sein, daß er klagen möchte, wenn das Schicksal über Jemanden einen Trauerfall verhängt,[112] da er weiß, daß es auch Thränen der Kaiser begehrte. Der göttliche Augustus verlor seine theure Schwester Octavia, und selbst ihn, dem sie den Himmel bestimmt hatte, hat die Natur nicht der Nothwendigkeit zu trauern enthoben; ja er hat vielmehr, von jeder Art des Verwaistseins heimgesucht, selbst den zu seinem Nachfolger bestimmten Sohn seiner Schwester verloren. (3.) Kurz, um nicht alle seine Trauerfälle einzeln aufzuzählen, er hat sowohl Eidame, als Kinder und Enkel verloren und Keiner von allen Sterblichen hat mehr als er erfahren, daß er ein Mensch sei, so lange er unter den Menschen weilte. Sein Herz jedoch, das geräumig genug für Alles war, ertrug auch so viele und so schwere Trauerfälle, und der göttliche Augustus war nicht blos Sieger über auswärtige Nationen, sondern auch über seinen Schmerz. (4.) Cajus Cäsar, des göttlichen Augustus, meines [Groß-]Oheims Sohn und Enkel, verlor in den ersten Jahren seines Jünglingsalters seinen ihm so theuren Bruder Lucius, er, ein kaiserlicher Prinz, gleichfalls einen kaiserlichen Prinzen während der Rüstungen zum Partherkriege, und wurde durch eine viel schwerere Wunde der Seele, als später des Körpers, getroffen; dennoch ertrug er beides mit eben so frommem[113] Gemüthe, als standhaftem Muthe. (5.) Der Kaiser, meines Vaters Bruder, hat meinen Vater Drusus Germanicus, seinen jüngern Bruder, der das Innere Germaniens aufschloß und die trotzigsten Völker der römischen Herrschaft unterwarf, in seinen Armen und unter seinen Küssen verloren, und dennoch nicht nur sich, sondern auch Andern ein Ziel der Trauer gesteckt, und das ganze Heer, das nicht nur betrübt, sondern wie vom Donner gerührt, sich den Leichnam seines Drusus aneignen wollte, auf die römische Trauersitte beschränkt und geurtheilt, nicht blos im Kriegsdienste, sondern auch in der Betrübniß müsse Ordnung gehalten werden. Er hätte nicht den Thränen Anderer Einhalt thun können, wenn er nicht zuerst die seinigen unterdrückt hätte.«

XVI. (XXXV.) (1.) »Mein Großvater Marcus Antonius, der Keinem nachstand, als dem, der ihn besiegte, erfuhr, als er die Staatsverfassung einrichtete und mit der Triumviralgewalt begabt Nichts über sich und, seine beiden Amtsgenossen ausgenommen, Alles unter sich erblickte, daß sein Bruder ermordet sei. Zügelloses Schicksal, wie machst du dir aus dem Unheil der Menschen selbst ein Spiel! Zu derselben Zeit, wo Marcus Antonius Schiedsrichter über Leben und Tod seiner Mitbürger war, erging der Befehl, seinen Bruder zum Tode zu führen. Jener jedoch ertrug diese schmerzliche Wunde mit derselben Geistesgröße, mit der er alles andere Unglück erduldet hatte, und seine Trauer bestand darin, daß er dem Bruder mit dem Blute von zwanzig Legionen ein Leichenopfer hielt. (2.) Doch um alle andern Beispiele zu übergehen, um auch einiger mich selbst betreffender Todesfälle zu geschweigen: zweimal hat mich das Schicksal mit der Trauer um einen Bruder heimgesucht, zweimal hat es erfahren, daß ich verwundet, aber nicht überwunden[114] werden könne. Ich habe meinen Bruder Germanicus verloren, und wie ich ihn geliebt habe, das erkennt sicherlich Jeder, der daran denkt, wie pflichttreue Brüder ihre Brüder lieben. Ich habe jedoch meine Empfindung so bemeistert, daß ich weder irgend Etwas unterließ, was man von einem guten Bruderverlangen durfte, noch Etwas that, was man an einem Fürsten tadeln konnte.« – (3.) Denke dir also, solche Beispiele führe dir der Landesvater an und zeigte dir zugleich, wie Nichts dem Schicksal heilig und unantastbar sei, welches selbst aus der Familie Leichen hinwegzuführen wagte, aus welcher es Götter hervorgehen lassen wollte. Daher verwundere sich Niemand, wenn etwas Grausames oder Unbilliges von ihm gethan wird. Denn kann es wohl von Billigkeit und Schonung gegen Privathäuser Etwas wissen, da seine unversöhnliche Wuth so oft selbst Göttersitze mit Todesfällen hat? (4.) Mögen wir also auch Schmähungen dagegen ausstoßen, und zwar nicht blos mit unserm, sondern Aller Munde: es wird sich doch nicht ändern und sich gegen alle Bitten und gegen alle Ehrenbezeugungen auflehnen. So war das Schicksal des Menschenlebens [stets], und so wird es bleiben. Nichts hat es ungewagt gelassen und Nichts wird es unversucht lassen. Gewaltthätig wird es Alles durchschreiten, wie es stets gewohnt gewesen, nachdem es selbst in solche Häuser frevelnd einzutreten gewagt hat, in die man nur durch Heiligthümer gelangt, und wird selbst über lorbeergeschmückte Pforten das Trauergewand hängen.

XVII. (XXXVI.) (1.) Das Einzige laß uns durch allgemeine Gelübde und Gebete von ihm verlangen, daß es, wenn es ihm noch nicht gefallen hat das Menschengeschlecht völlig zu vernichten, wenn es noch huldvoll auf den römischen Namen blickt, diesen Fürsten, der dem abgespannten Zustande der Menschheit[115] geschenkt ward, als eine ihm wie allen Sterblichen heilige [und unantastbare] Person betrachten, daß es von ihm Gnade lernen und gegen den mildesten aller Fürsten mild sein möge. (2.) So mußt du denn auf alle die hinblicken, die ich kurz vorher angeführt habe, und die theils [schon] in den Himmel aufgenommen, theils ihm nahe sind, und es dann mit Gleichmuth ertragen, wenn das Schicksal auch gegen dich die Hände ausstreckt, die es nicht einmal von denen fern hält, bei welchen wir schwören. Ihre Festigkeit in Ertragung und Besiegung der Schmerzen mußt du nachahmen, so weit es nur eben dem Menschen erlaubt ist, in ihre göttlichen Fußstapfen treten. (3.) Obgleich in Bezug auf andere Dinge ein großer Unterschied der Würde und des Adels [der Geburt] Statt findet, so ist doch Geisteskraft ein Gemeingut und weist Keinen als unwürdig zurück, der sich nicht selbst für ihrer unwürdig hält. Gewiß wirst du sie mit Recht nachahmen, die, obgleich sie darüber unwillig sein könnten, daß auch sie dieses Uebels nicht überhoben sind, es dennoch nicht als ein Unrecht, sondern als ein Gesetz der Menschheit betrachtet haben, daß sie in diesem einen Stücke den übrigen Menschen gleichgestellt sind, und was ihnen begegnete, weder zu hart und fühllos, noch weichlich und unmännlich ertragen haben. Denn es ist eben so wenig menschlich, seine Leiden nicht zu fühlen, als männlich, sie nicht zu ertragen. (4.) Ich kann jedoch, nachdem ich unter allen Kaisern die Runde gemacht, denen das Schicksal Brüder oder Schwestern entrissen hat, auch den [eigentlich freilich] aus der ganzen Zahl der Kaiser auszuscheidenden nicht übergehen, den die Natur zum Verderben und zur Schande der Menschheit geschaffen hat, von dem das Reich völlig zu Grunde gerichtet und in Brand gesetzt worden ist, welches jetzt die Gnade des mildesten Fürsten wieder neu gestaltet. Der Kaiser Cajus [Caligula], jener Mensch, der eben so wenig im Schmerz, als in der Freude sich fürstlich zu benehmen wußte, floh nach dem Verlust seiner Schwester Drusilla[116] den Anblick und den Umgang seiner Mitbürger, war bei der Todtenfeier seiner Schwester nicht zugegen, erwies seiner Schwester nicht die letzte Pflicht, sondern erleichterte sich das Unglück des bittersten Todesfalles auf seinem Albanum durch Würfel- und Brettspiel und anderen dergleichen absichtlich angestellten Zeitvertreib. (5.) O der Schande für das Reich! Einem römischen Kaiser diente bei der Trauer um die Schwester das Würfelspiel als Trostmittel! Derselbe Cajus ließ in seinem wahnsinnigen Unbestande bald den Bart und das Haupthaar wachsen, bald durchmaß er herumirrend die Küsten Italiens und Siciliens, und sich nie recht klar, ob er die Schwester betrauert oder [als Göttin] verehrt wissen wollte, belegte er dieselbe Zeit hindurch, wo er ihr Tempel und Kapellen errichtete, diejenigen, die ihm nicht traurig genug gewesen, mit den grausamsten Strafen. Denn er ertrug die Schläge des Unglücks mit demselben Mangel an Mäßigung, womit er, durch günstige Erfolge des Glücks gehoben, sich übermenschlich blähte. (6.) Fern sei ein solches Beispiel von jedem römischen Manne, die Trauer entweder durch unzeitige Spiele zu verscheuchen, oder durch häßlichen Schmutz und Unsauberkeit [der Kleidung noch mehr] aufzuregen, oder sich an fremden Leiden zu ergötzen, ein gar nicht menschliches Trostmittel. – Du aber brauchst in deiner Lebensweise Nichts zu ändern, weil du ja diejenigen Studien zu lieben dich ent schlossen hast, welche sowohl das Glück auf's Schönste erhöhen, als das Unglück auf's Leichteste mindern und zugleich eben so der größte Schmuck, wie der größte Trost des Menschen sind.

XVIII. (XXXVII.) (1.) Jetzt also vertiefe dich eifriger in deine Studien, jetzt umgibt dich damit wie mit einem Bollwerk der Seele, damit der Schmerz auf keiner Seite einen Zugang zu dir finde. Verlängere auch das Andenken an deinen Bruder durch irgend ein schriftliches Denkmal; denn dies ist in der Menschenwelt das einzige Werk, dem keine Zeit schaden, das kein Alter verzehren kann. Die übrigen, die durch zusammengefügte[117] Steine und Marmormassen, oder durch zu mächtiger Höhe aufgethürmte Erdhügel errichtet stehen, pflanzen das Gedächtniß nicht für lange Zeiten fort, da ja sie selbst zu Grunde gehen. (2.) Unsterblich ist [nur] ein Denkmal des Geistes; dies weihe deinem Bruder, in ihm weise ihm eine Stelle an; besser wirst du ihn durch ein immerdauerndes Geisteswerk verewigen, als durch vergeblichen Schmerz betrauern. Was aber das Schicksal selbst betrifft, so wird, wenn auch jetzt dir gegenüber seine Vertheidigung nicht geführt werden kann (denn Alles, was es gab, ist ja eben darum, weil es Etwas nahm, verachtet), dieselbe doch dann zu führen sein, wenn dich die Zeit zu einem billigern Beurtheiler desselben gemacht haben wird; denn dann wirst du dich mit ihm versöhnen können. Hat es ja doch für Vieles gesorgt, wodurch es diese Kränkung wieder gut machen könne, und wird dir auch noch Vieles geben, wodurch es dich entschädige; endlich hatte es dir ja selbst das, was es dir nahm, [erst] als Geschenk gegeben. (3.) Gebrauche also dein Talent nicht gegen dich selbst, unterstütze nicht deinen Schmerz. Allerdings vermag deine Beredtsamkeit das Kleine als groß erscheinen zu lassen und wiederum das Große zu verringern und in's Kleinste herabzuziehen: allein diese Kraft möge sie auf eine andere Zeit aufsparen, jetzt richte sie sich ganz auf deinen Trost. Dennoch siehe zu, ob nicht auch selbst dieses jetzt schon überflüssig sei; denn Manches fordert allerdings die Natur von uns, mehr [jedoch] bürden wir uns selbst ohne Grund auf. (4.) Niemals aber werde ich von dir verlangen, du solltest ganz und gar nicht trauern, obgleich ich weiß, daß sich Männer von mehr harter, als starker Lebensweisheit finden, welche behaupten, ein Weiser werde nie Schmerz fühlen. Diese, glaub' ich, sind mir nie in einen solchen Unfall gerathen, sonst hätte ihnen das Schicksal ihre übermüthige Weisheit ausgetrieben und sie auch wider Willen zum Geständniß der Wahrheit zum Geständniß der Wahrheit genöthigt. Die Vernunft möchte schon genug geleistet haben, wenn sie von dem Schmerze nur das entfernt hat, was un nöthig und überflüssig ist; daß sie ihn überhaupt gar nicht vorhanden sein lasse, darf Niemand weder hoffen noch wünschen. (5.) Lieber beobachte sie das Maß, welches weder der Lieblosigkeit nachahmt, noch der Unvernunft,[118] und halte uns in einer solchen Stimmung, wie sie einem zwar liebevollen, aber nicht außer sich gerathenen Gemüthe ziemt. Mögen immerhin die Thränen fließen, aber sie mögen auch aufhören; mögen Seufzer aus tiefer Brust aufsteigen, aber möge ihnen auch ein Ende gemacht werden. Beherrsche dein Gemüth so, daß du es sowohl Weisen als Brüdern zu Dank machen könnest. Bewirke, daß du selbst wünschest, es möge dir das Andenken an deinen Bruder oft vor die Seele treten, daß du ihn häufig in Gesprächen erwähnst und dir ihn durch beständige Erinnerung vergegenwärtigst. (6.) Dies aber wirst du erst dann erreichen können, wenn du dir sein Andenken mehr angenehm als kläglich machst; denn es ist natürlich, daß das Gemüth immer vor dem zurückflieht, worauf es mit Betrübniß wiederholt hingelenkt wird. Denke an seine Bescheidenheit, denke an seine Gewandtheit in Anordnung, seine Thätigkeit in Ausführung der Geschäfte, seine Festigkeit bei Versprechungen. Alle seine Aeußerungen und Handlungen erzähle nicht nur Andern, sondern sage sie dir auch selbst vor. Bedenke, was er war und was er von sich hoffen ließ; denn was hätte man von jenem Bruder nicht sicher verbürgen können? (7.) Dies habe ich, so gut ich konnte, mit einem durch langes Brachliegen gleichsam schon heruntergekommenen und stumpf gewordenen Geiste niedergeschrieben; und wenn es dir scheinen wird, als ob es deinem Genie zu wenig entspreche oder deinem Schmerze zu wenig Heilung gewähre, so bedenke, wie ein Mensch, den sein eigenes Unglück beschäftigt hält, nicht im Stande sei, der Tröstung eines Andern obzuliegen, und wie demjenigen nicht leicht der [rechte] Lateinische Ausdruck zu Gebote steht, den das kauderwälsche und den gebildeteren Barbaren selbst widerliche Geschrei von Barbaren umtönt.[119]

Quelle:
Seneca: Ausgewählte Schriften. Stuttgart 1867, S. 90-120.
Entstanden wahrscheinlich 43 n. Chr. Erstdruck in: Opera, herausgegeben von M. Moravus, 1. Band, Neapel 1475. Erste deutsche Übersetzung durch M. Herr unter dem Titel »Ein Trostbüchlin zum Polybio« in: Sittliche Zuchtbücher, Straßburg 1536. Der Text folgt der Übersetzung durch Albert Forbiger von 1867. Da der Text nur fragmentarisch überliefert ist, wurde er in einigen Handschriften Senecas Traktat »Vom glückselige Leben« als Kapitel 20 ff. angehängt. Darauf bezieht sich die in Klammern gesetzte zweite Zählung in römischen Zahlen.
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