Neuntes Kapitel
Weitere Untersuchungen über diese Bücher; nämlich ob Hezra die letzte Hand an sie gelegt, und ob die Randbemerkungen, die sich in mehreren hebräischen Handschriften finden, verschiedene Lesarten gewesen sind.

[142] Wie sehr die vorstehende Untersuchung über den wahren Verfasser dieser Bücher zu deren völligem Verständniss beiträgt, ergiebt sich schon aus den Stellen, die ich zur Rechtfertigung meiner Ansicht angeführt habe, und die ohnedem Jedermann völlig dunkel erscheinen müssten. Indess bleibt neben dem Verfasser noch manches Andere bei diesen Büchern zu beachten, was der gemeinsame Aberglaube der Menge hat übersehen lassen. Dazu gehört vor Allem, dass Hezra, den ich für den Verfasser derselben so lange halten werde, bis mir ein Anderer sicherer nachgewiesen sein wird, an die in diesen Büchern enthaltenen Erzählungen nicht die letzte Hand gelegt hat; vielmehr hat er die Geschichten nur von verschiedenen Schrifstellern gesammelt und oft nur einfach abgeschrieben, aber ohne Prüfung und richtige Ordnung sie der Nachwelt hinterlassen. Welche Gründe, wenn es nicht ein vorzeitiger Tod gewesen, ihn an der Vollendung dieses Werkes in aller Beziehung gehindert haben, vermag ich nicht zu errathen. Allein die Sache selbst ergiebt sich, obgleich uns diese alten Schriftsteller fehlen, doch aus den wenigen Bruchstücken, die wir von ihnen haben, auf das Ueberzeugendste. So ist die Geschichte von Hiskia (2. Könige XVIII. 17 u. f.) dem Bericht des Esaias entnommen, wie dieser sich in den Chroniken der Könige von Juda befindet. Denn man findet diese ganze Geschichte mit denselben Worten, Weniges ausgenommen, in dem Buche des Esaias, was die Chroniken der Könige von Juda enthalten (2. Chronik XXXII. vorletzter Vers), und aus diesen geringen Abweichungen kann man nur abnehmen, dass verschiedene Lesarten von dieser Erzählung des Esaias bestanden haben; sofern nicht Jemand auch hier ein Geheimniss sich erträumen will. Ferner ist[142] das letzte Kapitel dieses Buches in Jeremias' letztem Kapitel v. 39 u. 40 enthalten. Ferner findet sich 2. Sam. VII. in 1. Chron. XVII. abgeschrieben; doch sind die Worte an mehreren Stellen so sonderbar geändert, dass man leicht erkennt, wie diese zwei Kapitel aus zwei verschiedenen Handschriften der Geschichte Nathan's entlehnt sind. Endlich wird die Abstammung der Könige von Idumaea Gen. XXXVI. 30 u. f. mit denselben Worten auch in 1. Chron. I. gegeben, obgleich feststeht, dass der Verfasser dieses Buches seine Erzählung aus anderen Schriften, als den zwölf hier dem Hezra zugeschriebenen Büchern, entlehnt hat. Hätten wir daher diese Geschichtschreiber selbst, so ergäbe sich die Sache geradezu; allein da dies nicht der Fall ist, so können wir nur die Erzählungen selbst, ihre Anordnung, Verbindung, ihre mancherlei Wiederholungen und ihre Abweichungen in der Berechnung der Zeit prüfen, um ein Urtheil über das Uebrige fällen zu können.

Deshalb sind diese Punkte, wenigstens die erheblicheren, zu erwägen, und zwar zuerst die Erzählung von Juda und Tamar, welche der Verfasser Gen. XXXVIII. so zu erzählen beginnt: »Es begab sich aber zu dieser Zeit, dass Judas sich von seinen Brüdern trennte.« Diese Zeit muss auf die, von der er unmittelbar vorher gesprochen, bezogen werden; allein dies ist nicht möglich. Denn von dieser Zeit, nämlich der, wo Joseph nach Aegypten gebracht worden, bis wo der Erzvater Jakob mit seiner ganzen Familie dahin gezogen ist, kann man nur 22 Jahre rechnen. Denn Joseph war 17 Jahre alt, als ihn seine Brüder verkauften, und 30 Jahre, als ihn Pharao aus dem Gefängniss holen liess; rechnet man die sieben fetten und zwei magere Jahre, so ergiebt dies 22 Jahre. In einem solchen Zeiträume konnten aber so viele Dinge sich nicht ereignen; nämlich dass Juda drei Kinder mit einer Frau, welche er damals ehelichte, eines nach dem andern erzeugt habe, von denen der Aelteste, als sein Alter es ihm gestattete, die Tamar zum Weibe nahm, und dass nach dessen Tode der andere Bruder sie geheirathet, der auch gestorben, und dass lange nachdem dies Alles geschehen, Judas selbst von dieser Schwiegertochter Tamar, die er als solche nicht gekannt, wiederum zwei Söhne in einer Geburt erhalten, von denen[143] in diesem Zeitraum ebenfalls einer noch Vater geworden ist. Da mithin dies Alles nicht auf die Zeit, worüber das I. Buch Mosis spricht, bezogen werden kann, so muss die Stelle sich nothwendig auf eine andere Zeit beziehen, von welcher ein anderes Buch handelte; deshalb hat Hezra diese Geschichte einfach abgeschrieben und ohne Prüfung in die andere eingeschoben. Allein nicht blos dieses Kapitel, sondern die ganze Geschichte von Jakob und Joseph muss aus verschiedenen Büchern entnommen und abgeschrieben worden sein, so wenig stimmt sie unter sich überein. So heisst es Gen. XLVII., dass Jakob, als er, von Joseph geführt, Pharao zuerst begrüsst, 130 Jahr alt gewesen; zieht man davon 22 Jahre ab, welche er wegen der Abwesenheit Joseph's in Trauer verbracht hat, und die 17 Jahre des Alters von Joseph, als er verkauft wurde, und endlich 7 Jahre, die Jakob für die Rahel diente, so zeigt er sich doch in einem sehr vorgerückten Alter, nämlich 84 Jahre alt, als er die Lea zum Weibe nahm, und dagegen kann die Dina nur 7 Jahre alt gewesen sein, als sie von Sechem Gewalt erlitt, und Simeon und Levi können kaum 12 und 11 Jahre alt gewesen sein, als sie jene ganze Stadt verwüsteten und ihre Einwohner mit dem Schwerte tödteten.

Ich brauche hier nicht die ganzen fünf Bücher Mosis durchzugehen; es genügt, dass darin alle Gebote und Geschichten durch einander ohne Ordnung erzählt werden und weder auf die Zeit noch darauf geachtet wird, dass dieselbe Geschichte öfters und verschieden wiederkehrt, um einzusehen, dass dies Alles ohne Ordnung gesammelt und angehäuft worden, um es später leichter zu prüfen und in Ordnung zu bringen. So sind nicht blos die Geschichten in den fünf Büchern Mosis, sondern auch die bis zur Zerstörung der Stadt in den obigen sieben Büchern gesammelt worden.

So ergiebt Richter II. 6 deutlich, dass ein neuer Schriftsteller herbeigenommen worden (der auch die Thaten Josua's beschrieben hatte), dessen Worte einfach abgeschrieben worden sind. Denn nachdem unser Verfasser im letzten Kapitel von Josua erzählt hat, dass er gestorben und begraben worden, und im Anfang dieses Buches das zu erzählen versprochen hatte, was nach dessen Tode sich zugetragen, konnte er, wenn er dem[144] Faden seiner Geschichte folgen wollte, nicht das anfügen, was er hier von Josua selbst zu erzählen beginnt. – So sind auch die Kapitel 17, 18 u. f. 1. Samuelis aus einem anderen Schriftsteller entlehnt, der einen anderen Grund annahm, weshalb David den Hof Saul's zu besuchen begonnen hatte, und welcher von dem Kap. 16 dieses Buchs erzählten ganz verschieden ist. Er nahm nämlich nicht an, dass David, nach dem Rath der Knechte von Saul gerufen, zu ihm gegangen, wie in Kap. 16 erzählt wird, sondern dass David zufällig von seinem Vater zu den Brüdern in das Lager gesendet worden, und dass er dem Saul bei Gelegenheit des Sieges über den Philister Goliath erst bekannt geworden und am Hofe behalten worden sei. – Dasselbe vermuthe ich von Kap. 26 dieses Buches; dass nämlich der Verfasser dieser Geschichte, die auch in Kap. 24 enthalten, nach der Meinung eines Anderen zu berichten scheint.

Indess lasse ich dies bei Seite und gehe zur Prüfung der Zeitrechnung über. 1. Könige VI. heisst es, dass Salomo den Tempel 480 Jahre nach dem Auszug aus Aegypten erbaut habe; allein aus den Ereignissen selbst ergiebt sich ein viel längerer Zeitraum. Denn


Moses führte das Volk in der Wüste ...

40 Jahre

Auf Josua, der 110 Jahre alt wurde,

kommen nach der Meinung des Josephus

und Anderer nicht mehr als ...

26 Jahre

Kusan Rishgataim hält das Volk

in Unterthänigkeit ...

8 Jahre

Hothiel, der Sohn des Kanaz richtete ...

40 Jahre

Heglon, der König von Moab, hat die

Herrschaft über das Volk gehabt ...

18 Jahre

Ehud und Samgar waren Richter ...

80 Jahre

Jachin, König von Kanaan, herrschte

wieder über das Volk ...

20 Jahre

Das Volk hatte nachher Ruhe ...

40 Jahre

Dann beherrschte es Midian ...

7 Jahre

Zur Zeit Gideon's war es frei ...

40 Jahre

Unter der Herrschaft des Abimelech

war es ...

3 Jahre

Tola, Sohn der Pua, war Richter ...

23 Jahre

Dann Jair ...

22 Jahre

Das Volk war wieder in Gewalt

der Philister und Ammoniter ...

18 Jahre[145]

Jephta war Richter ...

6 Jahre

Absan von Bethlehem ...

7 Jahre

Elon von Sebulon ...

10 Jahre

Habdan von Pirhaton ...

8 Jahre

Das Volk war wieder in der Gewalt

der Philister ...

40 Jahre

Samson war Richter ...

20 Jahre

Heli aber ...

40 Jahre

Das Volk war wieder in der Gewalt

der Philister, ehe es Samuel befreite ...

20 Jahre

David herrschte ...

40 Jahre

Salomon vor dem Bau des Tempels ...

4 Jahre

Was die Summe von ...

530 Jahren

ergiebt.


Dazu kommen noch die Jahre jenes Jahrhunderts, in dem nach dem Tode Josua's der jüdische Staat in der Blüthe stand, bis er von Kusan Rishgataim unterworfen wurde; deren Zahl muss gross gewesen sein, denn ich kann nicht glauben, dass gleich nach dem Tode Josua's Alle, die seine Wunder gesehen hatten, auf einmal gestorben wären, noch dass ihre Nachfolger mit einem Schlage den Gesetzen den Abschied gegeben und aus der höchsten Tugend in die höchste Schlechtigkeit und Trägheit verfallen wären, und auch nicht, dass Kusan Rishgataim sie gesagt gethan unterworfen habe. Vielmehr gehört dazu ein ganzes Zeitalter, und deshalb hat offenbar die Schrift in Kap. II. 7, 9, 10 des Buches der Richter die Geschichte vieler Jahre zusammengefasst und mit Stillschweigen übergangen. Auch müssen noch die Jahre zugerechnet werden, wo Samuel Richter war, die die Schrift auch nicht angiebt; ferner die Jahre aus der Regierung des Königs Saul, die ich oben weggelassen habe, weil aus seiner Geschichte nicht klar erhellt, wie lange er regiert hat. Es heisst zwar 1. Samuel XIII. 1, er habe zwei Jahre regiert, allein dieser Text ist verdorben, und aus der Geschichte selbst ergiebt sich eine grosse Zahl Jahre. Die Verderbniss des Textes kann Niemand, der nur etwas von der hebräischen Sprache versteht, bezweifeln. Denn er beginnt so: »ein Jahr war Saul geboren, als er regierte, und zwei Jahre hat er über Israel regiert.« Wer sieht hier nicht, dass die Zahl der Jahre bei dem[146] Alter des Saul, als er die Regierung erlangte, weggeblieben ist? Ebenso unzweifelhaft folgt aus der Geschichte selbst eine grössere Zahl von Jahren. Denn in Kap. 27 v. 7 dieses Buches heisst es, dass David bei den Philistern, zu denen er wegen Saul geflohen war, ein Jahr vier Monat geblieben sei; dann wären aber nur acht Monate für die übrigen Ereignisse geblieben, was Niemand glauben kann. Josephus hat wenigstens am Ende des Buch VI. seiner Alterthümer den Text so verbessert: »Saul herrschte also bei Lebzeiten Samuel's 18 Jahre und nach dessen Tode noch 2 Jahre.« – Ebenso stimmt diese ganze Geschichte Kap. 13 nicht mit dem Vorgehenden. Zu Ende von Kap. 7 wird erzählt, dass die Philister von den Juden so geschlagen worden, dass sie bei Lebzeiten Samuel's es nicht gewagt, die Grenzen Israel's zu überschreiten; hier dagegen, dass die Juden bei Lebzeiten Samuel's von den Philistern überfallen worden und zu so grossem Elend und Armuth gebracht worden, dass sie weder Waffen zu ihrer Vertheidigung noch Mittel für deren Anfertigung hatten.

Es würde grosse Mühe kosten, wenn ich alle diese Geschichten aus dem 1. Buch Samuelis so vereinigen wollte, dass man sie für die Arbeit und Anordnung eines Schriftstellers halten könnte. Indess kehre ich zu meiner Aufgabe zurück. Es müssen also der obigen Rechnung noch die Jahre der Regierung Saul's zugesetzt werden. Endlich habe ich auch die Jahre der Verwirrung bei den Juden nicht mitgezählt, weil sie aus der Bibel sich nicht ergeben. Ich kann der Zeit nicht entnehmen, wo das, was in Kap. 17 bis zu Ende des Buches der Richter erzählt wird, vorgefallen ist.

Hieraus erhellt, dass die wahre Zeitrechnung sich aus diesen Berichten nicht ergiebt, und dass sie selbst hierbei nicht übereinstimmen, sondern verschiedene Rechnungen haben, und man muss deshalb anerkennen, dass diese Geschichten aus verschiedenen Schriften gesammelt und weder geordnet noch geprüft worden sind.

Nicht geringer scheint der Unterschied in der Zeitrechnung bei den Büchern der Chronik der Könige Juda's und den Büchern der Chronik der Könige Israel's zu sein. In letzteren heisst es, dass Jerobeam, der Sohn Ahab's, die Regierung antrat im zweiten Jahre der Regierung Jerobeam's,[147] des Sohnes von Josaphat (2. Könige I. 17); dagegen in Chronik der Könige Juda's, dass Jerobeam, der Sohn Josaphat's, zur Regierung kam im fünften Jahre der Regierung Jerobeam's, des Sohnes Ahab's (VIII. 16 daselbst). Vergleicht man überdem die Geschichten in den Büchern der Chronik mit denen in den Büchern der Könige, so findet man manche ähnliche Abweichungen, die ich hier nicht darzulegen brauche, so wenig wie die Erfindungen Derer, welche diese Geschichten mit einander in Uebereinstimmung zu bringen gesucht haben. Die Rabbiner verfahren hierbei ganz sinnlos, und die Kommentatoren, die ich gelesen, träumen, erdichten und thun der Sprache die grösste Gewalt an. So wenn es in 2. Chronik heisst, Aghazias sei 42 Jahr alt gewesen, als er regierte, so erdichten Manche, diese Jahre begönnen mit der Herrschaft des Homri und nicht von der Geburt Agazra's, und wenn sie dies als die Meinung des Verfassers der Bücher der Chronik erweisen könnten, so würde ich unzweifelhaft behaupten, er habe nicht sprechen können. In dieser Weise wird Aehnliches ausgedacht, und wäre dieses wahr, so würde ich geradezu sagen, die alten Juden hätten weder ihre Sprache noch die Weise zu erzählen gekannt, und ich könnte dann keine Regel und Unterlage für die Auslegung der Bibel anerkennen, und es wären alle Erdichtungen erlaubt.

Meint man, ich spreche hier zu allgemein und ohne genügende Grundlage, so möge man selbst mir die Ordnung in diesen Geschichten zeigen, welche ein Geschichtschreiber in seiner Erzählung ohne Fehler befolgen könnte, und man möge bei den Erklärungs- und Vereinigungsversuchen die Ausdrücke und Redewendungen und die Ordnung und Verbindung der Perioden so streng beobachten und erklären, dass sie nach dieser Erklärung beim Schreiben befolgt werden können. Vermag Jemand dies, so werde ich sofort ihm die Hand reichen, und er wird für mich der grosse Apoll sein. Denn ich gestehe, dass, so lange ich auch gesucht habe, ich nichts der Art je habe finden können. Ich füge hinzu, dass ich hier nichts schreibe, was ich nicht schon lange und längst überlegt gehabt, und obgleich ich als Knabe in die gewöhnlichen Ansichten über die Bibel eingeführt worden bin, so habe ich doch dergleichen zuletzt nicht annehmen können.[148]

Indess brauche ich den Leser nicht länger hier festzuhalten und zu verzweifelten Dingen aufzufordern; es war aber nöthig, die Sache selbst darzulegen, um meine Ansicht deutlicher zu machen, und ich gehe daher nun zu den weiteren Schicksalen dieser Bücher über. Denn ich muss ausser dem Obigen bemerken, dass diese Bücher von der späteren Zeit nicht so sorgfältig aufbewahrt worden sind, dass keine Fehler sich hätten einschleichen können. Die älteren Abschreiber haben manche zweifelhafte Lesarten bemerkt und manche Lücken, wenn auch nicht überall. Ob diese Fehler so erheblich sind, dass sie den Leser stören, darüber streite ich nicht; ich halte sie nicht für so bedeutend, wenigstens nicht für Die, welche die Schriften mit freierem Urtheil lesen, und ich kann wenigstens behaupten, dass ich in Betreff der Moralvorschriften keinen Fehler und keine Verschiedenheit der Lesart bemerkt habe, welche den Sinn dunkel oder zweifelhaft machen könnte. Allein man will auch bei dem Uebrigen keine Fehler zugestehen, sondern behauptet, Gott habe durch besondere Vorsehung alle Bücher der Bibel unversehrt erhalten, und die verschiedenen Lesarten seien das Zeichen tiefer Geheimnisse, und dies soll auch von den Sternchen in der Mitte des Abschnittes 28 gelten; ebenso seien in den Spitzen der Buchstaben grosse Geheimnisse enthalten. Ich weiss nicht, ob man dies aus Dummheit und greisenhafter Unterwürfigkeit oder aus Uebermuth und Bosheit, als hätte man allein die Geheimnisse Gottes, behauptet; aber ich weiss, dass ich nichts bei ihnen gefunden habe, was nach Geheimniss aussähe, sondern nur kindische Gedanken. Ich habe auch einige Kabbalisten gelesen und näher kennen gelernt, über deren Tollheit ich nicht genug staunen kann. und dass Fehler sich eingeschlichen haben, dies wird Niemand mit gesunden Sinnen bestreiten können, welcher den Text Saul's liest, der aus 1. Sam. XIII. 11 schon angeführt worden, und ebenso 2. Sam. VI. 2, wo es heisst: »Und es erhob sich und ging David und das ganze Volk, was bei ihm war, aus Juda, um die Bundeslade Gottes von da wegzutragen.« Jedermann muss hier sehen, dass der Ort, wohin sie gingen, um die Lade fortzutragen, nämlich Kirjat Joharim, ausgelassen ist. Auch 2. Sam. XIII. 32 ist verstellt und verstümmelt; es heisst: »Und Absalon floh und ging zu[149] Ptolemäus, dem Sohn Hamihud's, König von Gesur, und trauerte seinen Sohn alle Tage, und Absalon floh und ging nach Gesur und blieb dort drei Jahre.« Dergleichen Stellen habe ich früher noch mehrere mir bemerkt, die ich jetzt nicht zur Hand habe; dass die Randbemerkungen an einzelnen Stellen der hebräischen Manuskripte zweifelhafte Lesarten gewesen sind, kann Niemand bezweifeln, welcher beachtet, dass die meisten aus der grossen Aehnlichkeit der hebräischen Buchstaben unter einander entstanden sind; so gleicht der Buchstabe Kaf dem Bet, Jod dem Vau, Dalet dem Res u.s.w. Ein Beispiel ist 2. Sam. V., vorletzter Vers, wo es heisst: »und in dieser (Zeit) wo Du es hören wirst;« hier steht am Rande: »wenn Du es hören wirst,« und Richter XXI. 22, wo steht: »und wenn deren Väter und Brüder in Menge (d.h. häufig) zu uns kämen« u.s.w., ist am Rande bemerkt: »zu kämpfen.« Derart findet sich sehr Vieles. Ferner sind viele Randbemerkungen aus dem Gebrauch der Buchstaben entstanden, welche sie »Ruhende« nennen, die nämlich meist nicht ausgesprochen werden, und wo einer für den anderen gebraucht wird. Z.B. 3. Buch Mosis XXV. 27 heisst es: »Und es wird das Hans befestigt werden, was in der Stadt ist, die keine Mauer hat;« am Rande steht aber: »welche eine Mauer hat.«

Obgleich dies Alles sehr einleuchtend ist, so will ich doch auf einige Ausführungen der Pharisäer antworten, womit sie zeigen wollen, dass diese Randbemerkungen von den Verfassern der heiligen Bücher selbst beigefügt oder angedeutet worden, um damit ein Geheimniss anzuzeigen. Ihren ersten Grund, der mich wenig berührt, entnehmen sie aus der gebräuchlichen Weise, die Schriften zu lesen. Wenn diese Noten, sagen sie, wegen der verschiedenen Lesart beigesetzt worden, worüber die Späteren gar nicht entscheiden konnten, wie ist es da gekommen, dass man den Sinn dieser Randbemerkungen überall festgehalten hat? Weshalb haben die Abschreiber den Sinn, den sie festhalten wollten, nur am Rande bemerkt? Vielmehr hätten sie dann den Text selbst so schreiben sollen, wie er gelesen werden sollte, und nicht den Sinn und die Lesart, die sie am meisten billigten, am Rande bemerken.

Einen zweiten Grund, der etwas mehr Schein hat, entnimmt[150] man aus der Natur der Sache; nämlich die Fehler sollen nicht absichtlich, sondern zufällig in die Handschriften gekommen sein, und was sich so ereignet, wechselt. Allein in fünf Büchern ist das Wort »Mädchen«, mit Ausnahme einer Stelle, mangelhaft, ohne den Buchstaben He, gegen die grammatikalische Kegel geschrieben, dagegen am Rande richtig nach der allgemeinen grammatikalischen Regel. Ist dies auch aus Zufall durch ein Versehen der abschreibenden Hand gekommen? Wie war es möglich, dass die Feder bei Gelegenheit dieses Namens immer eilte? Auch hätte man diesen Fehler leicht und ohne Bedenken nach den grammatikalischen Regeln ergänzen und verbessern können. Da also diese Lesarten nicht vom Zufall herrühren, und da man diese offenbaren Fehler nicht verbessert habe, so seien sie sicherlich absichtlich von den ursprünglichen Verfassern gemacht worden, um damit etwas zu bezeichnen.

Darauf kann ich jedoch leicht antworten. Was aus der bei ihnen entstandenen Gewohnheit abgeleitet wird, kann mich nicht bedenklich machen. Man kann nicht wissen, zu was der Aberglaube führt; vielleicht ist es daher gekommen, weil sie beide Lesarten für gleich gut und zulässig hielten und deshalb, um nichts zu verabsäumen, eine zum Schreiben, die andere zum Lesen einrichteten. Sie scheuten sich vor einem Urtheil in einer so grossen Sache, damit sie nicht das Falsche für das Wahre wählten, und wollten deshalb keines vorziehen, was geschehen wäre, wenn sie eine Lesart allein hätten schreiben und vorlesen lassen, namentlich da in heiligen Büchern Randbemerkungen nicht eingeschrieben werden. Oder es ist vielleicht daher gekommen, dass sie Einzelnes, obgleich es richtig abgeschrieben war, doch anders und so, wie es am Rande bemerkt wurde, vorgelesen haben wollten. Deshalb wurde allgemein eingeführt, dass die Schriften nach den Randbemerkungen verlesen wurden. Was aber die Abschreiber veranlasst, dergleichen ausdrücklich Vorzulesenden am Rande zu bemerken, werde ich gleich sagen; denn nicht alle Randbemerkungen sind zweifelhafte Lesarten, sondern auch die ungewöhnlichen werden angemerkt, d.h. veraltete Worte und solche, welche nach den Sitten jener Zeit kein öffentliches Vorlesen gestatteten, da die alten Schriftsteller ohne bösen Willen die Dinge nicht in[151] höfischer Zweideutigkeit, sondern mit ihren rechten Namen bezeichneten. Als aber Bosheit und Ueppigkeit einriss, begann man das von den Alten ohne Anstoss Gesagte zu den Unanständigkeiten zu rechnen. Doch brauchte man deshalb die Schrift selbst nicht zu ändern, sondern man sorgte, um der Schwäche der Menge zu Hülfe zu kommen, dass die Worte »Beischlaf« und »Exkremente« öffentlich in anständigerer Weise verlesen wurden, wie es nämlich am Rande vermerkt war. Mag endlich der Grund, weshalb es in Gebrauch kam, die Schriften nach den Randbemerkungen zu verlesen und zu erklären, gewesen sein, welcher er wolle, so war es jedenfalls nicht der, dass die wahre Auslegung danach geschehen solle. Denn selbst die Rabbiner weichen im Talmud oft von den Masoreten ab und hatten andere Lesarten, die sie billigten, wie ich gleich zeigen werde. Auch findet sich am Rande Manches, was nach dem Sprachgebrauch weniger zu billigen ist. So heisst es z.B. 2. Samuel IV. 23: »weil der König es that, nach der Meinung seines Dieners«. Dieser Satzbau ist ganz regelmässig und stimmt mit dem in v. 16 desselben Kapitels; dagegen stimmt die Randbemerkung (Deines Knechtes) nicht mit der Person des Zeitwortes. So heisst es auch XVI. letzter Vers dieses Baches: »und da er befragt (d.h. befragt wird) das Wort Gottes.« Hier steht am Rande »Jemand« statt des Nominativs des Zeitwortes, was nicht richtig sein kann; denn es ist in dieser Sprache üblich, unpersönliche Zeitwörter in der dritten Person des Singulars zu gebrauchen, wie die Grammatiker wissen. In dieser Weise finden sich viele Randbemerkungen, die keineswegs den Vorzug vor dem Text verdienen.

Die Antwort auf den zweiten Grund der Pharisäer ergiebt sich leicht aus dem Gesagten; dass nämlich die Abschreiber ausser den zweifelhaften Lesarten auch die veralteten Worte bemerkten. Denn unzweifelhaft hat in der hebräischen Sprache wie in allen anderen der spätere Sprachgebrauch Vieles ungewöhnlich und veraltet werden lassen. Dies fanden die letzten Abschreiber in den Büchern und notirten, wie gesagt, Alles, damit es vor dem Volke in den später gebräuchlichen Ausdrücken verlesen werde. Deshalb ist überall das Wort nahgar am Rande bemerkt, weil es im Alterthum beide Geschlechter bezeichnete und dasselbe wie bei den Lateinern juvenis[152] (junger Mensch) bedeutete. So hiess auch die Hauptstadt der Juden vor Alters Jerusalem und nicht Jerusaleim. Ueber das Fürwort »er selbst« und »sie selbst« bin ich mit den Neueren einverstanden, welche den Buchstaben Vau in Jod verwandelten (welche Veränderung in der hebräischen Sprache häufig vorkommt) und so das weibliche Geschlecht bezeichnen wollten; allein die Alten pflegten das weibliche Fürwort hier von dem männlichen nur durch Vokale zu unterscheiden. So findet sich ferner manche unregelmässige Form der Zeitwörter bei den Früheren so, bei den Späteren anders, und endlich haben die Alten sich der verlängernden Buchstaben in ihrer Zeit zum Redeschmuck bedient. Dieses Alles könnte ich mit vielen Beispielen belegen; allein ich mag den Leser damit nicht ermüden. Fragt man mich aber, woher ich das wisse? so antworte ich, weil ich es bei den ältesten Schriftstellern, nämlich in der Bibel oft gefunden habe, aber die späteren sie nicht darin nachahmen mochten. Deshalb allein kennt man in den übrigen todten Sprachen doch die veralteten Worte.

Vielleicht hält man mir noch vor, dass ich den grössten Theil dieser Noten für zweifelhafte Lesarten erklärt habe, und fragt, weshalb sieh dann nie mehr als zwei Lesarten für eine Stelle finden? Weshalb nicht auch einmal drei oder mehr? Endlich, wie Manches in den Schriften der Sprachlehre offenbar widerspricht, was am Rande richtig ausgedrückt ist, so dass man kaum annehmen kann, die Abschreiber hätten über die rechte Lesart geschwankt. – Indess ist auch hierauf die Antwort leicht; auf den ersten Einwand erwidere ich, dass es mehr Lesarten gegeben hat, als unsere Handschriften angemerkt haben. Im Talmud finden sich mehrere, welche die Masoreten vernachlässigt haben, und an vielen Stellen gehen sie so offenbar davon ab, dass jener abergläubische Korrektor der Bombergianischen Bücher endlich in seiner Vorrede einräumen musste, dass er sie nicht zu vereinigen wisse. Er sagt: »Und hier weiss ich nichts zu antworten, als das Frühere,« nämlich »dass es der Gebrauch des Talmud sei, den Masoreten zu widersprechen.« Man kann deshalb nicht mit Grund behaupten, dass es nicht mehr als zwei Lesarten für eine Stelle gegeben habe. Doch gebe ich zu und glaube selbst, dass es deren niemals mehr als[153] zwei gegeben habe, und zwar aus zwei Gründen; denn 1) konnte die Ursache, aus der diese Verschiedenheit der Lesarten entsprang, nur zu zweien führen, da sie, wie erwähnt, aus der Aehnlichkeit gewisser Buchstaben entstanden ist. Der Zweifel läuft deshalb immer darauf hinaus, ob von zwei Buchstaben Bet oder Kaf, Jod oder Vau, Dalet oder Res u.s.w. zu schreiben war, die am häufigsten gebraucht werden; weshalb es sich oft treffen konnte, dass jeder von beiden einen leidlichen Sinn gab. Ferner, ob eine Silbe lang oder kurz sein sollte, was durch die sogenannten ruhenden Buchstaben ausgedrückt wird. Hierzu kommt, dass nicht alle Randbemerkungen zweifelhafte Lesarten sind; viele sind, wie gesagt, des Anstandes wegen beigesetzt und zur Erklärung ungewohnter und veralteter Ausdrücke.

Der zweite Grund, weshalb nur zwei Lesarten sich zu einer Stelle finden, ist, dass die Abschreiber vermuthlich nur wenig Exemplare angetroffen haben, vielleicht nicht mehr als zwei oder drei. In der Abhandlung über die Abschreiber Kap. 6 werden nur drei erwähnt, die zu Hezra's Zeit gefunden sein sollen, weil man behauptet, dass Hezra selbst diese Bemerkungen beigesetzt habe. Wie dem auch sein mag, hatten sie nur drei, so konnten leicht zwei, ja alle drei bei einer Stelle übereinstimmen; denn es wäre wunderbar, wenn in blos drei Exemplaren auch drei verschiedene Lesarten bei einer Stelle sich finden sollten, und dass nach Hezra ein solcher Mangel an Exemplaren gewesen, darf Den nicht wandern, der nur 1. Maccabäer I. gelesen, oder das 7. Kapitel im 12. Buche der Alterthümer des Josephus. Vielmehr scheint es wie ein Wunder, dass nach einer so grossen und langen Verfolgung selbst so wenig sich haben erhalten können. Niemand kann hierüber zweifeln, der diese Erzählung nur mit einiger Aufmerksamkeit gelesen hat.

Hiermit ist erklärt, weshalb sich nirgends mehr als zwei Lesarten finden. Es kann deshalb daraus nicht im Mindesten geschlossen werden, dass die Bücher an den bemerkten Stellen absichtlich falsch abgefasst worden, um Geheimnisse anzudeuten.

Was aber den zweiten Einwand anlangt, dass einzelne Stellen so falsch geschrieben sind, dass sie unzweifelhaft dem Schreibgebrauch aller Zeiten widersprechen, weshalb[154] sie unbedingt zu verbessern, aber nicht blos am Rande zu vermerken waren, so rührt mich dieser Einwand wenig; denn ich brauche nicht zu wissen, aus welchem Glauben sie es unterlassen haben. Vielleicht ist es aus Aufrichtigkeit geschehen; man wollte die Bücher, so wie man sie in den wenigen Exemplaren gefunden hatte, den Nachkommen überliefern und die Abweichungen der Originale nicht als zweifelhafte, sondern als verschiedene Lesarten vermerken. Ich selbst habe sie nur deshalb zweifelhaft genannt, weil sie es beinahe alle sind und ich nicht weiss, welche vorzuziehen ist.

Ferner bezeichneten die Abschreiber neben diesen zweifelhaften Lesarten auch noch durch einen leeren Zwischenraum, den sie mitten in den Abtheilungen liessen, dass die Stelle verstümmelt war. Die Masoreten geben die Zahl derselben an, nämlich 28, wo ein solcher leerer Raum sich befindet, und ich weiss nicht, ob sie auch in dieser Zahl ein Geheimniss verborgen glauben. Die Pharisäer halten gewissenhaft auf eine bestimmte Grosse dieses Zwischenraumes. Ein Beispiel, um ein solches anzuführen, ist Gen. IV. 8, welche Stelle so geschrieben ist: »Und Kain sagte zu seinem Bruder Abel...... und es traf sich, dass Kain, während sie auf dem Felde waren« u.s.w.; in dem leeren Raum sucht man die Worte, die Kain dem Bruder gesagt hat. Derart sind 28 Stellen ausser den schon bemerkten frei gelassen worden; doch würden, wenn dieser freie Raum nicht wäre, sie nicht als verstümmelt erscheinen. Doch genug davon.

Quelle:
Spinoza: Theologisch-politische Abhandlung. Berlin 1870, S. 142-155.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Jean Paul

Des Luftschiffers Giannozzo Seebuch

Des Luftschiffers Giannozzo Seebuch

Als »Komischer Anhang« 1801 seinem Roman »Titan« beigegeben, beschreibt Jean Paul die vierzehn Fahrten seines Luftschiffers Giannozzos, die er mit folgenden Worten einleitet: »Trefft ihr einen Schwarzkopf in grünem Mantel einmal auf der Erde, und zwar so, daß er den Hals gebrochen: so tragt ihn in eure Kirchenbücher unter dem Namen Giannozzo ein; und gebt dieses Luft-Schiffs-Journal von ihm unter dem Titel ›Almanach für Matrosen, wie sie sein sollten‹ heraus.«

72 Seiten, 4.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Romantische Geschichten II. Zehn Erzählungen

Romantische Geschichten II. Zehn Erzählungen

Romantik! Das ist auch – aber eben nicht nur – eine Epoche. Wenn wir heute etwas romantisch finden oder nennen, schwingt darin die Sehnsucht und die Leidenschaft der jungen Autoren, die seit dem Ausklang des 18. Jahrhundert ihre Gefühlswelt gegen die von der Aufklärung geforderte Vernunft verteidigt haben. So sind vor 200 Jahren wundervolle Erzählungen entstanden. Sie handeln von der Suche nach einer verlorengegangenen Welt des Wunderbaren, sind melancholisch oder mythisch oder märchenhaft, jedenfalls aber romantisch - damals wie heute. Michael Holzinger hat für den zweiten Band eine weitere Sammlung von zehn romantischen Meistererzählungen zusammengestellt.

428 Seiten, 16.80 Euro

Ansehen bei Amazon