§ 7. Die Arten der Liebe.

[122] So gut wie eine dreifache Liebeslust erörtert worden ist, ebenso wird auch die Liebe erörtert nach Grobheit und Feinheit. Jedoch, um zu zeigen, daß in diesem Lehrbuche außer diesen auch noch andere Arten von Liebe vorkommen, werden nun die Arten der Liebe behandelt: in den Worten: »Je nach der Beschäftigung usw.«


[122] Je nach der Beschäftigung und nach dem Selbstgefühle, ferner nach dem Vertrauen und den Gegenständen der Sinnenwelt reden die Kenner des Leitfadens von einer vierfachen Liebe.


»Die Kenner des Leitfadens«, die Kenner des Lehrbuches der Liebe. – Deren Merkmale gibt (der Verfasser) an:


Eine Liebe, die aus Worten usw. hervorgeht und durch die Beschäftigung mit Tätigkeiten gekennzeichnet ist, diese ist anzusehen als Liebe der Beschäftigung, zu Tätigkeiten wie z.B. der Jagd usw.


Eine Liebe, die in der Beschränkung auf Sinnesobjekte wie Worte usw. besteht, die bei der Ausführung von Tätigkeiten sich finden, ist eine Liebe zur Sinnenwelt. Die aber »durch die Beschäftigung mit Tätigkeiten gekennzeichnet ist« – unter Beschäftigung versteht man, einer Tätigkeit fortwährend obliegen; weil die Liebe, das Hängen daran, dadurch gekennzeichnet wird, so ist sie danach benannt – diese besteht in der Beschäftigung und ist als Liebe der Beschäftigung anzusehen. Sie findet sich bei Leuten, welche eifrig an Künsten hängen, die auf eine ernste Tätigkeit hinauslaufen. Das sagt (der Verfasser): »zu Tätigkeiten wie z.B. der Jagd usw.« Die Jagd, das Waidwerk, ist eine die körperlichen Übungen betreffende Wissenschaft. Das Wort ›usw.‹ faßt Tanz, Gesang, Instrumentalmusik, Malerei, Blättereinritzen usw. zusammen.


Eine Liebe sogar zu vorher nicht studierten Tätigkeiten, die nicht auf den Gegenständen beruht, sondern aus der Herzenswallung entsteht, diese ist die des Selbstgefühles.


»Eine Liebe sogar zu vorher«, früher, »nicht studierten Tätigkeiten«: das Wort ›sogar‹ bedeutet, daß sie doch studiert worden sein können. Wer auch die Beschäftigung mit der Jagd nicht studiert oder doch studiert hat, der ist im Herzen beglückt, wenn er eine solche Beschäftigung treibt. Der Unterschied ist der, daß die wissenschaftliche Liebe eben in dem Studium einer bestimmten Tätigkeit besteht. – »Die nicht auf den Gegenständen beruht«, d.h. deren Aneignung nicht aus Gegenständen der Sinne, Begriffen usw. erfolgt. Woher kommt sie also? Darauf sagt (der Verfasser): »Sondern aus der Herzenswallung entsteht«, d.h. sie ist eine im Geiste wohnende Liebe,[123] indem sie ihrem Wesen nach der Wallung des Geistes angehört. Eine solche heißt eine Liebe »des Selbstgefühles«: das Selbstgefühl, das Ichbewußtsein, ist ihr Gewinn.

Wieso kommt diese in dem Lehrbuche hier vor? Darauf antwortet der (Verfasser):


Diese soll man bei dem Mund-Koitus des Eunuchen oder der Frau und bei diesen Küssen und jenen Handlungen, wie usw. erkennen.


»Eunuch«, Verschnittener; bei dessen »oder der Frau«, einer Mundhure, »Mund-Koitus«, sogar wenn die auf den Mund übertragene Tätigkeit der Scham studiert ist, »soll man diese erkennen«. Für den Veranlasser ist das hinwiederum eine körperliche, auf den Gegenständen beruhende Liebe. – »Bei diesen und jenen«, Küssen usw., die in ihre verschiedenen Arten zerteilt werden. Das Wort ›usw.‹ bedeutet Umarmungen, Nägel- und Zahnmale und Schläge, auch wenn sie nicht studiert sind: bei diesen zeigt sich zur Zeit des Liebesgenusses die geistige Liebe dessen, der sie anwendet; und auch bei der Frau, bei der sie bald hier, bald dort angewendet werden, zeigt sich bei dieser Anwendung infolge leidenschaftlicher Wallung eine geistige, keine körperliche Liebe, indem sie durch bloße Berührung empfunden wird. Da aber, wenn der Körper von Unbehagen erfaßt ist, diese Liebe keine Stätte hat, so ist sie keine körperliche.


Von den Kennern des Lehrbuches wird die Liebe eine Liebe des Vertrauens genannt, wobei es, bei einer fremden Ursache der Liebe, heißt: »Es ist kein anderer!«


»Er ist es!« ist der Sinn. »Wobei«, irgendwo, »bei einer fremden«, einem noch nicht dagewesenen Gegenstande, Manne oder Frau, mit den Worten: »Er ist es!« im Herzen eine frühere Liebe auf Mann oder Frau übertragen wird. »Ursache der Liebe«, Grund zur Liebe. Das ist die Veranlassung zur Übertragung. Es soll gezeigt werden: »Hier finden sich dieselben Vorzüge, Gründe der Liebe, wie bei dem früheren Geliebten.« Und so wird diese frühere Liebe, weil sie ihrem Wesen nach aus dem Vertrauen entstanden ist, von den Kennern des Lehrbuches der Liebe die des Vertrauens genannt. So wird auch (der Verfasser) später noch sagen: »Ähnlichkeit mit dem Geliebten ist ein Grund zum Besuchen.«


[124] Die sichtbare, in der Welt wohlbekannte Liebe ist die sinnliche, da sie mit den vorzüglichsten Früchten ausgestattet ist: und die anderen sind ihr untergeordnet.


Die Liebe, welche entsteht, indem man vermittelst des Ohres usw. angenehme Sinnesgegenstände, Worte usw. aufnimmt, die ist, weil sie von Unternehmungen in der Sinnenwelt begleitet ist, eine »sichtbare«; und da sie »in der Welt wohlbekannt« ist, werden hier keine Merkmale angegeben. Diese also beschaffene Liebe ist nachzusehen in dem Abschnitte, der über das Treiben der Elegants bei besonderen Veranlassungen handelt. – »Da sie mit den vorzüglichsten Früchten ausgestattet ist«, d.h. da sie sichtbarlich mit der Frucht des Sinnesgenusses versehen ist. – »Und die anderen« drei »sind ihr untergeordnet«, sind Gegenstand der sinnlichen Liebe, indem sie ihre Teile bilden. – Das Wort ›und‹ bedeutet ›eben‹.


Indem man diese im Lehrbuche gekennzeichneten Arten von Liebe dem Lehrbuche gemäß überlegt, möge man die Art anwenden, wie sie sich gerade bietet.


»Indem man« die vier Arten »dem Lehrbuche gemäß überlegt«, genau untersucht. »Diese im Lehrbuche gekennzeichneten«, indem sie, jede an ihrer Stelle, in diesem Lehrbuche beschrieben werden. – »Die Art, wie sie sich gerade bietet.« Auf welche Weise sich der Inhalt der vier Arten, Studium der Tätigkeiten usw., darstellt, auf die Weise finde er eben statt um der daraus entstehenden Liebe willen. Denn, wenn man nicht so zu Werke geht, wird eine unerwünschte Liebe, also Nichtliebe, entstehen.

Quelle:
Das Kāmasūtram des Vātsyāyana. Berlin 71922, S. 122-125.
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