§ 11. Die Regeln für das Beißen mit den Zähnen.

[163] Nachdem so die Nägelmale behandelt worden sind, folgen nun in diesem Kapitel zwei Paragraphen; erstens um ein Weiteres, die Zahnwunden, anbringen zu können, »die Regeln für das Beißen mit den Zähnen«; und dann, da die Anwendung der Umarmungen usw. ohne Beachtung der lokalen Gepflogenheit[163] die Leidenschaft nicht erzeugt, die in verschiedenen Gegenden geltenden Gebräuche, »die Gebräuche in den einzelnen Ländern«.

Da für das Beißen Wesen, Gegenstand und Zeit früher nicht angegeben worden sind, so nennt (der Verfasser) jetzt die Stellen:


Mit Ausnahme von Oberlippe, Mundinnerem und Augen sind die Stellen für das Bearbeiten mit den Zähnen dieselben wie bei den Küssen.


»Oberlippe«, nicht wie bei dem Kusse. Auch hier bereitet es kein Vergnügen, wenn die Oberlippe verwundet wird. »Mundinneres«, Zunge und das übrige, da die Zähne darin sind. »Augen«, weil sie nicht verwundet werden dürfen, indem das endlosen Schmerz bereitet und Entstellung bewirkt. Mit Ausnahme dieser alle übrigen: Stirn, Unterlippe, Hals, Wangen, Brust und Busen; ferner bei den Bewohnern von Lāṭa die Verbindungsstelle der Schenkel, die Achselhöhle und die Gegend unter dem Nabel: diese und jene Stellen gelten, aber nicht von allen Leuten sind sie zu benutzen. – Das alles kommt zur Anwendung, da es mit dem Kusse ein und dasselbe Gebiet hat. »Die Stellen für das Bearbeiten mit den Zähnen«, die Stätten für die Verwundungen mit den Zähnen. – Um die stets zunehmende Verschiedenheit darlegen zu können, ist darüber nicht unmittelbar nach den verschiedenen Arten der Küsse gehandelt worden.

(Der Verfasser) nennt nun die Eigenschaften der Zähne:


Die guten Eigenschaften der Zähne sind, daß sie gleichmäßig, von glattem Aussehen, farbehaltend, von der rechten Größe, ohne Lücken und scharfspitzig sind.


»Gleichmäßig«, nicht hervorstehend, so daß sie einen gleichmäßigen Biß tun können. »Von glattem Aussehen«, nicht rauh. »Farbehaltend«, bei dem Genusse von Betel usw. nicht geblümt werdend. Das sind zwei Vorzüge bezüglich des schönen Aussehens. »Von der rechten Größe«, nicht schmal und nicht breit. »Ohne Lücken«, fest aneinandergefügt. »Scharfspitzig«: das sind drei Vorzüge bezüglich des Beißens und des schönen Aussehens.


Stumpf, mit einer Linie versehen, rauh, ungleich, weich, breit und unvollständig: das sind die schlechten Eigenschaften.
[164]

»Mit einer Linie versehen«: in deren Mitte ein rissiger Strich sich befindet: das kann man bei den Leuten sehen, die das heilige Feuer unterhalten u.a. – Wenn auch aus dem Gegenteile der guten Eigenschaften sich sofort die schlechten ergeben, so wird die Sache doch nochmals besprochen, um die hauptsächlichsten derselben namhaft zu machen. Danach ist die Unmöglichkeit, Farbe zu halten, kein Mangel. (Weiße Zähne werden gewöhnlich gefärbt.) Hierbei beeinträchtigen die mit einer Linie versehenen, rauhen und ungleichen die Anmut des Gesichtes; der Mangel der übrigen, der stumpfen usw. besteht in der Unfähigkeit, die Funktionen zu erfüllen.


Der versteckte Biß, der aufgeschwollene, der Punkt, die Punktreihe, Koralle und Edelstein, Edelsteinkette, zerrissene Wolke und Eberbiß: das sind die verschiedenen Zahnwunden.


Die verschiedenen Wunden werden hier kurz namhaft gemacht. –

Nun gibt (der Verfasser) ihre Beschreibung und nennt die Stelle, wo sie angewendet werden:


Der versteckte Biß ist zu erkennen an der bloßen, nicht übermäßig roten Farbe.


»An der bloßen Farbe«: seine Farbe besteht eben in der bloßen Farbe, indem eine Verwundung dabei nicht stattfindet. »Übermäßig rot« würde schon einen besonders übertriebenen Grad desselben bedeuten. Daran ist er zu »erkennen«, danach zu bestimmen. Auf diese Weise ist er gleichsam versteckt, darum heißt er »der versteckte«, weil er nicht deutlich sichtbar ist. Er ist unter Aufsetzung der Spitze eines einzelnen Vorderzahnes auszuführen.


Dieser wird durch Drücken zu dem »aufgeschwollenen«


Man spricht dann (von diesem), wenn der versteckte unter heftigem Drücken ausgeführt wird. In diesem Falle heißt er »aufgeschwollen«, weil dabei eine Geschwulst entsteht.


Diese beiden ergeben den »Punkt«, inmitten der Unterlippe.


»Diese beiden«, der versteckte und der aufgeschwollene. »Punkt«: dieser Ausdruck bedeutet das Wesen. Die Beschreibung des Punktes wird später gegeben. Diese drei Bisse geschehen inmitten der Unterlippe, weil sie sehr wenig umfangreich sind.[165]

Für den aufgeschwollenen gibt (der Verfasser) noch einen besonderen Platz an:


Der »Aufgeschwollene« und »Koralle und Edelstein« auf der Wange.


»Der Aufgeschwollene« und »Koralle und Edelstein«, dessen Beschreibung noch angegeben wird, »auf der Wange«, indem er hier ausgeführt werden kann.

Auf welcher Wange? – Darauf antwortet (der Verfasser):


Der Kuß des Blumenohrschmuckes und Nägel-und Beißwunden sind die Zierde der linken Wange.


»Die Zierde der linken Wange«: wie der Blumenohrschmuck, weil es hübsch aussieht, hinter das linke Ohr gelegt wird und so einen Schmuck für die linke Wange bildet, ebenso das andere. So heißt es auch: »Zahnwunden und Küsse samt Betel sind Zierden, welche röten«.


Die Herstellung von »Koralle und Edelstein« geschieht durch die Ausführung einer anhaltenden Vereinigung mit Zahn und Lippe.


»Durch die Ausführung einer anhaltenden Vereinigung mit Zahn und Lippe«: mit den oberen Zähnen und der Unterlippe wird behufs »Vereinigung« mit der betreffenden Stelle unter Zufassen ein Druck ausgeübt; »anhaltend«, immer und immer wieder so handelnd: die »Ausführung« dieser Arbeit bildet die »Herstellung«: Wenn man so zu Werke geht, wird jenes hergestellt. Auf diese Weise nämlich, durch jene anhaltende Beschäftigung, findet eine gerötete Spur des Einsetzens von Zahn und Lippe statt, ohne Zufügung einer Wunde: gleichsam Koralle und Edelstein.


Dieselbe (Herstellung), aber im Ganzen, findet statt bei der Edelsteinkette.


Die Herstellung der »Edelsteinkette« geschieht durch die Ausführung einer anhaltenden Vereinigung mit Zahn und Lippe. Auch hierbei ist also die Art der Ausführung dieselbe; aber erst ist eines auszuführen dann ein weiteres, bis eine Kette entstanden ist.


Die Herstellung des Punktes erfolgt durch das zangenartige Erfassen eines kleinen Stückchens Haut vermittelst zweier Zähne.
[166]

»Eines kleinen Stückchens«, mit Berücksichtigung der Stelle. Dabei ist das Stück Haut am Halse nur eine Mungobohne, an der Unterlippe nur ein Sesamkorn groß. »Durch das zangenartige Erfassen vermittelst zweier Zähne«: Der Sinn ist: mit der Spitze des oberen und unteren Zahnes zieht man die Haut an, wodurch eine »Zange« und daher eine Verwundung geschieht. – »Herstellung des Punktes«: es ist gleichsam ein Punkt; daher heißt es »Punkt«, da nur eine sehr kleine Stelle verwundet wird. Der Sinn ist: die Herstellung erfolgt durch das gleichzeitige zangenartige Erfassen eines kleinen Stückchens Haut vermittelst der vier oberen Zähne.


Und vermittelst aller Zähne die der Punktreihe.


»Punktreihe«, weil es so aussieht.


Darum sind alle beiden Ketten in der Gegend des Halses, der Achseln und der Weichen (anzubringen).


»Darum sind alle beide Ketten«, die Edelsteinkette und die Punktreihe, »in der Gegend des Halses, der Achseln und der Weichen (anzubringen)«, weil die Haut derselben weich ist.


Auf der Stirn und den Schenkeln die Punktreihe.


Hierbei stehe sie an den Schenkeln da wie eine Reihe Sesamkörner, nicht wagrecht, sondern wie ein Kreis. Wie ein Kreis erscheint es, trotz der Unterbrechung durch die Mundwinkel.


Gleichsam ein Kreis, versehen mit ungleichen Vorsprüngen, ist die »zerrissene Wolke«, auf der Wölbung der Brüste.


»Versehen mit ungleichen Vorsprüngen«: überall versehen mit den ungleichen, breiten, mittleren und spitzen Spuren der Zähne. »Zerrissene Wolke«, wegen der Ähnlichkeit damit. – »Auf der Wölbung der Brüste«, weil es sich da leicht ausführen läßt und schön aussieht. Bei dem Manne ist die Brust zu verstehen. Es wird ausgeführt unter Neigen des Halses.


Festanschließende, sehr lange, zahlreiche Streifen von Zahnspuren, mit dunkelroten Zwischenräumen bilden den »Eberbiß« auf der Wölbung der Brüste.


»Festanschließende«: von dem einen Teile der Wölbung der Brüste aus beiße man mit der Zange der Zähne einen sehr[167] kleinen Teil der Haut an, bis nach dem andern Teile. Auf diese Weise sind durch wiederholtes Beißen ununterbrochene, »sehr lange, zahlreiche«, vier oder sechs Streifen von Zahnspuren herzustellen. Deren Zwischenräume sind dunkelrot, da das Blut sich dort zusammendrängt. Weil das nun aussieht wie von dem Bisse eines Ebers herrührend, so heißt es »Eberbiß«. – »Auf der Wölbung der Brüste«, weil da viel Fleisch ist.


Dies Beides bei feurigen Liebenden. – Das sind die Zahnwunden.


»Dies Beides«: die Bisse »zerrissene Wolke« und »Eberbiß«, »bei feurigen Liebenden«, weil sie diesen entsprechen. Bei jenen ist auch die Liebhaberin als ausübender Teil anzusehen, indem beide in dem Lehrbuche genannt werden. Je nach Gegend, Zeit und Zweck ist das eine für diesen, das andere für jenen ungewöhnlich. – So weit die Zahnwunden, die ein Zubehör der geschlechtlichen Vereinigung bilden, indem sie an dem Leibe der zu Genießenden ausgeführt werden, bei der Umwerbung aber nicht statthaft sind.

Nun nennt (der Verfasser) eine Handlung der Übertragung bei der Umwerbung, die den Seelenzustand andeuten soll:


Bei einem Stirnschmucke, Ohrschmucke, Blumenstrauße, Betellaube und Tamāla-Blatte, soweit sie bei der zu Umwerbenden zur Verwendung kommen sollen, (kann man) Nägel- und Zahnwunden als Zeichen der Werbung (anbringen).


»Stirnschmuck«, ein aus Birkenblättern usw. gefertigtes Abzeichen. »Ohrschmuck«, aus blauen Wasserrosen usw. »Blumenstrauß«, das ist eine elliptische Bezeichnung. – An dem Diademe befestigtes »Betelblatt«. – »Tamāla-Blatt«, das wohlriechend ist und zu Liebesbriefen benutzt wird. Diese alle bilden ein Ziel für Verwundungen. – Das Wort »soweit« bedeutet das Wesenhafte. – »Soweit sie bei der zu Umwerbenden zur Verwendung kommen sollen«: sie werden kommen, also sollen sie kommen ... Die zur Verwendung kommen sollen: Stirnschmuck usw .... Bei diesen nämlich kann man Verwundungen anbringen als übertragene »Zeichen der Werbung«. »Nägel- und Zahnwunden«: die Nägelmale sind als Zubehör der Werbung oben nicht genannt worden; hier geschieht[168] es, da sie ein und dasselbe Ziel haben, unter Zusammenstellung beider.

Quelle:
Das Kāmasūtram des Vātsyāyana. Berlin 71922, S. 163-169.
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