§ 56. Schleiermacher.

  • [321] Literatur: Dilthey, Leben Schleiermachers, Band I, Berlin 1870 (unvollendet). – Franz Vorländer, Schleiermachers Sittenlehre (gekrönte Preisschrift), Marburg 1851. – Die reiche theologische sowie die Einzelliteratur gehört nicht hierher. Eine gute populäre Einführung in Schleiermachers vielseitige Persönlichkeit bietet das Büchlein: Schleiermacher, der Philosoph des Glaubens, sechs Aufsätze von E. Tröltsch, Titius, P. Natorp, P. Hensel, S. Eck und M. Bade, Berlin 1910. Schleiermachers philosophische Schriften sind in der 3. Abteilung seiner von 1835 – 64 herausgegebenen Sämtlichen Werke in 9 Bänden enthalten. Davon in der Philosoph. Bibliothek: die Monologen, die Weihnachtsfeier und die Philosophische Sittenlehre, die beiden ersteren in kritischen Neuausgaben von F. M. Schiele (1902), bezw. Hermann Mulert (1908). Eine schön ausgestattete kritische Ausgabe alles philosophisch Interessanten mit Einleitungen usw. bietet Otto Braun: Schleiermachers Werke, Auswahl in vier Bänden. Lpz. 1910 – 13.

[321] 1. Leben und Schriften. Am nächsten steht der Philosophie der Romantik sachlich wie persönlich Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher. Geboren zu Breslau am 21. November 1768, aus einer alten Predigerfamilie, ward der reichbegabte Knabe 1783 – 85 in der Erziehungsanstalt der Herrnhuter zu Niesky, 1785 – 87 in dem Seminar der Brüdergemeinde zu Barby erzogen; ein Zug des dortigen Gefühlslebens ist ihm sein Leben lang geblieben. Aber frühe religiöse Zweifel drängten ihn aus der klösterlichen Abgeschiedenheit hinaus in ein freieres geistiges Leben. Von 1787 – 89 studiert er in Halle nicht bloß Theologie, sondern auch Plato und Aristoteles, Eberhard und Kant, und fand in den dann folgenden Hauslehrer-und Hilfspredigerjahren bereits seinen eigenen Grundstandpunkt: Versöhnung kritischer Besonnenheit und freier Denkart mit innigem religiösem Gefühlsleben. Bald nach Kant lernt er Jacobis Schriften und, zunächst aus diesen, später auch selbständig, Spinoza kennen. 1796 als Prediger an die Charité zu Berlin berufen, tritt er mit dem dortigen romantischen Kreis, namentlich Friedrich Schlegel und Henriette Herz, in engste Verbindung, wenngleich er auch ihnen gegenüber jene Vereinigung von warmer Hingebung mit kritischem Sinne beibehielt. Später begeisterte er sich auch für Plato, den er zum größten Teil übersetzt und als den »göttlichen Mann« bezeichnet hat, der am meisten auf ihn gewirkt habe.

Aus diesen verschiedenen Bestandteilen, die er mit kritischer Aufnahmefähigkeit seinem eigenen Wesen anzupassen wußte, erwuchs ihm seine Weltanschauung, deren Kern schon in seinen beiden ersten bedeutenderen Schriften, den Reden über die Religion an die Gebildeten unter ihren Verächtern (1799) und den zu Neujahr 1800 erschienenen Monologen, hervortritt. Weisen die Reden auf das Ewige und Unendliche hin, dessen Gefühl in uns Religion heißt, so predigen die Monologen einen hochgemuten Individualismus. Indem wir uns selbst darstellen, drücken wir die Menschheit in unserer Weise aus und wirken auch auf andere. In solchem weiten und tiefen Sinn faßte Schleiermacher auch sein Predigtamt auf, das er von 1802 – 04 in Stolpe und, nachdem er von 1804 – 07 als außerordentlicher Professor der Theologie und. Philosophie, dann auch Universitätsprediger in Halle gewirkt, von 1809 bis an seinen Tod an der Dreifaltigkeitskirche in Berlin mit reichem Erfolge ausgeübt hat. Durch die Franzosenherrschaft aus Halle vertrieben, zählte er in[322] der preußischen Hauptstadt zu den Männern, welche die nationale Erhebung vorbereiteten, und seit der Gründung der Universität Berlin zu deren Theologie-Professoren. In der Reaktionsperiode wegen seines kirchlichen wie politischen Freisinns vielfach, u. a. auch von Hegel, angefeindet, schreibt er seine großen theologischen Werke, insbesondere: Der christliche Glaube (1821 – 22). Er starb mit der heiteren Ruhe eines platonischen Weisen am 12. Februar 1834: der größte Theologe, den der Protestantismus seit der Reformationszeit und vielleicht bisher überhaupt gehabt hat.

Wir haben nur seine philosophische Leistung zu betrachten. Das wichtigste von ihm selbst veröffentlichte Werk, abgesehen von jenen beiden, übrigens in einem etwas gekünstelt klingenden rhetorisch-poetischen Stile gehaltenen, Jugendschriften, sind die Grundlinien einer Kritik der bisherigen Sittenlehre (1803); unter den nachgelassenen der Entwurf eines Systems der Sittenlehre (kritische Neuausgabe in Bd. II der Werke durch O. Braun, 1913), in anderer Form als Grundriß der philosophischen Ethik (hrsg. von Twesten 1841 mit guter Einleitung), außerdem die Dialektik (von Jonas 1839). Seinen Briefwechsel haben Jonas und Dilthey herausgegeben (4 Bände, 1858 – 63). Im folgenden stellen wir die philosophischen Hauptgedanken Schleiermachers nicht nach ihrer historischen Entwicklung, sondern vom systematischen Gesichtspunkte aus dar.

2. Dialektik. Die philosophische Grundwissenschaft ist für ihn seine Wissenschafts- oder Erkenntnislehre. Er belegt sie mit dem platonischen Namen der Dialektik, weil sie in gemeinsamer Untersuchung mit dem Leser oder Hörer das Denken seinem Ideal annähern soll. Sie will die Prinzipien nicht des Systems, sondern der Kunst des Philosophierens finden. Ausgangspunkt und Ziel ist freilich auch für ihn die von den philosophischen Romantikern verkündete Identität von Denken und Sein. Diese kann aber von uns nie völlig erreicht werden; vielmehr überwiegt in unserem Wissen stets entweder der reale Faktor (die Natur) oder der ideale (der Geist), im Menschen selbst als Gegensatz zwischen organischer und intellektueller Funktion (Wahrnehmung und Denken) wiederkehrend. Das Wissen vom realen Faktor ist die Physik, die je nach ihrer empirisch-wahrnehmenden oder theoretisch-begrifflichen Bearbeitung in Naturgeschichte oder Naturwissenschaft, das vom idealen die [323] Ethik, die nach demselben Gesichtspunkt in Geschichte oder Ethik im engeren Sinne zerfällt. Durch die organische Funktion wird uns der Stoff, durch die intellektuelle die Form des Wissens gegeben; die Formen unseres Erkennens (z.B. Raum, Zeit, Kausalität) sind jedoch zugleich auch die Formen des Seins. Wahrheitsmaßstab unseres Wissens ist seine Übereinstimmung a) mit dem Gedachten (dem Sein, der Wirklichkeit), b) mit dem Denken der übrigen Denkfähigen. Als Methode desselben sind Empirismus und spekulative Konstruktion (Formalismus) an sich gleich einseitig, sie müssen miteinander verbunden werden.

Gott, der Ausgangspunkt alles Wissens, und die Welt, der Endpunkt desselben, sind die einzigen Ideen, die sich nicht in reales Wissen umsetzen lassen; keine von beiden ist ohne die andere. Die »Dialektik« zerfällt in einen »transzendentalen« Teil, der das Wissen an sich, und einen »formalen« oder »technischen«, der es in seinem Werden betrachtet. Die Formen des ersteren sind der Begriff, dem auf dem Gebiet des Seins Kraft und Erscheinung entsprechen, und das Urteil, bezw. die Wechselwirkung der Dinge; die des Werdens die Induktion und Deduktion, die stets zueinander gehören. Die Gewißheit der Übereinstimmung von Denken und Sein wird uns durch die Tatsache unseres eigenen Selbstbewußtseins verbürgt.

Von den oben genannten vier Wissenschaften hat Schleiermacher selbst nur

3. die Ethik bearbeitet. Alles sittliche Handeln und Wollen ist auf die Natur gerichtet, erstrebt Einheit von Vernunft und Natur, wenn auch so, daß die Vernunft überwiegt. Zu der Ethik, als dem niemals vollendeten Naturwerden der Vernunft, gehört daher auch die Geschichte, vom Beginne menschlichen Wirkens an. Sitten- und Naturgesetz sind keine Gegensätze, denn das Sittengesetz ist das natürliche Lebensgesetz der Vernunft oder das Gesetz der vernünftigen Natur. Dem Unnormalen in der Natur entspricht auf dem Gebiete des Vernünftigen die Unsittlichkeit. Schleiermachers Ethik tritt daher in einen ziemlich schärfen Gegensatz zu der Kantischen, in deren kategorischem Imperativ er einen rein juridischen Begriff erblickt; seine Vorbilder sind Plato, Spinoza und, ihm selbst unbewußt, auch Leibniz. Gegenüber dem Dualismus von Sollen und Sein will er deren Einheit, gegenüber[324] dem »beschränkenden« das »frei bildende« Prinzip, gegenüber dem Allgemeinen das Individuelle verteidigen. Jeder soll auf seine eigene Art die Menschheit darstellen, sich zur Lebensaufgabe machen, »immer mehr zu werden, was er ist«, wenn er auch nie damit fertig wird. Das sittliche Leben besteht weiter in der Wechselwirkung von »symbolisierendem« (begreifendem) Erkennen und »organisierendem« (bildendem) Darstellen. Durch letzteres gestaltet die Vernunft die Natur nach ihrem Sinn, in ersterem bezeichnet sie das von ihr durchdrungene Naturgebilde als ihr zugehörig. Mit dieser Zweiteilung kreuzt sich die weitere in das Identische (Allgemeine) und Differenzierte (Individuelle). So ergeben sich vier Gebiete des sittlichen Lebens: Verkehr, Eigentum, Wissen (Denken) und Gefühl.

Damit treten wir in die eigentliche Sittenlehre ein, die Schleiermacher von dreifachem Gesichtspunkt aus als: a) Pflichten-, b) Tugend– und c) Güterlehre auffaßt. Die kunstvolle Gliederung der einzelnen Teile können wir nicht wiedergeben (vgl. darüber Franz Vorländer a. a. O. S. 161 – 329), sondern nur das allgemeine Schema. Die Pflichten zerfallen, nach dem Einteilungsgrund des Universellen und Individuellen einer-, der Gemeinschaftsbildung und Aneignung anderseits, in: Rechts-, Berufs-, Liebes- und Gewissenspflichten. Die Tugend oder die Ineinsbildung von Vernunft und Sinnlichkeit ist entweder Gesinnung oder Fertigkeit, und zwar wiederum erkennend oder darstellend. Daraus entspringt die platonische Vierzahl der Kardinaltugenden; nur daß an die Stelle der Gerechtigkeit bezeichnenderweise die christliche Tugend der Liebe tritt. Am eingehendsten und liebevollsten hat Schleiermacher, entsprechend seiner harmonisierenden Natur, die Güterlehre ausgebildet. Jenen vier Gebieten des sittlichen Lebens entsprechen die vier sittlichen Verhältnisse: Recht, Geselligkeit, Glaube (= Vertrauen auf die Wahrhaftigkeit), Offenbarung. Auf diesen bauen sich, auf der Grundlage der Familie ruhend, vier Organismen oder Güter: Staat, gesellige Gemeinschaft, Schule (im weitesten Sinne) und Kirche auf. Ein Gut heißt jede Einheit von Vernunft und Natur; das höchste Gut ist die Gesamtheit aller dieser Einheiten.

Ohne Frage hat Schleiermachers Sittenlehre man che wertvolle Gesichtspunkte, wie die des Individuellen, der natürlichen Sittlichkeit, des Gutes, stärker hervorgekehrt, und seine Forderung der Ausbildung des Individuellen,[325] das doch wieder in untrennbarem Zusammenhang mit den verschiedenen Formen der Gemeinschaft steht, hat er mit warmem Verständnis namentlich auf das Gebiet der Erziehung angewandt, die nach ihm, unabhängig von Staat und Kirche, völlig frei rein auf die Grundlage der Wissenschaft zu stellen ist. Aber methodisch gelangt seine Ethik doch über ein Beschreiben der sittlichen Verhältnisse nicht hinaus und dringt nicht zu ihrer Begründung vor. Von dauernderem Werte ist seine

4. Religionsphilosophie. Auf diesem Gebiete hat Schleiermacher den kritischen Grundgedanken: Scheidung der einzelnen Bewußtseinsrichtungen, weiter geführt als der Begründer des Kritizismus selbst. Er hat darauf hingewiesen, daß Religion weder in Metaphysik noch in Moral noch in Historie aufgeht, daß sie vielmehr auf dem Grunde des Gefühls ruht, nach eigenen Gesetzen sich entwickelt. So hat er ihr zum erstenmal eine philosophisch-kritische Begründung gegeben. Mit diesem weitergebildeten. Kritizismus verbindet er zugleich eine Verinnerlichung der Lehre des »heiligen, verstoßenen Spinoza«, dessen »Manen« er »eine Locke opfern« will. Der Weltgrund, den Schleiermacher meist mit Spinoza und Schelling Gott nennt (in der ersten Auflage der Reden noch »Universum«!), kann nicht von der Erkenntnis erfaßt werden, wie schon Kant gezeigt hat, wohl aber vom frommen Gefühl, das in der Mystik seinen, nur noch unklaren und unphilosophischen, Ausdruck gefunden hat. Wollen wir das Gefühl in seiner Reinheit erfassen, so müssen wir es in dem Augenblick ergreifen, ehe es sich in Gedanken und Handlungen umsetzt; wir werden dann finden: Religion (religiöses Gefühl) ist = schlechthinnige (absolute) Abhängigkeit vom Unendlichen.

Den kräftigsten und freiesten Ausdruck finden die neuen Anschauungen in den Reden über die Religion. Hier ist alles Dogmatische abgestreift, ins rein Religiöse übersetzt. Das Wunder z.B. bedeutet nur die unmittelbare Beziehung einer Erscheinung auf das Unendliche; jede, auch die aller »natürlichste«, Erscheinung kann für den Religiösen zum »Wunder« werden. »Offenbarung« kann jede neue und ursprüngliche Anschauung des Universums heißen; Unsterblichkeit ist: Eins sein mit dem Unendlichen mitten in der Endlichkeit; Religiosität: Sinn für das Unendliche. Durch die Religion stellt der Mensch zugleich die ihm verloren gegangene Harmonie seines[326] Wesens wieder her: also Schillers Ästhetik oder F. Schlegels Verbindung von Goethe und Fichte in religiösem Gewände. Die religiösen Gefühle sollen nur »wie eine heilige Musik alles Tun des Menschen begleiten«; er soll »alles mit Religion tun, nichts aus Religion«. Eine äußere Gemeinschaft in Form einer Kirche erschien Schleiermacher damals noch nicht notwendig; denn die Religion ist im Innersten Grunde rein individuell. Ebenso schätzt er das Historische an ihr sehr gering. »Nicht der hat Religion, der an eine heilige Schrift glaubt, sondern, welcher keiner bedarf und wohl selbst eine machen könnte.« Ja, »es gibt keine gesunde Empfindung, die nicht fromm wäre«.

In seinen späteren Schriften jedoch, namentlich der Glaubenslehre und der Christlichen Sittenlehre, suchte er diese freie Religiosität mit seinem persönlichen Christentum zu vereinigen. Hatten die Reden es noch als Mißverstand und Mißbrauch bezeichnet, wenn man die Religion »handelnd« auftreten lasse, so will die Christliche Sittenlehre ausdrücklich diejenige Handlungsweise darstellen, die durch die Herrschaft des religiös bestimmten Selbstbewußtseins entsteht. Das Ineinsbilden von Vernunft und Natur sieht er jetzt in der Person des urbildlichen und sündlosen Erlösers verkörpert, in dem die Menschheit das Einssein mit der Gottheit erreicht; das Christentum ist deshalb die schlechthin vollkommene Religion. Jedoch werden auch auf dieser Stufe seines Denkens alle Dogmen, welche sich nicht auf unmittelbare Gefühlserfahrungen zurückführen lassen, verworfen oder doch für bloße Symbole erklärt. Faßt man die Worte und Bilder, in denen das an sich unaussprechliche Gefühl nach Ausdruck ringt, als buchstäbliche Wahrheiten, so verfällt man in Mythologie. Aufgabe der Glaubenslehre ist es, diese bildlichen Ausdrücke auf die ihnen zugrunde liegenden Wahrheiten zurückzuführen. Der Naturzusammenhang kann durch die religiösen Erfahrungen nicht aufgehoben oder unterbrochen werden. Kein Satz der Glaubenslehre verliert seine Bedeutung, wenn es keine persönliche Unsterblichkeit gibt! Und mit dem christlichen Glauben ist auch die christliche Ethik in beständiger Entwicklung begriffen.

5. Einfluß Schleiermachers. Schleiermachers vielseitiger Geist hat auch auf anderen Gebieten wertvolle Anregungen gegeben, so die aus seinem Nachlaß herausgegebenen Vorlesungen über Psychologie, Pädagogik,[327] Staatslehre und Ästhetik. Dazu kamen geistvolle Abhandlungen auf dem Gebiete der Altertumsforschung und seiner Übersetzung des Plato (vgl. I § 20). Die mehr der Literaturgeschichte angehörigen Vertrauten Briefe über Schlegels Lucinde (1800, zuerst anonym) nehmen sich eines verfehlten Machwerks an, wollen aber im Grunde nur den Satz von der ungeteilten Zusammengehörigkeit des geistigen und des sinnlichen Elements in der Liebe verteidigen. Aber seine Hauptleistung wird stets die religionsphilosophische bleiben. So hat er denn auch auf die moderne Theologie, als deren Begründer er gelten kann, weit mächtiger gewirkt als auf die Philosophie.

In der letzteren eine eigentliche Schule zu bilden, war seine vermittelnde und feine, jedoch der begrifflichen Schärfe ermangelnde Natur weder angetan noch gewillt. Dagegen hat er manche philosophische Denker lebendig angeregt. Dahin gehören u. a. die beiden Philosophiehistoriker Brandis (1790 – 1867, in Bonn) und H. Ritter (1791 – 1869, in Göttingen). Auch Franz Vorländer (1806 – 1867, in Marburg) ist ursprünglich von Schleiermacher ausgegangen, hat sich aber bald selbständig weiter entwickelt. Anfangs auch die Psychologie und Erkenntnislehre bearbeitend (Grundlinien einer organischen Wissenschaft der menschlichen Seele 1841, Wissenschaft der Erkenntnis 1847), hat er später vor allem das Gebiet der Moral-, Rechts-, Staats- und Geschichtsphilosophie gepflegt. Seine letzte Schrift Das Evangelium der Wahrheit und Freiheit, gegründet auf das Natur-und Sittengesetz (anonym, Leipzig, E. H. Mayer 1865), legt in allgemein-verständlicher Sprache die »sittlich-natürliche« (hier zeigt sich noch die Nachwirkung Schleiermachers) Weltanschauung des Verfassers dar. Die Frage nach der Wahrheit kann ihm zufolge nur durch die Wissenschaft beantwortet werden, ist indes mit den Bedürfnissen des sittlich-reliösen Gemüts wohl vereinbar. Die sittliche Freiheit wird durch die freie Selbsttätigkeit der menschlichen Natur in Wollen und Erkennen, in allmählicher Entwicklung erreicht.

Quelle:
Karl Vorländer: Geschichte der Philosophie. Band 2, Leipzig 51919, S. 321-328.
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