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Johann Joachim Winckelmann

Abhandlung von der Fähigkeit der Empfindung des Schönen in der Kunst und dem Unterrichte in derselben

'Oμως δε λυσαι δυνατος οξειαν

επιμομφαν ό τοκος ανδρων.

Pind. Ol. 10


Mein Freund!


Über den Verzug dieses Ihnen versprochenen Entwurfs von der Fähigkeit, das Schöne in der Kunst zu empfinden, erkläre ich mich mit dem Pindarus, da er den Agesidamus, einen edlen Jüngling von Lokri, »welcher schön von Gestalt und mit der Grazie übergossen war«, auf eine ihm zugedachte Ode lange hatte warten lassen: »Die mit Wucher bezahlte Schuld«, sagt er, »hebt den Vorwurf.« Dieses kann ihre Gütigkeit auf gegenwärtige Abhandlung deuten, welche umständlicher ausgefallen ist, als es die anfängliche Meinung war, da das Versprochene unter andern sogenannten Römischen Briefen erscheinen sollte.

Der Inhalt ist von Ihnen selbst hergenommen. Unser Umgang ist kurz und zu kurz für Sie und für mich gewesen, aber die Übereinstimmung der Geister meldete sich bei mir, da ich Sie das erstemal erblickte. Ihre Bildung ließ mich auf das, was ich wünschte, schließen, und ich fand in einem schönen Körper eine zur Tugend geschaffene Seele, die mit der Empfindung des Schönen begabt ist. Es war mir daher der Abschied von Ihnen einer der schmerzlichsten meines Lebens, und unser gemeinschaftlicher Freund ist Zeuge davon, auch nach Ihrer Abreise, denn Ihre Entfernung, unter einem entlegenen Himmel, läßt mir keine Hoffnung übrig, Sie[138] wiederzusehen. Es sei dieser Aufsatz ein Denkmal unserer Freundschaft, die bei mir rein ist von allen ersinnlichen Absichten und Ihnen beständig unterhalten und geweiht bleibt.

Die Fähigkeit, das Schöne in der Kunst zu empfinden, ist ein Begriff, welcher zugleich die Person und Sache, das Enthaltende und das Enthaltene in sich faßt, welches ich aber in eins schließe, so daß ich hier vornehmlich auf das erstere mein Absehen richte und vorläufig bemerke, daß das Schöne von weiterem Umfange als die Schönheit ist. Diese geht eigentlich die Bildung an und ist die höchste Absicht der Kunst, jenes erstreckt sich auf alles, was gedacht, entworfen und ausgearbeitet wird.

Es ist mit dieser Fähigkeit wie mit dem gemeinen gesunden Verstande; ein jeder glaubt, denselben zu besitzen, welcher gleichwohl seltener als der Witz ist. Weil man Augen hat wie ein anderer, so will man so gut als ein anderer sehen können. So wie sich selbst nicht leicht ein Mädchen für garstig hält, so verlangt ein jeder das Schöne zu kennen. Es ist nichts empfindlicher, als jemandem den guten Geschmack, welcher in einem andern Worte eben diese Fähigkeit bedeutet, absprechen wollen. Man bekennt sich selbst eher mangelhaft in allen Arten von Kenntnissen, als daß man den Vorwurf höre, zur Kenntnis des Schönen unfähig zu sein. Die Unerfahrenheit in dieser Kenntnis gesteht man zur Not zu, aber die Fähigkeit zu derselben will man behaupten. Es ist dieselbe, wie der poetische Geist, eine Gabe des Himmels, bildet sich aber so wenig wie dieser von sich selbst und würde ohne Lehre und Unterricht leer und tot bleiben. Folglich hat diese Abhandlung zwei Stücke: diese natürliche Fähigkeit überhaupt und den Unterricht in derselben.

Die Fähigkeit der Empfindung des Schönen hat der Himmel allen vernünftigen Geschöpfen, aber in sehr verschiedenem Grade, gegeben. Die meisten sind wie die leichten Teile, welche ohne Unterschied von einem geriebenen elektrischen Körper angezogen werden und bald wiederum abfallen; daher ist ihr Gefühl kurz, wie der Ton in einer kurzgespannten[139] Saite. Das Schöne und das Mittelmäßige ist denselben gleich willkommen, wie das Verdienst und der Pöbel bei einem Menschen von ungemessener Höflichkeit. Bei einigen befindet sich diese Fähigkeit in so geringem Grade, daß sie in Austeilung derselben von der Natur übergangen zu sein scheinen könnten, und von dieser Art war ein junger Brite vom ersten Range, welcher im Wagen nicht einmal ein Zeichen des Lebens und seines Daseins gab, da ich ihm eine Rede hielt über die Schönheit des Apollo und anderer Statuen der ersten Klasse. Von einem ähnlichen Gemächte muß die Empfindung des Grafen Malvasia, des Verfassers der »Leben der bolognesischen Maler«, gewesen sein. Dieser Schwätzer nennt den großen Raffael einen urbinatischen Hafner, nach der pöbelhaften Sage, daß dieser Gott der Künstler Gefäße bemalt, welche die Unwissenheit jenseits der Alpen als eine Seltenheit aufgezeigt. Er entsieht sich nicht, vorzugeben, daß die Carracci sich verdorben durch die Nachahmung des Raffael. Auf solche Menschen wirken die wahren Schönheiten der Kunst wie der Nordschein, welcher leuchtet und nicht erhitzt. Man sollte beinahe sagen, sie wären von der Art »Geschöpfe, welche«, wie Sanchuniathon sagt, »keine Empfindung haben«. Wenn auch das Schöne in der Kunst lauter Gesicht wäre, wie, nach den Ägyptern, Gott lauter Auge ist, würde es dennoch so, in einem Teile vereint, viele nicht reizen.

Man könnte auch auf die Seltenheit dieser Empfindung aus dem Mangel von Schriften, die das Schöne lehren, einen Schluß machen, denn vom Plato an bis auf unsere Zeit sind die Schriften dieser Art vom allgemeinen Schönen leer, ohne Unterricht und von niedrigem Gehalte; das Schöne in der Kunst haben einige Neuere berühren wollen, ohne es gekannt zu haben. Hiervon könnte ich Ihnen, mein Freund, durch ein Schreiben des berühmten Herrn von Stosch, des größten Altertumskundigen unserer Zeiten, einen neuen Beweis geben. Er wollte mir in demselben zu Anfang unseres Briefwechsels, weil er mich persönlich nicht kannte, Unterricht geben über den Rang der besten Statuen und über die Ordnung, in welcher[140] ich dieselben zu betrachten hätte. Ich erstaunte, da ich sah, daß ein so berufener Antiquarius den vatikanischen Apollo, das Wunder der Kunst, nach dem schlafenden Faun im Palaste Barberini, welches eine Waldnatur ist, nach dem Kentaur in der Villa Borghese, welcher keiner idealischen Schönheit fähig ist, nach den zwei alten Satyrs im Campidoglio und nach dem Justinianischen Bock, an welchem das beste Stück der Kopf nur ist, setzte. Die Niobe und ihre Töchter, die Muster der höchsten weiblichen Schönheit, haben den letzten Platz in dessen Ordnung. Ich überführte ihn seiner irrigen Rangordnung, und seine Entschuldigung war, daß er in jungen Jahren die Werke der alten Kunst in Gesellschaft zweier noch lebender Künstler jenseit der Gebirge gesehen, auf deren Urteil das seinige sich bisher gegründet habe. Es wurden verschiedne Briefe zwischen uns gewechselt über ein rundes Werk in der Villa Panfili, mit erhobenen Figuren, welches er für das allerälteste Denkmal der griechischen Kunst hielt und ich hingegen für eines der spätesten unter den Kaisern. Was für Grund hatte dessen Meinung? Man hatte das Schlechteste für das Älteste angesehen, und mit ebendiesem System geht Natter in seinen »Geschnittenen Steinen«, welches aus dem, was er über die dritte und sechste Kupferplatte vorbringt, zu erweisen ist. Ebenso falsch ist dessen Urteil über das vermeintliche hohe Altertum der Steine auf der achten bis zur zwölften Platte. Er geht hier nach der Geschichte und glaubt, eine sehr alte Begebenheit, wie der Tod des Othryades ist, müsse auch einen sehr alten Künstler voraussetzen. Durch solche Kenner ist der vorgegebene Seneca im Bade, in der Villa Borghese, in Achtung gekommen, welcher ein Gewebe von strickmäßigen Adern ist und in meinen Augen der Kunst des Altertums kaum würdig zu achten. Dieses Urteil wird den meisten einer Ketzerei ähnlich sehen, und ich würde dasselbe vor ein paar Jahren noch nicht öffentlich gewagt haben.

Diese Fähigkeit wird durch gute Erziehung erweckt und zeitiger gemacht und meldet sich eher als in vernachlässigter[141] Erziehung, welche dieselbe aber nicht ersticken kann, wie ich hier an meinem Teile weiß. Es wickelt sich dieselbe aber eher an großen als kleinen Orten aus, und im Umgange mehr als durch Gelehrsamkeit; denn das viele Wissen, sagen die Griechen, erweckt keinen gesunden Verstand, und die sich durch bloße Gelehrsamkeit in den Altertümern bekannt ge macht haben, sind auch derselben weiter nicht kundig worden. In gebornen Römern, wo dieses Gefühl vor andern zeitiger und reifer werden könnte, bleibt dasselbe in der Erziehung sinnlos und bildet sich nicht, weil die Menschen der Henne gleich sind, die über das Korn, welches vor ihr liegt, hingeht, um das entferntere zu nehmen: was wir täglich vor Augen haben, pflegt kein Verlangen zu erwecken. Es lebt noch jetzt ein bekannter Maler, Nikolaus Ricciolini, ein geborener Römer und ein Mann von großem Talente und Wissenschaft, auch außer seiner Kunst, welcher vor ein paar Jahren und allererst im siebenzigsten Jahre seines Alters die Statuen in der Villa Borghese zum ersten Male sah. Es hat derselbe die Baukunst aus dem Grunde studiert, und dennoch hat er eines der schönsten Denkmale, nämlich das Grab der Cäcilia Metella, des Crassus Frau, nicht gesehen, ohnerachtet er, als ein Liebhaber der Jagd, weit und breit außer Rom umhergestreift ist. Es sind daher aus besagten Ursachen, außer dem Giulio Romano, wenig berühmte Künstler von gebornen Römern aufgestanden; die meisten, welche in Rom ihren Ruhm erlangt haben, sowohl Maler als Bildhauer und Baumeister, waren Fremde, und es tut sich auch jetzt kein Römer in der Kunst hervor. Dieser Erfahrung zufolge nenne ich ein Vorurteil, geborne Römer zu Zeichnern der Gemälde einer Galerie in Deutschland mit großen Kosten verschrieben zu haben, wo man geschicktere Künstler fand.

Bei angehender Jugend ist diese Fähigkeit, wie eine jede Neigung, in dunkele und verworrene Rührungen eingehüllt und meldet sich wie ein fliegendes Jucken in der Haut, dessen eigentlichen Ort man im Kratzen nicht treffen kann. Es ist dieselbe in wohlgebildeten Knaben eher als in andern zu[142] suchen, weil wir insgemein denken, wie wir gemacht sind, in der Bildung aber weniger als im Wesen und in der Gemütsart. Ein weiches Herz und folgsame Sinne sind Zeichen solcher Fähigkeit. Deutlicher entdeckt sich dieselbe, wenn in Lesung eines Skribenten die Empfindung zärtlicher gerührt wird, wo der wilde Sinn überhinfährt, wie dieses verschiedentlich geschehen würde in der Rede des Glaucus an den Diomedes, welches die rührende Vergleichung des menschlichen Lebens mit Blättern ist, die der Wind abwirft und die im Frühlinge wiederum hervorsprossen. Wo diese Empfindung nicht ist, predigt man Blinden die Kenntnis des Schönen, wie die Musik einem nicht musikalischen Gehöre. Ein näheres Zeichen ist bei Knaben, die nicht nahe bei der Kunst erzogen werden, noch eigens zu derselben bestimmt sind, ein natürlicher Trieb zum Zeichnen, welcher wie der zur Poesie und Musik eingeboren ist.

Da ferner die menschliche Schönheit, zur Kenntnis, in einen allgemeinen Begriff zu fassen ist, so habe ich bemerkt, daß diejenigen, welche nur allein auf Schönheiten des weiblichen Geschlechts aufmerksam sind und durch Schönheiten in unserem Geschlechte wenig oder gar nicht gerührt werden, die Empfindung des Schönen in der Kunst nicht leicht eingeboren, allgemein und lebhaft haben. Es wird dasselbe bei diesen in der Kunst der Griechen mangelhaft bleiben, da die größten Schönheiten derselben mehr von unserm als von dem andern Geschlechte sind. Mehr Empfindung aber wird zum Schönen in der Kunst als in der Natur erfordert, weil jenes, wie die Tränen im Theater, ohne Schmerz, ohne Leben ist und durch die Einbildung erweckt und ersetzt werden muß. Da aber diese weit feuriger in der Jugend als im männlichen Alter ist, so soll die Fähigkeit, von welcher wir reden, zeitig geübt und auf das Schöne geführt werden, ehe das Alter kommt, in welchem wir uns entsetzen zu bekennen, es nicht zu fühlen.

Es ist aber, wenn jemand das Schlechte bewundert, nicht allezeit zu schließen, daß er die Fähigkeit dieser Empfindung[143] nicht habe. Denn so wie Kinder, welchen man zuläßt, alles, was sie anschauen, nahe vor Augen zu halten, schielen lernen würden, ebenso kann die Empfindung verwöhnt und unrichtig werden, wenn die Vorwürfe der ersten betrachtenden Jahre mittelmäßig oder schlecht gewesen. Ich erinnere mich, daß Personen von Talent an Orten, wo die Kunst ihren Sitz nicht nehmen kann, über die hervorliegenden Adern an den Männerchen in unseren alten Domkirchen viel sprachen, um ihren Geschmack zu zeigen. Diese hatten nichts Besseres gesehen, wie die Mailänder, die ihren Dom der Kirche von St. Peter zu Rom vorziehen.

Das wahre Gefühl des Schönen gleicht einem flüssigen Gipse, welcher über den Kopf des Apollo gegossen wird und denselben in allen Teilen berührt und umgibt. Der Vorwurf dieses Gefühls ist nicht, was Trieb, Freundschaft und Gefälligkeit anpreisen, sondern was der innere, feinere Sinn, welcher von allen Absichten geläutert sein soll, um des Schönen willen selbst, empfindet. Sie werden hier sagen, mein Liebster, ich stimme mit Platonischen Begriffen an, die vielen diese Empfindungen absprechen könnten. Sie wissen aber, daß man im Lehren, wie in Gesetzen, den höchsten Ton suchen muß, weil die Saite von selbst nachläßt. Ich sage, was sein sollte, nicht was zu sein pflegt, und mein Begriff ist wie die Probe von der Richtigkeit der Rechnung.

Das Werkzeug dieser Empfindung ist der äußere Sinn, und der Sitz derselben der innere; jener muß richtig und dieser empfindlich und fein sein. Es ist aber die Richtigkeit des Auges eine Gabe, welche vielen mangelt, wie ein feines Gehör und ein empfindlicher Geruch. Einer der berühmtesten gegenwärtigen Sänger in Italien hat alle Eigenschaften seiner Kunst, bis auf ein richtiges Gehör; ihm fehlt das, was der blinde Saunderson, des Newtons Nachfolger, überflüssig hatte. Viele Ärzte würden geschickter sein, wenn sie ein feines Gefühl erlangt hätten. Unser Auge wird vielmals durch die Optik und nicht selten durch sich selbst betrogen.[144]

Die Richtigkeit des Auges besteht in Bemerkung der wahren Gestalt und Größe der Vorwürfe, und die Gestalt geht sowohl auf die Farbe als auf die Form. Die Farben müssen die Künstler nicht auf gleiche Weise sehen, weil sie dieselben verschiedentlich nachahmen. Zum Beweise desselben will ich nicht das überhaupt schlechte Kolorit einiger Maler, als des Poussin, anführen, weil dasselbe zum Teil an Vernachlässigung, an schlechter Anführung und an der Ungeschicklichkeit liegt. Ich schließe unterdessen aus dem, was ich selbst ausführen gesehen, daß solche Maler ihr schlechtes Kolorit nicht erkennen. Einer der besten britischen Maler hätte seinen Tod des Hektor, in Lebensgröße, wo das Kolorit weit unter der Zeichnung ist, weniger geschätzt; dieses Stück wird in weniger Zeit zu Rom in Kupfer gestochen erscheinen. Mein Satz gründet sich vornehmlich auf diejenigen Künstler, die unter die guten Koloristen gezählt werden und gewisse Mängel haben, und ich kann hier den berühmten Friedrich Barocci anführen, dessen Fleisch ins Grünliche fällt. Es hatte derselbe eine besondere Art, die erste Anlage des Nackenden mit Grün zu machen, wie man an einigen unvollendeten Stücken in der Galerie Albani augenscheinlich erkennt. Das Kolorit, welches in des Guido Werken sanft und fröhlich ist, und stark, trübe und vielmals traurig im Guercino erscheint, liest man sogar auf dem Gesichte dieser beiden Künstler.

Nicht weniger verschieden sind die Künstler in Vorstellung der wahren Gestalt der Form, welches man schließen muß aus den unvollkommenen Entwürfen derselben in ihrer Einbildung. Barocci ist an seinen sehr gesenkten Profilen des Gesichts, Pietro von Cortona an dem kleinlichen Kinne seiner Köpfe und Parmigianino an dem langen Ovale und an den langen Fingern kenntlich. Ich will aber nicht behaupten, daß zu der Zeit, da alle Figuren gleichsam schwindsüchtig waren, wie vor dem Raffael, und da dieselben wie wassersüchtig wurden durch den Bernini, allen Künstlern die Richtigkeit des Auges gemangelt habe, denn hier liegt die Schuld an einem falschen System, welches man wählte und ihm[145] blindlings folgte. Mit der Größe hat es ebendie Bewandtnis. Wir sehen, daß Künstler auch in Porträts, in dem Maße der Teile, die sie in Ruhe und nach ihrem Wunsche sehen, fehlen; an einigen ist der Kopf kleiner oder größer, an andern die Hände, der Hals ist zuweilen zu lang oder zu kurz, usf. Hat das Auge in einigen Jahren von beständiger Übung diese Proportion nicht erlangt, so ist dieselbe vergebens zu hoffen.

Da nun dasjenige, was wir auch an geübten Künstlern bemerken, von einer Unrichtigkeit ihres Auges herrührt, so wird dieses noch häufiger bei anderen Personen sein, die diesen Sinn nicht auf gleiche Art geübt haben. Ist aber die Anlage zur Richtigkeit vorhanden, so wird dieselbe durch die Übung gewiß, wie selbst im Gesichte geschehen kann. Der Herr Kardinal Alexander Albani ist imstande, bloß durch Tasten und Fühlen vieler Münzen zu sagen, welchen Kaiser dieselben vorstellen.

Wenn der äußere Sinn richtig ist, so ist zu wünschen, daß der innere diesem gemäß vollkommen sei, denn es ist derselbe wie ein zweiter Spiegel, in welchem wir das Wesentliche unserer eigenen Ähnlichkeit, durch das Profil, sehen. Der innere Sinn ist die Vorstellung und Bildung der Eindrücke in dem äußeren Sinne und, mit einem Worte, was wir Empfindung nennen. Der innere Sinn aber ist nicht allezeit dem äußeren proportioniert, das ist, es ist jener nicht in gleichem Grade empfindlich mit der Richtigkeit von diesem, weil er mechanisch verfährt, wo dort eine geistige Wirkung ist. Es kann also richtige Zeichner geben ohne Empfindung, und ich kenne einen solchen; diese aber sind höchstens nur geschickt, das Schöne nachzuahmen, nicht selbst zu finden und zu entwerfen. Dem Bernini war diese Empfindung in der Bildhauerei von der Natur versagt, Lorenzetto aber war mit derselben, wie es scheint, mehr als andere Bildhauer neuerer Zeiten begabt. Er war des Raffael Schüler, und sein Jonas in der Kapelle Chigi ist bekannt. Ein vollkommeneres Werk aber von ihm im Pantheon, eine stehende Madonna, noch einmal so groß als die Natur, welche er nach seines Meisters[146] Tode machte, wird von niemand bemerkt. Ein anderer verdienter Bildhauer ist noch weniger bekannt, er heißt Lorenzo Ottone, ein Schüler des Herkules Ferrata, und von demselben ist eine stehende h. Anna in ebendem Tempel, so daß zwei der besten neueren Statuen an ebendem Orte stehen. Die schönsten Figuren neuerer Bildhauer neben diesen sind der h. Andreas von Fiammingo und die »Religion« von Legros in der Kirche al Gesu. Ich begehe hier eine Ausschweifung, welche, weil sie unterrichtet, Verzeihung verdient. Dieser innere Sinn, von welchem ich rede, muß fertig, zart und bildlich sein.

Fertig und schnell muß derselbe sein, weil die ersten Eindrücke die stärksten sind und vor der Überlegung vorhergehen; was wir durch diese empfinden, ist schwächer. Dieses ist die allgemeine Rührung, welche uns auf das Schöne zieht, und kann dunkel und ohne Gründe sein, wie mit allen ersten und schnellen Eindrücken zu geschehen pflegt, bis die Untersuchung der Stücke die Überlegung zuläßt, annimmt und erfordert. Wer hier von Teilen auf das Ganze gehen wollte, würde ein grammatikalisches Gehirn zeigen und schwerlich eine Empfindung des Ganzen und eine Entzückung in sich erwecken.

Zart muß dieser Sinn mehr als heftig sein, weil das Schöne in der Harmonie der Teile besteht, deren Vollkommenheit ein sanftes Steigen und Sinken ist, die folglich in unsere Empfindung gleichmäßig wirkt und dieselbe mit einem sanften Zuge führt, nicht plötzlich fortreißt. Alle heftigen Empfindungen gehen über das Mittelbare hinweg zum Unmittelbaren, da das Gefühl hingegen gerührt werden soll, wie ein schöner Tag entsteht durch Anmeldung einer lieblichen Morgenröte. Es ist auch die heftige Empfindung der Betrachtung und dem Genuß des Schönen nachteilig, weil sie zu kurz ist, denn sie führt auf einmal dahin, was sie stufenweise fühlen sollte. Auch in dieser Betrachtung scheint das Altertum seine Gedanken in Bilder eingekleidet zu haben und verdeckte den Sinn derselben, um dem Verstande das Vergnügen zu gönnen,[147] mittelbar dahin zu gelangen. Es sind daher sehr feurige, flüchtige Köpfe zur Empfindung des Schönen nicht die fähigsten, und so wie der Genuß unser selbst und das wahre Vergnügen in der Ruhe des Geistes und des Körpers zu erlangen ist, so ist es auch das Gefühl und der Genuß des Schönen, welches also zart und sanft sein muß und wie ein milder Tau kommt, nicht wie ein Platzregen. Da sich auch das wahre Schöne der menschlichen Figur insgemein in der unschuldigen stillen Natur einzukleiden pflegt, so will es durch einen ähnlichen Sinn gefühlt und erkannt werden. Hier ist kein Pegasus nötig, durch die Luft zu fahren, sondern Pallas, die uns führt.

Die dritte von mir angegebene Eigenschaft des inneren Gefühls, welche in einer lebhaften Bildung des betrachteten Schönen besteht, ist eine Folge der beiden ersteren und nicht ohne jene, aber ihre Kraft wächst, wie das Gedächtnis, durch die Übung, welche zu jenen nichts beiträgt. Das empfindlichste Gefühl kann diese Eigenschaft unvollkommener als ein geübter Maler ohne Gefühl haben, dergestalt, daß das eingedrückte Bild allgemein lebhaft und deutlich ist, aber geschwächt wird, wenn wir uns dasselbe stückweise genau vorstellen wollen, wie es mit dem Bilde des entfernten Geliebten zu geschehen pflegt, wie wir auch in den meisten Dingen erfahren. Zu sehr in das Geteilte gehen wollen macht das Ganze verlieren. Ein bloß mechanischer Maler aber, dessen vornehmstes Werk das Porträt ist, kann durch nötige Übung seine Einbildung erhöhen und stärken, daß dieselbe fähig wird, ein anschauliches Bild nach allen Teilen sich einzuprägen und stückweise zu wiederholen.

Es ist also diese Fähigkeit als eine seltene Gabe des Himmels zu schätzen, welcher den Sinn zum Genusse des Schönen und des Lebens selbst hierdurch fähig gemacht hat, als dessen Glückseligkeit in einer Dauer angenehmer Empfindung besteht.

Über den Unterricht zu der Fähigkeit, das Schöne in der Kunst zu empfinden, welcher das zweite Stück dieser Abhandlung[148] ist, kann zuerst ein allgemeiner Vorschlag gemacht werden, welcher hernach durch besondere Erinnerungen in den drei schönen Künsten eine nähere Anwendung haben kann. Dieser Vorschlag aber ist, wie dieser Entwurf, nicht für junge Leute, welche nur um ihr notdürftiges Brot lernen und weiter nicht hinausdenken können, welches sich von selbst versteht, sondern für die, welche, nebst der Fähigkeit, Mittel, Gelegenheit und Muße haben, und diese ist sonderlich nötig. Denn die Betrachtung der Werke der Kunst ist, wie Plinius sagt, für müßige Menschen, das ist, die nicht den ganzen Tag ein schweres und unfruchtbares Feld zu bauen verdammt sind. Die mir gegönnte Muße ist eine der größten Glückseligkeiten, die mir das gütige Geschick durch meinen erhabensten Freund und Herrn in Rom finden lassen, welcher, solang ich bei und mit ihm lebe, keinen Federstrich von mir verlangt hat, und diese selige Muße hat mich in Stand gesetzt, mich der Betrachtung der Kunst nach meinem Wunsche zu überlassen.

Mein Vorschlag zum Unterrichte eines Knaben, an welchem sich die Spuren der gewünschten Fähigkeit zeigen, ist folgender: Zuerst sollte dessen Herz und Empfindung durch Erklärung der schönsten Stellen alter und neuer Skribenten, sonderlich der Dichter, rührend erweckt und zu eigener Betrachtung des Schönen in aller Art zubereitet werden, weil dieser Weg zur Vollkommenheit führt. Zu gleicher Zeit sollte dessen Auge an Beobachtung des Schönen in der Kunst gewöhnt werden, welches notdürftig in allen Ländern geschehen kann.

Man lege demselben anfänglich die alten Werke in erhobener Arbeit nebst den alten Gemälden vor, welche Santes Bartoli gestochen und die Schönheit dieser Werke mit Wahrheit und mit gutem Geschmacke angedeutet hat. Ferner kann die sogenannte Bibel des Raffael gesucht werden, das ist die Geschichte des alten Testaments, welche dieser große Künstler an dem Gewölbe eines offenen Ganges im vatikanischen Palaste teils selbst gemalt, teils nach seinen Zeichnungen ausführen[149] lassen. Dieses Werk ist auch von vorgedachtem Bartoli gestochen. Diese zwei Werke werden einem unverwöhnten Auge sein, was eine richtige Vorschrift der Hand ist, und da die ungeübte Empfindung dem Efeu gleicht, welcher sich ebensoleicht an einen Baum als an eine alte Mauer anhängt, ich will sagen, das Schlechte und das Gute mit gleichem Vergnügen sieht, so soll man dieselbe mit schönen Bildern beschäftigen. Hier gilt, was Diogenes sagte, daß wir die Götter bitten sollen, uns angenehme Erscheinungen zu geben. An einem mit Raffaelischen Bildern eingenommenen Knaben wird man mit der Zeit bemerken, was jemand empfindet, welcher, nachdem er den vatikanischen Apollo und den Laokoon an ebendem Orte gesehen, unmittelbar nachher ein Auge wirft auf einige Statuen verheiligter Mönche in der St. Peterskirche. Denn so wie die Wahrheit auch ohne Beweise überzeugt, so wird das Schöne, von Jugend an gesehen, auch ohne weiteren Unterricht vorzüglich gefallen.

Dieser Vorschlag zum anfänglichen Unterrichte ist vornehmlich gerichtet auf junge Leute, die, wie Sie, mein Freund, bis zu gewissen Jahren auf dem Lande erzogen werden oder keinen Anführer in dieser Kenntnis haben; aber auch diesen kann mehrere Gelegenheit dazu verschafft werden. Man suche die griechischen Münzen des Goltzius, welche unter allen am besten gezeichnet sind, deren Betrachtung und Erklärung zu unserem Zwecke nützlich und von weiterem Unterrichte sein kann. Die angenehmste und lehrreichste Beschäftigung aber werden die Abdrücke der besten geschnittenen Steine geben, von welchen eine große Sammlung in Gips in Deutschland zu haben ist. In Rom findet man eine vollständige Sammlung von allem, was in dieser Art schön ist, in roten Schwefel gegossen. Zu nützlicher Betrachtung dieser und jener kann meine Beschreibung der Stoschischen geschnittenen Steine dienen. Will sich jemand in kostbare Werke einlassen, so ist derjenige Band des florentinischen Museums, welcher die Steine enthält, besonders zu haben.[150]

Befindet sich der zum Schönen anzuführende Knabe an einem großen Orte, wo demselben mündliche Anweisung kann gegeben werden, so würde ich diesem anfänglich nichts anders als jenem vorschlagen. Aber wenn dessen Lehrer die seltene Kenntnis hätte, die Arbeit alter und neuer Künstler zu unterscheiden, könnte zu den Abdrücken alter Steine eine Sammlung von Abdrücken neuer geschnittener Steine gesucht werden, um aus beider Vergleichung den Begriff des wahren Schönen in den alten und den irrigen Begriff desselben in den meisten neuen Arbeiten zu zeigen. Sehr viel kann gezeigt und begreiflich gemacht werden, auch ohne Anweisung in der Zeichnung, denn die Deutlichkeit erwächst aus dem Gegensatze, so wie ein mittelmäßiger Sänger neben einem harmonischen Instrumente kenntlich wird, welcher im Singen ohne dasselbe anders schien. Die Zeichnung aber, welche zugleich mit dem Schreiben kann gelehrt werden, gibt, wenn dieselbe zu einer Fertigkeit gelangt ist, eine völligere und gründlichere Kenntnis.

Dieser Privatunterricht aus Kupfern und Abdrücken bleibt unterdessen wie die Feldmesserei auf dem Papiere gezeichnet. Die Kopie im Kleinen ist nur der Schatten, nicht die Wahrheit, und es ist vom Homer auf dessen beste Übersetzungen kein größerer Unterschied, als von der Alten und des Raffaels Werken auf deren Abbildungen: dieses sind tote Bilder, und jene reden. Es kann also die wahre und völlige Kenntnis des Schönen in der Kunst nicht anders als durch Betrachtung der Urbilder selbst und vornehmlich in Rom erlangt werden, und eine Reise nach Italien ist denjenigen zu wünschen, die mit Fähigkeit zur Kenntnis des Schönen von der Natur begabt sind und hinlänglichen Unterricht in derselben erlangt haben. Außer Rom muß man, wie viele Verliebte, mit einem Blicke auf einen Seufzer zufrieden sein, das ist, das Wenige und das Mittelmäßige hochschätzen.

Es ist bekannt, daß sowohl von alten Werken als von Gemälden berühmter Meister seit hundert Jahren beträchtliche Stücke aus Rom in andere Länder, sonderlich nach England,[151] weggeführt worden; man kann aber versichert sein, daß das Beste in Rom geblieben ist und vermutlich bleiben wird. Die vornehmste Sammlung von Altertümern in England ist die Pembrokische zu Wilton, und in derselben ist alles, was der Kardinal Mazarin gesammelt hat. Man muß sich aber durch den Namen des Künstlers Kleomenes unter etlichen Statuen so wenig als durch die an einigen Brustbildern zu München gesetzten Taufnamen irren lassen. Es ist leicht gepfiffen dem, der leicht tanzt. Nach dieser kommt die Arundelische Sammlung, in welcher das beste Stück eine konsularische Statue ist, unter dem Namen Cicero, folglich wird in derselben nichts sein, was schön heißen kann. Eine der schönsten Statuen in England ist eine Diana, welche Herr Cook, ehemaliger englischer Minister zu Florenz, vor vierzig Jahren aus Rom wegführte. Sie ist im Laufen und Schießen vorgestellt, von ausnehmender Arbeit, und es fehlt ihr nichts als der Kopf, welcher neu zu Florenz gemacht ist.

In Frankreich ist die beste Statue der sogenannte Germanicus, zu Versailles, mit dem wahren Namen des Künstlers Kleomenes, und diese Figur hat keine besondere Schönheit, sondern scheint nach einem gewöhnlichen Modelle im Leben gearbeitet zu sein. Die Venus mit dem schönen Hinteren, an ebendem Orte, als welche daselbst für ein Wunderwerk gehalten wird, ist wahrscheinlich eine Kopie der unter ebendem Namen noch berühmteren Venus im Palaste Farnese, aber auch diese kann kaum unter den Statuen vom zweiten Range stehen und hat außerdem einen neuen Kopf, welches nicht ein jeder sieht, von den Armen nicht zu gedenken.

In Spanien, und zwar zu Aranjuez, wo die ehemalige Odescalchische Sammlung von Altertümern steht, welche der Königin Christine gehörte, sind das Beste zwei wahrhaftig schöne Genien (welche man insgemein Kastor und Pollux nennt), und diese sind schöner als alles, was in Frankreich ist. Ferner ist daselbst ein überaus schönes ganzes Brustbild des Antinous, über Lebensgröße, und eine fälschlich so genannte liegende Kleopatra oder schlafende Nymphe. Das übrige[152] dieser Sammlung ist mittelmäßig, und die Musen, in Lebensgröße, haben neue Köpfe, von Herkules Ferrata gemacht, von dessen Hand auch der ganze Apollo ist.

In Deutschland fehlt es ebenfalls nicht an Werken der alten Kunst. Zu Wien aber ist nichts, was Erwähnung verdiente, außer ein schönes Gefäß von Marmor, in der Größe und Form der berühmten Vase in der Villa Borghese, mit einem erhaben gearbeiteten Bacchanale umher. Dieses Stück ist in Rom gefunden und gehörte dem Kardinal Niccolo del Giudice, in dessen Palaste zu Neapel es stand. Bei Berlin, zu Charlottenburg, steht die Sammlung alter Werke, welche der Kardinal Polignac zu Rom gemacht hat. Das bekannteste sind elf Figuren, welche der ehemalige Besitzer eine Familie des Lykomedes getauft hat, das ist, Achilles in Weiberkleidern unter den Töchtern von jenem versteckt. Man muß aber wissen, daß alle äußern Teile dieser Figuren, sonderlich die Köpfe, neu und, was das schlimmste ist, von jungen Anfängern in der französischen Akademie zu Rom gemacht worden sind; der Kopf des sogenannten Lykomedes ist das Bild des berühmten Herrn von Stosch. Das beste Stück daselbst ist ein sitzendes Kind von Erz, welches mit den Knochen spielt, welche die Griechen Astragali und die Römer Tali nannten und anstatt der Würfel dienten. Der größte Schatz von Altertümern befindet sich zu Dresden: es besteht derselbe aus der Galerie Chigi in Rom, welche König Augustus mit 60000 Scudi erstand und denselben mit einer Sammlung von Statuen vermehrte, welche der Herr Kardinal Alexander Albani demselben für 10000 Scudi überließ. Ich kann aber das Vorzüglichste von Schönheit nicht angeben, weil die besten Statuen in einem Schuppen von Brettern, wie die Heringe gepackt, standen und zu sehen, aber nicht zu betrachten waren. Einige waren bequemer gestellt, und unter denselben sind drei bekleidete weibliche Figuren, welche die ersten herculanischen Entdeckungen sind.

Von Gemälden des großen Raffael ist in England nichts, wo es nicht ein St. George des Grafen Pembroke ist, welcher,[153] soviel ich mich entsinne, dem in der Galerie des Herzogs von Orleans ähnlich ist; jener ist von Pagot gestochen. Zu Hamptoncourt aber sind sieben Kartone desselben zu ebensoviel Tapeten, wel che in der St. Peterskirche verwahrt werden; diese sind von Dorigny gestochen. Neulich wurde dem Könige in England von Lord Baltimore eine Zeichnung der Verklärung Christi von diesem großen Meister, groß wie das Original, aus Rom zum Geschenke überschickt, welche vermutlich an ebendem Orte wird aufgehängt werden. Es ist dieselbe auf das Werk selbst abgezeichnet, mit schwer nachzuahmender Kunst in schwarzer Kreide ausgeführt, und diese dergestalt auf das Papier befestigt, daß die Zeichnung nichts leiden kann. Sie kennen, mein Freund!, den Künstler derselben, Herrn Johann Casanova, den größten Zeichner in Rom nach Mengs, dessen Meister, und wir haben dieses einzige Werk mehr als einmal betrachtet und bewundert.

In Frankreich, und zwar zu Versailles, ist die berühmte H. Familie des Raffael, von Edeling gestochen und nachher von Frey, nebst der H. Katharina. In Spanien, im Escurial, sind zwei Stücke von dessen Hand, von welchen das eine eine Madonna ist. In Deutschland sind zwei Stücke: zu Wien die H. Katharina und zu Dresden das Altarblatt aus dem Kloster St. Sisto zu Piacenza, aber dieses ist nicht von dessen besten Manier und zum Unglück auf Leinwand gemalt, da dessen andere Werke in Öl auf Holz sind; daher hatte dasselbe bereits viel gelitten, da es aus Italien ankam, und wenn dasselbe von dessen Zeichnung könnte einen Begriff geben, so bleibt derselbe aus diesem Stücke mangelhaft von dessen Kolorit. Ein vermeinter Raffael, welchen der König von Preußen vor einigen Jahren in Rom für 3000 Scudi erstehen ließ, ist von keinem Kunstverständigen allhier für dessen Arbeit erkannt worden, daher auch kein schriftliches Zeugnis von der Richtigkeit desselben zu erhalten war.

Aus diesem Verzeichnisse der besten Werke alter Bildhauer und der Gemälde des Raffael außer Rom und Italien ist der Schluß zu ziehen, daß das Schöne in der Kunst anderwärts[154] nur einzeln sei und daß die Empfindung desselben allein in Rom völlig, richtig und verfeinert werden könne. Diese Hauptstadt der Welt bleibt noch jetzt eine unerschöpfliche Quelle von Schönheiten der Kunst, und es wird hier in einem Monate mehr entdeckt, als in den verschütteten Städten bei Neapel in einem Jahre. Nachdem ich zu der Abhandlung über die Schönheit in der Geschichte der Kunst alles, was in Italien aus dem Altertume von Schönheit übrig ist, untersucht hatte, glaubte ich nimmermehr einen schöneren Kopf männlicher Jugend als den Apollo, den Borghesischen Genius und den Mediceischen Bacchus in Rom zu finden, und ich wurde außer mich gesetzt, da mir eine fast noch höhere Schönheit in dem Gesichte eines jungen Fauns mit zwei kleinen Hörnern auf der Stirne zu Gesichte kam, welcher nach der Zeit entdeckt ist und sich in den Händen des Bildhauers Cavaceppi befindet. Es fehlt demselben die Nase und etwas von der Oberlippe; was für einen Begriff würde dieser Kopf geben, wenn er unbeschädigt wäre! Eine der gelehrtesten Statuen aus dem Altertume wurde im Monat Mai dieses 1763. Jahres bei Albano in einem Weinberge des Prinzen Altieri entdeckt. Es stellt dieselbe einen jungen Faun vor, welcher eine große Muschel vor dem Unterleibe hält, woraus Wasser lief, und die Figur schaut, mit geneigtem Haupte und gekrümmtem Leibe, in dasselbe. Der florentinische tanzende Faun scheint hart neben diesem, und man kann ihn mit keiner Statue füglicher als mit dem von mir beschriebenen Sturze des vergötterten Herkules in Vergleichung setzen. Es wird also künftig ein Altierischer Faun berühmt werden, wie es der Borghesische fälschlich genannte Fechter und der Farnesische Herkules ist.

Nach diesem allgemeinen Vorschlage zum Unterrichte sollte derselbe auch auf das besondere Schöne führen, welches einer jeden der drei schönen Künste, der Malerei, Bildhauerei und der Baukunst, eigen ist, wenn dieses Feld nicht zu weitläufig hier zu bestreiten wäre. Ich muß nach den Grenzen dieser Schrift und nach denjenigen, die mir andere[155] wichtige Ausarbeitungen und Geschäfte setzen, mich begnügen, einzelne Blumen und Kräuter auf demselben zu suchen.

Das Schöne in diesen Künsten ist schwerer in der ersteren, leichter in der zweiten und noch leichter in der dritten einzusehen; der Beweis aber von der Ursache des Schönen ist allenthalben schwer, und hier gilt der bekannte Satz, daß nichts schwerer ist als der Beweis einer augenscheinlichen Wahrheit, und die von allen durch Hilfe der Sinne begriffen wird.

In der Baukunst ist das Schöne mehr allgemein, weil es vornehmlich in der Proportion besteht, denn ein Gebäude kann durch dieselbe allein, ohne Zieraten, schön werden und sein. Die Bildhauerei hat zwei schwere Teile, nämlich das Kolorit und Licht und Schatten, nicht, durch welche die Malerei ihre größte Schönheit erhebt, und also ist es stufenweis leichter, die eine als die andere Kunst zu besitzen und einzusehen. Aus diesem Grunde konnte Bernini, ohne Gefühl des menschlichen Schönen, ein großer Baumeister sein, welches Lob derselbe in der Bildhauerei nicht verdient. Dieses ist so sinnlich, daß es mich wundert, wie es Leute hat geben können, welche gezweifelt, ob die Malerei oder die Bildhauerei schwerer sei, denn daß es in den neueren Zeiten weniger gute Bildhauer als Maler gegeben, kann dieses nicht zweifelhaft machen. Hieraus folgt, da das Schöne in der Bildhauerei mehr als in den beiden andern Künsten auf eins gerichtet ist, daß die Empfindung desselben in diesen so viel seltener sein müsse, da dieselbe in jener Kunst selten ist, wie sich dieses auch sogar in Rom selbst an den neuesten Gebäuden offenbart, unter welchen wenige nach den Regeln der wahren Schönheit ausgeführt sind, wie es die von Vignola ohne Ausnahme zu sein pflegen. In Florenz ist die schöne Baukunst sehr selten, so daß nur ein einziges kleines Haus schön heißen kann, welches auch die Florentiner als ein Wahrzeichen weisen; ebendieses kann man von Neapel sagen. Venedig aber übertrifft diese beiden Städte durch verschiedene Paläste am großen Kanale, welche von Palladio aufgeführt sind. Man mache selbst den Schluß von Italien[156] auf andere Länder. In Rom aber sind mehr schöne Paläste und Häuser als in ganz Italien zusammengenommen. Das schönste Gebäude unserer Zeiten ist die Villa des Herrn Kardinal Alexander Albani, und der Saal in derselben kann der schönste und prächtigste in der Welt heißen.

Der Inbegriff des Schönen in der Baukunst ist an dem schönsten Gebäude in der Welt zu suchen, und dieses ist St. Peter. Die Mängel, welche hier Campbell in seinem »Britannischen Vitruv« und andere finden, sind wie von Hörensagen und haben nicht den geringsten Grund. Man setzt an der vorderen Seite aus, daß die Öffnungen und Glieder derselben der Größe des Gebäudes nicht proportioniert seien, aber man hat nicht bedacht, daß diese vermeinten Mängel durch den Balkon, auf welchem der Papst sowohl hier als zu St. Johann Lateran und zu St. Maria Maggiore den Segen zu erteilen pflegt, notwendig entstehen. Die attische Ordnung an dieser Seite ist nicht höher als diejenige, welche das ganze Gebäude hat. Der vermeinte Hauptfehler aber ist, daß Carlo Maderno, der Baumeister der vorderen Seite, dieselbe zu weit heraus geführt und anstatt des griechischen Kreuzes, wo die Cupola in der Mitte gewesen wäre, diesem Tempel die Form des lateinischen Kreuzes gegeben habe. Dieses aber geschah auf Befehl, um den ganzen Platz der alten Kirche in dem neuen Gebäude einzuschließen. Diese Verlängerung war bereits vom Raffael, als Baumeister von St. Peter vor dem Michelangelo, entworfen, welches man aus dessen Grundrisse beim Serlio sieht, und Michelangelo scheint in der Tat ebendiesen Vorsatz gehabt zu haben, wie dessen Grundriß beim Bonanni zeigt. Es würde auch die Form des griechischen Kreuzes wider die Regeln der alten Baumeister gewesen sein, welche lehren, daß die Breite eines Tempels ein Drittel der Länge desselben halten soll.

In der Bildhauerei der alten Werke ist die erste Kenntnis, zur Übung der Empfindung des Schönen, der Unterschied des Alten und Neuen an ebenderselben Figur. Der Mangel dieser Kenntnis hat viel vermeinte Kenner und Skribenten[157] verführt, denn es ist dieselbe nicht allenthalben so leicht wie an den Ergänzungen der Statuen im Palaste Giustiniani, die auch Anfängern im guten Geschmacke Ekel machen. Ich rede hier von den Zusätzen der Figur selbst, denn die derselben beigelegten Zeichen sind nicht unter der Empfindung des Schönen begriffen. Alle Skribenten haben sich bei dem sogenannten Farnesischen Ochsen betrogen, wo sie nichts Neues gefunden haben, aber das Gefühl des Schönen hätte ihnen über ganze halbe Figuren dieses Werks wenigstens Zweifel erwecken sollen. Im Nackenden ist nicht alles schön (denn es waren auch vor Alters gute und schlechte Künstler, wie Plato im »Kratylus« sagt), aber auch wenig Fehlerhaftes und Schlechtes, und da in unserer Natur dasjenige vollkommen heißt, was die wenigsten Fehler hat, so finden sich in diesem Verstande viel Figuren der Alten, welche für schön gelten können. Aber das Abstrakte und bloß Schöne ist von dem Ausdrucke in der Schönheit wohl zu unterscheiden: der vatikanische Apollo ist ein Gesicht von dieser Art, der Borghesische Genius von jener; der Kopf des Apollo kommt nur einer unmutigen und verachtenden Gottheit zu. Das Bekleidete der alten Figuren kann in seiner Art schön, wie das Nackende, heißen, denn alle ihre Gewänder sind gut und schön geworfen, und nicht alle sind nach nassen Gewändern gearbeitet, wie insgemein irrig vorgegeben wird; dieses sind die feinen Gewänder, welche nahe am Fleische liegen mit niedrigen und kleinen Falten. Man kann also aus diesem Grunde die neuern Künstler nicht entschuldigen, die in historischen Werken, anstatt der Gewänder der Alten, sich andere gebildet haben, die niemals gewesen sind.

An den erhobenen Arbeiten der Alten haben einige Skribenten, welche von ihren Werken nur wie die Pilgrime von Rom reden können, auszusetzen gefunden, daß alle Figuren gleich erhoben seien, ohne malerische Abweichung, welche verschiedene Gründe und Weiten erfordert. Sie setzen dieses als erwiesen voraus und schließen auf eine Ungeschicklichkeit, als wenn es schwerer wäre, flach als erhoben zu modellieren.[158] Diesen sage man, daß sie vieles nicht wissen. Es finden sich solche Werke von drei verschiedenen Abweichungen und Erhobenheiten der Figuren, und ein solches steht in dem prächtigen Saale der Villa Albani. In Werken neuerer Bildhauer muß man von der gemeinen Regel abgehen, man kann hier nicht allezeit von dem Werke auf den Meister schließen, denn z.B. die Statue des h. Dominicus mit der Kleidung seines Ordens in St. Peter war dem geschickten Legros ein fast unüberwindlicher Widerstand, zur Schönheit zu gelangen.

Die Schönheit in der Malerei ist sowohl in der Zeichnung und in der Komposition als in dem Kolorit und im Lichte und Schatten. In der Zeichnung ist die Schönheit selbst der Probierstein auch in dem, was Furcht erwecken soll, denn was von der schönen Form abweicht, kann gelehrt, aber nicht schön gezeichnet heißen. Verschiedene Figuren in dem Göttermahle des Raffael können mit diesem Satze nicht bestehen, aber dieses Werk ist von dessen Schülern ausgeführt, unter welchen Giulio Romano, der ihm am liebsten war, das Gefühl des wahren Schönen nicht besaß. Da die Raffaelische Schule, welche nur wie die Morgenröte hervorkam, aufhörte, verließen die Künstler das Altertum und gingen, wie vorher geschehen war, ihrem eigenen Dünkel nach. Durch die beiden Zuccari fing das Verderbnis an, und Giuseppe von Arpino verblendete sich und andere. Beinahe fünfzig Jahre nach dem Raffael fing die Schule der Carracci an zu blühen, deren Stifter Ludwig, der Ältere von ihnen, nur auf vierzehn Tage Rom sah und folglich seinen Enkeln, sonderlich dem Hannibal, in der Zeichnung nicht beikommen konnte. Diese waren Eklektiker und suchten die Reinheit der Alten und des Raffael, das Wissen des Michelangelo mit dem Reichtume und dem Überflusse der venetianischen Schule, sonderlich des Paolo, und mit der Fröhlichkeit des lombardischen Pinsels im Correggio zu vereinigen. In der Schule des Agostino und des Hannibal haben sich Domenichino, Guido, Guercino und Albano gebildet, die den Ruhm ihrer Meister erreicht, aber als Nachahmer müssen geachtet werden.[159]

Domenichino studierte die Alten mehr als alle Nachfolger der Carracci und arbeitete nicht, bevor er auch die geringsten Teile gezeichnet, wie man unter andern aus acht großen Bänden seiner Zeichnungen in dem Museum des Herrn Kardinal Alexander Albani, welche jetzt der König von England besitzt, dartun kann; im Nackenden aber hat er die Raffaelische Reinigkeit nicht erreicht. Guido ist sich nicht gleich, weder in der Zeichnung noch in der Ausführung: er kannte die Schönheit, aber er hat dieselbe nicht allezeit erreicht. Sein Apollo in der berühmten Aurora ist nichts weniger als eine schöne Figur und ist gegen den Apollo von Mengs unter den Musen in der Villa Albani wie ein Knecht gegen dessen Herrn. Der Kopf seines Erzengels ist schön, aber nicht idealisch. Sein erstes und starkes Kolorit verließ er und nahm eine helle, flaue und unkräftige Art an. Guercino hat sich im Nackenden nicht vornehmlich gezeigt und band sich nicht an die Strenge der Raffaelischen Zeichnung und der Alten, deren Gewänder und Gebräuche er auch in wenig Werken beobachtet und nachgeahmt hat. Seine Bilder sind edel, aber nach seinen eigenen Begriffen entworfen, so daß er mehr als die vorigen ein Original heißen kann. Albano ist der Maler der Grazie, aber nicht der höchsten, welcher die Alten opferten, sondern der unteren; seine Köpfe sind mehr lieblich als schön. Nach diesen Anzeigen kann man selbst suchen, über die Schönheit einzelner Figuren in den übrigen Malern, die es verdienen, zu urteilen.

Die Schönheit der Komposition besteht in der Weisheit, das ist, sie soll einer Versammlung von gesitteten und weisen Personen, nicht von wilden und aufgebrachten Geistern gleichen, wie die von La Fage sind. Die zweite Eigenschaft ist die Gründlichkeit, das ist, es soll nichts müßig und leer in derselben sein, nichts wie in Versen um des Reims willen gesetzt, so daß die Nebenfiguren nicht wie gepfropfte Reiser, sondern wie Zweige von dem Stamme erscheinen. Die dritte Eigenschaft ist die Vermeidung von Wiederholungen in Handlungen und Stellungen, welche eine Armut von Begriffen[160] und eine Unachtsamkeit zeigen. Sehr große Kompositionen bewundert man, als solche, nicht: die Machinisten oder diejenigen, welche große Plätze geschwinde mit Figuren anfüllen können, wie Lanfranco, dessen Cupolen viele hundert Figuren enthalten, sind wie viele Skribenten in Folio. Wir wissen, wie Phädrus sagt,


Plus esse in uno saepe, quam in turba, boni.


Viel und gut steht selten beisammen, und derjenige, welcher an seinen Freund schrieb: »Ich habe nicht Zeit gehabt, mich kürzer zu fassen«, wußte, daß nicht das Viele, sondern das Wenige schwer ist. Tiepolo macht mehr in einem Tage als Mengs in einer Woche, aber jenes ist gesehen und vergessen, dieses bleibt ewig. Wenn aber die großen Werke nach allen Teilen ausstudiert sind, wie das Jüngste Gericht des Michelangelo, wovon sich viele erstere eigenhändige Entwürfe einzelner Figuren und Haufen mehrerer in den vormals Albanischen, jetzt königlich englischen Zeichnungen finden, und wie die Schlacht des Konstantin von Raffael ist, wo wir nicht weniger Vorwürfe von Verwunderung sehen als der Held, dem Pallas beim Homer das Schlachtfeld zeigen würde, alsdann, sage ich, haben wir ein ganzes System der Kunst vor Augen. Die Erläuterung der obigen Erinnerung gibt die Schlacht des Alexander wider den Porus von Pietro von Cortona, im Campidoglio, welches ein Gemengsel von geschwind entworfenen und ausgeführten kleinen Figuren ist, insgemein aber als ein Wunderwerk gezeigt und gesehen wird, um so viel mehr, da die Legende sagt, Ludwig XIV. habe dem Hause Savelli, wo dieses Stück war, 20000 Scudi dafür geboten, welche Lüge neben dessen Gebote von 100000 Louis für die »Nacht« des Correggio stehen kann.

Das Kolorit erhält seine Schönheit durch eine fleißige Ausführung, denn die vielen Abweichungen der Farben und ihre Mitteltinten sind nicht geschwinde gefunden und gesetzt. Alle großen Maler haben nicht geschwinde gearbeitet, und die Raffaelische Schule, ja alle großen Koloristen haben ihre[161] Werke auch in der Nähe zu betrachten gemacht. Die letzteren welschen Maler, unter welchen Carlo Maratta der vornehmste ist, haben geschwinde ausgeführt und sich mit einer allgemeinen Wirkung ihrer Werke begnügt, daher sie viel verlieren, wenn man sie lange und näher untersuchen will. Von diesen Malern muß das Sprichwort in Deutschland entstanden sein: Schön von weitem, wie die italienischen Gemälde. Ich unterscheide hier die Freskogemälde von andern, als welche nicht fein ausgeführt werden, weil sie von weitem wirken müssen, ingleichen fleißig geendigte und geleckte Gemälde, welche peinlich und verzagt gearbeitet sind und sich mehr durch Fleiß als durch wahres Wissen anpreisen. Jene aber zeigen die Gewißheit und Zuversicht, und der freie Pinsel verliert nichts im Nahen und wirkt viel weiter als jener. Von dieser Art ist die Krone aller Gemälde im Kleinen in der Welt, im Palaste Albani, nämlich die berühmte Verklärung Christi des Raffael, welches viele für das Werk dieses Meisters selbst halten, einige aber dessen Schülern zuschreiben. Von der andern Art ist eine Abnehmung vom Kreuze von van der Werff, eines seiner besten Werke, an ebendem Orte, welches der Künstler für den Kurfürsten von der Pfalz zum Geschenke an Papst Clemens XI. gemacht hat. Im Kolorit des Nackenden sind Correggio und Tizian die Meister unter allen, denn ihr Fleisch ist Wahrheit und Leben. Rubens, welcher in der Zeichnung nicht idealisch ist, ist es hier; sein Fleisch gleicht der Röte der Finger, welche man gegen die Sonne hält, und sein Kolorit ist gegen jene wie eine durchsichtige Glaskomposition gegen echtes Porzellan.

In Absicht des Lichts und Schattens können wenige Werke des Caravaggio und des Spagnoletto schön sein, denn sie sind der Natur des Lichts zuwider. Der Grund ihrer finsteren Schatten ist der Satz: Entgegengesetzte Dinge nebeneinander werden scheinbarer, wie es eine weiße Haut durch ein dunkles Kleid wird. Die Natur aber handelt nicht nach diesem Satze; sie geht stufenweis auch in Licht, Schatten und Finsternis, und vor dem Tage geht vorher die Morgenröte und[162] vor der Nacht die Dämmerung. Die Pedanten in der Malerei pflegen diese schwarze Kunst zu schätzen wie die in der Gelehrsamkeit einige beschmauchte Skribenten. Aber ein Liebhaber der Kunst, welcher in sich ein Gefühl des Schönen bemerkt und nicht genugsame Kenntnis besitzt, wird irre, wenn er von vermeinten Kennern Gemälde schätzen hört, wo ihm sein Sinn das Gegenteil spricht. Hat derselbe die Werke der besten Meister betrachtet, so daß er eine notdürftige Erfahrung erlangt hat, kann derselbe sein Auge und sein Gefühl mehr als den Ausspruch, welcher ihn nicht überzeugt, sich eine Regel sein lassen. Denn es gibt Leute, die nur das loben, was andern nicht gefällt, um sich dadurch über die gemeine Meinung hinwegzusetzen, so wie der berühmte Maffei, welcher sehr seicht im Griechischen war, den finsteren und gezwungenen Nikander dem Homer gleich schätzte, um etwas Fremdes zu sagen und von sich glauben zu machen, daß er seinen Held gelesen und verstanden. Der Liebhaber der Kunst kann versichert sein, daß, wenn es nicht nötig wäre, die Manier gewisser Meister zu kennen, die Gemälde des Luca Giordano, des Preti von Calabrese, des Solimena und überhaupt alle neapelschen Maler kaum die Zeit wert sind, dieselben zu untersuchen. Ebendieses kann von den neueren venetianischen Malern, sonderlich von Piazzetta, gesagt werden.

Ich füge diesem Unterrichte zur Empfindung des Schönen in der Kunst folgende Erinnerungen bei: Man sei vor allen Dingen aufmerksam auf besondere eigentümliche Gedanken in den Werken der Kunst, welche zuweilen wie kostbare Perlen in einer Schnur von schlechteren stehen und sich unter diesen verlieren können. Unsere Betrachtung sollte anheben von den Wirkungen des Verstandes, als dem würdigsten Teile auch der Schönheit, und von da heruntergehen auf die Ausführung. Dieses ist sonderlich bei Poussins Werken zu erinnern, wo das Auge durch das Kolorit nicht gereizt wird und also den vornehmsten Wert desselben übersehen könnte. Es hat derselbe die Worte des Apostels: »Ich habe einen guten[163] Kampf gekämpft«, in dem Gemälde der letzten Ölung durch einen Schild über dem Bette des Sterbenden vorgestellt, auf welchem der Name Christus wie auf den alten christlichen Lampen steht; unter demselben hängt ein Köcher, welches auf die Pfeile des Bösewichts deuten kann. Die Plage der Philister an heimlichen Orten ist in zwei Personen ausgedrückt, welche dem Kranken die Hand reichen und sich die Nase zuhalten. Ein edler Gedanke ist in der berühmten Io des Correggio der lechzende Hirsch am Wasser, aus den Worten des Psalmisten: »Wie der Hirsch schreit etc.« genommen, als ein reines Bild der Brunst des Jupiter, denn das Schreien des Hirsches heißt im Hebräischen zugleich, etwas sehnlich und brünstig verlangen. Schön gedacht ist der Fall der ersten Menschen vom Domenichino in der Galerie Colonna: der Allmächtige, von einem Chor der Engel getragen, hält dem Adam sein Vergehen vor, dieser wirft die Schuld auf die Eva und Eva auf die Schlange, welche unter ihr kriecht; und diese Figuren sind stufenweise, wie die Handlung ist, gestellt und in einer Kette von hinübergehender Handlung einer auf die andere.

Die zweite Erinnerung sei die Beobachtung der Natur. Die Kunst, als eine Nachahmerin derselben, soll zur Bildung der Schönheit allezeit das Natürliche suchen und alles Gewaltsame, soviel möglich ist, vermeiden, weil selbst die Schönheit im Leben durch gezwungene Gebärden mißfällig werden kann. Wie viel angebrachtes Wissen in einer Schrift einem klaren und deutlichen Unterrichte weichen muß, so soll es dort die Kunst der Natur tun, und jene soll nach dieser abgewogen werden. Wider diesen Satz haben große Künstler gehandelt, deren Haupt hier Michelangelo ist, welcher, um sich gelehrt zu zeigen, in den Figuren der großherzoglichen Gräber sogar die Unanständigkeit derselben übersehen hat. Aus diesem Grunde soll man in starken Verkürzungen keine Schönheit suchen, denn diese sind wie die ausstudierte Kürze in des Cartesius Geometrie und verbergen, was sichtbar sein sollte. Es können dieselben Beweise sein von der Fertigkeit im Zeichnen, aber nicht von der Kenntnis der Schönheit.[164]

Die dritte Erinnerung betrifft die Ausarbeitung. Da diese nicht das erste und das höchste Augenmerk sein kann, so soll man über die Künsteleien in derselben, als wie über Schönflecke, hinsehen, denn hier können die Künstler aus Tirol, welche das ganze Vaterunser erhoben auf einem Kirschkerne geschnitten haben, allen den Rang streitig machen. Wo aber Nebendinge mit der Hauptsache gleich fleißig ausgeführt worden, wie es die Kräuter auf dem Vorgrunde der Verklärung Christi sind, zeigt es die Gleichförmigkeit des Künstlers im Denken und Wirken, welcher, wie der Schöpfer, auch im Kleinsten hat groß und schön erscheinen wollen. Maffei, welcher, wiewohl irrig, vorgibt, daß die alten Steinschneider die Gründe ihrer vertieften Figuren glätter als die neuern zu machen verstanden, muß auf Kleinigkeiten in der Kunst mehr als auf das Wesentliche aufmerksam gewesen sein. Die Glätte des Marmors ist also keine Eigenschaft einer Statue, wie die Glätte eines Gewandes, sondern höchstens wie es die glatte Oberfläche des Meeres ist, denn es sind Statuen, und zwar einige der schönsten, nicht geglättet.

Dieses kann zur Absicht dieses Entwurfs, welcher allgemein sein sollte, hinlänglich geachtet werden. Die höchste Deutlichkeit kann Dingen, die auf der Empfindung bestehen, nicht gegeben werden, und hier läßt sich schriftlich nicht alles lehren, wie unter andern die Kennzeichen beweisen, welche Argenville in seinen »Leben der Maler« von den Zeichnungen derselben zu geben vermeint. Hier heißt es: Gehe hin und sieh; und Ihnen, mein Freund, wünsche ich, wiederzukommen. Dieses war Ihr Versprechen, da ich Ihren Namen in die Rinde eines prächtigen und belaubten Ahorns zu Frascati schnitt, wo ich meine nicht genutzte Jugend in Ihrer Gesellschaft zurückrief und dem Genius opferte. Erinnern Sie sich desselben und Ihres Freundes, genießen Sie Ihre schöne Jugend in einer edlen Belustigung und ferne von der Torheit der Höfe, damit Sie sich selbst leben, weil Sie es können, und erwecken Sie Söhne und Enkel nach Ihrem Bilde![165]

Quelle:
Winckelmanns Werke in einem Band. Berlin und Weimar 1969, S. 138-166.
Erstdruck: Dresden 1763.
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