1. Der wahre Mensch und der [82] Sinn

Das Wirken der Natur zu kennen, und zu erkennen, in welcher Beziehung das menschliche Wirken dazu stehen muß: das ist das Ziel. Die Erkenntnis des Wirkens der Natur wird durch die Natur erzeugt, und die Erkenntnis des (naturgemäßen) menschlichen Wirkens wird dadurch erlangt, daß man das Erkennbare erkennt und das, was dem Erkennen unzugänglich ist, dankbar genießt. Seines Lebens Jahre zu vollenden und nicht auf halbem Wege eines frühen Todes sterben: das ist die Fülle der Erkenntnis.

Doch liegt hier eine Schwierigkeit vor. Die Erkenntnis ist abhängig von etwas, das außer ihr liegt, um sich als richtig zu erweisen. Da nun gerade das, wovon sie abhängig ist, ungewiß ist, wie kann ich da wissen, ob das, was ich Natur nenne, nicht der Mensch ist, ob das, was ich menschlich[83] nenne, nicht in Wirklichkeit die Natur ist? Es bedarf eben des wahren Menschen, damit es wahre Erkenntnis geben kann.

Was ist unter einem wahren Menschen zu verstehen? Die wahren Menschen des Altertums scheuten sich nicht davor, wenn sie (mit ihrer Erkenntnis) allein blieben. Sie vollbrachten keine Heldentaten, sie schmiedeten keine Pläne. Darum hatten sie beim Mißlingen keinen Grund zur Reue, beim Gelingen keinen Grund zum Selbstgefühl; darum konnten sie die höchsten Höhen ersteigen, ohne zu schwindeln; sie konnten ins Wasser gehen, ohne benetzt zu werden; sie konnten durchs Feuer schreiten, ohne verbrannt zu werden. Auf diese Weise vermochte sich ihre Erkenntnis zu erheben zur Übereinstimmung mit dem SINN.

Die wahren Menschen des Altertums hatten während des Schlafens keine Träume und beim Erwachen keine Angst. Ihre Speise war einfach, ihr Atem tief. Die wahren Menschen holen ihren Atem von ganz unten herauf, während die gewöhnlichen Menschen nur mit der Kehle atmen. Krampfhaft und mühsam stoßen sie ihre Worte heraus, als erbrächen sie sich. Je tiefer die Leidenschaften eines Menschen sind, desto seichter sind die Regungen des Göttlichen in ihm.

Die wahren Menschen der Vorzeit kannten nicht die Lust am Geborensein und nicht den Abscheu vor dem Sterben. Ihr Eintritt (in die Welt der Körperlichkeit) war für sie keine Freude, ihr Eingang (ins Jenseits) war ohne Widerstreben. Gelassen gingen sie, gelassen kamen sie. Sie vergaßen nicht ihren Ursprung; sie strebten nicht ihrem Ende zu; sie nahmen ihr Schicksal hin und freuten sich darüber, und (des Todes vergessend) kehrten sie (ins Jenseits) zurück. So beeinträchtigten sie nicht durch eigene Bewußtheit den SINN und suchten nicht durch ihr Menschliches der Natur zu Hilfe zu kommen. Also sind die wahren Menschen.

Dadurch erreichten sie es, daß ihr Herz fest wurde, ihr Antlitz unbewegt und ihre Stirne einfach heiter. Waren sie kühl, so war es wie die Kühle des Herbstes; waren sie warm, so war es wie die Wärme des Frühlings. All ihre Gefühlsäußerungen waren unpersönlich wie die vier Jahreszeiten. Allen[84] Wesen begegneten sie, wie es ihnen entsprach, und niemand konnte ihr Letztes durchschauen.

Darum ist es möglich, daß der Berufene, wenn er sich gezwungen fühlt, zu den Waffen zu greifen, ein ganzes Reich vernichtet, ohne daß er sich die Herzen von dessen Bürgern entfremdete. Der Segen, der von ihm ausgeht, mag tausend Geschlechtern zuteil werden, ohne daß er in Menschenliebe macht. Darum, wer sich seines Einflusses auf die Außenwelt freut, ist noch nicht wirklich ein Berufener; wer Zuneigungen hat, ist noch nicht wahrhaft gütig; wer in seinem Wirken an die Zeit gebunden ist, der besitzt noch nicht die wahre Größe; wer nicht erhaben ist über Glück und Unglück, der hat noch nicht den wahren Adel; wer, um sich einen Namen zu machen, sein Selbst verliert, der ist noch nicht ein wahrer Ritter. Und mag einer sein Leben opfern: wenn es nicht in der wahren Weise geschieht, so dient er damit den Menschen nicht. Es gibt viele unter den bekannten Männern der Vorzeit, die wegen Selbstlosigkeit berühmt sind, die aber in Wirklichkeit doch nur sich abmühten, den Bedürfnissen der anderen entgegenzukommen, und darüber das, was ihnen selber not tat, versäumten.

Die Art der wahren Menschen des Altertums war es, ihre Pflicht zu tun gegen die Menschen, aber sich nicht durch Bande der Freundschaft an sie zu ketten; sie erschienen demütig, ohne zu schmeicheln; sie waren ausgeprägt in ihrer Eigenheit, ohne eigensinnig zu sein; sie waren weit erhaben über jede kleinliche Wirklichkeit, ohne damit zu glänzen; freundlich lächelnd schienen sie fröhlich zu sein, und doch waren sie zurückhaltend und gaben sich nur gezwungen mit den Menschen ab. Sie ziehen uns an und dringen ein in unser Inneres, und reich beschenkt wird unser Geist durch sie gefestigt; streng halten sie sich an die Formen ihrer Zeit, und stolz sind sie in ihrer Unbezwinglichkeit; im Verkehr scheinen sie ihre Worte sparen zu wollen, gesenkten Blickes vergessen sie das Reden.

Im Gesetz sahen sie das Wesen der Staatsordnung, in den Umgangsformen eine Erleichterung des Verkehrs, im Wissen die Erfordernisse der Zeit, im geistigen Einfluß das Mittel, die Menschen zu sich hinanzuziehen. Da sie im Gesetz das Wesen der Staatsordnung erkannten, töteten sie niemals aus[85] kleinlichen, persönlichen Gründen; da sie in den Umgangsformen eine Erleichterung des Verkehrs erkannten, richteten sie sich darnach, ihrer Mitwelt gegenüber; da sie im Wissen die Erfordernisse der Zeit erkannten, ließen sie sich dazu herbei, sich seiner zu bedienen bei der Erledigung ihrer Aufgabe. Sie erkannten im geistigen Einfluß das Mittel, die Menschen zu sich hinanzuziehen: so wandelten sie gemeinsam mit allem, was Füße hatte, den höheren Zielen entgegen, und die Menschen dachten wirklich, daß sie durch eigene Anstrengung dahin gekommen.

Darum: was sie lieben, ist das Eine; was sie nicht lieben, ist aber auch jenes Eine. Womit sie sich eins fühlen, ist das Eine; das, womit sie sich nicht eins fühlen, ist aber auch das Eine. In dem, was ihr Eines ist, sind sie Genossen der Natur; in dem, was nicht ihr Eines ist, sind sie Genossen der Menschen. Bei wem Natürliches und Menschliches sich das Gleichgewicht hält: das ist der wahre Mensch.

Tod und Leben ist Schicksal; daß es ewig ist wie Tag und Nacht, liegt in der Natur begründet; daß es Grenzen gibt für den Menschen, die er nicht überschreiten kann, beruht auf den allgemeinen Verhältnissen, in denen die Geschöpfe sich befinden. Die Menschen sehen im Himmel ihren Vater und lieben ihn persönlich; wieviel mehr müssen wir das lieben, was höher ist als der Himmel! Die Menschen sehen im Fürsten jemand, der besser ist als sie, und sind bereit, persönlich für ihn zu sterben; wieviel mehr erst müssen wir das dem wahren Herrn gegenüber tun!

Wenn die Quellen austrocknen und die Fische sich auf dem Trockenen zusammendrängen, die Mäuler einander nähern, um sich Feuchtigkeit zu geben, und mit ihrem Schleim einander netzen, so ist dieser Zustand lange nicht so gut, als wenn sie einander vergessen in Strömen und Seen. Den Erzvater Yau zu preisen und den Tyrannen Gië zu verdammen, ist lange nicht so gut, als beider zu vergessen und aufzugehen im SINN. Das große All trägt uns durch die Form; es schafft uns Mühe durch das Leben; es schafft uns Lösung durch das Alter; es schafft uns Ruhe durch den Tod. So wird (die Kraft), die es gut gemacht hat mit unserem Leben, eben deshalb es[86] auch gut machen mit unserem Sterben. Ist ein Boot geborgen im Schlick, ist ein Berg geborgen im tiefen Meer, so denkt man, es sei sicher; aber um Mitternacht kommt ein Starker, nimmt sie auf den Rücken und geht davon, während der (Eigentümer) schläft und nichts davon merkt. Ein großer Raum ist wohl geeignet, daß etwas Kleines darin geborgen wird, doch bleibt die Möglichkeit, daß es verloren geht; ist aber der Welt (Geist) in der Welt verborgen, so kann er nicht verloren gehen. Das ist die große Grundbewegung, daß die Dinge dauernd bestehen. Daß wir gerade in menschlicher Gestalt geformt sind, ist Grund zur Freude; daß aber diese menschliche Gestalt tausend Wandlungen durchmacht, ohne jemals ans Ende zu kommen, das ist unermeßliche Seligkeit. Darum ist der Wandel der Berufenen da, wo die Wesen unverlierbar sind und alle dauern. Ist schon (die Natur), die gutzumachen versteht frühzeitigen Tod und hohes Alter, die gutzumachen versteht den Anfang und gut das Ende, ein Vorbild für die Menschen: wieviel mehr das (Göttliche), von dem alle Dinge abhängen und das alle Wandlungen verursacht. Das ist der SINN: er ist gütig und treu, aber er äußert sich nicht in Handlungen und hat keine äußere Gestalt; man kann ihn mitteilen, aber man kann ihn nicht fassen; man kann ihn erlangen, aber man kann ihn nicht sehen; er ist unerzeugt sich selber Wurzel. Ehe Himmel und Erde waren, bestand er von Ewigkeit; Geistern und Göttern verleiht er den Geist; Himmel und Erde hat er erzeugt. Er war vor aller Zeit und ist nicht hoch; er ist jenseits alles Raumes und ist nicht tief; er ging der Entstehung von Himmel und Erde voran und ist nicht alt; er ist älter als das älteste Altertum und ist nicht greis.

Quelle:
Dschuang Dsï: Das wahre Buch vom südlichen Blütenland. Düsseldorf/Köln 1972, S. 82-87.
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