Raabe, Wilhelm

Die Akten des Vogelsangs

Die Akten des Vogelsangs
  • Verlag: Reclam, Ditzingen
  • Erscheinungsdatum: 1986
  • Format: Sondereinband
  • ISBN: 3150075807
  • EAN: 9783150075807
  • Amazon.de Verkaufsrang: 264.293
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Beschreibung von buecher.de

Helene Trotzendorff, Velten Andres und Karl Krumhardt werden nach einer gemeinsamen Jugend in der idyllischen Vorstadtsiedlung 'Im Vogelsang' gewaltsam auseinandergetrieben. Ihre Welt, in der unterschiedliche Lebensstile und Charaktere nebeneinander existieren konnten, weicht den Fabriken. Der Roman, neben der Erzählung Hastenbeck das letzte vollendete Werk Raabes, beeindruckt durch seine virtuose epische Struktur, die gesellschaftlicher Technisierung mit einer literarischen 'Erinnerungstechnik' (R.Pascal) begegnet.

Rezensionen von Amazon.de-Kunden
Diese Rezension fanden 7 von 10 Kunden hilfreich:
3 von 5 Sternen vielschichtiger Realismus für Faustkenner

Raabe spricht ein tiefes Bedürfnis des Menschen an: Sich selbst von allem Materiellen des Lebens zu befreien und als gewissermaßen rein geistiges Wesen sich frei zu fühlen. Velten Andres, von seiner unerfüllten Liebe zu Helene lange unstet durch die Welt getrieben, kehrt zurück in den Vogelsang und verbrennt und zertrümmert nach dem Tode seiner Eltern all deren Hab und Gut. Er will seine Erinnerungen nicht an Dinge wie die Leselampe seines Vaters gebunden wissen, ebenso wenig, wie er sich vorstellen möchte, daß spätestens nach seinem eigenen Tode diese Lampe womöglich in die Hände Unbekannter gelangt. Die Nachbarn wissen nicht, ob sie diese Tat bewundern oder für verachtenswert halten sollen. Diese Beschreibung bietet lediglich einen kurzen Abriß eines Teilbereiches von Raabes Text. Der fast vergessene Autor des Realismus hat hier in seinem Spätwerk eine vielschichtige Geschichte erschaffen, die ein hohes Maß an Intertextualität aufzeigt. Vor allem Goethe, speziell den Faust, der eine große Rolle spielt, und das Neue Testament hat Raabe eingebunden, aber auch beispielsweise Heinrich Heine findet man wieder. Vieles davon ist sehr versteckt, manches als gekennzeichnetes Zitat verwendet, oft, um die Beschreibung der Charaktere zu unterstützen. Die Erzählung ist konstruiert in Form aufbereiteter Akten, die von Veltens Freund Karl Krumhardt zusammengestellt und ergänzt werden. (Dies ist eine Amazon.de an der Uni-Studentenrezension.)

Diese Rezension von S. Großmann fanden 11 von 21 Kunden hilfreich:
2 von 5 Sternen Langweilig für den Normalbürger, interessant für Historiker

Die unerfüllte Liebe eines Mannes, der sich von Zwängen und Materiellem befreit, um sich frei zu fühlen, ist nur ein Aspekt des Romans von Wilhelm Raabe. Es geht vor allem auch um die Reaktionen der „Anderen" auf das Verhalten dieses Mannes namens Velten Andres. Aus der Perspektive des Erzählers Karl Krumhardt wird geschildert, wie sich die Reaktionen der normalen, kleinbürgerlichen Menschen zwischen Neid und Verachtung ansiedeln und doch zu keiner Veränderung in der Gesellschaft führen.Die Geschichte um den Vogelsang ist jedoch um einiges vielschichtiger als hier angedeutet. Der Autor versteht es, Krumhardt die in Aktenform angelegte und erzählte Geschichte mit Zitaten und Anlehnungen an bedeutende literarische Werke und Künstler anzureichern. Vor allem Goethes Faust, aber auch andere tragische Werke wie das Neue Testament sowie Autoren wie Heinrich Heine werden genutzt, um dem in verschiedenen Ebenen erzählten Werk Vielschichtigkeit zu verleihen.Bei den „Akten des Vogelsangs" handelt es sich zweifelsohne um ein bedeutendes Werk des Realismus. Die zum Teil aus heutiger Sicht sehr komplizierte und mit vielen Andeutungen versetzte Sprache, die dem Leser eine breit gefächerte Allgemeinbildung abverlangt, mindert die Eignung für den modernen Leser ebenso wie der geringe Bezug zur Gegenwart. Im Gegensatz zur Entstehungszeit des Romans (1893 bis 1895) ist die persönliche Freiheit des Menschen durch gesellschaftliche Zwänge heute nicht mehr so stark eingeschränkt. Auch heute gibt es noch „Lebensformen", die von Teilen der Bevölkerung nicht toleriert werden, jedoch beschränkt sich das auf völlig andere Bereiche als die - versteckte - Kritik im Roman.„Die Akten des Vogelsangs" ist ein Roman, dessen Lektüre dem heutigen Leser wenig Freude bereiten wird, jedoch auf der anderen Seite durch seine literarische Qualität und die vielen zum Teil tief in der Geschichte verwurzelten Anspielungen auf klassische Werke besticht.

Diese Rezension von Tom Kadi fanden 1 von 2 Kunden hilfreich:
3 von 5 Sternen auch psychoanalytisch gesehen ein interesanter Roman

Andres Velten ist das alter ego des Icherzählers Karl Krumhardt. Dieser kommt aus kleinbürgerlichen Verhältnissen - der Vater ein Gerichtsschreiber, überangepasst und obrigkeitstreu, der bis kurz vor seinem Tod nie aus dem kleinen Vorort Vogelsang herauskommt und der den Umzug in die Innenstadt nicht überlebt. Der brave und gehorsame Sohn Karl studiert zur großen Freude der Eltern Jura, macht seine bescheidene Karriere in seiner Geburtsstadt, heiratet standesgemäß. Schnarchlangweilig - wenn da nicht sein Freund Andres Velten wäre - ein Nachbarjunge, Arztsohn, Halbwaise, der Vater früh verstorben. Was in Karls Elternhaus eng ist, wird drüben bei Andres weit. Die Mutter ist warmherzig und verständnisvoll. Und Andres ist all das, was sich Karl nicht zu sein traut. Bereits von Kind an unangepasst und abenteuerlustig, Besitz braucht er nicht, weil ihm die ganze Welt gehört. Das kleinbürgerliche Eheglück strebt er nicht an, sein ganzes Leben lang durchsteift er die Welt auf der Suche nach der großen und deshalb letztlich unerfüllten Liebe - damit kommt die dritte Hauptperson ins Spiel Helene, die als Kind und Teenager in dieser Kleinstadt lebt, dann aber in die USA geht, dort reich heiratet. In diese Helene sind beide verliebt, aber nur Andres gesteht sich diese Liebe zu und versucht sie zu leben. Raabe erzählt all dies aus der Sicht des Kleinbürgers Karl, der nach dem Tod seines Freundes das gemeinsame Leben rekapituliert. So erfährt der Leser nur das, was Karl weiß - was sich zwischen Helen und Andres wirklich abgespielt hat, wird nur angedeutet. Im Ansatz klingt das alles nach einem spannenden Roman - doch dies ist nur zum Teil der Fall. Raabe kommt einem doch aus sehr weiter Ferne entgegen. Anders als Fontane, der das Kleinbürgerliche seiner Zeit mit liebevoll augenzwinkernder Ironie darstellt - verklärt Raabe seinen Pantoffelhelden. Manche Stellen, etwa die Unterhaltungen mit seiner servilen und kindischen Ehefrau, sind schwer zu ertragen. Aber zwischendurch packt einen das Buch doch immer wieder mal - wenn es deutlich durchklingt, wie sehr sich Karl wünscht eigentlich Andres zu sein....

Die Akten des Vogelsangs



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