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Tiefgründige und unterhaltsame Literatur: kein WiderspruchDie Erkenntnis, dass es sich bei den Werken des 1828 geboren Lev N. Tolstoj um "schwere Kost" handelt, verdankt die staunende Menschheit nicht zuletzt zwei Boxern, die diese Grundweisheit im Rahmen einer Fernsehwerbung kundtaten. Da mag was daran sein - wenngleich sich die Schwere dieser Kost zunächst wohl mehr in der Überwindung, sich den mitunter recht umfangreichen Werken des russischen Grafen zu nähern, manifestiert: man denke nur an "Krieg und Frieden" und "Anna Karenina", den beiden wohl bekanntesten, weil am häufigsten verfilmten Büchern Tolstojs.
Leider geraten bei dieser Betrachtungsweise die vielen Erzählungen des standhaften Verfechters moralischen Handelns leicht ins Hintertreffen. Natürlich: aller Anfang ist schwer, erkennt der Volksmund stets auf's neue und trägt so zum literarischen Zurückschrecken bei. Wer's dennoch mit Tolstoj aufnehmen will, nur noch nicht so recht weiß, wo er das Auge ansetzen soll, dem sei hier die stark autobiographisch geprägte Trilogie "Kindheit Knabenalter Jünglingsjahre" an's Herz gelegt.
Die drei, 1852, 1854 und 1857 erschienenen Erzählungen stellen drei wesentliche Abschnitte im Leben und der persönlichen Entwicklung Nikolenka Irtenjevs dar – hinter dem der Autor selbst steht.
Die Entwicklung Nikolenkas verfolgt der geneigte Leser nun angefangen bei den unbeschwerten Kindheitstagen auf dem Familiengut Petrovskoe, wo sich der Zehnjährige zwischen Pflichten und Träumen, einem deutschen Hauslehrer und einem älteren Bruder zu behaupten hat. Allein dieser erste, recht kurze Teil ist ein wunderbares Gemälde des Kinderlebens auf einem russischen Landgut, einem "warmen Adelsnest" jener Tage. Und trotz der Kürze vermeint man hier doch diese schwermütig-heitere Mischung aus Droktor Schiwago und den Kindern aus Bullerbü zu erkennen, die Teil einer tiefempfundenen Heimatliebe ist und die einen Satiriker unserer Tage zu der Feststellung veranlasste, Russen seien letztlich Menschen, die selbst zu Hause noch Heimweh hätten.
Viel zu schnell muss Nikolenka dann aber nach Moskau ins Palais seiner Großmutter umziehen, in deren Umfeld der gesamte Rest Trilogie spielt. Weit weg von Wäldern, Seen und Feldern sieht er sich nunmehr in eine Welt der gesellschaftlichen Verpflichtungen versetzt, als Adelssproß zu Höherem berufen – die Bildung ebenso geschliffen wie die Umgangsformen. Und ach, der Umgang: da sind die Konfrontationen mit Gleichaltrigen, aufkeimende Gefühle wie Liebe, aber auch die Freunde des älteren Bruders Volodja. Die Erlebnisse Nikolenkas bis hin zu seinem Eintritt in die Universität werden aus der Perspektive des Erlebenden geschildert, vom Erzähler reflektierend erläutert. Wesentlich hierbei ist die bei diesem wie auch den anderen Werken Tolstojs die moralische Wertung des Verhaltens der verschiedenen Akteure.
Abgesehen davon, dass es sich bei dieser Trilogie um wunderbar erzählte Geschichte(n) handelt, bietet "Kindheit, Knabenalter, Jünglingsjahre" einen hervorragenden Einstieg in die gedankliche Welt Tolstojs – nicht nur im Sinne eines prachtvollen historischen Gemäldes, sondern gerade auch mit Blick auf seine moralischen Ideale, seine Wertvorstellungen.
Schwere Kost? Sicher. Mehr aber in dem Sinne, dass sie zur Auseinandersetzung und – vor allen Dingen – zum Nachdenken anregt.