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Muss man gelesen habenEin Vergleich zum Original ist an dieser Stelle nicht möglich, doch sind die Gedichte auch in deutscher Sprache einnehmend und kraftvoll, was im Grunde für die Übersetzung spricht.
Baudelaire hatte eine sehr eigene Art des Ausdrucks. Zum einen sind es gerade Tod, Verwesungsprozesse, abnorme Physiologie und Hässlichkeit, die er nicht nur zum Thema macht, sondern auch in ein eher positives - wenn auch nicht weniger degeneratives - Licht stellt. Zahlreich ist auch die Erwähnung von Gerüchen und Farben - ein Hinweis auf Baudelaires Hang zur Synästhesie, bei der Sinneseindrücke in verändertem und nicht üblichem Kontext erscheinen.
Gerade aus der Kombination dieser beiden Elemente und im Zusammenhang mit sehr starken Emotionen wie Sehnsucht und Verzehrung, Verbitterung und Wut, Regression und Depression entstanden Gedichte, die den Leser in einen wahren Strudel zu ziehen vermögen.Trotz der wiederkehrenden Elemente und Emotionen sind die Themen, wie die eingangs erwähnte Unterteilung bereits andeutet, sehr unterschiedlich. Während die thematisierte Angebetete sich beispielsweise meist eher vernichtenden Worten entgegensieht, erhält die Stadt Paris Lobeshymnen. Während die fehlende Moral und fehlende Wertegefühl kritisiert werden, ist es auf der anderen Seite ganz deutlich die Gegenbewegung, die Baudelaire antrieb. Gegenbewegung nicht primär politisch oder glaubensorientiert - obwohl dieses Buch zunächst zu Strafprozessen wegen "Beleidigung der öffentlichen Moral" führte, Baudelaire Geldstrafen einbrachte und er später Gedichte auslassen musste -, sondern insgesamt, eine Aufforderung zu einer Veränderung, Erweiterung, zu einem neuen Bewusstsein.Ein beeindruckendes Werk der Lyrik, das sehr viel Zeit und einen offenen Geist braucht, aber auch viel Gespür für die Sinne und für das Verweben von Realem und Erträumtem.
unterschiedliche Ausgaben, unterschiedliche Übersetzungen, unterschiedliche LesefreudeEs wurde schon angedeutet, dass je nachdem welche Ausgabe von "Die Blumen des Bösen" man erwischt, die Freude am Lesen des Gedichtbandes sehr differenzieren kann. Die Übersetzung scheinen hier von Ausgabe zu Ausgabe sehr unterschiedlich. Deshalb einen kurzen Abriss:
Vorneweg: Die Übersetzung von CARLO SCHMID (ISBN 3-458-318208) scheint hier noch eine der gelungeren zu sein, zumindest laut einem meiner Vorrezensenten.
Ich habe die Übersetzung von von Monika Fahrenbach-Wachendorff erwischt (reklam, deutsch/französisch, ISBN-10: 3150099730 bzw. ISBN-13: 978-3150099735). Leider! Denn ich muss sagen, dass diese Übersetzung eine echte Zumutung ist. Der Sinn wird durch die teils sehr freien und weit von Baudelaires Ursprungs-Text entfernten Interpretationen Fahrenbach-Wachendorffs sehr entstellt. Zu großen Teilen auch nur um den End-Reim und das Versmaß zu erhalten, die Prägnanz von Baudelaires Sprache geht verloren durch umständliche und ungeschickte Formulierungen im Deutsch von Fahrenbach-Wachendorff. Diese zweisprachige Reklam-Ausgabe ist nicht zu empfehlen, einziger Lichtblick ist der mitabgedruckte Original-Text.
(Bei Reklam ist anscheinend noch eine rein deutsche Überstzung des Bandes erschienen, die hier in den Kritiken anscheinend ganz gut wegkommt. Ob es sich hierbei um den Abdruck desselben Übersetungsdebakels von Fahrenbach-Wachendorff handelt ist mir nicht persönlich bekannt. Nach Recherche auf der Reklam-Homepage konnte ich aber feststellen das es mit dieser fehlerhaften Übersetzung drei Ausgaben des Reklam-Verlages gibt: erstens ISBN 978-3-15-059973-0, zweitens: ISBN 978-3-15-005076-7 (aha, das eben erwähnte einsprachige Reklam-Heft) und drittens: ISBN 978-3-15-009973-5, das oben erwähnte zweisprachige Exemplar. Fazit: Reklam und Baudelaire-Übersetzung gehen aus Käufersicht zusammen wohl nicht klar).
Ebenfalls schlecht ist eine andere zweisprchige Ausgabe in der Übersetzung von Friedhelm Kemp (dtv-Verlag, ISBN-13: 9783423123495, bzw. ISBN-10: 3423123494). Ähnlich wie bei Fahrenbach-Wachendorff ist Kemps Sprache im vergleich zum Originaltext sinnentleert und überträgt nichts vom Reiz des Originals ins Deutsche. Stellenweise wird frei dazuerfunden oder einfach nur schlecht übersetzt. Auch dies, nicht zu gebrauchen.
Anscheinend ebenfalls weiter weg vom Original-Text übersetzt, ist die Übersetzung von Wolf Graf von Kalckreuth (siehe perlentaucher.de-Kritik), in den Händen gehalten habe ich diese Ausgabe aber noch nicht persönlich.
Ebenfalls keine Kritik kann ich mir über die Ausgabe aus dem Patmos-Verlag erlauben (ISBN-13: 978-3491961333). Sie sei nur der Vollständigkeit halber erwähnt.
Fazit: Abschließend scheint es, dass zweisprachige Ausgaben von "Die Blumen des Bösen" inklusiver einer annehmbaren Übersetzung noch Mangelware am Buchmarkt sind.
Ein Eldorado ist's, vom Schicksal vorbestimmt (Baudelaire)Baudelaire (1821-1867) ist einer der größten französischen Lyriker, ebenso Wegbereiter der lyrischen Moderne. Einfluss übte er auf Verlaine, Rimbaud, Mallarme, George und insbesondere Valery. "... Absicht, ein großer Dichter, doch weder [...], noch Hugo, noch Musset zu werden" so sagte Valery und gibt hier bereits Harold Bloom Recht, der die Frage der Vorgänger bestens analysierte. Baudelaire vermiet es zeitlebens, seinen Vorsatz zu benennen, Hugo zu überflügeln und selbst an die Spitze zu kommen, um ewig zu werden. Und doch waren sie da, diese Zeilen, "ein Vers, der sich an tausend andere ficht." (von Hofmannsthal) Wer das Ozeanische (Romain Rolland), die Empfindung der Ewigkeit, austrocknen lässt als Dichter, wird an Land geschwemmt, wer aber bis zum Hals im Wort steckt, dem schlägt die Stunde der wirklichen Geburt, ihm entsteht der dichterische Neubeginn, aus der empfundenen Hoffnungslosigkeit entsteht ein Metaleben, in dem Liebe und Tod um ihre Beute kämpfen. So ist Baudelaire.
Baudelaire hat mit Lesern gerechnet, die die Lyrik vor Schwierigkeiten stellt. Und so widmet er sich einleitend in diesen "Les Fleur du mal" an seine Leser, denen Willenskraft und Vernunft nicht das zu geben vermögen, was sinnliche Genüsse versprechen. Seine Leser sind mit dem Spleen vertraut, der allem Normalen den Garaus macht. Baudelaire wollte letztendlich verstanden werden, und so beginnt er betont freizügig vom "sündigen Begehren" zu sprechen und Reue als "holden Zeitvertreib" zu definieren. "Es ist Überdruss!" so widmet er sich dem Leser und bindet ihn gleichsam in seine Lyrik. Er schließt sein Eröffnungsgedicht: "Mein Leser, Heuchler du, - mein Bruder, - meinesgleichen!"
Und nun folgen 131 Gedichte, aufgeteilt in Spleen und Ideal, Bilder aus Paris, Der Wein, Blumen des Bösen, Aufruhr und Der Tod.
Ein Massenerfolg lyrischer Poesie ist nach Baudelaire in dieser Menge nicht mehr vorgekommen. Selbst Hugos Lyrik fand nicht diese Resonanz, vielleicht noch das "Buch der Lieder" von Heine. Und darum sind die Blumen des Bösen ein Mach(t)werk, etwas, was hilft im Gegenpart, das Gute zu erkennen. Diese negative Dialektik kann man bei Baudelaire finden, da wo 1902 bereits Stefan George mit der ersten Übersetzung das schier Unfassbare ins Deutsche brachte. Und doch scheint es nur unfassbar in der bürgerlichen Meinung, das baudelairesche Schocken ist eben der direkte Weg, Beachtung zu finden. Seine Erlebnisse in Paris bestimmten Rilkes Malte, seine Sucht ("ich wurde von der Pfeife geraucht"), sein Spiel und er findet im Gedicht die Lösung. "Das Spiel" will nach Walter Benjamin, von keiner gesicherten Position wissen. Das Spiel, im Gegensatz zur Arbeit, macht mit dem vergangenen Leben kurzen Prozess. Und Spleen, Benjamin sagt, es sei der Staudamm gegen den Pessimismus. Baudelaire kann in der Tat kein Pessimist sein, ist er doch nur der Gegenwart verschrieben, sein Tabu, wenn er eines hat, gilt der Zukunft. Er war nicht wie Verlaine, "der in die Devotion (Anm. Frömmigkeit) flüchtete" (Benjamin), noch hatte er die Jugendkraft des lyrischen Elans eines Rimbauds (ausdrücklich empfehle ich seine Dichtung, siehe Rez.).
"Ihr Menschen, ich bin schön! ein Traum in Stein gehauen; [...] doch in dem Dichter ruft sie eine Liebe wach", so berichtet CB über Schönheit und sucht am Ende den Blick, das Auge als Spiegel "aller Schönheit Quelle." Doch sieht er die Erwartung, die dem Menschen entgegendrängt als leer, denn den Augen ist der Glanz verloren, ein Reiz hat sie noch umfangen, im Banne seiner Augen hat sich Sexus vom Eros losgesagt, seine Verse der seligen Sehnsucht wechseln zur klassischen Liebe, mit einer Aura gesättigt und allen fernen Blicken nah:
"So bete ich dich an wie nachts den Sternenreigen,
O Schrein der Traurigkeit, o du mein tiefes Schweigen,
Und liebe dich je mehr, je ferner du von mir:
Je mehr es mir so scheint, du meiner Nächte Zier,
Als wolltest mir zum Hohn die Räume du noch weiten,
Die meinen Arm getrennt von blauen Ewigkeiten."
Baudelaire ist blicklosen Augen verfallen und begibt sich ohne Illusionen in ihren Machtbereich. Diesem einen Werk hat Baudelaire all seine Kraft gewidmet, sein produktives Vermögen liegt hier, unbeirrbar in seiner Poesie, die er in der Absicht, "eine Schablone zu kreieren", verfasst hat - als Kondition eines jeden zukünftigen Lyrikers. Zerbrochen am Ende, das Gesetz seiner Poesie, "als ein Gestirn ohne Atmosphäre". (Nietzsche), wo "Polster tief wie Gräber sind", wo die letzte Reise "laut verkündet, ein Eldorado ist's, vom Schicksal vorbestimmt; / erkennt zu spät, dass nur ein Fels im Meere schwimmt."
Kraft und Originalität!Mit dem Band "Blumen des Bösen" wird dem Leser eine Reihe von originellen, von vorne bis hinten perfekt durchkomponierten Gedichte dargeboten. Da mein Französisch qualitativ noch in den Kinderschuhen steckt, musste ich natürlich auf die deutsche Ausgabe zurückgreifen. Die kraftvolle Übersetzung hat mich überrascht und ist der Grund für einen durchgehenden Lesefluss. Auch die Themenvielfalt ist nicht von der Hand zu weisen. Fazit: Hochwertige und kunstvolle Gedichte, die auch in der Übersetzung durchaus lesbar sind! (4Sterne, weil es dann doch nichts weltbewegendes ist, sondern eher leicht)
poet mauditEr gehörte zu den Dichtern mit riskanter, exaltierter Lebensführung. Er endete im Pariser Irrenhaus. Seine Gedichte werden aber bewundert. Die beste Übersetzung stammt von Prof. Carlo Schmidt, einem der Väter unserer Verfassung.Seine Mutter war Französin.
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