Dorst, Tankred

Fernando Krapp hat mir diesen Brief geschrieben

Fernando Krapp hat mir diesen Brief geschrieben
  • Verlag: Suhrkamp
  • Erscheinungsdatum: 1998-06
  • Bindung: Sondereinband
  • Seitenzahl: 96
  • ISBN: 3518404288
  • EAN: 9783518404287
  • Amazon.de Verkaufsrang: 1.235.509
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Rezensionen von Amazon.de-Kunden
Diese Rezension von Riyad Salhi fanden 5 von 6 Kunden hilfreich:
5 von 5 Sternen Komprimiert: Einer ohne Eifersucht

Fernando Krapp, sich weltgewandt gebend, arrogant, ein Kunsthasser von groteskem Selbstbewusstsein nimmt sich, was er will und kriegt es ohne nennenswerten Widerstand. In diesem Falle Julia, die ihn als abstoßend empfindet, dann sich hingibt, weil sie nicht anders kann, als vor diesem monströsen Menschen mit zweifelhafter Vergangenheit schwächer zu sein, denn alles überragt er mit seiner ins Extrem gesteigerten Ich-Bezogenheit. Der Leser wiederum kann diesen Effekt nachvollziehen, kann sich diesem Krapp nicht entziehen, obwohl er quasi gar keine Persönlichkeit, keine Empfindungen zu haben scheint, jedenfalls zunächst scheint es so. Das Stück besteht aus (für Dorsts Verhältnisse) knappen Sequenzen, die das Thema Selbstwahn und Eifersucht thematisch umkreisen. Natürlich geht es letztendlich um Liebe und wie sich äußert oder auch nicht äußert. Über Dinge, die sich doch ganz anders verhalten als angenommen. Das alles ohne intellektuelles Getue (dies eine Information für Zweifler). Wer prinzipiell keine Theaterstücke liest, sollte hier eine Ausnahme machen. Es ist neben Merlin zum einen das Herausragendste von Dorst und ohnehin gewichtiger (trotz seiner Kürze) als die letzten, kaum erträglichen Stücke von Botho S.! Ist eigentlich jemandem aufgefallen, dass wir hier in der BRD kein Äquivalent für einen der großen englischen, zeitgenössischen Dramatiker haben? Oder kennen Sie einen "deutschen" Tom Stoppard, Alan Ayckbourn oder David Hare? Wenigstens gibt es da T. Dorst...

Diese Rezension von kpoac fanden 5 von 8 Kunden hilfreich:
4 von 5 Sternen Ein Versuch über die Wahrheit.

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"An ihren Taten sollt ihr sie erkennen." (Die Bibel)

Es handelt sich um ein sehr erfolgreiches Bühnenstück. Vier Personen spielen die Hauptrollen, Fernando, Julia, Julias Vater, ein Graf und zwei Irrenärzte treten auf.

Fernando Krapp schreibt einen Brief an Julia, Julia spricht mit ihrem verschuldeten Vater, der weiß augenscheinlich Bescheid, will sich aber nicht näher äußern. Julia wird wegen ihrer Schönheit von Fernando aufgefordert, seine Frau zu werden; ("Wertes Fräulein, Sie sind die Schönste. Ich werde Sie heiraten. Fernando Krapp"). Sie will sich wehren, weil es ein Kauf zu sein scheint, da ihr Vater aller Schulden entledigt ist, Dank des reichen Fernando, dessen Reichtums Herkunft niemand zu erinnern vermag, "wo es auch immer herkommt" ist die Frage. Julia willigt ein.

Liebe? Über Liebe spricht Fernando nicht. Sie ist da, es ist ihm selbstverständlich, dass er geliebt wird. Diese Selbstsicherheit hat etwas Forderndes, mit dem Julia schwerlich umgehen kann. Denn seine primitive Art trifft nicht ihren Schöngeist, den trifft ein feinsinnig und poetisch gebildeter Graf, der nun häufig sie besucht. Für ihn gilt: "Männer, die Liebe verlangen, fordern nur ein Schauspiel ihrer Frauen." Ihre privaten intensiven Gespräche schätzen beide sehr. Sie wird unruhig, Fernando plant einen Landaufenthalt mit ihr, damit sie sich beruhigt und zu sich zurück findet. Ihr fehlt dort jedoch alles, die Ruhe mag nicht einkehren. Er dagegen amüsiert sich mit den Mägden wie "ein wildes Tier", ohne sich zu verstecken. Sie sei seine, ihre Beziehung könne nicht durch diese Eskapaden in Frage gestellt werden, so seine Argumentation gegenüber seiner Frau. Im Gegenzug spricht sie von den lebhaften, leidenschaftlichen Stunden mit dem Grafen, immer wieder und immer schön. Er will sich nicht zum eifersüchtigen Othello stempeln lassen, er plant anderes. Ein Verwirrspiel der Gefühle wird bestens arrangiert.

Vom Lande zurück, lässt er in sein Arbeitszimmer den Grafen und Julia kommen, dabei sind zwei Irrenärzte aus der Stiftung Fernandos. Alle Anwesenden sind in irgendeiner Weise in Abhängigkeit von Fernando, damit sind alle Aussagen wahr im Sinne dieser Abhängigkeit. Die Folge: Julia wird eingeliefert, geheilt und später entschuldigt sie sich bei dem Grafen ob der in dem Zusammenhang unwahren Aussagen. Doch in dem privaten Vieraugen-Gespräch zwischen Julia und dem Grafen kommt die wahre Wahrheit, die Zustimmung zu den früheren Aussagen Julias zu Tage.

Julia spürt wegen der gegenseitigen Zuneigung zum Grafen in dieser Art der Fernando Wahrheit nicht leben zu können. In diesem Leiden schmilzt ihre Schönheit, ihre Freude sinkt, ihr Atem steht still, die letzten Fragen. In ihrer Ehe hat er nie mit Worten bekannt, dass er sie liebt, sie fordert ihn zum letzten Mal, Farbe zu bekennen, zu sagen, dass er sie liebt. Er schweigt. Kein Wort der Liebe kommt über seine Lippen. Julia stirbt ohne je ein Bekenntnis von Liebe gehört zu haben. Er trägt die Tote unter Tränen, fest in den Armen bis zu einer Tür, wo er sich die Pulsadern aufschneidet und sie fest und liebend im Arm haltend, ebenso stirbt.

Die Wahrheit ist nicht eine Sache des Wortes, es ist eine Sache des Glaubens und der Tat.

Fernando Krapp hat mir diesen Brief geschrieben



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