Fontane, Theodor

Irrungen, Wirrungen

Irrungen, Wirrungen
  • Verlag: Dtv
  • Erscheinungsdatum: 1998-10
  • Bindung: Taschenbuch
  • Seitenzahl: 236
  • ISBN: 3423126159
  • EAN: 9783423126151
  • Amazon.de Verkaufsrang: 282.186
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Rezensionen von Amazon.de-Kunden
Diese Rezension von weiser111 fanden 21 von 24 Kunden hilfreich:
4 von 5 Sternen Enttäuschte Lesererwartungen als Spannungsmoment

Adliger Leutnant und kleine Näherin, eine Liebesgeschichte, die in wilhelminischer Zeit keine Zukunft haben kann, am Ende gar Konfektionsware der Sparte Rührseligkeiten? So sieht's nur auf den ersten Blick aus, denn Fontane verwendet diese klischeeüberfrachteten Versatzstücke, um eine Gesellschaftskritik der etwas anderen Art zu verfassen.

Das Bemerkenswerte an diesem Roman ist nämlich das, was n i c h t passiert: Die unstandesgemäß verliebte Lene wird nicht unehrenhaft schwanger, sie stirbt auch nicht an gebrochenem Herzen oder der Schwindsucht, sie stürzt sich nicht verzweifelt in den Landwehrkanal, endet nicht in Schimpf und Schande, entpuppt sich aber auch nicht im letzten Moment als verloren geglaubte Herzogstochter, sondern macht eine "gute Partie" -- Fontane streut zwar immer wieder Hinweise, die diese und ähnliche Entwicklungen hätten einleiten können (und sie bei einem schlechteren Autor auch eingeleitet hätten), aber das sind falsche Fährten, deren Bedeutung sich erst vor dem zeitgenössischen Hintergrund klärt. Enttäuschte Lesererwartungen als das eigentliche Spannungsmoment, so könnte man es vielleicht formulieren.

Die Liebesgeschichte zwischen dem für einen preußischen Offizier der 1870er Jahre erstaunlich geistreichen und unarroganten Botho von Rienäcker und seiner Lene endet vordergründig so, wie man es erwartet: Am Ende heiratet jeder in seinem Stand und trauert der einzigen Liebe nach.

Es sind nämlich die vielen kleinen Pointen, die Fontane immer wieder einbaut und die den Roman lesenswert machen: Botho, der sich der Familienfinanzen wegen standesgemäß vermählt, bekommt als Frau genau die Sorte hübscher Kleiderständer, die er zuvor im Kreise der "kleinen Leute" noch wunderbar parodiert hat. In einer anderen Szene nimmt er die Mittagspause der Borsig-Arbeiter von ferne (!) als Idyll wahr -- zu einer Zeit, als Adolph Menzel schon sein "Walzwerk" gemalt hatte! Szenen wie diese gibt es einige -- ihnen gemeinsam ist die verschobene Perspektive der "Besseren Gesellschaft", der der realistische Blick der niederen Stände gegenübergestellt wird. Klar, wen die Militärordnung dazu verdonnert, sich vornehmlich unter seinesgleichen aufzuhalten, dem verstellen am Ende die Klischees den Blick, und er kann einer Borniertheit nicht entgehen, die etwa die Werke von Humboldt und Ranke nassforsch als "reine Abschreibesache" klassifiziert.

Und der damals sakrosankte Bismarck bekommt freilich auch sein Fett weg -- wie bei Fontane nicht anders zu erwarten. Aber das nur am Rande.

Man kann also sagen, dass Fontane die vielen falschen Fährten in diesem Roman für die Angehörigen eben jener Offizierskaste gelegt hat, deren Borniertheit er ins Visier nimmt, und der Trick ist ihm gelungen: Die zeitgenössische Kritik übersah die Pointe und nannte "Irrungen Wirrungen" allen Ernstes eine "gräßliche Hurengeschichte"... Irrungen und Wirrungen eben, wohin man nur schaut.

Vordergründig also eine tragische Liebesgeschichte von der Stange -- die Spitzen gegen die wilhelminische Ständegesellschaft sind gut versteckt. Aus diesem Grund dürfte "Irrungen Wirrungen" auch heute noch oft als trivial eingestuft werden, denn ohne Kenntnisse über die gesellschaftlichen und historischen Hintergründe bleibt einem die Stoßrichtung verborgen. Vielleicht sollte man auch deswegen einen anderen Roman von Fontane als Schullektüre wählen.

Diese Rezension von silke.musa@gmx.de fanden 10 von 11 Kunden hilfreich:
4 von 5 Sternen Heutzutage eine eher harmlose Lektüre.

In diesem Roman, der 1887 erschienen ist, wird erstmals das im Werk Fontanes bevorzugte Adelsmilieu mit dem der Unterschicht in Form einer unstandesgemäßen Liebe verknüpft. Die Plätterin Lene Nimpsch, die mit ihrer alten Mutter in einem kleinen Häuschen auf dem Gelände einer Gärtnerei bei Wilmersdorf wohnt, verlebt einen Sommer der Liebe mit dem jungen Baron Botho von Rienecken. Dieser liebt Lene ebenfalls aufrichtig und zieht das natürliche Leben ihres einfachen häuslichen Umkreises seiner Gesellschaftssphäre vor. Dennoch sind sich die beiden Liebenden darüber im Klaren, dass ihrem Verhältnis aufgrund der Standesunterschiede keine Dauer beschieden sein kann. Dies wird besonders anlässliche einer Landpartie nach "Hankels Ablage" an der Spree deutlich, auf der ihre Beziehung auch schon den Beginn ihres Endes erlebt. In der Gestalt von drei Kameraden Bothos und deren standesgemäßen Begleiterinnen erscheint die "Gesellschaft" in der Idylle der beiden Liebenden und zeigt diesen einmal mehr, dass es keine Möglichkeit der Flucht aus Zwang und Norm gibt. Botho fügt sich alsbald in die unabänderlichen Gegebenheiten und heiratet seine oberflächliche Kusine Käthe. Auch Lene akzeptiert schließlich voller Schmerz die Trennung und wird später die Ehefrau des menschlich integren Gideon Franke. Der vorliegende Roman ist ein typischer Vertreter des literarischen Realismus, der es sich etwa um die Mitte des 19. Jh. zur Aufgabe gemacht hatte, die vorherrschenden gesellschaftlichen Verhältnisse zum zentralen Thema seiner Darstellungen zu machen. In Fontanes Roman wird diese gesellschaftliche Realität im Kleinformat, nämlich als Liebesbeziehung geschildert. Die Liebe, eigentlich das Hauptmerkmal für Menschlichkeit, der beiden Hauptfiguren zueinander ist durch die Konventionen der Gesellschaft und die Intrigen ihrer Mitmenschen zum Scheitern verurteilt. Nicht einmal die Möglichkeit einer Flucht wird erwogen; Botho und Lene handeln absolut systemkonform, indem sie sich den äußeren Gegebenheiten widerstandslos fügen. Es ist nicht verwunderlich, dass der Großteil des Lesepublikums auf das Erscheinen dieses Romans mit Empörung reagierte, da er dessen Lebenslüge, nämlich den Verzicht auf individuelles Glück als Preis für das Weiterleben im Ordnungsgefüge der Gesellschaft bloßgelegt hatte. Die überladenen, sehr detailierten Darstellungen der trivialsten Situationen und Gegenstände, die für den eigentliche Handlungsverlauf irrelevant sind, sind zwar typisch für Fontane und den gesamten Realismus, dürften wohl aber nicht der GEschmack jener Leute sein, die gerne schnell 'zur Sache' kommen wollen. Nichtsdestotrotz ist der Roman für Literaturbegeisterte eine durchaus empfehlenswerte Lektüre.

Diese Rezension von silke.musa@gmx.de fanden 7 von 16 Kunden hilfreich:
4 von 5 Sternen typisch Fontane

Auch in diesem Buch, beschreibt Fontane wieder sein Wissen über die gesellschaftlichen Schranken seiner Zeit. Die Hauptperson, meines Erachtens Lene, schenkt man sehr bald seine Sympatie und es scheint zuerst unverständlich, wo in dieser Geschichte die Unmöglichkeit der Liebe zwischen Lene und Botho steckt. Der Schluß ist im weiteren vorhersehbar und daher unspektakulär. Aber alles in allem hat Fontane auch hier etwas Gutes zur Literatur beigetragen. Da diese spezielle Ausgabe viele Zusatzinformationen und eine Fontanebiographie enthält, gibt es noch 4 Sterne.

Diese Rezension von weiser111 fanden 7 von 8 Kunden hilfreich:
4 von 5 Sternen Enttäuschte Lesererwartungen als Spannungsmoment

Adliger Leutnant und kleine Näherin, eine Liebesgeschichte, die in wilhelminischer Zeit keine Zukunft haben kann, am Ende gar Konfektionsware der Sparte Rührseligkeiten? So sieht's nur auf den ersten Blick aus, denn Fontane verwendet diese klischeeüberfrachteten Versatzstücke, um eine Gesellschaftskritik der etwas anderen Art zu verfassen.

Das Bemerkenswerte an diesem Roman ist nämlich das, was n i c h t passiert: Die unstandesgemäß verliebte Lene wird nicht unehrenhaft schwanger, sie stirbt auch nicht an gebrochenem Herzen oder der Schwindsucht, sie stürzt sich nicht verzweifelt in den Landwehrkanal, endet nicht in Schimpf und Schande, entpuppt sich aber auch nicht im letzten Moment als verloren geglaubte Herzogstochter, sondern macht eine "gute Partie" -- Fontane streut zwar immer wieder Hinweise, die diese und ähnliche Entwicklungen hätten einleiten können (und sie bei einem schlechteren Autor auch eingeleitet hätten), aber das sind falsche Fährten, deren Bedeutung sich erst vor dem zeitgenössischen Hintergrund klärt. Enttäuschte Lesererwartungen als das eigentliche Spannungsmoment, so könnte man es vielleicht formulieren.

Die Liebesgeschichte zwischen dem für einen preußischen Offizier der 1870er Jahre erstaunlich geistreichen und unarroganten Botho von Rienäcker und seiner Lene endet vordergründig so, wie man es erwartet: Am Ende heiratet jeder in seinem Stand und trauert der einzigen Liebe nach.

Es sind nämlich die vielen kleinen Pointen, die Fontane immer wieder einbaut und die den Roman lesenswert machen: Botho, der sich der Familienfinanzen wegen standesgemäß vermählt, bekommt als Frau genau die Sorte hübscher Kleiderständer, die er zuvor im Kreise der "kleinen Leute" noch wunderbar parodiert hat. In einer anderen Szene nimmt er die Mittagspause der Borsig-Arbeiter von ferne (!) als Idyll wahr -- zu einer Zeit, als Adolph Menzel schon sein "Walzwerk" gemalt hatte! Szenen wie diese gibt es einige -- ihnen gemeinsam ist die verschobene Perspektive der "Besseren Gesellschaft", der der realistische Blick der niederen Stände gegenübergestellt wird. Klar, wen die Militärordnung dazu verdonnert, sich vornehmlich unter seinesgleichen aufzuhalten, dem verstellen am Ende die Klischees den Blick, und er kann einer Borniertheit nicht entgehen, die etwa die Werke von Humboldt und Ranke nassforsch als "reine Abschreibesache" klassifiziert.

Und der damals sakrosankte Bismarck bekommt freilich auch sein Fett weg -- wie bei Fontane nicht anders zu erwarten. Aber das nur am Rande.

Man kann also sagen, dass Fontane die vielen falschen Fährten in diesem Roman für die Angehörigen eben jener Offizierskaste gelegt hat, deren Borniertheit er ins Visier nimmt, und der Trick ist ihm gelungen: Die zeitgenössische Kritik übersah die Pointe und nannte "Irrungen Wirrungen" allen Ernstes eine "gräßliche Hurengeschichte"... Irrungen und Wirrungen eben, wohin man nur schaut.

Vordergründig also eine tragische Liebesgeschichte von der Stange -- die Spitzen gegen die wilhelminische Ständegesellschaft sind gut versteckt. Aus diesem Grund dürfte "Irrungen Wirrungen" auch heute noch oft als trivial eingestuft werden, denn ohne Kenntnisse über die gesellschaftlichen und historischen Hintergründe bleibt einem die Stoßrichtung verborgen. Vielleicht sollte man auch deswegen einen anderen Roman von Fontane als Schullektüre wählen.

Diese Rezension von Lothar Hitzges fanden 6 von 8 Kunden hilfreich:
5 von 5 Sternen Zeitlos und lesenswert.

Die Geschichte ist alt und wahrlich nicht neu. Der Autor Theodor Fontane erzählt die kurze Liebelei zwischen dem jungen Baron Botho und der armen Lene, Pflegetochter der Waschfrau Nimptsch. Was recht harmlos beginnt und bei einer Landpartie spreeaufwärts einen dramatischen Wendepunkt erfährt, ist Erfahrung einer wahren unkonventionellen Liebe, die recht bald ihre Grenzen durch die Gesellschaft aufgezeigt bekommt. Es gibt keine gemeinsame Zukunft für die beiden. Lene, die nüchterne erkennt das sehr früh und auch Baron Botho muss zurück ins Glied der Gesellschaft und aus Geldnöten eine Kusine heiraten. Kein Vergleich zu der zuvor erfahrenen Liebe, aber ein Arrangement, dass seinen Wohlstand sichert. Lene findet ebenfalls den Weg in die Ehe mit einem Laienprediger. Die ehrliche Lene beichtet das vorgefallene korrekt und führt forthin ebenfalls eine langweilige Beziehung. Die Erzählung lässt den Leser nicht unberührt. Die gewählte Sprache, die Dialoge und die pittoresk gewählten Szenenbilder nehmen den aufmerksamen Leser schnell für sich ein und lassen ihn mit den beiden Liebenden Freud und Leid durchleben. Fontane ist hier ein kleines Stück Gesellschaftskritik gelungen, die zwar etwas von ihrer Aktualität eingebüßt hat, aber dafür eine Ausdruckskraft bietet, die sich so mancher lebender Autor gerne wünscht. Der Autor schreibt treffend: „Es tut weh, und ein Stück Leben bleibt daran hängen".

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