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In einer Zeit, in der sich Familienverbände auflösen und die Konstellation Vater-Mutter-Kind als ein kontinuierlicher Lebenszusammenhang nicht mehr selbstverständlich ist, kann sich das Thema Inzest in einer erstaunlichen Weise behaupten. Denn die Familie mit ihren Geheimnissen, Verirrungen und Bekenntnissen spielt erneut eine große Rolle in Literatur und Film; das Inzestthema ist nicht nur als skandalträchtiges Motiv präsent, sondern auch als ein erzählerisches Modell für sprachliche und visuelle Strategien der Tabuisierung und Mythisierung.
Die Autorin stellt zentrale poetologische Texte vor, ohne deren Kenntnis die Literatur des 20. Jahrhunderts nicht verstanden werden kann (etwa von Shakespeare, Brentano und Kleist) und geht auf die Bedeutung Freuds ein. Sie entwickelt einen neuartigen Zugang zur Literaturgeschichte nach 1945, indem sie sich der Inzestthematik philosophisch, ethnologisch und literaturwissenschaftlich nähert. Dabei fällt für die deutschsprachige Literatur auf, dass inzestuöse Familiengeschichten politische Diskurse verdecken, die nach 1945 auf das Trauma des Nationalsozialismus zurückverweisen. Je nach Autor (etwa Frisch, Nabokov, Kane) und Kontext wird Inzest zum Sinnbild für Dekadenz und Schrecken, aber auch für Schöpfung und Hoffnung