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Patienten mit einer Histrionischen, Narzisstischen oder Borderline-Persönlichkeitsstörung stellen auf der Beziehungsebene hohe Anforderungen an ihre Psychotherapeuten. Dieses Buch bietet eine persönlichkeitspsychologisch fundierte Störungstheorie dieser Beziehungs- und Bearbeitungsschwierigkeiten, die durch eine Vielzahl grundlagenwissenschaftlicher Erkenntnisse und eine breit angelegte Prozessstudie untermauert wird. Es zeigt sich, dass diese Gruppe von Patienten in ihrem Lebensalltag und in der Psychotherapie nicht nur unter Beziehungsstörungen leidet, sondern dass gravierende Problembewältigungsdefizite vorliegen, die es in der therapeutischen Arbeit zu berücksichtigen gilt. Aus diesem Verstehen können therapeutische Strategien abgeleitet werden, die einer differenziellen Beziehungsgestaltung, einer Förderung der Selbstregulation und der Verbesserung der Problembewältigungskompetenzen der Patienten mit Persönlichkeitsstörungen dienen.
Ein Buch mit TiefgangDie Autorin, Gudula Ritz-Schulte, ist Psychotherapeutin mit Schwerpunkt "Persönlichkeitsstörungen". Das Buch ist an der "Schnittstelle zwischen differentieller Persönlichkeitsforschung und Psychotherapieprozessforschung" anzusiedeln. Es ist in 6 Kapitel gegliedert, nach der Einleitung sind die Kapitel 2 (Persönlichkeitsstile und Persönlichkeitsstörungen) und 3 (Psychotherapie bei Patienten mit Persönlichkeitsstörungen) dem theoretischen Hintergrund gewidmet; Kapitel 4 und 5 der Untersuchung und den Untersuchungsergebnissen, sprich der Empirie und Forschung. Den Abschluß bildet das Kapitel 6 (Konsequenzen für die Praxis). Die theoretische Grundlage dieses Buches bilden inhaltlich das Drei-Ebenen-Modell von Sachse, das Wirkfaktorenmodell der Psychotherapie nach Grawe und die PSI-Theorie von Kuhl. Letztere stellt eine neuere Persönlichkeitstheorie dar, die das Zusammenspiel verschiedener psychischer Systeme beschreibt.
Im Empirieteil wird der Frage nachgegangen, welche störungsspezifischen Merkmale Pat. mit Persönlichkeitsstörungen aufweisen und welche differentiellen Interventionen in diesem Zusammenhang relevant sind. Die Stichprobe umfasste ausschließlich Patienten mit komorbider "Cluster-B Persönlichkeitsstörung" (narzisstische, histrionische und borderline Persönlichkeitsstörung), diese wurden mit einer Gruppe ohne entsprechende Komorbidität verglichen. Die Untersuchung beruht auf einer sehr gründlichen Prozeßdiagnostik und ein besonderes Augenmerk gilt den Mikroprozessen der Psychotherapie. Welche Ergebnisse liefert die Untersuchung? Beziehungsprobleme stellen die Kernproblematik von Pat. mit Persönlichkeitsstörung dar. Daher sollte der Therapeut in der Psychotherapie die Frage nach den beziehungsrelevanten impliziten Annahmen, Bewertungen und Motiven des Patienten stellen. Besonders die Klärung von Erwartungsschemata auf Beziehung sollte nach Ansicht der Autorin dabei inhaltlich im Mittelpunkt stehen.
Im Zusammenhang mit dem Vorgang der Klärung ist auch interessant, daß Patienten mit Persönlichkeitsstörung im Vergleich zu Pat. ohne Persönlichkeitsstörung in deutlich geringerem Ausmaß von den klärungsorientierten Interventionen des Therapeuten profitieren, obwohl in beiden Gruppen seitens der Therapeuten Klärungsangebote gemacht wurden. Dies bedeutet, daß Pat. mit Persönlichkeitsstörungen über einen reduzierten Zugang zu selbstimplikativen Strukturen verfügen. Darüber hinaus ist die Tatsache bedeutsam, daß Pat. mit Persönlichkeitsstörung nach Abschluß der Therapie weniger mit derselben zufrieden sind und das Gefühl weitergekommen zu sein, geringer ausfällt als in der Vergleichsgruppe. Die Pat. haben im Vergleich mit der Kontrollgruppe deutliche Schwierigkeiten zu erkennen, worauf die Therapie eigentlich abzielt. Die Autorin leitet daraus ab, daß eine Explizierung von Therapiezielen und die Bezugnahme auf diese ein wichtiger Bestandteil der Therapie sein sollten. Das Buch bietet dem Leser viel, der der manchmal etwas verdichteten Darstellung der theoretischen wie empirischen Implikationen folgt. Für den nur in Ansätzen mit den aufgeführten theoretischen Modellen vertrauten Menschen (z.B. dem PSI-Modell von Kuhl), ist an manchen Stellen zweimaliges Lesen notwendig. Es ist keine eingängige Literatur. Doch Beharrlichkeit in der Lektüre wird mit einer Fülle von Informationen und Anregungen zur theoretischen und praktischen Auseinandersetzung belohnt. So z.B. mit der ausführlichen Darstellung der Steuerungsfunktion von Affekten auf das Handeln. Oder viel zum Thema Selbstregulierung, die z.B. bei den Patienten der o.g. Gruppe gestört ist. Die Autorin stellt u.a. die Frage, "auf welche Prozesse der Selbstregulation kann eine Psychotherapie der Persönlichkeitsstörung Einfluß nehmen" ? Antwort: auf die Selbstmotivierung, die Emotionsregulation und die Regulation des Erregungsniveaus. Klar auf den Punkt gebracht.Es bietet, obwohl nicht explizit so formuliert, gute Strukturierungshilfen für das therapeutische Setting, z.B. zum Thema "Klärung von Beziehungserfahrungen". Die Autorin gliedert diese in die 3 Bereiche: Klärung aktueller Beziehungen, lebensgeschichtlicher Beziehungen und der therapeutischen Beziehung. Auch das kann für die konkrete Therapie hilfreich sein. Darüber hinaus regt es zur kritischen Selbstreflektion an ("Welche der beschriebenen Prozeßvariabeln realisiere ich in der Therapie bei Pat. X?") Aus den bisherigen Ausführungen ergibt sich zwangsläufig, daß das Buch einzig für Fachpersonen konzipiert ist, die sich gerne gründlich und ausführlich mit theoretischen und empirischen Aspekten von Persönlichkeitsstörungen der genannten Gruppe auseinandersetzen wollen.Fazit: unbedingt empfehlenswert.