Schlögel, Karl

Im Raume lesen wir die Zeit

Im Raume lesen wir die Zeit
  • Verlag: Fischer (Tb.), Frankfurt
  • Erscheinungsdatum: 2006-01-19
  • Format: Broschiert
  • Umfang: 566
  • ISBN: 3596167183
  • EAN: 9783596167180
  • Amazon.de Verkaufsrang: 26.304
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Beschreibung von buecher.de

Was sagt uns der Grundriss einer amerikanischen Stadt über den amerikanischen Traum? Wie haben Eisenbahn, Auto und Flugzeug unseren Sinn für Distanzen verändert? Auf solche Fragen geben herkömmliche Geschichtsbücher keine Antwort. Karl Schlögel findet sie an überraschenden Stellen: in Fahrplänen und Adressbüchern, auf Landkarten und Grundrissen. Er holt damit die Geschichte an ihre Schauplätze zurück, macht sie anschaulich, lebendig und wunderbar lesbar.

Aus der Amazon.de-Redaktion

"Manchmal", schreibt Karl Schlögel, "fängt etwas Neues mit einem Gespräch darüber an, was sich allzu lange wie von selbst verstanden hat, oder auch nur mit der Erinnerung an etwas, was in Vergessenheit geraten ist." Für den Raum als historische und politische Kategorie trifft beides zu: Allzu lange war es selbstverständlich, dass der Raum, zumal in Deutschland, kein Thema (mehr) sein sollte. Der Begriff war durch die nationalsozialistische Kontamination gleichsam tabuisiert. Zwar spielten Raum und Räumlichkeit in Wirklichkeit natürlich nach wie vor eine wichtige Rolle im historischen Weltendrama. Nur, dass man dies näher thematisieren und analysieren könnte, und dass Räumlichkeit ganz generell für die historische Forschung wichtige Erkenntnisse zu liefern vermag, geriet in Vergessenheit. Und je länger dieser Zustand andauerte, desto mehr fiel dieser Vergessenheit auch die Tatsache anheim, dass es schließlich auch "eine Genealogie des Raumdenkens (gibt), die älter ist und mit dem Nazismus nicht das Geringste zu tun hat". Und so ist es kein Zufall, dass Karl Schlögel mit dem Titel Im Raume lesen wir die Zeit den ebenfalls beinahe vergessenen, Ende des 19. Jahrhunderts führenden (und des Nazismus vollkommen unverdächtigen) historisch-politischen Geografen Friedrich Ratzel zitiert. Schlögel kennzeichnet Ratzels Satz treffend als "das denkbar präziseste Motto für die in diesem Buch unternommenen Versuche und Anläufe, die geschichtliche Welt zu dechiffrieren und zu deuten". Herausgekommen ist ein überaus inspirierendes Plädoyer, die Sinne für die geschichtliche Wahrnehmung zu schärfen. "Man könnte", zeigt sich Schlögel überzeugt, „ein Geschichtsstudium streckenweise auch als Schulung der Sinne und als Augentraining absolvieren -- mit Städten und Landschaften als Dokumenten. Etwas zur Anschauung bringen können ist nicht Sache von ein paar literarischen oder rhetorischen Tricks, sondern hat zunächst einmal die Anstrengung, sich eine Sache anzusehen, zur Voraussetzung. Alles bekommt dann ein anderes Aussehen und beginnt zu uns zu sprechen: Trottoire, Landschaften, Reliefs, Stadtpläne, die Grundrisse von Häusern. Was sonst nur als Hilfsmittel in Gebrauch ist -- Kursbücher, Adreß- und Telephonbücher --, gewinnt eine ganz neue Aussagekraft, sobald sie als Dokumente sui generis behandelt und befragt werden." Was eine so verstandene Geschichtsforschung so alles zu Tage fördern kann, zeigt Schlögel nicht nur in der Sache, sondern auch literarisch überzeugend anhand einiger Dutzend kleiner Studien, Essays und in Zitaten schwelgenden Montagen und Collagen. Texte über Kartografie und Kartografen, Weltbilder und Paradieslandschaften, Strategen an Kartentischen, das Flanieren als Bewegungs- und Erkenntnisform, über Grundrisse, Interieurs, die Poesie des amerikanischen Highways und Topografien des Terrors. Eines der besten historischen Bücher des Jahres! --Andreas Vierecke

Rezensionen von Amazon.de-Kunden
Diese Rezension von marivi_ fanden 15 von 18 Kunden hilfreich:
5 von 5 Sternen Zivilisationsgeschichte und Geopolitik

Karl Schlögel (geboren 1948) studierte in Berlin, Moskau und St. Petersburg Slawistik, Osteuropäische Geschichte, Philosophie und Soziologie und ist Professor für Osteuropäische Geschichte an der Europa Universität Viadrina in Frankfurt/Oder. Landkarten, Stadtpläne, Adreßbücher, Fahrpläne: alltägliche Hilfsmittel sind das, mit denen wir nur achtlos umgehen. Karl Schlögel versteht es, sie zum Sprechen zu bringen. Dann erzählen sie vom Raum, von der Zeit und von den Menschen - von der Geschichte also. Sie erwecken Details zum Leben, die der Historiker gewöhnlich übersieht: Highways und U-Bahnhöfe, das Pflaster des Trottoirs und die Passagen des Flaneurs. Und plötzlich wird klar, daß Geschichte nicht von abstrakten Strukturen handelt, sondern immer mit ganz konkreten Orten zusammenhängt, die aufgesucht und erlebt werden wollen.Das Buch besteht aus ungefähr fünfzig kurzen Texten, wie z. B. über den 11. September, den Fall der Berliner Mauer, Marx' Analyse des Weltverkehrs, das Ghetto von Kowno usw. Zwar ist das Buch nicht frei von Widersprüchen, doch es lehrt uns, die Welt auf neue Weise zu entziffern und entschädigt durch eine dichte Beschreibung des historischen Raums.Ein Lese- und Denkvergnügen der besonderen Art.

Diese Rezension von Marcus Held fanden 2 von 2 Kunden hilfreich:
4 von 5 Sternen Geschichte und Zeit verräumlichen

Das Buch von Schlögel besticht zunächst durch seine lockere, essayistische Sprache. Sie ermöglicht es schnell in das Buch und seine Zusammenhänge einzusteigen und den Spass am Lesen nicht zu verlieren. Schlögel gelingt es auf durchaus unterhaltsame Weise ein Panoptikum von Beobachtungen und Thesen aufzufahren, die zwischen Geopolitik, Mentalitäts- und Kulturgeschichte des 20. Jahrhunderts stehen. Die Thesen, die hinter dem Text stehen verschwinden aber hinter dem Textgewand und es bedarf einiger Mühen das wichtige vom unwichtigen zu trennen (insbesondere seine Raumkonzeption wäre hier interessant). Für den deutschen Leser ein eher ungewohnter Stil, aber immer lohnend um Anregungen auch für die eigene Arbeit zu bekommen. Dankenswerterweise hat Schlögel aber nicht ins Horn der Zeit geblasen, indem er immer wieder die Globalisierung und Risikogesellschaft, sowie den medialen Populismus an die Wand malt. Vielmehr beschreitet er seine eigenen Wege und das imponiert.

Diese Rezension von B. Bauer fanden 6 von 8 Kunden hilfreich:
5 von 5 Sternen Die Wiederentdeckung der Geopolitik

Der Begriff der Geopolitik gehört nicht zum Standard deutscher Abhandlungen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Dies resultiert aus der politischen Vorbelastung dieses Begriffs und auch seiner missbräuchlichen Benutung im Sinne des Lebensraumideologie der Nazis.Zeit nun, dass dieser Begriff aus der Mottenkiste geholt wird und anschaulich dargetan wird, warum Geopolitik besser ist als Ihr Ruf. Geopolitik ist nämlich im Sinne Karl Schlögels auch die Wiederentdeckung des Raumes als politischer Begriff, die Wiederentdeckung Ostmitteleuropas, die Wiederentdeckung des Reisenden in Raum und Zeit.Das Werk ist nicht nur für Historiker zu empfehlen, sondern für alle, die immer schon die Lebens- und Erfahrungswelt unserer osteuropäischen Nachbarn erfahren wollten: Schlögel bereiste wie kein anderer diese "weißen Flecken" und kann uns aus erster Hand berichten. Dass wir heute von Berlin aus sechs Stunden nach Breslau fahren, wohingegen dies vor 100 Jahren in drei Stunden ging, verrät viel über die Kategorie des Raumes im Osten: Weite Flächen und unbezwingbare Größen. Ein Leben auf den Schienen, ein Leben wie ein Umsteigebahnhof. Wer nur noch den ICE kennt, der sollte zumindest in Gedanken, unter Anleitung Schlögels, den Osten bereisen. Er wird eine Welt entdecken, die verborgen und fremd, uns aber dennoch näher ist, als wir denken.

Diese Rezension von Robert R. fanden 1 von 3 Kunden hilfreich:
3 von 5 Sternen Ehrgeiziges Vorhaben, aber leider insgesamt etwas verrannt

Karl Schloegel hat mit "Im Raume lesen wir die Zeit" zum grossen Wurf ausgeholt, um ueber Zivilisationsgeschichte und Geopolitik (der Untertitel des Buches) zu erzaehlen. Das Vorhaben ist sehr ehrgeizig und ungemein interessant.

Karl Schloegel - ein ausgewiesener Russland- und Osteuropaexperte - versucht mit "Im Raume lesen wir Zeit" einen anderen Zugang zu Geopolitik zu finden: Nicht aus der zeitlichen Perspektive, derer sich ueblicherweise die Historiker bedienen wenn geopolitische Vorgaenge erklaert werden, sondern aus der raeumlichen Perspektive, anhand von ,raeumlichen' Phaenomenen.

Die Ausfuehrungen beginnen auch, methodologisch sauber, mit einer Hinfuehrung zur These und Erklaerung weshalb diese Perspektive von Nutzen ist. Dabei faellt allerdings auf irritierende Weise gleich zu Beginn auf, dass die zugrundliegende These sehr viel oefter als notwendig wiederholt und erklaert wird. Auch faellt auf, dass keine tatsaechliche und zwingende Begruendung geliefert wird, was den eigentlichen Mehrwert des Perspektivwechsels ausmacht, sondern lediglich das allgemein Bereichernde herausgestellt wird. In jedem Fall allerdings wird dies zu oft wiederholt; laengst ist man versucht zu sagen: Jawohl, ich habe es bereits verstanden, ich brauche keine weitere Wiederholung!

Als es dann endlich zur Sache geht, wird endlich klar was wirklich gemeint ist: Das Heranziehen von raeumlichen Elementen, um den Verlauf der Geschichte zu erzaehlen. Dazu werden dann alte Stadtplaene, Strassenpflaster, Telefonbuecher, Gebaeude, Fahrplaene etc. herangezogen. Ab diesem Moment beginnt sich Enttaeuschung einzustellen, denn etwas mehr haette man sich dann doch erwartet, das scheint zu offensichtlich.

Erwartet habe ich eine Art neuen Ansatz, der den "geschichtlichen Narrativ" vom Kopf auf die Fuesse stellt. Das ist nicht passiert, sondern vielmehr wird eine Reihe von nicht zusammenhaengenden Essays geboten, die raeumliche Elemente fokussieren und damit die "Geschichte" drumherum darstellen. Das ist auch nicht schlecht, jedoch wird das Buch damit mehr eine Essaysammlung als ein eher wissenschaftlich angelegtes Werk.

Im weiteren Verlauf wird "Im Raume lesen wir die Zeit" dann durchaus auch sehr langweilig, manchmal gar belanglos, insbes. wenn z.B. rekonstruiert wird, wie Walter Benjamin seine Recherchen und Studien in Bibliotheken in Paris erlebt haben mochte. Andere Elemente dagegen, wie z.B. das Ausreisehandbuch fuer Juden in Deutschland, haben echten zeitgeschichtlichen Wert; wieder andere sind auch wunderbar zu lesen, wie ein geschichtlicher Essay.

Insgesamt ist der Eindruck jedoch, dass Karl Schloegel eine hochinteressante Idee hatte, er sich aber bei der Umsetzung dann irgendwie verrannt hat. Moeglicherweise ist das Thema so nicht zu erschliessen, sondern ein anderer Ansatz waere besser gewesen. Schade, denn das Thema hat tatsaechlich sehr viel Charme. Leider nur 3 Sterne fuer Karl Schloegel und eine nur eingeschraenkte Leseempfehlung.

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