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Die erste umfassende Biographie Max Webers. Er erlebte an der Schwelle vom 19. zum 20. Jahrhundert die Rationalisierung aller Lebensbereiche und machte dies zum Thema seines Lebens. Er erforschte, wie sich der Mensch von der Natur entfernte und an ihre Stelle die Systeme der Politik und der Wirtschaft stellte. Nach seiner Heirat mit der Frauenrechtlerin Marianne Weber traf sich in seinem Heidelberger Salon die intellektuelle Elite seiner Zeit. Joachim Radkau verbindet Leben, Werk und Zeit Max Webers zu einem spannenden Panorama.
Eine Ikone deutscher Geistesgeschichte wird entstaubtJoachim Radkau ist Professor für Neuere Geschichte an der Universität Bielefeld. Er bewirtschaftet die Themen Technik-, Umwelt- und Medizingeschichte.Max Weber gilt als einer der Klassiker der deutschen Soziologie. Er wurde 1864 in Erfurt geboren, studierte Jura, Nationalökonomie, Philosophie und Geschichte und wurde 1889 in Jura promoviert. Er lehrte wenige Jahre in Freiburg und Heidelberg Nationalökonomie. Sein Ruf als Soziologe gründet wohl in seiner "Protestantischen Ethik", in der er untersuchte, in wieweit das protestantische Lebensbild genau die Anlagen förderte, die auch wirtschaftlich erfolgreichen Biografien eigen sind.Aber Max Weber hatte auch nationalistische Züge, wenngleich er den Kaiser nicht ausstehen konnte, da dieser nur den Monarchen spiele. Weber unterstützte den Krieg, auch noch kurz vor dessen Ende, als er sich in all seiner Menschen verachtenden Sinnlosigkeit präsentierte.Man merkt dem Buch an, dass der Autor sich sehr intensiv in seine "Weberei" vertieft hatte. Man erfährt eine Fülle von Details und trifft auf viele Zeitgenossen Webers. Aber die sexuellen Störungen Max Webers nehmen auf den ersten 300 Seiten einen zu großen Raum ein und lesen sich wie eine Fortsetzung des Buches "Das Zeitalter der Nervosität" des Autors. Auch wenn es mitunter anstrengend ist, muss man da durch, denn dahinter erwartet den Leser eine sehr gründliche Beschreibung des Lebens des Max Weber und eine dichte Schilderung der Zeit bis 1920, eine für Deutschland entscheidenden Zeit.Die Soziologie Max Webers nimmt keinen breiten Raum ein, aber das ist bei einer Biografie nicht so tragisch. Im Übrigen spielt seine Soziologie heutzutage praktisch keine Rolle mehr.Die Bewertung ist im ersten Moment nicht ganz leicht. Webers Leben ist in einer Gründlichkeit und Tiefe beschrieben, die schwer zu überbieten sein wird. Seine Psychopathologie tritt streckenweise zu stark in den Vordergrund. Auch trübt der ein oder andere formale Mangel den Gesamteindruck, aber eine solche Arbeit kann man abschließend nicht anders als herausragend bezeichnen, auch wenn sie nicht perfekt ist.
Sexualmoral und ÜberfleißigkeitMax Weber, akzeptabler in den Augen des Kapitalismus als ein Karl Marx, hat versucht den empirisch begründeten denkerischen Realismus in Philosophie und Wissenschaftstheorie konsensfähig einzuführen - und wurde somit zu einem weltberühmten Urmeter der Soziologie - von großen Teilen der Sozialdemokratie genauso verehrt wie auch von Philosophen wie Karl Popper. Besonders den scharf und zynisch herausgeschnitzten Zusammenhang zwischen bigotter Frömmigkeit, puritanistischer Sexualenthaltung und Verschiebung psychischer Energien hin zum Arbeitswahn des überfleißigen Menschen, der dem idiotischen Glauben nachrennt, Gott würde im Himmel für die wirtschaftlich Erfolgreichen besonders schöne Plüschsessel bereithalten - dieser psychischen Vernetzung hat Max Weber eine unauslöschlich evidente und bissige Beschreibung an den Leib geheftet. Dies ist kein verstaubtes Wissen: Betrachtet man die gegenwärtige Macht des "Bible Belt" im Süden der USA, der sich selbstgefällig suhlt in dem Gefühl, von Gott gesandter Weltpolizist und erfolgreicher Öl-Industrieller gleichzeitig sein zu müssen (am besten umgeben von einer mormonisch-friedlichen Schar von Frauen, die einem einzigen Familienvater zu Diensten sind) - diese evangelistisch-größenwahnsinnige Politik, die uns derzeit womöglich in einen Kreuzzug der Neuzeit zerrt: dies zeigt, wie ungeheuer bedenkenswert eine Wissenschaftler-Persönlichkeit wie Max Weber war und immer noch ist - solange, bis es der letzte Amerika-Korrespondent begriffen hat zumindest. Weber war es zum Verdruss, dass dem Calvinismus derart gut gelungen war, Religiosität und wirtschaftliches Erfolgsstreben miteinander ideologisch zu verquirlen, so dass niemand mehr in der Lage schien, es wieder voneinander zu trennen. Die Schweiz (der Plattform des Herrn Calvin) fährt mit diesem Verschmelzungszustand (wirtschaftlich) bis in die heutigen Tage beneidenswert gut. Jean Ziegler leidet darunter heute wie damals ein Weber. Etwas verwirrend ist, dass der Weber-Biograph Radkau eine Parallelsetzung vollzieht zwischen Webers Religions- und Kapitalismus-Kritik einerseits und Webers Sexualleben andererseits. Es mag sein, dass ihm seine Ehefrau puritanisch, verklemmt, calvinistisch, sexualfeindlich vorgekommen ist. Es mag auch sein, dass die Geliebten, die er sich später zulegte, ihn ein Paradies nicht nur erahnen sondern gar irdisch bereits erleben ließen, auf welches moderne Frömmler erst im Jenseits hoffen dürfen; dort sind es zwar sogar sieben Jungfrauen und nicht bloß zwei, aber dafür muss man die Leistung erbracht haben, sich aus Frömmigkeit in die Luft gesprengt zu haben. Ganz so viel an Unterwürfigkeit verlangt der Kapitalismus ja nicht von seinen Gefolgsleuten. Aber Radkaus Methode, sexualpsychologisch den Max Weber auf dem Seziertisch der überraschten Öffentlichkeit auszubreiten, hat den Verdacht an sich, dass hier von der eigentlich wissenschaftlichen und überaus nutzvollen Thesen Webers abgelenkt werden soll. Deshalb sei sie des Widerspruchsgeistes wegen noch einmal deutlich wiederholt: Die Verquickung der mächtigen Megaphilosophien Religion und Kapitalismus ist eine historische Katastrophe. Danke Max Weber. Radkau sollte lieber für die Boulevardpresse schreiben. Er begreift den Gegenstand seiner Betrachtung nicht.
Brockhaus-1837: Weber [2] · Weber [1]
Brockhaus-1911: Weber [6] · Weber [5] · Weber [4] · Weber [9] · Weber [8] · Weber [7] · Weber [11] · Weber [10] · Weber · Weber [3] · Weber [2] · Weber [12]
DamenConvLex-1834: Weber, Karl Maria von
Eisler-1912: Weber, Max · Weber, Louis · Weber, Theodor · Weber, Josef · Weber, Alfred · Weber, Arthur · Weber, Ernst Heinrich
Herder-1854: Weber [6] · Weber [5] · Weber [7] · Weber [9] · Weber [8] · Weber [1] · Weber [10] · Weber [2] · Weber [4] · Weber [3]
Meyers-1905: Weber [3] · Weber [2] · Weber [1]
Pagel-1901: Weber, Sir Hermann · Weber, Karl Otto · Weber-Liel, Friedrich Eugen · Weber, Theodor · Weber, Fred. Parkes · Weber, Eduard Friedrich Wilhelm · Weber, Adolf · Weber, Ferdinand · Weber, Ernst Heinrich
Pataky-1898: Weber, Amalie · Weber, Arna · Spann-Weber, Thekla · Weber, A.