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Über Transformationsprozesse moderner Gesellschaften in Richtung einer Wissens-, Informations- oder Netzwerkgesellschaft wird bereits seit einigen Jahren kontrovers diskutiert. Nicht selten wird hiermit auch die Vorstellung einer postpatriarchalen Gesellschaft und die Entstehung von Geschlechtersymmetrie verbunden. Vor dem Hintergrund dieser Debatte stellt sich die Frage, ob es bereits Anzeichen für eine De-Thematisierung oder gar eine De-Institutionalisierung der Kategorie Geschlecht gibt. Lässt sich also tatsächlich ein Wandel der Geschlechterverhältnisse beobachten oder findet nicht doch allerdings in weitaus diffizileren Formen eine Fortschreibung der Geschlechterungleichheit statt? Die theoretischen wie empirischen Beiträge des vorliegenden Sammelbandes setzen sich mit dieser Thematik auseinander und geben erste Antworten. In den Blick der Autorinnen und Autoren geraten dabei vor allem Fragen der Kategorisierung von Geschlecht, der Karriere, der Kompetenz, der Netzwerkbildung, der Techniknutzung, der Interessenpolitik sowie das Spannungsverhältnis von Arbeit und Leben.
Spannendes Thema in komplizierter SpracheEntstanden aus einer Tagung zum Thema finden sich insgesamt 15 Beiträge von WissenschaftlerInnen zu den Unterthemen "Theoretische Reflexionen zur Kategorie Geschlecht", "Geschlecht, Management und Organisation", "Technik, Kompetenz und neue Arbeitsformen" sowie "Chancengleichheit in wissensbasierten Unternehmen und das Spannungsverhältnis von Arbeit und Leben". Ein spannendes Thema.Als ich mich durch das Vorwort kämpfe, frage ich mich allerdings zum ungefähr 500. Mal, warum es deutsche WissenschaftlerInnen einfach nicht schaffen, sich verständlich und vielleicht sogar lebendig auszudrücken. Englischsprachige Fachliteratur, auch in deutscher Übersetzung zu lesen, macht ja häufig richtig Spaß. Bei deutschen Beiträgen passiert das ziemlich selten. Eher scheint es unter den Autoren einen Wettbewerb zu geben: "Wie spicke ich meinen Text mit möglichst vielen Fremdwörtern, so dass ihn auch bestimmt niemand versteht, der nicht seit Jahren in genau dieser Debatte steckt?"
Ich spare mir jetzt an dieser Stelle einen Beispielsatz aus dem Vorwort. Selbst mit akemischem Abschluss ist dieser Band harter Tobak, das wird mir schon während des Vorworts klar.Aber das Thema ist ja spannend, und so lese ich weiter. Zum Glück sind die einzelnen Beiträge wesentlich durchmischter, als das Vorwort befürchten lässt. Sie bewegen sich zwischen sehr theoretischen Überlegungen zu Begriffen wie Subjekt, Identität und Netzwerk und auf der anderen Seiten so praktischen Fragen wie der nach den Chancen für Frauen in Call Centern.
Paula-Irene Villa zum Beispiel geht von der Frage aus, was konkrete Männer und Frauen über "den Mann" und "die Frau" denken: "Niemand ist ein Stereotyp. Gleichzeitig aber wissen alle um diese stereotypen Zuschreibungen und ihrer rätselhaften Wirkmächtigkeit. Als 'common sense' sind sie realitätsmächtig und werden auch gerne (ironisch, aber dennoch) mit realen Menschen assoziiert" schreibt sie. Im Anschluss fasst sie aktuelle Diskussionsstränge über Identitätsfindung und Subjektwerdung zusammen, die mich sehr ins Nachdenken gebracht haben.
Regine Gildemeister geht der Frage nach, wie sich Gleichstellungsdiskurse in Unternehmen auf die Karrierewege von Frauen und Männern auswirken. Sie kommt zu dem Schluss, dass je nach Situation ein "Unterschiedstabu" ("In unserem Unternehmen haben Frauen und Männer die gleichen Chancen - wir machen keinen Unterschied") sowie ein "Gleichheitstabu" ("Frau denkt anders als Mann, ganz klar") aufgestellt wird. Kein Wunder, dass die einzelnen Frauen (und zunehmend auch Männer die das alte Rollenmodell verlassen), sich in diesem Spannungsfeld leicht aufreiben. In weiteren Beiträgen geht es darum, wie sich das Geschlechterverhältnis durch das Internet und in wissensbasierten Unternehmen verändert. Besonders interessant finde ich auch den Geschlechtervergleich in IT-Start-ups von Ulrike Schraps und Ernst-H. Hoff.Alles in allem bietet der Band also eine lohnende Lektüre vor allem für jene Frauen und Männer, die in diesem Bereich tätig sind - und sich vielleicht öfter mal die Frage stellen, warum eigentlich Männer meistens in der Technik und Frauen häufig in der Teamassistenz oder in einer Fachkarriere zu finden sind. Und ob es Anzeichen dafür gibt, dass sich da bald mal etwas ändert. Man sollte sich von der sozialwissenschaftlichen Sprache nicht abschrecken lassen.