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Max Goldt schreibt heute das schönste Deutsch aller jüngeren Autoren. Es liegt zwischen der Ruhe Ernst Jüngers und dem sanften Wahn Robert Walsers. Die Heiterkeit und Stille, die diese Sprache ihren Lesern schenkt, liegt nicht nur im Humor; ebenso in einem freundlichen Abstandnehmen von den Aufdringlichkeiten einer Wirklichkeit, an der man sich besser seitlich vorbeidrückt.' - Gustav Seibt
Was würde wohl die Nachwelt über den inzwischen 46-jährigen, begnadeten Titanic-Kolumnisten Max Goldt so Tolles denken, wenn er stürbe? Natürlich kann man das nicht wissen, aber für die Beantwortung von derlei skurrilen Fragen haben wir ja einen, der sie besser als jeder andere beantworten kann: Max Goldt selbst natürlich. In der wundervollen Erzähl- und Dialogsammlung Vom Zauber des seitlich dran Vorübergehens hat er das getan, mit Hilfe des Mundes eines Freundes, in einer Geschichte mit dem anspielungsreichen Titel „Das süße Nichts (Ich weiß noch, über was wir gestern Abend geredet haben)“, die von wunderschönen Konjunktiven nur so wimmelt. Wenn Max Goldt stürbe, sagt da der Freund, dann würde als toll im Gedächtnis bleiben, dass er eine „angenehm ungroße Pfeffermühle“ besessen hätte „und nicht, wie heutzutage beinahe bei allen, ein Ungetüm im Maßstab einer Grabbeigabe aus phallokratischer Vorzeit.“ Vermutlich wird die Nachwelt an Max Goldt toll finden, was er nach der Tollfindäußerung des Freundes an Erklärungen für die Daseinsberechtigung hässlicher übergroßer Pfeffermühlen auffährt. Wie er aus der Absage, „eine wunderbar satirische Weihnachtsgeschichte“ zu schreiben, eine herrlich ironische Story über Weihnachtsbräuche und die Psychologie satirischer Weihnachtsgeschichten schnitzt. Und wie es ihm immer wieder gelingt, den Finger auf all jene scheußlichen Dinge unserer Alltagswelt zu legen, an denen man „in friedlichem Desinteresse“ und „dank der guten baupolizeilichen Bestimmung in Deutschland“ auch einfach seitlich vorübergehen könnte. Würde der Nachwelt nach Goldts Dahinscheiden nur Vom Zauber des seitlich dran Vorübergehens überliefert werden, so stünde es der Nachwelt gut an zu behaupten, Goldt sei niemals ein begnadeter Kolumnist gewesen. Denn mit diesem Buch hat er sich endlich von diesem einengenden Attribut emanzipiert. Er sollte den Nachgeborenen als begnadeter Humorist und Wortzauberer in Erinnerung bleiben. Dass er das und nichts anderes ist, hat er mit Vom Zauber des seitlich dran Vorübergehens eindrücklich bewiesen. --Thomas Köster
Call him the ChampMögen Sie Wladimir Kaminer? Dann lesen Sie Max Goldt. Beide leben in Berlin, der eine ist Russe, der andere kommt aus Göttingen. Aber wie sehr Goldt aus Göttingen kommt! Heinrich Heines "Harzreise" behauptet zwar, dass Göttingen am besten mit dem Rücken angesehen wird, aber es ist doch auch jene Stadt, in der die deutsche Hochsprache zuhause ist. Und das merkt man Goldts feinsinnigen, sprachlich ausgetüftelten Kurzprosastücken auch an. Dazu tritt ein Art von Humor, die mal in Wiener Kaffeehäusern begonnen hat und in Amerika mitunter noch in Filmen von Jim Jarmusch auftaucht, eine ironische Welthaltung am Rand des Weltgeschehens.Das neue Buch gehört zu dem Besten, das Goldt seit einer Weile geschrieben hat. Die Titelgeschichte war vor den Festtagen in der SZ abgedruckt und ist eine Anti-Weihnachtsgeschichte von Format. Der Band beinhaltet weiterhin die Wiedergabe eines intensiven Gesprächs am verkaterten Morgen danach und mündet in ein Gag-Feuerwerk betreffend Männerunterwäsche. Sehr schön auch die Verarschung edlen Tafelns und hipper Krimiautorinnen.Goldt lesen heißt einen fröhlichen Nachmittag mit Sprache und Witz verbringen. Man gönnt sich ja sonst nichts.
Vom Munzinger-Trash zum Drall nach QQEs ist ein typisches Max Goldt Buch. Eine gelungene Mischung aus sehr witzigen Dialogen („Munzinger-Trash"), ernsthafteren, leicht humorvoll angehauchten Einblicken in Goldts Biographie („Schulisches"), aberwitzigen, hervorragend beobachteten Geschichten („Das alte Kabel") und nur wenigen verpatzten Beiträgen („Der Hugo"). In diesem Buch dreht sich wieder alles um die Lieblingsthemen des Wahlberliners: Musik, den Umgang mit Sprache, gutes Benehmen, Jugendkultur, das Älter werden, die Liebe und Bildung. Erfreulicherweise betritt Max Goldt dieses Mal Neuland und steuerte einen Reisebericht, seinen ersten überhaupt, wie er bei seiner Lesung 2004 in Hannover sagte, über Katar bei. Ein Land, das ihm überhaupt nicht gefiel. Herbert Feuerstein kann hier noch einiges dazulernen, wie man eine witzige Reisegeschichte schreibt!
Wer nicht recht weiß was das Großartige an Max Goldt ist, dem möchte ich mit zwei meiner Lieblingszitate aus „Vom Zauber..." einen kurzen Einblick geben:„Es gibt ja schließlich Unmengen trivialer Romane, in denen im Hintergrund sinnlos der Nationalsozialismus herumwabert, weil das eben in manchem Multiplikatorenauge automatisch einen literarischen Mehrwert herbeiführt."„Was wird eigentlich die (...) Bild tun, wenn eines Tages die deutsche Fußball-Nationalmannschaft einen Sieg davonträgt und am gleichen, zufällig rekordverdächtig heißen Tag ein allseits beliebter Volksschauspieler stirbt? Brüllt sie dann: ‚Ganz Deutschland jubelt, schwitzt und trauert!'?". „Vom Zauber.." ist ein guter Einstieg für neue Goldt-Leser, als auch für langjährige Fans. Max Goldt beweist mit diesem Buch erneut, daß er einer der besten deutschen Autoren überhaupt ist. Hervorragende Beobachtungen und Gedanken zum alltäglichen Leben, manchmal ausschließlich ernst und sachlich, doch meist mit sehr viel Humor. Und all das auf hohem literarischen Niveau. Großartig! Hoffentlich bleibt er uns noch lange erhalten und möge sein Lebenstraum in Erfüllung gehen, damit er seinen 100. Geburtstag in der Geburtstagsecke von Mc Donald's feiern kann.;-)
Die Texte in Goldts neuem Buch...... sind von sehr unterschiedlichem Niveau. Noch nie zu seinen Stärken gehörten in meinen Augen szenische Texte. Die Szenen in diesem Buch haben daran nichts geändert, lediglich »Vom Munzinger-Trash zum Drall nach QQ« hebt sich positiv heraus. Manche Texte wirken etwas bemüht wie z.B. »Äpfel im Bett, Ärzte im Bergwerk« oder »Zwei Texte über Klumpen«; das Verspielte, Dahin-Improvisierte wirkt hier aufgesetzt und gestelzt. Insgesamt scheint mir Goldt mittlerweile in den Texten am besten und authentischsten, wo er (ernsthafter als früher) engagiert Stellung zu mehr oder weniger aktuellen gesellschaftlichen Phänomenen bezieht. Diese Texte sind wirklich großartig, weil Goldt nicht in fernsehkabarettistischer Weise die Absurditäten des Alltags, die angeblich jeder kennt, einem massentauglichen Humor preisgibt, sondern genau beobachtet und intelligent und gewitzt beschreibt und bewertet. Die diesbezüglichen Höhepunkten des Buches sind z.B. »Der Sprachkritiker als Unsympath und Volksheld versiegender Minderheiten« oder »Die Verachtung«. Alles in allem ein nettes, anregendes, wenngleich recht teures Buch.
ein Sokrates für Deutschland ..."Vom Zauber des seitlich dran Vorbeigehens" - dieses in den Titel emporgekletterte Fragment stammt aus der Besinnung, die Max Goldt bezüglich der lauten Weihnachtsmärkte anstellt, und, stellvertretend für den Rest des Buches, sei einmal die GOLDTsche Weltsicht an der Behandlung dieses Themas durchleuchtet - besonders auch, weil ich dies am 24. Dezember, dem "Heiligen Abend" schreibe, an dem ich das Buch verschenkt habe: MAX schreibt: "Weihnachten ist eine der drei großen Volksschwächen. Die anderen beiden sind Autos und Fußball" - in meiner Heimatstadt Hattingen muss man hinzufügen: und die Verleihung von Ehrenringen. Natürlich folgt man auch in meinem Hattingen dem wachsenden Brauch, wie MAX schreibt "historische Marktplätze für geschlagene fünf Wochen mit billigen Sperrholzverschlägen zu möblieren" - besonders beeindruckt hat mich in Hattingen immer ein "Märchenwald" aus großen, abgeblätterten, stellenweise bei ganzjähriger Lagerung im Bauhof verknickten Blechfiguren - das Rennen aber machte bei mir diesjährig ein Wasserfall auf einem Bildschirm in einer, wie Max Goldt formuliert "Bretterbude mit aufgetackertem Fichtengrün" - ich war angenehm überrascht, dass, anders als in der Nachbarstadt Bochum, nicht auch Samurai-Schwerter verkauft wurden. Wie mag es in Nürnberg, Rothenburg, Straßburg, Hamburg, München sein? In Hattingen auf dem historischen Kirchplatz (16. Jahrhundert) gibt alljährlich die Ehefrau eines städtischen Dezernenten, ganz in Weiß als Engel verkleidet, Geschichten aus der Heiligen Schrift zu Gehör, untermalt von entsprechender Musik. Übertroffen wird dies nur noch von einer Frau Holle, die, ihren dicken Busen durch die Butzenfensterchen eines Fachwerk-Rathauses quetschend, den "Menschenkindern" unten ein paar Kissenfedern zuwedelt. Außerdem gab es auf dem mit Kopfstein im Mittelalter-Touch gepflasterten Marktplatz für in Bussen angereiste johlende Gruppen, rote Blink-Mütze auf dem Kopf, Glühwein in der Hand, Pfeilwerfen auf Luftballons. Ich bin froh, dass durch das Büchlein von Max Goldt bewiesen ist, dass ich nicht der einzige bin, der sich von Weihnachtsbuden nicht so sehr bezaubern lässt, sondern seitlich dran vorbeigehen kann am Bretterwerk, "dank der guten baupolizeilichen Bestimmungen". Max Goldt ist nicht nur Satiriker. Er ist eigentlich Soziologe, nein - Philosoph - so eine Art SOKRATES für Deutschland.
Wird Onkel Max alt...?Zweifellos ist Max Goldt einer von Deutschands hellsten (und vielleicht auch unterschätzten) Köpfe. Seine Formulier- und Fabulierkunst macht einfach einen Riesenspaß. Er ist ein moderner Philosoph, der den Wahnsinn unserer Zeit so nonchalant auf den Punkt bringt.
Doch seit er unter dem Label Rowohlt schreibt, werden nicht nur die Bücher immer dünner...
Natürlich ist auch der neue Band „Vom Zauber des seitlich dran Vorbeigehens" auf alle Fälle lesens- (und kaufens-)wert. Es warten geniale Geschichten über minderwertige Weihnachtsmarktverköstigung oder in Flucht geschlagene Edelmineralwasserkellner, - aber auch Glossen, die vor zehn Jahren wohl nicht veröffentlicht worden wären. „Verachtung" ist ein Beispiel für so einen lieblosen Aufsatz. Max Goldts allerliebstes TV-Ereignis ist (angeblich) die angewiderte Visage von Hans-Olaf Henkel in der Sendung „Christiansen", nachdem Günter Grass einen Allgemeinplatz in die Kamera gebrabbelt hat. Dass die ProtagonoistInnen durchaus wissen, wann sie bei „Christiansen" im Bild sind und deshalb mitnichten zufällig abgestoßen oder zustimmend reagieren, kann man jeden Sonntag beobachten. (Ich vermute, dass es Seminare für Gestik und Mimik für Polit-Talk-Dauergäste gibt.) Jedenfalls vermutet Goldt wegen dieses verachtenden Mienenspiels, dass Henkel (die Industriellen) klüger als Grass (die Intellektuellen) ist... Und so geht es weiter: Kritik an neuen Marius-Müller-Westernhagen-Alben solle man doch bitte unterdrücken, denn man wisse ja, dass der Mensch nur Bedauerliches produziere. (Das stimmt!) Man hätte ja die Möglichkeit den neusten MMW-Machwerken aus dem Weg zu gehen. (Das stimmt leider nicht!) Hat man das wirklich??? Ein paar Zeilen später verrät Goldt, dass ihm „Bild" und „taz" gleichermaßen (un)sympathisch sind...
Das relativiert doch so manch eine Goldt-Weisheit, die man zuvor verinnerlicht hat.
3 Sterne für die gelungenen Seiten.
-1 Stern für die lieblosen Seiten.
-1 Stern für die wenigen Seiten (bei stolzen Preis).