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Immer wieder haben falsche Behauptungen gravierende politische und militärische Folgen gehabt. Exemplarische Fälle aus der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts stellen die Autoren vor, die damit an ihr Werk »Deutsche Legenden « von 2002 anschließen. Insgesamt elf Vorgänge aus dem Ersten Weltkrieg, über die NS-Zeit und den Kalten Krieg bis zum Fall der Mauer und zur Gegenwart werden behandelt. Zunächst wird die jeweilige Fehlinformation als solche vorgestellt, dann wird untersucht, wie diese entstehen konnte und wie sie ihren Lauf nahm, um schließlich die Folgen zu erörtern. Dabei stellt sich heraus, wie langlebig bestimmte Gerüchte sind und wie wichtig es ist, ihnen auf den Grund zu gehen.
Echte KrimisEin Gerücht ist eine umlaufende Information aus unbekannter Quelle mit Hochkonjunktur in unsicheren Zeiten und nicht selten als "Ersatzöffentlichkeit" dienend. Ein Gerücht ist etwas, das man glauben möchte. Da werden Dinge gedeutet, gutgläubig veröffentlicht oder bewusst manipuliert. Da wird aus einem "vermutlich" ein "sicher". Im Kleinen bedeutet das: man wusste ja schon immer, dass die Meiern was mit dem Schulze hatte und dass Lehmann im Kaufhaus stiehlt. Doch müssen Gerüchte unbedingt Gegenstand eines Sachbuches sein? Auf jeden Fall. Denn die elf Fälle, die Keil und Kellerhoff in "Gerüchte machen Geschichte" zusammengetragen haben, bewegen sich "im Spannungsfeld zwischen Politik, Medien und Öffentlichkeit" und sind – im Gegensatz zu den Gerüchten über Meier, Schulze und Lehmann - "von zentraler Bedeutung für Deutschland", weil sie "zu einem politisch wichtigen Ereignis führten", wie das Vorwort darlegt. Weil sie eben "Geschichte machten".
Während die Einleitung noch staubtrocken wie eine Dissertation klingt, lesen sich die Fallbeispiele wie echte Krimis und schlagen den Bogen chronologisch von 1914 bis 1999. Wer ahnt schon, dass Gerüchte die Machtübernahme Hitlers begünstigten oder etwa die Nachkriegsordnung in Deutschland beeinflussten. Es gibt bewusst gestreute Gerüchte wie jenes von den von Amerikanern über der DDR abgeworfenen Kartoffelkäfern (diese Geschichte wird auch auf dem Titelbild aufgegriffen) und zufällig entstehende wie jenes vom belgischen Guerillakrieg 1914.
Die Methodik der Autoren ist stets die gleiche: zunächst wird die Geschichte so geschildert, wie sie sich zum Zeitpunkt ihres Geschehens der Öffentlichkeit präsentierte. Dann wird auf historische Hintergründe eingegangen, um dann konsequent und detailliert die Tatsachen zu sezieren und darzulegen, was das Gerücht schließlich bewirkte, den historischen Kontext also.
Mag man über die Gerüchte aus der Zeit der Weltkriege und der Hochzeit des Kalten Krieges noch den Kopf schütteln darüber, wie "so etwas" nur passieren kann, so geben gerade die letzten drei Fälle Aufschluss über das Empfinden von Involvierten.
Haben sich im Kosovo-Krieg nicht die meisten gegen die Serben gestellt und die Luftangriffe 1999 nach dem Auftauchen geheimer Pläne toleriert, selbst die grünen Pazifisten? Und wie haben Sie die Nachrichten am 9. November 1989 über die Maueröffnung gedeutet? (Hier wurden die Nachrichten einschließlich die der seriösen "Tagesthemen" erst hinterher legitimiert, sozusagen als sich selbst erfüllende Prophezeiungen; Nachrichten, die eine Dynamik erzeugten, welche Tatsachen schaffte und Deutschland zweifelsohne veränderte). Und haben nicht alle kritischen Geister in den 80ern an die wissenschaftliche Fundierung des Waldsterbens geglaubt? Nach den damaligen Berechnungen hätten zur Jahrtausendwende die letzten deutschen Wälder verschwinden müssen.
Gerade die letzten beiden Beispiele zeigen jedoch, dass Gerüchte auch Gutes bewirken können und wie machtvoll sie sind. Sie lassen Mauern brechen und sorgen für eine bessere Lebensqualität für alle durch strengere Umweltgesetze. Fast ist es schon unangenehm, daran zu erinnern, dass es sich bei den Auslösern auch hier trotzdem "nur" um Gerüchte handelte.
Ich habe selten ein spannenderes Sachbuch gelesen, das bei allem seriösen Anspruch doch auch sehr unterhaltsam und kurzweilig ist. Die Arbeit der beiden Autoren kann man als akribisch und lückenlos fundiert bezeichnen, was schon der Blick in das 27seitige Quellenverzeichnis nahelegt. Wo Erkenntnisse nicht gesichert sind, wird dies ausdrücklich benannt. Denn eines wollten und mussten Keil und Kellerhoff auf jeden Fall vermeiden: dass nämlich der Eindruck entsteht, auch sie könnten bei ihren Recherchen Gerüchten aufgesessen sein.