Hamilton, Patrick

Sklaven der Einsamkeit

Sklaven der Einsamkeit
  • Verlag: Dörlemann
  • Erscheinungsdatum: 2006-02-17
  • Format: Gebundene Ausgabe
  • Umfang: 335
  • ISBN: 3908777208
  • EAN: 9783908777205
  • Amazon.de Verkaufsrang: 436.547
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Rezensionen von Amazon.de-Kunden
Diese Rezension von Carl-heinrich Bock fanden 10 von 11 Kunden hilfreich:
4 von 5 Sternen Böse Spiele in einer Pension

Der 1904 in England geborene Autor, der aus Gründen der Milieustudie in der Londoner Halbwelt verkehrte, war der Lieblingsautor des großen Alfred Hitchcock. Er ist ein brillanter Dialogschreiber, der es, wie kaum ein andere verstand, brillant gekonnte Charaktermasken zu entwerfen.

Das Buch hat jetzt eine "Renaissance" erlebt, die von den Medien begeistert aufgenommen worden ist. Der Autor thematisiert darin ständig den Krieg, ohne ihn wirklich auszusprechen. Diese Form der Darstellung des Krieges hätte man wahrscheinlich mit den ganzen Feindbildern und Mythen unmittelbar nach Beendigung des Krieges so nicht akzeptiert.

Zum Plot: Patrick Hamilton beschreibt in der Kulisse der Großstadt London, am Rande des bevorstehenden Blitzkrieges, eine Geschichte, in der es eigentlich keine Helden gibt. Hauptperson ist eine neununddreißig Jahre alte, ehemalige Lehrerin Roge(Küchenschabe). Sie, die man auch als "alte Jungfer" bezeichnen könnte, ist nicht nur glanzlos und ungeschickt, sondern sie denkt manchmal sehr vernünftig, dann wieder tölpelt sie durch die Gegend. Sie muss Angst haben vor der politischen Situation in London und so landet sie in einer Pension. In dieser Pension gibt es nicht nur die fürchterliche Wirtin, sondern die unterschiedlichsten Menschen, Trinker, Soldaten, Männer die Frauen nachstellen, Typen mit mieser Gesinnung. Der Autor heftet jeder dieser Figuren deterministisch einen Steckbrief an. Die Menschen haben in ihren Berufen funktioniert, werden in dieser Pension jetzt zusammengewürfelt und hier findet nun ein kalter Krieg zwischen ihnen statt. In der genialen Zusammensetzung findet das Spießertum eine schöne Verkörperung.

Es ist großartig, wie der Autor diese Frau beschreibt, wie er ihr förmlich ins Hirn kriecht. Die Dinge entwickeln sich sehr leise. Die Heldin stolpert in eine unseriöse Liebelei mit einem amerikanischen Soldaten, der sich als Schürzenjäger entpuppt, weil er parallel eine andere Liebschaft mit einer Deutschen unterhält. Diese Viktoria Kugelmann, möglicherweise ein geheime Faschistin, wird zur Rivalin von Roge. Doch als sich das Gefühlsdrama auflädt, die Emotionen ins Wallen kommen, wickelt Roge die Liebesgeschichte ab, indem sie dem Soldaten einen Korb gibt. Diese Entwicklung war zunächst nicht zu erwarten, aber der Autor fädelt geschickt ein, indem er nicht den Effekt, sondern die Wirkung wählt.

Die Grausamkeiten der Menschen untereinander nehmen zu und der Roman entwickelt mit viel Feingefühl, mit großer Behutsamkeit, fein strukturiert und deshalb schwer zu durchschauen, auf unterhaltsame Weise ein Milieu, dass schließlich zur Katastrophe führt. Die Pointe will ich nicht vorwegnehmen. Roge landet auf Grund merkwürdiger Umstände schließlich in einem Luxushotel. Der Blitzkrieg wird am Ende nur in einem Satz zitiert, in dem es heißt, sie wusste nicht, dass in wenigen Tagen über London Raketen einschlagen würden. Der Krieg schwebt über ihr und sie wird mit einer gefühlvollen, stillen Szene aus dem Spiel genommen.

Schön der letzte Satz, in dem es heißt:" Gott steh uns bei, Gott steh uns allen bei, jedem Einzelnen, uns Allen."

Wenn auch vielleicht der Titel schlecht gewählt ist, es sind ja eigentlich keine Sklaven, diese Leute die, durch den Ausnahmezustand des Krieges, in dieser Pension leben, so ist es doch ein hoch erzählerisches Buch, realistisch und an Metaphern arm. Das ganze Gegeneinander, das Machtspiel und die Intrigen, die Charakterisierung der Personen, die Beschreibung der Figuren sind großartig gemacht. Es ist ganz, ganz filigran geschrieben, ein absolut engmaschig gestrickter Text, spannend bis zum Schluss.

Diese Rezension von Timoh fanden 1 von 1 Kunden hilfreich:
5 von 5 Sternen Großartiges Buch!

Ich hab lange kein Buch gelesen, das so gut wie dieses war. Man nimmt teil an den Gedanken der Hauptperson - sie ist in diesem Sinne keine Erzählerin, sondern wir sind in ihrem Kopf und kriegen alles mit was sie denkt, sieht und fühlt. Das hab ich so noch nirgendwo gelesen, höchstens mal bei José Saramago - da aber stilistisch komplett anders. Ich warte gespannt auf die nächsten Re-Releases von Patrick Hamilton.

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