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Haben Sie jemals eine junge Bäckersgehilfin geliebt?...
... Eine nach frischer Hefe duftende, mit krausem Haar und leicht biegbaren Fingernägeln ausgestattete Liebhaberin, die die Umrisse Italiens in einer Pigmentzeichnung auf ihrem Oberschenkel trägt und mit einer Stimme spricht, die Sie - nein, natürlich nicht. Ich sehe schon: Haben Sie alles nicht», denkt er, der Ich-Erzähler, und schweigt angesichts eines Gegenübers, das nie begreifen würde, warum ein Mensch solch eine Mühsal auf sich nimmt: 784 Schienenkilometer in einem Nachtzug von Basel nach Roma-Tiburtina, nur um sich wund zu lieben, alle 14 Tage, und anschließend wieder 12 Tage alleine, ohne Luise, zu sein. Eine unmögliche Liebe also. Und wieder bricht er auf, seiner Sehnsucht entgegen, doch diesmal endet seine Reise vorzeitig in dem vom Betrieb der Welt vergessenen Bahnhof von Domodossola. Ein Streik der italienischen Bahnarbeiter verhindert seine Weiterfahrt. Oder halten ihn die geomagnetischen Störungen hier fest? Festsitzen auf dem Mittelmeridian der geomagnetischen Weltvermessung. Jedenfalls ist er gefangen, streunt ziellos umher zwischen Bahnhofbuffet und einem schäbigen Hotelzimmer, folgt widerwillig der Einladung eines jungen Grenzbeamten, der nebenbei Drogen und Motorräder verschiebt, und erst im Morgengrauen einer nicht enden wollenden Nacht bietet sich endlich die Chance zu fliehen.
Pubertär und nervösMann oh Mann! Was habe ich mich gefreut! Ein Buch im "Stream of Consciousness" - James Joyce und Virginia Woolf leben hoch, dreimal hoch! Und dann dieser Einstieg - genau so schön wie Italo Calvino in: "Wenn ein Reisender in einer Winternacht" - Ein gestrandeter Fremder in einem Bahnhofsbuffet, irgendwo in der Provinz, eine geheimnisvolle Fremde und ... halt, ab hier wird es anders. Der Ich-Erzähler in "Domodossola" ist über beide Ohren verliebt, nur dass seine angebetete Luisa in Rom wohnt. Der Erzähler hängt streikhalber in Domodossola rum, macht ein paar Schritte und lässt seine Liebe und sein nicht eben erfolgreiches Leben (darin gleicht er Joyce's Bloom) Revue passieren. Viel Sexuelles, doch wen wundert's, nach einer so berühungslosen Liebe davor. Viel von unterwegs, wenig von den Wurzeln (ein bisschen Basel, nicht Mannhart's Heimat). Ein paar zaghafte Schritte in der norditalienischen Stadt, ein Café, ein Gespräch mit einem Grenzer, eine Nacht in einem Hotel, ein Rausch an einer versifften Party, eine andere Frau, auf die der Erzähler - trotz dauerndem Bedürfnis nach Nähe - verzichtet. Am Schluss der unglaubwürdige Tod durch ein Stromkabel, beim Überqueren der Geleise mit einem "geliehenen" Motorrad. Einfacher geht es nicht, um eine Geschichte zu Ende zu bringen, abzuwürgen. - Den Biss des Autors, der in jeder Zeile durchschimmert, habe ich sehr genossen, doch die spätpubertären Auswüchse nicht (Mannhart hat Jahrgang 1975). Unnötig auch die abgeschriebenen, wissenschaftlichen Füllsel der "Anomalie des geomagnetischen Feldes südlich von Domodossola". Schade!
Ein langweiliges SpannungsfeldEs gibt die ungeschriebene Regel, dass nach dem gelungenen Debüt das zweite Buch schwach ist. Das trifft auch auf Urs Mannharts "Die Anomalie des geomagnetischen Feldes südöstlich von Domodossola" zu. Der Titel ist verwirrend und deutet eher auf eine ETH-Dissertation denn auf einen Roman. Tatsächlich handelt es sich eine Art Liebesgeschichte. Der Held aus Basel hat eine Freundin in Rom, zu der er regelmässig mit dem Zug fährt. Dabei strandet er einmal in Domodossola. Insgesamt ist die Story ziemlich konfus, in einem ambivalenten und diffusen Schwebezustand, weshalb ich nicht richtig sagen kann, worum es eigentlich in diesem Roman geht. Es gibt eigentlich keine richtige Handlung, sondern es werden Zustandsberichte aneinander gereiht. Das Magnetfeld ist offenbar eine Metapher für die Geschichte, allerdings muss man den Zusammenhang schon sehr stark suchen. Der Held pendelt zwischen den Polen im Spannungsfeld. Mann und Frau ziehen sich an oder stossen sich ab. Ich fand das Buch einfach nur quälend langweilig.
Nervig ist schon die gekünstelte Erzählperspektive. Ein Ich-Erzähler erzählt die Geschichte in Du-Form, weil er den Helden immer persönlich anspricht. Das hat auch zur Folge, dass der Bericht sehr distanziert, statisch und kalt wirkt. Sprachlich finde ich den Roman ganz gut, denn das Buch hat eine ganz eigene Sprachmelodie. Diese hat allerdings einen etwas einlullenden Tonfall, was der Spannung auch nicht gerade dienlich ist.