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Seit vielen Jahren sind Anka Muhlstein und Louis Begley verheiratet. Nun haben sie zum ersten Mal gemeinsam ein sehr persönliches Buch über ihre lebenslange Venedig-Passion geschrieben. Zwei Autoren, wie sie auf den ersten Blick unterschiedlicher nicht sein könnten: die Französisch schreibende Sachbuchautorin und der Englisch schreibende Romancier.In «Venedig unter vier Augen» unternimmt Anka Muhlstein einen Streifzug durch die Serenissima, während Louis Begley dem genius loci dieses einzigartigen Orts der Weltliteratur bei Henry James, Marcel Proust und Thomas Mann nachspürt und in einer meisterhaften Erzählung von einer erotischen Initiation und dem einzigen Weg nach Venedig erzählt:
Neben Kutteln auch die LiteraturWenn man Venedig mit dem Schiff anfährt, womöglich von Punta Sabbioni kommend, so erhält man, sobald die Isola di S.Elena passiert wird, einen Schlag.So etwas wie eine Offenbarung aller irdischen Schönheit zusammengefasst in schimmernde städtische Pracht, die in einem -von leichtem Nebel umhüllten Meer - aufschaukelt und immerzu lockt.
Da uns das Meer in seiner Güte nicht nur ausgespuckt hat vor Urzeiten, sondern uns auch noch - und immerzu ernährt wie eine Amme- gelingt es ihm fast immer, uns zu erfreuen.Jedoch nicht nur das, es treibt die Menschen auch an zu immensen Bauten, zur Bildung von Heimat in seiner Nähe und zu Wundern, wie Venedig eines ist und es auch hoffentlich noch lange Zeit bleiben wird.In diesem herrlichen Buch aber engagiert sich Venedig auch zu literarischem Antrieb und zwar nicht zu gering.
Wie schon bei Henry James, Marcel Proust und Thomas Mann, so entfacht diese Perle der Meeresstädte auch in Louis Begley und dessen Frau Anka Muhlstein ein geheimes Feuer, sich einzulassen und auszulassen an ihrer Eigenart, die immer wieder anrührt.
Sehr einfühlsam und aufschlußreich, ebenso wie natürlich versponnen erzählt der Autor seine Abenteuer in und um Venedig und führt uns, egal ob von See herkommend oder über den Bahnhof, in eine Stadt, die womöglich eine heilende Wirkung austrahlt auf seine beschriebenen Gestalten.Anka Muhlstein führt uns durch Gassen und über Wasserwege, nimmt uns mit auf einem immer amüsanten Streifzug zu den Gourmetstätten dieser Stadt.
So entsteht ein kleines Wunderwerk aus dem Blick von vier Augen, das genial übersetzt wurde von Christa Krüger (Louis Begley) und Grete Osterwald (Anka Muhlstein) und mit eigentlich noch mehreren kleinen Überraschungen aufwartet, als man vermutet, aber mehr soll hier nicht vorweggenommen werden.Es haben sich schon viele Dichter verliebt in diese Stadt und Jossif Broskij ist nicht der einzige, der soetwas sagte wie: "Sanft heben und senken die Gondeln ihre
Geigenhälse
zum lautlosen Schrei."Oder ein anderer, der in "Kinder des Kronos" singt: "Geschlossene Augen ins Licht getaucht.
Plätschere lautlos,
Von leichter Hand die Hüften bedeckt mit Perlen,
Gondoliere, sing dein helles Lied ohne Zaum!"So und noch viel mehr wird Venedig besungen, hoffentlich noch lange.
überschätztMit viel Vorschusslorbeer bedacht ist "Venedig unter vier Augen" ein gediegen schön gemachtes Buch, das inhaltlich leider enttäuscht. Die Altmännererinnerungen des ersten Teils (Erzählung von Begley) sind recht dürftig. Die Kulinaria-Abteilung schon amüsanter, gänzlich belanglos bleibt die Fotostrecke des Paars mit wechselnden Kindern. Begleys Reflektionen über Venedig-Romane haben nur wenig Tiefgang und seine Selbstgefälligkeit steht sehr im Vordergrund.
SelbstbeweihraeucherungDie Rezensentin Petra Frey nimmt mir "die Worte aus dem Mund" - schliesse mich ihrem Urteil voll an. Das ist einer der seltenen Faelle, wo ich ein Buch am liebsten dem Verleger zur Rueckerstattung des Kaufpreises retournieren wuerde. Venedig als Vehikel zur Selbstdarstellung!
Das erste Drittel in den Papierkorb, der Rest ist halbwegs gutMan gilt ja heutzutage wohl als altmodisch oder irgendwie nicht "normal", wenn man literarischen Exhibitionismus einfach widerwärtig findet. Na schön, dann bin ich eben altmodisch. Was normal ist, kann sowieso nur der Psychiater entscheiden. Aber warum muss sich BEGLEY ausgerechnet unter dem Titel "Der Königsweg nach Venedig" entblößen? Passender und ehrlicher wäre als Titel "Nach Venedig durch die Unterhose" gewesen.
Dass ANKA MUHLSTEIN sich die Peinlichkeit leistet, ihren schönen Text "Die Schlüssel zu Venedig" auf die Altmännerphantasien ihres Gatten folgen zu lassen, wird ja wohl wenigstens noch etwas Verwunderung hervorrufen dürfen. Auch der Verlag hielt das wohl für irgendwie erklärungsbedürftig und teilt im Klappentext mit, dass die beiden "seit fast dreißig Jahren verheiratet" sind. ANKA MUHLSTEIN schreibt nett, wie sie die Stadt kennen lernte(n), von Angelesenem (manchmal mit vager Quellenangabe) und offensichtlich Aufgeschnapptem - nett, aber auch ein bisschen langweilig.
Dass BEGLEY auch Lesenswertes schreiben kann, zeigt sein zweiter Text "Romane und Venedig" - ein Essay über die Venedig-Dichtungen von HENRY JAMES, MARCEL PROUST, THOMAS MANN und über sein eigenes Buch "Mistlers Abschied". Seine Analyse über Venedig als Handlungsort der Romane könnte einen Ansatz für eine Theorie der Romankulisse (sicher gibt es die aber schon) hergeben: 1. der in einen Ort hineingeschriebene Roman, der Handlungsort als Bühnenbild: HENRY JAMES "Aspens Nachlaß"; 2. der Handlungsort als dramatische Person: HENRY JAMES "Die Flügel der Taube"; 3. die Stadt als mythischer, exotischer Ort: MARCEL PROUST "Die Flüchtige" (6. Band der Suche nach der verlorenen Zeit); 4. die Stadt als Gefäß, Illustration der Empfindungen: THOMAS MANN "Der Tod in Venedig"; 5. die Stadt als beliebiger Handlungsort, der auch jeder andere sein könnte: vermutlich BEGLEYS "Mistlers Abschied" selbst, worauf seine 2x wiederholte Aussage schließen lässt: "So kam mir unausweichlich Venedig in den Sinn, denn wie Mistler weiß ich, dass mich an Venedig nichts stört ..." (S. 156 sowie S. 153) Wenn das das Thema seines Romans ist, kann man sich es wohl schenken, ihn zu lesen.
Insgesamt ist der Dreiklang der Texte eher ein Missklang: Es ist zu vermuten, dass Leser, denen jeweils einer der Texte zusagt, wenig Verständnis für die anderen beiden aufbringen.