Streeruwitz, Marlene

Entfernung.

Entfernung.
  • Verlag: Fischer (Tb.), Frankfurt
  • Erscheinungsdatum: 2008-01-01
  • Bindung: Broschiert
  • Seitenzahl: 474
  • ISBN: 359617077X
  • EAN: 9783596170777
  • Amazon.de Verkaufsrang: 273.893
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Beschreibung von buecher.de

Entfernung.« ist die Chronik eines Lebens im Moment seiner drohenden Zerstörung. Selma Brechthold erlebt die Globalisierung als Angriff auf ihre Person. Sie verliert, was sie ausmacht. Der Strudel der Ereignisse wird zum Abgrund. Die Angst wird Wirklichkeit, als der Terror London lahm legt. Um Überleben zu können, muss sie ihre Wahrheit finden.
Die Sprache dieses Romans ringt um das Überleben der Figur. In dieser präzise komponierten, virtuos instrumentierten Geschichte entfaltet Marlene Streeruwitz ihre Kunst der genauen Beobachtung auf höchstem Niveau. »Entfernung.« ist ein Zeitdokument, ein künstlerisches Statement, ein großer Roman von Marlene Streeruwitz.

Rezensionen von Amazon.de-Kunden
Diese Rezension von Dr. Leopold FALTIN, meincoach.at ' fanden 19 von 25 Kunden hilfreich:
3 von 5 Sternen 3-fache Entfernung

Selma ist ihren Job los. Einfach so. Aus dem Kulturbetrieb raus. Kulturmanagerin und nichts mehr zu managen. Mit 49. Eine Entfernung wie die eines Blinddarms. Und so kommt sie sich jetzt auch vor.

Selma hat noch eine Karte im Talon. Eine Idee. Ein Projekt. Und die Verbindung dazu. Sie fliegt nach London. Alles einfädeln. Gemeinsames Abendessen. Zuschlagen. Aber statt dessen. Aus dieser Entfernung sieht die Idee nicht so gut. Aus. -

Und in gewissem Sinn beginnt das Buch eigentlich erst hier. Selma gerät danach in einen Strudel von Erlebnissen, die ihr immer neue Perspektiven aufnötigen. Ihre Vergangenheit, ihre eigenen systemischen Verstrickungen in ihrer Familiengeschichte, Schuldgefühle, schleches Gewissen, Abgelehntes. Sie hat das mitgenommen - und doch sieht von hier alles anders aus, bedrohlich, fremd, unerwartet, neu. London in den ersten Julitagen des Jahres 2005: ein Mekka des ungehemmten Neoliberalismus, im Krieg mit einem schwer einschätzbaren Gegner im Irak, ersten latenten Selbstzweifeln, aufgepeitschte Stimmung, Bedrohung überall fühlbar. Selma erlebt hier mit aller Schärfe ihrer Wahrnehmung die Unerbittlichkeit dieser schönen neuen Welt. Sie zeigt sich überall, wo sie hinsieht, zuhört, hingreift. Im immer noch wohl behüteten, geschützten Schwimmbecken des fernen Wien ist sie zwar mitgeschwommen, das Wasser, das sie zuletzt in die Augen bekommen hat, hat auch gebrannt - hier aber ist sie auf hoher See, hier spielen alle mit, Haie und kleinere Fische. Und alle anderen sind hier mehr zu Hause als sie.

Ihre Selbstzentriertheit, die sie in Wien behaglich pflegen konnte, der logische Verzicht auf ein eigenes Kind, der Verlust ihres Partners, der damit letztlich doch nicht zurecht kam und sich eine pflegeleichtere Gefährtin zulegte - von hier aus wird das alles irgendwie relativiert. Sie lernt, diffus, unmerklich von einem Erlebnis zum nächsten, wie die Konsequenzen daraus aussehen.

In 31 der Ordnung halber durchnummerierten Absätzen entwickelt Marlene Streeruwitz diese lange, lange Geschichte. Einem aktuellen Trend entsprechend im wahrnehmungsfokussierten Stil, der sie in seiner, ihrer, Perfektion wohl zur Trendsetterin dieses Genres machen wird. Verstümmelte, teils entstellte Sätze. Beobachtung an Beobachtung. Mir persönlich geht es damit wie mit der Zwölftonmusik: ich anerkenne die Perfektion der Übung und die Existenz des Systems - zum Schwingen hat diese Musik bisher in mir nichts gebracht. Traurig. Mühsam. Ermüdend. Ich bin nicht ganz sicher, ob ich das Wort Hoffnung in diesem Buch je gesehen habe - Thema ist es hier ganz sicher nicht. Wie es wohl anderen LeserInnen damit geht? -

Schließlich, traumatisiert durch das hautnahe Erleben des 9. Juli 2005, zeichnet sich eine Wandlung in Selma ab. Vage. Unbestimmt. Wie so vieles davor. Mit offenem Ende. Und länger werdenden Sätzen, weniger Wahrnehmung, mehr Interpretation. Immerhin: 'Liebe. Sie hatte Liebe gewollt. Sie hatte das nicht immer gewusst. Wissen wollen. Liebe. Keine Beziehungen. ... Sie hatte sich gerade die Möglichkeit verschafft, über die Freiheit zur Liebe nachzudenken'. Nach all dem. Jetzt ist sie weit genug weg. Paradox: jetzt erlebt sie ihre eigene Ent-Fernung. Geschafft. Gefunden. Von dem, was war. Zu dem, was ist. Sie ist. Jetzt ist sie. Auf dem Weg. Vielleicht.

Diese Rezension von ronny_borghese fanden 5 von 7 Kunden hilfreich:
5 von 5 Sternen Knapper. Bissiger. Schöner.

Die Sprache und die Handlung dieses Romans sind noch verknappter als in früheren Werken der Autorin, vielleicht ist die Grundstimmung auch noch depressiver. Die teils unvollständigen oder invertierten Sätze entfalten meiner Meinung nach aber eine ganz eigene Schönheit, wenn man sich an den Stil gewöhnt hat. Dass die Lektüre anstrengend wäre, wie viele Rezensionen behaupten, kann ich nicht bestätigen; im Gegenteil, man kann dieses Buch sehr schnell durchlesen. Und auch die Abwesenheit von Schönheit kann ich dem Roman nicht attestieren: Wenn Selma Brechthold im nächtlichen London auf einmal in die Duftoase eines Rosenstrauchs gerät, ist das - gerade in Abgrenzung zu dem Umgebenden - zutiefst rührend und von atemberaubender Schönheit.

Diese Rezension von Carl-heinrich Bock fanden 4 von 5 Kunden hilfreich:
5 von 5 Sternen Ein Zeitdukument, beobachtet auf höchstem Niveau

Zum Plot: Erzählt wird die Geschichte von Selma Brechthold. Die 49 jährige Protagonistin ist als Chefdramaturgin bei den Wiener Festspielen tätig. Sie ist eine absolute Powerfrau, der alles zu gelingen scheint. Doch eines Tages wird ein "Schlusspunkt" in ihrem Leben gesetzt. Der Chef der Wiener Festspiele tauscht sie von heute auf morgen gegen seine Geliebte, eine wesentlich jüngere Frau aus. Der Lebensgefährte von Selma, von dem sie, hätten beide sich nicht zur Abtreibung entschlossen, ein Kind bekommen hätte, verlässt sie auch wegen einer Jüngeren. Das ist nun die Situation des Verlassen Werdens, des vollendeten Verlassen Seins.

Selma kehrt zunächst, was man nicht unbedingt von einer 49 jährigen "Metropolenfrau" erwarten konnte, zu ihrem Vater zurück. Und nun beginnt eigentlich die Bewegung. Es ist die Bewegung aus Wien mit dem Flugzeug nach London. Hier will sie eigentlich eine englische Dramatikerin, Sarah Caine, dramaturgisch beraten. Aber ihre desaströse Grundsituation, bei der sie manchmal sogar Selbstmitleid an den Tag legt, schlägt dann irgendwann um, als Selma über ihr Leben reflektiert und ihr Schicksal in die Hand nimmt. Und dann wird sie am 7. Juli 2005 Opfer des Londoner U-Bahn Anschlags. Die Angst wird Wirklichkeit und Selma wird völlig aus der Bahn geworfen. Sie erweist sich als nicht hysterisch, benimmt sich großartig. Völlig verwildert und verroht, innerlich wie äußerlich, verlässt sie die U-Bahn. Sie läuft durch die Stadt und begegnet den unterschiedlichsten Figuren, die auch in irgendeiner Form mit Verwilderung und Verrohung zu tun haben. Sie, die früher zu der Kultur Schickeria gehörte, ist nun sozial ganz weit nach unten gefallen, mit solchen Menschen wäre sie früher nie in Kontakt gekommen. Mit einem geistig behinderten Schwarzen kommt es zu einem Happening. Man könnte sagen, an Dante angelehnt, es kommt in Zusammenhang mit einem Sternenhimmel zu einer regelrechten Offenbarungssituation. Der Schwarze ist jedoch nicht die einzige Erlöserfigur. Es gibt da noch einen subkulturellen katholischen Priester, der im Porno Milieu verkehrt. Zu ihm baut diese Selma eine ganz eigenartige Sehnsuchtsbeziehung auf. Mit anderen Worten, diese Buch Entfernung" Punkt, ist wirklich eine Entfernung.

Erzählzeit und die erzählte Zeit, 24 Stunden an zwei Tagen, sind identisch und das liegt in erster Linie daran, dass Marlene Streeruwitz Erzählweise ein Stakkato ist. Der Leser muss sich erst an diese "Syntax Schredderung" gewöhnen. Zum Teil gibt es auf den einzelnen Seiten über 60 Schlusspunkte. Das Buch hat einen langen Anlauf. Man braucht zwanzig, dreißig Seiten um in diesen Rhythmus hinein zu kommen. Aber dann entwickelt sich ein ganz starker Sog.

Da die Autorin sehr genau beobachtet und erzählt, entsteht hier beiläufig ein großes Gesellschaftspanorama. Es ist nicht nur die Innenschau der Figuren, sondern es ist gleichzeitig ein Gang durch London, eine kapitalistische Stadt mit all ihren Machtstrukturen. Es ist tatsächlich ein auffälliges Verhältnis von Mikro- und Makrostruktur. Die Gedankenfetzen sind sehr klein gehalten. Viele Sätze enthalten auch so etwas wie eine elliptische Schleife. Und die Gedanken jagen zwischen Bewusstsein und Unterbewusstsein irgendwie durch das Hirn und durch die Gefühle. (stream of concionsness). Die brillant geschildert Makrostruktur stellt das Attentat in der Londoner U-Bahn da.

Die vielen Punkte in dem Buch geben den Rhythmus vor. Die Autorin arbeitet in ihrem Text kaum mit Beschreibungen, sie zeigt nur Glassscherben scharfe Umrisse auf. Da der Punkt nun von jedem Leser verstanden wird, sieht die Autorin, so wie sie es publiziert hat, darin eine Plattform auf die sich der Leser begeben kann und von der er sich dann auf die unterschiedlichsten Betrachtungsebenen hingeben kann. Vielleicht ist der Punkt hinter Entfernung aber auch so eine Art heitere Ironie.

Die Kritik ist sehr hart mit dem Buch umgegangen, zum Teil empfindlich unterhalb der Gürtellinie. Möglicherweise kannten sich die Kritiker nicht mit der literarischen Technik aus. Die Erzählform ist ja "Bewusstseins Stromtechnik", in einer ganz spezifischen Form. Dieser Bewusstseinsstrom und diese Beschreibungsintensität, ganz ohne Adjektive, tragen gleichsam zur Genauigkeit der Handlung bei. Die Autorin spannt eine dünne Oberfläche die mit Löchern durchstanzt ist und die damit Durchblicke an die Schichten darunter ermöglicht. Das Wagnis der Durchsichtigkeit liegt in der semantischen Überlappung der Sätze.

Ein Kritiker hat der Protagonistin geraten, aufzustehen und von der Autorin weg zu gehen. Möglicherweise liegt die Aversion bei den Kritikern auch darin begründet, dass sie es nicht ertragen konnten, wie schonungslos Marlene Streeruwitz mit der Selma, in ihrer verhängnisvollen Lage umgegangen ist.

Ich kann dieses Buch mit Nachdruck empfehlen.

Diese Rezension von Alice fanden 2 von 3 Kunden hilfreich:
5 von 5 Sternen Präzise und konsequent

Ein modernes Lebensgefühl bringt die Autorin mit diesem Buch präzise auf den Punkt: die Verlorenheit in einer immer schneller agierenden Welt. Dass dieses Alleine-Gelassen-Sein/Übrig-Geblieben-Sein konsequenterweise selbst herbeigeführt wurde, ist dabei nur typisch für die heutige Zeit.

Im Gegensatz zu den oft propagierten "Jungliteraten" mit ihren diversen Generations-Selbstbespiegelungen gelingt es Streeruwitz ganz unverkrampft, die hausgemachte Problematik dieser Lebensform auf ihre Hauptfigur zu übertragen. Mit klarer, manchmal störrischer Sprache führt sie den Leser immer tiefer ins Geschehen. Unbedingt lesenswert.

Diese Rezension von Dominik Rosenauer fanden 0 von 1 Kunden hilfreich:
2 von 5 Sternen Nein danke

Wir erleben mit diesem Buch eine Reise in den Kopf einer virtuellen Frau und eine Schriftstellerin, die als eine der Ikonen der Deutschen Sprache gilt. Naja. Der Mann ohne Eigenschaften ist schwierig zu lesen, weil man diesen Roman nicht lesen kann, ohne irrsinnig viel denken und pausieren zu müssen. Dieser Roman allerdings, diese eigenschaftslose Frau, lässt einen kalt und unberührt neben ihr stehen während sie lebt. Man muss ihre Gedanken mitlesen, ohne es zu wollen und ohne sich dafür zu interessieren. Genauso gut könnte man einem Fisch an Land beim Sterben zusehen. Das Nachluftschnappen hat den selben Suspense, weil man weiß, dass die arme Kreatur einmal sterben wird. Diese Frau wird auf die Schnauze fallen. Das weiß man ab der ersten weinerlichen Seite. Ein selbstmitleidiges Pseudodenken, das in einem Embryonalstadium des Rebellierens stecken bleibt und eine Frau, die einem eigentlich egal ist, auch wenn sie noch so Schlimmes erlebt. Denn sie beschreibt es so langweilig und leidenschaftslos, dass man eigentlich gar nicht mit ihr empfinden kann.

Nur am Rande: Wenn es wirklich Menschen gibt, die in solchen grammatikalisch falschen und völlig abgehackten, halben unverdauten Sätzen denkt, dann wäre es besser gewesen, einen anderen Schreibstil zu verwenden, weil der macht das Buch unlesbar.

Entfernung.



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