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Der Mensch ist ein bösartiges Tier': Dies erfährt Kapitän Malow, als er mit seiner Mannschaft auf dem Flusslauf des Kongo immer tiefer in die Wildnis vordringt. Er trifft dort auf den brutalen Elfenbeinhändler Kurtz, der seinen Distrikt mit erbarmungsloser Skrupellosigkeit ausbeutet. Der berühmte Abenteuerroman, welcher schon Regisseur Francis Ford Coppola als Vorlage für seinen legendären Kinofilm Apocalypse Now diente, inspirierte Michael Köhlmeier zu einer einzigartigen Hörspielinszenierung. Er entführt den Hörer auf die düstere und gefährliche Fahrt über den Kongo. Untermalt mit atmosphärischen, afrikanischen Klängen wird sie zum Sinnbild für den Blick in die Abgründe der eigenen Seele.
Alptraumhafte ReisePersönliche Erfahrungen verarbeitete Joseph Conrad, einer der bedeutendsten Erzähler der englischen Sprache, in seiner Erzählung "Herz der Finsternis", ein Buch von außergewöhnlicher Gedankendichte, welches er 1899 in nur zwei Monaten zu Papier brachte. Conrad erkannte, dass auch die eigene Seele, gleich einer Landkarte, noch genug weiße Flecken unerforschten Landes bietet. Seine Seelenreise in das eigene Herz der Finsternis lies ihn die Wut entdecken, die dort schlummert: sein ganz persönlicher, unerkundeter Urwald.
Bereits 1990 inszenierte Michael Köhlmeier Conrads Novelle für den ORF als Hörspiel, welches "der hörverlag" nun erstmals auf CD herausgebracht hat. Köhlmeiers Bearbeitung enthält nur einen Extrakt des kompletten Romans. Er hat sich auf das Wesentliche beschränkt, sozusagen die Kernzelle Conrads herauskristallisiert. Der Gesamtzusammenhang ist jedoch keineswegs gestört. Großartig ist ihm die atmosphärische Untermalung der düsteren Stimmung gelungen. Der Hörer spürt beinahe körperlich das Grauen.
Erzähler ist Kapitän Marlow - Conrads Alter ego -, der einen alten Flussdampfer übernommen hat, um Elfenbein aus dem Landesinneren Kongos an die Küste zu transportieren. Doch bevor Marlowe sein Schiff übernehmen kann, muss er sich auf einer Station melden. Dort bekommt er einen ersten grauenvollen Eindruck davon, wie es zugeht im Herz der Finsternis.
Auch von dem geheimnisumwitterten, legendären Agenten Kurtz, der sich im Landesinneren sein eigenes kleines Reich geschaffen hat, sich als Gott verehren lässt, sagenhafte Mengen Elfenbein abliefert und für die Durchsetzung seiner Interessen über Leichen geht, hört er dort zum ersten Mal. Kurtz ist schwer erkrankt und Marlow soll den Todkranken zur Küste bringen, von wo aus er nach Europa gebracht werden soll.
Marlows Auftrag - wie so manches im Roman - scheint ziemlich vage. Er stößt in den dunklen Kontinent vor, zugleich auch in die Finsternis eines skrupellosen Charakters. Als er Kurtz das erste Mal gegenüber steht, fühlt sich Marlow von diesem Mann gleichermaßen fasziniert und abgestoßen und wird direkt mit den Widersprüchen seiner eigenen Persönlichkeit konfrontiert.
Doch Kurtz stirbt während der Fahrt den Fluss hinab. Seine letzten Worte: "Das Grauen, das Grauen!", gehören spätestens seit Marlon Brandos Rezitation in Francis Ford Coppolas Vietnamfilm "Apocalypse Now", dessen Handlung auf Conrads Roman basiert, zu den berühmtesten letzten Worten einer literarischen Figur. Sie sind der Fluchtpunkt, auf den die gesamte Erzählung hinausläuft, und Kurtz ist gleichsam das dunkle Zentrum von Conrads gesamtem Werk.
Bernd Rumpf hat als Stimme Kapitän Marlows die tragende Rolle inne. 95% des Hörspiels bestreitet er allein. Ein Monolog ist es trotzdem nicht. Sondern Hans Gerd Kübel steht ihm als unbenannter Gegenüber zur Seite. Er fungiert als eine Art Interviewpartner, stellt immer wieder Fragen und hakt nach: nahezu ein Verhör.
Dieses Zwiegespräch ist mit sparsamen Geräuschen (Stühlerücken, Türknarzen, Urwaldgeräusche) oder Jingles mit afrikanischen Klängen hinterlegt. Aber dies sind nur Tupfer in einem sonst sehr ruhigen, düsteren Redefluss, den Rumpf, der seine Synchronstimme u. a. bereits George Clooney und Liam Neeson lieh, großartig intoniert. Er vermag hervorragend Conrads Stil, der eine Atmosphäre der Unwirklichkeit hervorruft, die Zerrissenheit Marlows und dessen inneren Kampf wiederzugeben. Auch bei erneutem Hören, was zweifelsohne zu empfehlen ist, entstehen neben den konkreten Schilderungen des Urwalds, der Fahrt und der Aktionen zum Gelingen der Reise, verschwommene Bilder von Kurtz und seinem sagenumwobenen Reich.
Hervorzuheben ist gleichfalls das ausführliche 23seitige Booklet, welches eine Fülle an Informationen zum Autor, dem Buch und vor allem zu dessen Verständnis enthält.
Fazit:
"Herz der Finsternis" ist nicht nur die Schilderung einer abenteuerlichen, gefährlichen Flussfahrt und eine Anklage gegen Sklaverei, es ist der Versuch, das Böse und seine Faszination zu beschreiben.
Ein (Hör-)Buch, was gleichzeitig politisch und psychologisch zu verstehen ist.
Vom Ablegen der Zivilisation und vom Ableben der zu Zivilisierenden oder: Die Wilden sind wir!Am Ende war der Autor nicht zufrieden mit seinem Werk. Wohl weil sich das aufgedeckte Grauen über menschliche Gräuel einer schöngeistig belletristischen Behandlung entzog; weil hier, anders als bei seinen übrigen Geschichten vom Scheitern des Einzelnen am Schicksal ("Lord Jim", "Sieg", "Nostromo", "Almayers Luftschloss") die Umwandlung moralischer Themen in lustvolle Abenteuerlektüre nicht gelang; ja nicht gelingen durfte. "Herz der Finsternis" blieb auch Joseph Conrads einziges Werk ohne Untertitel, obwohl 'Eine wahre Geschichte' sich dort sehr gut gemacht hätte.
Der titelgebende dunkle Ort ist sowohl die undurchdringliche zentralafrikanische Waldwüste, als auch das sorgsam versteckte Zentrum des menschlichen Seins. Der Mensch, im Innersten ganz aus Tier gemacht, kann trotz Zivilisationsfirnis niemals seine animalischen Bausteine abschütteln. Der wilde Affe lässt sich verstecken, nicht jedoch exorzieren.
"Herz der Finsternis" ("Heart of darkness"), das auf eigenen Aufzeichnungen ("Up-river Book" und "Das Kongo-Tagebuch") beruht und sich auf kritische Zeitungsberichte über einen verschwiegenen Völkermord bezieht, wurde zu seinem bedeutendsten Werk. Und dies obwohl das dünne Büchlein zu einem recht kantigen Lesebrocken geriet. Der Autor arbeitet mit ausgedehnten Reflexionen seines Helden Marlow, streut beängstigende Landschaftsbeschreibungen ein und verzichtet weitgehend auf Dialoge. Sein wichtigster Protagonist, Herr Kurtz, kommt gerade ein gutes Dutzend mal zu Wort. Merkwürdigerweise als Abenteuer-Klassiker vermarktet, erweist sich "Herz der Finsternis" viel eher als existentielle Unternehmung, als ein Abstieg in die Abgründe der Seele. «Das Leben ist ein Wald, in dem niemand den Weg kennt und man bereits verloren ist, während man noch ruft: Ich bin gerettet!»
Vorgeschichte: Während Europa gerade die Rückkehr Stanleys feierte, der im Dschungel Berge von Toten hinterlassen hatte, nahm der noch ahnungslose polnische Kapitän Joseph Conrad 1989 das Angebot an, einen Flussdampfer auf dem Kongo zu führen. Acht Monate Afrika und seine Erlebnisse in der belgischen Kolonie führten zu einer kritischen Haltung gegenüber den Aktivitäten der Europäer. Belgiens König Leopold II., der als hervorragender Diplomat und Geschäftsmann galt, war «ein würdig aussehendes Monster in Frack und Zylinder», das mit seinem Vollbart wie ein gutmütiger Weihnachtsmann auftrat. Bemerkenswert waren seine Aktivitäten im Kongo, dessen persönlicher Eigentümer er durch gegenseitiges Ausspielen der Großmächte 1885 wurde. «Während der menschelnde Monarch der Welt den Philanthropen vorgaukelte», verwandelte sich das Land in ein riesiges Arbeits- und Folterlager. Als man ihm 1908 den Kongo wieder wegnahm, standen den Gewinnen von einer Milliarde Dollar der Verlust von etwa zehn Millionen Menschenleben gegenüber. Der königliche Belgier wurde zum meistgehassten Europäer und belegt in der Rangliste der Massenmörder den dritten Platz; gleich hinter Hitler und Stalin. Für Joseph Conrad hatte sich damit das skrupellose Zusammenspiel kapitalistischer Expansion, technischem Fortschritt und Imperialismus enttarnt. «Der Mensch ist ein wildes Tier und dessen Bösartigkeit muss organisiert werden. Verbrechen ist eine notwendige Bedingung der organisierten Existenz und die Gesellschaft ihrem Wesen nach kriminell.» Seine Erkenntnis lautete: Die Wilden sind wir!
In der literarischen Bewältigung dieser realen Ereignisse lässt Joseph Conrad sein Alter-Ego, Kapitän Marlow, im Auftrag einer belgischen Handelsgesellschaft tief in den Kongo reisen. Dabei gerät seine Unternehmung immer mehr zur Reise in den Abgrund des eigenen Unterbewusstseins. «Der Fluss, diabolisch und unheimlich wie eine Schlange, führt immer weiter fort vom Licht der Zivilisation, hinein in die Dunkelheit der Wildnis, in das Herz der Finsternis und zum Zentrum des Bösen; jenseits von Moral und Menschenrechten.» Auf einem der Vorposten hört Marlow von Kurtz und seinen ungewöhnlich erfolgreichen Geschäften, aber auch von den skrupellosen Machenschaften auf dessen Station. Schließlich wird er beauftragt den Elfenbeinagenten, «der für die Zivilisation sowie ihre barbarische Negation durch die Gräuel des Kolonialismus steht» und der für die mächtige Handelsgesellschaft inzwischen zu einem ernsten Problem geworden ist, zu treffen und zurückzubringen. Wenn erforderlich, auch mit Gewalt. Als es Marlow tatsächlich gelingt Kurtz' Station zu erreichen, ist er entsetzt und fasziniert zugleich. Dennoch schreckt er vor dem letzten Schritt zurück, als er im Schatten dieser paradiesischen Hölle den maßlosen Größenwahn Kurtz' erkennt. Der Dschungeldespot geht zugrunde, weil er sich den von ihm selbst geschaffenen triebhaften Riten nicht (mehr) gewachsen zeigt. «Wir nähern uns ihnen mit der gewaltigen Macht von gewalttätigen Göttern» und «Rottet all diese Bestien aus» lautet ein Postskriptum, das der verwirrte Menschenschlächter Kurtz seinem Bericht für die 'Internationale Gesellschaft zur Unterdrückung wilder Bräuche' beigefügt hat. Im Angesicht des Todes erkennt Kurtz das Grauen, den ensetzlichen Abgrund in sich selbst. Dessen letzte Worte lauten: «The Horror! The Horror!». Auch der traumatisierte Marlow steht vor einem Abgrund. Seine Reise ins Herz der Finsternis endet mit einer Flucht. Weg von einer schrankenlosen Leidenschaft, die den Tod bedeutet, hinein in ein gedämpftes Leben in London.
Die bislang einzige Hörspieladaption dieses weltberühmten Klassikers entstand 1990 im Auftrag des ORF und wurde vom österreichischen Schriftsteller Michael Köhlmeier mit den Sprechern Bernd Rumpf (Synchronstimme von George Clooney und Liam Neeson) und Hans Gerd Kübel unter Verzicht auf die von Joseph Conrad gewählte Rahmenhandlung eingerichtet. Wie sich herausstellt, in mehrfacher Hinsicht ein Glücksfall, denn Köhlmeiers Hörspielbearbeitung, die die Erzählung in eine Art Abschlussbericht der Hauptfigur gegenüber einem namenlos bleibenden Beamten verwandelt, konzentriert sich in beeindruckender Weise auf das Zentrum von Joseph Conrads Werk: Der Abrechnung mit Heuchelei und Kolonialismus. Dem Panorama von schrankenloser Gier und hemmungsloser Gewalt, dass das Ablegen der Zivilisation und das Ableben der zu Zivilisierenden zeigt. «Ganz Europa war am Zustandekommen des Herrn Kurtz beteiligt gewesen», der natürlich ein Portrait des leibhaftigen Königs Leopold II. ist.
"Herz der Finsternis" in der einstündigen Hörspielbearbeitung von Michael Köhlmeier und mit der Musik von Norbert Rümmele ist ohne jeden Zweifel ein Prunkstück im umfangreichen Programm des HörVerlags und zeigt sich seiner literarischen Vorlage in jeder Hinsicht ebenbürtig. Sehr lesenswert ist auch das 23-seitige Nachwort des Schweizer Schriftstellers Urs Widmer im Booklet der CD.
VORSICHT!Wie schon in einer vorigen Rezension erwähnt: Dies ist nur ein Extrakt von Conrads Geschichte, dargeboten von zwei Sprechern: Marlow und einem (fiktiven) Interviewpartner. Als Titel müßte es eigentlich heißen: "Michael Köhlmeier und wie er Herz der Finsternis sieht".
Schade, dass der Hörverlag nichts Eigenes inszenierte sondern stattdessen dieses alte Zeug aufgemotzt hat (Das Cover ist natütlich exzellent, wie immer, wenn der Inhalt hinkt).
Positiv: Köhlmeiers doch auch neue Perspektiven auf die Geschichte: Dass der alte Dampfer mutwillig versenkt wurde und Marlowe durch böse Absicht monatelang auf seine Nieten warten muss, ist mir so gar nicht aufgefallen. Ein weiterer Beweis dafür, wie nervtötend Conrad mit seiner indirekten, übervorsichtigen, andeutenden Erzählweise sein kann. Der Stil dieses alten Knackers ist endgültig überholt. Sowas kann man heute nicht mehr lesen.
Adelung-1793: Finsterniß, die · Herz-Polyp, der · Herz (2), das · Herz (1), das
Brockhaus-1911: Herz Mariä · Herz Jesu · Herz [3] · Herz [2] · Hängendes Herz · Flammendes Herz · Herz · Heiliges Herz Jesu
DamenConvLex-1834: Herz, Henri · Herz (Medicin) · Herz
Eisler-1904: Licht und Finsternis · Herz
Eisler-1912: Herz, Marcus · Herz, Hans
Herder-1854: Herz [3] · Herz [2] · Herz [1]
Meyers-1905: Ägyptische Finsternis · Herz, stammendes, hängendes · Herz [3] · Karls Herz · Herz-Jesu-Fest · Herz [2] · Hängendes Herz · Flammendes Herz · Herz [1] · Heiliges Herz Jesu
Pataky-1898: Herz, Frau Henriette · Herz, Auguste
Pierer-1857: Finsterniß · Herz-Jesu-Andacht · Karls Herz · Herz [1] · Herz [2]