Hobbes, Thomas

[270] Hobbes, Thomas, geb. 5. April 1588 in Malmesbury, studierte in Oxford Aristotelische Philosophie und wurde von dem Nominalismus des Wilhelm von Occam beeinflußt. 1608 wurde er Erzieher im Hause Cavendish (des späteren Grafen von Devonshire) und reiste als solcher in Frankreich und Italien. Später hielt er sich öfters in Paris auf, wo er mit Gassendi und Mersenne verkehrte und seine Hauptwerke verfaßte. H. starb am 4. Dezember 1679 zu Hardwicke, im Hause des Grafen Devonshire.

H. tritt der Scholastik, die er genau kennen gelernt hatte, entgegen und stellt eine auf Erfahrung, exakter Wissenschaft, logischer Ableitung beruhende Philosophie auf, die von den Ideen und Ergebnissen von F. Bacon, Kepler, Galilei, Harvey u. a. ausgeht. Philosophie und Theologie werden scharf auseinandergehalten, wie bei Bacon, und es wird wie von diesem die praktische (dem Streben nach Macht dienende) Bedeutung der Philosophie betont. Zwar huldigt H. einem gewissen Phänomenalismus, nach welchem der (abstrakte) Raum, etwas Ideelles ist, aber innerhalb desselben vertritt er den Naturalismus, Mechanismus, ja Materialismus, überall die strenge Gesetzlichkeit des Geschehens betonend. In seiner Erkenntnislehre verbindet er mit dem Empirismus, ja Sensualismus einen gewissen Rationalismus (unter dem Einfluß der Mathematik, Logik und Jurisprudenz).

Die Philosophie ist nach H. die Erforschung der Wirkungen aus den Ursachen und der Ursachen aus den Wirkungen (»effectuum per causas cognitas vel causarum per cognitos effectus brevissima investigatio«; »effectuum sire phaenomenon ex conceptis eorum causis seu generationibus, et rursus generationum quae esse possunt, ex cognitis effectibus per rectam rationem acquisita cognitio«). Der Zweck der Philosophie ist, daß wir uns der vorausgesehenen Wirkungen zu unserem Nutzen, unserer Macht bedienen. Da alles Wirkliche »Körper« oder Zustand von Körpern ist, so ist Gegenstand der Philosophie »corpus omne, cuius generatio aliqua concipi potest«. Die Philosophie gliedert sich in Natur- und Gesellschaftsphilosophie (»philosophia naturalis«, »philosophia civilis«); letztere zerfällt in Ethik und Politik. Die »erste Philosophie« hat es mit den Grundbegriffen (Raum und Zeit, Ding, Ursache usw.) zu tun. Die Methode der Erkenntnis ist die analytische, verbunden mit der synthetischen (»methodus resolutiva, analytica. – methodus compositiva, synthetica«). Ihren Ursprung hat die Erkenntnis in der Erfahrung und diese in der[270] Empfindung, welche durch äußere Reize – vermittelst einer Reaktion seitens des Organismus – ausgelöst wird. Die Erfahrung ist eine Summe von Vorstellungen sinnlichen Ursprungs (»phantasmatum copia orta ex multarum rerum sensionibus«), die Erinnerung an eine Vielheit von Dingen (»memoria multarum rerum«). Die Empfindung ist eine Reaktion des Organismus auf eine äußere Einwirkung (»Sensio est ab organi sensorii conatu ad extra qui generatur a conatu ab obiecto versus interna, eoque aliquamdiu manente per reactionem factum phantasma«). Indem die Erregung fortdauert und das Bewußtsein, empfunden zu haben, entsteht, ergibt sich das Gedächtnis (»Sentire se sensisse est meminisse«). Es gibt nur Berührungsassoziationen und diese sind mechanisch zu erklären. Indem wir mit den Vorstellungen Zeichen (Worte) verknüpfen und die Namen verbinden und trennen, addieren und subtrahieren, kommt es zum Denken, welches ein Rechnen ist (»Rationari igitur idem est, quod addere et abstrahere, vel si quis adiungat his multiplicare et dividere. Computare est plurium rerum simul additarum summam colligere vel una re ab alia detracta cognoscere residuum«). Für den Weisen sind die Worte bloße Rechenpfennige, die nur für den Toren Gold bedeuten (»Vocabuli... sapientium quidem calculi sunt quibus computant«). Das Allgemeine besteht nur in der Geltung eines Namens für eine Klasse ähnlicher Dinge (Nominalismus). Es gibt in den Dingen selbst nichts allgemeines (z.B. keine allgemeine Materie, nur einzelne Körper).

Die Qualitäten der Empfindung (Farbe usw.) sind nur subjektiv, kommen nicht den Dingen selbst zu (»seeming and apparitions only«): »Lux, color, calor, sonus et caet. qualitates, quae sensibiles vocari solent, obiecta non sunt, sed sentientium phantasmata.« Eigenschaften der Körper selbst sind nur Größe, Ausdehnung und Bewegung, welche beiden letzteren aber auch zuweilen als ideell angesehen werden. Der allgemeine Raum als solcher jedenfalls ist etwas Imaginäres, eine Vorstellung (»imaginarium, quia merum phantasma«), ein »phantasma rei existentis, quatenus existentis, i.e., nullo alio eius rei accidente considerato praeterquam quod apparet extra imaginantem«. Die Zeit ist ein Bild der Bewegung (»phantasma motus«). Die Bewegung ist das stetige Verlassen eines Ortes und das Einnehmen eines anderen. Alles Naturgeschehen besteht in Bewegungen der Körper und ihrer Teilchen, denn alles Wirkliche ist körperlich (bezw. ein natürlicher oder ein künstlicher Körper, wie es der Staat ist). Körper ist das den Raum Erfüllende, aus kleinsten ausgedehnten Teilchen (Korpuskeln) Bestehende. Die Materie ist der Körper, sofern er allgemein gedacht wird; die Potenz zur Empfindung ist ihr eigen (so schon Bacon).

Bewegungen liegen auch unseren Empfindungen zugrunde, ebenso unseren Gefühlen, die auf einer von den Sinnesorganen zum Herzen dringenden Erregung beruhen, welche die Zirkulation teils begünstigt (Lust), teils hemmt (Unlust). Das Begehren ist ein Streben, das auf zukünftiges Angenehmes sich richtet. Der Wille ist ein der Überlegung entspringendes Streben, das letzte, im Kampf der Motive sich durchsetzende Streben. Da alles ursächlich bestimmt ist, so ist auch das Wollen streng determiniert. Das Handeln ist frei, nicht der Wille; die Menschen haben »facultatem non quidem volendi, sed[271] quae volunt faciendi«. Frei ist das Handeln, sofern es der Natur des Menschen und dem Willen entspringt.

Von Natur aus strebt alles nach Selbsterhaltung (vgl. die Stoa) und Macht; der Egoismus wurzelt im Wesen der Dinge. Gut ist das Erstrebte. Lusterregende und das erste Gut ist »sua cuique conservatio« (vgl. Spinoza). Durch Nützlichkeitserwägungen führt die Selbstliebe zur Übereinkunft, zum Staate und zur Sittlichkeit innerhalb desselben. Die Ethik ist die Lehre von dem, was in der Erhaltung und Gesellschaft der Menschen gut und schlecht ist.

Die Rechts- und Staatsphilosophie H.s beruht auf einer Art Vertragstheorie. Im Naturzustande strebt jeder nur nach Selbsterhaltung und Macht, jeder ist gleich und hat ein Recht auf alles. Der Mensch ist hier dem Menschen ein Feind (»homo homini lupus«) und es besteht der Möglichkeit oder Idee nach ein Krieg aller gegen alle (»bellum omnium contra omnes«, De cive I, 11 ff.; Leviathan II, 17). Furcht und Vernunfterwägungen führen aber aus einem solchen »status hostilis« heraus, nicht etwa soziale Triebe. Durch Verzicht der Individuen auf ihre absolute Freiheit entsteht der Staat, der politische Körper, der alles verschlingende, mit einem einheitlichen Willen begabte »Leviathan«, eine Person mit absoluter Macht. »Civitas persona una est, cuius actionum homines magno numero per pacta mutua uniuscuiusque cum unoquoque fecerunt se autores; eo fine, ut potentia omnium arbitrio suo ad pacem et communem defensionem uteretur« (Leviathan II. 17). Der Staat dient dem Schutze und Wohle des Volkes (»salus populi suprema lex«), muß aber zu diesem Zwecke die absolute, ungeteilte Gewalt der Regierung haben, auch über die Religion und Kirche. Erst im Staate kommen Kultur, Recht und Sittlichkeit zur Entfaltung; letztere ist also durch den Staat bedingt (Autoritative Ethik). Die Strafe dient der Abschreckung. Die beste Verfassung ist die (absolute) Monarchie. Die Religion muß Staatsreligion sein; sie ist Furcht vor unsichtbaren Gewalten. Die Gottheiten sind ein Produkt der Furcht und Sorge und der Unkenntnis der Ursachen der Dinge.

SCHRIFTEN: Elemente philosophica de cive, 1642, 1647: deutsch 1873. – De corpore politico, 1650. – Human nature, 1650. – Leviathan or the matter, form and authority of government, 1651: lateinisch 1668; deutsch 1794-95 (Der »Leviathan« ist der Staatsorganismus). – Quaestiones de libertate, necessitate et casu, 1656. – De corpore, 1655 (englisch. 1668 lateinisch). – De homine, 1658 (englisch, 1668 lateinisch). – The Elements of Law, Natural and Politic, ed Tönnies, 1888. – Behemoth or the Long Parliament, ed. Tönnies, 1889. – The Life of Th. H., 1680. – Werke, 1668 (lateinisch), 1750 (englisch). – Opera philosophica, ed. Molesworth, 5 Bde., 1839-45. – English Works, ed. Molesworth, 10 Bde., 1839-45. – Vgl. TÖNNIES, H.s Leben und Lehre, 1896 (Frommans Klassiker d. Philos.); Vierteljahrsschr. f. wissensch. Philos., 1879-81; Arch. f. Gesch. d. Philos., 1904. – G. C. ROBERTSON, Hobbes, 1901. – M. KÖHLER, H., 1902. – LYON, La philos. de H., 1893.

Quelle:
Eisler, Rudolf: Philosophen-Lexikon. Berlin 1912, S. 270-272.
Lizenz:

Buchempfehlung

L'Arronge, Adolph

Hasemann's Töchter. Volksstück in 4 Akten

Hasemann's Töchter. Volksstück in 4 Akten

Als leichte Unterhaltung verhohlene Gesellschaftskritik

78 Seiten, 6.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Große Erzählungen der Hochromantik

Große Erzählungen der Hochromantik

Zwischen 1804 und 1815 ist Heidelberg das intellektuelle Zentrum einer Bewegung, die sich von dort aus in der Welt verbreitet. Individuelles Erleben von Idylle und Harmonie, die Innerlichkeit der Seele sind die zentralen Themen der Hochromantik als Gegenbewegung zur von der Antike inspirierten Klassik und der vernunftgetriebenen Aufklärung. Acht der ganz großen Erzählungen der Hochromantik hat Michael Holzinger für diese Leseausgabe zusammengestellt.

390 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon