Ostwald, Wilhelm

[519] Ostwald, Wilhelm, geb. 1853 in Riga, früher (seit 1887) Prof. der physikalischen Chemie in Leipzig, lebt jetzt in Groß-Bothen bei Leipzig. Herausgeber der »Annalen der Naturphilosophie«, 1901 ff., der »Klassiker der exakten Wissenschaften«.

O. ist der Begründer der energetischen Weltanschauung, durch die er den wissenschaftlichen Materialismus überwinden will. Unter dem letzteren[519] versteht er die Annahme, daß es hinter den energetischen Vorgängen und Zuständen noch einen besonderen Träger, die Materie, gibt und daß alle physikalischen Vorgänge sich auf mechanische, auf das Spiel von Atomen zurückführen lassen können und müssen. Nach O. hat aber die Wissenschaft in rein empirisch-positiver Weise die Tatsachen zu beschreiben und keine Hypothesen einzuführen, welche über alle Erfahrungsmöglichkeit hinausgehen, was nicht vorläufige Annahmen (»Protothesen«) und »Interpolationen« (Ausfüllen von Erfahrungslücken) ausschließt. Anschauliche Hypothesen und physikalische »Bilder« sind nicht zu verwenden, also ist der Atombegriff abzulehnen. Ferner gibt es physikalische Prozesse (Licht, Elektrizität u. a.), die nicht auf mechanische Vorgänge (Druck und Stoß) zurückführbar sind. Kurz, die Physik muß sich mit der Darstellung der funktionalen Zusammenhänge der physikalischen Vorgänge selbst begnügen und diese Vorgänge sind nichts als verschiedene, spezifische Formen der Energie.

Die Energie ist das Gemeinsame aller Phänomene, die wahre »Substanz« der Dinge, die nicht wiederum eines Trägers bedarf, da sie selbst das Wirkliche ist. Energie ist eine gewisse Größe von immaterieller Beschaffenheit, die bei allen Vorgängen ihren Wert beibehält, während ihre Erscheinungsformen wechseln (Konstanz der Energie). Energie ist »Arbeit, oder alles, was aus Arbeit entsteht und sich in Arbeit umwandeln läßt«. Alles, was wir von der Außenwelt wissen, können wir in der Gestalt von Aussagen über vorhandene Energien darstellen. »Wir fragen nicht mehr nach den Kräften, die wir nicht nachweisen können..., sondern wir fragen, wenn wir einen Vorgang beurteilen wollen, nach der Art und Menge der aus- und eintretenden Energien.« Eine selbständige Materie gibt es nicht. Was wir Materie nennen, reduziert sich in Wahrheit auf einen Energiekomplex, eine »räumlich zusammengesetzte Gruppe verschiedener Energien«. Der Begriff der Materie beruht nur darauf, daß eine Anzahl von Eigenschaften wie Masse, Gewicht, Volum, Gestalt und Farbe dauernd örtlich beisammen bleibt und sich zum Teil nicht oder nur wenig ändert. In demjenigen, was wir »Materie« nennen, stecken lauter Relationen energetischer Art, nämlich »die Masse, d.h. die Kapazität für Bewegungsenergie, ferner die Raumerfüllung oder die Volumenenergie, weiter das Gewicht oder die in der allgemeinen Schwere zutage tretende Art von Lagenenergie, und endlich die chemischen Eigenschaften, d.h. die chemische Energie«. Was wir bei der Betastung erfahren, sind die räumlichen Verhältnisse der Volum- und Formenenergie. Die chemischen Elemente, aus welchen die Körper bestehen, sind aus ihren Verbindungen in unveränderlicher Menge wieder zu gewinnen (»Gesetz der Erhaltung der Elemente«). Geschehen kann überall etwas nur dann, wo »nichtkompensierte Intensitätsunterschiede« vorhanden sind. Alles Geschehen ist entweder Wanderung der Energie im Raum oder Umsetzung verschiedener Energieformen ineinander, wobei das Gesetz der Erhaltung der Energie und das Entropiegesetz gültig sind.

Auch das Leben ist energetisch aufzufassen. Das Kennzeichen des Lebens ist der »Energiestrom«. Die Organismen sind »stationäre Gebilde«, durch die ein dauernder Strom verschiedener Energien geht und bei denen »katalytische«[520] Prozesse von Bedeutung sind. Die Organismen haben die Fähigkeit der Selbsterhaltung, sie können sich der Energievorräte, deren sie bedürfen, selbsttätig bemächtigen. Anpassung und Vererbung beruhen (wie nach Hering, Mach, Semon u. a.) auf dem organischen »Gedächtnis«. Auch das Psychische ist an Energieumsetzungen gebunden; es besteht eine Verknüpfung zwischen geistiger Arbeit und Energieverbrauch. Es ist zu vermuten, daß es sich bei den geistigen Vorgängen um die Entstehung und Umwandlung einer besonderen Energie handelt, welche etwa aus chemischer Energie hervorgeht. Geistige Energie ist (unbewußte und bewußte) »Nervenenergie« und »Gehirnenergie«. Die subjektiv bekannten Bewußtseinserscheinungen sind wohl »Wirkungen oder Eigenschaften der Nervenenergie«. Das Bewußtsein ist eine Funktion der Nervenenergie des Zentralorgans; die mit Bewußtsein verbundene Energie ist die höchste und seltenste Energieart. O. zeigt dann im Einzelnen, wie Empfindung, Denken, Wollen usw. energetisch aufzufassen sind, wobei er im Sinne des Darwinistischen Evolutionismus das auf Kampf und Dasein, Selektion, Anpassung, Vererbung beruhende Teleologische bio-psychischer Funktionen berücksichtigt.

In erkenntnistheoretischer Beziehung ist O. Positivist, evolutionistischer Empirist, Relativist und insofern »Pragmatist« (oder »Aktivist«), als er die praktische, der Beherrschung der Natur dienende Rolle des Denkens und der Wissenschaft betont. Das Comtesche »voir pour prévoir« ist auch seine Devise: »Die Aufgabe der Voraussicht unserer Zukunft haben wir als das allgemeinste Mittel zur Sicherung unseres eigenen Lebens und des Lebens unserer Gattung erkannt.« Ein Absolutes ist uns nicht gegeben; stets handelt es sich bei unseren Annahmen, welche die zweckmäßigste und angemessenste ist. Auf Erfahrung muß sich alles Denken stützen, an der Erfahrung muß es stets geprüft werden und es muß so lange berichtigt werden, bis es mit der Erfahrung übereinstimmt. Apriorische Annahmen sind unzulässig. Was wir als apriorisch ansehen, das sind »durch lange Entwickelung erworbene und durch Vererbung gefestigte Denkmethoden, die unter anderen Umständen wohl auch anders hätten ausfallen können«, durch Gattungserfahrungen festgelegte, durch ihre Zweckmäßigkeit gesicherte Normen, nach denen wir unsere Erfahrungen regeln (Annalen der Naturphilos., 1902). Das Wesentliche aller Erfahrung ist die Fähigkeit, durch Vergleichung und Gedächtnis die Zukunft vorauszugehen und dadurch zweckmäßig zu handeln. Ererbte Vorstellungen sind Raum, Zeit und Kausalität. Der Raum ist eine stetige Mannigfaltigkeit; die Raumvorstellung entsteht auf Grund der gleichzeitigen Reizung der verschiedenen Körperteile des Subjekts. Die Annahme, daß der Raum überall stetig ist, beruht auf einer »Interpolation«. Eine solche findet auch bei der Zeit statt, deren Begriff wie der des Raumes aus der Erfahrung abstrahiert ist.. Auch die Mathematik ist empirisch fundiert, nur daß ihre Erfahrung gegenüber der anderer Naturwissenschaften häufiger, zugänglicher ist. Die Mathematik enthält synthetische Sätze und die Abstraktionen unterliegen hier einer denkökonomischen Auswahl (vgl. Die Kultur der Gegenwart, I. Abt., Bd. VI). – Die Naturphilosophie, welche alle diese Erörterungen in sich befaßt,[521] ist eine »Zusammenfassung und Vereinheitlichung unseres gesamten Wissens von der Natur«, also keine Metaphysik.

Energetisch ist nach O. auch die Kulturwissenschaft und Soziologie zu begründen. Die Grundformel ist hier: Nutzenergie = Güteverhältnis x Rohenergie. Denn die Kulturarbeit ist die Bemühung, »einerseits die Menge der verfügbaren Rohenergie tunlichst zu vermehren, anderseits das Güteverhältnis ihrer Umwandlung in Nutzenergie zu verbessern«. Kulturell ist es, möglichst wenig Energie, die dem Leben dienen kann, zu vergeuden; davon hängen Wirtschaft, Recht, Sittlichkeit usw. ab. Der Mensch vermag die Umwelt sich anzupassen und seinen Energiebesitz immer weiter auszudehnen; er versteht es, seine Zwecke auch mittels solcher Energien zu erfüllen, die nicht aus seinem Körper herrühren, sondern der Außenwelt entnommen sind. Die Gesellschaft ist durch gemeinsame Arbeit zu einem gleichen Ziele charakterisiert. Sie ist ein Kulturfaktor, da sie das Güteverhältnis bei der Umwandlung der Rohenergien für menschliche Zwecke verbessert, und zwar durch das Prinzip der Ordnung, durch »Funktionsteilung« und »Funktionsvermittelung«. Ein Vorzug der Gesellschaft ist die Ansammlung von Erfahrungen, welche über die Leistungsfähigkeit und die Lebensdauer des Einzelnen weit hinausgehen, und die Objektivierung der Erfahrung durch Herstellung und Mitteilung allgemeiner Begriffe. Durch eine »Weltsprache« werden einst die geistigen Schöpfungen der gesamten Menschheit jedem Einzelnen zugänglich gemacht werden. Ein soziales Produkt ist die Wissenschaft, die »Technik des systematischen Voraussagens oder Prophezeiens«. Aller Fortschritt im Einzelnes aber wird durch große Männer bewirkt, deren Analyse O. »Psychographie« nennt.

SCHRIFTEN: Lehrbuch der allgemeinen Chemie, 1885 ff.; 2. A. 1891 ff. – Grundriß der allgemeinen Chemie, 1889; 3. A. 1899. – Die wissensch. Grundlagen d. analyt. Chemie, 1894. – Die Energie und ihre Wandlungen, 1888. – Die Überwindung des wissenschaftlichen Materialismus, 1895. – Vorlesungen über Naturphilosophie, 1901; 2. A. 1902; 3. A. 1905 (Hauptwerk). – Vortrage und Abhandlungen. – Die Energien, 1908. – Grundriß der Naturphilosophie, 1908 (Universalbibl.). – Energetische Grundlagen der Kulturwissenschaft, 1908. – Große Männer, 1909. – Die Forderung des Tages, 1909. – Verschiedene Abhandlungen in den »Annalen« u. a.

Quelle:
Eisler, Rudolf: Philosophen-Lexikon. Berlin 1912, S. 519-522.
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