Reinhold, Karl Leonhard

[588] Reinhold, Karl Leonhard, geb. 1758 in Wien, bei den Jesuiten erzogen, studierte Theologie und Philosophie, Lehrer am Barnabitenkollegium in Wien, ging 1783 nach Leipzig, 1784 nach Weimar, wo er Mitarbeiter am »Deutschen Merkur« und Wielands Freund, später auch dessen Schwiegersohn wurde. Er studierte eifrig Kant (seit 1785) und trat aufs eifrigste für die Kantsche Philosophie ein, die er, 1787 Prof. in Jena geworden, daselbst zur Herrschaft brachte. 1793 wurde er Prof. in Kiel, wo er 1823 starb.

R., eine sehr bewegliche Denkernatur, will die Kantsche Lehre von der Unerkennbarkeit des Dinges an sich usw. auf eine ganz sichere Basis stellen und zugleich die gemeinsame Wurzel von Sinnlichkeit und Verstand suchen. Die »Elementarphilosophie« findet den obersten, absolut gewissen, die Grundlage aller anderen philosophischen Erkenntnis bildenden Grundsatz im »Satz des Bewußtseins«, die Grundbedingung alles Erkennens im »Vorstellungsvermögen«. Das Bewußtsein besteht im »Bezogenwerden der bloßen Vorstellung auf das Objekt und Subjekt«, und der fundamentale »Satz des Bewußtseins« lautet: »Im Bewußtsein wird die Vorstellung vom Vorstellenden und Vorgestellten unterschieden und auf beides bezogen.« Daß Vorstellungen existieren, daß vorgestellt wird. ist das Sicherste, Allgemeinste dar Erkenntnis. Vorstellen heißt aber, »einen Stoff zur Vorstellung empfangen (nicht geben) und ihm die Form der Vorstellung erteilen«. Die Vorstellung enthält also Stoff und Form, ersteren als das gegebene Mannigfaltige, letztere als die einheitliche Synthese des Mannigfaltigen durch das Subjekt. Die Formen der Vorstellung sind vor jeder Einzelvorstellung im Subjekt begründet; sie sind a priori, sofern sie »notwendige Bestandteile jeder[588] Vorstellung sind, die, als Vermögen, vor aller Vorstellung im erkennenden Subjekte anzutreffen sind«. Die Vorstellungen dieser apriorischen Formen sind erst aus ihnen gewonnen. Den apriorischen Formen, entspricht als Bedingung der Zeit- und Raumanschauung das Mannigfaltige als »Stoff a priori«. Die Kategorien sind »bestimmte Formen der Zusammenfassung in objektiver Einheit«, sie beruhen auf »Handlungsweisen des Verstandes«. Die Vorstellung des Gegenstandes entsteht durch Verbindung des in der Anschauung vorkommenden Mannigfaltigen. Die Vorstellung kann nicht ganz auf das Subjekt bezogen werden, weil etwas in ihr vorkommt, das nicht durch die Handlungen des Bewußtseins entstanden ist. Subjekt ist »das, was sich bewußt ist«. Unbewußte Vorstellungen gibt es nicht.

Später wandte sich R. nacheinander den Anschauungen Fichtes, Bardilis, Jacobis zu.

SCHRIFTEN: Briefe über die Kantsche Philosophie, 1786-87 (im »Deutschen Merkur«), 2. A. 1790-92. – Versuch einer neuen Theorie des menschlichen Vorstellungsvermögens, 1789 (Hauptwerk). – Beiträge zur Berichtigung bisheriger Mißverständnisse der Philosophie, 1790-94. – Über das Fundament des philos. Wissens, l 1791. – Auswahl vermischter Schriften, 1796 (Wendung zu Fichte). – Beiträge zur leichteren Übersicht des Zustandes der Philosophie, 1801 (mit Bardili). – Grundlegung einer Synonymik für den allgemeinen Sprachgebrauch in den philos. Wissenschaften, 1812 (Wendung zu Jacobi). – Menschliches Erkenntnisvermögen aus dem Gesichtspunkt des durch die Wortsprache vermittelten Zusammenhangs zwischen der Sinnlichkeit und dem Denkvermögen, 1816. – Die alte Frage, was ist Wahrheit? 1820. – Vgl. R.s Leben und literarisches Wirken, nebst einer Auswahl von Briefen Kants, Fichtes, Jacobis u. a. an ihn, 1825.

Quelle:
Eisler, Rudolf: Philosophen-Lexikon. Berlin 1912, S. 588-589.
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