Leid und Freud in der Heimat.

[197] Meine glückliche Heimkehr nach Berlin glich selbstverständlich einem Feste für mein Haus, in das ich den Fuß mit einem Gott sei's gedankt einsetzte. Mit den reichsten Schätzen meiner Arbeiten im historischen Nilthale beladen, sah ich voller Frohsinn in die nächste Zukunft, wenngleich es mir vorläufig noch verschlossen blieb, in welcher Weise ich den Lebensweg vor mir zu ebnen hatte. Von meinem großmütigen Könige in der huldvollsten Weise empfangen, von A. von Humboldt mit den ermutigendsten Lobsprüchen überschüttet, von meinen aufrichtigen Freunden in der herzlichsten Weise begrüßt, ließ ich die erste Zeit der Aufregung und Abspannung thatenlos verstreichen, bevor ich mich an den Arbeitstisch setzte, meine Abschriften und Zeichnungen ordnete und an meine wissenschaftlichen Untersuchungen mit alter Liebe und Freudigkeit heranging. An Stoff fehlte es mir wahrlich nicht, nur kam es darauf an, ihn in der nutzbringendsten Weise zu verwerten und keinen kostbaren Augenblick zu verlieren.[197]

Gerade diejenigen, die sich mit der Entzifferung unbekannter Schriften und Sprachen des Altertums beschäftigen, werden es am besten beurteilen können, in welcher ausgedehnten Weise ihre Zeit in Anspruch genommen wird. Tage, Wochen und Monate, ja selbst Jahre vergehen bisweilen, ehe es gelingt, einem einzigen dunklen Zeichen oder Worte bis zu den grammatischen Formen hin auf die richtige Spur zu kommen und seinen Lautwert und seine Bedeutung festzustellen. Die Züge in das Reich des Unbekannten spannen die Nerven an und ermüden, wenn auch jeder erfochtene neue Sieg den höchsten Lohn in sich trägt: die eigene Genugthuung an der harten Arbeit. Die gesammelten Blätter wachsen zu einem Baum an, den der Forscher mit schier unbegreiflicher Liebe pflegt, um die künftigen Geschlechter von seinen Früchten pflücken zu lassen. Mögen auch manche darunter vom Wurme des Irrtums angefressen sein, die guten Früchte bieten reichen Ersatz für die verdorbenen.

Meine demotischen Studien, für die ich in Ägypten einen reichen Schatz zu künftigen Arbeiten gesammelt hatte, lehrten mich, daß die Volkssprache und Volksschrift der alten Ägypter nur die jüngsten Formen der älteren Hieroglyphik darstellten. Um die Tochter zu verstehen, mußte die Urahne ihrem innersten Wesen nach erkannt werden. Aber noch am Anfang der fünfziger Jahre war es mit der alten Mutter ziemlich kläglich bestellt, denn ihr Mund war kaum erst geöffnet worden und ihre Sprache ließ nur abgerissene Spuren ihrer Gedanken erkennen. Man ahnte mehr, als man wußte, und dem schwachen Wissen stellte sich eine Welt von Zweifeln entgegen.

Schon in Ägypten war ich zu dem Entschlusse gelangt, der hieroglyphischen Schriftsprache ihre Geheimnisse abzugewinnen und ihren reichen Wortschatz in Gestalt eines alphabetisch geordneten Lexikons zusammenzustellen. Es war ein[198] Wagstück meinerseits, diese Aufgabe lösen zu wollen, aber die bis dahin gelieferten Vorarbeiten gaben mir den festen Grund, auf dem ich den Bau aufzurichten gedachte. Ausgerüstet wie wenige mit dem in Ägypten eingeheimsten Wortstoff, dem eine übergroße Zahl geographischer Namen einen gleichfalls erst noch zu bearbeitenden Zuwachs verschaffte, ging ich tollkühn ans Werk, um eine Aufgabe zu bewältigen, für welche die ganze Kraft und das denkbar längste Leben eines einzelnen Menschen kaum auszureichen schien. Aber ich hatte einsehen gelernt, daß ohne das volle Verständnis der altägyptischen Inschriften und Texte die verschiedenen Gebiete meiner Wissenschaft, vor allem die ägyptische Geschichte, in der Luft schwebten und daß leere Königsnamen und chronologische Tabellen keinen Anspruch darauf erheben konnten, den Inhalt der Überlieferungen auf Stein und Papyrus zu ersetzen, mit einem Worte, ich war begierig zu lesen, nicht nur zu erraten, was die Hieroglyphen in sich bargen, und es ließ mich Tag und Nacht nicht ruhen, um meinem Ziele näher zu treten.

Die Anfänge meiner Vorarbeiten fielen bereits in die ersten Monate nach meiner Heimkehr aus dem Nilthale. In meiner Begeisterung übersah ich die Sorge, die hinter mir auf dem Stuhle saß. Ich stand nicht allein in der Welt, denn meine fünfköpfige Familie verlangte nach der Notdurft und Nahrung des Leibes. Meine bescheidene Stellung als Privatdozent an der Universität unserer Residenzstadt verschaffte mir zwar die Freude, eine für die damalige Zeit verhältnismäßig große Anzahl von Zuhörern zu gewinnen, darunter Ausländer, die heute einen Namen in der Wissenschaft tragen, allein die gezahlten Honorare bildeten nur vereinzelte Tropfen in dem Wasserglase meiner Ausgaben. Dankbar muß ich es anerkennen, daß gelegentliche Remunerationen aus der Kasse des Unterrichtsministeriums manches Loch zustopfen[199] halfen, aber in der Hauptsache war ich auf meine eigene Thätigkeit angewiesen, um die notwendigsten Mittel zur Erhaltung der Familie zu erwerben.

Da meine wissenschaftlichen Leistungen, die der Reihe nach im Buchdruck erschienen, nicht dazu angethan waren, um einen größeren Leserkreis zum Kauf anzulocken, so waren die daraus gewonnenen Einnahmen selbstverständlich bescheidenster Natur. Um das Fehlende zu ergänzen, fing ich an, trotz meiner zeitraubenden ernsten Studien zur Aufhellung der ägyptischen Finsternisse, eine ziemlich ausgedehnte litterarische Thätigkeit in Buchform sowie in Zeitschriften und Zeitungen zu entwickeln. Mein Leiborgan war die damalige Spenersche Zeitung, Onkel Spener, wie der Berliner sie nannte, für die selbst ein A. von Humboldt seine Feder in Bewegung setzte. Nebenbei erteilte ich Privatunterricht und trat auf Zureden meines ehemaligen Direktors August als Lehrer in die Prima von Kölln ein. Diese nene Thätigkeit bereitete, offen gesagt, mir die größte Freude und legte den Grund zu meiner späteren Befähigung, im Morgenlande als Direktor einer neu gestifteten Hochschule meines Amtes zu walten. In den Wintermonaten erschien ich nicht selten an den Vortragsabenden in der Singakademie als Redner und erntete, vielleicht in unverdienter Weise, das Lob meiner nachsichtigen Zuhörer ein. Das schöngeistige Berlin pflegte sich an den Sonnabenden in dem langen Vortragsgebäude am Kastanienwäldchen ein Stelldichein zu geben und selbst die Majestäten und die prinzlichen Mitglieder unseres Königshauses verschmähten es nicht, ihre Teilnahme durch ihr persönliches Erscheinen zu bekunden und dem von gelehrten Rednern behandelten wissenschaftlichen Gegenstande ihre vollste Aufmerksamkeit zu schenken. Die Vortragsabende, die sich unter der Leitung des Professors von Raumer eines außerordentlich zahlreichen Besuches erfreuten, gingen[200] erst im Laufe der Zeiten ein, als die Tonkunst ihren ausschließlichen Sitz in der Singakademie aufgeschlagen hatte und an die Stelle der einsamen Rednerbühne ein wohlbesetztes Orchester getreten war.

Meine regelmäßige Thätigkeit erlitt manche Unterbrechung durch die häufigen, wenn auch angenehmen Besuche von Freunden und Gönnern, zu denen das Ausland, vor allem Paris, einen bedeutenden Beitrag lieferte. Eine besondere Genugthuung gewährte mir die plötzliche Ankunft meines Gastfreundes August Mariette, der eine Reise nach Frankreich benutzt hatte, um einen dreiwöchentlichen Abstecher nach Berlin zu unternehmen und mir sein volles Herz auszuschütten. Nach der Beendigung seiner in Ägypten vollzogenen Ausgrabungen, die ihm viel Ehre und Ruhm, aber wenig Geld und Hoffnungen für die Zukunft eingetragen hatten, fand er sich zuletzt dem Nichts gegenüber, so daß er ein gleiches Schicksal mit mir teilte und wir beide die erklärliche Veranlassung hatten, aus vollstem Herzen miteinander Trübsal zu blasen. Zum Glück rettete ihn sein guter Humor vor verzweifelten Schritten und er fing an, neue Pläne in Erwägung zu ziehen, um seine Rückkehr nach Ägypten und seinen Eintritt in den ägyptischen Staatsdienst zu ermöglichen. Er hielt sich in seiner eigenen Heimat für geächtet, nachdem seine Arbeit über den Kult des Apisstiers von der Kirche auf den Index gesetzt worden war und ihm manche stille Gegner in seiner französischen Heimat erworben hatte.

Dem König bot die Ankunft Mariettes in Berlin die erwünschte Gelegenheit dar, von dem Entdecker des Serapeums eine genauere Einsicht in die bloß gelegten unterirdischen Bauten mit ihrem überreichen antiquarischen Inhalt zu gewinnen. Mir selber waren durch sein Wohlwollen fünfzig blanke Friedrichsdor zugekommen, um mir die Kosten der gebotenen[201] Gastfreundschaft zu erleichtern, mit dem ausdrücklichen Befehl, ja nichts darüber gegen Mariette verlauten zu lassen. In Charlottenburg wurden wir beide an einem Februarabend zur Tafel gezogen und Mariette hatte die Ehre, dem Könige auf Grund seiner vorgelegten Zeichnungen und Pläne die eingehendsten Erläuterungen über seine Ausgrabungen und Funde darzubieten. Mit der lebendigsten Teilnahme folgte der König dem Berichte des französischen Altertumsforschers, den er beim Abschiede durch die Verleihung des Roten Adlers 3. Klasse auszeichnete, um seinem königlichen Danke einen bleibenden Ausdruck zu verleihen. Auch meine Wenigkeit ging bei dieser Gelegenheit nicht leer aus. Im Begriff gemeinschaftlich mit meinem Freunde die Treppe des Palastes niederzusteigen, um unsern Heimweg anzutreten, drückte mir der damalige Geheime Kabinettsrat Illaire ein Päckchen in die Hand mit den Worten: »Dies auf Befehl Seiner Majestät für Sie, damit Sie nicht weinen.« Es enthielt den Roten Adlerorden 4. Klasse.

Mariette war von den gelehrten Kenntnissen und der Liebenswürdigkeit des hohen Herrn bezaubert und er konnte nicht Worte genug finden, um mir seine volle Bewunderung auszudrücken und mich zu versichern, daß er mich selber um mein Schicksal fast beneide, das ein für allemal in der nächsten Zukunft gesichert sei. Wie anders sei sein Empfang in Frankreich gewesen, wo selbst ein Napoleon nicht die Macht besitze, ihn gegen seine Gegner zu schützen und zu einer ehrenvollen und gesicherten Stellung zu verhelfen. Mehr als jemals sei er deshalb entschlossen, sein Vaterland zu verlassen, um in Ägypten eine zweite Heimat zu suchen und in der Person des nach der Ermordung Abbas I. Paschas zur Regierung gelangten Sajid Pascha einen hochherzigen Beschützer zu finden.

Die nächsten Jahre flossen mir unter meinen wissenschaftlichen Arbeiten und Untersuchungen wie Monate dahin,[202] aber mir war es, als sei meine erträumte Zukunft ein Kartenhaus, das jeden Augenblick vor dem leisesten Windstoße umzustürzen drohte. Die Absicht meines so gnädigen Königs, mich zum Mitdirektor des in seiner Aufstellung vollendeten ägyptischen Museums zu ernennen, wurde durch einen unseligen Irrtum vereitelt. In die ausgefertigte Kabinettsordre war durch ein unerklärt gebliebenes, für mich verhängnisvolles Versehen des damaligen Kabinettsrats Niebuhr der Name Lepsius an Stelle des meinigen eingetragen worden und der König hatte sie mit einer Zahl anderer Schriftstücke unterzeichnet, im vollen Glauben, daß es sich um meine Person handele. Am nächsten Tage war die Ernennung in allen Zeitungen zu lesen. A. von Humboldt war außer sich vor Erregung, allein der Schaden war nicht mehr gut zu machen und ich mußte dem Schicksal danken, daß mir wenigstens die Rolle eines Direktorialassistenten an dem ägyptischen Museum gesichert blieb mit einer Besoldung, die für die damalige Zeit ausreichte, um mich über Wasser zu halten.

Da traf, gegen Ende des Jahres 1857, eine Einladung Mariettes aus Ägypten an mich ein mit der fröhlichen Mitteilung, daß seine Stellung ein für allemal gefestigt sei, Sajid Pascha habe ihn zum Generaldirektor eines Museums in Bulak, einer Vorstadt Kairos, ernannt, ihm die Vollmacht über die weitest ausgedehnten Ausgrabungen erteilt und er erwarte meine schleunigste Ankunft, um gemeinschaftlich mit ihm eine Reise auf dem Nildampfer des Museums nach Oberägypten zu unternehmen. Er erwarte von meiner Freundschaft eine umgehende Zusage und fordere mich auf, mein Bündel augenblicklich zu schnüren und meinen Weg nach seiner Dienstwohnung an dem Ufer des Niles zu nehmen.

A. von Humboldt hielt zum Nutzen meiner wissenschaftlichen Ausbildung und mit Rücksicht auf neue bereits[203] begonnene Ausgrabungen die Aufforderung für so wichtig, daß er mich drängte, unverzüglich die Abreise anzutreten, mit dem Versprechen, mir einen der kräftigsten Empfehlungsbriefe an den regierenden Vizekönig Ägyptens zu übergeben; »der werde Wunder thun«, wie mein greiser Gönner lächelnd hinzufügte. Der König ließ mich nach Sanssouci befehlen, um mir zu gestatten, mich persönlich verabschieden zu können. Trotz seines leidenden Zustandes hatte der König die Kraft, fast eine halbe Stunde die lebendigste Unterhaltung zu führen, über meine Reisepläne den näheren Bericht anzuhören, geschichtliche Fragen über die Ramessidenzeit zu berühren und mir das genaue Studium gewisser Denkmäler zu empfehlen. Tief gerührt empfing ich die Abschiedswünsche des gütigen Königs, ohne es damals zu ahnen, daß mir zum letztenmal das Glück beschieden war, in seine milden und freundlichen Züge schauen zu dürfen.

Auf meinem Wege von Sanssouci aus nach dem Bahnhofe in Potsdam, um meine Rückkehr nach Berlin anzutreten, wurde mir eine ebenso plötzliche als unerwartete Überraschung zu teil. Ein Adjutant des Königs, es war ein Rittmeister von Rauch, sprengte mir zu Pferde nach und händigte mir »auf Befehl Seiner Majestät« ein versiegeltes Etui ein, in dem sich der Rote Adlerorden 3. Klasse mit der Schleife befand. Wenngleich ich mir einbildete als dreißigjähriger junger Mann kein genügendes Anrecht auf eine so ungewöhnliche Auszeichnung zu besitzen, die nur durch Stellung und Verdienste hervorragenden Personen in einem höheren Lebensalter verliehen zu werden pflegt, so rührte mich dennoch dieser erneuerte Beweis des gnädigsten Wohlwollens des Königs bis in die tiefste Seele hinein, denn er sagte mir mehr, als es Worte vermögen, mit welch großer Teilnahme der König meine schwachen Leistungen verfolgte und wie sehr ihm daran[204] gelegen war, mir noch vor dem Antritt meiner zweiten Reise nach Ägypten einen öffentlichen Beweis seiner Teilnahme zu schenken. A. von Humboldt versicherte mich wiederholt, wie sehr ihn die edelmütige Absicht des Königs überrascht habe, von der er selber nicht die geringste Ahnung besessen habe.

Quelle:
Brugsch, Heinrich Ferdinand Karl: Mein Leben und mein Wandern. Zweite Auflage, Berlin 1894, S. 197-205.
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