Das Ende vom Liede.

[338] Die Dinge nahmen indes ihren weiteren Gang, und es wurden zunächst Maßregeln getroffen, um ein Sparsamkeitssystem zu schaffen, durch das eine große Zahl angestellter Europäer auf das härteste getroffen wurde. Gegen eine kleine Entschädigung gab man ihnen den Abschied. Man verminderte zugleich das Heer der ägyptischen Beamten oder strich von dem bisher gezahlten Solde einen erklecklichen Teil ab.

Auch meine Person blieb von den neuen Maßregeln nicht verschont. Ich muß die Bemerkung voranschicken, daß nach meinen in Wien zu Gunsten der ägyptischen Regierung erreichten großen Erfolgen der Khedive mich auf das dringendste aufgefordert hatte, in seinen Diensten zu bleiben. Mein fünfjähriger kaiserlicher Urlaub war abgelaufen und mein Entschluß stand fest, nach Göttingen zurückzukehren und meine Vorlesungen von neuem wieder aufzunehmen. Der Vizekönig war so wenig mit meinem Entschlusse einverstanden, daß er mich ersuchte, sofort und auf seine Kosten nach der Heimat zu eilen, um dem Kaiser Wilhelm I. mein Gesuch um Verlängerung des Urlaubes auf unbestimmte Zeit zu Füßen zu legen.

Bei meiner Ankunft im Vaterlande befanden sich beide Majestäten, der Kaiser und die Kaiserin, in Koblenz. Ich[338] nahm meinen Weg nach dem Rhein, hatte die Auszeichnung, empfangen und zur Tafel gezogen zu werden, und ergriff die Gelegenheit, meinem kaiserlichen Herren die Wünsche des Khedive in Bezug auf meine bescheidene Person zum Ausdruck zu bringen. »Ich wünsche es selber,« so lautete die Antwort aus seinem Munde, »daß meine Unterthanen auch im Morgenlande und im Dienste orientalischer Fürsten den deutschen Namen zur Geltung bringen. Bleiben Sie beim Khedive, so lange es die Verhältnisse gestatten.« Im weiteren Verlaufe des Gesprächs mußte ich mich tief beschämt fühlen, als mein Kaiser und Herr in seiner bekannten Herzensgüte mit lächelndem Munde die Bemerkung fallen ließ: »Ich habe beinahe Angst, mich mit Ihnen zu unterhalten. Ich bin nur Soldat und Sie ein grundgelehrter Mann.« Ich glaube, daß ich blutrot geworden bin. Mir, dem Sohne eines einfachen Soldaten, war, als sollte ich dem Heldenkaiser zu Füßen fallen und iu tiefster Rührung und Dankbarkeit seine Hände küssen. Hatte ich, der Geringsten einer, eine solche Anerkennung des großmütigen Herrschers verdient, zu dem die ganze Welt mit Bewunderung aufschaute?

Ich kehrte nach Ägypten zurück, nachdem ich in Göttingen meine Wirtschaft aufgelöst und meine feste Hausburg aus freier Hand verkauft hatte. Zum Sommeraufenthalte meiner kinderreichen Familie hatte ich mir Graz, die Hauptstadt der an landschaftlichen Schönheiten so reichen österreichischen Provinz Steiermark ausersehen, aus dem besonderen Grunde, weil der Reiseweg von und nach Ägypten um ein bedeutendes verkürzt ward. Ich bezog das sogenannte Hallerschlößl am Ruckerlberge außerhalb der Stadt, da der geforderte Mietspreis mäßig war und die Rundschau von den Altanen des weitläufigen Gebäudes über die Gebirgswelt geradezu entzückte.

Die Nachteile meiner europäischen Wohnstätte sollte meine[339] Familie im Laufe der nächsten Zeit mit aller Gründlichkeit kennen lernen. Im Sommer wechselten die stärksten Gewitter und abkühlende Regengüsse mit der sengendsten Hitze im Handumdrehen ab. Im Winter trat die bitterste Kälte ein und meterhoch lag der gefallene Schnee im Schloßgarten und auf der Landstraße daneben. Die Lebensmittel, die aus der Stadt bezogen wurden, mußten an der»Mauth«, dicht vor dem Grundstücke, versteuert werden, und was der Übel mehr waren. Dafür bot mir Graz, das österreichische Pensionopolis, nicht die geringsten geistigen Genüsse dar; aber der »Tratsch« stand in vollster Blüte und niemand fühlte sich vor der Zunge seines nächsten Nachbarn sicher. Dem Berliner kam es außerdem hart an, nirgends auf einen Landsmann zu stoßen und heimatliche Laute zu hören. Der steierische Dialekt konnte mir trotz seiner Urwüchsigkeit keine Entschädigung bieten und kam ich mit dem Landvolk ins Gedränge, so konnte ich ihren Worten nicht das geringste Verständnis abgewinnen. Mir war's als hörte ich eine unbekannte Negersprache.

Dem Faß wurde vollends der Boden ausgestoßen, als ich in einer Grazer Gesellschaft besten Stiles als Br. Bey aus Ägypten einem Professor der Geschichte vorgestellt wurde, aus dessen Feder manches gelehrte Buch historischen Inhalts geflossen ist. Beim Tischgespräch brachte er die Rede zufällig auf den ägyptischen König Ramses II. mit dem Beinamen des Großen. Als ich mir die Freiheit nahm, einige seiner kühnsten Aussagen zu berichtigen, war er augenscheinlich betroffen und sah mich groß an. Bei meinem Hinweis auf eigene geschichtliche Untersuchungen auf altägyptischem Gebiete und auf Grund meiner hieroglyphischen Erfahrungen schien er ganz aus dem Häuschen zu sein. »Was! Sie haben sich damit beschäftigt und wohl gar darüber geschrieben?« – »Ihnen zu dienen, Herr Professor, da ich selber Universitäts-Professor bin.« – Sein[340] Staunen war so außerordentlich, daß er mich um meine nähere Bekanntschaft bat, um von meinen Arbeiten Genaueres zu hören.

Als ich das gastliche Haus verließ und kaum aus dem Hausthor herausgetreten war, richtete ich an meine Frau die ernsthafte Frage: »Ist es dir recht, wenn wir Pensionopolis verlassen?« – Aber warum, lieber Mann? – »Darum!« – Und wohin? – »Nach der Stadt der Intelligenz, nach Berlin! In Graz bin ich bei lebendigem Leibe ein toter Mann.«

Nach meiner Ankunft in Kairo, um den Faden meiner Erzählung an rechter Stelle wieder anzuknüpfen, fand ich den Vizekönig in bester Laune vor, und er versprach es mir feierlich, dem Kaiser von Deutschland seinen Dank für die huldvolle Bewilligung meines unbeschränkten Urlaubs schriftlich zu bezeugen. Ich selber gehörte fortan dem Hofe des Khedive an, wenn auch meine Besoldungen aus der Kasse des Unterrichtsministeriums flossen.

Die nächsten paar Jahre verstrichen in ruhiger, wissenschaftlicher Thätigkeit, bis die Stunde gekommen war, in der auch mein Name dem britischen Prüfungskommissar in die Augen fiel und über meine zukünftige Verwendung ein Beschluß gefaßt wurde. Ich erhielt die höfliche Aufforderung, mich dem Ministerium der Finanzen als zukünftiger Beamter zur Verfügung zu stellen. Herr Wilson schien von meinen geäußerten Bedenken über meine Befähigung zu einem Finanzbeamten wenig erbaut zu sein. Nachdem ich ihm das ehrliche Bekenntnis abgelegt hatte, daß ich so gut wie nichts davon verstände, entspann sich zwischen uns ein Dialog, der für mich kein erbauliches Ende nahm. Aus der Erinnerung zitiere ich seine Kraftstellen.

»Was sind Sie eigentlich?«

– Ein getreuer Unterthan Seiner Majestät des Kaisers von Deutschland.[341]

»Nein, ich meine, was Sie gelernt haben, wozu Sie im Dienste der Regierung tauglich sind?«

– Ich bin ein Gelehrter und in meiner Heimat Universitäts-Professor.

– »Können wir hier nicht brauchen, Leute von Ihren Kenntnissen giebt es zu Hunderten in England.«

Ich empfand diese Äußerung wie einen Stich in das Herz, denn ihr Urheber offenbarte so wenig die Höflichkeit eines englischen Gentleman, wie sie mir überall auf meinen Reisen von seinen Landsleuten erwiesen war, daß ich fast daran zweifelte, in ihm einen echten Sohn Albions zu erkennen. Mir blieb nichts weiter übrig als mich zu empfehlen, nach Hause zu eilen, sofort meinen Abschied aus ägyptischen Diensten schriftlich einzureichen und die Vorbereitungen für meine Übersiedlung aus Ägypten nach Europa zu treffen. Meine Wirtschaft ließ ich in sicherem Gewahrsam zurück, nahm mir auf dem nächsten Lloyddampfer meinen Platz und verließ mit den bittersten Gefühlen Ägypten, das mir in den Tagen Ismails zur zweiten Heimat geworden war.

Nach meiner Abreise brach das Unglück über den Khedive herein. Sein ältester Sohn Mohammed Tewfik wurde nach dem veränderten Erbrecht zu seinem Nachfolger ernannt und eine neue, wenn auch schwere Zeit sollte bald darauf über das Land einbrechen.

Ich eilte nach Graz zu meiner Familie und führte unverzüglich meinen vorher gefaßten Entschluß aus, meinen festen Wohnsitz nach Berlin zu verlegen, um inmitten meiner Landsleute die Unbill zu vergessen, die mir durch einen englischen Kommissar in Kairo widerfahren war. Mit meinem ganzen Volke zog ich nach Norden und atmete erst freier auf, als der Zug von Wien aus in den Anhaltischen Bahnhof einbog und die ersten heimatlichen Laute an mein Ohr schlugen. Rührten[342] sie auch von Gepäckträgern her, immerhin empfand ich das Gefühl, unter den Meinen zu sein, und mit wahrer Wonne schüttelte ich den Staub von meinen Füßen.

Aber welch' ein verändertes Bild bot mir mein liebes Berlin dar! Aus meiner alten Vaterstadt mit ihren beschränkten und beengten Verhältnissen, mit ihrem holprigen Steinpflaster und duftenden Rinnsteinen, mit ihren bescheidenen glattwändigen Häusern und schmucklosen Marktplätzen, mit ihren mir so wohl bekannten Straßenzeilen samt ihren steifen altväterischen Thoren, welche die halb verfallene Ringmauer durchbrachen, mit ihren Steuerhäusern und Thorwachen, und nicht zum letzten mit ihren alten Berlinern, unter denen mir so manches bekannte Gesicht auf meinen Gängen in den Wurf kam mit all' jenen Erinnerungen, wie sie von der Jugendzeit her unauslöschlich in meinem Gedächtnis haften geblieben waren, – aus dieser meiner Vaterstadt war nicht nur die Hauptstadt des Deutschen Reiches und die Residenz eines deutschen Kaisers geworden, sondern eine wahrhafte Weltstadt entstanden, die angefangen hatte mit Paris und London um den Ruf der Größe und Schönheit in den Wettkampf einzutreten. Alles fand ich verändert im zielbewußten Sturmlauf nach dem Vollkommenen und in riesig steigender Zunahme einer Bevölkerung, der die stetige Einwanderung von außen von Monat zu Monat eine fast unglaubliche Mehrung zuführte. Die Ringmauer war gefallen, Berlin wurde es zu eng im alten Bereiche, neue Straßen wuchsen wie durch Zauber auf dem Boden der ehemaligen Vorörter hervor, wobei dem Westen der Löwenanteil gebührte, mit einem Worte, Berlin war dem Phönix gleich aus der Asche des alten hervorgewachsen, nur größer, schöner als der Vater gewesen war. Schienenwege, mitten durch die Stadt und rings um dieselbe gezogen, und ein vielverzweigtes Netz von Straßenbahnen und Omnibuslinien war gleichsam[343] über Nacht geschaffen worden, um den Verkehr in der jüngsten Weltstadt zu erleichtern und ihre Bewohner in kürzester Zeit an die entlegensten Punkte zu versetzen. Eine Millionenstadt voller Reichtum, Wohlleben und Luxus hatte eben ihre Auferstehung gefeiert, und wenn auch der echte Berliner bis zum witzigen Schusterjungen hin in der Bevölkerung nur noch der Minderheit angehörte, den Zugezogenen war das Berlinertum in das Fleisch und Blut übergegangen und der Berliner Geist vererbte sich selbst auf die Fremden.

Man frage nicht, ob ich mich wohl in meiner Vaterstadt fühlte. Ich hatte, im Auslande lange Jahre lebend, ihren Wert in seinem ganzen Umfange zu schätzen gelernt, und ich empfand es wie einen Lohn, nach den Kämpfen in drei Weltteilen wieder unter meinen Landsleuten als eiuer der ihrigen weilen zu dürfen. Freilich waren von meinen älteren Freunden viele in den Hafen eingezogen, der keine Rückkehr gestaltet, auch meine eigene liebe Mutter hatte gleich nach meiner Übersiedlung diese Zeitlichkeit gesegnet, glücklich, im Vaterlande ihre letzte Ruhestätte zu finden, aber mir ward es nicht mehr bange ums Herz, nachdem ich mein Heim an den Ufern der Spree aufs neue gegründet hatte. Ich siedelte mich in Charlottenburg an, besaß mein eigenes Haus mit einem Gärtchen dahinter und in ungestörter Ruhe pflanzte ich meinen Kohl, d.h. ich öffnete meine Kisten, um meine altägyptischen papiernen Schätze hervorzuholen und meine Studien mit jugendlicher Begeisterung wieder aufzunehmen und vor allem mein großes Wörterbuch zu Ende zu führen. Da erreichte mich ein Brief aus Frankreich, von der Hand meines Freundes Mariette geschrieben. Er fühlte sich dem Tode nahe und flehte mich an, nach Paris oder Ägypten zu kommen, um mit ihm wichtige Dinge zu besprechen.[344]

Quelle:
Brugsch, Heinrich Ferdinand Karl: Mein Leben und mein Wandern. Zweite Auflage, Berlin 1894, S. 338-345.
Lizenz:
Ausgewählte Ausgaben von
Mein Leben und mein Wandern
Mein Leben Und Mein Wandern
Mein Leben und mein Wandern
Mein Leben und mein Wandern

Buchempfehlung

Platen, August von

Gedichte. Ausgabe 1834

Gedichte. Ausgabe 1834

Die letzte zu Lebzeiten des Autors, der 1835 starb, erschienene Lyriksammlung.

242 Seiten, 12.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Biedermeier. Neun Erzählungen

Geschichten aus dem Biedermeier. Neun Erzählungen

Biedermeier - das klingt in heutigen Ohren nach langweiligem Spießertum, nach geschmacklosen rosa Teetässchen in Wohnzimmern, die aussehen wie Puppenstuben und in denen es irgendwie nach »Omma« riecht. Zu Recht. Aber nicht nur. Biedermeier ist auch die Zeit einer zarten Literatur der Flucht ins Idyll, des Rückzuges ins private Glück und der Tugenden. Die Menschen im Europa nach Napoleon hatten die Nase voll von großen neuen Ideen, das aufstrebende Bürgertum forderte und entwickelte eine eigene Kunst und Kultur für sich, die unabhängig von feudaler Großmannssucht bestehen sollte. Dass das gelungen ist, zeigt Michael Holzingers Auswahl von neun Meistererzählungen aus der sogenannten Biedermeierzeit.

434 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon