Meine Rückkehr von der Wiener Weltaustellung.

[322] Mit Ehren überhäuft, traf ich in Kairo am Anfang des Jahres 1874 wieder ein und mein erster Gang galt der Person des Khedive, der durch meine Ernennung zum Generalkommissar das höchste Vertrauen in mich gesetzt hatte. Ich konnte mir das Zeugnis geben, nach besten Kräften gearbeitet zu haben, um dieses Vertrauen zu rechtfertigen, und mit frohem Herzen betrat ich das Palais von Abdin, um mich meinem hohen morgenländischen Beschützer vorzustellen und zunächst mündlich meinen Generalbericht abzustatten. Der Zeremonienmeister, mein alter Freund Tonino Salomone, allen Reisenden aus jener Zeit durch sein liebenswürdiges Wesen wohlbekannt, teilte mir mit, daß der Vizekönig mich sofort empfangen wolle. Bei meinem Aufstieg zur Treppenhöhe hatte ich die Überraschung, die Stimme des Vizekönigs mit aller Deutlichkeit aus nächster Nähe zu hören. Gegen alle morgenländische Hofsitte war mir der Khedive bis zum Balkongeländer entgegengekommen, streckte an der obersten Stufe seine beiden Hände nach mir aus und rief mir die Worte zu: »Seien Sie willkommen, mein teurer Bey, und empfangen Sie meinen herzlichsten Dank. Sie haben mir[322] und meinem Lande einen großen Dienst geleistet, denn die Goldminen sind trotz meines Unglaubens wahrhaftig aufgefunden worden.«

Ich war verblüfft, wie es nur einer sein kann, weil mir der Zusammenhang zwischen dem Erfolg der ägyptischen Ausstellung in Wien und der Auffindung von Goldminen in keiner Weise verständlich war. Bei dem Eingang in das Empfangsgemach erhielt ich durch das weitere Gespräch des Khedive die mir bis dahin fehlende Aufklärung. Um sie auch meinen Lesern nicht vorzuenthalten, muß ich etwa anderthalb Jahre zurückgreifen.

Vor meiner Abreise nach Wien, wie auch später nach meiner Rückkehr nach Ägypten, wurde ich nicht selten für mein vier- und fünfstündiges Warten im Audienzzimmer durch die Ciuladung belohnt, an dem Frühstück des Vizekönigs teilnehmen zu wollen. Gewöhnlich waren außer ihm selber fünf Personen anwesend, die sich sämtlich seines fürstlichen Wohlwollens erfreuten, darunter sein ägyptischer Adjutant, sein französischer Leibarzt, der türkische Pascha und Artillerie-General a. D. Sefer-Pascha, ein ehemaliger preußischer Offizier aus der Provinz Posen, der quasi die Stelle eines Maitre-de-plaisir bei Hofe einnahm, oder sonstige Gäste, wie es dem hohen Herrn eben beliebte. Die Tischgespräche pflegten äußerst munter zu sein, der steife Hofton war durchaus verbannt und Tagesgespräche oder Urteile über Persönlichkeiten und Dinge gaben den Stoff für die Unterhaltung her. Der Khedive konnte sehr ernst, aber bisweilen auch ausgelassen heiter sein, wobei es ihm nicht an feinen witzigen Einfällen und kleinen Nadelstichen fehlte.

An einem Tage kurz vor meiner Abreise nach Wien befand ich mich an der Frühstückstafel und der Vizekönig legte mir die bedenkliche Frage vor, welchen Nutzen eigentlich meine[323] hieroglyphische Wissenschaft der Welt darbiete; er begreife es, daß die ägyptische Geschichte, die Götterlehre und sonstige theoretische Dinge diesem und jenem ein besonderes Vergnügen bereiten, aber für die Praxis sei mein ganzes Wissen etwas Totes. »Ja, so fügte er wörtlich hinzu, wenn man dadurch erfahren könnte, an welchen Stellen sich vergrabene Goldschätze befänden oder woher die alten Ägypter ihr vieles Gold hergeholt hätten, das wäre freilich etwas anderes.« Lächelnd erwiderte ich ihm, daß ich seinem Verlangen nach der Kenntnis der ehemaligen Goldminen im Ägyptenlande Genüge leisten würde, wenn er sich entschließen könnte, eine Expedition, an der auch wirkliche Bergleute teilnehmen müßten, nach der näher von mir zu bezeichnenden Gegend zu senden. Der Khedive schien ungläubig zu sein, gab aber seine Zusage, und so schilderte ich ihm mit aller Genauigkeit die von mir selber in früheren Jahren besuchte goldhaltige Region des sogenannten Thales von Hammamat, zwischen dem Nile und den Küsten des Roten Meeres gelegen, aus welchen nach Aussage hieroglyphischer Inschriften von den ältesten Zeiten her die Ägypter Gold herausgezogen hatten. Ich fügte hinzu, daß auf dem langen Wege bis zum Meere sich eine Reihe artesischer Brunnen mit klarem Trinkwasser befinden müßten, die freilich heutzutage zugeschüttlet seien, so daß sich die Karawanen fast sieben Tage lang auf einem beinahe wasserlosen Wege bewegen. Der Khedive schien meinen Worten durchaus keinen Glauben zu schenken, denn, wie er bemerkte, ich könnte mich ja bei dem Lesen der Texte geirrt haben und er zweifele überhaupt daran, daß solche Dinge von den Alten überliefert worden seien.»Indessen«, so meinte er, »übergeben Sie dem General Stone eine kurze Denkschrift, die alle Daten enthält, um einer Expedition als Führer und Leiter zu dienen.«[324]

Während meiner Abwesenheit in Wien wurde thatsächlich die Erforschung des Wüstenthales in Angriff genommen. Man entdeckte die verlassenen Goldminen und fand die Brunnen auf, die damals noch vom Sande der Wüste ausgefüllt waren, aber sofort gereinigt wurden und helles trinkbares Wasser auf ihrem Boden zeigten. Dem Khedive schien die gelöste Wasserfrage so bedeutungsvoll, daß er den Befehl gab, die Stadt Koffer an der Mündung des Goldthales nach der Küste des Roten Meeres hin zu befestigen und mit Geschützen zu armieren, um eine mögliche Landung der Engländer von Indien her zu verhindern, nachdem der frühere wasserleere Wüstenweg seine Ungastlichkeit für ein größeres Heer verloren hatte.

Das war es, wofür sich der Khedive bei meinem ersten Empfang bedankt hatte. Wenn ihm auch später im Drange der Geschäfte und des anstürmenden Unheils der Gedanke entfallen war, den Versuch einer Ausbeute der Minen zu wagen, so hatte er dennoch die Überzeugung gewonnen, daß die Entzifferung der hieroglyphischen Texte auf einer richtigen Grundlage beruhte. Im übrigen zeichnete mich der Vizekönig für die guten Dienste in Wien durch Rangerhöhungen und Ordensverleihungen aus, indem er sich selber höchlichst wunderte, nicht schon früher daran gedacht zu haben. Ich blieb in der Folge im Hause Pharaos ein gern gesehener Gast, der bei jeder Gelegenheit an seinen Tisch gezogen wurde und häufig »akademische« Gespräche mit ihm austauschte.

Der Khedive hatte einen scharfen Verstand und besaß eine nicht gewöhnliche Bildung nach europäischen Anschauungen. Er selber behauptete, ein großer Menschenkenner zu sein, gab aber, und gewöhnlich zu seinem größten Schaden, stets dem letzten Sprecher in einer Unterhaltung Recht.

Wie sehr er es – leider zu spät – bereute, auf[325] Kosten seiner Ägypter die Europäer und insonderheit die Franzosen an seinem Hofe und an den Regierungsstellen bevorzugt zu haben, dafür liefert die bittere Klage den Beweis, welche er mir an der Neige seiner Herrschaft während eines meiner Besuche auszudrücken sich gedrungen fühlte.

Ich fand ihn zur Zeit desselben in der Ecke eines kleinen europäischen Sofa sitzen, in trübe Stimmung versenkt und die Augen auf ein Bündel Spargel gerichtet, das er in seiner rechten Hand krampfhaft festhielt. Nach minutenlangem Stillschweigen wandte er sich an mich mit den Worten: »Sehen Sie, dieses Bündel Spargel macht mich auf einen Fehler aufmerksam, den ich meinen Ägyptern gegenüber begangen habe und der kaum wieder gut zu machen ist. Es ist eben zu spät! Meinem französischen Hofgärtner hatte ich mein Befremden darüber bezeugt, trotz der hohen Ausgaben für meine Gärten noch nicht einmal am Ende des Monats Februar daraus frischen Spargel beziehen zu können, während die Enropäer denselben schon lange vorher aus Europa erhalten hätten. Der Hofgärtner gab mir zur Antwort, die Sache sei leicht zu machen, nur müsse erst ein Treibhaus für die Spargelzucht erbaut werden, um meinen Wunsch zu erfüllen. Das Glas hans wurde im vergangenen Jahre mit einem Aufwand von 80000 Franken erbaut, natürlich zu dem Zwecke, um mir die Spargel am Ende des Monats Februar zu liefern. Wir stehen erst am Anfang desselben und schon bringt nicht mein französischer Hofgärtner, sondern ein armer arabischer Gärtnergehilfe mir heute dieses Spargelbund, da er gehört habe, daß ich ihn in dieser Jahreszeit zu essen wünsche. Ich befragte ihn. wie er es angefangen habe, so ausgezeichnete Stücke zu ziehen. Effendina, antwortete er mir, ich habe Spargel eingesteckt ganz heimlich in einer Ecke des Gartens, sie mit Palmzweigen bedeckt, sobald rauher Wind eintrat und Kälte herrschte,[326] aber die Zweige jedesmal gelüftet, wenn die helle warme Sonne schien. Diese Spargel sind das Erzeugnis meiner Pflege.« – »Sie begreifen«, so wandte sich der Vizekönig an mich, »daß diese Thatsache mir zu denken giebt, denn ich habe die guten Eigenschaften meiner Unterthanen verkannt, ihre Kraft unterschätzt und nur dem Europäer Vertrauen geschenkt. Jener liefert mir kostenlos im Anfang des Monats Februar den besten Spargel, dieser hat ein kostspieliges Treibhaus erbauen lassen mit dem Versprechen, mir den Spargel am Ende des Monats zu übergeben. Das ist das Bild meines Schicksals, dem ich verfallen bin.«

Im Morgenlande hält es nicht leicht, auf dem Wege der Presse sich gegen den regierenden Herrscher abfällig zu äußern, denn es handelt sich dabei um Kopf und Kragen für den Urheber. Wenn auch in Ägypten nach dem Wunsche des ersten Khedive ein Parlament geschaffen wurde, in dem die Schech-el-Beled oder Dorfschulzen die Mehrzahl der Abgeordneten bildeten, so kam es dem hohen Hause niemals in den Sinn, der Regierung gegenüber sich in Opposition zu setzen. Die Vertreter des Volkes fanden es ungeziemend, die Weisheit der Leiter der Staatsgeschäfte auch nur in den kleinsten Stücken anzuzweifeln. Außerhalb der Kammer fehlte es freilich nicht an räudigen Schafen, die auf dem Umwege über Paris sich gedrungen fühlten, rebellische Ansichten sogar dem Drucke zu überliefern. Dazu gehörte ein von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit angekränkelter Ägypter, der von Kairo aus regelmäßige Korrespondenzen anonym und in arabischer Sprache dem Oppositionsblatte an der Seine einsandte und auf die Handlungen des Khedive die trübsten Schatten fallen ließ.

Eines Tages befand ich mich bei Monseigneur, als die in Rede stehende Person, ein junger Ägypter, von einem[327] Kawassen vorgeführt wurde, nachdem man ihm auf die Spur gekommen war. Bleichen Angesichtes und zitternd am ganzen Körper stand er seinem Fürsten gegenüber, der ihm die Frage vorlegte, ob er sich zur Urheberschaft der gehässigen Artikel bekenne. »Ich habe Brugsch-Bey ersucht,« so fiel er ein, »Zeuge unserer Unterredung zu sein. Antworte deshalb ohne Scheu auf meine Fragen. Ich versichere dich meines Schutzes«. Der Unglückliche stammelte einige Entschuldigungen, die jedoch seine Schuld nur vergrößerten.

»Du hast meine Regierung schlecht gemacht und meine Maßregeln als tyrannisch bezeichnet. Sind deine Behauptungen wahr, so hast du nur deine Pflicht gethan. Doch den Beweis bist du mir schuldig geblieben. Ich fordere dich deshalb auf, mir anzugeben, was ich als Regent Ägyptens zu thun und zu lassen habe, um nach deiner Meinung den Namen eines gerechten und weisen Fürsten zu verdienen. Überzeugst du mich von der Richtigkeit deiner Ratschläge, so verspreche ich dir in Gegenwart des Bey, sie zu befolgen. Ich bestrafe dich nicht für deine Kühnheit. Verlaß mich jetzt und erinnere dich stets daran, daß es leichter ist, vom Hinterhalte aus einen andern zu bemäkeln und zu tadeln, als selber eine schwere Aufgabe zu lösen und es dabei jedem recht zu machen.«

Wie von einem Alp befreit, verbeugte sich der ägyptische Kritiker in tiefster Demut vor seinem Herrn und ich habe später niemals etwas von seinen Angriffen vernommen.

Quelle:
Brugsch, Heinrich Ferdinand Karl: Mein Leben und mein Wandern. Zweite Auflage, Berlin 1894, S. 322-328.
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