Zweites Kapitel.

Die Unterwerfung der Sachsen.

[59] Nachdem wir uns überzeugt haben, wie klein die Heere Karls des Großen waren, drängt sich mit verdoppelter Stärke die Frage auf: wie konnte er es fertig bringen, jene germanischen Volksstämme zu unterwerfen, bei denen einst die Römer mit ihrem so viel größeren, so viel wirtschaftlich leistungsfähigerem Reich, ihren wohl zehnfach so großen, disziplinierten Heeren gescheitert sind? Denn es ist nicht nur äußerlich, auf demselben Boden, sondern auch einigermaßen innerlich noch immer derselbe Kampf, der sich einst zwischen Germanicus und Arminius, jetzt zwischen Karl und Wittekind abspielt. Karl hat nicht bloß den Titel Augustus angenommen, sondern will auch als Germane von Geblüt den Gedanken des römischen Imperiums aufnehmen und erneuen und das römische Wesen, wie es in der Form der Kirche fortlebt, über jene Völkerschaften an den Ufern der Weser ausdehnen, die sich 750 Jahre früher dieses Joches erwehrt haben. Obgleich unzweifelhaft sehr starke Schiebungen, Ausmerzungen und Abwanderungen stattgefunden haben: die Stämme westlich und östlich der Weser, die jetzt, man weiß nicht, wie es gekommen ist, den Namen Sachsen angenommen haben (Tacitus kennt diesen Namen noch nicht), sind im Grunde dieselben oder doch sehr nahe Verwandte derjenigen, die die Schlacht im Teutoburger Walde geschlagen, bei Idisiaviso und am Angrivarierwall dem Germanicus widerstanden, ihre Freiheit und ihr eigentümliches Wesen so lange behauptet haben, um beides nun endlich doch aufgeben zu müssen.

Die erste große Verschiedenheit zwischen den Zeiten des Kaisers Augustus und des Königs und späteren Kaisers Karl ist nun,[59] daß das noch freie, heidnische Germanen-Gebiet in der zweiten Epoche sehr viel geringeren Umfang hat als in der ersten. Das unmittelbare rechte Rhein-Ufer, Hessen und Thüringen gehörten bereits zum fränkischen Reich. Wenn die Römer einst auf der Lippe-Straße vordringend, bis an die Weser gelangten, so waren sie mit einer einzigen Verbindung hinter sich, tief im feindlichen Lande von allen Seiten bedroht. Die Grenze des Reiches, das Karl übernahm, lief einige Meilen südlich der Lippe und ging bis an die Saale, so daß das Frankenheer ebensowohl vom Süden, wie vom Westen in Sachsen eindringen und hierhin wie dahin den Rückzug nehmen konnte.

Als wesentlich wird auch anzusehen sein, daß das Gebiet der Sachsen im Osten an der Saale und Elbe bereits aufhörte; selbst westlich der Elbe saßen schon ihnen feindlich gesinnte slavische Stämme. Haben auch die Germanen östlich der Elbe einst in den Kampf mit den Römern nicht direkt eingegriffen, so mag es doch immerhin auf die Entschlüsse hüben und drüben eingewirkt haben, daß hinter den Cheruskern immer noch weitere Germanenstämme sich zeigten, die in den Krieg eintreten konnten.

Ist so die Aufgabe des fränkisch-römischen Kaisers von vornherein eine viel kleinere, so entbehrt er doch des wesentlichsten Hülfsmittels, vermöge dessen die Römer ihre Kriege geführt hatten, der Flotte, die ihnen über die Nordsee, die Ems, Weser oder Elbe hinauf die Lebensmittel zuführte. Karl hätte so wenig wie Germanicus Heere von 60-70000 Mann im inneren Sachsen ohne Benutzung der Wasserstraße und die Hülfe einer großen Flotte ernähren können. Daß er mit viel kleineren Heeren operierte, ermöglichte ihm, die Flotte zu entbehren.

Unsere Frage spitzt sich also konkreter dahin zu: wie kam es, daß Karl schließlich mit viel kleineren Heer das Ziel erreichte, das den Römern versagt blieb, und die Antwort muß zuletzt weniger bei den Angreifern als bei den Verteidigern gesucht werden. Wären die Sachsen noch ganz dieselben Menschen gewesen, wie einst die Cherusker, Bructerer, Marsen, Angrivarier, so hätten Heere von einigen Tausend Reitern ihnen nicht viel anhaben können. Die Zeit aber war auch an diesen Natursöhnen nicht spurlos vorübergegangen; der Übergang aus dem geschichtslosen Naturzustand[60] in die menschliche, historische Entwicklung hatte sich angebahnt und vollzogen. Die Kraft der Urgermanen beruhte auf der absoluten Barbarei, in der der Mann nur Krieger und nur der Krieger Mann ist. Dieser Zustand war im 8. Jahrhundert bereits überwunden. Es ist uns quellenmäßig überliefert,69 daß in Sachsen die Unfreien und Minderfreien sehr zahlreich gewesen seien. Es ist nicht unwahrscheinlich, daß das von einer Unterwerfung von Germanen durch Germanen herrührt und daß die Ausbreitung des Sachsennamens damit zusammenhängt. Unfreie und Minderfreie sind nicht mehr im vollen Sinne, im Sinne der Zeit- und Volksgenossen Armins, Krieger. Die Sachsen waren noch nicht so weit, Städte zu bauen und Stadtleben auszubilden; abgesehen davon aber dürfen wir uns ihren Zustand doch schon ähnlich demjenigen vorstellen, in dem uns Cäsar die Gallier vorführt. Die Scheidung des Volkes in einen Krieger- oder Ritterstand auf der einen, nur noch wenig kriegerische Bauern und Bürger auf der anderen Seite, wie sie Cäsar einst in Gallien vorfand und wie sie im Frankenreiche sich von neuem durchgesetzt hatte, diese Scheidung muß auch unter den Sachsen bereits stark im Anzuge gewesen sein. Sonst hätten sich auch die sozialen Verhältnisse der Franken nicht nach der Eroberung so schnell und leicht bei ihnen eingelebt. War dem aber so, so fand Karl der Große eine ganz andere Aufgabe vor sich, als einst Tiberius und Germanicus. Die römischen Feldherrn hatten nur mit sehr großen Heeren in Germanien eindringen und nur sehr starke Detachements aussenden dürfen, weil sie ohne große Übermacht in jedem Augenblick der Vernichtung ausgesetzt gewesen wären. So gefährlich waren bei aller Tapferkeit im einzelnen die Sachsen nicht mehr. Wir werden noch in den nächsten Kapiteln immer von neuem darauf geführt werden, welchen Unterschied in der kriegerischen Kraft einige Grade Abstand in der Zivilisation machen. Die heidnischen Sachsen waren um einige, vielleicht noch gar nicht viele Grade wirtschaftlicher, bürgerlicher, milder geworden, als einst die Cherusker: das ist der letzte Grund, weshalb sehr viel kleinere Heere als einst das des Varus es wagen durften, jetzt ihr Land zu durchziehen.[61]

Damit sind aber nicht nur die Zahlen, sondern auch die sonstigen strategischen Bedingungen der Kriegführung verändert.

Aus der Größe der römischen Heere ergab sich einst die unermeßliche Schwierigkeit der Verpflegung, die die Römer fast ganz an die Wasserstraßen band. Die kleineren karolingischen Heere konnten ihren Proviant zu Lande mitnehmen.

Auch der Anbau des Landes wird erhebliche Fortschritte gemacht haben, was abermals dem einfallenden Feind die Ernährung von Mann und Roß, Zugochsen und Schlachttieren erleichterte.

Trotzdem wurde nun den Franken ihre Aufgabe schwer genug. An eine Strategie, wie sie einst Cäsar in Gallien anwandte, daß nämlich große zusammengehaltene Heere sich mitten im Lande etablierten und jeden auftauchenden Widerstand sofort niederwuchteten, war nicht zu denken. Solche Heere standen ja Karl nicht zur Verfügung. Sehen wir, wie der Frankenkönig vorging.

Im Jahre 772 drang Karl von Hessen aus über Obermarsberg an der Diemel, wo die Eresburg lag und genommen wurde, in Sachsen ein, er gelangte bis an die Weser und schloß hier mit den Sachsen (oder nur mit den Engern) einen Vertrag. Obgleich kein eigentlicher Widerstand geleistet war, haben die Franken die Grenze nicht mehr als etwa zehn Meilen weit überschritten.

Nachdem 774 die Sachsen einen Einfall ins Fränkische gemacht, der sie bis nach Fritzlar führte, begannen die Franken das Jahr darauf (775), nachdem der König von der Unterwerfung der Longobarden aus Italien zurückgekehrt war, den systematischen Angriff, der zu völliger Unterjochung führen sollte. Das fränkische Heer nahm zunächst, ohne wesentlichen Widerstand, die beiden sächsischen Grenzfesten, Sigiburg (Hohensyburg) an der Ruhr und Eresburg, rückte an die Weser, wo ein sächsisches Heer vergeblich den Übergang zu wehren suchte, und gelangte bis an die Ocker, nördlich des Harzes. Ein Korps, das auf dem linken Ufer der Weser über den Teutoburger Wald und das Wiehen-Gebirge vorging, ließ sich bei Lübbecke von den Sachsen überfallen und scheint auf freien Abzug kapituliert zu haben.70 Mittlerweile hatten aber[62] die Ostphalen und Engern mit Karl bereits an der Ocker verhandelt und sich unterworfen, und als nun das fränkische Heer, über die Weser zurückkehrend, bei den Westphalen erschien, fügten sich auch diese und stellten Geiseln.


2. Kapitel. Die Unterwerfung der Sachsen

Diese Ereignisse werden keine andere Deutung zulassen, als daß bei den führenden Sachsen eine starke Partei existierte, die das[63] Eintreten in den fränkischen Reichsverband nicht ungern sah, vielleicht geradezu wünschte. Schon von den cheruskischen Fürsten hatten ja einst vielleicht die Mehrzahl auf der Seite der Römer gestanden; man erinnere sich jenes, wenn es auch eine poetische Fiktion ist, Gesprächs zwischen Armin und seinem Bruder Flavus. Trotz der vorhergegangenen Kämpfe, obgleich die Franken im Jahre 772 die heilige Irminsäule zerstört hatten, unterwarfen sich ihnen jetzt die Sachsen ohne Entscheidungsschlacht und ohne daß die Franken einen sehr wesentlichen Teil ihres Landes eingenommen hätten. Von der fränkischen Grenze bis zur Ocker mögen etwa 20 Meilen sein. Es wäre vielleicht nicht ausgeschlossen, daß die Sachsen sich nur scheinbar unterwarfen und die Franken durch glatte Worte haben täuschen wollen und daß Karl sich auf einen Vertrag eingelassen, weil seine Gespanne und sein Proviant für einen Feldzug tiefer ins Land nicht ausreichten. Aber der Fortgang der Dinge zeigt, daß er wirklich auf einen halbfreiwilligen Anschluß der Sachsen rechnete und rechnen durfte. Er unterließ es nicht nur, bis an die Unterweser oder Elbe vorzugehen, sondern besetzte auch als Stützpunkt für seine Herrschaft einzig die beiden Grenzfesten Sigiburg und Eresburg, und als im nächsten Jahr die freiheitlichen Sachsen sich wieder erhoben, Eresburg genommen, Sigiburg vergeblich berannt hatten, brauchte Karl bloß zu erscheinen, um sofort wieder einen Umschwung herbeizuführen und der fränkischen Partie die Oberhand zu geben.71 Schon an den Quellen der Lippe, also nachdem er erst gerade die Grenze überschritten, kamen ihm die Sachsen in Menge entgegen, um seine Gnade anzuflehen und sich von neuem zu unterwerfen. Auch jetzt tat er für die Befestigung seiner Herrschaft nichts weiter, als daß er die Eresburg wieder herstellte und an der Lippe, also noch sehr nahe der Grenze, die Karlsburg erbaute, deren genaue Lage nicht bekannt ist. Im nächsten Jahr (777) hielt Karl in der Gegend, wo sich die Sachsen unterworfen hatten, nahe den Lippe-Quellen, in Paderborn einen allgemeinen Reichstag und eine Synode, wozu[64] die Führer der Sachsen erschienen, mit Ausnahme des Westphalen Widukind, der zu den Dänen geflohen war.

Als Karl im nächsten Jahre (778) jenseits der Pyrenäen war, brachte Widukind seine Landsleute von neuem in die Waffen; sie brachen über die Grenze, gelangten bis an den Rhein bei Deutz, gingen ein Stück rheinaufwärts und kehrten durch das Lahntal zurück. Aber von den drei fränkischen Festen auf Sachsenboden hatten sie nur die eine, Karlsburg, eingenommen; auf dem Rückweg wurden sie von fränkischen Kriegern, die aus Spanien zurückkehrten, an der Eder eingeholt und erlitten Verluste, und als im nächsten Jahre der König selber mit einem bedeutenden Heere erschien, war von einem ernstlichen Widerstand wieder nicht die Rede. Eine Befestigung, die die Sachsen an der westphälisch-fränkischen Grenze, nördlich der Lippe bei Bocholt, errichtet hatten, wurde von den Franken genommen; Karl marschierte bis an die Weser und alles unterwarf sich (der Weg, den er nahm, und der Ort »Medofulli«, wo er die Weder erreichte und sein Lager aufschlug, ist nicht zu bestimmen). Im nächsten Jahr (780) zog er, ohne Widerstand zu finden, zum ersten Male bis an die Elbe, die er nördlich von Magdeburg, beim Einfluß der Ohre, erreichte.

Im Jahre 782 fand zu Paderborn, wo sich am leichtesten alle Sachsen mit den Franken vereinigten, ein neuer Reichstag statt, der die volle Eingliederung Sachsens in das fränkisch-christliche Reich verfügte. Die sächsischen Edlen, die noch in der Art der alten Fürsten (principes des Tacitus) an der Spitze des Volkes gestanden hatten, wurden in Beamte des Königs, Grafen, verwandelt, und bei Todesstrafe der heidnische Götzendienst verboten, die Taufe befohlen; Priester sollten allenthalben eingesetzt, mit Land und Gesinde ausgestattet und den Kirchen der Zehnte gezahlt werden.

Das war den Sachsen zu viel.72 Widukind kehrte aus Dänemark zurück und brachte einem vereinzelten fränkischen Korps, das unvorsichtig gegen ihn vorging, am Berge Süntel eine schwere Niederlage bei (782). Über den Ort und die näheren Umstände[65] des Treffens sind die Berichte so im Widerspruch mit einander, daß nichts Sicheres darüber zu sagen ist. Trotz dieses Sieges aber wurde der Aufstand nicht allgemein. Als der König selbst mit einem Heer erschien, wagte Widukind keinen Widerstand, sondern floh zu den Dänen, und die anderen Großen erschienen vor Karl und warfen die Schuld allein auf jenen. Dabei kann Karl, wenn wir die Zeitfolge der Dinge betrachten, unmöglich ein so sehr großes Heer bei sich gehabt haben. Im Frühjahr, aber doch erst als es genügend Futter gab, war Karl nach Paderborn gezogen und hatte dort den Reichstag abgehalten. Als er über den Rhein zurückgekehrt war, also etwa Ende Juni, kam die Nachricht, daß die Sorben in Thüringen eingefallen seien; er sandte Truppen gegen sie aus. Diese erhielten unterwegs die Nachricht von dem sächsischen Aufstande, verbanden sich mit anderen Truppen, die ein Graf Theoderich auf eigene Hand aus Ripuarien heranführte, und erlitten die Niederlage am Süntel, die also schwerlich vor August oder September stattgefunden haben kann. Selbst wenn Karl, wie freilich anzunehmen, gleich auf die erste Nachricht von der sächsischen Erhebung ein Truppenaufgebot erlassen hat, so bedarf doch die Mobilmachung, die Versendung des Aufgebotes, das Zusammenrufen der Vasallen von ihren Höfen, die Ausrüstung und die Sammlung des Proviants von den Bauern immer einer gewissen Zeit73, so daß Kontingente aus den ferneren Gegenden in diesem Herbst unmöglich an der Weser gewesen sein können. Von Paris bis zur Porta Westphalica sind 600 Kilometer Luftlinie, was wir gleich 900 Kilometer Marsch, gleich zwei Monaten Marschzeit ansetzen dürfen. Weihnachten feierte Karl schon wieder in Diedenhofen.

Das bloße Erscheinen des Königs mit einem fränkischen Teilheer hatte also genügt, die Sachsen zu entwaffnen.

Karl marschierte bis in das Herz von Sachsen, an die untere Weser, und ließ bei Verden eine große Anzahl von Schuldigen, vermutlich auch solchen, denen es zur Schuld gerechnet wurde, daß sie dem Aufstand nicht aktiv entgegengetreten waren, hinrichten (782, Herbst).[66]

Die Strenge verfehlte hier, wie so oft, ihren Zweck. Jetzt zum ersten Male, von wildem Rachedurst entflammt, erhoben sich die Sachsen wirklich in Masse und stellten sich den Franken im nächsten Jahre (783) zu offener Feldschlacht.

Das erste Zusammentreffen fand statt am Teutoburger Walde bei Detmold, also in der Nähe der Dörenschlucht, wo einst die Germanen ihre Freiheit bewahrt und gerettet. Jetzt wurden die Sachsen geschlagen, aber trotz seines Sieges ging Karl bis Paderborn zurück, um Verstärkungen abzuwarten. Rein militärisch ist dies nicht zu erklären. Ein Rückzug nach einem Siege hebt den wichtigsten Teil des Erfolges, den moralischen, wieder auf. Wenn die Franken wirklich gesiegt hatten, so mußten sie doch unter allen Umständen stark genug sein, ihre Verstärkungen hier, zwei bis drei Tagemärsche vorwärts von Paderborn, abzuwarten, während der Rückzug den Schein einer Niederlage erwecken, zum wenigsten den Erfolg zweifelhaft erscheinen lassen, alle schwankenden Gemüter in Sachsen mit Zuversicht erfüllen und in Widukinds Lager führen mußte. Da bei Detmold jedenfalls ein Treffen vorgefallen ist und die Franken nicht wohl geschlagen worden sein können, da das stärkere Folgen gehabt haben würde, so ist der Zusammenhang wohl so zu erklären, daß Karl zunächst mit einem sehr kleinen Korps vorgegangen war, weil er darauf rechnete, daß wiederum der größere Teil der Sachsen sich ihm ohne weiteres unterwerfen, vielleicht direkt anschließen würde. Das Treffen bei Detmold wird nicht gerade bedeutend gewesen sein, aber es zeigte dem König, daß die Sachsen diesmal Widerstand leisten würden. Er erkannte, daß sein Vorgehen mit geringen Kräften ein Fehler gewesen und daß er trotz des Sieges nördlich des Gebirges in sehr gefährdeter Lage sei. Er nahm daher die moralischen Nachteile des Rückzuges in Kauf, weil er nicht anders konnte, um zunächst in einer gesicherteren Stellung die Ankunft der nachrückenden Truppenteile abzuwarten. Schon nach kurzer Zeit konnte er wieder vorgehen und errang nun an der Hase, vielleicht bei Osnabrück, aber man weiß es nicht näher, den entscheidenden Sieg, nur wenig über vier Wochen später als Detmold. Der Sieg wurde mit der größten Energie verfolgt; das Land verwüstend gelangte das fränkische Heer über die Weser bis zur Elbe. Im Herbst ging man zwar[67] wieder zurück – Karl war am 9. Oktober in Worms und feierte Weihnachten und Ostern in Heristall an der Maas –, ging aber im Frühjahr (784) von neuem vor, setzte beim Einfluß der Lippe über den Rhein und gelangte abwärts von Minden bei Huculbi (Petershagen) an die Weser. Hier teilte Karl das Heer, da ein geschlossener Widerstand der Sachsen offenbar nicht mehr zu erwarten war. Ein Korps unter seinem ältesten Sohn Karl wandte sich nach Westphalen zurück und hatte später ein Gefecht an der Lippe; der König selbst bog zunächst nach Süden, nach Thüringen aus und drang dann von hier aus wieder nördlich ins Ostphälische ein. Als Grund, daß er nicht von Huculbi aus weiter nach Norden oder direkt nach Osten vorging, werden in den Reichsannalen große Überschwemmungen angegeben. Wir werden vermuten dürfen, daß doch auch die Verpflegungsfrage mitspielte: indem der König erst in das alte Reichsland Thüringen ging, konnte er sich dort von neuem mit Vorräten versehen.

Obgleich die Ostphalen sich jetzt unterworfen zu haben scheinen, so mußte der Krieg doch noch fortgesetzt werden, und Karl beschloß, den Widerspenstigen auch den Winter nicht mehr zur Erholung zu lassen. Von Süden eindringend (der König feierte Weihnachten zu Lügde an der Emmer, 31/2 Meilen östlich von Detmold, nicht weit von dem linken Ufer der Weser) gelangten die Franken bis an die Porta Westphalica (Rehme); weiter aber getrauten sie sich doch nicht vor, sondern gingen wieder zehn Meilen zurück bis an die Grenzfeste Eresburg (Obermarsberg), wo Karl selbst den ganzen Winter zubrachte und die Grenzgaue (was der fränkische Annalist mit starker Übertreibung auf fast alle Gaue ausdehnt) fortwährend beunruhigen ließ. Den Proviant mußte er, wie der Annalist ausdrücklich bemerkt, aus dem fränkischen Lande heranschaffen lassen. Im Frühjahr aber ließ er so große Vorbereitungen treffen, daß er jetzt bis in den Bardengau an der unteren Elbe vorgehen konnte, und als er so weit war, war er Staatsmann genug, seinerseits, als der Sieger, mit dem über die Elbe geflüchteten Wittekind eine Verhandlung anzuknüpfen und ihm Frieden und Freundschaft anzubieten. Da Wittekind die Hoffnungslosigkeit seiner Sache erkannte, sich unterwarf, an Karls Hofe erschien und sich taufen ließ,[68] so war damit (785) der Kampf, der mit der Erhebung im Sommer 782 begonnen hatte, nach dreijähriger Dauer beendet.74

Die späteren wiederholten Bewegungen und Kämpfe, die sich von 793 bis 804 hinzogen, bieten, obgleich nicht unerheblich, doch kriegsgeschichtlich kein Interesse mehr. Der Krieg besteht in bloßen Verwüstungszügen. Nur die ostelbischen Sachsen in Holstein leisteten noch einmal Widerstand im freien Felde; gegen sie bediente sich Karl mehrfach der Hilfe der Slaven, der Obodriten und Wilzen. Massenhafte Wegführung der Sachsen, um sie auf fränkischem Boden anzusiedeln, ist in diesem Jahrzehnt das eingreifende Mittel, das der Kaiser zur Beruhigung des Landes anwendet. Als er auch einmal wieder einen Winter (797/98) auf Sachsen verwendet, schlägt er sein Lager nicht wieder bei der Eresburg, sondern weiter ostwärts, am Einfluß der Diemel in die Weser, bei Heirstal (Herstelle) auf. Die Römer hatten, als sie von Aliso weiter vorgingen, sich halbnördlich gewandt, zur Porta Westphalica um der Verbindung mit ihrer zweiten Basis, der See willen; Karl hielt sich auch jetzt noch möglichst nah den Stammlanden.

Dieser Unterschied führt uns noch einmal zu einer Vergleichung der Erscheinungen dieser Kriegführung mit der römischen in denselben Gegenden. Die Römer stützten ihre Kriegführung auf die Wasserstraßen, namentlich die Lippe und den großen Magazinplatz an der oberen Lippe, Aliso. Auch in den karolingischen Feldzügen spielt dieser Platz an der oberen Lippe, der jetzt Paderborn heißt, eine große Rolle, aber es ist nur ein fast zufälliges Zusammentreffen. Die Gründe, die beide Mal in dieselbe Gegend führen, sind ganz verschiedene. Auch Karl hat wohl die Lippestraße das eine und andere Mal benutzt, aber seine Hauptangriffslinie führt vom Süden her, aus Hessen, an die Weser. Daß Hessen und Thüringen seinem Reiche[69] bereits angehören, schafft ihm von vornherein eine ganz andere Position als den Römern; von hier kommend, ist er immer gleich an der Weser und mitten im Lande. Daß er aber etwa die Fulda als Zufuhrstraße benutzt hätte, erfahren wir nicht. Wohl wußte er, was der Wasserweg für die Verpflegung bedeute und hat es ja deshalb sogar unternommen, den Main und die Donau durch einen Kanal zu verbinden, aber für die sächsischen Feldzüge spielte das keine Rolle. Große Magazine wurden nicht gebildet; die Kontingente, klein wie sie waren, mußten ihre Verpflegung selber mitbringen; die ersten Feldzüge, 772, 774 fanden im Herbst statt, wo die Lippe gar nicht schiffbar ist.

Daß die Rücksicht auf die Verpflegung aber ein entscheidender Punkt auch in der karolingischen Kriegführung ist, ist unverkennbar. Mehrfach werden Vorstöße abgebrochen, wo eine energische Führung offenbar Fortsetzung verlangt hätte und ohne daß feindlicher Widerstand das Hindernis gebildet hätte. Das Motiv kann nicht wohl in etwas anderem als in der Verpflegung gesucht werden. Daß es schließlich gelungen ist, ohne die Mitwirkung einer aus der Nordsee entgegenkommenden Flotte bis an die untere Weser und untere Elbe zu gelangen, muß dem Frankenkönig als eine ganz gewaltige Leistung angerechnet werden, denn das Land selber bot sicherlich dem eindringenden Feind nur geringe Hilfsmittel dar.

Als im Frühjahr des Jahres 16 das Gros des römischen Heeres bei Aliso lagerte und auf die Einfahrt der Flotte in die Weser wartete, benutzte der Feldherr die Zwischenzeit, Wege nach dem Rhein bauen zu lassen (Vergl. Band II). Als Karl im Winter 784-85 bei Eresburg lagerte und auf die Sachsen drückte, berichten die Reichsannalen von ihm dasselbe.75 Es ist nun interessant, sich klarzumachen, wie es kam, daß die Römer, indem sie in dieser Gegend und zum Zweck der Unterstützung ihrer[70] militärischen Operationen Straßen anlegten, einen Platz an der oberen Lippe zum Mittelpunkt machten, Karl ganz dasselbe tat, aber einen Platz an der oberen Diemel, etwa fünf Meilen südlich von jenem wählte.

Die Römer gebrauchten einen möglichst weit ins feindliche Gebiet vorgeschobenen Platz mit Wasserverbindung, um ein großes Magazin anzulegen. Diese Wasserverbindung bot ihnen die Lippe; wenn sie auch im Hochsommer versiegte (der Monat September hat den niedrigsten Wasserstand, vgl. Bd. II), so bot sie im Frühjahr doch in unübertrefflicher Weise die Gelegenheit, alle Heeresbedürfnisse mit geringer Anstrengung fast bis an die Quelle hinaufzuschaffen, und das gewaltige stehende Heer war fähig und immer beriet, den vorgeschobenen Posten zu halten oder ihn im Notfall zu entsetzen.

Karl konnte mit seinen Lehnsmannschaften weder einen sehr weit vorgeschobenen Posten im feindlichen Lande behaupten, noch bedurfte er bei seinem kleineren Heer und dem System der Selbstverpflegung der Kontingente des großen Magazins und der Wasserverbindung. Dafür aber war er in der Lage, die Sachsen nicht nur vom Rhein, sondern auch von Hessen aus anzugreifen. Sein Hauptwaffenplatz in der ersten Periode des Kampfes mußte also da liegen, wo die beiden Operationslinien, vom Rhein und vom Main her zusammentreffen. Das ist an der oberen Diemel, bei Eresburg. Hätte Karl, etwa die Fulda als Operationslinie wählend, sich gleich an der Weser etabliert, so wäre der direkte Weg nach Westen, an den Rhein zu lang geworden. Hätte er sich sofort an der oberen Lippe etabliert, so wäre das schon zu tief im feindlichen Lande gewesen. Hätte er sich im Stromgebiet der Ruhr, etwa in der Gegend von Brilon oder Rüthen (an der Möhne), etabliert, so hätte er eine zu schlechte Verbindung mit Hessen gehabt.

Bei Eresburg aber trafen alle für ihn in Betracht kommenden Wege zusammen: von Süden durch das Edertal und Ittertal, vom Westen die Wege an der Ruhr und Möhne; östlich ging es die Diemel abwärts an die Weser und nordwärts über das Sintfeld an die obere Lippe, nach Paderborn und zu den Pässen des Teutoburger Waldes.[71]

Die Frage liegt nahe, weshalb Karl Paderborn nicht direkt am Zusammenfluß der Alme und Lippe, sondern eine gute halbe Meile davon, an dem Seitenbach Pader gegründet hat. Hiermit hängt die Frage des Hellweges zusammen, jener berühmten Straße, die sich nicht entlang einem der Rhein-Nebenflüsse, sondern parallel zwischen Ruhr und Lippe von Paderborn über Soest, Unna, Dortmund nach Duisburg zieht.

Dieses Problem ist jüngst und wie mir scheint, definitiv von KARL RÜBEL in den mehrfach zitierten Büchern gelöst worden. Der Hellweg ist eine Anlage Karls des Großen, eben aus der Zeit der Sachsenkriege. Er verbindet eine Reihe von neu angelegten Reichshöfen auf einem besonders fruchtbaren Gebiet, bildet also eine Marschstraße, auf der eine nicht zu große Masse von Etappe zu Etappe Verpflegung finden konnte. Der Name ist zu erklären als »Hallweg«, der Weg auf dem bei feindlichem Einfall von Platz zu Platz Rufsignale gegeben werden. Diese Straße ersetzt dem fränkischen Herrscher das, was den Römern der Wasserweg der Lippe geboten hatte. Für Karl hatte der im Sommer und Herbst monatelang unbrauchbare Wasserweg keine wesentliche Bedeutung. Er gründete deshalb die Stadt, die in der Ebene den Hellweg abschloß, von wo es nach verschiedenen Seiten ins Gebirge ging, an einer Stelle, wo reiche Quellen mit sehr schönem Wasser zur Niederlassung einluden und ihre Kraft für den Mühlenbetrieb zur Verfügung stellten.

Die nach Art des Hellweges mit Reichshöfen besetzten Straßen ziehen sich durch das sächsisch-fränkische Grenzgebiet an der Ruhr, Lippe und Diemel, sowohl in der Richtung dieser Flüsse, als auch quer hinüber zur Verbindung des einen Flußgebiets mit dem anderen. Später hat Karl der Große sicherlich durch ganz Sachsen hindurch solche mit Reichshöfen besetzte Etappenstraßen angelegt. SCHUCHHARDT hat jüngst wahrscheinlich gemacht, daß z.B. Hannover, an der Stelle, wo die Leine anfängt schiffbar zu werden, eine solche karolingische Gründung gewesen ist.76

Noch eine Frage möchte sich zum Schluß aufdrängen: wenn sowohl für die Römer wie für Karl den Großen die Gegend von[72] Paderborn ein so wichtiger strategischer Punkt gewesen ist, wie kommt es, daß diese Stelle später niemals eine Rolle gespielt und Paderborn sich auch nicht zu einer bedeutenden Stadt entwickelt hat? Die Antwort ist, daß die strategische Bedeutung eines Platzes nichts Absolutes ist, sondern neben den dauernden geographischen auch von den jeweilig gegebenen historischen Bedingungen abhängt: Bibracte und Alesia sind heute Dörfer, und Paris spielt bei Cäsar noch keine Rolle. Daß Drusus und Karl der Große beide in der Nähe des Zusammenflusses von Alme und Lippe einen Platz anlegten, war ein zufälliges Zusammentreffen; die Motive waren nicht identisch. Später änderten sich sogar in etwas die Naturbedingungen. Um jeden Wasserweg kämpften im Mittelalter zwei große Interessen, die Schiffahrt und die Mühlen. Nachdem nun einmal der Hauptverkehr von der Lippe auf den Hellweg abgeleitet war, gewannen auf dem Fluß, der ja ohnehin knapp Zweidrittel des Jahres für die Schiffe brauchbar war, die Mühlen die Oberhand und drängten jene ganz zurück. Der Versuch der Stadt Soest im Jahre 1486, die Lippe-Wasserstraße zu gewinnen, ist zwar für uns sehr wichtig als Beweis, daß man die Wichtigkeit und Brauchbarkeit des Stromes wohl erkannte, mißglückte aber, wie das bei der politischen Zerrissenheit Westphalens in jener Zeit nicht anders zu erwarten.

Ohne Wasserstraße hat nun auch Paderborn sich nicht besonders entwickeln können.[73]

Quelle:
Hans Delbrück: Geschichte der Kriegskunst im Rahmen der politischen Geschichte. Berlin 1923, Teil 3, S. 59-74.
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