Die Schlacht bei Bouvines.

7. Juli 1214.

[431] Die älteren Darstellungen dieser Schlacht sind durch die Dissertation von C. BALLHAUSEN (Jena 1907. J. W. Schmidt) überholt. Ich kürze daher das in der ersten Auflage hier gesagte, kann aber auch die Auffassung Ballhausens in wichtigen Punkten nicht teilen. Die breiten Ausführungen von DELPECH in »La tactique au XIIIme siècle« Bd. I können bei aller anscheinenden Gelehrsamkeit doch nur mit MOLINIER, Rev. hist. Bd. 36 S. 185 in toto abgelehnt werden.

Kaiser Otto IV. hatte sich mit seinen Verbündeten bei Nivelles, südlich von Brüssel, Philipp bei Peronne gesammelt. Beim Vorrücken gingen die Heere zunächst aneinander vorbei, und es kam so weit, daß sie zuletzt ganz umeinander herumgingen, Philipp nördlich, bei Tournay, Otto südlich, bei Valenciennes, stand. Diese Märsche sind wohl nicht anders zu erklären, als daß beide nichts von dem Vorrücken des andern[431] gewußt haben. (Ballhausens abweichende Ansicht in diesem Punkt kann ich nicht teilen; die Gründe, die er für Philipps Vorgehen auf Tournay angibt, genügen nicht.) Als sie voneinander erfuhren, kehrten beide um; Philipp ging von Tournay zurück auf dem Weg, auf dem er gekommen, über Bouvines in der Richtung auf Lille, also sich vom Feinde entfernend; Otto im Gegenteil schlug die Richtung auf den Gegner ein.

Während Philipp auf seinem Marsch von Ost nach West bei Bouvines die Brücke über das Flüßchen Marque passierte, kam die Nachricht, daß die Deutschen im Anmarsch seien und mit einem ihnen entgegengeschickten Detachement plänkelten, und Philipp befahl darauf, daß die Truppen, die die Brücke bereits überschritten hatten, umzukehren hätten, weil er die Schlacht annehmen wollte. Daß es ihm unmöglich gewesen wäre, das Heer ohne wesentliches Gefecht über den Fluß zu bringen, ist kaum anzunehmen, denn wenn auch noch ein erheblicher Teil diesseits gewesen sein wird, so gebrauchte das kaiserliche Heer doch auch eine ziemlich lange Zeit, um aufzumarschieren. Ballhausens Meinung, daß Otto im Begriff gewesen sei, Philipps Nachhut abzuschneiden, leuchtet mir nicht ein. Strategisch war der Entschluß Philipps höchst gefährlich, denn er kämpfte mit fast verkehrter Front, hinter sich als einzigen Rückzugsweg die Brücke von Bouvines, denn die Marque war, wie ausdrücklich berichtet wird, sonst nicht zu überschreiten. Das Philipp dennoch die Schlacht in dieser Stellung annahm, wird daher nur so zu erklären sein, daß er sich des Sieges ganz sicher fühlte; daß er also noch die Zeit hatte, geordnet aufzumarschieren, und daß er, was auch direkt berichtet wird, zum wenigsten in der entscheidenden Waffe, den Rittern, über eine erhebliche Überlegenheit gebot.

Am Morgen freilich hatte der König, statt dem Kaiser zur Schlacht entgegenzurücken, den Rückmarsch angetreten, und der Wechsel des Entschlusses ist auffällig. Ein absoluter Widerspruch liegt jedoch nicht vor. Denn Philipp hatte am Morgen nur beschlossen, weder bei Tournay zu bleiben, noch dem Kaiser zu einer Schlacht entgegenzugehen; etwas anderes aber war, daß der Kaiser jetzt ihm entgegenging, was er am Morgen noch nicht wußte.

Wiederum, daß Otto den König angriff trotz geringerer Streitkräfte, wird eine Erklärung darin finden, daß er hoffte und glaubte, die Franzosen während ihres Marsches, geteilt durch den Fluß, zu überfallen. Es wird ausdrücklich berichtet, daß er sein Erstaunen aussprach, als er sie in Schlachtordnung vor sich sah.

Daß der Kaiser daraufhin nicht seinerseits von der Schlacht abstand, erscheint nicht ganz unnatürlich, denn es war anzunehmen, daß, sobald nunmehr die Deutschen sich zurückwandten, die Franzosen zum Angriff übergehen würden, und das hätte sofort die sichere Niederlage[432] bedeutet. Da war es also besser, wenigstens den moralischen Vorteil des Angriffs festzuhalten und zu versuchen, ob sich das Glück der Schlacht nicht zwingen ließe.

Ist das die strategische Genesis der Schlacht, so ist damit auch die Erklärung des Ausganges gegeben: der Kaiser wurde geschlagen, da seine Voraussetzung, daß er die Franzosen im Marsch, durch den Fluß geteilt, angreifen würde, nicht eintraf; der König gewann, da er erheblich stärker war und den Gegner in guter Ordnung empfing, in besserer sogar als der Angreifen, von dem ausdrücklich berichtet war, daß der Anmarsch ohne Ordnung vollführt worden sei.

Zuverlässige Stärkeangaben für die beiden Heere sind nicht überliefert. Früher (z.B. SCHIRRMACHER) akzeptierte man wohl die Angabe Richards von Sens, daß Otto 25000 Ritter und 80000 andere Krieger gehabt habe. HORTZSCHANSKY will Philipps Stärke auf 59000 Mann (2000 Ritter, 7000 Knappen, 50000 zu Fuß), Ottos auf 105000 (5500 Ritter, 19 500 berittene Knappen, 80000 zu Fuß) berechnen. Wie es möglich, war, daß der Kaiser bei solchem Stärkeverhältnis geschlagen wurde, erscheint ihm selber (S. 41) rätselhaft.

KÖHLER schlägt die Franzosen auf 2500 Ritter, 4000 leichte Reiter und 50000 Mann Fußvolk an; die Deutschen auf nur 1300 bis 1500 Ritter, aber sehr stark in den anderen Waffen. OMANS Schätzung ist geringer; immerhin meint auch er, daß Philipp vielleicht 25000 bis 30000, Otto 40000 Mann zu Fuß gehabt habe.

In allen diesen Angaben, auch noch in denen Omans, ist das Fußvolk zweifellos viel zu hoch geschätzt. Die allgemeinen Schilderungen der Chroniken von der »unzählbaren Menge« besagen, wie uns zahlreiche Beispiele bewiesen haben, gar nichts. Von Mortagne an der Schelde, von wo er am Morgen des 26. aufbrach, hatte Otto wegen des Waldes, der auf der geraden Linie lag, auf einem Bogen über Villemaux-Froidmont marschierend, reichlich drei Meilen auf das Schlachtfeld. Da ist es schon für ein Heer mit vorzüglicher Marschdisziplin eine Leistung, nach solchem Marsch mit 50000 oder auch nur 40000 Mann aufzumarschieren und an demselben Tage eine Schlacht zu schlagen. Für ein Heer von undisziplinierten Söldnern, Bürgern und Rittern scheint es mir kaum ausführbar, wie das auch MOLINIER l. c. bereits gemerkt hat.

Ich glaube mit Ballhausen nicht, daß eines der Heere stärker als 8000 Mann gewesen ist. Daß Otto nicht mehr als 1300 bis 1500 Ritter hatte, scheint sicher; Philipp hatte mehr. Möglicherweise waren auch die beiden Heere nur etwa 5000 Mann stark, denn die Einzel-Kontingente, von denen die Stärke in den Quellen mehrfach genannt wird, sind alle sehr klein.

Vor allem spricht der Charakter der Schlacht selbst gegen die Annahme, daß das Fußvolk so übermäßig stark gewesen sei, denn es hat auf[433] beiden Seiten nichts geleistet. WINKELMANNS Behauptung, die französischen Bürger hätten das erhebende Bewußtsein gehabt, pro aris et focis zu kämpfen, steht völlig in der Luft. Von irgendeiner entscheidenden Mitwirkung der Kommunaltruppen, die Philipp bei sich hatte, ist in den Quellen nichts zu finden. Die Städte werden dem König eine Anzahl Schützen gestellt haben, die in der üblichen Weise mit den Rittern vereinigt kämpften. Ebenso hatten die flandrischen Städte ihre Kontingente zu dem Heere Ottos gestellt.

Der Verlust scheint auf französischer Seite sehr gering gewesen zu sein; eine englische, wenig spätere Quelle, die Chronik von Melrose, will sogar, daß nur drei französische Ritter gefallen seien, und wir müssen annehmen, daß es tatsächlich sehr wenige gewesen sind, da uns sonst mehr Namen der ruhmvoll Verblichenen überliefert wären. Von den Kaiserlichen sollen 70 Ritter und 1000 Fußknechte geblieben, und eine große Zahl, nach der einen Quelle 127, nach der anderen 131, nach der dritten 220 Ritter, darunter 5 Grafen und 25 Bannerherren gefangen sein.434 Wenn daher Johann von Cypern die Schlacht »durissima pugna, sed non longa« nennt, so scheint mit OMAN schon zu weit zu gehen, der eine Dauer von drei Stunden annimmt. Ich möchte eher glauben, daß sie ziemlich beim ersten Zusammenstoß, der aber nicht allenthalben gleichzeitig erfolgte, entschieden gewesen ist. Die geringe Verlustziffer der Sieger ist da ein stärkeres Zeugnis, als die Aussagen aller Erzähler. Auf die Nachrichten der Erzähler über Zeitdauer eines Gefechts ist immer sehr wenig zu geben, da Anfang und Ende dabei sehr unbestimmte Begriffe sind und der natürlichen Übertreibungssucht besonders viel Spielraum gewähren. Wilhelm Brito sagt an der einen Stelle (Gesta 311), die Bürgertruppen seien vor dem Beginn des Gefechts im Zentrum eingetroffen und hätten sich dort (als Schützen), durch die Ritter durchtretend, vor ihnen aufgestellt. An anderer Stelle (Gesta 312) behauptet er, die Bürger seien erst in der vierten Stunde der Schlacht eingetroffen. Sollen etwa die beiden Zentren dem Gefecht auf dem einen Flügel untätig zugeschaut haben? Oder gar, wenn man auf der einen Seite mit dem Aufmarsch noch nicht fertig war, auf der anderen freundlich diesen Zeitpunkt abgewartet? Wenn auch die einzelnen Scharen in einer Ritterschaft selbstverständlich oft nicht ganz gleichmäßig angreifen, so können die Zeitdifferenzen doch immer nur sehr mäßig sein, vorausgesetzt, daß man nicht von beiden Seiten aus der Marschkolonne, nach vorn eilend, sukzessive eingreift.

Unsere Hauptquelle für die Schlacht ist Guilelmus Brito, der als Kaplan des Königs von Frankreich gegenwärtig war und die Ereignisse sowohl in Prosa als Fortsetzer Rigords, als in Versen in seiner Philippis schilderte. KÖHLER setzt sich mit ihm ausführlich auseinander, indem[434] er ihn einerseits als Berichterstatter sehr hoch stellt (S. 118), ihm aber doch vorwirft, daß er für die taktischen Verhältnisse kein Verständnis gehabt und dadurch zu der Ansicht beigetragen, daß in den Schlachten des Mittelalters der Einzelkampf das Vorherrschende war (S. 135). In Wahrheit liegt der Fehler auf seiten Köhlers. OMAN, S. 471, Anm., führt mit Recht aus, daß von der Einteilung in drei Treffen, die Köhler aus Wilhelm herauslesen will, nicht nur nichts bei ihm steht, sondern daß sie durch seine Erzählung geradezu ausgeschlossen wird. Damit fällt der ganze Schlachtaufbau Köhlers hier ebenso zusammen, wie bei Hastings.

Der Graf von Boulogne, der auf der Seite des Kaisers kämpfte, hatte außer seinen Rittern 700 (nach anderer Quelle 400) Brabanter zu Fuß in seinem Solde. Er benutzte sie in der Weise, daß er sie einen Kreis schließen ließ, in den er sich zurückzog, wenn er selbst vom Kampfe ermüdet war. Als die Schlacht verloren, und das ganze übrige kaiserliche Heer schon auf der Flucht war, hielt sich noch dieser Haufe. Die französischen Ritter scheuten sich, in die vorgestreckten Spieße einzudringen; schließlich aber wurde der Haufe, als Verstärkung kam, doch überwältigt, die Brabanter niedergemacht, der Graf gefangen genommen.

Da die Quelle für diese Szene das Heldengedicht Philippis ist, so werden wir die einzelnen Züge nicht auf die Goldwaage legen dürfen. Je wahrer sie aber sein sollte, um so mehr würde sie die Inferiorität des Fußvolks der Epoche beweisen. Von diesen Brabanzonen rühmt eine Chronik ausdrücklich, sie seien an Kriegskunst und Tapferkeit Rittern ebenbürtig gewesen (pedites quidem, sed in scientia et virtute bellandi equitibus non inferiores), trotzdem verhalten sie sich rein defensiv und dienen, obgleich doch ein ziemlicher Haufe, zu nichts anderem, als einigen Rittern eine gewisse Deckung zu gewähren. Ob ihr Haufe schließlich durch eine Ritterattacke direkt gesprengt oder vielleicht vorher durch Schützen mürbe gemacht worden ist, mag dahingestellt bleiben: die Hauptsache ist, daß selbst diese als besonders tüchtig gerühmte Truppe nach unserer Quelle keinerlei selbständige aktive Wirkung in der Schlacht ausübt.

Tatsächlich aber wird man nicht so weit gehen dürfen. Die Vermutung erscheint mir erlaubt, daß die geschilderte Szene nur den letzten Akt des Kampfes bildete, als die Schlacht bereits verloren war, und die Unterlegenen nur noch ihr Leben möglichst teuer verkaufen wollten. Anfänglich wer den sie mit den Rittern zusammen vorgegangen sein.

Ausdrücklich berichtet wird uns das in derselben Schlacht von den Fußknechten Kaiser Ottos im Zentrum, die die französischen Schützen der Kommunen zurücktrieben und in die Ritterschaft eindrangen bis zur Person König Philipp Augusts selbst, der vom Pferde gerissen wurde. Dies Vorgehen erfolgte natürlich nicht, wie manche es aufgefaßt haben, isoliert, indem die Ritter hinter ihnen halten blieben, sondern gemeinsam mit diesen.[435]

BALLHAUSEN meint, ohne eigentliche Begründung, daß das Heer Ottos mit den Engländern den Franzosen an Zahl ziemlich gleich gewesen sei, und daß das kaiserliche Heer wesentlich deshalb geschlagen wurde, weil es durch den langen Anmarsch ermüdet war. Ich vermag jedoch an den großen Flankenmarsch und den Platz der Schlacht, wie ihn Ballhausen sich fixieren will, nicht zu glauben.


Quelle:
Hans Delbrück: Geschichte der Kriegskunst im Rahmen der politischen Geschichte. Berlin 1923, Teil 3, S. 431-436.
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