Viertes Kapitel.

Die Schlacht bei Sempach.

9. Juli 1386.

[598] So groß der Sieg von Morgarten gewesen war, so spielte die List und der Überfall dabei doch eine zu große Rolle, als daß mit diesem Schlage die endgültige Entscheidung zwischen dem mächtigen Hause Habsburg und den freiheitlichen Bauerschaften hätte gegeben sein können. Wie die Schlacht am Teutoburger Walde nicht durch sie allein, sondern erst in ihrer Wechselwirkung mit den inneren Verhältnissen des römischen Imperiums zur germanischen Freiheitsschlacht wurde, so gewinnt die Schlacht bei Morgarten erst ihre volle Bedeutung dadurch, daß sie eine Masche im Netzwerk der allgemeinen Politik geworden ist. Hatten schon die Waldstätte die Rechtstitel für ihre Reichsunmittelbarkeit gewonnen in dem Zusammenhang des Streits von Staat und Kirche unter Friedrich II. und später der Rivalität der verschiedenen großen Fürstenhäuser um die Königskrone, so war jetzt das Haus Habsburg verhindert, die Niederlage von Morgarten zu rächen, weil es mit allen seinen Kräften durch den Kampf mit Ludwig dem Bayern in Anspruch genommen war, der seinerseits allen drei Kantonen die Reichsfreiheit bestätigte und verbriefte. Um der Zukunft nichts zu vergeben, schlossen aber die Habsburger doch noch keinen Frieden mit den Waldstätten, sondern nur einen Waffenstillstand, der aber von Jahr zu Jahr verlängert, durch Fehden unterbrochen und wieder erneuert, den Eidgenossen erlaubte, sich in ihrer Selbständigkeit zu konsolidieren. Die wirksame Hilfe, die sie Bern[598] bei Laupen geleistet hatten, hob ihr Ansehen weiter, und auch Zürich und Luzern suchten ihre Freundschaft und Bundesgenossenschaft. (Bündnis mit Luzern 1332; Bündnis Zürichs mit den vier Waldstätten 1351.) Schließlich im Bewußtsein ihrer Kraft und auch wohl angefeuert durch den großen Erfolg, mit dem Bern seine Herrschaft ausgedehnt hatte, gingen die Verbündeten zum Angriff über. Luzern, das bisher noch österreichische Landstadt war, wollte diese Herrschaft gänzlich abschütteln, nahm die umliegenden österreichischen Bauerschaften und das Städtchen Sempach in sein Burgrecht auf und entzog das Land damit dem bisherigen Herrn, Herzog Leopold III. Die habsburgischen Burgen in der Nähe wurden angegriffen und zerstört, die Landschaftern, die an der alten Herrschaft festhielten, verwüstet. Vergeblich versuchte der Herzog durch Nachgiebigkeit einen billigen Frieden zu erhalten; die Eidgenossen schritten vor von Eroberung zu Eroberung.

So entschloß sich denn Leopold alle Kräfte zusammenzunehmen, um den Besitz und die Ehre seines Hauses zu retten; wenn er siegte, vielleicht auch das lange Verlorene zurückzugewinnen. Er verpfändete Städte in Italien, um Geld zu erlangen, und warb ringsum unter den ritterlichen Herren Bundesgenossen und Söldner. Auch aus Tirol und Mailand erhielt er Hilfe. Man wird annehmen dürfen, daß sein Heer erheblich stärker war, als einst das seines Oheims, Leopolds I., bei Morgarten, aber auch das Heer der vier Waldstätte wird wohl an doppelt so groß gewesen sein, als das Morgartener, da nicht nur Luzern hinzugetreten war, sondern auch Schwyz sich seither wesentlich vergrößert hatte. Wir werden wohl Leopolds Heer bei Sempach auf 3000, vielleicht 4000, die Eidgenossen auf etwa 6000 bis vielleicht zu 8000 Mann veranschlagen dürfen. Die Quellen schwanken in ihren Angaben über die Stärke der Schweizer zwischen 1300 (Justinger und Ruß) und 33000 Mann (Detmar).

Die Schweizer hielten zunächst Zürich für bedroht und sandten hierhin aus den Waldstätten eine Verstärkung, die in das nahe Österreichische Einfälle machte. Leopold aber faßte kluger Weise zunächst nicht einen der beiden Hauptplätze, Zürich oder Luzern, ins Auge, sondern wandte sich gegen das Städtchen Sempach, gute zwei Meilen nördlich von Luzern, das von ihm abgefallen und zu[599] den Schweizern übergegangen war: er sagte sich, daß, welchen Platz er auch angreife, die Schweizer herankommen, ihn entsetzen und es dadurch zur Schlacht bringen würden. Vor Zürich oder Luzern wären die Bedingungen einer solchen Schlacht für Österreich ungünstig gewesen, da die Sicherung gegen den großen Platz einen wesentlichen Teil seiner Gruppen absorbierte; ein kleiner Ort, wie Sempach, aber nahm zu seiner Einschließung wenig Mannschaft in Anspruch und ließ fast das ganze Heer für die Schlacht im freien Felde zur Verfügung.

So sammelte Leopold sein Heer bei Sursee, nur eine gute Meile abwärts von Sempach am Ausfluß des Sees, schloß noch am Tage des Aufbruchs von dort (9. Juli) Sempach ein und marschierte sofort weiter dem zu erwartenden Entsatzheer entgegen; denn bei Sempach selber, unmittelbar am See, die Schlacht anzunehmen, wäre strategisch wie taktisch fehlerhaft gewesen; die Österreicher wären dort in eine ähnliche Lage wie einst bei Morgarten gekommen. Der Herzog schlug jedoch nicht den direkten Weg nach Luzern, nach Süden ein, sondern nach Osten: er muß also gewußt haben, daß das feindliche Heer aus dieser Richtung im Anrücken begriffen sei. Diese Anmarsch-Richtung ist sehr gut verständlich: ein Teil des eidgenössischen Heeres kam von Zürich, von Nord-Osten her anmarschiert und hätte einen großen Umweg ma chen müssen, um von Süden her auf Sempach zu rücken, und dazu war umsoweniger Veranlassung, als gerade ein Angriff aus östlicher Richtung für den Herzog besonders gefährlich war, weil er seine Mannschaft im Fall der Niederlage gegen den See drängte und den Rückzug nur nach der Flanke gestattete. Die Reuß-Brücke bei Gislikon wird als der Punkt anzunehmen sein, wo die Männer der vier Kantone sich gesammelt hatten und von wo sie anrückten.

So bewegten sich von Westen und Osten die beiden Heere gegeneinander, die Schweizer vermutlich in der Meinung, das Ritterheer bei Sempach selbst, mit dem Rücken gegen den See, zu packen,554 die Österreicher ohne eine sichere Vorstellung, ob der Zusammenstoß an diesem Tage, am Abend oder vielleicht erst am[600] nächsten Tage stattfinden werde. »Ein Feind wußt' von dem andern nicht«, sagt der österreichische Dichter Suchenwirt in seiner Schlachtschilderung. Schon eine kleine halbe Stunde oberhalt Sempachs, dicht vor dem Dorfe Hildisrieden, trafen gegen Mittag die Spitzen der beiden Heere aufeinander. Das Schlachtfeld ist durch die alte Schlachtkapelle sicher bezeugt.


4. Kapitel. Die Schlacht bei Sempach

Das Gelände erhebt sich vom See terrassenförmig und mannigfach durchschnitten nach Osten ziemlich steil; vor Hildisrieden ist eine kleine Ebene, und von ihr aus geht es noch einmal steiler zum Dorf hinaus. Auf der Ebene mögen die Gegner einander zuerst[601] ansichtig geworden sein; an der steilsten Stelle, wo eine Kuppe, ein Hohlweg und auf beiden Seiten kleine Wasserrinnsale die Verteidigung begünstigen, wird sich die Schweizer Vorhut gesetzt haben. Bäume oder Viehzäune mögen die Annäherung noch erschwert haben. Die Ritter sprangen, wie sie ankamen, vom Pferde und suchten die für Reiter schwer zugängliche Höhe zu erstürmen; ihre Schützen setzten den Schweizern hart zu. Herzog Leopold war, wohl in der Meinung bereits alle Schweizer vor sich zu haben, unbesonnen genug, sich selbst am Kampf zu beteiligen, noch ehe die hinteren Staffeln seines Heeres aus der Marschkolonne heranwaren, und die Ritter drangen so gewaltig in den feindlichen Haufen ein, daß das Luzerner Banner schon gesunken, vielleicht in ihre Hand gefallen war. Es war aber nur die eidgenössische Vorhut, mit der sie kämpften, und diese Vorhut wird den Kampf angenommen haben, weil sie einen für die Verteidigung sehr günstigen, vielleicht auch schnell künstlich verstärkten Platz besetzt hatte und jeden Augenblick das Eintreffen des Gewalthaufens erwartete, das sich vielleicht etwas länger hinzögerte, als man gemeint hatte. Endlich aber hatte der Gewalthaufen seinen Aufmarsch aus der Marschkolonne vollendet, sich formiert und brach plötzlich mit ungeheurem Geschrei, einen Steinhagel vor sich hersendend, seitwärts in die Ritter ein. Ob auch noch ein dritter Haufe, die Nachhut, formiert war, ist aus den Berichten nicht ersichtlich, aber anzunehmen.

Der Angriff war so gewaltig, daß die zu Fuß kämpfenden Ritter sofort überrannt wurden, und nicht nur die Knechte, die hinter ihnen die Rosse hielten, von der Panik ergriffen, die Flucht nahmen, sondern auch derjenige Teil des habsburgischen Heeres, der noch im Anmarsch begriffen zu Pferde saß, statt aufzumarschieren und zu attackieren, sich von den Fliehenden mit fortreißen ließ. Der Herzog selbst und mit ihm eine große Zahl von Edlen und Rittern wurden erschlagen.

Die Beschuldigung, da bei der Panik Verrat im Spiele gewesen, werden wir zu den seit Marathon üblichen Verräter-Geschichten legen dürfen: nach Lage der Sache ist die Flucht der noch zu Roß befindlichen Ritter, wenn auch wenig rühmlich, doch nur zu erklärlich.


Quelle:
Hans Delbrück: Geschichte der Kriegskunst im Rahmen der politischen Geschichte. Berlin 1923, Teil 3, S. 598-602.
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