Die Schlacht bei Murten.

22. Juni 1476.

[646] Die Schweizer machten, so sehr auch die Berner darum baten, ihren Sieg nicht etwa zum Fundament einer großen strategischen Offensive; sie verfolgten ihn nicht einmal weit über das Lager von[646] Granson hinaus, sondern kehrten mit der Beute sofort in ihre heimatlichen Kantone zurück.599 So konnte Karl in der Waadt selbst, 11 Meilen von Bern sein Heer reorganisieren. Sein Hauptquartier war Lausanne. In zwei Monaten hatte er hier seine Rüstungen vollendet, ein beträchtlich stärkeres Heer als bei Granson, wohl 18000 bis 20000 Mann, zusammengebracht und begann den Feldzug von neuem.600

Die Berner hatten es diesmal nicht gewagt, so weit vorgeschobene Posten, wie es Granson gewesen war, zu behalten. Der einzige Ort auf savoyischem Gebiet, den sie festhielten, war Murten, welches, drei Meilen von Bern gelegen, die nördlichere der beiden Straßen, auf denen man von Lausanne nach Bern gelangen kann, sperrt, sowie Freiburg die südlichere. Einen von diesen beiden Orten mußte Karl daher zunächst angreifen. Etwa an ihnen vorbei direkt auf Bern zu ziehen, würde keinen Vorteil gebracht haben. Die Berner allein hätten sich schwerlich zur Schlacht im offenen Lande gestellt; der Herzog hätte die Stadt belagern müssen und wäre dabei in derselben Art, aber unter unendlich viel ungünstigeren[647] Umständen von dem Entsatzheer angegriffen worden, wie er es vor Murten oder Freiburg erwarten durfte. Der Herzog mußte sich also notwendig zunächst gegen eine dieser beiden Städte wenden, und der Berner Rat hatte in Voraussicht dessen die Freiburger Bürgerschaft durch einen »Zusatz« von 1000 Mann verstärkt, die auf feindlichem Gebiet gelegene Stadt Murten, deren Gesinnung zweifelhaft war, mit einer Besatzung von 1580 Mann unter Führung eines besonders bewährten Kriegers, Adrian von Bubenberg, versehen.

Der Herzog von Burgund beschloß, sich gegen diesen letzteren Platz zu wenden. Was für spezifisch militärische Gründe auch für diesen Entschluß in die Wagschale gefallen sein mögen – etwa die bessere Rückzugslinie oder Terrain –, das Entscheidende war dieselbe Betrachtung, welche ihn den ersten Feldzug hatte gegen Granson richten lassen. Der Widerwille der östlichen Kantone gegen diesen Krieg war nach Granson ganz ebenso groß wie vorher.601 Deshalb waren sie trotz aller Vorstellungen Berns und trotz der augenscheinlichsten militärischen Vorteile, die zu gewinnen waren, nach dem Siege sofort nach Hause zurückgekehrt und hatten den Burgundern erlaubt, unmittelbar vor ihrer Tür ihren Sammelplatz aufzuschlagen. Selbst Murten wollten sie nicht verteidigen helfen, sondern sich beschränken auf den Schutz des wirklich eidgenössischen Gebietes. Ein Angriff auf Freiburg würde sie sofort mit ganzer Macht unter die Waffen gebracht haben; mit Murten konnte sich leicht dasselbe Spiel wiederholen, wie im Frühling mit Granson.

Was der Herzog weiter beabsichtigte, wenn es ihm gelang, Murten vor Ankunft des Entsatzheeres zu nehmen, ist schwer zu sagen. Er hat zwar zu Panigarola davon gesprochen, daß er dann direkt auf Bern ziehen werde, aber man kann sich auch ebenso gut vorstellen, daß er in einer festen Stellung den Angriff der Schweizer abgewartet hätte. Die 1500 Mann Besatzung von Murten in seiner Hand hätten vielleicht sogar genügt, den Zweck des Krieges zu erreichen, wenn er sie als Pfand gefangen behielt; und wenn er sie wie die Besatzung von Granson hinrichten ließ,

Die Schlacht bei Murten


so hätte er nicht bis Bern zu gehen brauchen, um die Schweizer zu der gewünschten Schlacht im offenen Felde heranstürmen zu sehen.

In wohlüberlegter Weise also ging Karl auf Murten vor, begann die Belagerung (9. Juni) und errichtete gleichzeitig nach außen eine Befestigung gegen ein etwa anrückendes Entsatzheer. Er schloß mit dieser Befestigung nicht sein Lager nahe der Stadt unmittelbar ein, da sie hier von dem ansteigenden Gelände überhöht worden wäre, sondern schob sie vor bis auf die nächste Höhe, anderthalb bis zwei Kilometer von der Stadt entfernt, vor der sich wieder eine ziemliche Ebene, das Wyler Feld, östlich von Burg und Münchenwyler, ausbreitete. Das gab ein vortreffliches Gefechtsfeld, den anrückenden Feind schon von fern her mit Geschütz, dann mit den Kugeln, Bolzen und Pfeilen der Schützen zu empfangen und schließlich, mit Rittern und Fußvolk ausfallend, zum Angriff überzugehen.602

An einer anderen Stelle, wohl bei Montellier, staute er einen Bach, um den Zugang zu sperren. Die Befestigung bestand aus einem »Grünhag«, wie die Schweizer Chronisten sagen, teils Flechtzaun, teils Palissade, die auf den Bodenerhebungen mit Geschützen besetzt wurde. Für den Ausfall wurden Lücken in diesem Grünhag gelassen. Wie weit er östlich um das Lager herumgeführt wurde, ist nicht überliefert, doch wohl so weit, daß höchstens die Südseite offen war, vielleicht auch ganz herum. Vielleicht diente hier der Wald südlich von Münchenwyler als Anlehnung, den man durch Verhack unzugänglich gemacht hatte. Noch weiter konnten die Schweizer, deren natürlicher Sammelpunkt im Nordosten lag, sich nicht wohl herumziehen.[650]

Im Hinblick auf die Festigkeit seiner Stellung war der Herzog überzeugt, daß die Schweizer sich überhaupt nicht heranwagen würden; allein von ihm selbst würde es abhängen, ob es zur Schlacht kommen werde oder nicht, indem er nämlich aus seinem festen Lager heraustrete oder darin bleibe.603

Die Zufuhr in seinem festen Lager sicherte er durch Etappentruppen, die an geeigneten festen Punkten stationiert wurden.

Gegen einen überraschenden Angriff durch ein Entsatzheer würde sich der Herzog am besten gedeckt haben, wenn er die Übergänge der Saane, die ungefähr halbwegs zwischen Murten und Bern von Süden nach Norden fließt, besetzt hätte, namentlich Laupen und Gümmenen. Er machte auch gleich im Anfang (12. Juni) einen Versuch, sich dieser Plätze zu bemächtigen, wiederholte ihn aber, als sie zurückgeschlagen waren, nicht. Er wollte wohl nicht exponierte Posten der Gefahr aussetzen, aufgehoben zu werden oder um ihretwegen zu einer Entsatzschlacht vorrücken zu müssen.

Die Schweizer waren nunmehr imstande, ihr Heer unmittelbar hinter der Saane zu sammeln, und als das Gros beisammen war, über den Fluß bis Ulmitz vorzugehen (12.), nicht mehr als 5-6 Kilometer von der burgundischen Pallissage entfernt. Neben den eigentlichen Schweizern erschienen der Herzog René von Lothringen mit einigen hundert Reitern, österreichische Reiter, Straßburger und andere Kontingente aus dem Elsaß. Aber erst am 22. Juni, dem 13. Tage nach Beginn der Belagerung, war das Heer einigermaßen vollständig. Nicht auf die Nachricht von dem Vormarsch des burgundischen Heeres, nicht einmal auf die Nachricht der Belagerung Murtens, sondern erst als wirklich altbernisches Gebiet verletzt war – was bei Gelegenheit des Vorpostengefechtes an der Saane am 12. Juni geschah –, hatten die Kantone ihre Mannschaften aufgeboten.

Trotz großer Anstrengung war es den Burgundern nicht gelungen, in dieser Zeit Murten zu überwältigen. Sie hatten Bresche geschossen und gestürmt, waren aber zurückgeschlagen worden. Mit der höchsten Tatkraft und Umsicht leitete der Kommandant Bubenberg die Verteidigung. Er hielt die feindlichen Regungen[651] in der Bürgerschaft im Zaume und befeuerte den schon sinkenden Mut seiner Mannschaft durch Zuspruch und Strenge. Verstärkungen, die ihm über den See zugesandt wurden, kamen ihm zu Hilfe. Die burgundischen Kapitäne rieten daher dem Herzog, auf eine Wiederholung des Sturmes zu verzichten, sich auf die fortgesetzte Beschießung zu beschränken und alle Kraft auf die bevorstehende Schlacht zu verwenden, welche auch das Schicksal der Stadt mit bestimme.

Als dem Herzog gemeldet wurde, wie nahe die Schweizer seien, machte er selber mit einigen Hauptleuten, am 21. Juni, dem Tage vor der Schlacht, eine Rekognoszierung. Man kam so nahe, daß die Schweizer zu schießen anfingen, und es wurde erwogen, ob man nicht die Belagerung suspendieren und lieber zunächst diesem Feinde im offenen Felde auf den Hals gehen solle.604 Aber der Herzog entschied sich dagegen. Das Gelände bei Ulmitz, das die Schweizer als Sammelplatz gewählt hatten, war für einen Angriff der Ritter unbrauchbar, von Schluchten durchzogen und mit Wald umgeben, so daß man auch die Zahl des Gegners nicht übersehen und abschätzen konnte. Der Herzog glaubte, es seien noch nicht viele zusammengekommen. Umsoweniger wollte er die Belagerung, die doch endlich zum Ziele führen mußte, unterbrechen. Etwa sein Heer zu teilen, die Belagerung fortzusetzen und gleichzeitig das Entsatzheer bei Ulmitz anzugreifen (wie es etwa Friedrich getan hatte, als er von Prag nach Kollin gegen Daun zog) scheint nicht in Betracht gezogen worden zu sein und konnte sich auch nicht empfehlen, da man doch nicht so sicher wußte, wie stark der Feind bei Ulmitz sei und er durch das Gelände so sehr gut gedeckt war. So blieb der Herzog dabei, die Belagerung fortzusetzen und den[652] Angriff des Entsatzheeres abzuwarten. Panigarola warnte ihn, in dem Verhalten der Schweizer liege eine Tücke, von Stunde zu Stunde könnten sie plötzlich da sein. Aber nachdem das burgundische Heer schon mehrfach in den vorhergehenden Tagen in den Palisaden aufmarschiert war, um sie zu empfangen, und Tag für Tag verging, ohne daß sie kamen, traute der Herzog ihnen einen Angriff überhaupt nicht mehr zu und glaubte sich gegen eine Überraschung im schlimmsten Fall genügend zu schützen, indem er seine Befestigung auf der Front gegen Ulmitz auch für die Nacht mit 2000 Mann zu Fuß und 300 Lanzen besetzte. Das Gros des Heeres, das auch bereits den ganzen Nachmittag in Schlachtordnung gestanden hatte, ließ er ins Lager zurückkehren.

In der Nacht fing es an, stark zu regnen und regnete den ganzen nächsten Vormittag. Die Schweizer machten am Morgen eine Rekognoszierung, zogen sich aber sofort wieder zurück und ließen nichts weiter von sich sehen und hören. Der Herzog glaubte jetzt völlig sicher zu sein, daß sie einen Angriff nicht wagen würde.

Die Schweizer aber hatten eigentlich schon an den vorhergehenden Tagen angreifen wollen und nur noch auf die Ankunft der Züricher gewartet, die endlich in Gewaltmärschen und schließlich noch mit einem Nachtmarsch von Bern her am Sonnabend morgen bei Ulmitz eintrafen. Der Züricher Rat, der den Bernern recht nachdrücklich seine Meinung über die Eroberung der Waadt kundtun wollte, hatte die Mannschaft erst am 18. Juni, mehr als drei Wochen seit der Burgunder von Lausanne zum Vormarsch aufgebrochen, am zehnten Tage seit er die Belagerung Murtens begonnen, abmarschieren lassen; überdies war das Aufgebot unverhältnismäßig klein, nur 1450, höchstens 2000 Mann stark.

Das eidgenössische Gesamtheer aber war dem burgundischen an Zahl doch in noch höherem Maße überlegen als bei Granson. Man wird es auf etwa 26000 Mann zu veranschlagen haben, und wenn man die Besatzung Murtens hinzurechnet, die doch auch sehr in Betracht kommt, da sie einen Teil der Burgunder fesselte und schließlich einen Ausfall machte, auf annähernd 28000. Das burgundische Heer war, um es zu wiederholen, 18000 bis 20000[653] Mann stark, wovon noch einiges für Etappen-Besetzung abzuziehen ist.

Die schweizerische Überlieferung, die das burgundische Heer bei Granson schon auf 100000 Mann veranschlagt hat, hat dem Herzog bei Murten bis zu dem Dreifachen dieser Zahl zugeschrieben.

Der Herzog, numerisch erheblich in der Minderheit, war weiter strategisch im Nachteil wegen der belagerten Stadt mit ihrer starken Besatzung in seinem Rücken, am meisten aber dadurch gefährdet, daß seine Befestigungen, um sich dem Gelände anzupassen, über einen halben Kilometer vor das Lager hinausgeschoben waren und dadurch einen sehr großen Umfang hatten annehmen müssen. Bei einem Angriff kam alles darauf an, daß die Burgunder rechtzeitig an den Palisaden bereit standen, und zwar an der Stelle, die die Schweizer angriffen und die man vorher nicht wissen konnte.

Ein Feldherr muß mit der Kühnheit des Wagens und dem Mut des Entschlusses die stets wache Vorsicht verbinden, die auf die kleinsten Anzeichen achtet und Listen und Tücken des Feindes vorausahnt. Als die Österreicher die Preußen bei Chotusitz überfallen wollten (17. Mai 1742), entgingen dieser der Niederlage nur dadurch, daß der kommandierende General, Erbprinz Leopold von Anhalt, bereits bei Sonnenaufgang selber zu Pferde saß und auf die Meldung vom Nahen des Feindes die Anordnungen für die Alarmierung und den Aufmarsch seiner Truppen treffen konnte. Als die Österreicher Friedrich bei Soor zu überraschen gedachten (30. September 1745), wurde der preußische Gegenstoß nur dadurch ermöglicht, daß der König jeden Morgen um 4 Uhr aufstand und den General du jour schon bei sich hatte, als ihm der Feind gemeldet wurde. Aber auch Friedrich ist bei Hochkirch überfallen worden, und Gneisenau hätte den Sieg von Belle-Alliance vermutlich schon bei Ligny erfochten, wenn er den Anmarsch Napoleons wenige Stunden früher bemerkt hätte. Der Anmarsch einer ganzen Armee scheint etwas so Massives zu sein, daß er nicht unbemerkt bleiben kann. In Wirklichkeit aber ist die Erscheinung, daß ganze Armeen in unmittelbarer Nähe vom Feinde nicht bemerkt werden, sehr häufig in der Kriegsgeschichte. Ich will, weil[654] eigentlich nur die immer wiederholte Erfahrung die Sache glaublich erscheinen läßt, noch an einige erinnern. Am 16. Oktober 1813 erwarteten die Franzosen die Schlesische Armee in einer wohlvorbereiteten Stellung bei Wahren und verließen diese in der Meinung, daß von dieser Seite kein Angriff bevorstehe. Unmittelbar darauf wurde der Feind gemeldet und war bereits so nahe, daß man in jene Stellung nicht zurückkehren konnte, sondern die eine Viertelmeile rückwärts liegende Stellung von Möckern, wo man eben angelangt war, einnahm. Noch krasser ist das Beispiel der Schlacht bei Königgrätz, wo die Österreicher auf dem rechten Flügel den Anmarsch der Truppen des Kronprinzen nicht eher bemerkten, als bis sie mitten unter ihnen waren. Am 4. August 1870 war die ganze III. Armee auf Weißenburg im Anmarsch, ohne daß die französischen Patrouillen sie bemerkten; der General Douay ließ auf ihre Meldungen hin die Truppen abkochen, als plötzlich bei den Vorposten das Feuern begann. Die Gefechte von Trautenau 1866, wo die Preußen die Ankunft des Gros der Österreicher nicht bemerkten, und von Beaumont 1870, wo die Franzosen von den Preußen überfallen wurden, gehören insofern hierher, als der Fehler darin lag, daß man den Feind nicht bemerkte, weil man ihn nicht erwartete. Ferner läßt sich noch heranziehen, daß die Deutschen den 17. und den ganzen Vormittag des 18. August 1870 gebrauchten, ehe sie den rechten Flügel der französischen Stellung bei St. Privat herausfanden, der nur eine Meile von ihnen entfernt war.

Ist also die rechtzeitige Beobachtung eines feindlichen Anmarsches, der in diesem Falle noch durch Wald gedeckt war, schon an sich etwas gar nicht so ganz Leichtes und Selbstverständliches, so entbehrte der Herzog von Burgund durchaus der Feldherrneigenschaften, die nötig gewesen wären, um einer solchen Situation gewachsen zu sein. Statt die Schweizer, deren Lager er ja kannte, aufs sorgsamste zu beobachten, selber die ganze Aufmerksamkeit dorthin zu richten oder sie dem zuverlässigsten Hauptmann auf die Seele zu binden, verstockte er sich in seiner Vorstellung, sie würden den Angriff nicht wagen, und selbst, als mittags Meldungen einliefen, daß sie anrückten, verhielt er sich längere Zeit ungläubig und traf keine Anordnungen.[655]

Die schweizerischen Führer hatten sorgfältig erwogen, wohin sie ihren Angriff richten sollten, und der Kriegsrat war zu dem Beschluß gekommen, den Angriff nicht auf das Belagerungskorps im Norden der Stadt, am See, sondern auf das Zentrum der burgundischen Stellung auf dem Weyler Felde zu richten; drang man hier durch, so mußte ein großer Teil des feindlichen Heeres von der Rückzugsstraße abgedrängt und abgeschnitten werden. Es ist wert, die eigenen Worte des Berner Chronisten über diesen entscheidenden Entschluß zu wiederholen: »da warent alle Hauptlüht, Venner und Rähte, von Stetten und Lendern, dazu andere Pundgnossen und Verwanten, Tag und Tag by einandern zu bedencken und rahtschlagen, wie sie die Sachen nach Ehren angriffen und handeln möchten, dann sy allweg in Fürsorgen warent, der Hertzog und die Rechtschuldigen wurden inen entrinnen, als vorhin vor Granson auch beschechen was, und wurden des mit einandern enhellichen zu Raht, daß sy in dem Namen Gottes, und mit seiner Göttlichen Hilf, den rechten Herrn am ersten angriffen, und den inmaßen hinderziehen wolten, das er inen nit wol möcht entrinen, dann sy meinten, ob sy joch dem Grafen von Reymond, der sin Lager hier diesenthalb Murten auch mechtiglich geschlagen hat, am ersten angriffen und erschlugen, so würden der Herzog und die andern Rechtschuldigen zu Flucht bewegt.«

Der Angriff ging also von Ulmitz geradeaus über die kleine Hochebene zwischen den Dörfern Burg und Salvenach (eine kleine Viertelmeile südlich von Burg) hindurch auf die burgundische Verschanzung, die sich etwa von dem Dorf Münchenwyler nordwärts in der Richtung auf Burg oder auf den Aderahügel erstreckt haben wird. Zwischen den drei605 Haufen der Spieße[656] und Hellebarden waren die Ritter, nicht weniger als 1800, und die Schützen.

Den Oberbefehl führte, charakteristisch genug für die innere Spannung in der Eidgenossenschaft, kein Schweizer, sondern ein Vasall das Hauses, mit dem man bis vor drei Jahren in Erbfeindschaft gelegen, der österreichische Ritter Wilhelm Herter. Der Berner Chronist hat es nicht über sich gewinnen können, diese Tatsache zu verzeichnen, schweigt von dem Oberbefehlshaber ganz, nennt auch den Hauptmann des Gewalthaufens nicht, der ein Züricher war, Hans Waldmann, sondern hebt nur rühmend die Person des Führers der Vorhut, des Berners Hans von Halwil, hervor und nennt neben ihm allein den Führer der Nachhut, Kaspar Hartenstein.606

Merkwürdig genug machte dieses Bauern- und Bürgerheer während des Vormarsches im Walde einen längeren Halt, währenddessen der Graf von Thierstein einer größeren Anzahl von Persönlichkeiten, darunter auch dem Bürgermeister von Zürich, Waldmann, den Ritterschlag erteilte. Die Zeremonie dauerte so lange, daß die Menge schließlich ungeduldig wurde.

Aber trotz dieses Aufenthaltes waren, als die Massen, Reiter, Schützen und schließlich die gewaltigen Gevierthaufen mit den fliegenden Bannern aus dem Walde auf das Wyler Feld heraustraten, die Burgunder immer noch nicht alarmiert, und der Grünhag nicht stärker besetzt, als während der Nacht, mit 2000 Mann zu Fuß und 300 Lanzen.

So schwach die Besatzung war, so wurde der erste Angriff doch zurückgeschlagen; die Bericht beider Seiten stimmen darin[657] überein. Nach der Erzählung des Berners Schilling müßte man annehmen, daß die Haufen bis an die burgundischen Palisaden selbst gekommen, hier nicht durchgedrungen und wieder umgekehrt wären. Wahrscheinlicher ist wohl, daß schon die Wirkung des burgundischen Geschützes und der Anblick der mit Schützen besetzten Befestigung die Angriffskolonnen zum Stutzen brachte. Die Erzählung eines anderen Augenzeugen, des Luzerners Etterlin, lautet: »Do hattent sich die vygent treffenlich gesterckt, und treffenliches großes geschützes, Schussent treffenlich und vygentlich gegen den Eydtgenossen in yr ordnung, des gelichne in die Rütter die dann nebent der Ordnung hieltent in einem veldlin und tatten an dem ende großen schaden, dann ich peterman etterlin, setzer diser coronick und menig fromm mann, so do warent, gesüchent ettliche Reysigen und Ritter, an mitten entzwey schiessen das das oberteyl gantz anweg kam und der unterteyl im sattel beleyb, des gelichen wurdent ettlichen der kopf ab auch sust erschossen und geletzt, aber dennoch von den gnaden gottes nit viel.« Wären die Schweizer bis an die Palisaden gekommen und hätten im Bereich der feindlichen Geschosse zurückgemußt, so wäre der Verlust wohl ziemlich groß geworden. So war es mehr der moralische Eindruck der fürchterlichen Verletzungen durch die Vollkugeln, als die Zahl der Getöteten, welcher die Kolonnen zum Stehen brachte.

Panigarola berichtet, der Kapitän Jacob Galioto und alle anderen Kapitäne hätten ihm gesagt, daß, wenn das burgundische Heer zur Stelle gewesen wäre, als die Schweizer umkehrten und sich nach dem Wald hinzogen, man sie unzweifelhaft besiegt haben würde.607 Ob die Schweizer Gevierthaufen wirklich so sehr erschüttert gewesen sind, mag bezweifelt werden, aber richtig ist, daß dies für die Burgunder der gegebene Augenblick für den Übergang zur Offensive gewesen wäre.

Einige Ritter waren mutig genug, auf die Schweizer loszusprengen,608 aber die wenigen konnten nichts ausrichten, und das burgundische Heer war nicht zur Stelle. Eben erst hatte Herzog Karl unten im Lager zum Rüsten, Satteln und Aufsitzen blasen lassen. Panigarola war selbst auf die Höhe gegangen, hatte die[658] Schweizer mit eigenen Augen gesehen, die Reiter, den Wald starrender Spieße, die fliegenden Banner; er war hinuntergestürzt zum Herzog und half ihm die Rüstung anlegen. Selbst in diesem Augenblick aber wollte er noch zweifeln. Als er endlich das Pferd bestieg, war die Entscheidung bereits gefallen.

Es konnte den Schweizern nicht schwer werden, in dem welligen Gelände einen Anstieg zu finden, wo sie gegen die Geschützkugeln gedeckt waren; ohnehin waren die Geschütze nicht schnell wieder zu laden und in eine andere Richtung zu bringen. Eine Baseler Erzählung berichtet,609 der Ammann von Schwyz habe den Rat zu dieser Bewegung gegeben und sich selbst mit der Hellebarde in der Hand an die Spitze gestellt.

Als die Krieger Burgunds, Ritter, Bogner und Spießer, aufgeschreckt in einzelnen Abteilungen aus dem Lager heraneilten, war der Grünhag erstürmt und niedergebrochen, die Flüchtigen kamen ihnen bereits entgegen und ihnen nach in dichten Massen, wenn auch schon aufgelöster Ordnung,610 die Schweizer. Der Herzog hatte alle Mühe, sich selbst zu retten, und machte keinen Versuch mehr, die Seinigen in einer neuen Stellung zum Halten zu bringen. Die gewaltige Überzahl und das stürmische Vordringen der Schweizer, die Verwirrung und Vereinzelung bei den Burgundern machte alle Anstrengungen scheitern. Nur ein Teil der Berittenen entkam; das Fußvolk, darunter die berühmten englischen Bogenschützen, wurde von der feindlichen Reiterei, die ja sehr zahlreich war, ereilt und zum großen Teil niedergehauen; die ganzen Heeresabteilungen aber, welche die Stadt Murten umschlossen hielten, waren abgeschnitten, ehe sie erfuhren, was geschehen war. Sie wurden sämtlich hingeschlachtet oder im See ertränkt; nur die Abteilung des Grafen Romont, die im Norden der Stadt lagerte, entkam, indem sie in großem Bogen um das feindliche Heer herum an der Saane entlang flüchtete.[659]

Als Beispiele für die Unzuverlässigkeit von Quellenberichten, die ihrer Herkunft nach als sehr annehmbare Zeugen gelten mußten, sei erwähnt, daß die Lothringische Chronik berichtet, Herzog René habe die Schweizer angeführt; Molinet, der burgundische Hof-Historiograph, die Schweizer hätten sich mit einem Grunhag verschanzt, den die Burgunder vergeblich zu erstürmen versuchten, Heuterus, Karl habe sein Fußvolk in einem großen Gevierthaufen aufgestellt gehabt, die Reiter auf den Flügeln, die Schützen im Rücken.

Den Gesamtverlust schätzt Panigarola einmal (8. Juli) auf 8-10000 Mann, den Troß eingerechnet; später gibt er an (13. Juli), daß von seinen 1600 Lanzen der Herzog 1000 Lanzen und 200 Edle gerettet habe, was wohl so zu verstehen ist, daß die 1000 Lanzen als volle Lanzen angesehen werden, von den 200 anderen sich nur die am besten berittenen Edlen gerettet haben, die Gemeinen und namentlich die Schützen untergegangen, und endlich die 400 noch übrigen Lanzen völlig vernichtet sind. Nach diesem Bericht wäre also etwa ein Drittel des Heeres, 6000 bis 7000 Mann, gefallen, was mit der vorhergehenden Angabe (von der ja noch der Troß abzuziehen ist) etwa stimmen würde. In einer dritten Depesche (vom 27. Juli) berichtet Panigarola von einer Heerschau, die Karl über die Geretteten abhielt. Hier kamen 11 Kompagnien zusammen, welche hätten 1100 Lanzen geben müssen, aber nicht viel über die Hälfte so stark waren. Das würde den Verlust sehr viel größer erscheinen lassen, als die vorhergehenden Berichte, aber Panigarola fügt hinzu, daß nicht alle die Fehlenden gefallen, sondern viele Italiener und Burgunder nach Hause gegangen seien. Man wird also annehmen dürfen, daß von den insgesamt gegen 20000 Kriegern in dem Heere Karls sich außer den 2-3000 Savoyern etwa 8-10000 gerettet, 6-8000 und eine große Anzahl Troßknechte und Lagergefolge erschlagen worden sind.

Über den Verlust der Schweizer haben wir keine authentische Nachricht.611 Panigarola, der selber auf der Flucht noch gesehen hatte, wie burgundische Krieger sich in der Verzweiflung hinwarfen, die Hände kreuzten und sich wehrlos abschlachten ließen, berichtet[660] später mehrfach, daß er von ausgelösten Gefangenen und geretteten Frauen gehört habe, wie die abgeschnittenen Burgunder ihr Leben teuer verkauft hätten.

Das wird bestätigt durch die Briefe Molbingers,612 der erfahren haben will, daß die deutschen Knechte, unter denen sogar viele schweizerische Überläufer gewesen seien, »vast fest gestanden« und sich »ritterlich gewehrt«, ehe sie erschlagen wurden. Trotzdem ist der Verlust von 3000 Mann, den nach Panigarola das eidgenössische Heer erlitten haben soll, sicherlich zu hoch.


Quelle:
Hans Delbrück: Geschichte der Kriegskunst im Rahmen der politischen Geschichte. Berlin 1923, Teil 3, S. 646-661.
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