Nachmittagssitzung.

[222] DR. HORN: Herr Zeuge! Ist es richtig, daß Sie bei der Besprechung am 30. August 1939 zwischen dem Angeklagten von Ribbentrop und dem Britischen Botschafter Sir Nevile Henderson zugegen waren?

DR. SCHMIDT: Ja, das ist richtig.


DR. HORN: Wo fand diese Besprechung statt?


DR. SCHMIDT: Die Besprechung fand im Arbeitszimmer des Außenministers im Auswärtigen Amt in Berlin statt.


DR. HORN: In welcher Eigenschaft nahmen Sie an dieser Besprechung teil?


DR. SCHMIDT: Ich nahm an dieser Besprechung als Dolmetscher und Protokollführer teil.


DR. HORN: Seit wann sind Sie im Auswärtigen Amt in dieser Eigenschaft und für wen waren Sie in dieser Eigenschaft tätig?


DR. SCHMIDT: Ich bin seit dem Jahre 1923 im Auswärtigen Amt als Dolmetscher für Konferenzen tätig gewesen und habe in dieser Eigenschaft für alle Außenminister von Stresemann bis von Ribbentrop gedolmetscht, ebenso für eine Reihe von deutschen Reichskanzlern, wie Hermann Müller, Marx, Brüning, Hitler und für sonstige Kabinettsmitglieder und Delegierte, die Deutschland auf internationalen Konferenzen vertraten. Ich habe also an allen internationalen Konferenzen seit 1923 als Dolmetscher teilgenommen, auf denen Deutschland vertreten war.


DR. HORN: Hatten Sie Gelegenheit, bei dieser Besprechung zwischen Ribbentrop und Sir Nevile Henderson als Dolmetscher in Aktion zu treten?


DR. SCHMIDT: Nein, diese Gelegenheit hatte ich nicht, da die Unterhaltung auf deutsch geführt wurde.


DR. HORN: War Botschafter Henderson der deutschen Sprache in vollem Umfange mächtig?


DR. SCHMIDT: Die Kenntnisse des Botschafters Henderson im Deutschen waren ziemlich gut, jedoch nicht vollkommen, so daß es vorkommen konnte, daß er im Augenblick der Erregung gewisse Dinge nicht ganz richtig verstand, wie ein Zwischenfall, der sich während der eben erwähnten Unterredung zutrug, bewies – und es war ihm dann auch manchmal nicht immer leicht, sich verständlich auf deutsch auszudrücken; aber er pflegte bei diesen Unterhaltungen mit den deutschen Gesprächspartnern im allgemeinen deutsch als Verhandlungssprache vorzuziehen.


[222] DR. HORN: Im Laufe der Unterredung hat Herr von Ribbentrop dem Botschafter Henderson ein Memorandum vorgelesen, das die deutschen Vorschläge einer Regelung der zwischen Deutschland und Polen schwebenden Fragen enthielt. Ich frage Sie nun, Herr Zeuge, hat Henderson Sie bei dieser Unterredung ersucht, ihm den Inhalt des von Ribbentrop verlesenen Memorandums zu verdolmetschen?


DR. SCHMIDT: Nein, das hat er nicht getan.


DR. HORN: Hatten Sie den Eindruck, daß Sir Nevile Henderson auf Grund seines Verhaltens den Inhalt des Memorandums voll aufgenommen hatte?


DR. SCHMIDT: Das läßt sich natürlich sehr schwer sagen. Man kann in niemanden hineinsehen. Ich bezweifle aber, daß er das Dokument in seinen Einzelheiten erfaßt hat.


DR. HORN: Hat von Ribbentrop dem Botschafter Sir Nevile Henderson bei Verlesung des Dokuments Erläuterungen zum Text gegeben?


DR. SCHMIDT: Ja, es wurden während der Verlesung dieses Dokuments von Zeit zu Zeit vom Außenminister zu einigen Punkten, die vielleicht unklar waren, Erläuterungen an Henderson gegeben.


DR. HORN: Hat Sir Nevile Henderson selbst um derartige Erläuterungen ersucht?

DR. SCHMIDT: Nein, Sir Nevile Henderson saß da und hörte sich die Verlesung des Dokuments und die gegebenen Erläuterungen an.


DR. HORN: In welcher Atmosphäre fand diese Besprechung statt?


DR. SCHMIDT: Die Atmosphäre, in der diese Besprechung stattfand, war, das kann ich wohl sagen, gewissermaßen mit Elektrizität geladen. Beide Gesprächspartner waren außerordentlich nervös. Henderson war sehr unruhig und den Außenminister hatte ich selbst vorher noch nie und in der Folge vielleicht einmal derartig nervös erlebt, wie bei dieser Unterredung. Zur Illustration der Atmosphäre kann vielleicht ein Zwischenfall dienen, der sich im ersten Teil der Unterredung abspielte. Da hatte es sich darum gehandelt, auf deutscher Seite noch einmal die Punkte zu präzisieren, die gegen die Polen und ihre Regierung vorgebracht werden konnten, und der Außenminister hatte das in allen Einzelheiten getan und hatte dann mit den Worten abgeschlossen: »Sie sehen also, Sir Nevile Henderson, die Lage ist verdammt ernst.« Als Sir Nevile Henderson diese Worte hörte, »also verdammt ernst«, fuhr er auf, erhob sich so gewissermaßen halb von seinem Sitz und zeigte mit einer Art warnenden Finger auf den Außenminister und sagte zu ihm: [223] »Sie haben eben ›verdammt‹ gesagt, das ist nicht die Sprache eines Staatsmannes in einer so ernsten Situation.«


VORSITZENDER: Für welchen Anklagepunkt ist das erheblich?


DR. HORN: Für den Punkt der Anklage, daß von Ribbentrop das Memorandum, das entscheidende Memorandum, am 30. August 1939. so schnell verlesen habe, daß der Botschafter Sir Nevile Henderson nicht in der Lage war, den Inhalt dieses Memorandums zu erfassen, ihn an seine Regierung weiterzugeben und seine Regierung zu veranlassen, es der Polnischen Regierung weiterzugeben, um die Verhandlungen fortlaufen zu lassen zwischen Deutschland und Polen. England hatte damals seine guten Dienste und seine Vermittlung beiden Regierungen angeboten. Deutschland hatte auf Grund...


VORSITZENDER: Welchen Passus der Anklageschrift meinen Sie jetzt? Sie können recht haben, ich weiß es nicht. Ich möchte nur wissen, auf welchen Passus Sie sich beziehen.


DR. HORN: Das bezieht sich auf die Vorbereitung beziehungsweise Nichtverhinderung eines Angriffskrieges, zu dem Ribbentrop als Mitverschwörer angeklagt ist.


VORSITZENDER: Das ist auf Seite 9, nicht wahr, unter F 4? Da steht nichts drin über die Art und Weise, in der dieses Dokument Sir Nevile Henderson überreicht wurde. Sie haben vermutlich die Anklageschrift. Wo steht das in der Anklageschrift?


DR. HORN: Es ist von der Anklagebehörde hier vorgetragen worden und es ist weiter vorgetragen worden und von Chamberlain im Parlament behauptet worden, daß dieses Memorandum von Ribbentrop so schnell verlesen worden sei, daß eine Übermittlung, eine Aufnahme des Inhalts und eine Übermittlung auf diplomatischem Wege, die England ausdrücklich angeboten hatte, nicht möglich gewesen sei. Der Angeklagte von Ribbentrop steht also unter der direkten Anklage, diese letzte Möglichkeit einer weiteren Verhandlung mit Polen verhindert zu haben. Mit der Aussage des Zeugen wird bewiesen, daß diese Schuld den Angeklagten von Ribbentrop nicht treffen kann.


VORSITZENDER: Dr. Horn, Sie haben festgestellt, daß es auf diese Weise verlesen wurde. In der Anklageschrift wird ein derartiger Vorwurf überhaupt nicht erhoben. Es mag sein, daß die Anklagebehörde sich irgendwann darauf bezogen hat. Sie haben das nun festgestellt, und es ist sicher nicht nötig, sich noch länger damit aufzuhalten.


DR. HORN: Dann darf ich also fortfahren?


[224] [Zum Zeugen gewandt:]


Sie hatten also den Eindruck, daß beide Staatsmänner sehr erregt waren?

DR. SCHMIDT: Ja, den Eindruck hatte ich.

DR. HORN: Auf welche Ursache führen Sie diese Erregung zurück?


DR. SCHMIDT: Auf die gespannte Lage der Verhandlungen, auf die zahlreichen Besprechungen, die während der ganzen vorhergehenden Tage fast ununterbrochen stattgefunden und starke Anforderungen an die Nervenkraft aller Beteiligten gestellt hatten.


DR. HORN: Ist es richtig, daß von Ribbentrop, wie Sir Nevile Henderson in seinem Buch behauptet, in den häßlichsten Ausdrücken gesagt habe, daß er den Polnischen Botschafter niemals um seinen Besuch bitten würde?


DR. SCHMIDT: Das ist mir nicht erinnerlich. Der Außenminister hatte lediglich gesagt, daß er den Polnischen Botschafter nur als Verhandlungs- oder Gesprächspartner brauchen könnte, wenn der Polnische Botschafter mit entsprechenden Verhandlungsvollmachten zu ihm käme.


DR. HORN: Und diese Vollmacht hatte der Botschafter Lipski nicht?


DR. SCHMIDT: Er hat auf eine diesbezügliche Frage, die der Außenminister an ihn richtete, als der Botschafter Lipski bei ihm war, mit einem deutlichen Nein geantwortet. Er habe keine Verhandlungsvollmachten.


DR. HORN: Und daraufhin hat Ribbentrop Sir Nevile Henderson erklärt, daß er dann den Botschafter nicht empfangen könne. Ist das richtig?


DR. SCHMIDT: Nein, ich habe eben gesprochen von einer Unterhaltung, die der Außenminister mit dem Polnischen Botschafter gehabt hat, und in derem Verlauf die Frage an den Polnischen Botschafter gestellt wurde, ob er Verhandlungsvollmachten habe. Darauf hat der Polnische Botschafter gesagt: »Nein!« und darauf hat der Außenminister erwidert, daß in diesem Falle sich natürlich kein Gespräch machen ließe.


DR. HORN: Von Ribbentrop hat dann dieses Memorandum, von dem wir vorhin gesprochen hatten, dem Botschafter Sir Nevile Henderson nicht überreicht. Hatten Sie den Eindruck, daß von Ribbentrop den Text des Ultimatums dem Botschafter Sir Nevile Henderson deshalb nicht überreichte, weil er nicht wollte oder weil er nicht durfte?


DR. SCHMIDT: Es ist schwer für mich, auf diese Frage eine ganz klare Antwort zu geben, da ich ja bei den vorbereitenden [225] Besprechungen, die Hitler mit dem Außenminister sicherlich über diesen Punkt vor der Unterredung mit dem Englischen Botschafter gehabt hat, nicht zugegen war. Ich kann also nur aus meinen Eindrücken der Unterredung mit dem Englischen Botschafter Rückschlüsse ziehen über das, was dem Außenminister möglicherweise von Hitler als Instruktion für die Unterredung mitgegeben worden war. Und dazu kann ich folgendes sagen:

Als Henderson bat, man möge ihm das Dokument, das die deutschen Vorschläge enthielt, übergeben, sagte der Außenminister: »Nein, das Dokument kann ich Ihnen nicht geben«, und zwar gebrauchte er diese Worte. Das war natürlich ein etwas außergewöhnliches Verfahren, denn normalerweise hätte Sir Nevile Henderson wohl erwarten können, daß ihm ein soeben verlesenes Dokument am Schluß auch überreicht würde. Ich selbst war über die Antwort des Außenministers ziemlich überrascht und blickte auf, weil ich glaubte, ich hätte falsch verstanden; ich blickte den Außenminister an und hörte, daß er nun zum zweitenmal sagte: »Ich kann Ihnen das Dokument nicht geben«. Ich sah aber, daß ihm diese Angelegenheit wohl selbst etwas peinlich war und daß er sich der ziemlich schwierigen Lage, in der er sich durch diese Antwort befand, wohl bewußt sein mußte, denn es spielte ein gewisses unbehagliches Lächeln um seine Lippen, als er diese Worte: »Ich kann Ihnen das Dokument nicht geben« mit ruhiger Stimme Sir Nevile Henderson gegenüber gebrauchte. Ich sah daraufhin Sir Nevile Henderson an, weil ich natürlich nun erwartete, daß Sir Nevile Henderson mich auffordern würde, ihm dieses Dokument zu übersetzen, aber die Aufforderung kam nicht. Ich blickte Sir Nevile Henderson von mir aus ziemlich einladend an, denn ich wollte von mir aus dieses Dokument übersetzen, weil ich wußte, wie außerordentlich wichtig eine schnelle und vollständige Übergabe seines Inhalts an die Englische Regierung war und hätte, wenn ich aufgefordert worden wäre, zu übersetzen, ganz langsam, fast in Diktatgeschwindigkeit, sprechen können, um gewissermaßen durch diese Hintertür dem Englischen Botschafter es zu ermöglichen, nicht nur die allgemeine Linie, sondern die Einzelheiten des deutschen Vorschlages niederzuschreiben und anschließend an seine Regierung zu übermitteln. Aber auch auf mein aufforderndes Hinsehen reagierte Sir Nevile Henderson nicht, so daß dann die Unterredung sehr bald ihr Ende fand und die Ereignisse ihren Laut nahmen.


DR. HORN: Haben Sie am Morgen des 3. September 1939 das englische Ultimatum an die Deutsche Regierung entgegengenommen?


DR. SCHMIDT: Jawohl, das trifft zu.


DR. HORN: Wem haben Sie dieses Ultimatum überreicht?


DR. SCHMIDT: Am Morgen des 3. hatte die Englische Botschaft so zwischen zwei und drei Uhr an die Reichskanzlei telephoniert, [226] wo ich noch mit dem Außenminister anwesend war, um mich für eventuelle Besprechungen zur Verfügung zu halten, um mitzuteilen, daß der Englische Botschafter von seiner Regierung Instruktionen erhalten habe, wonach er genau um neun Uhr morgens dem Außenminister eine wichtige Mitteilung namens der Englischen Regierung zu machen hätte, und er bat daher um eine Unterredung bei Herrn von Ribbentrop zu dieser Zeit. Dieser ließ erwidern, daß er selbst nicht verfügbar wäre, daß er aber einen Angehörigen des Auswärtigen Amtes, in diesem Falle mich, ermächtigen würde, an seiner Stelle die Mitteilung der Englischen Regierung durch den Englischen Botschafter entgegenzunehmen. Und so kam es, daß ich morgens um neun Uhr den Englischen Botschafter in Ribbentrops Arbeitszimmer empfing. Meine Aufforderung, sich zu setzen, lehnte Henderson ab und verlas mir stehend das bekannte Ultimatum der Englischen Regierung an die Deutsche Regierung, wonach, wenn nicht gewisse Bedingungen von deutscher Seite erfüllt würden, die Englische Regierung sich um elf Uhr vormittags als mit Deutschland im Kriegszustand betrachten würde.

Nachdem wir noch einige persönliche Abschiedsworte gewechselt hatten, nahm ich das Dokument und begab mich damit in die Reichskanzlei.


DR. HORN: Wem haben Sie dieses Dokument dort überreicht?


DR. SCHMIDT: In der Reichskanzlei habe ich es Hitler überreicht, das heißt ich habe ihm, den ich bei Besprechungen mit dem Außenminister in seinem Arbeitszimmer traf, dieses Dokument ins Deutsche übersetzt. Als ich mit der Übersetzung fertig war, herrschte zunächst Stillschweigen.


DR. HORN: War Hitler allein in dem Raum?


DR. SCHMIDT: Nein, wie ich bereits sagte, befand er sich in seinem Arbeitszimmer zusammen mit dem Außenminister. Und als ich mit der Übersetzung fertig war, waren beide Herren ungefähr eine Minute lang völlig still. Ich konnte deutlich bemerken, daß ihnen diese Entwicklung der Dinge keineswegs gelegen kam. Hitler saß eine Weile lang nachdenklich auf seinem Stuhl und blickte einigermaßen besorgt vor sich hin. Dann beendete er das Schweigen mit einer etwas brüsken Frage an den Außenminister und sagte: »Was sollen wir denn nun machen?« Darauf begannen dann die Herren unter sich über die nächsten diplomatischen Schritte, die zu ergreifen wären, zu sprechen, ob dieser oder jener Botschafter herbeizurufen wäre und so weiter. Ich verließ natürlich das Zimmer, da ich weiter nichts zu tun hatte. Als ich in das Vorzimmer kam, fand ich dort, oder hatte vielmehr schon beim Hineingehen einige Kabinettsmitglieder und höhere Beamte versammelt gefunden, denen ich beim Hineingehen nur auf ihre fragenden Blicke – denn [227] sie wußten, daß ich soeben mit dem Englischen Botschafter zusammengewesen war – gesagt hatte, daß keine zweite Münchener Konferenz stattfinden würde. Als ich nun wieder herauskam, sah ich an den besorgten Gesichtern, daß meine Äußerung richtig aufgefaßt war, und als ich nunmehr ihnen noch mitteilte, daß ich soeben ein englisches Ultimatum Hitler überbracht habe, da fiel ein sehr bedrücktes Schweigen über den Raum, die Gesichter wurden plötzlich ziemlich ernst, und ich erinnere mich noch, daß zum Beispiel Göring, der vor mir stand, sich zu mir herumdrehte und sagte: »Wenn wir diesen Krieg verlieren, dann gnade uns der Himmel.« Goebbels stand in einer Ecke für sich allein und machte ein außerordentlich ernstes, um nicht zu sagen bedrücktes Gesicht, und diese Atmosphäre der Bedrücktheit herrschte bei allen Anwesenden und ist mir natürlich als etwas sehr Bemerkenswertes zu der Stimmung am ersten Kriegstage in dem Vorzimmer der Reichskanzlei bis auf den heutigen Tag in Erinnerung geblieben.


DR. HORN: Sie hatten also nicht den Eindruck, daß diese Männer eine Kriegserklärung erwarteten?


DR. SCHMIDT: Nein, den Eindruck hatte ich nicht.


DR. HORN: Herr Zeuge, hatten Sie Gelegenheit zu beobachten, wie von Ribbentrop auf das Eintreffen der Nachricht des japanischen Überfalles auf Pearl Harbor reagierte?


DR. SCHMIDT: Eine direkte Gelegenheit dazu hatte ich nicht. Aber es war bei uns im Auswärtigen Amt allgemein bekannt, daß der Außenminister, genau so wie das ganze Auswärtige Amt, von der Nachricht von Pearl Harbor völlig überrascht worden war. Bestätigt wurde bei mir dieser Eindruck durch eine Mitteilung, die mir ein Mitglied der Presseabteilung machte. Die Presseabteilung hatte eine Abhörstelle für Rundfunknachrichten, und bei wichtigen Nachrichten hatte der diensttuende Beamte die Weisung, sofort den Außenminister persönlich ins Bild zu setzen. Als nun die erste Nachricht von Pearl Harbor von dieser Abhörstelle der Presseabteilung aufgefangen wurde, glaubte der Diensthabende, sie sei wichtig genug, um sie seinem Chef, also dem Leiter der Presseabteilung, zu melden, der sie an den Außenminister weitergeben sollte. Er wurde aber von dem Außenminister – so ist mir berichtet worden – ziemlich unwirsch abgewiesen und der Außenminister sagte: Das wäre sicher irgendeine Presseerfindung oder eine Presseente, und unsere Presseabteilung sollte ihn nicht mit solchen Sachen stören. Daraufhin kam eine zweite und eine dritte Meldung über Pearl Harbor. Ich glaube, es war dann auch eine Reutermeldung darüber von der Abhörstelle aufgefangen worden, und da faßte der Leiter der Presseabteilung, [228] wie er mir sagte, noch einmal Mut, trotz des Verbots, den Außenminister nicht mehr zu stören, und teilte ihm diese Nachricht noch einmal mit.


VORSITZENDER: Diese Aussage erscheint dem Gerichtshof absolut unerheblich und uninteressant.


DR. HORN: Von Ribbentrop wird beschuldigt, auch den Angriffskrieg gegen die USA vorbereitet zu haben.


VORSITZENDER: Sie sprachen über die Reaktion der Presse. Was haben wir mit der Reaktion der Presse zu tun?


DR. HORN: Der Zeuge schildert, wie von Ribbentrop auf den Angriff von Pearl Harbor reagierte. Von Ribbentrop wußte nichts davon, daß Pearl Harbor von den Japanern, überhaupt daß Amerika angegriffen werden sollte. Eine derartige Vereinbarung hat auch nicht zwischen Japan und Deutschland bestanden. Es ist also nicht richtig, daß von Ribbentrop einen Angriffskrieg gegen die USA vorbereitet habe. Das wird dadurch....


VORSITZENDER: Sie haben über die Presse gesprochen. Ich sage nicht, daß Sie ihn nicht fragen sollten, ob der Außenminister nichts über den Angriff auf Pearl Harbor wußte; das habe ich nicht gesagt. Ich sagte, es interessiert den Gerichtshof nicht, und er hält es für unerheblich, daß Sie auf die Reaktion der Presse eingehen.


DR. HORN: Herr Zeuge, Sie waren bei den Verhandlungen zu dem Flottenvertrag mit England dabei. Können Sie uns sagen, wie diese Verhandlungen verliefen, und ob sie von Ribbentrop aufrichtig meinte, und was er damit für Ziele verfolgte.


DR. SCHMIDT: Der Verlauf der Verhandlungen, bei denen ich auch als Dolmetscher zugegen war, vollzog sich durchaus glatt, nachdem einige Schwierigkeiten überwunden worden waren. Die Ziele, die der Außenminister...


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Euer Lordschaft! Wenn ich recht verstehe, handelt es sich hier um das Flottenabkommen von 1935. Soweit ich mich erinnere – ich versuche gerade, das zu klären – war das eine der Angelegenheiten, die wir bei der Beantragung von Zeugen erörterten, und der Gerichtshof entschied, daß die Vorverhandlungen zu diesem Abkommen nicht zur Diskussion stehen. Die Frage erhob sich bei den Zeugenanträgen. Ein oder zwei Zeugen wurden beantragt, die über diese Verhandlungen aussagen und auch, glaube ich, auf den Punkt eingehen sollten, den Dr. Horn in seiner letzten Frage erwähnt hat, nämlich, die Einstellung des Angeklagten von Ribbentrop. Ich habe ein oder zwei Namen gefunden, Lord Monsell zum Beispiel ist einer, der auf der Zeugenliste stand, die vom Gerichtshof abgelehnt wurden, wie auch mehrere deutsche [229] Zeugen, die aus demselben Grunde abgelehnt wurden. Euer Lordschaft, es steht in der Erklärung des Gerichtshofs vom 26. Februar, Euer Lordschaft können auf Seite 2 nachlesen, dort ist bestimmt der Zeuge Monsell aufgeführt, der mir zufälligerweise auch sehr gut bekannt ist, aber ich bin sicher, daß auch noch andere Zeugen da waren. Ich weiß, daß wir anläßlich der Beantragung der Zeugen diesen Punkt eingehend besprochen haben.


VORSITZENDER: Wer waren die anderen, Sir David?


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Ich habe eine Liste der Zeugen, die abgelehnt wurden. Admiral Schuster zum Beispiel...


VORSITZENDER: Ja, er ist einer davon.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE:... der für die Frage, von wem die Initiative für den Vertrag ausging, erheblich war. Und dann ist da Sir Robert Craigie, Nummer 24 und Lord Monsell...


VORSITZENDER: Er wurde abgelehnt.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Aus demselben Grunde. Nr. 25.


VORSITZENDER: Ja.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Ja, Euer Lordschaft, ich glaube, das sind die drei.


VORSITZENDER: Herr Dr. Horn, was haben Sie dazu zu sagen? Diese drei Zeugen, Schuster, Craigie und Monsell, die, wie Sie behaupten, über dieses Flottenabkommen von 1935 aussagen sollten, wurden alle abgelehnt. Und was den Zeugen, den Sie jetzt vernehmen, betrifft, so war in dem Antrag für ihn kein solcher Hinweis enthalten. Er ist lediglich als Dolmetscher im Auswärtigen Amt beantragt worden.


DR. HORN: Ich nahm an, daß mir diese anderen drei Zeugen als kumulativ abgelehnt wurden. Ich will auch nicht über das Flottenabkommen als solches den Zeugen hören, sondern ich möchte ihn nur über die Einstellung Ribbentrops anläßlich des Abschlusses und nach dem Abschluß dieses Vertrags hören, um dem Gericht darzutun, daß von Ribbentrop jedenfalls damals nicht zielbewußt auf einen Angriffskrieg hingewirkt hat noch an einer Verschwörung zur Entfesselung eines Angriffskrieges, zumindest damals nicht, teilgenommen hat. Und ich möchte weiter damit unter Beweis stellen, daß dieser Vertrag nicht, wie der vorhin erwähnte Englische Botschafter Sir Nevile Henderson es hinstellte, »eye wash« war.


VORSITZENDER: Ihr Antrag bezüglich Botschafter Craigie lautete: Der Zeuge kann aussagen, daß im Jahre 1935 Ribbentrop sich mit dem Vorschlag an England wandte, das Flottenabkommen zu unterzeichnen, und daß Ribbentrops Initiative die Zustimmung Frankreichs zu diesem Abkommen, das mit dem Versailler Vertrag [230] zusammenhing, herbeigeführt hatte. Auf diese Weise ist das Abkommen zustandegekommen.

Wollten Sie den Zeugen nicht in diesem Zusammenhang vernehmen?


DR. HORN: Nein.


VORSITZENDER: Wenn Sie keine Fragen über das Flottenabkommen von 1935 stellen wollen, können Sie Ihr Verhör fortsetzen.

DR. HORN: Herr Zeuge, Sie waren im Jahre 1943 bei einer Unterredung zwischen Horthy und Hitler in Kleßheim anwesend, an der auch von Ribbentrop teilgenommen hat, und in der über die Lösung der Judenfrage in Ungarn gesprochen wurde. Wie äußerte sich von Ribbentrop zu Ihnen zu dieser Frage?


DR. SCHMIDT: Es hatte bei der Unterredung selbst eine Schwierigkeit gegeben, als Hitler darauf bestand, daß Horthy in der Judenfrage energischer vorgehen sollte, und Horthy ihm in einer gewissen Erregung antwortete: »Ja, was soll ich denn tun, soll ich die Juden vielleicht totschlagen?« Darauf war eine gewisse Stockung eingetreten, und der Außenminister hatte sich zu Horthy gewandt und gesagt: »Ja, es gibt nur zwei Möglichkeiten, entweder das, oder die Juden zu internieren«, und hat, was ein verhältnismäßig seltener Fall war, hinterher zu mir gesagt, daß die Forderung Hitlers in diesem Zusammenhang vielleicht doch etwas weitgehend gewesen sei.


DR. HORN: Am 25. August 1939 haben Sie an einer Besprechung zwischen Hitler, Henderson und Ribbentrop teilgenommen, in der Ribbentrop und Hitler noch einmal ihrem Wunsch Ausdruck gaben, zu einer Einigung mit Polen zu kommen, unter Zuhilfenahme der englischen Vermittlung. Ist es richtig, daß Sie dann mit dem Entwurf dieser über die Besprechung angefertigten Note von Ribbentrop zu Henderson in die Botschaft geschickt wurden, um ihn zu bitten, sich der Verwirklichung dieses Vorschlages möglichst anzunehmen und ihn durchzubringen zu versuchen? Ist das richtig?


DR. SCHMIDT: Jawohl, das trifft zu.


DR. HORN: Ich darf dem Gericht eine Kopie dieses Telegramms von Sir Nevile Henderson an Lord Halifax überreichen? (Dokument Nummer TC-72 (69).


[Zum Zeugen gewandt:]


Ist es richtig, Herr Zeuge, daß am 28. August 1939 Herr von Ribbentrop bei einer erneuten Aussprache mit Sir Nevile Henderson noch einmal einwarf, daß eine Einigung zwischen Deutschland und England unter Regelung der polnischen Frage doch Chamberlains heißester Wunsch gewesen sei, wie sich der englische Premierminister gegenüber Ribbentrop ausgedrückt hatte und daß von Ribbentrop [231] dies dann nochmals gegenüber Henderson zum Ausdruck gebracht hat. Ist das richtig?

DR. SCHMIDT: Ja, das trifft zu.

DR. HORN: Ich darf dem Gericht die entsprechende Note als Beweisdokument überreichen?

VORSITZENDER: Sie reichen eine Kopie als Beweismittel ein, nicht wahr?


DR. HORN: Ich bitte das Gericht, die Urkunde zur amtlichen Kenntnis zu nehmen.


VORSITZENDER: Welche Nummer?


DR. HORN: Die eine Nummer ist bereits von der Staatsanwaltschaft überreicht worden. Es trägt die Nummer TC-72 und noch eine andere Nummer, und die zweite Nummer ist auch schon überreicht worden von der Staatsanwaltschaft. Ich habe sie nochmals dem Gericht vorgelegt, weil ich mich jetzt darauf bezogen habe. (Dokument TC-72 (75).


[Zum Zeugen gewandt:]


Herr Zeuge, noch eine letzte Frage. Sie haben in Ihrer reichen Dolmetschertätigkeit ausführlich Gelegenheit gehabt, Hitler im Verkehr mit Ausländern zu beobachten. Welchen Eindruck übte Hitler nach Ihren Beobachtungen auf ausländische Staatsmänner aus?

DR. SCHMIDT: Es ist natürlich nicht ganz leicht, auf diese Frage zu antworten, da man ja nicht den Menschen in die Herzen oder in die Gehirne sehen kann, aber man kann als Beobachter natürlich gewisse Rückschlüsse ziehen aus der Haltung...

VORSITZENDER: Herr Dr. Horn! Der Gerichtshof glaubt kaum, daß dieser Punkt erheblich ist – der Eindruck, den Hitlers Verhalten auf ausländische Staatsmänner machte. Das beeinflußt uns in keiner Weise.

DR. HORN: Ich ziehe meine Frage dann zurück. Ich habe keine weiteren Fragen mehr an den Zeugen.


VORSITZENDER: Wünscht irgendein anderer Verteidiger Fragen an diesen Zeugen zu richten?


DR. OTTO STAHMER, VERTEIDIGER DES ANGEKLAGTEN GÖRING: Herr Zeuge! Waren Sie anwesend bei einem Gespräch, das etwa ein Jahr vor Ausbruch des Krieges zwischen dem Lord Londonderry und Feldmarschall Göring in Karinhall stattfand?


DR. SCHMIDT: Jawohl, bei diesem Gespräch war ich anwesend.


DR. STAHMER: Schildern Sie dem Gericht kurz den Inhalt dieses Gespräches.


[232] DR. SCHMIDT: Ich kann mich nach so langer Zeit natürlich auf Einzelheiten nicht mehr besinnen, sondern erinnere mich nur noch daran, daß das Gespräch die deutsch-englische Annäherung beziehungsweise die Ausschaltung von deutsch-englischen Konfliktstoffen zum Gegenstand hatte, und daneben natürlich eine ganze Reihe von technischen Fragen der Luftfahrt und der Luftwaffe behandelt wurden. Mir ist besonders eine Äußerung von Göring im Verlauf dieses Gespräches immer in Erinnerung gewesen, als er nämlich zum Abschluß einer gewissen Argumentation, die dartun sollte, wie wünschenswert es sei, daß Deutschland und England miteinander gut stünden und Konflikte vermieden, folgendes sagte: »Wenn unsere beiden Länder in einen Krieg miteinander geraten sollten, dann wird es natürlich einen Sieger und einen Besiegten geben, aber der Sieger in diesem schweren Konflikt, der wird im Augenblick des Sieges gerade noch die Kraft haben, dem Besiegten den letzten Stoß zu versetzen und wird dann selber schwer getroffen neben ihm zu Boden sinken, und aus diesem Grunde sollten unsere beiden Länder schon ohne Krieg und ohne Konflikt miteinander auskommen.«


DR. STAHMER: Nahmen Sie teil an den Verhandlungen in München im Herbst 1938?


DR. SCHMIDT: Jawohl, an den Verhandlungen habe ich teilgenommen.


DR. STAHMER: War auch der damalige Feldmarschall Göring zugegen?


DR. SCHMIDT: Er war während des ersten Teiles nicht zugegen, aber im späteren Verlauf, als der Kreis der Anwesenden sich vergrößerte, verhandelte er ebenfalls mit.


DR. STAHMER: In welcher Weise hat er sich an der Verhandlung beteiligt?


DR. SCHMIDT: Er hat sich nur in Einzelfragen von weniger großer Bedeutung eingeschaltet. Er hat sich aber in einer Weise eingeschaltet, die erkennen ließ, daß er , die sich aus gewissen technischen Punkten für den Fortlauf der Verhandlungen ergeben konnten, nach Möglichkeit durch seine Intervention aus dem Wege räumen wollte. Daß ihm – mit anderen Worten – daran gelegen war, die Einigung von München nicht an diesen technischen Verfahrenspunkten, die im zweiten Teil der Verhandlung eine Rolle spielten, scheitern zu lassen.


DR. STAHMER: Waren Sie zugegen bei einer Unterredung, die im Herbst 1937 zwischen Lord Halifax und dem damaligen Feldmarschall Göring stattfand, und zwar im Anschluß an eine Besprechung, die Lord Halifax mit Hitler auf dem Berghof hatte?


[233] DR. SCHMIDT: Jawohl, da war ich zugegen.


DR. STAHMER: Welchen Verlauf nahm diese Besprechung? Ganz kurz, bitte schon.


DR. SCHMIDT: Ich muß vorhersagen, daß auf dem Obersalzberg die Unterhaltung mit Lord Halifax sehr schlecht verlaufen war. Die beiden Gesprächspartner hatten sich in keiner Weise irgendwie näherkommen können, und bei Göring verbesserte sich die Atmosphäre. Es wurden dieselben Punkte behandelt wie auf dem Obersalzberg, die Themen, die damals aktuell waren, das heißt der Anschluß, die Sudetenfrage, und schließlich noch die Korridor- und Danzigprobleme. Hitler hatte auf dem Obersalzberg ziemlich kompromißlos die Dinge behandelt und mehr oder weniger verlangt, daß eine Lösung, so wie er sich diese vorstelle, auch von England angenommen würde, während Göring bei seinen Besprechungen immer Wert darauf legte oder immer betonte, daß ihm eine friedliche Lösung, das heißt eine Lösung auf dem Verhandlungswege vorschwebe, und daß man alles tun sollte, und daß er auch glaube, wenn die Verhandlungen richtig in die Hand genommen würden, sich für alle drei Fragen eine solche Lösung finden lassen würde.


DR. STAHMER: Ich habe keine weiteren Fragen.


DR. LATERNSER: Herr Zeuge! Sie waren bei sehr vielen politischen Besprechungen Hitlers zugegen. Haben Sie bei diesen Gelegenheiten festgestellt, daß hohe militärische Führer in der Richtung ihn zu beeinflussen suchten, das deutsche Gebiet auf friedliche oder kriegerische Weise zu erweitern?

DR. SCHMIDT: Nein, derartige Bemühungen von militärischer Seite habe ich nicht festgestellt, da bei politischen Verhandlungen die militärischen Vertreter am Anfang, wenn es sich um die Großprobleme handelte, meistens überhaupt nicht zugegen waren und erst zu den Besprechungen zugezogen wurden, wenn irgendwelche rein militärischen Probleme behandelt wurden, und dann nahmen sie natürlich nur zu rein militärischen Fragen Stellung, äußerten sich aber nicht über irgendwelche politischen Dinge.


DR. LATERNSER: Dann habe ich noch eine Frage.

Haben Sie bei Gelegenheit solcher Besprechungen festgestellt, daß hohe militärische Führer bestrebt waren, politischen Einfluß auf die Reichsregierung auszuüben?


DR. SCHMIDT: Nein, das habe ich nicht festgestellt und das hätte man ja auch gar nicht feststellen können, weil sie ja meistens nicht dabei waren.


DR. LATERNSER: Ich habe keine weiteren Fragen.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Herr Zeuge! Ich möchte, daß Sie dem Gerichtshof zuerst ganz kurz die allgemeine Grundlage Ihrer [234] Ansichten schildern. Erinnern Sie sich, am 28. November in Oberursel eine eidesstattliche Versicherung abgegeben zu haben? Können Sie sich daran erinnern?

DR. SCHMIDT: An das Datum kann ich mich nicht genau erinnern, aber, daß ich eine eidesstattliche Versicherung abgegeben habe, daran kann ich mich erinnern.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Wollen Sie sich das Schriftstück bitte ansehen.


[Dem Zeugen wird die Urkunde überreicht.]


Absatz 1 zählt Ihre Erfahrungen auf: die Anzahl der Konferenzen und so weiter.

Euer Lordschaft, ich hätte erwähnen sollen, daß dieses Dokument Nummer 3308-PS ist und als GB-288 eingereicht wird.


[Zum Zeugen gewandt:]


Dann im Absatz 2 geben Sie die Grundlage Ihrer Erfahrungen an. Wollen Sie bitte mitlesen?

»Meinen Erfolg und die Stellung, die ich im Auswärtigen Amt eingenommen habe, verdanke ich der Tatsache, daß ich es mir zur Aufgabe machte, mich immer mit den zur Besprechung stehenden Themen vollkommen vertraut zu machen. Ich habe mich immer bemüht, die Mentalität Hitlers, wie auch die anderer führender Persönlichkeiten genauestens kennenzulernen. Während des ganzen Hitler-Regimes habe ich mich immer bemüht, mich stets über die Vorgänge im Auswärtigen Amt und in den ähnlichen Organisationen auf dem laufenden zu halten. Meine Position war derart, daß ich die Leute in Schlüsselstellungen und die Schlüsselpersönlichkeiten in ihren Büros sprechen konnte.«

Schauen Sie sich bitte den dritten Absatz an, der auf dieser Grundlage Ihre Ansicht über die Ziele der Auswärtigen Politik wiedergibt.

»Die allgemeinen Ziele der Nazi-Führung waren von Beginn an offenbar, nämlich, die Beherrschung des europäischen Kontinents zu erreichen, erstens durch die Einverleibung aller deutschsprachigen Gruppen in das Reich und zweitens durch Gebietsausdehnung unter dem Motto: ›Lebensraum‹. Für die Durchführung dieser grundlegenden Ziele schien die Improvisation charakteristisch zu sein. Jeder neue Schritt wurde allem Anschein nach je nach der Entwicklung der Lage durchgeführt, aber alle waren sie im Einklang mit dem obenerwähnten Endziel.«

Stimmt das, Herr Schmidt? Gibt das Ihre Ansicht wieder?

[235] DR. SCHMIDT: Jawohl.

SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Bevor ich mich mit Einzelheiten befasse, bitte ich Sie, Ihre Eindrücke etwas weiter auszuführen. Sie haben gesagt, daß Sie seit Herrn Stresemanns Zeit unter oder bei jedem Außenminister tätig waren. Haben Sie einen bedeutenden Unterschied zwischen dem Lebensstil der nationalsozialistischen Minister und dem ihrer Vorgänger feststellen können?


DR. SCHMIDT: Im Lebensstil war ein gewisser Unterschied vorhanden.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Sprechen wir einmal über den Angeklagten Ribbentrop. Hatte der Angeklagte Ribbentrop, ehe er sich mit Politik befaßte, ein Haus in Berlin-Dahlem, ich glaube Lenze-Allee 19. Gehörte das ihm?


DR. SCHMIDT: Jawohl, das trifft zu.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Hatte er dann, als er Außenminister war, 6 Häuser? Gestatten Sie, daß ich Ihrem Gedächtnis nachhelfe und sie einzeln aufzähle. Sie können mir dann sagen, ob ich recht habe. Ein Haus in Sonnenburg, irgendwo in der Nähe von Berlin, mit einem Grundbesitz von 750 Hektar und einem privaten Golfplatz. Das war eins, nicht wahr?


DR. SCHMIDT: Daß in Sonnenburg ein Haus war, wie groß das Grundstück war und was dabei war, weiß ich natürlich im einzelnen nicht.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Dann ein Haus in Tanneck bei Düren, in der Nähe von Aachen, wo er Pferde züchtete.


DR. SCHMIDT: Von diesem Haus habe ich nichts gewußt.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Dann eines in der Nähe von Kitzbühel, von wo aus er auf die Gemsjagd ging?


DR. SCHMIDT: Das ist mir auch nicht im einzelnen bekannt.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Nicht im einzelnen, aber seine Existenz war doch bekannt?


DR. SCHMIDT: Ich halte die Existenz dieses Hauses nicht für unwahrscheinlich. Ich habe nie etwas Näheres darüber gehört.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Dann noch selbstverständlich Schloß Fuschl; das ist in Österreich, nicht wahr?


DR. SCHMIDT: In der Nähe von Salzburg, ja.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: In der Nähe von Salzburg, richtig. Das wurde als repräsentative Residenz übernommen. Ich werde Sie später noch über Einzelheiten befragen.

Dann hatte er ein Jagdgut in der Slowakei, »Pustepole« genannt, nicht wahr?

[236] DR. SCHMIDT: Der Name ist mir geläufig. Ich weiß auch, daß hier Herr von Ribbentrop manchmal zur Jagd hingefahren ist, aber über die Besitzverhältnisse weiß ich nichts.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Ja, und dann bewohnte er auch noch ein Jagdschloß in der Nähe von Podersan, das dem Grafen Czernin, bei Podersan, Böhmen, im Sudetenland gehört hatte?


DR. SCHMIDT: Es war, der Name ist mir nicht bekannt, also eine Jagdpachtung lag wohl vor, wo Empfänge, zum Beispiel mit dem Grafen Ciano stattfanden. Aber der Name war meines Erachtens ein anderer.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Ja, das ist es – wo Graf Ciano ihn besuchte. Das war das Schloß, von dem ich sprach. Ich glaube, es stimmt, es hat früher dem Grafen Czernin gehört.

Sagen Sie mir, hatten Reichsminister eigentlich ein festes Gehalt?


DR. SCHMIDT: Ich habe die Frage nicht verstanden.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Ich will mich klar ausdrücken. War ein Gehalt – das heißt feste, jährliche Bezüge – für einen Reichsminister ausgesetzt?


DR. SCHMIDT: Ja, das trifft zu.

SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Wieviel war das?


DR. SCHMIDT: Das kann ich nicht sagen.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Wurde das geheimgehalten?


DR. SCHMIDT: Nein, es ist nicht deswegen, daß ich darüber keine Auskunft geben kann. Es lag mir fern, mich dafür zu interessieren, was der Reichsaußenminister für ein Gehalt bekam.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Sie wissen es also nicht?


DR. SCHMIDT: Nein.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Es genügt mir, wenn Sie sagen, Sie wissen es nicht. Vielleicht können Sie diese Frage beantworten: Hat irgendein früherer Reichsaußenminister sich sechs Häuser und Landgüter verschiedener Größe von seinem Gehalt leisten können? Irgendeiner, mit dem Sie zusammengearbeitet haben?


DR. SCHMIDT: Ob er es hat tun können, darüber kann ich nichts sagen, aber er hat es nicht getan.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Er hat es nicht getan. Dann wollen wir das mal im Augenblick auf sich beruhen lassen.

Erinnern Sie sich jetzt einmal an den Mai 1939, ungefähr vier Monate vor Kriegsausbruch, als die polnische Frage gerade aktuell wurde. Ich meine, als die Sache recht ernst wurde. Erinnern Sie sich an – ich glaube im deutschen Auswärtigen Amt nannte man [237] es eine »Sprachregelung« –, die ungefähr zu der Zeit von Ribbentrop erlassen und von Baron Weizsäcker ausgegeben wurde?


DR. SCHMIDT: Nein, das ist mir nicht bekannt oder jedenfalls nicht mehr erinnerlich, möchte ich sagen.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Ich werde Ihnen helfen, vielleicht frischt das Ihr Gedächtnis auf:

»Das polnische Problem wird von Hitler in 48 Stunden gelöst werden. Die Westmächte werden nicht imstande sein, Polen zu helfen. Das Britische Weltreich ist in den nächsten 10 Jahren erledigt. Frankreich wird sich zu Tode verbluten, wenn es sich einmischt.«

Erinnern Sie sich an eine »Sprachregelung« in diesem Sinne, die von dem Außenminister erlassen wurde?

DR. SCHMIDT: An eine »conduite de langage« dieser Art kann ich mich nicht erinnern. Es scheint mir eher einer »conduite de langage« für Propagandazwecke zu ähneln.

SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Können Sie sich nicht daran erinnern, daß von Ribbentrop Weisungen erteilte, daß kein Beamter des Auswärtigen Amtes andersgeartete Ansichten äußern durfte?


DR. SCHMIDT: Das ist richtig, daß man sich an die Sprachregelungen halten sollte.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Wissen Sie noch, was er zu Baron Weizsäcker sagte, nämlich, was jedem geschehen würde, der andere Ansichten äußerte?


DR. SCHMIDT: Nein, daran erinnere ich mich nicht, aber ich kann mir denken, daß den Betreffenden eine schwere Strafe angedroht wurde. Aber an die eigentliche Sache erinnere ich mich nicht.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Wissen Sie nicht mehr, daß er sagte, er würde sie selbst erschießen?


DR. SCHMIDT: Daß eine derartige Äußerung gelegentlich im Zorn von ihm gefallen ist, halte ich für durchaus möglich, daß sie aber ernst gemeint war, glaube ich nicht.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Vielleicht erinnern Sie sich aber daran, ich deute Ihnen das nur an, wie unangenehm und schwierig es für Baron Weizsäcker war, sich zu entscheiden, wie er das auf der amtlichen Konferenz im Auswärtigen Amt vorbringen sollte. Erinnern Sie sich nicht daran?


DR. SCHMIDT: Da war ich zu den Morgenkonferenzen noch nicht zugelassen, ich war zu diesem Zeitpunkt noch nicht anwesend, so daß ich also darüber nichts sagen kann. Aber ich kann mir vorstellen, [238] daß der Staatssekretär einige Mühe gehabt hat, diese Äußerung in die richtige Amtssprache zu übersetzen.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Nun, ich möchte mich kurz mit den Fragen befassen, die Ihnen über den August 1939 vorgelegt worden sind. Ich möchte nur die Tatsachen klarstellen.

Erinnern Sie sich noch, daß Sie bei Hitler waren, zur Zeit als er die Reaktion der Westmächte auf den Sowjet-Pakt erwartete?


DR. SCHMIDT: Nein, ich war ja in Moskau mit der Delegation und war nicht bei Hitler.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Sie sind also mit dem Angeklagten Ribbentrop am 24. zurückgekommen.


DR. SCHMIDT: Ja, ich blieb aber in Berlin und ging nicht nach Berchtesgaden.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Ach so. Also erinnern Sie sich, daß Hitler am 25. Sir Nevile Henderson um 1.30 Uhr empfing und ihm eine sogenannte »Ver balnote« überreichte? Erinnern Sie sich daran?


DR. SCHMIDT: Ich glaube, daß ich bei dieser Sitzung nicht dabei war, weil ich während dieser Zeit gerade in Moskau war. Es müßte sich dieses Datum feststellen lassen. Ich war bei einer Besprechung zwischen Hitler und dem Britischen Botschafter, die in der Zeit unserer Moskauer Reise auf dem Obersalzberg stattfand, nicht dabei. Ich nehme an, daß das die Sitzung gewesen ist.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Dies war an dem Tag, nach dem der Angeklagte von Moskau zurückkehrte?


DR. SCHMIDT: Nein, ich blieb in Berlin, ich war nicht da oben.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Ich wollte Sie nur an diesen Tag erinnern; wenn Sie aber nicht anwesend waren, werde ich das fallen lassen. Waren Sie aber dabei, als Signor Attolico, der Italienische Botschafter, eine Mitteilung von Mussolini überbrachte?


DR. SCHMIDT: Jawohl.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Sie waren da?


DR. SCHMIDT: Jawohl.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Das ist der Tag, den ich meine. Erinnern Sie sich, daß an jenem Nachmittag eine Mitteilung von Signor Attolico einlief, die italienische Armee und Luftwaffe seien nicht in der Lage, Krieg zu führen?


DR. SCHMIDT: Jawohl.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Ich möchte, daß Sie mir dabei helfen, denn die Frage des Zeitpunktes ist recht wichtig. War das nicht ungefähr um 3.00 Uhr nachmittags?


[239] DR. SCHMIDT: Das könnte sein, aber bei den vielen Besprechungen, die damals stattfanden, geht es natürlich mit den Uhrzeiten und den Tagen etwas durcheinander.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Erinnern Sie sich noch, daß die Nachricht, der englisch-polnische Pakt würde an dem Abend unterzeichnet werden, ungefähr um 4.00 Uhr einlief?


DR. SCHMIDT: Daran erinnere ich mich.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Und wissen Sie noch, daß ungefähr um 4.00 Uhr Monsieur Coulondre, der Französische Botschafter, eine Unterredung mit Hitler hatte?


DR. SCHMIDT: Ja, daran erinnere ich mich.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Wußten Sie, daß an dem Tage die Befehle für einen Angriff auf Polen am nächsten Morgen widerrufen wurden?


DR. SCHMIDT: Daß militärische Befehle zurückgenommen wurden, ist mir erinnerlich. Um welche einzelnen Befehle es sich aber dabei gehandelt hat, das habe ich natürlich nicht erfahren.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Ich würde Sie darüber auch gar nicht fragen, Herr Schmidt. Aber Sie wußten, daß Befehle zurückgezogen wurden. Vielleicht können Sie mir hierbei helfen. Erfolgte nicht die Rücknahme der Befehle um 6.15 Uhr – um 18.15 Uhr – nach der Unterredung mit dem Französischen Botschafter Monsieur Coulondre? Wurden sie nicht zu dieser Zeit widerrufen?


DR. SCHMIDT: Daran kann ich mich nicht erinnern, ob es diese Zeit war.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Und könnten Sie dem Gerichtshof auch bei der Aufklärung dieser Frage behilflich sein: Wurden diese Befehle nicht ungefähr um 2.00 Uhr – um 14.00 Uhr – erlassen, nach der Unterredung mit Sir Nevile Henderson? Wissen Sie das?


DR. SCHMIDT: Nein.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Ich verstehe. Sie können uns in dieser Sache nicht helfen.

Also, ich will jetzt weiter keine Zeit verlieren mit der Unterredung, die zwischen Sir Nevile Henderson und dem Angeklagten Ribbentrop in der Nacht vom 30. zum 31. August stattfand. Ich möchte Sie nur folgendes tragen: Sie haben uns gesagt, daß der Angeklagte Ribbentrop sehr aufgeregt war. Hat er, als er diese Bedingungen vorlas, manchmal dabei seine Stimme erhoben, geschrien?


DR. SCHMIDT: Nein.


[240] SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Woran konnte man dann seine Nervosität erkennen?


DR. SCHMIDT: Die trat bei einigen Zwischenfällen, die vorher in der Unterredung stattgefunden haben, ein, von denen ich vorher gesprochen habe – da hat sich seine Nervosität gezeigt, aber nicht bei dem Verlesen des Dokuments.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Ja. Aber Sie erinnern sich noch und waren damals sehr überrascht, daß er sich weigerte, dieses entscheidende Dokument dem Britischen Botschafter auszuhändigen.


DR. SCHMIDT: Ja, gewiß.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Nun, vielleicht können Sie uns über ein paar weitere Vorfälle aufklären? Ein Zeuge, den wir gestern verhörten, behauptete, daß der Angeklagte Ribbentrop sehr wenig über Konzentrationslager wußte. Ich möchte klarstellen, daß dies behauptet wurde. Ich glaube, Sie können uns über einige Insassen von Konzentrationslagern, von denen er etwas wußte, Auskunft geben. Entsinnen Sie sich noch eines Mannes namens Martin Luther? Ich meine nicht den religiösen Herrn, sondern einen Zeitgenossen.


DR. SCHMIDT: Jawohl.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Entsinnen Sie sich, daß der Angeklagte Ribbentrop ihn in seinem Büro, der Dienststelle Ribbentrop, anstellte, im Jahre 1936?


DR. SCHMIDT: Über das Jahr bin ich mir nicht klar, aber daß er hereingekommen ist durch die Dienststelle, das weiß ich.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Ja. Ich glaube, daß die älteren Mitglieder des Deutschen Auswärtigen Amtes nicht sehr begeistert davon waren.


DR. SCHMIDT: Nein, ganz bestimmt nicht.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Es gab da einige Unannehmlichkeiten über eine Kleinigkeit von 4.000 Reichsmark, mit denen Herr Luther einmal etwas zu tun gehabt hatte?


DR. SCHMIDT: Jawohl! Das haben wir nachher erfahren.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Er wurde in das Auswärtige Amt aufgenommen und wurde schnell zum Vortragenden Rat und Unterstaatssekretär befördert, nicht wahr?


DR. SCHMIDT: Jawohl.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Wissen Sie noch, daß er dann im Jahre 1943 mit dem Angeklagten Ribbentrop einen Streit hatte?


DR. SCHMIDT: Ja.


[241] SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Und dann wandte er sich an Himmler, ich glaube durch Leutnant Büttner, und deutete an, Ribbentrops Geisteszustand sei derart, daß er nicht mehr Außenminister bleiben sollte, und er schlug vor, daß Werner Best, ich glaube, der war es, an seiner Stelle eingesetzt werden sollte. Erinnern Sie sich daran?


DR. SCHMIDT: Ja, ich erinnere mich; aber daß er Werner Best als Nachfolger vorgeschlagen hat, das weiß ich nicht.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Jedenfalls schlug er vor, daß Ribbentrop gehen sollte. Ich glaube, er hat sich ganz deutlich ausgedrückt; ich glaube, er deutete an, daß er geistig der Sache nicht mehr gewachsen sei.


DR. SCHMIDT: Ich habe den Bericht nicht gesehen. Ich habe nur gerüchtweise darüber gehört.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Und das Ergebnis war natürlich, daß nach einer Unterredung mit Ribbentrop Ribbentrop Luther in ein Konzentrationslager schicken ließ, nicht wahr?


DR. SCHMIDT: Ob das auf eine Initiative von Ribbentrop geschah oder von anderer Seite her, weiß ich nicht, aber es hieß bei uns im Amt, Luther ist im Konzentrationslager gelandet.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Ja, aber die Dinge hatten sich so abgespielt: Luther hatte diese Meinungsverschiedenheit mit Ribbentrop, und kurz darauf tauchte er in einem Konzentrationslager auf. Und er kam nicht nur in ein Konzentrationslager; stimmt es nicht auch, daß selbst die SS bat, man solle ihn aus dem Konzentrationslager entlassen, und Ribbentrop wollte das nicht zulassen?


DR. SCHMIDT: Das kann ich nicht sagen, denn die ganze Angelegenheit wurde natürlich im Amt und von Herrn von Ribbentrop ziemlich vertraulich behandelt, und die Mitglieder des alten Auswärtigen Amtes, zu denen ich ja auch gehörte, besaßen nicht so weit sein Vertrauen, daß sie nun in all diese Einzelheiten eingeweiht wurden. Also über die ganze Affäre Luther habe ich nur gerüchtweise durch besondere Kanäle, eigentlich unerlaubterweise, etwas gehört, so daß ich also da keine authentischen Auskünfte geben kann, sondern nur das sagen kann, was mir so unter der Hand bekannt wurde.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Ich bin überzeugt, daß Sie dem Gerichtshof gegenüber ganz offen sein wollen. Und worauf ich Sie besonders aufmerksam machen möchte ist, daß jedermann im Auswärtigen Amt wußte, daß Luther in einem Konzentrationslager gelandet war und selbstverständlich auch der Angeklagte Ribbentrop wußte, daß er in einem Konzentrationslager war. Das stimmt doch?


DR. SCHMIDT: Bestimmt, ja.


[242] SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Also, lassen Sie uns mal über einen anderen Vorfall sprechen, der hiermit zusammenhängt, wenn ich mir über seine außergewöhnliche Unschuld bezüglich der Konzentrationslager eine Bemerkung erlauben darf.

Erinnern Sie sich an zwei unglückselige Menschen, Herrn und Frau von Rämitz, denen das Schloß Fuschl einst gehörte? Ich glaube Rämitz oder Ränitz ist der Name, erinnern Sie sich?

DR. SCHMIDT: Ja.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Nun, dieses Schloß Fuschl – würden Sie mir sagen, wie das ausgesprochen wird?


DR. SCHMIDT: Also ich bin über diese Dinge so wenig...


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Nein, ich will wissen, wie das ausgesprochen wird.


DR. SCHMIDT: Fuschl.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Danke.

Das Schloß Fuschl gehörte den eben von mir erwähnten Leuten. Frau von Rämitz war eine Schwester von August Thyssen, nicht wahr?


DR. SCHMIDT: Darüber kann ich nichts sagen, denn alle diese Fragen sind ja Fragen, die den Privathaushalt Herrn von Ribbentrops betreffen, und damit hatte ich nichts zu tun. Meine Beziehungen zu ihm waren rein amtlicher Art, und zwar amtlicher Art, beschränkt auf Routineangelegenheiten und die wichtigen politischen Dolmetscherangelegenheiten im Auswärtigen Amt. Von den anderen Dingen habe ich nur gehört, aber so, daß ich darüber irgendwelche authentische Auskünfte geben kann, natürlich nicht.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Ich möchte nur die eine Frage an Sie richten. Nachdem das Schloß Eigentum des Außenministers wurde, oder jedenfalls ihm zur Verfügung gestellt worden war, hat nicht Herr von Rämitz mehrere Jahre in einem Konzentrationslager zugebracht, wo er zuletzt gestorben ist? Das wußten Sie, nicht wahr?


DR. SCHMIDT: Ich wußte es gerüchtweise; das wurde mir erzählt, daß es so verlaufen wäre.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Und hat er nicht auch andere Sachen aus den Konzentrationslagern gehört, die schlimmer waren als diese hier?


DR. SCHMIDT: Das glaube ich nicht, daß irgendwelche authentische Angaben dort über die Zustände gemacht wurden, denn das wurde natürlich, auch besonders dem Auswärtigen Amt gegenüber, als tabu behandelt von den Leuten, die für die Konzentrationslager zuständig waren, weil wir ja sowieso als nicht ganz zuverlässig und zugehörig betrachtet wurden. Da wurden natürlich solche Dinge [243] mit besonderem Fleiß gerade vor uns verdeckt und verborgen, so daß also irgendwelche näheren konkreten Dinge bei uns niemals bekannt geworden sind.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Aber Sie wußten doch sogar im Auswärtigen Amt, daß eine große Anzahl von Konzentrationslagern vorhanden war, in denen eine ungeheure Menge Menschen eingesperrt war.


DR. SCHMIDT: Das wußten wir, aber unsere Quelle war hauptsächlich die ausländische Presse, die wir ja lasen, und der ausländische Rundfunk, der uns jeden Morgen umgeschrieben auf den Tisch gelegt wurde.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Wenn Sie es also durch die Auslandspresse und den ausländischen Rundfunk erfahren haben, so hat – wer auch immer auf dieser Anklagebank nichts über Konzentrationslager gewußt hat – jedenfalls der Angeklagte Ribbentrop, als Außenminister, darum gewußt. Stimmt das nicht?


DR. SCHMIDT: Ich möchte es so sagen: Er hatte selbstverständlich dieses ausländische Nachrichtenmaterial vorliegen. Wie er das Nachrichtenmaterial bewertete, ob er es für richtig, für ganz falsch, für übertrieben hielt, das kann ich natürlich nicht sagen. Die Meldungen als solche hat er natürlich auch bekommen, aber eben als ausländische, und im Kriege als Meldung von feindlichen Ländern.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Herr Doktor, ich werde jetzt nicht weiter darauf eingehen. Wollen Sie mir nur dies sagen: Sie haben uns schon über die Unterredung berichtet, die zwischen Hitler, dem Angeklagten Ribbentrop und Horthy am 17. April 1943 stattfand und bei der die Judenfrage erörtert wurde. Ich will nur für die Gerichtsakten feststellen, daß sich Ihr Bericht auf die Tatsache stützt, daß Sie selbst bei jener Unterredung Protokoll führten und das Protokoll unterschrieben.


DR. SCHMIDT: Ja.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Ich möchte nun auf eine andere Frage übergehen: Sind Sie in der Zeit von 1943 bis 1945 noch gelegentlich in Hitlers Hauptquartier gefahren, um als Dolmetscher tätig zu sein, an Sitzungen teilzunehmen oder dergleichen?


DR. SCHMIDT: Ja.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Zum Beispiel, ich weiß nicht, ob Sie sich noch erinnern können, aber ich bin sicher, daß Sie es versuchen werden, am 27. Februar 1944, erinnern Sie sich an einen Besuch von Marschall Antonescu?


DR. SCHMIDT: Ja.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Waren Sie dabei?


[244] DR. SCHMIDT: Ich erinnere mich, ich war bei allen Besuchen Antonescus immer dabei, weil die Unterhaltung anders gar nicht stattfinden konnte. Aber das Datum weiß ich im Augenblick nicht genau.

SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Es war der 27. Februar. Ich möchte einen Vorfall erwähnen, der Ihnen vielleicht ins Gedächtnis zurückruft, daß Antonescu da war. Erinnern Sie sich, daß bei dieser Gelegenheit der Angeklagte Dönitz anwesend war?


DR. SCHMIDT: Es ist möglich, aber eine genaue Erinnerung habe ich nicht. Bei den militärischen Besprechungen kann es schon gewesen sein, daß er dabei war.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Euer Lordschaft! Das Beweisstück ist GB-207, es steht Band V, Seite 286. Das Dokument war ursprünglich D-648.


[Zum Zeugen gewandt:]


Ich möchte, daß Sie dem Gerichtshof im allgemeinen über die Organisation der Regierung berichten. Es ist dem Gerichtshof bereits beträchtliches Beweismaterial darüber vorgelegt worden, daß die Reichsregierung als solche nach Beginn des Krieges nicht mehr zusammengetreten ist. Verschiedene Leute haben das ausgesagt. Ist es zutreffend, daß, statt durch Kabinettssitzung, die Regierungsgeschäfte Deutschlands durch die ständigen Besprechungen im Führerhauptquartier geführt wurden?

DR. SCHMIDT: Ich halte das für möglich, aber eine genaue Kenntnis habe ich natürlich nicht, da ich ja nie bei solchen Besprechungen interner Art irgendwie beteiligt war, sondern ins Hauptquartier immer nur dann kam, wenn ich irgendeinen Ausländer dorthin zu begleiten hatte.

SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Sie kamen nur, wenn ein ausländischer Besuch kam. Aber Sie wissen doch, daß diese Meetings ständig stattfanden, und daß der Angeklagte Göring, der Angeklagte Speer, der Angeklagte Keitel, der Angeklagte Jodl, der Angeklagte Dönitz ununterbrochen an diesen Besprechungen teilnahmen?


DR. SCHMIDT: Ob man diese Besprechungen als Meetings bezeichnen kann, das weiß ich natürlich nicht.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Ich wollte nicht mit Worten spielen. Ich benutzte das Wort nur, um zu bezeichnen, was vorging. Wenn Sie das eine Konferenz nennen wollen, ist mir das auch recht.


DR. SCHMIDT: Daß also Besprechungen bei Gelegenheiten während der Anwesenheit der Vorgenannten mit Hitler im Hauptquartier stattfanden oder stattfinden konnten, das gebe ich zu.


[245] SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Ich glaube, daß wir darüber einig sind, nicht wahr, daß, soweit man über haupt irgendein Organ oder eine Organisation finden kann, die die Regierungsgeschäfte des Deutschen Reiches führte, es diese ständigen Meetings oder Besprechungen im Führerhauptquartier waren; stimmt das?


DR. SCHMIDT: Ja, ich weiß nicht, ob man das als eine Regierungstätigkeit ansehen könnte, denn, wenn ich die Parallele mit den Besprechungen, bei denen ich dabei war mit den Ausländern, ziehe, dann war die Sache doch so, daß derjenige, der redete und der die Entscheidungen durchdrückte, ja nur Hitler war. Wenn es also bei den Besprechungen dort genau so war, dann könnte man es als eine Regierungsbesprechung bezeichnen, es war aber nur eine Einmann-Regierung, die anderen waren nur dabei als Zuhörer, oder um vernommen zu werden über einzelne Punkte. So stelle ich es mir vor. Dabeigewesen bin ich nicht.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Ich verstehe durchaus, was Sie eben gesagt haben; aber bei diesen Besprechungen konnte jede Dienststelle, jedes Ministerium und jede Organisation, wie die SS durch den Reichsführer-SS Himmler, Hitler ihre Ansichten und das Tatsachenmaterial vortragen, auf Grund dessen dann Entscheidungen gefällt wurden, nicht wahr? Und so war es doch während der letzten zwei Kriegsjahre?


DR. SCHMIDT: Man hätte aus der Anwesenheit der Betreffenden darauf schließen können, aber, wie gesagt, es hätte natürlich auch so sein können, daß eben nur eine Art Befehlsempfang in dem Hauptquartier stattfand. Diese beiden Möglichkeiten bestehen. Welche nun die zutreffende ist, darüber kann ich nichts aussagen.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Auf jeden Fall, Sie stimmen doch darin mit mir überein, Herr Schmidt, daß außer diesem kein anderer Ort vorhanden war, wo Deutschland regiert wurde?


DR. SCHMIDT: Ja, das ist so.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Wollen Sie bitte noch einmal Ihr Affidavit ansehen? Ich will eben den Rest verlesen. Es ist nicht mehr viel, aber ich möchte, daß es im Protokoll steht.

Absatz 4 lautet:

»Durch den Putschversuch in Österreich und die Ermordung von Dollfuß am 25. Juli 1934 waren die Berufsdiplomaten im Auswärtigen Amt ernstlich beunruhigt, da diese Vorgänge Deutschland in den Augen der Welt diskreditierten. Es war allgemein bekannt, daß der Putsch von der Partei arrangiert war und die Tatsache, daß der Putschversuch so kurz auf das Blutbad in Deutschland folgte, deutete [246] darauf hin, daß die Nazi-Methoden im Auslande und im Inlande sich sehr ähnlich waren. Diese Sorge wegen der Reaktion auf diesen Putschversuch vergrößerte sich bald, als man sich darüber klar wurde, daß diese Ereignisse zu dem französisch-sowjetischen Konsultativpakt vom 5. Dezember 1934 führten, einem Defensivabkommen, das die Nazis nicht als ein Warnungszeichen erkennen wollten.

5. Die im März erfolgte Bekanntgabe, daß eine deutsche Luftflotte geschaffen würde und die Wehrpflicht wieder eingeführt worden sei, hatte den Abschluß eines gegenseitigen Hilfsabkommens zwischen Frankreich und Rußland am 2. Mai 1935 zur Folge. Die Berufsdiplomaten im Auswärtigen Amt betrachteten dies als eine weitere ernstliche Warnung betreffs der möglichen Konsequenzen der deutschen Außenpolitik. Aber die Nazi-Führer versteiften sich in ihrer Haltung gegen die Westmächte und erklärten, daß sie sich nicht einschüchtern lassen würden. Zu diesem Zeitpunkt äußerten die Berufsbeamten wenigstens ihre Bedenken dem Außenminister Neurath gegenüber. Ich weiß nicht, ob Neurath seinerseits diese Bedenken Hitler gegenüber wiederholte oder nicht.

6. Dem Wiedereinmarsch der deutschen Streitkräfte in das Rheinland waren diplomatische Vorbereitungen der Nazis im Februar vorangegangen. Ein deutsches Kommuniqué vom 21. Februar 1936 versicherte noch einmal, daß der französisch-sowjetische Beistandspakt unvereinbar sei mit dem Vertrag von Locarno und dem Statut des Völkerbundes. Am gleichen Tag erklärte Hitler in einem Interview, daß absolut kein Grund zu einem Kon flikt zwischen Deutschland und Frankreich vorhanden sei. Angesichts der in ›Mein Kampf‹ abgegebenen Erklärung, die eine Beleidigung für Frankreich war, mußte man annehmen, daß die Bühne vorbereitet wurde, um irgendwelche spätere Aktionen zu rechtfertigen. Ich weiß nicht, wie lange im voraus der Marsch in das Rheinland beschlossen worden war. Ich persönlich wußte davon und habe ungefähr zwei oder drei Wochen, bevor er tatsächlich stattfand, darüber auch gesprochen. Besonders in militärischen Kreisen hatte man große Befürchtungen wegen des Risikos dieses Unternehmens. Auch im Auswärtigen Amt bestanden in weiten Kreisen ähnliche Befürchtungen. Es war jedoch im Auswärtigen Amt allgemein bekannt, daß Neurath der einzige von Hitler befragte Mann in Regierungskreisen war, der davon überzeugt war, daß das Rheinland ohne bewaffnete Opposition von Großbritannien und Frankreich remilitarisiert werden konnte. Neuraths Position während [247] der ganzen Zeitspanne war so, daß sie Hitler veranlaßte, größeres Vertrauen in Neurath zu setzen als in irgendeinen der Diplomaten der ›alten Schule‹, vor denen Hitler nicht viel Achtung hatte.«

Dann kommt ein Absatz über die Sanktionen in Italien, der vor diesem Gerichtshof kaum erheblich sein dürfte und dann später im Absatz 8 heißt es:

»Die Pläne für die Annektierung Österreichs waren von Anfang an im Nazi-Programm enthal ten. Die italienische Opposition nach der Ermordung Dollfuß' erforderte zeitweise eine etwas vorsichtigere Behandlung dieser Frage, aber die Anwendung von Sanktionen gegen Italien seitens des Völkerbundes, wie auch das schnelle Anwachsen der deutschen Militärstärke, machte die Wiederaufnahme des österreichischen Programmes aussichtsreicher. Als Göring Anfang 1937 in Rom einen Besuch abstattete, erklärte er, daß ein Zusammenschluß von Österreich und Deutschland unvermeidlich sei und früher oder später erwartet werden könne. Mussolini, der diese Worte in deutsch hörte, sagte kein Wort und protestierte nur schwach, als ich sie auf französisch übersetzt hatte. Die Vollziehung des Anschlusses war hauptsächlich eine Parteiangelegenheit, in der von Papen die Rolle hatte, an der Oberfläche ungestörte diplomatische Beziehungen zu wahren, während die Partei krummere Wege beschritt, um die Vorbedingungen für die erwartete Aktion zu schaffen. Papens Rede am 18. Februar 1938, nach der Berchtesgadener Zusammenkunft, bezeichnete das Berchtesgadener Abkommen als den ersten Schritt für die Schaffung eines mitteleuropäischen Staatenbundes unter deutscher Führung. Im Auswärtigen Amt wurde das allgemein als eine klare Prophezeiung eines Groß-Deutschland aufgefaßt, zu dem Österreich gehören würde.«

Im letzten Absatz steht, daß diese Dinge der Wahrheit entsprechen und daß Sie diese Erklärung freiwillig und ohne Zwang abgegeben haben. Das ist doch richtig, nicht wahr, Herr Schmidt?

Nun noch eines und dann sind wir fertig. Es stimmt doch, daß der Angeklagte Ribbentrop während seiner Amtszeit als Außenminister eine ganze Anzahl von Leuten, die in der SS oder früher in der SA einen Rang hatten, in das Personal des Auswärtigen Amtes übernahm?

DR. SCHMIDT: Ja, es waren diese Leute hauptsächlich Mitglieder seiner sogenannten Dienststelle, das heißt seiner früheren Organisation. Die wurden ins Amt übernommen. Nicht alle, aber einige.

[248] SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Ich danke Ihnen.


VORSITZENDER: Wünscht irgendein anderer Anklagevertreter ein Kreuzverhör vorzunehmen?

Dr. Horn! Wollen Sie den Zeugen rückverhören?


DR. HORN: Ich habe keine weiteren Fragen an den Zeugen.


VORSITZENDER: Der Zeuge kann sich zurückziehen.


DR. MARTIN LOEFFLER, STELLVERTRETENDER VERTEIDIGER FÜR DIE SA: Herr Vorsitzender, ich habe nur eine Frage an den Zeugen.


VORSITZENDER: Der Zeuge soll bleiben.

DR. LOEFFLER: Ich habe eine kurze Frage an den Zeugen.


VORSITZENDER: Wollen Sie mir bitte sagen, wen Sie vertreten?


DR. LOEFFLER: Dr. Loeffler, Verteidiger für die SA.


[Zum Zeugen gewandt:]


Herr Zeuge, Sie waren bei dem Besuch hoher ausländischer Staatsmänner in der Regel persönlich zugegen. Waren Sie auch bei dem Besuch der Staatsmänner während der Olympiade 1936 zugegen?

DR. SCHMIDT: Ja.

DR. LOEFFLER: Hat irgendeiner der ausländischen Staatsmänner den Wunsch ausgesprochen, die deutschen Einrichtungen und die vom Nationalsozialismus geschaffenen Werke, insbesondere auf sozialem Gebiet, zu besichtigen, in der Zeit vor oder nach 1936?


DR. SCHMIDT: Ob während der Olympiade derartige Wünsche geäußert worden sind, ist mir im Augenblick nicht mehr gegenwärtig, aber daß sie geäußert worden sind, und daß sie auch erfüllt worden sind, das ergibt sich aus verschiedenen Tatsachen, zum Beispiel aus dem Besuch von Lloyd George auf dem Obersalzberg und anschließend seiner Besichtigung der sozialen Einrichtungen Deutschlands, aus dem Besuch einer ganzen Reihe von ausländischen Interessenten, die sich meiner Ansicht nach sehr lebhaft für die sozialen Einrichtungen in Deutschland interessierten.


DR. LOEFFLER: Sind Sie bei diesen Besichtigungen persönlich zugegen gewesen? Erinnern Sie sich an eine Besichtigung, bei der Sie zugegen waren?


DR. SCHMIDT: Bei den Besichtigungen war ich meistens nicht dabei. Ich entsinne mich nur, daß zum Beispiel die Arbeitsfront eine Organisation hatte, die sich »Freude und Arbeit« nannte, und [249] zwar war das eine internationale Organisation, und diese veranstaltete jährlich einen großen Kongreß in Hamburg und bei diesem Kongreß habe ich öfters als Dolmetscher fungiert.


DR. LOEFFLER: Wissen Sie etwas darüber, welchen Eindruck diese Einrichtungen auf die ausländischen Staatsmänner gemacht haben?


DR. SCHMIDT: Diese sozialen Einrichtungen machten meiner Kenntnis der Dinge nach immer einen recht günstigen Eindruck.


DR. LOEFFLER: Erinnern Sie sich, Zeuge, an den Besuch des Prinzen von Wales in Deutschland?


DR. SCHMIDT: Jawohl, da habe ich auch als Dolmetscher mitgewirkt.


VORSITZENDER: Was hat dies mit den Anschuldigungen in der Anklageschrift zu tun? Dr. Loeffler, es war Ihre Pflicht, zur gleichen Zeit wie die anderen Verteidiger Ihre Fragen zu stellen. Ich habe Sie gefragt, ob Sie Fragen zu stellen hätten, Sie haben nein gesagt oder Sie haben es so zu verstehen gegeben. Jetzt kommen Sie und sagen, Sie wollen eine Frage stellen und Sie haben bereits ungefähr... ich weiß nicht, wieviele Sie noch stellen wollen. Nach Ansicht des Gerichtshofs, glaube ich, sind sie aber alle unerheblich.


DR. LOEFFLER: Herr Vorsitzender, die Fragen, die ich stelle, sind ausgelöst durch das Verhör, das Sir David angestellt hat. Die SA ist erwähnt worden von Sir David. Ich muß eine entsprechende Gegenfrage an den Zeugen richten und es ist außerdem...


VORSITZENDER: Sir David hat über die sozialen Zustände in Deutschland und über die Olympischen Spiele von 1936 keine Fragen gestellt; auf jeden Fall sind Sie nicht der Richtige, um das Rückverhör durchzuführen.


DR. LOEFFLER: Herr Vorsitzender! Diese Fragen, die ich gestellt habe, sind dadurch wichtig, weil durch diese Besuche, die hier gemacht worden sind und durch die Äußerungen, die die ausländischen Staatsmänner daraufhin abgegeben haben, in den Reihen unserer Mitglieder der Eindruck erweckt wurde, als ob die maßgebenden Staatsmänner des Auslandes den Führern des Nationalsozialismus ihre Anerkennung zum Ausdruck bringen würden, und das ist für die Frage der Schuld oder Unschuld von Millionen von Deutschen, die ich hier vertrete, von ganz entscheidender Bedeutung, weil diese Millionen Deutscher auf die Haltung dieser ausländischen Staatsmänner als maßgeblich geschaut haben. Es ist also nicht unerheblich, sondern für uns geradezu entscheidend, und dies ist der einzige Zeuge, der darüber wirklich authentisch berichten kann. Ich bin aber mit den Fragen über die [250] Olympischen Spiele schon am Ende. Ich habe nur noch zwei Fragen zu stellen. Ich bitte Sie, mir diese zu lassen, weil Sir David...


VORSITZENDER: Der Gerichtshof ist der Ansicht, daß die Fragen, die Sie stellen, Sich nicht aus dem Kreuzverhör ergeben und durchaus unerheblich sind. Es sind Ihnen keine weiteren Fragen gestattet.


DR. KUBUSCHOK: Ich muß das Gericht im Zusammenhang...


VORSITZENDER: Dr. Kubuschok, wie Sie ganz genau wissen, ist jetzt nicht der Zeitpunkt, Fragen in der Sache Papen zu stellen. Sie haben Ihre Gelegenheit dazu gehabt und haben es nicht getan.


DR. KUBUSCHOK: Herr Vorsitzender, ich schlage vor, einige Worte richtigzustellen, die wahrscheinlich durch die Übertragung falsch wiedergegeben sind, da mir das Affidavit in Abschrift nicht überreicht wurde. Ich habe gehört, daß in dem Affidavit eine Rede Papens vom 8. oder 18. Februar erwähnt worden ist...


VORSITZENDER: Gut, wenn das richtig ist, können Sie alle Übersetzungsfehler korrigieren, die Sie wünschen.


DR. KUBUSCHOK: Ich möchte erwähnen, daß hier vorhin der Name »Hitler« und »Papen« erwähnt worden ist. Ich habe in der Übersetzung »Papen« gehört. Papen hat aber eine solche Rede nicht gehalten, so daß Rückschlüsse für Papen aus dieser Rede nicht gegeben sind.


VORSITZENDER: Herr Dr. Kubuschok, Sie werden das Affidavit bekommen. Sie werden Gelegenheit haben, es durchzusehen.


DR. KUBUSCHOK: Ich werde das Affidavit einsehen und gegebenenfalls schriftlich eine Berichtigung beantragen.


VORSITZENDER: Ja, falls irgendein Fehler in dem Affidavit ist, muß er verbessert werden.


DR. KUBUSCHOK: Im Text steht tatsächlich Papen. Dies ist aber absolut unrichtig, da Papen eine solche Rede nicht gehalten hat. Im Text steht auf Seite 4: »Die Rede gehalten von Papen«.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Euer Lordschaft, das steht tatsächlich im Affidavit. Der gelehrte Herr Verteidiger sagt, es wäre absolut unrichtig, er hätte keine Rede gehalten. Ich möchte den gelehrten Herrn Verteidiger aber mit allem Respekt darauf hinweisen, daß er, wenn er das Affidavit widerlegen will, die Möglichkeit haben wird, von Papen erneut zu vernehmen und seine Aussage darüber zu hören.


DR. KUBUSCHOK: Dürfte es, Herr Vorsitzender, in diesem Falle nicht zweckmäßig sein, diese ganz kleine Frage an den Zeugen zu stellen, ob er tatsächlich Papen gemeint hat?


[251] VORSITZENDER: Gut, stellen Sie dem Zeugen die Frage.


DR. KUBUSCHOK: Herr Zeuge! Glauben Sie gesagt zu haben, daß Papen am 18. Februar 1938 eine Rede gehalten hat? Wo soll denn die Rede gehalten worden sein?


DR. SCHMIDT: Das ist meiner Ansicht nach ein Fehler, der mir unterlaufen ist bei der Abfassung des Affidavits; denn wenn die Rede nicht gehalten worden ist – ich erinnere mich im Augenblick jedenfalls nicht mehr daran, an eine derartige Rede, so wie ich es im Affidavit dargestellt habe. Es ist also durchaus möglich, daß mir ein Irrtum unterlaufen ist. Und der Irrtum ist vielleicht entschuldbar, wenn berücksichtigt wird, daß mir dieses Affidavit vorgelegt wurde zu einer Zeit, als ich gerade im Krankenhaus ziemlich schwer krank im Bett lag, und da kann es schon vorgekommen sein, daß mir das beim Durchlesen nicht aufgefallen ist und ich halte es tatsächlich für einen Fehler.


DR. KUBUSCHOK: Da erübrigt sich also die tatsächliche Feststellung und die daraus gezogene Schlußfolgerung?


DR. SCHMIDT: Nachdem ich das gesagt habe, ja. Ich erinnere mich nicht an die Rede und ich glaube, es ist auf einen Fehler meinerseits zurückzuführen, und führe das auf die Umstände zurück, unter denen ich das Dokument unterzeichnet habe, nachdem ich eben ziemlich schwer krank war.


VORSITZENDER: Bitte, Dr. Horn!

Der Zeuge kann sich jetzt zurückziehen.


[Der Zeuge verläßt den Zeugenstand.]


DR. HORN: Darf ich dem Gericht noch einmal die Bitte aussprechen, ob festgestellt werden kann, ob bis morgen früh die Übersetzungen der Dokumente fertig sind. Ich möchte das weitere Vorgehen meiner Beweisführung davon abhängig machen, weil, wenn ich morgen früh die Übersetzungen habe, dann werde ich jetzt mit der Vernehmung des Angeklagten von Ribbentrop als Zeuge anfangen, und wenn die Übersetzungen nicht bis morgen früh fertigzustellen sind, dann würde ich das Gericht bitten, jetzt meine Urkunden vorlegen zu dürfen.

VORSITZENDER: Dr. Horn, dieser Prozeß läuft nun schon seit vielen Monaten und er dauert viel länger, als irgend jemand vorher angenommen hatte, auf jeden Fall länger, als irgendein Mitglied des Gerichtshofs annahm, und wir können keine weitere Verzögerung zulassen. Sie müssen fortfahren. Haben Sie noch weitere Zeugen?


DR. HORN: Nein, ich habe keine weiteren Zeugen, Herr Vorsitzender.


[252] VORSITZENDER: Wollen Sie nicht den Angeklagten von Ribbentrop vernehmen?


DR. HORN: Jawohl.


VORSITZENDER: Warum können Sie ihn nicht jetzt vernehmen?


DR. HORN: Ich kann ihn vernehmen; ich habe gefragt, ob ich die Hilfe des Gerichts in Anspruch nehmen kann, ob ich die Dokumente morgen früh bekomme. Dann würde ich jetzt anfangen, den Angeklagten als Zeugen zu vernehmen und dann fortfahren mit den Dokumenten, wenn die Staatsanwaltschaft ihre Dokumente auch hat und zugleich ihre Einsprüche hier geltend machen kann.


VORSITZENDER: Sobald die Dokumente übersetzt sind, werden Sie sie selbstverständlich bekommen. Wir lassen gerade feststellen, ob sie bis morgen früh fertig sein werden oder nicht; aber wir haben noch 35 Minuten bis 5.00 Uhr. Wir möchten gern die Zeit ausfüllen.


DR. HORN: Jawohl, Herr Vorsitzender, dann werde ich den Angeklagten jetzt als Zeugen vernehmen.


VORSITZENDER: Wollen Sie bitte fortfahren, Dr. Horn.


DR. HORN: Jawohl, dann werde ich mit der Vorlegung der Urkunden fortfahren.


VORSITZENDER: Herr Dr. Horn! Sie haben doch gesagt, Sie wollten den Angeklagten von Ribbentrop als Zeugen vernehmen. Wir haben die Dokumente nicht hier, und Sie müssen tun, wie Sie sagten.


DR. HORN: Dann bitte ich den Angeklagten als Zeugen vernehmen zu dürfen.


[Der Zeuge Joachim von Ribbentrop betritt den Zeugenstand.]


VORSITZENDER: Wollen Sie Ihren vollen Namen sagen?

JOACHIM VON RIBBENTROP: Joachim von Ribbentrop.


VORSITZENDER: Wollen Sie mir diesen Eid nachsprechen: Ich schwöre bei Gott, dem Allmächtigen und Allwissenden, daß ich die reine Wahrheit sagen, nichts verschweigen und nichts hinzusetzen werde.


[Der Zeuge spricht die Eidesformel nach.]


VORSITZENDER: Sie können sich setzen.

DR. HORN: Geben Sie bitte dem Gericht einen kurzen, erklärenden Bericht über die maßgeblichsten Punkte Ihrer Entwicklung.

[253] VON RIBBENTROP: Ich bin am 30. April 1893 in Wesel geboren. Ich stamme aus einer alten Soldatenfamilie. Meine Mutter stammte vom Lande. Meine Schulzeit habe ich in Kassel und in Metz in Elsaß-Lothringen verbracht. Ich habe hier in Elsaß-Lothringen die erste Verbindung mit dem französischen Kulturkreis bekommen und wir haben damals eine innige Liebe zu diesem Land in uns aufgenommen.

Im Jahre 1908 nahm mein Vater den Abschied aus dem aktiven Militärdienst. Der Grund waren Differenzen, die damals mit der Person des Kaisers zusammenhingen. Mein Vater hatte schon starke außenpolitische Interessen und auch soziale Interessen. Ich hatte eine große Verehrung für ihn.

Wir zogen damals nach der Schweiz und nach ungefähr einem Jahr Aufenthalt in der Schweiz ging ich als junger Mensch nach London und habe hier ein Jahr lang hauptsächlich Sprachstudien getrieben. Ich habe damals meinen ersten Eindruck von London bekommen und von der Größe des Britischen Imperiums.

Ich bin dann nach einem Jahr, im Jahre 1910, nach Kanada gegangen. Ursprünglich wollte ich in die deutschen Kolonien; aber dann ging ich nach Amerika. Ich wollte die Welt sehen. In Kanada war ich mehrere Jahre, zwei Jahre ungefähr, Arbeiter, Streckenarbeiter auf der Eisenbahn, und später habe ich mich dem Bank- und Bauwesen zugewandt.

Im Jahre 1914 überraschte mich in Kanada der erste Weltkrieg. Wie alle Deutschen hatten wir nur den einen Gedanken: Man braucht jeden Menschen zu Hause, und wie kann man der Heimat helfen? Ich fuhr dann nach Neuyork. Bin dann im Jahre 1914 im September schließlich mit einigen Schwierigkeiten nach Deutschland gekommen. Nach einem Fronteinsatz von ungefähr vier Jahren wurde ich nach einer Verwundung nach Konstantinopel geschickt, nach der Türkei, wo ich den Zusammenbruch Deutschlands im ersten Weltkrieg erlebte. Es war damals mein erster Eindruck von den furchtbaren Folgen eines verlorenen Krieges. Der damalige Botschafter Graf Bernstorff und der spätere Botschafter Dr. Dieckhoff waren die Reichsvertreter in der Türkei. Sie wurden nach Berlin zitiert, um Beziehungen des Grafen Bernstorff zu dem Präsidenten Wilson auszunutzen und zu sehen – es war unser aller Hoffnung –, daß auf Basis dieser Punkte vielleicht ein Friede zustandegebracht werden könnte und damit wieder eine Versöhnung.

Ich bin dann nach einigen Schwierigkeiten im März 1919 nach Berlin gekommen und wurde Adjutant des damaligen Generals von Seeckt für die Friedensdelegation in Versailles. Ich habe dann, als der Versailler Vertrag kam, in einer Nacht dieses Dokument gelesen und stand unter dem Eindruck, daß es keine Regierung der [254] Welt geben könnte, die ein solches Dokument unterschreiben würde. Das war mein erster Eindruck von Außenpolitik in der Heimat.

Ich habe dann meinen Abschied im Jahre 1919 als Oberleutnant aus der Wehrmacht genommen und mich dem kaufmännischen Berufe zugewandt. Durch diese kaufmännischen Beziehungen habe ich vor allem England und Frankreich ziemlich eingehend in den folgenden Jahren kennengelernt. Ich habe manche Beziehungen auch damals schon zu Politikern bekommen. Ich versuchte meinem eigenen Lande zu helfen, indem ich gegen Versailles Stellung nahm. Erst war es sehr schwierig, aber schon in den Jahren 1919, 1920 und 1921 habe ich gewisses Verständnis in diesen Ländern auf meinem kleinen bescheidenen Weg damals gefunden.

Ich habe dann gesehen, es war ungefähr seit den Jahren 1929/1930, daß Deutschland nach einer Scheinblüte in den Jahren 1926, 1927 und 1928 plötzlich wirtschaftlich starken Erschütterungen ausgesetzt war und daß die Dinge ziemlich schnell bergab gingen.

In den Jahren 1931/1932 merkte man als Mann der Wirtschaft, der ich damals war, daß praktisch die Folgen von Versailles sich so auswirkten, daß das deutsche Wirtschaftsleben immer mehr zum Erliegen kam. Ich habe mich dann umgesehen; ich stand damals der Deutschen Volkspartei nahe, und ich sah, wie die Parteien in Deutschland immer mehr wuchsen. Ich erinnere mich, daß wir zum Schluß ungefähr dreißig Parteien oder mehr in Deutschland hatten, daß die Arbeitslosigkeit immer größer wurde und die Regierung immer mehr an Vertrauen verlor. Ich entsinne mich deutlich aus diesen Jahren der Anstrengungen, die der damalige Reichskanzler Brüning machte, die zweifellos aufrichtig und ehrlich gemeint waren, denen aber trotzdem kein Erfolg beschieden war.

Es kamen dann andere Regierungen, das ist bekannt, auch diesen war kein Erfolg beschieden. Die Ausfuhren deckten sich nicht mehr in Deutschland. Der Goldbestand der Reichsbank wurde immer geringer; Steuerflucht; keinerlei Vertrauen mehr in Regierungsmaßnahmen; das war ungefähr das Bild, was ich in den Jahren 1930/1931 in Deutschland erhielt. Ich habe dann gesehen, wie die Streiks zunahmen, wie die Menschen unzufrieden waren und wie es anfing, daß in den Straßen immer mehr Umzüge stattfanden und die Zustände immer chaotischer wurden.

Ich glaube nicht, daß ich übertreibe, wenn ich sage, daß das Bild, das sich in Jahren 1931/1932 vor allem, in Deutschland ergab, den Vorboten eines Bürgerkrieges nicht ganz unähnlich war. Auf mich hat das als Deutschen – ich glaube, immer ein patriotischer Mensch gewesen zu sein wie viele andere Deutsche – einen ungeheuren Eindruck gemacht. Ich stand an sich der politischen Welt eigentlich fern, aber ich habe mir in diesen Jahren gesagt, daß [255] irgend etwas geschehen muß und daß jeder an seiner Stelle, wo er auch sei, helfen oder mithelfen müßte, um eine nationale Front auf breiter Basis herbeizuführen, die wieder das Vertrauen der Menschen, vor allem auch der großen Masse, der Arbeitermasse des Volkes haben würde. Gleichzeitig war ich mir bewußt, daß dies, ich glaube dies sogar sicher, von den meisten der Männer, die damals Versailles gemacht haben, nicht gewollt war, aber es war ein Faktum, das, glaube ich, kein Mensch auch heute mehr wegdisputieren kann.

Ich habe schon einmal erwähnt die Enttäuschung, die ich damals als junger Offizier erlebte durch persönliche Beziehungen, vor allem auch zu dem damaligen Botschafter Dieckhoff, der ein entfernter oder angeheirateter Verwandter von mir war, die Enttäuschung, die über die Tatsache bei uns allen bestand, in der Wehrmacht, in dem deutschen Volk und in Regierungskreisen natürlich noch viel mehr, daß diese Wilsonschen Punkte so schnell verlassen worden waren. Ich habe nicht die Absicht, irgendeine Propagandarede hier zu halten, sondern ich möchte nur die Tatsachen ganz nüchtern feststellen, wie ich sie damals erlebt habe. Es ist kein Zweifel, daß die Wehrlosigkeit des deutschen Volkes damals dazu geführt hat, daß sich leider die Richtung bei unseren damaligen Feinden fortsetzen konnte, die nicht zur Versöhnung, sondern die zum Haß oder zur Rache ausschlug. Ich bin überzeugt, daß das auch bestimmt nicht an der Intention des damaligen Präsidenten der Vereinigten Staaten Wilson selbst gelegen hat. Ich glaube selbst wohl, daß er darunter in den späteren Jahren gelitten hat. Jedenfalls war dies meine erste Berührung mit der deutschen Politik.

Dieses Versailles wurde nun...

Aber selbst die schweren Bestimmungen von Versailles, wie wir sie miterlebt haben, aus eigenstem und engstem Augenschein, wurden ja bekanntlich nicht eingehalten. Auch das ist vielleicht eine Folge, eine Nachwirkung eines Krieges, in dem die Menschen in eine bestimmte Richtung hineingekommen sind und Dinge nicht halten wollten oder konnten. Die Bestimmungen von Versailles, das ist bekannt, sind weder in territorialer Weise noch in anderen sehr wichtigen Punkten dann eingehalten worden. Ich darf erwähnen, daß eine der wichtigsten Fragen – Territorialfragen – damals Oberschlesien und vor allem auch Memel war, das kleine Land, und daß die Ereignisse, die sich abspielten, auf mich persönlich einen sehr großen Eindruck machten. Oberschlesien besonders deshalb, weil mich viele persönliche Beziehungen hier verbanden und weil wir alle nicht verstehen konnten, daß selbst diese schweren Bestimmungen von Versailles nicht gehalten worden waren. Es ist eine Frage der Minderheit, die ja auch eine sehr große Rolle gespielt hat. Im weiteren Verlauf werde ich noch auf diese Punkte näher [256] eingehen müssen, vor allem im Zusammenhang auch mit der polnischen Krise. Aber gleich von Anfang an sind die deutschen Minderheiten bekanntlich schweren Zeiten ausgesetzt gewesen. Es ist damals besonders wieder Oberschlesien und diese Gebiete gewesen, die unter dieser Frage, unter dieser Behandlung zu leiden hatten. Es war ferner und als einer der wichtigsten Punkte, natürlich von Versailles, die Frage der Abrüstung. Auch diese ist hier schon in diesem Gerichtssaal behandelt worden. Deshalb möchte ich nicht näher darauf eingehen.

Es war jedenfalls die Vorenthaltung der Gleichberechtigung auf all diesen Gebieten und die Vorenthaltung gleichen Rechts, die mich in diesem Jahre bestimmten, mich mit der Politik auch mehr zu befassen. Ich habe damals, ich möchte das hier ganz offen aussprechen, sehr oft mit Franzosen und Engländern, Freunden, gesprochen. Es war damals bereits eine bekannte Tatsache natürlich – nach dem Jahre 1930 hatte die NSDAP über 100 Sitze im Reichstag bekommen –, daß hier der natürliche Wille des deutschen Volkes zum Durchbruch kam, um sich dieser Behandlung zu widersetzen, was letzten Endes nichts anderes bedeutete, als daß sie leben wollten. Ich habe damals diesen Freunden von mir, die mich auf Adolf Hitler ansprachen – ich kannte ihn damals noch nicht –, sie haben mich gefragt: »Was ist denn Adolf Hitler für ein Mann, was wird da kommen, was ist das?« Ich habe damals die sehr offene Antwort gegeben: »Geben Sie Deutschland eine Chance und Sie werden Adolf Hitler nicht haben. Geben Sie ihm keine Chance, dann wird Adolf Hitler zur Macht kommen.« Das war ungefähr 1930/31. Die Chance wurde Deutschland nicht gegeben und so kam er am 30. Januar 1933 – kam es zur Machtergreifung durch die Nationalsozialisten.


DR. HORN: Wie und wann lernten Sie Hitler kennen?


VON RIBBENTROP: Ich habe Adolf Hitler zum erstenmal gesehen am 13. August 1932 auf dem Berghof. Ich kannte in Berlin ungefähr seit dem Jahre 1930/1931 den Grafen Helldorf, dessen Name als Nationalsozialist bekannt ist. Er war mit mir Regimentskamerad in meiner Schwadron und hat vier Jahre Krieg mit mir zusammen verlebt. Durch ihn bin ich dann mit dem Nationalsozialismus in Berlin zum erstenmal zusammengekommen. Ich habe ihn damals gebeten, mir eine Besprechung mit Hitler zu vermitteln. Er tat dies, soweit ich mich erinnere, durch die Vermittlung von Herrn Röhm – damals. Ich besuchte Adolf Hitler und habe mit ihm damals ein langes Gespräch gehabt, das heißt Adolf Hitler hat mir seine Gedanken über die Lage, die sich im Jahre 1932 im Sommer ergab, auseinandergesetzt. Ich habe ihn dann wieder gesehen im Jahre 1933, das ist hier von dem Parteigenossen Göring schon geschildert worden, in meinem Hause in Dahlem, das ich zur Verfügung stellte, um auch [257] meinerseits alles zu tun, um eine nationale Front damals zu errichten. Mein Eindruck von Adolf Hitler war schon damals ein sehr großer. Mir fiel besonders auf: seine blauen Augen in seiner dunklen Erscheinung und dann vielleicht als Hervorstechendes, sein abgeklärtes, ich möchte sagen, sein abgeschlossenes, nicht verschlossenes, sondern abgeschlossenes Wesen und die Art, mit der er seine Gedanken äußerte und zum Ausdruck brachte. Diese Gedankenäußerungen hatten etwas immer Abschließendes und Definitives und sie schienen aus seinem innersten Wesen zu kommen. Ich hatte den Eindruck, hier einem Mann gegenüber zu sein, der wußte, was er wollte und der einen unerschütterlichen Willen besaß und eine sehr starke Persönlichkeit war. Ich kann es zusammenfassen, daß ich damals aus dem Gespräch mit Adolf Hitler wegging mit der Überzeugung, daß, wenn überhaupt noch jemand, dieser Mann in der Lage sein würde, Deutschland aus dieser großen Schwierigkeit und Not, die damals bestand, zu erretten. Auf die Ereignisse des Januar brauche ich nicht weiter einzugehen. Nur eine Episode möchte ich hier erzählen. Das war in meinem Haus in Dahlem, als es sich damals darum handelte, ob Adolf Hitler Reichskanzler werden sollte oder nicht. Ich weiß, daß damals, ich glaube, ihm die Vizekanzlerschaft angeboten war, und da habe ich dann gehört, mit welcher ungeheuer starken Kraft und Überzeugung – wenn man will, auch Brutalität und Härte – er seine Meinung äußern konnte, wenn er glaubte, daß sich Widerstände zeigen könnten, die zur Wiedererstehung und Errettung seines Volkes führen könnten.


DR. HORN: Glaubten Sie an die Möglichkeit einer Revision des Versailler Vertrages auf dem Wege gegenseitiger Verständigung?


VON RIBBENTROP: Ich muß sagen, daß die vielen Geschäftsreisen, die in den Jahren 1920 bis 1932 mich ins Ausland brachten, mir zeigten, wie unendlich schwierig es in diesem damals bestehenden System war oder sein müßte, auf dem Verhandlungsweg eine Revision des Versailler Vertrages herbeizuführen. Trotzdem habe ich gespürt, wie doch von Jahr zu Jahr sich die Kreise in England und Frankreich immer mehr vergrößerten, die zu der Überzeugung kamen, daß irgendwie Deutschland geholfen werden mußte. Ich habe in diesen Jahren sehr viele Beziehungen zu Männern der Geschäftswelt, des öffentlichen Lebens, der Kunst und Wissenschaft, vor allem auch der Universitäten in England und Frankreich angeknüpft. Ich lernte hierbei die Einstellung der Engländer und der Franzosen kennen. Ich möchte das hier zum Ausdruck bringen, daß schon kurz nach Versailles es meine Überzeugung war, daß eine Änderung dieses Vertrages überhaupt nur durchzuführen wäre in einer Verständigung mit Frankreich und England. Ich glaubte auch, daß auf diese Weise nur die internationale Lage gebessert und die [258] sehr starken Konfliktstoffe, die überall als Folge des ersten Weltkrieges sich aufgespeichert hatten, beseitigt werden konnten. Es war also klar, daß nur durch eine Verständigung mit den Westmächten, mit England und Frankreich, überhaupt eine Revision von Versailles möglich sein würde. Ich hatte schon damals das bestimmte Gefühl, daß nur durch eine solche Verständigung auch wirklich der Friede auf die Dauer in Europa erhalten werden konnte. Wir jungen Offiziere hatten damals zu viel erlebt, und ich denke an die Freischarkämpfer in Schlesien und all diese Dinge im Baltikum und so weiter. Ich möchte noch hinzufügen und ganz offen sagen, daß ich von Anfang an, am ersten Tage, an dem ich den Versailler Vertrag gesehen und gelesen habe, mich als Deutscher verpflichtet gesehen habe, gegen diesen Stellung zu nehmen und zu versuchen, alles zu tun, damit hier an Stelle dieses Vertrages ein besserer treten könnte. Es war gerade das Eintreten Adolf Hitlers gegen Versailles, das mich damals zum ersten überhaupt mit ihm und mit der Nationalsozialistischen Partei zusammenbrachte.


DR. HORN: Haben Sie sich bemüht, Hitler Ihre Anschauungen darüber näher zu bringen?


VORSITZENDER: Herr Dr. Horn! Es ist jetzt 5.00 Uhr und der Gerichtshof glaubt, es ist jetzt besser, sich zu vertagen.


[Das Gericht vertagt sich bis

29. März 1946, 10.00 Uhr.]


Quelle:
Der Prozeß gegen die Hauptkriegsverbrecher vor dem Internationalen Gerichtshof Nürnberg. Nürnberg 1947, Bd. 10, S. 222-260.
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