Nachmittagssitzung.

[472] VORSITZENDER: Sind Sie fertig, Dr. Kauffmann?

DR. KAUFFMANN: Mit der Vernehmung dieses Zeugen bin ich am Ende.


VORSITZENDER: Wünscht ein anderer Verteidiger Fragen zu stellen?


DR. SAUTER: Herr Vorsitzender! Ich habe einige Fragen zu stellen, die natürlich den Komplex Kaltenbrunner überhaupt nicht angehen, sondern Themen behandeln, die später beim Komplex Funk zu behandeln sind. Nachdem aber der Zeuge nur einmal vorgeführt werden kann, bleibt mir nichts anderes übrig, als jetzt dem Zeugen diese Fragen vorzulegen, die eigentlich praktisch erst später hierher gehören.

Herr Zeuge! Sie haben heute gesagt, Sie seien für Wirtschaftsfragen vom deutschen Auswärtigen Dienste, ich glaube, nach Rumänien entsandt worden. Ist es richtig, daß Sie während der Zeit Ihrer Tätigkeit in Rumänien auch mit der Vertretung und Behandlung der wirtschaftlichen Interessen in Griechenland beauftragt worden sind?


NEUBACHER: Im Herbst 1942 erhielt ich, unbeschadet meines Auftrages in Rumänien, den Sonderauftrag, gemeinsam mit einem italienischen Finanzexperten, Minister D'Agostino, in Griechenland die totale Auflösung der Währung und Wirtschaft durch geeignete Maßnahmen zu verhindern.


DR. SAUTER: Herr Zeuge! Waren Sie denn für diesen schwierigen Posten nach Ihrer Vorbildung und nach Ihrer früheren Tätigkeit geeignet? Sagen Sie uns kurz, welche Posten Sie früher bekleidet haben, damit man sich ein Bild darüber machen kann, ob Sie diesem Auftrag für Griechenland gewachsen gewesen sind. Aber bitte, Herr Zeuge, ganz kurz.


NEUBACHER: Ich war einer der ersten Wirtschaftsführer von Österreich; mit 28 Jahren Direktor, mit 30 Jahren Generaldirektor der Wiener Siedlungsgesellschaft, führte mit 33 Jahren einen großen Bau- und Baustoff-Industrie-Konzern; war Funktionär der österreichischen Nationalbank, Mitglied des österreichischen Zollbeirates, Mitglied des Rußland-Kredit-Komitees der Stadt Wien und Mitglied der Experten-Kommission für den Zusammenbruch der österreichischen Kreditanstalt. Ich habe also für diese Aufgabe eine reiche wirtschaftliche Praxis mitgebracht.

Überdies waren mir die Wirtschaftsprobleme des Balkans vollkommen geläufig, denn ich bearbeitete zuletzt die Wirtschaftsprobleme des Balkans in der Zentralfinanzverwaltung der I. G. Farben in Berlin.

[472] DR. SAUTER: Herr Zeuge! Ich habe Ihnen vor einigen Tagen, als ich Sie im Gefängnis besuchte, einen Kommissionsbericht der Königlich Griechischen Regierung an das Internationale Militärtribunal zum Lesen und zur Stellungnahme übergeben. Stimmt nun das, was hier behauptet wird?

Es ist das Dokument USSR-379, Herr Präsident; ich wiederhole USSR-379, es hat die weitere Nummer UK-82.

Es wird in diesem Kommissionsbericht, Herr Zeuge, die Sache so dargestellt, als ob gewissermaßen durch die deutschen Instanzen, und das fällt letzten Endes auf den Angeklagten Funk zurück, die Wirtschaft in Griechenland vollständig zerstört, als ob Griechenland selbst ausgeplündert worden sei und dergleichen. Ich bitte nun, nicht in Einzelheiten einzugehen, sondern nur in Kürze Ihren Gesamteindruck hierzu zu sagen.


VORSITZENDER: Ja, General Rudenko?


GENERAL RUDENKO: Herr Vorsitzender! Ich möchte vor dem Gerichtshof folgende Erklärung abgeben:

Der Kommissionsbericht der Griechischen Regierung ist dem Internationalen Militärgerichtshof von der Sowjetischen Anklagebehörde nach den Vorschriften des Artikels 21 des Statuts vorgelegt wor den. Es scheint mir, daß die Frage der Verteidigung an den Zeugen über seine Meinung zu diesem Kommissionsbericht abzulehnen ist, da der Zeuge nicht berechtigt ist, seine Ansicht über einen Bericht der Griechischen Regierung zum Ausdruck zu bringen. Der Verteidiger darf eine konkrete Frage über irgendeine einzelne Tatsache an ihn richten, aber das ist auch alles.


DR. SAUTER: Herr Vorsitzender! Ich kann, wenn es gewünscht wird, diese einzelnen Fragen ja auch stellen. Es wird dann vielleicht etwas länger dauern, aber wenn die Sowjetrussische Anklagevertretung das wünscht, bin ich damit einverstanden. Ich darf also den Zeugen fragen.

Herr Zeuge, ist es richtig...


VORSITZENDER: Einen Augenblick, Dr. Sauter. In welchem Zusammenhang wollen Sie dem Zeugen eigentlich zu diesem Berichte Fragen stellen?


DR. SAUTER: In diesem Bericht der Griechischen Regierung, der von der Russischen Anklagebehörde vorgelegt wird, wird behauptet, daß zum Beispiel Deutschland nach der Besetzung Griechenlands dieses Land ausgeplündert habe, daß man in diesem Land gewissermaßen eine Hungersnot verursacht habe, indem man übermäßig viel Waren aus dem Lande herauszog; daß man das Land mit übermäßig hohen Besatzungskosten belastete, daß man das Land im Clearingverkehr sehr stark benachteiligt habe und dergleichen. Ich [473] will durch diesen Zeugen, der sich damals als Wirtschaftssachverständiger des Deutschen Auswärtigen Amtes in Griechenland mit diesem Problem befaßte, nachweisen, zum Teile, daß diese Behauptungen unrichtig sind, und zum anderen Teile, daß diese Zustände beim Einmarsch der deutschen Truppen schon vorhanden waren, also nicht erst durch die deutschen Instanzen geschaffen wurden, und zum letzten Teile, daß gerade der Angeklagte Funk sich sehr und immer wieder bemüht hat, eine Besserstellung Griechenlands im Clearingverkehr zu schaffen, und daß er vor allem sehr beträchtliche Goldmengen nach Griechenland bringen ließ.


VORSITZENDER: Können Sie nicht einige kurze Fragen stellen, um zu zeigen, daß das von diesem Zeugen in Griechenland eingeführte System in Einklang mit dem Völkerrecht stand und Griechenland kein Unrecht zugefügt wurde? Mit diesen Fragen könnten Sie uns weiterhelfen.


DR. SAUTER: Das wollte ich ja tun, das hätte sicherlich auch der Zeuge von sich aus getan, selbstverständlich.

Also, Herr Zeuge, wissen Sie etwas darüber, wie die deutsche Wirtschaftsleitung und insbesondere der Angeklagte Funk zur Frage der Clearingschulden und der Frage der Clearingbehandlung gegenüber Griechenland stand?


NEUBACHER: Bezüglich der finanziellen gegenseitigen Belastungen und Verpflichtungen hatte ich mit dem Reichsfinanzminister Schwerin von Krosigk einmal gesprochen, und es war in Aussicht genommen, zu einem späteren Zeitpunkte, nach dem Kriege, Forderungen und Gegenforderungen auf der Grundlage eines einheitlichen Wertmessers abzurechnen.


DR. SAUTER: Warum ist denn schon während des Krieges diese Frage des Clearingverkehrs behandelt worden?


NEUBACHER: Ich kann über die wirtschaftlichen Vorgänge in Griechenland auf Grund eigener Beobachtungen erst Auskunft geben ab Ende Oktober 1942. In diesem Zeitpunkt, als ich zum ersten Male in Athen erschien, war die griechische Währung schon weitgehend zerstört, und der Banknotenumlauf war um zirka 3000 Prozent gestiegen. Wirtschaftliche Schädigungen in Griechenland sind auch dadurch entstanden, daß neben einer fortschreitenden Inflation der Versuch unternommen wurde, eine deutsche Planwirtschaft mit Höchstpreisen nach deutschem Muster einzuführen. Das hat natürlich die Folge gehabt, daß Verkäufer griechischer Waren, wenn sie später bezahlt wurden, einen Schaden erlitten. Andererseits aber haben die Importeure deutscher Waren, weil sie die Mark zum Kurse von sechzig ins Clearing bezahlten, aber damals, wie ich hinunterkam, zum Kurse von vielleicht 30000 weiterverkauften, ungeheuren Nutzen daraus gezogen. Dieses Chaos, das durch die Inflation im [474] Zusammenhang mit dem Versuche einer Planwirtschaft nach deutschem Muster entstanden ist, konnte nur dadurch beseitigt werden, daß der schwarze Markt in Griechenland in einen vollkommen freien Markt verwandelt wurde. Das haben die beiden Experten der Achsenmächte Ende Oktober 1942 mit einem außerordentlichen Erfolg eingeleitet. Innerhalb weniger Wochen füllten sich alle Geschäfte und alle Märkte mit Waren und Lebensmitteln, und die Preise der Lebensmittel stürzten auf ein Fünftel, die der Industrieprodukte bis auf ein Zehntel. Dieser Erfolg konnte trotz fortschreitender Inflation vier Monate hindurch festgehalten werden.


DR. SAUTER: Dr. Neubacher! Ist es richtig, daß der Angeklagte Funk, der damals Reichswirtschaftsminister war, sich auch in den Gesprächen mit Ihnen oder im Briefwechsel mit Ihnen sehr dafür einsetzte, daß, trotz der damaligen Warenknappheit in Deutschland, Waren in erheblichem Umfange aus Deutschland und anderen europäischen Ländern nach Griechenland gesandt wurden?

NEUBACHER: Ich war mit dem Herrn Reichswirtschaftsminister Funk, mit dem ich die Schwierigkeiten meiner Aufgabe besprach, vollkommen einer Meinung darüber, daß nach Griechenland ein Maximum an Waren transportiert werden müsse, und zwar nicht nur Lebensmittel. Ich habe damals nicht nur 60000 Tonnen Lebensmittel sichergestellt, sondern auch deutsche Exportware, weil es aussichtslos ist, eine Inflation oder die Folgen einer Inflation auf die Preise abzubremsen, wenn keine Ware vorhanden ist. Der Reichsminister Funk hat den Export nach Griechenland im Sinne einer Gesundung der dortigen Landverhältnisse mit allen Mitteln unterstützt.


DR. SAUTER: Es ist Ihnen bekannt, Herr Zeuge, daß der Angeklagte Funk sich, weil für Deutschland selbst der Transport nach Griechenland unmöglich geworden war, sehr dafür einsetzte, daß Waren mit Hilfe neutraler Schiffe auf Grund eines englischen freien Geleits von Deutschland nach Griechenland gebracht wurden, um die schon vorher sehr bedrohliche Hungersnot möglichst zu bekämpfen?


NEUBACHER: Ich glaube, das war 1941 auf 1942, als ich noch nicht in Griechenland war. Als im Jahre 1943 unsere Seeschiffahrt in den griechischen Gewässern vollkommen zu Ende war, weil alle Schiffe torpediert waren und die Eisenbahn unaufhörlich Gegen stand von Sabotageakten und Sprengungen gewesen ist, habe ich mit Hilfe des schwedischen Gesandten Alar, welcher die Internationale Hilfsaktion für Griechenland leitete, freies Geleit der Engländer für Lebensmittellieferungen nach Griechenland beantragt. Die Engländer haben diesen Antrag angenommen, und nach dem Aufhören unserer eigenen Transportmöglichkeiten ging monatlich einmal das Schwedenschiff »Halaren« von Triest oder Venedig nach Piräus mit deutschen Lebensmitteln für Griechenland.


[475] DR. SAUTER: Und an diesen Aktionen, Herr Zeuge, war der damalige Reichswirtschaftsminister Funk auch maßgebend beteiligt?


NEUBACHER: Reichswirtschaftsminister Funk hat sich für die griechische Frage, die einzigartig ist in der Wirtschaftsgeschichte, besonders positiv interessiert und mich in meinen Bestrebungen mit allen Mitteln unterstützt.


DR. SAUTER: Herr Zeuge! Wissen Sie etwas davon, daß der Angeklagte Funk sich namentlich auch dafür einsetzte, daß die Besatzungskosten möglichst gering gehalten werden, und daß er dafür eintrat, daß man lieber einen erheblichen Teil der Besatzungskosten auf deutsches Konto verbuchen soll, damit Griechenland nicht allzusehr belastet wird. Was wissen Sie darüber?

NEUBACHER: Im einzelnen weiß ich über diese Dinge, die sich in Berlin abgespielt haben, zu wenig. Ich habe aber jeweils die Lage in Griechenland Reichswirtschaftsminister Funk in großen Zeitabständen dargestellt, und ich weiß, daß er meine Darstellungen zur Grundlage seiner eigenen Einflußnahme gemacht hat. Er war sich vollkommen im klaren darüber, daß das griechische Wirtschaftsproblem im Kriege und innerhalb der Blockade so unendlich schwierig war, daß alle Anstrengungen gemacht werden mußten, um eine totale Auflösung der Währung und Wirtschaft zu verhindern; und darauf hat er jederzeit Einfluß genommen.


DR. SAUTER: Herr Zeuge! Hat der Angeklagte Funk seine Tätigkeit in dem Sinne ausgeübt, daß dadurch die griechische Währung, die Drachmenwährung, vernichtet oder verschlechtert werden solle, oder hat er umgekehrt sich im Interesse einer Stützung der Drachmenwährung, insbesondere zwecks Vermeidung einer katastrophalen Hungersnot, bemüht? Ich bitte Sie, uns kurz zu sagen, was Sie hierüber wissen.


NEUBACHER: Der Reichsminister Funk hat sich in dem letzten Sinne bemüht und hat das dadurch bewiesen, daß er den Export nach Griechenland forcierte und schließlich im Einvernehmen mit dem Vierjahresplan das schwierigste Opfer brachte, das es für Deutschland gab, nämlich die Hergabe eines großen Betrages in Gold zwecks Verlangsamung der griechischen Inflation.


DR. SAUTER: Sie sagen: eines großen Postens Gold. Wir haben in Deutschland, wie Sie wissen, während des Krieges schon sehr wenig Gold gehabt. Können Sie uns sagen, wie groß der Posten Gold war, den damals der Angeklagte Funk nach Griechenland geschickt hat, um auf diese Weise einigermaßen die Drachmenwährung zu halten und die befürchtete Katastrophe zu vermeiden? Wie groß war der Posten?


[476] NEUBACHER: Insgesamt wurden in Griechenland und in Albanien zusammen nach meiner Erinnerung ein und drei Zehntel Millionen Goldpfund verwendet.


DR. SAUTER: Ein und drei Zehntel Millionen Goldpfund?


NEUBACHER: Um die Währungen zu stützen, nach meiner Erinnerung über eine Million Goldpfund in Athen.


DR. SAUTER: Und dann hätte ich noch eine letzte Frage, Herr Zeuge. Ist es richtig, daß gerade durch griechische Händler all diese Bemühungen der deutschen Wirtschaftsführung und des deutschen Wirtschaftsministers vielfach durchkreuzt und vereitelt worden sind, und daß, um nur ein Beispiel anzuführen, Fälle vorkamen, wo deutsche Fabriken deutsche Motoren um 60 Drachmen an Griechenland, an griechische Händler verkauften, also um 60 Drachmen, die praktisch nichts mehr wert waren, und daß die griechischen Händler diese nämlichen Motoren, die sie um 60 Drachmen von Deutschen gekauft hatten, dort an die Deutsche Wehrmacht um 60000 Drachmen das Stück verkauften? Das sollen Fälle sein, die Sie festgestellt, und über die Sie dann auch an den Angeklagten Funk berichtet haben; und deshalb frage ich das, ob das richtig ist.


NEUBACHER: Dazu habe ich folgendes zu bemerken: Das ist tatsächlich geschehen, aber ich stelle fest, daß die griechischen Händler so handeln mußten, das war eben eine Folge der Inflation und des schwarzen Marktes. Das griechische Volk ist viel zu intelligent, sich durch Inflation hineinlegen zu lassen. Dort ist jedes Kind ein Kaufmann. Daher war es nur auf dem Wege möglich, dieser selbstverständlichen Spekulation, die gar nichts Unmoralisches an sich hat, entgegenzutreten, daß eben der schwarze Markt mit rein kaufmännischen Methoden in einen total freien Markt verwandelt wurde, dann war es mit diesen Experimenten zu Ende.


DR. SAUTER: Diese Verwandlung des schwarzen Marktes in einen freien Markt, also ein Problem, das auch in Frankreich eine große Rolle gespielt hat, ist durch Ihre Tätigkeit im Einvernehmen mit dem Angeklagten Funk herbeigeführt worden?


NEUBACHER: Ja, das habe ich mit meinem italienischen Kollegen D'Agostino Ende Oktober 1942 eingeleitet.


DR. SAUTER: Danke sehr, Herr Zeuge.

Herr Präsident, ich habe keine weiteren Fragen mehr an den Zeugen.


DR. STEINBAUER: Herr Präsident! Hoher Militärgerichtshof! Zur Information werde ich den Zeugen über das Thema »Die Anschlußfrage« befragen.

Sie haben, Herr Zeuge, dem Gericht Ihre wirtschaftliche Tätigkeit geschildert. Waren Sie nicht auch politisch tätig?


[477] NEUBACHER: Ich war politisch tätig als Obmann des Österreichisch-Deutschen Volksbundes.


DR. STEINBAUER: Welches waren die Ziele dieses Österreichisch-Deutschen Volksbundes?


NEUBACHER: Der Österreichisch-Deutsche Volksbund war eine überparteiliche und überkonfessionelle Einrichtung, die sich vollkommen einseitig zum Ziele setzte, die Revision des Anschlußverbotes in den Friedensverträgen anzustreben und die Frage des deutschösterreichischen Zusammenschlusses durch eine Volksabstimmung auf friedlichem Wege zur Entscheidung zu bringen. Im Vorstand dieses Österreichisch-Deutschen Volksbundes waren alle Parteien offiziell vertreten, mit Ausnahme der nationalsozialistischen und kommunistischen Partei. Die deutsche Organisation gleichen Namens stand unter der Führung des sozialdemokratischen Reichstagspräsidenten Paul Löbe.


DR. STEINBAUER: Danke, ich habe hier eine Liste des Vorstandes aus dem Jahre 1926. Da erscheinen Sie als Obmann, als Stellvertreter der Staatsrat Paul Speiser. Als Kassenwart Dr. Arthur Seyß-Inquart und dann ein Dr. Benedikt Kautski, ein Herr Georg Stern, Hofrat und Präsident des Bankenverbandes, und ein gewisser Dr. Stolper. Ist das richtig?


NEUBACHER: Ja.


DR. STEINBAUER: Warum traten diese Männer verschiedenster Parteieinstellung und Konfession für den Anschluß in einem derartigen Zeitpunkt ein?


NEUBACHER: Nach den Verträgen von Versailles und St. Germain entstand in Österreich auf breitester Basis eine Bewegung für die Vereinigung dieses unter schwerster Wirtschaftsnot leidenden Landes mit Deutschland. Dieser Bewegung gehörten Menschen aller Parteien und Konfessionen an, wie aus der Zusammensetzung dieser Namen, die Sie, Herr Doktor, genannt haben, hervorgeht.


DR. STEINBAUER: Ist Ihnen, Herr Zeuge, bekannt, in welcher Form und unter welchen Bedingungen insbesondere auch die bisherige Stellung der Haupt- und Residenzstadt Wien im Jahre 1918 im Anschluß gedacht war?


NEUBACHER: Über die technische Form habe ich keine genaue Vorstellung, aber alle Österreicher waren sich schon auf Grund ihres wohlbegründeten historischen Selbstbewußtseins darüber einig, daß der Stadt Wien der Rang einer zweiten Hauptstadt Deutschlands zukommen müsse.


VORSITZENDER: Es tut mir leid. Der Gerichtshof beschäftigt sich wirklich nicht mit der Frage, ob der Anschluß wünschenswert war oder nicht, ob er gerechtfertigt war oder nicht. Der Gerichtshof [478] befaßt sich nur mit der Frage, ob er durch Gewalt erreicht worden ist. Der größte Teil dieser Aussage scheint überhaupt unerheblich zu sein.


DR. STEINBAUER: Herr Präsident! Ich muß leider sagen, daß ich da anderer Auffassung als das Gericht bin, weil ich der Meinung bin, und das trifft nicht nur für den Angeklagten Seiß-Inquart, sondern auch für alle Angeklagten, die am Anschluß beteiligt sind, das ist Göring, Ribbentrop, Papen, Neurath, zu, daß es wichtig ist, zu wissen, unter welchen wirtschaftlichen, politischen, kulturellen Auspizien und in welcher politischen Situation sich Österreich befand, als diese Männer für den Anschluß eintraten. Daher meine ich, daß es sehr wichtig ist, doch auch festzustellen, wie die Gesamteinstellung war. Ich habe mir erlaubt, in meinem Dokumentenbuch eine kurze historische Darstellung zu geben, um die verschiedenen Auffassungen klarzulegen.

Herr Zeuge! Sie sind dann im Jahre 1938 Bürgermeister der Stadt Wien geworden?


NEUBACHER: Das ist dann nach dem Anschluß.


DR. STEINBAUER: Da war Seyß-Inquart gleichzeitig Reichsstatthalter für den Gau Wien, oder richtiger gesagt für das Land Österreich. Stimmt das?


NEUBACHER: Ich wurde Bürgermeister von Wien unter Seyß-Inquart als noch österreichischem Bundeskanzler am 13. März 1938 vormittag; damals war Seyß-Inquart Bundeskanzler von Österreich.


DR. STEINBAUER: Ja, sehr gut. Wie lange waren Sie dann Bürgermeister der Stadt Wien?


NEUBACHER: Nach österreichischem Recht bis Februar 1939; dann wurde der Gauleiter Bürckel Gau leiter und Reichsstatthalter von Wien und damit auch oberster Chef der Kommunalverwaltung. Dadurch...


DR. STEINBAUER: Danke schön.

Wie war nun die Stellung zwischen Seyß-Inquart einerseits und dem Kommissar für die Reichsvereinigung Bürckel andererseits?


NEUBACHER: Das Verhältnis war notorisch schlecht. Bürckel kümmerte sich nicht um die Kompetenzen des Reichsstatthalters Seyß-Inquart, er regierte über ihn hinweg und versuchte mit allen Methoden der Verleumdung, der Intrige und der Provokation, Seyß-Inquart zu stürzen und zu entfernen. Es ist dies ihm auch gelungen.


DR. STEINBAUER: Danke schön. Ich habe keine weiteren Fragen mehr.


VORSITZENDER: Wünscht die Anklagevertretung den Zeugen zu verhören?


[479] OBERST AMEN: Nein.


VORSITZENDER: Keine Fragen?


OBERST AMEN: Nein.


VORSITZENDER: Der Zeuge kann sich zurückziehen.


[Der Zeuge verlaßt den Zeugenstand.]


VORSITZENDER: Dr. Kauffmann.

DR. KAUFFMANN: Es stehen noch sechs Fragebogen aus, ich hoffe sie vorlegen zu dürfen, sobald sie eingegangen sind, und ich darf mir auch noch vorbehalten, im Anschluß an meinen Antrag vor zwei Tagen schriftlich den einen oder anderen Zeugen zu beantragen, und zwar aus der Zahl der Zeugen, die in den Affidavits vorkamen, die die Anklagebehörde vorgelegt hatte.


VORSITZENDER: Sie wollen also jemand ins Kreuzverhör nehmen, von dem die Anklagevertretung ein Affidavit vorgelegt hat?


DR. KAUFFMANN: Ja.


VORSITZENDER: Sprechen Sie von Affidavits, die schon vorgelegt wurden?


DR. KAUFFMANN: Die vor zwei Tagen erstmals vorgelegt wurden.


VORSITZENDER: Gut, der Gerichtshof ist der Ansicht, daß Sie sich bald entscheiden sollten, ob Sie diese Leute ins Kreuzverhör nehmen wollen.


DR. KAUFFMANN: Gewiß, ich wollte an sich schon diesen Antrag stellen, aber das Gericht verwies mich darauf, diesen Antrag schriftlich zu stellen.


VORSITZENDER: Ich verstehe.


DR. KAUFFMANN: Sonst ist für heute meine Beweisaufnahme abgeschlossen. Ich danke.


VORSITZENDER: Sehr gut.


DR. KAUFFMANN: Danke schön.


VORSITZENDER: Sir David, Dr. Dix möchte die Angelegenheit seiner den Angeklagten Schacht betreffenden Dokumente geregelt sehen. Glauben Sie, daß das viel Zeit in Anspruch nehmen wird?


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Wenn ich mich mit Mr. Dodd beraten darf. – Ich denke nicht, daß es lange dauern wird, aber ich möchte mich dessen mit Erlaubnis Euer Lordschaft vergewissern.


VORSITZENDER: Was sagt Dr. Dix?


DR. DIX: Ich denke nicht, daß es lange dauern wird, vielleicht eine Viertelstunde, aber ich werde ja der Prosecution antworten, und [480] daher hängt die Dauer meiner Antwort von der Länge der Ausführungen der Prosecution ab.


VORSITZENDER: Ja, es erscheint uns vorteilhaft, jetzt damit zu beginnen, sonst müssen wir später dafür Zeit aufwenden, und wir wissen heute noch nicht, wie lange das dann dauern wird. Wenn wir uns jetzt dieser Angelegenheit zuwenden, werden wir nicht sehr aufgehalten und könnten dann später Dr. Thoma fortsetzen lassen.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Mein Kollege, Herr Dodd, meint, es wird eine halbe Stunde dauern.


VORSITZENDER: Sehr gut. Dr. Thoma, Sie haben nichts dagegen einzuwenden?


DR. THOMA: Nein.


VORSITZENDER: Sehr gut.


MR. DODD: Herr Vorsitzender! Ich habe ein Inhaltsverzeichnis vorliegen, das von Dr. Dix für den Angeklagten Schacht eingereicht wurde.

Zunächst möchte ich die Beweisstücke besprechen, gegen die wir Einspruch erhoben haben.


VORSITZENDER: Ich bin nicht ganz sicher, ob ich dieses Verzeichnis hier vorliegen habe. Haben Sie eine Abschrift, die wir haben können?


MR. DODD: Ich habe nur das eine Exemplar, das uns von Dr. Dix zur Verfügung gestellt wurde.


VORSITZENDER: Wurde es dem Gerichtshof bereits überreicht?


MR. DODD: Ich glaube nicht. Ich weiß es nicht.

VORSITZENDER: Vielleicht können Sie uns bekanntgeben, was das für Dokumente sind, ohne daß wir sie vorliegen haben. Können Sie beim Vorlegen der Dokumente auch die Nummern angeben?


MR. DODD: Ja, Herr Vorsitzender.

Die ersten vier Dokumente sind:

Nummer 1 ist ein Buch von Sir Nevile Henderson mit dem Titel »Das Scheitern einer Mission«.

Nummer 2 ist auch ein Auszug aus diesem Buch und ebenso Nummer 3.

Wir erheben Einspruch gegen alle drei, da sie nur die Ansichten Sir Nevile Hendersons darstellen und keine historischen Tatsachen wiedergeben.

Nummer 4 ist ein Auszug aus einem Buche, das von einem Mann namens Karl Bopp über Dr. Schacht geschrieben wurde. Wir erheben aus demselben Grunde Einspruch, da es die Meinung des Verfassers darstellt und hier fehl am Platze ist.

[481] Beweisstück Nummer 5 ist ein Auszug aus einem Buche von Sumner Welles »Die Zeit der Entscheidung«. Unser Einwand gegen diesen Auszug stützt sich auf dieselben Gründe. Es enthält nur die Ansichten Sumner Welles' und ist, wie wertvoll es auch an manchen Stellen sein mag, hier nicht am Platze.

Beweisstück Nummer 6 ist das Buch von Viscount Rothermere, in das der Gerichtshof schon im Zusammenhang mit dem Antrag des Angeklagten Göring Einsicht genommen hat. Wir erneuern den damals erhobenen Einspruch und wiederholen, daß es nur die Meinung dieses Herrn darstellt und für diesen Gerichtshof keinen Wert besitzt.

Beweisstück Nummer 7 ist das Messersmith-Affidavit, das von der Anklagevertretung als Beweismittel vorgelegt wurde. Wir erheben dagegen natürlich keinen Einspruch.

Beweisstück Nummer 8 ist ebenfalls ein Anklagebeweisstück, wir erheben keinen Einspruch.

Ebenso nicht gegen Beweisstück Nummer 9.

Beweisstück Nummer 10 ist ein Affidavit oder nur eine Erklärung des verstorbenen Feldmarschalls von Blomberg. Wir erheben keinen Einspruch.

Wir erheben weiter keinen Einspruch bis zu Beweisstück Nummer 14, dem Tagebuch des Botschafters Dodd, und auch dies ist kein wirklicher Einspruch. Wir bitten nur um die Daten der Eintragungen, die man uns bis jetzt noch nicht gegeben hat, oder um die Seiten des Tagebuches, aus denen zitiert werden soll.

Wir gehen weiter bis zu Beweisstück Nummer 18. Gegen die dazwischen liegenden Beweisstücke haben wir natürlich nichts einzuwenden.


VORSITZENDER: Herr Dodd, wenn ich Sie richtig verstehe, handelt es sich um die Frage, was übersetzt werden soll, nicht wahr?

MR. DODD: Ja, wir geben unsere Einwände jetzt bekannt, weil wir den Übersetzern Arbeit ersparen wollen.


VORSITZENDER: Gut, gehen Sie weiter zu Nummer 18.


MR. DODD: Ja, Nummer 18 besteht aus drei Teilen, a, b und c. Es sind Erklärungen von Paul Boncour, Briand und Lord Cecil. Es sind Erklärungen über Deutschlands Recht zur Wiederaufrüstung. Wir erheben Einspruch, weil diese Erklärungen nicht von amtlichen Mitgliedern der Regierungen, dieser zwei Regierungen, abgegeben worden sind. Außerdem ist für den Auszug, der zitiert werden soll, kein Quellenwerk angegeben, und es scheint sich nur um Meinungsäußerungen zu handeln, die diese Männer nach ihrem Amtsrücktritt abgegeben haben.

[482] Wir kommen jetzt zu Beweisstück Nummer 33. Das ist eine Rede Dr. Schachts aus dem Jahre 1937. Unsere einzige Frage lautet... wir stellen keineswegs die Erheblichkeit in Frage, aber wir möchten gerne wissen, ob das Original vorhanden ist oder nicht. Wir haben dies noch nicht feststellen können.

Nummer 34 ist eine Rede Adolf Hitlers. Sie ist sehr kurz, und ich will keinesfalls zu viel Einwendungen erheben, aber ich kann ihre Erheblichkeit nicht einsehen. Sie scheint sich auf keine der hier erörterten Streitfragen zu beziehen, und wenn Dr. Dix mit ihrer Vorlage keine uns bisher nicht bekanntgegebene Absicht verfolgt, wollen wir dagegen Einspruch erheben.


VORSITZENDER: Welches Thema behandelt die Rede, Herr Dodd?


MR. DODD: Sie befaßt sich ganz allgemein mit der Wiederaufrüstung, bringt aber nichts über Dr. Schacht oder irgendeine hier erhobene Beschuldigung. Es scheint bloß eine allgemeine Erklärung über, Wiederaufrüstung zu sein.

Wir erheben Einspruch gegen Beweisstück Nummer 37. Es ist ein Brief Dr. Schachts an Herrn Leon Fraser, und wir möchten wissen, ob das Original zur Verfügung steht oder nicht. Wenn es vorhanden ist, erheben wir natürlich keinen Einspruch.

Nummer 38 ist ein Zeitungsartikel, aus einer Züricher, also einer Schweizer Zeitung über die Gedanken Dr. Schachts. Wir erheben Einspruch dagegen. Vor allem ist der Verfasser unbekannt, und außerdem ist es nur ein Zeitungsbericht und scheint für uns hier unwesentlich und unwichtig zu sein.

Beweisstück Nummer 39 ist ein Brief, der von einem gewissen Richard Morton an den Solicitor of the Treasury von Großbritannien (Rechtsbeistand des Schatzamtes) geschrieben wurde. Er wurde dort an den Generalsekretär weitergeleitet, wie ich glaube. Auf jeden Fall erheben wir Einspruch, da wir dies Dokument für unzulässig halten.

Es soll die Beurteilung, die die Person Schachts durch Morton erfahren hat, wiedergeben und soll darlegen, in welcher Weise Schacht Morton geholfen hatte. Wenn Dr. Schachts Verteidiger Dr. Dix der Ansicht ist, Morton könne eine bedeutungsvolle und erhebliche Aussage machen, würden wir die Einreichung eines Fragebogens vorschlagen. Morton ist in London, und es würde unseres Erachtens dies ein besseres Vorgehen sein, als diesen Brief vorzulegen, der ohne Anleitung durch einen Fragebogen geschrieben wurde.

Wir kommen dann zu Beweisstück Nummer 49. Es ist ein Briefwechsel zwischen dem Herausgeber von Botschafter Dodds Tagebuch und Sir Nevile Henderson. Er ist in dem Band, der Dodds Tagebuch enthält, abgedruckt. Es erscheint mir ziemlich unklar, in welcher [483] Hinsicht dieser Briefwechsel für uns erheblich sein soll, und was durch ihn aufgedeckt werden könnte.


VORSITZENDER: Ist dies ein langes Dokument?


MR. DODD: Nein, nicht sehr lang.

Ich bin nun etwas im unklaren über die letzten paar Beweisstücke von 54 bis 61. Wir wissen nur, daß Beweisstück Nummer 54 ein Protokoll der Aussage Gö rings vor diesem Gerichtshof ist und so weiter, das Protokoll verschiedener Aussagen vor dem Gerichtshof; drei Auszüge aus der Aussage Görings, und vier aus den Erklärungen des Leutnants Brady Bryson im Zusammenhang mit der von der Anklagevertretung gegebenen Darstellung des Falles gegen den Angeklagten Schacht.

Ich persönlich möchte behaupten, daß es unnötig ist, sie zu übersetzen oder mehr zu unternehmen, als auf sie zu verweisen. Sie sind schon ins Protokoll aufgenommen, und ich kann mir nicht vorstellen, was Dr. Dix im Sinne hat. Ich habe natürlich keinen Einwand vorzubringen, wenn er sich auf diese Auszüge bezieht, oder sonst zulässigen Gebrauch von ihnen macht.


VORSITZENDER: Sind die Auszüge lang?


MR. DODD: Ich weiß es nicht. Es handelt sich nur darum, sie noch einmal aus dem Protokoll abzuschreiben. Sie sind schon im Protokoll des Gerichtshofs.


VORSITZENDER: Ja.


MR. DODD: Sie liegen mir nicht vor, Herr Vorsitzender.

Das ist unsere augenblickliche Stellungnahme zu dem Antrag von Dr. Schachts Verteidiger. Wenn irgendwelche Fragen vorliegen, bin ich zur Beantwortung gern bereit, ich bin nämlich hier nicht auf viele Einzelheiten eingegangen.


VORSITZENDER: Das ist richtig. Dr. Dix kann nun antworten. Ja, Dr. Dix?


DR. DIX: Was die Einwendungen von Nummer 1 bis 6 anlangt, so gebe ich Mr. Dodd ohne weiteres zu, daß es sich bei ihnen mehr um eine Angelegenheit der Argumentation als um Beweismittel handelt. Schacht wird auf die Tatsache, daß prominente Männer auch des Auslands die gleichen Ansichten vertreten haben, die ihn zu seiner Gesamthaltung auch in der Aufrüstungsfrage veranlaßt haben, argumentierenden Bezug, nehmen. Er wird sie zitieren und auch ich werde voraussichtlich in meinem Schlußplädoyer diese Stellen zum Zwecke der Argumentation zitieren. Wenn deshalb Mr. Dodd sagt, es ist weniger ein Beweismittel als eine Argumentation, so hat er recht, aber wir streiten uns ja jetzt nach meiner Auffassung nicht darüber, was offiziell verfahrensmäßig dem [484] Gericht als Beweismittel unterbreitet werden soll, sondern wir streiten uns ja nur darüber, beziehungsweise, wir unterhalten uns jetzt darüber, ob diese Dokumente übersetzt werden sollen, damit, wenn entweder Schacht bei seiner Vernehmung sie zitiert, oder, wenn ich sie bei meinem Plädoyer zitiere, das Gericht in der Lage ist, diesem Zitat bequem zu folgen. Wir haben die Beobachtung gemacht, daß das Gericht, was ja auch durchaus naheliegend ist, es gern sieht, wenn Schriftstücke, die hier vorgetragen werden, ihm in Übersetzung vorliegen, damit es genau folgen kann. Also hinsichtlich dieser Stücke 1 bis 6, und das gilt auch, um das vorwegzunehmen, für sämtliche Stücke in Exhibit Nummer 18, kämpfe ich nicht um die Zulassung als Beweismittel, sondern ich empfehle nur, im allseitigen Interesse die Übersetzung zuzulassen, damit im Falle ihrer Zitierung sie dem Gericht vorgelegt werden können; also eine reine Zweckmäßigkeitsfrage. Das gilt für 1 bis 6 und für sämtliche unter 18.


VORSITZENDER: Aber, Dr. Dix, hat der Gerichtshof nicht schon entschieden, daß sowohl die Tagebücher von Viscount Rothermere als auch die Rede oder das Buch von Paul Boncour nicht als Beweismittel zugelassen sind und auf sie nicht Bezug genommen werden darf?


DR. DIX: Mir ist nur eine Entscheidung des Gerichts bekannt, daß es keine Darlegungen über die Gerechtigkeit oder Ungerechtigkeit des Versailler Friedens entgegennehmen will. An diese Entscheidung des Gerichts werden wir uns selbstverständlich halten. Aber das Zitat dieser Stellen wird nicht dazu dienen, um Ausführungen über die Gerechtigkeit oder Ungerechtigkeit des Versailler Friedens zu machen, weder beabsichtigt dies Schacht, noch ich. Also um ein Beispiel zu bringen:

Eine bestimmte Einstellung Schachts wird von der Anklage in dem Sinne gewertet, daß er mit seiner Unterstützung der Aufrüstung die Aggression unterstützt und gewollt hat. Das will er widerlegen, indem er sich darauf beruft, daß auch der und der prominente Ausländer die gleiche Ansicht vertreten habe, und dieser doch unmöglich mit dieser Ansicht eine deutsche Aggression habe beabsichtigen können. Das ist nur ein Beispiel. Jedenfalls nicht zum Zwecke akademischer Ausführungen über die Gerechtigkeit oder Ungerechtigkeit des Friedens von Versailles, die ich sowieso nicht beabsichtigt hätte, denn ich fühle, daß für derartige Ausführungen eine Resonanz nicht vorhanden ist. Ich lege keine Ausführungen zugrunde, von denen ich annehme, daß sie keine Resonanz haben. Darf ich fortfahren?

Ich komme dann zum Dokument Nummer 18. Ich bitte um Entschuldigung. Ich hörte nur soeben die Ausführungen des Herrn [485] Dodd und muß sofort antworten. Ich muß mir alles erst zusammensuchen. Ich habe mir hier notiert, daß bei Ziffer 18, wovon ich soeben sprach, was also zusammen mit den Stücken 1 bis 6 vermißt wird von Herrn Dodd, die Quellenangabe nämlich, das mag daran liegen, daß er nur das Inhaltsverzeichnis vor sich hatte. In den Zitaten selbst sind die Quellenwerke angegeben.

Nun komme ich zu Nummer 37. Das ist der Brief Schachts an einen gewissen Fraser. Da habe ich Herrn Dodd dahingehend verstanden, daß er keine Einwendung erhebt, sondern nur wissen möchte, wo sich das Original befindet. Ja, es ist ein Brief Schachts an Fraser, den verstorbenen Präsidenten der First National Bank. Das Original dieses Briefes, wenn es noch vorhanden ist, befindet sich im Nachlaß des Herrn Fraser und ist für mich nicht zugänglich, für niemanden.

Einen Moment, Herr Vorsitzender. Schacht sagt mir, er habe nur die Kopie, und zwar die eigenhändig unterschriebene Kopie, also eine sogenannte Auto-Kopie. Diese Auto-Kopie ist in der Schweiz während des Krieges wegen ihres Inhalts aufgehoben worden. Diese von Schacht persönlich unterschriebene Auto-Kopie ist hier, von ihr stammt diese Abschrift im Dokumentenbuch und die Übereinstimmung des Wortlautes ist von Professor Kraus beglaubigt. Also ich glaube, daß damit der Identifizierung der Kopie im Rahmen der Möglichkeit Genüge getan ist. Dies zu Nummer 37.

Dann habe ich mir notiert, daß bei Nummer 34, einen Moment bitte, auch die Quelle vermißt worden ist. Das ist dasselbe, wie schon oben gesagt wurde. In dem Dokumentenbuch ist die Quelle angegeben, nämlich die »Dokumente der deutschen Politik«. Also dieses Sammelwerk, das ja sehr viel als Beweismaterial benutzt worden ist. Nun sind Einwendungen erhoben gegen...


VORSITZENDER: Dr. Dix! Gegen Beweisstück 34 war nicht Einspruch erhoben worden, weil das Original nicht vorhanden war, sondern weil es eine Rede von Hitler über Wiederaufrüstung wiedergibt und nicht erheblich erschien.


DR. DIX: Ja, das ist richtig. Vielen Dank, Herr Vorsitzender.

Ja, die Erheblichkeit konnte Herr Dodd natürlich nicht erkennen. Die Erheblichkeit konnte nur Schacht erkennen, weil er allein seine innere Entwicklung kennt. Es handelt sich hier um eine Rede Hitlers, in der eine Stelle vorkommt, die den langsam sich entwickelnden Verdacht Schachts, diese Politik könnte auf eine Aggression, auf einen Angriffskrieg nicht nur hinausgehen, sondern eventuell sogar von Hitler gewollt sein, besonders durch diese Stelle der Reichstagsrede Hitlers vom 28, Februar 1938 hervorrief. Also für die gesamte Darstellung seiner inneren Einstellung gegenüber Hitler und seiner Politik, beginnend mit dem Jahre 1933, [486] seiner Anhängerschaft bis zu dem Wendepunkt, dem Beginn des Mißtrauens, bis zur Opposition, die sich steigert zu fortgesetzten Putschvorbereitungen, bedeutet bei der Darstellung dieser inneren Entwicklung diese Rede einen sehr erheblichen Markstein. Aus diesem Grunde meine ich, ist sie schließlich als Beweismittel begründet. Das ist Nummer 34.

Nun kommt Nummer 38. Das ist der Artikel aus den »Basler Nachrichten«. Ein Beweismittel, meines Erachtens, von größter Erheblichkeit. Ich werde jedenfalls um die Zulassung dieses Beweismittels kämpfen bis zum letzten Hauch von Roß und Mann. Thema: vor dem Krieg: Kampf gegen den Krieg. Während des Krieges: Kampf und Versuche, Herbeiführung eines möglichst baldigen Friedens. Kampf gegen eine Ausbreitung des Krieges.

Nun hatte Schacht im Jahre 1941, also vor dem Eintritt Rußlands in den Krieg und auch vor dem Eintritt der Vereinigten Staaten in diesen Krieg, eine Unterhaltung mit einem amerikanischen Nationalökonomen geführt, an die er sich erst erinnert hat, als er jetzt von einem Bekannten diesen Artikel, der in den »Basler Nachrichten« vom 14. Januar 1946 erschienen ist, mitgebracht bekommen hat. Er sagt: Selbstverständlich, jetzt entsinne ich mich. Ich habe vor vier Jahren, nämlich im Frühjahr 1941, mit einem amerikanischen Nationalökonomen diese Unterhaltung geführt. Den Namen hat er auch vergessen. Die Unterhaltung zeigt wieder sein Bemühen auch noch im Jahre 1941, insbesondere gegen jede Kriegsauswei tung die Fäden zu spinnen und die Verbindungen anzuknüpfen, die den von ihm erstrebten Zweck, insbesondere durch Eröffnung von Kontakten mit den Vereinigten Staaten und der Umgebung Präsident Roosevelts, herbeizuführen.

Wir haben kein anderes Beweismittel, die Tatsache dieser Unterhaltung zu beweisen, denn wir können auch den Professor nicht rufen, weil Schacht seinen Namen vergessen hat. Es ist aber der Professor selbst, welcher, allerdings anonym, in dieser Nummer vom 14. Januar 1946 spricht.


VORSITZENDER: Dr. Dix, was ist der wesentliche Inhalt dieser Unterhaltung, die, wie Sie sagen, in dieser Zeitung wiedergegeben wird?


DR. DIX: Es ist ein ziemlich langer Artikel, ich darf nur einige Punkte herausgreifen, dann wird das Gericht die Natur dieser Unterhaltung erkennen. Der Professor erzählt in diesem Zeitungsartikel, daß damals Schacht außerordentlich kritisch gegen das nationalsozialistische Regierungssystem eingestellt war. Er fügte hinzu, daß er über die Frage der Aufrechterhaltung eines solchen Systems geäußert habe, daß es zu einer vollständigen Abtötung [487] jeder geistigen Aktivität führe. Er ist dann weiter dazu übergegangen, dem Herrn Professor auseinanderzusetzen, daß dieser Krieg völlig sinnlos sei und daß er sogar sinnlos und auch für ein siegreiches Deutschland nutzlos sei, von einem höheren Standpunkt aus betrachtet. Er hat dem Professor auseinandergesetzt, daß jedes Mittel benutzt werden müsse, um den Krieg abzustoppen, dann würden sich die Regierungen in einer geordneten Welt, in einer durch einen gerechten Frieden geordneten Welt, von allein liberalisieren, und deshalb schlägt er am Schluß vor, daß unbedingt ein Versuch gemacht werden sollte, den Kontakt zwischen den Nationen, insbesondere mit repräsentativen Männern der Vereinigten Staaten, aufzunehmen, ehe Rußland und Amerika in den Krieg eintreten würden.

Er bedauert dann weiter, daß Roosevelt, Verzeihung... er nennt dann weiter Roosevelt und seine Freunde als den gegebenen Mann, der die große Aufgabe erfüllen könnte, einem derartigen, geschickt und vorsichtig eingeleiteten Unternehmen den Weg ebnen zu können. Es ist derselbe Versuch, der enthalten ist in dem vorhin zitierten Brief an Fraser; denn Fraser gehörte auch, sagen wir mal zu den Leuten, die Eintritt bei Präsident Roosevelt hatten. Es ist also der letzte verzweifelte Versuch, im Glauben an das Vertrauen, das er persönlich bei Roosevelt genoß, seinerseits zu einer Herbeiführung des Friedens beizutragen, ehe es zu spät war.

Gegenüber dem Vorwurf der Aggression ist natürlich eine solche Haltung von außerordentlicher Erheblichkeit, und deshalb meine ich, daß das Gericht mir unbedingt diesen Artikel als Beweismittel zulassen sollte. Wir können ja nicht annehmen, daß dieser Professor die Unwahrheit gesagt hat. Es bestünde natürlich technisch die Möglichkeit, daß man versucht, von den »Basler Nachrichten« den Namen zu erfahren, aber ich fürchte, die »Basler Nachrichten« werden den Namen nicht geben, bevor sie nicht bei dem Herrn Professor in Amerika rückgefragt haben. Ob er es erlaubt, daß sein Name preisgegeben wird, steht dahin, also wir werden die größten Schwierigkeiten haben. Und da die Lebenserfahrung dafür spricht, daß das, was der Professor hier in den »Basler Nachrichten« schildert, wahr ist, warum soll er jetzt nicht die Wahrheit sagen. Außerdem ist er ein angesehener Mann. So glaube ich, ist dieses Beweisstück doch einer persönlichen Befragung des Professors vollkommen gleichwertig. Ich bitte also dringendst, dieses Beweismittel zuzulassen, nicht nur zur Übersetzung zuzulassen, sondern auch als Beweismittel zuzulassen. Das war also Nummer 38.

Bei Morton. Ich bin durchaus einverstanden, daß wir an Morton einen Fragebogen schicken. Ich glaube nur, daß es eine überflüssige Bemühung ist; denn ich brauche diesen Brief von Morton eigentlich nur zum Nachweis der Tatsache, daß Lord Montague [488] Norman, als er von einer BIZ-Sitzung im Jahre 1939 nach England zurückkehrte... dieser Morton, der ein sehr angesehener Bürger Frankfurts a./Main war und dann ausgewandert ist und von der Metallgesellschaft erzählt hat, daß Schacht in größter persönlicher Gefahr seiner politischen Haltung sich befindet. Das ist die Tatsache, die ich hauptsächlich mit diesem Brief nachweisen soll, das steht im Briefe drin. Dieser Brief ist nicht von Morton an mich oder an Schacht gerichtet gewesen, sondern es ist ein Brief, der an den »Solicitor of the Treasury« gegangen ist und von dort der Prosecution hierhergegeben worden ist, und die Prosecution war so freundlich, uns diesen Brief zur Kenntnis zu bringen. Morton hierher als Zeugen zu zitieren, hielten wir für einen zu großen Apparat, und ich mache gerne einen Fragebogen, aber ich glaube, daß wir viel einfacher und genau so zuverlässig zum Ziele kommen, wenn das Gericht mir gestattet, ein bis zwei kleine Stellen dieses Briefes hier zu verlesen. Aber ich stelle anheim, von mir aus ebenso gern einen Fragebogen nach London zu schicken. Das ist also Nummer 39.

Was Nummer 49 anlangt, so ist diese Korrespondenz zwischen Sir Nevile Henderson und dem Herausgeber des Tagebuches des verstorbenen Botschafters Dodd von erheblichster Bedeutung für die Zuverlässigkeit der Angaben des Doddschen Tagebuches, was ja mehrfach, nicht von mir, sondern von der Pro secution gegen Schacht nach meiner Erinnerung zitiert worden ist. Ich möchte gleich hier, um ja kein Mißverständnis aufkommen zu lassen, hervorheben, daß es uns vollkommen fernliegt, die Zuverlässigkeit der Persönlichkeit des verstorbenen Botschafters Dodd anzugreifen, der sowohl Dr. Schacht als auch mir persönlich bekannt war, und dem wir nur mit Empfindungen entgegentreten, einen absoluten Ehrenmann uns gegenüber zu haben; aber das Hohe Gericht weiß ja, daß dieses Tagebuch, beruhend auf flüchtigen Notizen des Botschafters, herausgegeben worden ist von seinen Kindern nach seinem Tode. Es können also Fehler passieren, und welch erhebliche Fehler passieren, das ergibt sich aus dieser Korrespondenz zwischen Nevile Henderson und dem Herausgeber des Tagebuches, wo eben Sir Nevile Henderson darauf hinweist, daß eine Unterhaltung oder mehrere Unterhaltungen, die Dodd nach diesem Tagebuch mit ihm geführt haben soll, durchaus falsch dargestellt sind. Ich glaube, man kann keinen besseren Beweis für die objektive, ich wiederhole, nur die objektive Unzuverlässigkeit dieses Tagebuches haben, als diese Korrespondenz zwischen Sir Nevile Henderson und dem Herausgeber. Also zu dem Behufe der Glaubwürdigkeit eines Beweismittels der Anklage, zur Zurückführung des Wertes dieser Glaubwürdigkeit auf ihr richtiges Maß, bitte ich, mir dieses Dokument als Beweismittel zuzulassen.

Was die Nummern 54 bis 61 anlangt, so beabsichtige ich in keiner Weise mit diesen Stücken Beweismittel anzuführen. Mir ist genau [489] so recht, wenn sie nicht übersetzt werden, ich habe auch hier nur den Gedanken der Erleichterung der Arbeit für das Gericht gehabt. Schacht wird von mir vernommen, auf diese Stellen der Aussagen Görings bezugnehmend. Wenn das Gericht glaubt, es entbehren zu können, diese Stellen dann im Moment vor sich zu haben und es überhaupt nur im Protokoll hören will, oder aber die Protokolle herbeischaffen will, die ja im Hause sind, so brauchen diese Stücke nicht übersetzt zu werden. Es wird also eine reine Frage, wie das Gericht es für sich selbst am praktikabelsten hält. Wir haben die Auszüge gemacht, wenn das Gericht wünscht, sollen sie übersetzt werden.

So bleiben dann nur noch die Affidavits. Herr Dodd hat über sie nicht gesprochen, ich glaube aber, daß das Gericht weiß, daß Sir David und ich über die Zeugen und Affidavits hier vor Gericht in offener Sitzung auseinandersetzten, daß die Affidavits an sich schon zugelassen waren, natürlich mit dem Rechte der Prosecution, nach Kenntnisnahme des Inhalts der Affidavits entweder ihrerseits Gegenfragen zu stellen, oder den Zeugen ihrerseits zum Zwecke des Kreuzverhörs zu rufen. Das steht selbstverständlich frei. Wir haben uns ja mit den Affidavits an Stelle des persönlichen Erscheinens nur begnügt, um Zeit zu sparen. Wenn die Prosecution wünscht, daß die Zeugen, hinsichtlich deren wir Affidavits haben, erscheinen, so ist die Verteidigung hiermit durchaus einverstanden.


VORSITZENDER: Der Gerichtshof wird sich jetzt vertagen.


[Pause von 10 Minuten.]


VORSITZENDER: Ich werde mich zuerst mit den Dokumenten für den Angeklagten Schacht befassen.

Folgende Dokumente sind zu übersetzen: Nummer 7, Nummer 8, Nummer 9, Nummer 14, Nummer 18, Nummer 33, Nummer 34, Nummer 37, Nummer 38, Nummer 39 und Nummer 49.

Die Dokumente Nummer 54 bis 61, die schon ins Protokoll aufgenommen sind, sollen nicht übersetzt werden, sondern Dr. Dix wird gebeten, in seinem Dokumentenbuch Hinweise auf diese Dokumente zu geben.

Die Dokumente Nummer 1 bis 6 werden überhaupt nicht übersetzt.

Das ist so zu verstehen, daß die Dokumente, die ich nicht erwähnt habe, übersetzt werden; die Dokumente, die ich nicht besonders erwähnt habe, werden übersetzt.

Nun, Dr. Thoma?


DR. THOMA: Herr Präsident! Ich übergebe zunächst aus den mir heute morgen bewilligten Dokumenten Abschriften aus Werken von Rosenberg: »Tradition und Gegenwart«, »Schriften und Reden«, [490] »Blut und Ehre«, »Gestaltung der Idee«, »Der Mythus des 20. Jahrhunderts«; zum Beweise dafür, daß der Angeklagte sich nicht an einer Verschwörung gegen den Frieden und den kriegspsychologischen Vorbereitungen beteiligt hat. Diese Auszüge enthalten Reden, die der Angeklagte gehalten hat vor Diplomaten, vor Studenten, vor Juristen, und sollen den Nachweis bringen, daß er dort für einen sozialen Frieden gekämpft hat, daß er insbesondere nicht wollte, daß weltanschauliche Kämpfe außenpolitische Feindschaft nach sich ziehen sollten, er hat mit Verachtung von einer Kirchenaustrittspropaganda gesprochen, ist für Gewissensfreiheit eingetreten, hat für eine vernünftige Regelung der Judenfrage sich eingesetzt, teilweise auch unter einer gewissen Bevorzugung der Juden, und hat insbesondere auch für Klarheit und Gerechtigkeit dieser Sache plädiert. Ich bitte das Gericht, amtlich von diesen Reden Kenntnis zu nehmen und rufe nun mit Erlaubnis des Gerichtes den Angeklagten Rosenberg als Zeugen.


VORSITZENDER: Wie ist Ihr voller Name?


ALFRED ROSENBERG: Alfred Rosenberg.


VORSITZENDER: Sprechen Sie mir diesen Eid nach:

Ich schwöre bei Gott, dem Allmächtigen und Allwissenden, daß ich die reine Wahrheit sagen, nichts verschweigen und nichts hinzusetzen werde.


[Der Zeuge spricht die Eidesformel nach.]


Sie dürfen sich setzen.

DR. THOMA: Herr Rosenberg! Wollen Sie bitte dem Gericht eine Schilderung Ihres Lebenslaufs geben.

VORSITZENDER: Dr. Thoma, Sie haben Ihren Beweisstücken keine Nummern gegeben, oder doch?


DR. THOMA: Doch.


VORSITZENDER: Geben Sie bitte die Nummern an, wenn Sie auf Dokumente Bezug nehmen.


DR. THOMA: Ja. Wollen Sie dem Gericht eine Schilderung Ihres Lebenslaufs...


VORSITZENDER: Dr. Thoma, zur Aufnahme in das Protokoll müßten Sie eigentlich eine Liste der von Ihnen vorgelegten Dokumente verlesen, und die Be weisstücknummern angeben. Haben Sie eine Liste der Dokumente, die Sie als Beweisstücke vorlegen wollen?


DR. THOMA: Ja.


VORSITZENDER: Wollen Sie sie zur Aufnahme ins Protokoll verlesen?


[491] DR. THOMA: Ro-7 »Der Mythus des 20. Jahrhunderts«.


VORSITZENDER: Ja.


DR. THOMA: Exhibit Ro-7, Ro-7a, »Gestaltung der Idee«, Ro-7b, Rosenberg: »Blut und Ehre«, Ro-7c, Rosenberg: »Tradition und Gegenwart«, Ro-7d, Rosenberg: »Schriften und Reden«, und dann noch Ro-8, »Völkischer Beobachter«, März und September 1933.


VORSITZENDER: Das letzterwähnte ist vom Gerichtshof abgelehnt worden; 7e und 8 waren abgelehnt worden.


DR. THOMA: 7e habe ich auch nicht zitiert, aber Ro-8.


VORSITZENDER: Sie haben 8 erwähnt.


DR. THOMA: Ja, Ro-8 habe ich erwähnt.


VORSITZENDER: Ro-8 ist auch zurückgewiesen worden.


DR. THOMA: Jawohl.

Herr Rosenberg, wollen Sie bitte dem Gericht eine Schilderung Ihres Lebenslaufs geben.


ROSENBERG: Ich bin geboren am 12. Januar 1893 in Reval in Estland. Nach Beendigung der dortigen Oberrealschule studierte ich ab Herbst 1910 Architektur an der Technischen Hochschule zu Riga. Bei Heranrücken der deutsch-russischen Front 1915 wurde die Technische Hochschule mit Professoren und Studenten nach Moskau evakuiert, und ich studierte daraufhin weiter in dieser russischen Hauptstadt. Ich beendete dort mein Studium mit einem Diplom als Ingenieur-Architekt Ende Januar oder Anfang Februar 1918 und fuhr dann in meine Heimatstadt zurück. Beim Einmarsch der deutschen Truppen in Reval meldete ich mich als Kriegsfreiwilliger in das deutsche Heer, wurde aber als Angehöriger eines okkupierten Landes ohne besondere Empfehlungen nicht aufgenommen. Da ich für meine Zukunft nicht mehr zwischen den verschiedenen staatlichen Fronten leben wollte, versuchte ich nach Deutschland zu kommen. Für die Baltendeutschen war bei aller politischen Loyalität gegenüber dem russischen Staate doch die deutsche Kultur eine geistige Heimat, und das, was ich in Rußland erlebt hatte, festigte bei mir den Entschluß, das in meinen Kräften Liegende zu tun, um eventuell in Deutschland das Abgleiten der politischen Bewegung in den Bolschewismus verhindern zu helfen. Ich glaubte, daß diese Bewegung in Deutschland bei der empfindlichen Struktur des Deutschen Reiches eine außerordentliche Katastrophe bedeuten würde, Ende November 1918 konnte ich nach Berlin fahren und von dort nach München. Ich wollte eigentlich meinen Beruf als Architekt ausüben, traf aber in München auf Persönlichkeiten, die ähnlich empfanden wie ich, und wurde Mitarbeiter an einer Wochenschrift, die in dieser Zeit in München gegründet wurde. An dieser Wochenzeitschrift habe ich seit dem Januar 1918 mitgearbeitet und bin seit [492] dieser Zeit schriftstellerisch tätig geblieben. Ich erlebte dann hier die Entwicklung der politischen Bewegung in München bis zur Räterepublik 1919 und ihre Überwindung.


DR. THOMA: Sie nannten vorhin Deutschland Ihre geistige Heimat. Wollen Sie dem Gericht erklären, durch welche Studien und durch welche Gelehrte Sie von deutscher Seite beeinflußt wurden?


ROSENBERG: Ich hatte neben unmittelbar künstlerischen Interessen für Architektur und Malerei von Jugend her philosophische Studien betrieben, und da lag es mir gefühlsmäßig selbstverständlich nahe hier an Goethe, Herder und an Fichte anzuknüpfen und mich von hier aus innerlich zu bilden. Zu gleicher Zeit beeinflußten mich die sozialen Gedanken von Charles Dickens, Carlyle und amerikanischerseits von Emerson. In Riga habe ich diese Studien weiterbetrieben und naturgemäß an Kant und Schopenhauer angeknüpft, und mich vor allen Dingen der indischen Philosophie und ihren verwandten Strömungen gewidmet, später naturgemäß den europäischen Kultur- und Geschichtsschreibern, und schließlich in München einem näheren Studium der neuen biologischen Forschung.


DR. THOMA: Sie sprachen im Laufe Ihrer Reden häufig von »der Gestalt der Idee«. Waren Sie da von Goethe beeinflußt?


ROSENBERG: Ja, das ist selbstverständlich, daß gerade dieser Gedanke, die Welt als Gestalt zu sehen, von Goethe kommt.


VORSITZENDER: Dr. Thoma, das Gericht wünscht, daß Sie, soweit Sie überhaupt auf philosophische Themen Bezug nehmen, sich auf seine eigene Philosophie beschränken, und nicht auf den Ursprung dieser Philosophie.


DR. THOMA: Wie kamen Sie nun in München zur NSDAP und zu Hitler?

ROSENBERG: Im Mai 1919 war der Herausgeber der genannten Zeitschrift von einem gewissen Anton Drexler besucht worden, der sich als Vorsitzender einer neugegründeten deutschen Arbeiterpartei vorstellte. Er erklärte, ähnliche Gedanken zu vertreten wie diese Zeitschrift, und seit dieser Zeit begann die erste Verbindung zu einer ganz kleinen Gruppe deutscher Arbeiter, die sich in München gebildet hatte. Dort habe ich auch im Herbst 1919 Adolf Hitler kennengelernt.


DR. THOMA: Wann schlossen Sie sich Hitler an?


ROSENBERG: Ja, ich habe damals mit Hitler ein ernsteres Gespräch gehabt, und mir fiel bei diesem Gespräch seine großzügige Betrachtung der ganzen europäischen Situation auf. Er erklärte, nach seiner Ansicht stünde heute Europa in einer sozialen und politischen Krisis, wie seit dem Untergang des altrömischen Reiches [493] nicht mehr, daß die Herde einer Erregung auf diesem Gebiet überall vorhanden seien, und daß er sich persönlich bemühe, sich Rechenschaft vom Standpunkt einer deutschen Gesundung zu geben. Ich habe darauf einige der Vorträge Hitlers in kleinen Versammlungen von 40 oder 50 Menschen gehört, und ich glaubte, das Recht, jetzt zu sprechen, hätte vor allen Dingen ein Frontsoldat, der viereinhalb Jahre bisher schweigend seine Pflicht getan hatte.

Ich bin dann Ende 1919 in die Partei eingetreten, allerdings nicht vor Hitler, wie es hier behauptet wurde, sondern später, und hatte in dieser ersten Partei die Nummer 625 als Mitglied.

An der Abfassung des Programms bin ich nicht beteiligt gewesen; war aber zugegen, als dieses Programm am 24. Februar 1920 von Hitler verlesen und begründet wurde.


DR. THOMA: Sie haben dann eine Rechtfertigung des Parteiprogramms gegeben und haben doch wohl gar Fragen lösen wollen, die sich mit der sozialen politischen Krisis beschäftigt haben. Wie dachten Sie sich die Lösung?


ROSENBERG: Auf verschiedene Anfragen in Bezug auf die 25 Programmpunkte habe ich Ende 1922 einen Kommentar verfaßt, der hier stückweise dem Gericht vorgelesen worden ist. Die ganze Haltung, die sich damals für uns ergab, läßt sich vielleicht kurz folgendermaßen umschreiben:

Die technische Revolution des 19. Jahrhunderts hatte eben bestimmte soziale und geistige Konsequenzen. Die sogenannte Rationalität und Rentabilität beherrschte einmal dieses Leben und schuf den Industriestaat und den Weltstaat mit all ihren Hinterhöfen und führte zu einer Entfremdung von Natur und Geschichte. Gegen diese einseitige Bewegung wendeten sich um die Jahrhundertwende viele Kräfte, die sich wieder die Heimat, die Geschichte erobern wollten, und aus der Jugendbewegung dieser Zeit stammt die Anknüpfung wieder an die Überlieferung, an das Volkslied, an das Brauchtum der Vergangenheit und die künstlerischen Werke, etwa von Professor Schulze-Naumburg und mancher Dichter, ergaben als Gesamtheit einen Charakterprotest gegen diese einseitige Bewegung von damals, und hier versuchte der Nationalsozialismus wieder anzuknüpfen, im vollen Bewußtsein jedoch, eine moderne Bewegung und nicht nur eine sentimental rückschauende Bewegung zu sein. Er knüpfte hier an die Versuche der sozialen Bewegung von Stoecker und an die nationale Bewegung von Schönerer in Österreich, ohne nun alles als Vorbild anzunehmen, und ich möchte bemerken, daß der Name Nationalsozialismus, ich glaube, aus dem Sudetenland stammt, und hier die kleine deutsche Arbeiterpartei dann mit diesem Namen »Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei« gegründet wurde. Und, wenn ich das sagen darf, was uns schließlich im wesentlichen bewegte, warum wir uns Nationalsozialisten nannten, so glaube ich, [494] daß in diesen drei Monaten der Anklage viele furchtbare Dinge vorgetragen wurden, aber über den Nationalsozialismus nicht gesprochen worden ist. Die Ansicht bestand doch damals, daß sich in Deutschland zwei feindliche Lager gegenüberstanden, daß in beiden Lagern Millionen anständiger Deutscher kämpften und das Problem vor uns allen stand, was in diesen beiden Lagern vom Standpunkt einer nationalen Einheit zu bejahen sei, und was eine Verständigung zwischen beiden Lagern verhindere und, auf das knappste zusammengefaßt, haben wir damals und später nach der proletarischen Seite hin erklärt, wenn der Klassenkampf auch eine Tatsache des sozialen und politischen Lebens gewesen ist und auch in der Gegenwart noch bestand, so müßte er als weltanschauliche Grundlage und Dauerparole eine ewige Zerreißung der Nation bedeuten. Die Lenkung einer sozialen Befriedigung oder überhaupt einer sozialen Auseinandersetzung von irgendeinem internationalen Zentrum aus stellte das zweite entscheidende Hindernis eines sozialen Ausgleichs dar. Der Ruf nach sozialer Gerechtigkeit war seitens der gesamten Arbeiterschaft richtig, würdig und notwendig. Nach der bürgerlichen Seite hin glaubten wir feststellen zu können, daß mancher reaktionäre Standesdünkel privilegierter Kreise sich volksschädigend ausgewirkt hatte, und zweitens, daß die Vertretung nationaler Interessen nicht in Erbpacht gewisser Schichten sich befinden dürfe, daß dagegen die Forderung einer nationalen Einheit und würdigen Vertretung eine rechte Haltung dieser Seite sei. Die Parole ergab sich also daraus für Adolf Hitler...

VORSITZENDER: Dr. Thoma, versuchen Sie bitte, die Aussagen des Zeugen auf Aussagen zu den Beschuldigungen, die gegen ihn erhoben worden sind, zu beschränken. Die Angeklagten sind nicht wegen des Versuchs angeklagt, Deutschland wiederaufzubauen, sondern weil sie mit der Form dieses Wiederaufbaues einen Angriff auf andere Rassen und Nationen verbunden haben.


DR. THOMA: Es muß aber meines Erachtens bei Rosenberg etwas auf seine Gedankengänge eingegangen werden, weshalb er so und so gehandelt hat, aber ich frage jetzt:

Waren Sie sich darüber klar, daß bei dieser Frage des Sozialismus und diesen Fragen Arbeit und Kapital manche Fragen doch internationale Fragen gewesen sind, und warum haben Sie da eigentlich einen Kampf gegen die Demokratie, als eine internationale Angelegenheit geführt?


MR. DODD: Ich denke, das ist eine Fortsetzung des Verhörs auf derselben Linie. Ich möchte behaupten, daß kein Mitglied der Anklagebehörde dem Angeklagten seine Gedanken zum Vorwurf macht. Wir alle sind, glaube ich, grundsätzliche Gegner der Auffassung, einen Menschen wegen seiner Gedankengänge zu verfolgen. Und mit Vertrauen möchte ich die Überzeugung aussprechen, daß auch [495] der Gerichtshof derselben Meinung ist. Daher halten wir es für gänzlich unnötig, die Gedanken des Angeklagten über diese oder jene Dinge im einzelnen vorzubringen.


DR. THOMA: Meines Wissens wird dem Angeklagten auch vorgeworfen, daß er einen Kampf gegen die Demokratie geführt habe, und deshalb habe ich diese Frage gestellt.


VORSITZENDER: Wie lautet diese Frage?


DR. THOMA: Warum der Nationalsozialismus und er selbst einen Kampf gegen die Demokratie geführt haben.


VORSITZENDER: Ich glaube nicht, daß das etwas mit diesem Falle zu tun hat. Es besteht nur die Frage, ob er mit Hilfe des Nationalsozialismus völkerrechtliche Verbrechen begangen hat.


DR. THOMA: Herr Präsident! Der Nationalsozialismus als Begriff muß doch in seine Bestandteile aufgelöst werden. Der Nationalsozialismus besteht doch, wie die Anklage behauptet hat, in dem Kampf gegen die Demokratie, in der einseitigen Betonung des Nationalismus und in der einseitigen Betonung des Militarismus; er muß doch jetzt Gelegenheit haben, zu erklären, warum der Nationalsozialismus für den Militarismus eingetreten ist, und warum das geschehen ist und ob das geschehen ist. Der Nationalsozialismus muß doch begrifflich zerlegt werden, um seine Bestandteile herauszufinden.


VORSITZENDER: Was der Nationalsozialismus war, ist dem Gerichtshof schon gezeigt worden, und es wird die Tatsache nicht bestritten, daß das Führerprinzip in Deutschland eingeführt wurde. Die Problemstellung liegt nicht in der Einführung dieses Prinzips. Falls es ausschließlich für den internen Gebrauch eingeführt wurde, würde deshalb keine Anklage erhoben werden. Es wird einzig und allein Anklage erhoben, daß mit Hilfe des Nationalsozialismus Angriffskriege geführt, und die anderen Verbrechen, von denen wir schon gehört haben, begangen wurden.


DR. THOMA: Der Angriffskrieg wurde meines Wissens damit begründet, daß er einen Kampf gegen die Demokratie auf der Basis des Nationalismus und des Militarismus geführt hat.


VORSITZENDER: Demokratie außerhalb Deutschlands, nicht in Deutschland.


DR. THOMA: Ich möchte dann den Angeklagten fragen, wie er sich zu der Anklage stellt, der Nationalsozialismus habe die »Herrenrasse« gepredigt?


ROSENBERG: Ich weiß, daß dieses Problem hier mit ins Zentrum der Anklage gestellt wurde, und ich verstehe, wenn man vom Standpunkt einer Anzahl furchtbarer Ereignisse der Gegenwart [496] unwillkürlich einen Schluß auf die Vergangenheit und auf die Ursache der Entstehung der sogenannten »Herrenrasse« zieht. Ich glaube aber doch, daß es von entscheidender Bedeutung für die Beurteilung dieses Problems ist, wenn man weiß, worum es sich für uns gehandelt hat. Das Wort »Herrenrasse« habe ich noch niemals so viel gehört, wie in diesem Gerichtssaal. Ich habe es meines Wissens in meinen Schriften überhaupt nicht erwähnt und gebraucht. Ich habe meine Schriften und Reden nochmals durchgeblättert und dieses Wort nicht gefunden. Ich habe nur einmal von einem »Herrenmenschentum« Homers gesprochen und ein Zitat eines britischen Schriftstellers gefunden, der über das Leben Lord Kitcheners schreibt und erklärt, er habe sich als Herrenmensch erwiesen. Ich habe das Wort von der »Herrenrasse« dann gefunden in der Schrift des amerikanischen Rassenforschers Madison Grant und des französischen Rassenforschers Lapouge.

Ich möchte aber hier zugeben, nicht nur zugeben, sondern unterstreichen, daß das Wort vom »Herrenmenschen« im Laufe meiner Tätigkeit als Ostminister nämlich mir aufgefallen ist, und zwar sehr unangenehm, bei einer Anzahl der Verwaltungsführer im Osten. Ich darf vielleicht bei der Befragung über die Ostfrage darauf im einzelnen zurückkommen, wie ich mich zu diesen Äußerungen, die mir bekannt wurden, verhalten habe. Im Prinzip war ich der Überzeugung, daß die Rassenkunde ja nicht eine Erfindung etwa der nationalsozialistischen Bewegung, sondern eine biologische Entdeckung als Abschluß einer vierhundertjährigen europäischen Forschung darstellte, daß die Vererbungsgesetze, die in den sechziger Jahren entdeckt und Jahrzehnte später wiederentdeckt wurden, einen tieferen Einblick auch in die Geschichte ermöglichen, als es manche bisherige Erklärungen möglich machten.


VORSITZENDER: Dr. Thoma! Der Angeklagte greift wieder auf den Ursprung seiner Ansichten zurück. Wir haben hier doch nur zu berücksichtigen, was er in Reden, Dokumenten und so weiter erklärt hat und den Gebrauch, den er von diesen Erklärungen gemacht hat, nicht, ob diese 400 Jahre alt waren und dergleichen.


DR. THOMA: Der Angeklagte kommt auf die Rassenfrage zu sprechen, und ich werde diese Gelegenheit ergreifen, auf die sogenannte Judenfrage zu sprechen zu kommen, als Ausgangspunkt dieser Frage. Ich möchte an den Angeklagten die Frage stellen: Wie kommen Sie dazu... wie kamen Sie dazu...


GENERAL RUDENKO: Herr Vorsitzender! Mein Kollege, Herr Dodd, hat hier schon darauf hingewiesen, daß die Anklage dem Angeklagten konkrete Ver brechen zur Last gelegt hat: Angriffskriege und Greueltaten. Es wäre meines Erachtens am besten, wenn der Verteidiger Dr. Thoma bei der Vernehmung seines Klienten konkrete Fragen zu den vorgebrachten Anklagepunkten stellen würde.

[497] Ich glaube, der Gerichtshof hat keine Lust, sich eine Vorlesung über Rassentheorien, Nationalsozialismus und andere Theorien anzuhören.


DR. THOMA: Herr Präsident! Ich werde zu den einzelnen Fragen Stellung nehmen, aber, nachdem nun einmal die Ideologie und die Philosophie des Nationalsozialismus hier als verbrecherisch bezeichnet worden ist, muß dem Angeklagten Rosenberg doch etwas Gelegenheit gegeben werden, seine Ansichten klarzulegen.


[Zum Zeugen gewandt:]


Es ist ja richtig und vielleicht wäre es angebrachter, Herr Rosenberg, wenn Sie sich etwas kürzer fassen möchten in mancher Beziehung.

Ich möchte an Sie folgende Frage stellen: Sie glaubten, daß die sogenannte Judenfrage in Europa dadurch gelöst werden könne, daß der letzte Jude den europäischen Kontinent verläßt. Sie haben damals angeführt, das sei ganz gleich, ob ein solches Programm in fünf, zehn oder zwanzig Jahren realisiert werden sollte. Es war schließlich nur eine Frage der Transportmöglichkeit, und Sie legten damals Wert darauf, daß diese Frage vor einem internationalen Komitee behandelt wird. Wie kamen Sie zu dieser Anschauung, und warum sind Sie zu dieser Anschauung gekommen? Ich wollte so sagen, wie haben Sie die Lösung darin erblickt, daß der letzte Jude Europa verläßt?

ROSENBERG: Ich möchte, um dem Wunsche des Gerichts nachzukommen, hier nicht eine längere Darstellung dieser Anschauung geben, wie sie aus geschichtlichem Studium bei mir entstanden ist; durch das Studium nicht etwa antisemitischer Werke, sondern jüdischer Historiker selber.

Mir schien, daß nach einer Epoche einer generösen Emanzipation im Verlauf nationalistischer Bewegungen des 19. Jahrhunderts auch das jüdische Volk sich im wesentlichen wieder auf seine Überlieferung und seine eigene Art besann und die Scheidung von Volk zu Volk immer bewußter durchführte. Es war ein Problem, das auf vielen internationalen Kongressen besprochen wurde, und namentlich einer der geistigen Führer dieses europäischen Judentums, Buber, erklärte, daß man sich einmal wieder auf den Boden Asiens zurückziehen solle, weil dort allein die Wurzeln des jüdischen Blutes und des jüdischen Volkstunis zu finden seien.

Aber zu der verschärften Haltung im politischen Leben bin ich zum Teil auf Grund von Beobachtungen und Erlebnissen in Rußland und dann auf Grund der Erlebnisse in Deutschland gekommen, die mir diese Fremdheit besonders zu bestätigen schienen. Ich konnte es nicht begreifen, wie damals, als die deutschen Soldaten wieder heimkehrten, sie von einem jüdischen Universitätslehrer damit [498] begrüßt wurden, daß er erklärte, die deutschen Soldaten seien auf dem Felde der Unehre gefallen. Ich konnte nicht verstehen, daß dieser Mangel an Pietät so weit gehen konnte; und wenn es nur eine einzelne Auslassung gewesen wäre, so könnte man sagen, das sei eine Entgleisung gewesen. Es zeigte sich in den 14 Jahren, daß hier offenbar ein bestimmter anderer Wille sich ausdrückte.


DR. THOMA: Herr Rosenberg, ich glaube, wir wollen uns auch einmal darüber unterhalten, daß ein Gegensatz mit dadurch hervorgerufen wurde, daß gewisse Presseäußerungen auf der nationalsozialistischen Seite einen Widerspruch auf der anderen Seite hervorgerufen haben.


ROSENBERG: Die anderen Äußerungen, wie sie in diesen 14 Jahren dauernd erschienen, erschienen zum Teil ja früher, ehe die nationalsozialistische Bewegung entstand. Die Ereignisse der Räterepublik in München und in Ungarn waren ja vorher, ehe die nationalsozialistische Bewegung wirksam werden konnte.


DR. THOMA: Herr Rosenberg, wie haben Sie sich damit auseinandergesetzt, daß im ersten Weltkrieg 12000 jüdische Frontsoldaten gefallen sind?


ROSENBERG: Ich bin mir selbstverständlich immer bewußt gewesen, daß auch die jüdischen deutschen Staatsbürger in ihrer deutschen Umwelt viele Angleichungen hatten, daß viele einzelne tragische Erscheinungen in dieser Entwicklung mitgingen, und daß selbstverständlich für diese stets ein notwendiges Verständnis vorhanden sein mußte; das berührte aber im großen nicht die ganze soziale und politische Bewegung, vor allem, als in maßgebenden Organen der sogenannten demokratischen Parteien ein Ansteigen der Arbeitslosigkeit in Deutschland gesehen, und die Auswanderung von Deutschen in die französischen Kolonien, nach Argentinien und nach China vorgeschlagen wurde. Aus prominentem jüdischen Munde und aus dem Munde des Vorsitzenden der Demokratischen Partei wurde dreimal vor aller Öffentlichkeit eine ansteigende Arbeitslosigkeit und die Deportation Deutscher nach Afrika und Asien vorgeschlagen, und schließlich wurden in den 14 Jahren aus Polen ebensoviele Deutsche vertrieben, als es Juden in Deutschland gab, ohne daß der Völkerbund gegen diesen Bruch der Minderheitenabkommen etwas Wirksames unternommen hätte.


DR. THOMA: Herr Rosenberg, Sie waren Leiter des Außenpolitischen Amtes der Partei. Was hatten Sie da für eine Funktion?


ROSENBERG: Das Außenpolitische Amt wurde im April 1933 gegründet. Nach der Machtübernahme kamen viele Ausländer nach Deutschland, um sich nach dem Entstehen und nach dem Wesen der Nationalsozialistischen Partei zu erkundigen, und um für die Partei [499] ein gewisses Zentrum zu gründen, beauftragte mich der Führer damit, dieses Amt zu leiten.

Es hatte die Aufgabe, wie gesagt, interessierte Ausländer zu empfangen, sie zu unterrichten, sie an die entsprechenden Gründungen der Partei und des Staates zu verweisen, falls sie Interesse für die Arbeitsfront, für die Jugendfrage, für das Winterhilfswerk und so weiter hatten. Zum zweiten hatten wir ein Interesse daran, gewisse Initiativ-Vorschläge, die uns gemacht wurden, vorläufig auch auf Außenhandelsgebieten zu bearbeiten und, falls sie es wert schienen, gefordert zu werden, an die entsprechenden staatlichen amtlichen Stellen weiterzuleiten.

Ferner wurde die ausländische Presse verfolgt, um für die spätere Forschung ein gutes Archiv zu besitzen und die Parteiführung durch kurze Auszüge aus der ausländischen Presse politisch zu unterrichten. Man hat mir unter anderem den Vorwurf gemacht, daß ich für die Hearst-Presse einige Aufsätze geschrieben hätte. Ich habe auf Ersuchen des Hearst-Konzerns fünf oder sechs Aufsätze veröffentlicht im Jahre 1933 oder 1934, habe aber Hearst, nachdem ich ihn 20 Minuten in Nauheim gesehen habe, seither nicht mehr gesehen und gesprochen. Ich hörte nur, daß der Hearst-Konzern durch das Entgegenkommen und die Veröffentlichung meiner sachlichen Darlegungen in außerordentliche Schwierigkeiten gekommen sei.


DR. THOMA: Haben Sie als Leiter des Außenpolitischen Amtes manchmal offizielle politische Schritte unternommen?


ROSENBERG: Es ist in den hier vorgelegten Urkunden 003-PS, 004-PS und 007-PS die Tätigkeit des Außenpolitischen Amtes besprochen und vorgelegt worden, und ich könnte an Hand dieser Urkunden dem Gericht eine kurze Zusammenfassung und Verlesung von dieser Tätigkeit geben.


DR. THOMA: Ich würde aber wünschen, daß Sie davon reden, welche Schritte Sie als Leiter des Außenpolitischen Amtes für eine aktive Verständigung der europäischen Nationen unternommen haben.


ROSENBERG: Adolf Hitler hatte, ich glaube 1927, in Bamberg eine Sitzung zusammenberufen, auf der er seine außenpolitischen Überzeugungen dahin aussprach, daß wenigstens einige Nationen an einer totalen Auslöschung der europäischen Mitte nicht ein unmittelbares Interesse haben könnten, und damit meinte er vor allen England und Italien. Seit dieser Zeit rührt eine von mir mit innerer Zustimmung befolgte Tätigkeit her, durch persönliche Bekanntschaften, die ich hatte, einen Weg der Verständigung zu finden, und ich habe mit britischen Fliegeroffizieren des Flieger-Generalstabs öfter sprechen können. Auf ihre Einladung hin war [500] ich 1931 in London und habe damals rein privatim eine Anzahl britischer Persönlichkeiten gesprochen.

Und als dann zum ersten Male auf einer Tagung der Königlichen Akademie in Rom über das Thema »Europa« sich die Möglichkeit eröffnete zu sprechen, habe ich dort einen Vortrag über dieses Problem gehalten, und zwar in dem Sinne, daß die Entwicklung der letzten Jahrhunderte vor allen Dingen durch vier Völker und Staaten getragen worden sei, durch England, Frankreich, Deutschland und Italien, und daß zunächst diese vier ihre Lebensinteressen abgrenzen sollten, um Rücken an Rücken gemeinsam diesen alten ehrwürdigen europäischen Kontinent und seine Überlieferung verteidigen zu können. Ich glaubte, daß diese vierfach anerkannte nationale Wurzel der reichen europäischen Kultur ein geschichtliches und politisches Vermächtnis darstellte.

Auszüge aus dem Vortrag sind veröffentlicht, und ein Teil ist mit Genehmigung für das Gericht übersetzt worden.

Am letzten Tage der Konferenz kam der ehemalige britische Botschafter in Italien, Sir Rennell Rodd zu mir und sagte, er käme soeben von Mussolini; er hätte ihm gesagt, das wichtigste Wort zu dieser Konferenz hätten Sie, Herr Rosenberg, gesprochen.


DR. THOMA: Herr Rosenberg, darf ich Sie aufmerksam machen, sich etwas kürzer zu fassen.


ROSENBERG: Im Mai 1933 bin ich noch einmal in London gewesen, schon persönlich von Adolf Hitler beauftragt, und ich habe eine Anzahl britischer Minister besucht, deren Name ja eben nichts zur Sache tut, und habe mich ebenso bemüht, Verständnis für die plötzliche und befremdende Entwicklung in Deutschland herbeizuführen. Mein Empfang war ziemlich reserviert, und es spielten sich eine Anzahl Inzidenzen ab, die zeigten, daß eine sehr abwehrende Stimmung vorhanden war. Das hat mich nicht gehindert, diese persönlichen Fühlungnahmen weiter fortzuführen und eine große Anzahl britischer Persönlichkeiten auch später nach Deutschland einzuladen. Amtlich hatte ich nicht mehr den Auftrag, hier zu wirken.


VORSITZENDER: Warum fragen Sie den Angeklagten nicht, worüber die Verständigung hätte sein sollen? Warum sagt er uns dies nicht, anstatt in abstrakter Weise über eine Verständigung zu sprechen?


DR. THOMA: Herr Präsident! Ich habe den Angeklagten deswegen gefragt, weil er für eine aktive Verständigung mit England Schritte unternommen hat und darum geworben hat. Der Angeklagte wird nun beschuldigt...


VORSITZENDER: Aber um was handelt es sich denn bei der Verständigung?


[501] DR. THOMA: Es handelt sich darum, daß der Angeklagte nach London gegangen ist, um...


VORSITZENDER: Ich will, daß Sie den Angeklagten fragen, ich will nicht, daß Sie es mir erzählen.


DR. THOMA: Ich habe ihn ja eben gefragt, Herr Präsident. Der Angeklagte wird beschuldigt, daß er sich an dem norwegischen Unternehmen dadurch beteiligt habe, daß er den Bruch der norwegischen Neutralität befürwortet habe.


[Zum Zeugen gewandt:]


Wollen Sie sich dazu äußern, wie Sie Quisling kennengelernt haben?

ROSENBERG: Quisling habe ich im Jahre 1933 kennengelernt, als er mich besuchte, und ich eine Besprechung von 20 Minuten mit ihm hatte. Nachher hat ein Mitarbeiter von mir, der Interesse für die skandinavische Kultur hatte und selber Werke darüber verfaßt hatte, mit Quisling in Briefwechsel gestanden. Volle sechs Jahre habe ich Quisling nicht mehr gesehen, und ich habe mich weder in die norwegischen politischen Verhältnisse noch in die Bewegung Quislings eingemischt, bis er im Juni 1939, als die Spannung in Europa sich verschärft hatte, mich aufsuchte und mir seine Besorgnisse über die Lage Norwegens bei einem eventuellen Konflikt darstellte. Er sagte, es stünde zu befürchten, daß Norwegen dann nicht mehr neutral bliebe, daß sein Vaterland unter Umständen im Norden von Sowjetrussen und im Süden von Truppen der Westmächte besetzt würde, und er betrachte die Dinge mit Sorge.

Diese seine Besorgnisse sind von meinem Stabsleiter notiert und dabei pflichtgemäß Dr. Lammers übergeben worden.


DR. THOMA: Wann war das?


ROSENBERG: Es wird im Juni 1939 gewesen sein. Darauf bat Quisling einen Mitarbeiter, doch auch für dieses deutsch-norwegische Verständnis behilflich zu sein, und namentlich auch seine Partei etwas mit Aufbau und Propaganda der Bewegung der Partei bei uns bekanntzumachen. Darauf sind Anfang August, glaube ich, 25 Norweger im Schulungshause gewesen, um für diese Propaganda zu wirken, und dann nach Hause gefahren.


DR. THOMA: Womit wurden denn die geschult, und auf was wurden sie denn geschult?


ROSENBERG: Ich habe sie nicht gesehen und im einzelnen nicht gesprochen, aber sie wurden darin geschult, wie man eine verstärkte Propaganda ermöglicht, und wie die Organisation der Partei auf diesem Gebiete in Deutschland aufgebaut sei. Wir würden ihnen auf diesem Gebiete behilflich sein. Nun kam nach Ausbruch des Krieges plötzlich, oder kurz vorher, ich weiß das nicht genau [502] ein Bekannter von Quisling, Hagelin, zu mir mit ähnlichen Befürchtungen, die Quisling geäußert hatte. Nach Ausbruch des Krieges brachte dann dieser Mitarbeiter Quislings allerhand Einzelheiten über die Tätigkeit der Westmächte in Norwegen, und schließlich kam dann Quisling im Dezember 1939 nach Berlin mit der Erklärung, daß er auf Grund seiner genauen Kenntnis der Dinge wisse, daß hier nur eine scheinbare Neutralität der Norwegischen Regierung noch vorhanden sei, daß in Wirklichkeit aber die Abmachungen über das Aufgeben dieser Neutralität schon so gut wie beschlossen seien. Quisling war nun früher selbst norwegischer Kriegsminister gewesen, somit mußte er genaue Kenntnis haben, und ich habe empfohlen, pflichtgemäß als deutscher Staatsbürger dem Führer empfohlen, doch Quisling zu hören. Der Führer hat darauf Quisling zweimal empfangen, und zu gleicher Zeit hatte Quisling auch mit seinem Mitarbeiter Hagelin die Kriegsmarineleitung aufgesucht und sie in gleicher Weise unterrichtet. Seit dieser Zeit habe ich einmal mit Raeder gesprochen, und auch dieser hat dem Führer empfohlen, sich doch diesen Vortrag von Quisling anzuhören.


DR. THOMA: Also Sie persönlich haben nur Meldungen, die Ihnen Quisling gebracht hat, weitergeleitet?


ROSENBERG: Ja, ich möchte unterstreichen, daß Quisling ja ohne meine Tätigkeit, da ich sechs Jahre mich ja in diese politischen Dinge nicht hineinmischte, mich aufsuchte und ich es als selbstverständliche Pflicht halten mußte, Mitteilungen, die eine ungeheure Bedrohung, eine militärische Bedrohung Deutschlands bedeuten würden, wenn sie stimmten, dem Führer mitzuteilen und das, was mir Quisling dann noch mündlich vortrug, nämlich seinen Plan, gegebenenfalls von sich aus einen politischen Umschwung in Norwegen herbeizuführen und dann Deutschland um Unterstützung anzusuchen, mir ebenfalls zu notieren und dem Führer davon Mitteilung zu machen. In dieser Zeit... ich weiß nicht, diese Entwicklung ist in den von der Anklage verwendeten Urkunden ja im Wortlaut niedergelegt, der viel präziser das auszudrücken vermag, als ich es hier zusammenfassend darzustellen vermag. In der Urkunde 004-PS ist das von meinem Stabsleiter eineinhalb bis zwei Monate nach dem Norwegen-Unternehmen kurz zusammengefaßt worden.


DR. THOMA: Dieses Dokument, ich möchte die Aufmerksamkeit des Gerichts besonders auf dieses Dokument richten, ist also unmittelbar nach dem Norwegen-Unternehmen ganz unter dem frischen Eindruck des geglückten Unternehmens verfaßt worden und beschreibt ganz eindeutig die Maßnahmen, daß aller Anstoß von Quisling ausgegangen ist, daß Quisling plötzlich in Lübeck aufgetaucht ist, Meldungen gemacht hat, und daß er wieder gekommen ist und immer wieder gekommen ist und Rosenberg über die neuen Vorgänge in Norwegen verständigt hat.


[503] VORSITZENDER: Auf welches Dokument nehmen Sie Bezug?


DR. THOMA: 004-PS, GB-140, Dokumentenbuch 2, Seite 113.


VORSITZENDER: Welche Seite, bitte?


DR. THOMA: Ich glaube, daß die Nummer unten steht, Herr Vorsitzender.


VORSITZENDER: Auf welches Buch beziehen Sie sich?


DR. THOMA: Auf mein Dokumentenbuch Nummer 2, Seite 113, Dokumentenbuch Alfred Rosenberg, Seite 113, Band 2. In der englischen Übersetzung Seite 72.


VORSITZENDER: Wie lautet die Frage?


DR. THOMA: Ich darf auf Seite 1 verweisen, da heißt es:

»Vor der Tagung der Nordischen Gesellschaft in Lübeck war Quisling in Berlin, wo ihn Reichsleiter Rosenberg empfing.«

Das war im Juni 1939, wie aus dem Dokument 007-PS hervorgeht. Und dann auf der nächsten Seite heißt es, daß im August ein Kursus stattfand in Berlin-Dahlem, und dann heißt es, daß im Dezember 1939 Quisling von selbst wieder aufgetaucht ist in Berlin und Mitteilungen gemacht hat. Das war am 14. und 15. Dezember, und Rosenberg hat pflichtgemäß diese Meldungen, die ihm Quisling gemacht hat, jeweils dem Führer weitergemeldet. Sonst hat er nichts getan in dieser Sache. Parallel laufend und unabhängig voneinander sind dann die Berichte bei Raeder eingelaufen.


[Zum Zeugen gewandt:]


004-PS, haben Sie dem noch etwas hinzuzufügen?


ROSENBERG: Ja, ich bitte mir das Dokument zu geben.


[Das Dokument wird dem Zeugen übergeben.]


Auf Seite 5 dieses Dokuments 004-PS wird erklärt, daß Hagelin, der Mitarbeiter Quislings, der in norwegischen Regierungskreisen verkehrte und von der Norwegischen Regierung selbst Aufträge erhalten hatte für Waffenlieferungen aus Deutschland, zum Beispiel nach der sogenannten Altmark-Affäre, das heißt, eine Beschießung eines deutschen Schiffes in norwegischen Hoheitsgewässern, ein Gespräch mit norwegischen Stortingabgeordneten hörte, daß dieses Verhalten, dieses zurückhaltende Verhalten norwegischerseits ja eine »aufgelegte Sache« gewesen sei.

Ferner am 20 März, auf Seite 7 in der Mitte:

»Am 20. März führte er anläßlich seiner Anwesenheit zu den Verhandlungen über die deutschen Flaklieferungen in einem Bericht die fortschreiten de Tätigkeit der Alliierten in Norwegen unter Duldung der Regierung Nygardsvold näher aus. Nach seinen Mitteilungen untersuchten die Alliierten[504] nunmehr schon die norwegischen Hafenstädte auf Lande- und Transportmöglichkeiten. Der damit beauftragte französische Kommandant Kermarec« – nebenbei gesagt, der Name ist mir auch in anderer Schreibweise erinnerlich als »Karramac« oder ähnlich, – »habe in einem vertraulichen Gespräch den Obersten Sunlo, Kommandant von Narwik, der auch Anhänger Quislings ist, über die Absichten der Alliierten informiert, motorisierte Truppen in Stavanger, Drontheim und eventuell auch Kirkenes zu landen und den Flughafen Sola bei Stavanger zu besetzen.«

Dann heißt es unten; ich zitiere:

»In seinem Bericht vom 26. März führte er« – also Hagelin – »dann noch einmal aus, daß die Rede des norwegischen Außenministers Koth über die norwegische Neutralität und seine Proteste weder in London von den Engländern, noch in Norwegen von den Norwegern ernst genommen würden, da man genau wisse, daß die Regierung gar nicht die Absicht habe, ernstlich gegen England Stellung zu nehmen.«

DR. THOMA: Das hat Ihnen Quisling berichtet?

ROSENBERG: Ja, das waren die Berichte, die Quisling Hagelin beauftragte zu berichten. Ich möchte ferner bemerken, daß, nachdem der Führer Quisling empfangen hatte, er mir einige Zeit später mitteilte, er hätte das OKW beauftragt, sich diesen Fall zu überlegen, militärisch zu überlegen, und ersuchte mich, darüber nicht weiter zu sprechen. Ich verweise in diesem Zusammenhang noch darauf, daß, wie aus dem Bericht 004-PS ersichtlich ist, der Führer bei den Meldungen betont hätte, er wolle mit dem ganzen skandinavischen Norden unbedingt die Neutralität aufrechterhalten und seine Haltung nur ändern, falls diese durch andere Kräfte bedroht sei.

In der Folgezeit wurde ein Mitarbeiter von mir vom Führer beauftragt, die Verbindung zu Quisling in Oslo aufrechtzuerhalten, und erhielt zur Unterstützung der deutschfreundlichen Propaganda gegenüber der anderen Propaganda vom Auswärtigen Amt eine bestimmte Summe überwiesen, und kam darauf ebenfalls mit ein paar Nachrichten über die Ansichten Quislings nach Deutschland. Später hörte ich, was an sich ja verständlich war, daß dieser Mitarbeiter, der um diese Zeit Soldat war, auch militärische Nachrichtenaufträge bekommen hatte, die er nach dem Norwegen-Unternehmen dann mitteilte.


DR. THOMA: Herr Rosenberg, wollen Sie sich kürzer fassen.


ROSENBERG: In welcher Weise nun der Führer beschlossen hatte, und ob er wirklich beschlossen hatte, die Aktion durchzuführen, davon hat er mir keine Mitteilung mehr gemacht. Die ganze Aktion vom 9. April habe ich dann aus der Zeitung erfahren und besuchte [505] dann den Führer an diesem Tage, und ein paar Wochen später rief mich der Führer zu sich und sagte, er hätte diesen Beschluß fassen müssen auf Grund der konkreten Warnungen, die er nun bekommen hatte, und es hätte sich aus Dokumenten gezeigt, die man vorgefunden hatte, daß diese Warnungen richtig gewesen seien, und es sei buchstäblich richtig gewesen, daß, als die letzten deutschen Schiffe, ich glaube, in den Fjord von Drontheim einfuhren, sie schon ein Gefecht mit den ersten nachrückenden britischen Schiffen hatten.


DR. THOMA: Ich habe in diesem Zusammenhang nur noch eine Frage: Sind Sie jemals als Leiter des Außenpolitischen Amtes zu außenpolitischen oder militärischen Besprechungen durch Hitler herangezogen worden?


ROSENBERG: Der Führer hat auch hier streng unterschieden zwischen der amtlichen Außenpolitik und der auf die eine oder die andere von außen kommende Initiative oder Anregung, die an mich herangetragen wurde. Er hat mich, und ich glaube, das ist ja aus allen Dokumenten die ich hier vorgelegt habe ersichtlich, an keiner einzigen militärisch vorbereitenden Unterredung beteiligt.


DR. THOMA: Also bei den Unternehmungen gegen Österreich, Tschechoslowakei, Polen, Rußland und so weiter sind Sie niemals herangezogen worden?

Ich glaube, Herr Vorsitzender, daß das eine geeignete Gelegenheit wäre, für heute abzuschließen.


[Das Gericht vertagt sich bis

16. April 1946, 10.00 Uhr.]


Quelle:
Der Prozeß gegen die Hauptkriegsverbrecher vor dem Internationalen Gerichtshof Nürnberg. Nürnberg 1947, Bd. 11, S. 472-507.
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