Vormittagssitzung.

[86] [Der Zeuge Meyer-Wendeborn im Zeugenstand.]


DR. SERVATIUS: Herr Zeuge! Haben Sie die Block-und Zellenleiter als »Hoheitsträger« betrachtet?

MEYER-WENDEBORN: Nein.


DR. SERVATIUS: Wissen Sie nicht, daß im Organisationsbuch der Partei die Block- und Zellenleiter als »Hoheitsträger« bezeichnet sind?


MEYER-WENDEBORN: Ich habe das gelesen, aber ich habe es niemals befolgen können, weil das Organisationsbuch von Voraussetzungen ausgegangen ist, die nicht gegeben waren.


DR. SERVATIUS: Was verstehen Sie unter einem »Hoheitsträger«?


MEYER-WENDEBORN: Der »Hoheitsträger« ist der erste Repräsentant der Bewegung innerhalb seines Bereiches. Er ist berechtigt, an die ihm nachgeordneten Politischen Leiter und Parteigenossen Befehle zu erteilen. Im übrigen hat er sein dienstliches und auch sein privates Auftreten jederzeit so einzurichten, daß auch Nicht-Parteigenossen ihn als staatliche Dienststelle respektieren und auch anhören, ohne gesetzlich dazu verpflichtet zu sein.


DR. SERVATIUS: Sie sprachen von den Rechten, die die Politischen Leiter haben. Hatten die Block- und Zellenleiter auch diese Rechte?


MEYER-WENDEBORN: Nein, die haben sie nicht gehabt und auch nicht haben wollen.


DR. SERVATIUS: Hatten die Block- und Zellenleiter keine Einsatzbefugnisse, das heißt also, konnten sie SA oder SS, oder Polizei anfordern?


MEYER-WENDEBORN: Nein, das konnten sie nicht.


DR. SERVATIUS: Dann ist es also richtig, daß die Block- und Zellenleiter nur Gehilfen der Ortsgruppenleiter waren und keine selbständige Befugnis hatten?


MEYER-WENDEBORN: Die Block- und Zellenleiter waren das Unteroffizierkorps der Ortsgruppenleiter.


DR. SERVATIUS: Ich habe keine Fragen mehr an diesen Zeugen.


[86] OBERSTLEUTNANT J. M. G. GRIFFITH-JONES, HILFSANKLÄGER FÜR DAS VEREINIGTE KÖNIGREICH: Ich habe ein paar neue Dokumente, zwei oder drei Seiten lang, die sich auf andere Angelegenheiten beziehen. Wenn es der Gerichtshof wünscht, könnte ich diese Dokumente kurz in der gleichen Weise behandeln, wie man Sir David angewiesen hat, oder aber ich könnte sie in einem Kreuzverhör verwenden, ganz wie es der Gerichtshof wünscht.


VORSITZENDER: Oberstleutnant Jones! Wenn es Ihren Fall oder Ihr Kreuzverhör nicht beeinträchtigt, so wäre es vielleicht besser, wenn Sie die Dokumente einfach mit Angabe der Seitenzahl und des Inhalts einreichen würden.


OBERSTLEUTNANT GRIFFITH-JONES: Ja, das werde ich tun.


VORSITZENDER: Wenn es bei diesem Zeugen irgend etwas Besonderes gibt...


OBERSTLEUTNANT GRIFFITH-JONES: Der erste Punkt, mit dem ich mich beschäftigen wollte, sind die Maßnahmen, die vorn Führerkorps im Zusammenhang mit den Wahlen getroffen worden sind. Ich beziehe mich hier auf ein neues Dokument D-43, das GB-540 wird. Soviel ich weiß, hat der Gerichtshof Kopien dieses Dokuments.

Es handelt sich hier um ein Schreiben der NSDAP aus dem Memelgebiet an alle Ortsgruppen- und Stützpunktleiter, es ist aus dem Deutschen übersetzt. Es bezieht sich auf die Reichstagswahlen vom 29. März 1936 und hat zum Inhalt, daß auf Grund einer Anfrage des Reichsinnenministers Pg. Dr. Frick Bericht darüber zu erstatten sei, wo Beamte am 29. März 1936 ihrer Wahlpflicht nicht nachgekommen sind.

»Sofern innerhalb Ihrer Ortsgruppe bzw. Ihres Stützpunktes derartige Fälle bekannt sind, wollen Sie mir diese bitte bis spätestens zum 3. Juni ds. Js. namentlich melden.«

Der Ausdruck »Stützpunkt« bedeutet, daß es sich hier um kleinere Organisationen als eine Ortsgruppe handelt, die wohl später abgeschafft wurden, aber 1936 noch bestanden.

»... wollen Sie mir diese bitte bis spätestens 3. Juni ds. Js. namentlich melden. Die Angaben müssen auf jeden Fall stimmen.«

Dann im letzten Abschnitt, Euer Lordschaft:

»Dieses Rundschreiben ist sofort nach Erledigung zu vernichten.«

Das nächste Dokument, Euer Lordschaft, ist D-897, welches GB-541 wird. Dieses Dokument handelt von der Volksabstimmung von 1938.

Ich möchte hierzu zuerst bemerken, daß die in diesem Schreiben erwähnte Handlungsweise kein Einzelfall war.

[87] Als zweiten Punkt, Euer Lordschaft, zeigt dieses Dokument, wie eng die Zusammenarbeit zwischen der Sicherheitspolizei und den Politischen Leitern war.

Auf der ersten Seite dieses Dokuments steht ein vom 4. April 1938 datierter Sonderbefehl des Sicherheitsdienstes des Reichsführer-SS in Erfurt in Thüringen, dem Gau, in dem Sauckel Gauleiter war. Es ist als »Geheime Kommandosache« »streng vertraulich« bezeichnet und an alle Referenten und Stützpunktleiter gerichtet:

»Die Stützpunktleiter melden bis spätestens Donnerstag, den 7. April 1938, 18 Uhr, sämtliche Personen in ihrem Bezirk, von denen bestimmt anzunehmen ist (mit 100 % Wahrscheinlichkeit), daß sie bei der bevorstehenden Wahl mit ›Nein‹ stimmen werden! (Internationale Bibelforscher nicht vergessen!)

Die Referenten haben in dieser Angelegenheit die Stützpunktleiter örtlich weitestgehend zu unterstützen.

Ebenfalls ist diese Angelegenheit mit den Ortsgruppenleitern der Partei in engster Zusammenarbeit durchzuführen. Die Ortsgruppenleiter sind ab Dienstag, den 5. 4. 1938, ab 18 Uhr vom Außenstellenleiter persönlich unterrichtet«.

Ich glaube, ich kann den nächsten Absatz auslassen und lese dann weiter:

»Es wird nochmals besonders darauf hingewiesen, welche riesige Verantwortung die Stützpunktleiter – im besonderen Hinblick auf diese Meldung – besitzen und müssen sich die Stützpunktleiter über die eventuellen Folgen für die Personen, die in ihrer Meldung enthalten sein werden, im klaren sein. Insbesondere ist strengstens zu erwägen, ob bei Personen, die dem Stützpunktleiter derartige Mitteilungen machen und bei denen die Stützpunktleiter ihre Erkundigungen einziehen, keine persönlichen Gründe in den Vordergrund treten; hiervon sind auch Politische Leiter nicht ausgenommen.

Es wird nochmals auf die Vertraulichkeit dieses Befehls aufmerksam gemacht.

Der Befehl ist sich genau einzuprägen und hiernach sofort zu vernichten. (Für die restlose Vernichtung dieses Befehls ist mir jeder Stützpunktleiter persönlich verantwortlich!)«

Die Gründe für die erforderliche Genauigkeit gehen aus dem folgenden Dokument hervor. Auf Seite 2 werden gewisse Teile der Bevölkerung aufgezählt, über die man Erkundigungen einziehen sollte und die besonders scharf zu überwachen sind. Dies kann man aus dem ersten Absatz ersehen:

»Der Beteiligung und den Ergebnissen der Abstimmung am 10. 4. 1938 ist insbesondere in den kleinen Städten und [88] Dörfern erhöhte Aufmerksamkeit zu widmen. Vor allem ist zu prüfen, ob gegebenenfalls die Gegner in marxistischen bzw. weltanschaulichen Gegnerkreisen zu suchen sind.«

Und dann lenke ich die Aufmerksamkeit des Gerichtshofs auf Nummer 2 unter der Überschrift »Katholizismus«:

»Wurde in Gottesdiensten und ähnlichen Zusammenkünften Stellung genommen?«


VORSITZENDER: Wir vertagen uns jetzt.


[Pause von 10 Minuten.]


VORSITZENDER: Der Gerichtshof wird, wenn es Ihnen recht ist, bis 13.00 Uhr keine weitere Pause mehr einlegen.

OBERSTLEUTNANT GRIFFITH-JONES: Ich war zu dem zweiten Absatz des Abschnitts »Katholizismus«, Seite 2, Dokument D-897, gekommen:

»Wurde in Gottesdiensten und ähnlichen Zusammenkünften Stellung genommen?«

Vielleicht darf ich dem Zeugen dazu eine Frage stellen?

Zeuge! Wenn der Ortsgruppenleiter beauftragt war, über diese Angelegenheiten Bericht zu erstatten, befragte er dann die Block- und Zellenleiter um Auskunft über die Äußerungen, die während der verschiedenen Gottesdienste in seiner Ortsgruppe gemacht wurden?

MEYER-WENDEBORN: Nein.

OBERSTLEUTNANT GRIFFITH-JONES: Würden Sie dem Gerichtshof mitteilen, wer es sonst tat, wenn nicht die Zellenleiter?


MEYER-WENDEBORN: Derartige vertrauliche Informationen, wenn sie schon gefordert worden wären, hätte der Ortsgruppenleiter sich selbst besorgt.


OBERSTLEUTNANT GRIFFITH-JONES: Glauben Sie, daß der Ortsgruppenleiter in der Lage war, alle Gottesdienste seiner Ortsgruppe selbst zu besuchen? Glauben Sie, daß das für einen Ortsgruppenleiter überhaupt praktisch möglich gewesen wäre?


MEYER-WENDEBORN: Nein, das hätten sie nicht können. Aber sie würden für solche Informationen auch immer besondere Männer gehabt haben, bei denen sie sich Rat und Auskunft geholt haben würden.


OBERSTLEUTNANT GRIFFITH-JONES: Aber diese besonderen Leute, die solchen Rat und solche Informationen geben konnten, waren doch die Block-und Zellenleiter, nicht wahr?


MEYER-WENDEBORN: Nein, das waren sie nicht.


[89] OBERSTLEUTNANT GRIFFITH-JONES: Nun gut, lassen wir das.

Die nächste Überschrift lautet: »Protestantismus«. Ich lenke wiederum Ihre Aufmerksamkeit auf Punkt 2, wo es heißt:

»Ist in den Gottesdiensten zum Anschluß bzw. Abstimmung Stellung genommen worden?«

Und im nächsten Punkt:

»Wie äußerte sich die Kirchenpresse?«

Und unter Nummer 5:

»Wurden am 9. 4. 1938 abends im Anschluß an die Rede des Führers in Wien die Glocken sämtlicher Religionsgemeinschaften geläutet?«

Zeuge! Wären es nicht die Block- und Zellenleiter gewesen, die berichtet hätten, ob die Kirchenglocken an jenem Abend in ihrem Bezirk geläutet wurden?

MEYER-WENDEBORN: Das hätten sie sagen können, denn wenn sie geläutet worden wären, dann hätten die Block- und Zellenleiter das auch gehört.

OBERSTLEUTNANT GRIFFITH-JONES: Jetzt komme ich zur nächsten Seite des Dokuments, vorletzter Absatz:

»Es wird anheimgegeben, sich gegebenenfalls in geeigneter Form mit den Wahlleitern in Verbindung zu setzen. Von der Ausübung eines Druckes ist jedoch auf jeden Fall abzusehen.«

Ich komme zur nächsten Seite, Seite 3 der englischen Übersetzung, einem Bericht der Außenstelle des SD in Weißensee vom 25. April, aus dem hervorgeht, wie die Anweisungen hinsichtlich der Wahl durchgeführt wurden:

»Vor der Wahl stellte der Pg. Paul Fritsche aus Weißensee/Thüringen, Jakobstraße, ein Verzeichnis aller Nein-verdächtigen Personen auf. Jeder Aufgeführte bekam am Wahltag durch einen besonders ausgewählten Beisitzer einen Stimmzettel übergeben, der durch Einprägen einer Nummer mittels farbbandloser Schreibmaschine kenntlich gemacht war.«

Dann wird beschrieben, wie es in der Praxis vor sich ging.

Auf der nächsten Seite, annähernd in der Mitte des ersten Absatzes:

»... warf der Wahlvorsteher... den Umschlag nicht sogleich in die Wahlurne, sondern er versuchte, ihn unter den auf der Wahlurne liegenden, zur Verdeckung des Einwurfschlitzes dienenden Pappdeckel zu schieben, um den Umschlag dann in einem geeigneten Augenblick öffnen zu können.«

[90] Das folgende Dokument auf der nächsten Seite ist ein anderer Bericht einer anderen Außenstelle des Sicherheitsdienstes:

»An alle Ortsgruppenleiter der NSDAP des Kreises Erfurt-Weißensee.

Bei Auftreten nachfolgend aufgeführter Personen in Ihrem Ortsgruppenbereich zur Erfüllung ihrer Wahlpflicht haben Sie diese besonders im Auge zu behalten und die Kreisleitung Erfurt (Wahlbüro SD) umgehend zu verständigen.«

Dann folgten viele Namen, und zum Schluß heißt es:

»Auf Anordnung des Kreisleiters ist die Angelegenheit streng vertraulich zu behandeln.«

Auf der nächsten Seite ist ein anderer Bericht über den Bibelforscher Robert Siering und seine Frau, daß:

»... am Sonntagvormittag, nachdem sie beide in Griefstedt vom Wachtmeister auf ihre Wahlpflicht hingewiesen wurden und ihnen bei Nichtbeteiligung mit der Entziehung ihres Kindes gedroht wurde, in Günstedt im Wahllokal erschienen und ihre Stimme abgaben.«

Das nächste Dokument über den gleichen Gegenstand, Euer Lordschaft, ist D-902, GB-542. Auf der ersten Seite dieses Beweisstücks finden wir einen Bericht, der als »vertraulich« an die Außenstelle Erfurt des Sicherheitsdienstes gesandt wurde. Es ist nicht klar, von wem dieser Bericht unterzeichnet ist. Er stammt vom 7. April 1938 und lautet wie folgt:

»Nach eingehender und sorgfältigster Untersuchung im Bereiche der Ortsgruppe Melchendorf, und in engster Zusammenarbeit mit dem Ortsgruppenleiter sind wir zu folgendem Ergebnis gekommen:

Nachstehende Personen werden mit 100 %iger Wahrscheinlichkeit bei der bevorstehenden Wahl am 10. April 1938 mit ›Nein‹ stimmen.«

Nach Aufzählung der Namen folgen die sogenannten Erklärungen für jeden einzelnen Fall.

»Erklärung:

1. Wilhelm Messing (im Jahre 1933 wegen illegaler Betätigung für die KPD und Druck illegaler Hetzschriften in Schutzhaft genommen...)

2. Walter Messing (ebenfalls 1933 in Schutzhaft genommen wegen übler Nachrede der SA).«

Ich glaube, ich brauche auf den Rest dieser Seite nicht weiter einzugehen.

[91] Ich möchte aber die Aufmerksamkeit des Gerichtshofs auf die letzten drei Absätze der nächsten Seite lenken:

»Günther Hartung, Johannesstraße 113, Eingang Wallstraße ist als Staats- und wahlfeindlich zu melden.

Hartung ist als gänzlich moralisch herabgekommener Mensch zu bezeichnen, und es ist notwendig, denselben trotz seines Alters (70 J.) sicherzustellen.

U. a. hat er die deutschen Truppen bei ihrem Einzug in Österreich als Bummler bezeichnet. Zeugen über Hartung sind genügend vorhanden.«

Euer Lordschaft! Auf der nächsten Seite ist noch ein Bericht im Zusammenhang mit der Volksabstimmung. Ich möchte die Aufmerksamkeit des Gerichtshofs auf den vorletzten Absatz richten:

»Die noch kurz vor Schluß der Wahl geschleppte Ehefrau des Volljuden Bielschowski... hat nachweislich mit ›Nein‹ gestimmt.«

Nun überspringe ich einige Seiten bis Seite 7 des englischen Textes. Hier wird beschrieben, wie die Stimmzettel in einem anderen Gebiet mittels einer farbbandlosen Schreibmaschine geprüft wurden; und dann auf Seite 9 der englischen Übersetzung noch ein anderer Bericht:

»Der Arbeiter Otto Wiegand... mußte am Wahltage viermal zur Stimmabgabe aufgefordert werden und wählte schließlich nur unter Zwang.«

Und der nächste Bericht auf der gleichen Seite:

»Die Ehefrau Frieda Schreiner... hat trotz mehrfacher Aufforderung nicht gewählt. Die Genannte gehört zu den fanatischen Anhängern der ehem. Vereinigung Internationaler Bibelforscher.

Der Ehemann, der die gleiche Anschauung vertritt und deshalb kürzlich bereits in ein Strafverfahren verwickelt war, hat gewählt. Dies dürfte allerdings wohl ausschließlich aus Furcht vor einer erneuten Inhaftnahme geschehen sein.«

Euer Lordschaft! Der Rest des Dokuments, auf das ich Bezug nahm, steht auf Seite 11. Es ist ein Auszug aus der örtlichen Zeitung, in dem über die Einstimmigkeit der deutschen Wahlen berichtet wird, die durch den Sicherheitsdienst in Zusammenarbeit mit dem Korps der Politischen Leiter erreicht worden ist, wie wir soeben gesehen haben.

Euer Lordschaft! Ich möchte nochmals betonen, daß dies nicht Einzelfälle waren. Ich möchte den Gerichtshof auf ein Dokument hinweisen, das bereits vorgelegt wurde. Es steht auf Seite 91 des kleinen Dokumentenbuches, das Sir David dem Gerichtshof gestern [92] vorgelegt hat, auf Seite 118 und 119 des deutschen Textes. Es ist das Dokument R-142, US-481. Es ist, wie Sie sehen, wieder ein Bericht des Sicherheitsdienstes, aber diesmal aus Koblenz. Ich verlese den zweiten Absatz;

»In fast allen Fällen ist der hohe Prozentsatz an Nein- und ungültigen Stimmen auf konfessioneller Haltung der Bevölkerung begründet, sei es, daß es sich um Katholiken oder Protestanten handelt. Der Kreisgeschäftsführer« – der ›Kreisgeschäftsführer‹, Euer Lordschaft, ist einer der Stabsoffiziere des Kreisleiters – »des Kreises... gab die Zusicherung, daß es in den meisten Fällen Frauen gewesen seien, die mit ›Nein‹ oder ›ungültig‹ gestimmt hätten. Wie hier bekannt wurde, war... eine Überwachungskontrolle angeordnet...«


VORSITZENDER: Herr Griffith-Jones! Ist das nicht schon vorgelegt worden?

OBERSTLEUTNANT GRIFFITH-JONES: Ja, das liegt schon vor.


VORSITZENDER: Ich glaube nicht, daß Sie dann weiter darauf einzugehen brauchen.


OBERSTLEUTNANT GRIFFITH-JONES: Ich bin Ihnen sehr verbunden. Ich wollte nur die Aufmerksamkeit des Gerichtshofs darauf lenken.

Ein weiteres Dokument, das ebenfalls schon vorgelegt wurde, steht auf Seite 54 und 55 des gleichen Dokumentenbuches, es sind die Dokumente 849-PS, US-354; 848-PS, US-353. Beide Dokumente beschreiben, wie die Partei...


VORSITZENDER: Herr Griffith-Jones! Ich glaube nicht, daß Sie Dokumente, die schon vorgelegt wurden, kommentieren müssen, es sei denn, daß es Dokumente sind, die der Zeuge näher erklären kann.


OBERSTLEUTNANT GRIFFITH-JONES: Wenn ich mich nur auf neue Dokumente beschränke, ohne die Aufmerksamkeit des Gerichtshofs auf andere Dokumente zu lenken, die den gleichen Stoff behandeln, dann ist es etwas schwierig, zu dem Punkt zu kommen, den ich beim Kreuzverhör dieses Zeugen über die Dokumente sonst erreicht hätte.


VORSITZENDER: Wenn es keine neuen Dokumente sind, und Sie den Zeugen darüber im Kreuzverhör vernehmen wollen, können Sie sie dem Zeugen vorlegen.


OBERSTLEUTNANT GRIFFITH-JONES: Sehr wohl, Herr Vorsitzender, ich werde mich jetzt nicht weiter mit diesem Punkt befassen.

[93] Ein weiterer Punkt, über welchen ich den Zeugen verhören wollte, ist die Euthanasie oder der Gnadentod und die Rolle, die die Politischen Leiter dabei gespielt haben. Es ist ein neues Dokument, Euer Lordschaft, D-906, das GB-543 wird.

Ich möchte mich zunächst dem zweiten der drei Dokumente zuwenden, die auf der ersten Seite dieses Beweisstücks abgedruckt sind. Nummer 2 ist ein Schreiben der NSDAP, des Stellvertreters des Führers, Martin Bormann, vom 24. September 1940:

»An die Gauleitung Franken zu Händen des Kreisleiters Zimmermann.

Durch Pg. Hoffmann wurde mir Ihr Schreiben vom 13. 9. 1940 vorgelegt. Die Kommission, die in Neuendettelsau tätig war, untersteht der Kontrolle des Herrn Reichsleiters Bouhler, bzw. ist in dessen Auftrag tätig.

Die Benachrichtigungen an die Verwandten werden, wie mir gestern noch einmal bestätigt wurde, textlich verschieden abgefaßt. Selbstverständlich kann es aber einmal passieren, daß zwei nahe beieinander wohnende Familien einen Brief mit dem gleichen Wortlaut bekommen.

Daß sich die Vertreter der christlichen Weltanschauung gegen die Maßnahmen der Kommission aussprechen, ist selbstverständlich. Ebenso selbstverständlich muß es sein, daß alle Parteidienststellen die Arbeit der Kommission, soweit notwendig, unterstützen.«

Ich gehe jetzt zurück zu Nummer 1 auf dieser Seite:

»Gaustabsamtsleiter (Franken) Sellmer« – das war ein anderer Stabsoffizier im Gaustab – »handschriftliche Notiz vom 1. 10. 1940.

Justiz. Besuch von Pg. Blankenberg, Berlin. In nächster Zeit beginnt die Aktion, Fehlschläge bisher kaum eingetreten. 30000 erledigt. Weitere 100000 bis 120000 warten. Den Kreis der Eingeweihten sehr klein halten. Wenn notwendig, Kreisleiter rechtzeitig verständigen.«

Dann weiter,

»Der Führer gab die Anordnung. Gesetz liegt fertig. Heute werden nur klare Fälle oder 100 %ige erledigt. Später tritt eine Erweiterung ein. Die Benachrichtigung wird ab sofort in...«

Man kann hier das Gedruckte nicht gut lesen. Dann, am Ende des Dokuments:

»Kreisleiter Sellmer... soll unterrichtet werden.«

[94] Jetzt kommt Nummer 3, ein Lagebericht der Kreisleitung Erlangen vom 26. November 1940, der die Ausrottung von Geisteskranken behandelt:

»Bei der hiesigen Heil- und Pflegeanstalt erschien vor einiger Zeit im Auftrag des Ministeriums des Innern, gez. Schulz oder Schultze, eine u. a. aus einem norddeutschen Arzt und einer Anzahl Studenten bestehende Kommission. Sie prüfte die Akten der in der Anstalt untergebrachten Kranken durch«,

und dann wird darin beschrieben, wie man die Patienten untersuchte, welche auf Befehl des Reichsverteidigungskommissars in eine andere Anstalt überführt werden sollten und

»... daß eine Berliner Transportgesellschaft die Verlegung vorzunehmen und der Anstaltsleiter den Weisungen dieser Gesellschaft, die sich im Besitz einer Namensliste befinde, zu folgen habe.«

Auf diese Weise wurden inzwischen drei Transporte mit zusammen 370 Patienten nach Sonnenstein bei Pirna und in die Gegend von Linz gebracht. Es heißt weiter:

»Ein weiterer Transport soll im Januar nächsten Jahres abgehen.«

Dann geht es einige Zeilen so weiter und beginnt dann wieder folgendermaßen:

»Eigenartigerweise erhielten nach dem Transport verschiedene Angehörige über ihre Kranken die Mitteilung, daß diese gestorben seien. Als Todesursache wurde einmal Lungenentzündung, ein anderes Mal eine ansteckende Krankheit genannt. Dabei wurde den Angehörigen weiter mitgeteilt, daß die Verbrennung der Leiche notwendig gewesen sei und daß, falls sie daran Interesse hätten, ihnen die Kleider des Verstorbenen zugesandt werden könnten. Das Standesamt Erlangen wurde durch die Anstalt ebenfalls von den verschiedenen Todesfällen in Kenntnis gesetzt, wobei als Todesursache wieder Lungenentzündung oder eine ansteckende Krankheit angegeben war, Krankheitser scheinungen, die mit dem bisherigen Krankheitsbild in keinerlei Zusammenhang stehen, so daß anzunehmen ist, daß es sich hier um falsche Angaben handelt. Die Bevölkerung ist über die Maßnahme der Verlegung der Kranken ungeheuer beunruhigt, da sie die in rascher Folge bekannt werdenden Todesfälle damit in Zusammenhang bringt. Sie spricht zum Teil offen, zum Teil versteckt von einer Beseitigung der Kranken, zu der keinerlei gesetzliche Unterlage vorhanden ist. Diese Beunruhigung der Bevölkerung wirkt jetzt in der Kriegszeit doppelt nachteilig. Die [95] geschilderten Vorkommnisse geben darüber hinaus der Kirche und den religiösen Kreisen Veranlassung, ihre Einstellung gegen den Nationalsozialismus neu aufleben zu lassen.«


VORSITZENDER: Unter welchen Teil von Artikel 6 des Statuts fällt dies?

OBERSTLEUTNANT GRIFFITH-JONES: Es fällt unter »Verbrechen gegen die Menschlichkeit«, im Hinblick...


VORSITZENDER: Stehen Sie mit dem Krieg in Zusammenhang?


OBERSTLEUTNANT GRIFFITH-JONES: Insoweit ja, als der Zweck dieser Ausrottung von alten Leuten war, das Reich von unproduktiven Elementen zu befreien. Ich kann Euer Lordschaft gegenwärtig nicht genau die Stelle sagen, wo darauf hingewiesen wird, aber es ist bestimmt aus einem der Dokumente ersichtlich. Dies ist ein handschriftlicher Zusatz zu jenem Dokument in der Handschrift des... Verzeihung, es ist ein Originalauszug aus dem Lagebericht der Kreisleitung Erlangen.

Das nächste Dokument, Euer Lordschaft, braucht nicht ausführlich erörtert zu werden. Es handelt wieder von einem Kreisleiter und davon, daß es allgemein bekannt war, daß Irrtümer bei der Todesbenachrichtigung vorgekommen waren, daß zum Beispiel eine Familie zwei Aschenurnen für einen Patienten erhalten hatte.

Nummer 5 auf der nächsten Seite ist ein ähnlicher Fall. Ich möchte den Gerichtshof auf die Mitte des großen Absatzes gegen das Ende der Seite verweisen.

»Der Arzt teilte mir auch mit, daß bekannt sei, daß die Kommission aus einem SS-Arzt mit mehreren Unterärzten bestehe.«

Das nächste Dokument, Euer Lordschaft, auf Seite 10, Nummer 12, handelt von einem Protest oder vielmehr von einer Nachfrage über den Tod eines Verwandten. Es ist von einer Frau Maria Kehr, und ich erwähne es, weil es auch in einem anderen Dokument erwähnt ist, und zwar in 1969-PS... Nein, es ist doch ein neues Dokument. Es wird GB-544, 1969-PS. Ich bitte Sie, sich die zweite Seite dieses Dokuments anzusehen. Dort finden Sie ein Schreiben vom Reichsminister des Innern an den Gaustabsamtsleiter in Nürnberg. Er leitet Frau Kehrs Brief weiter, und die Wichtigkeit dieses Dokuments beweist der Schluß. In Tinte:

»Ortsgruppenleiter Pg. Popp ist der Ansicht, daß man Frau Kehr unterrichten kann. Sie ist ruhig und besonnen.«

Das Dokument trägt auch den Stempel des Kreisleiters, der darüber Informiert wurde.

Euer Lordschaft! Ich möchte noch einmal kurz auf das Dokument, das wir eben angesehen haben, eingehen, D-906, Seite 6 dieses Dokuments. Der Ortsgruppenleiter in Absberg beschreibt [96] darin die Vorfälle, die sich bei dem letzten Abtransport von Geisteskranken aus einer Anstalt dieser Stadt ereigneten. Er schreibt an den Kreisleiter und bezieht sich auf den Bericht eines Vorfalles dort, und ich möchte nur betonen, daß die Öffentlichkeit gewußt hat, was vor sich ging.

Auf Seite 8 berichtet wieder ein anderer Kreisleiter, diesmal in Weißenburg/Bayern, von demselben Vorkommnissen, und wie Sie sehen, ist das Schreiben an das Gaustabsamt in Nürnberg gerichtet.

Das nächste Dokument Nummer 11 stammt vom Kreisleiter in Ansbach, und er beschreibt die Überführung von Patienten von noch einem anderen Sanatorium in eine andere Stadt, und am Anfang der folgenden Seite ist vom Ortsgruppenleiter die Rede:

»Ortsgruppenleiter Reuschel steht nun weiterhin auf dem Standpunkt, daß er über die Verlegung der Pfleglinge möglichst im nächsten Mitgliederappell sprechen soll, um das rein Sachliche herauszustellen, vor allem aber die aufgetauchten Gerüchte, daß die Pfleglinge sehr bald um die Ecke gebracht, beseitigt oder vergiftet würden, zu zerstreuen.«

Dann sehen Sie unten noch eine handschriftliche Bemerkung, daß der Organisationsleiter, das heißt der politische Führer im Stab des Hoheitsträgers, zu verständigen ist.

Euer Lordschaft! Das ist alles Beweismaterial, worüber ich den Zeugen befragen wollte. Dann möchte ich noch über eine allgemeine Sache einige Fragen stellen, wenn der Gerichtshof es gestattet.


[Zum Zeugen gewandt:]


Zuerst, Zeuge, möchte ich Ihnen über das Beweismaterial folgende Frage stellen:

Hinsichtlich der Dokumente, die Sie gesehen haben; Hatten Sie persönlich von diesen sogenannten Gnadentötungen, die verübt wurden, irgendwelche Kenntnis?

MEYER-WENDEBORN: Es wurde mir einmal ein Gerücht zugetragen, daß irgendwo in Süddeutschland Geisteskranke beseitigt wurden. Ich habe daraufhin pflichtgemäß sofort bei meiner Gauleitung Rückfrage gehalten und nach kurzer Zeit Bescheid bekommen, daß dieses nicht an dem wäre und ich in Zukunft derartige Anfragen auch nicht wieder stellen sollte, die ich mir ja eigentlich selbst als unvernünftig vorstellen mußte.

OBERSTLEUTNANT GRIFFITH-JONES: Warum sollten Sie derartige Anfragen nicht wieder stellen?


MEYER-WENDEBORN: Weil ich aus Kreisen der Volksgenossen von solchen Gerüchten gehört hatte.


OBERSTLEUTNANT GRIFFITH-JONES: Wußten Sie, daß Ihre Kollegen vom Korps der Politischen Leiter bei diesem Mordsystem mitwirkten?


[97] MEYER-WENDEBORN: Nein, das habe ich niemals gewußt und geahnt.


OBERSTLEUTNANT GRIFFITH-JONES: Nun möchte ich Sie über etwas anderes befragen: Sie erzählten dem Gerichtshof gestern, daß es kein Korps der Politischen Leiter gab. Stimmt das?


MEYER-WENDEBORN: Jawohl.


OBERSTLEUTNANT GRIFFITH-JONES: Das ist doch nicht richtig. Gab es nicht ein offiziell anerkanntes Korps der Politischen Leiter?


MEYER-WENDEBORN: Es ist vom Korps der Politischen Leiter gesprochen worden, und zwar in der Absicht, dem einen oder dem anderen für sein Auftreten in der Öffentlichkeit bessere Manieren beizubringen, und man hat deshalb auch auf Offiziere und Korpsstudenten verwiesen, sie sollten Beispiel sein. Ein offizielles Korps der Politischen Leiter hat es nicht gegeben und konnte es auch nicht geben, weil die Männer immer wieder wechselten und aus den allerverschiedensten Sparten unserer Volksgenossen genommen werden mußten.


OBERSTLEUTNANT GRIFFITH-JONES: Es wurde aber Korps der Politischen Leiter genannt, denn wenn man Politischer Leiter wurde, wurde man Mitglied dieses Korps. Verhielt es sich nicht so?


MEYER-WENDEBORN: Da es kein eigentliches Korps der Politischen Leiter gab, konnte man auch bei der Ernennung kein Mitglied werden.


OBERSTLEUTNANT GRIFFITH-JONES: Wurden nicht die Politischen Leiter im offiziellen Organisationsbuch der NSDAP Korps der Politischen Leiter genannt?


MEYER-WENDEBORN: Ich bin überzeugt, daß Sie das kennen; Sie haben dieses Buch. Ich möchte Ihnen unter Hinweis auf meinen Eid noch einmal erklären, daß ich bisher nicht Zeit gefunden habe, dieses Buch aufmerksam zu lesen, weil die eigentlichen Aufgaben vordringlicher waren als die Lektüre dieses Wunschtraumes, denn anders kann ich dieses Buch nicht bezeichnen.


OBERSTLEUTNANT GRIFFITH-JONES: Ich habe keine weiteren Fragen.


DR. SERVATIUS: [zum Zeugen gewandt] Ich habe eine Frage zu dem Dokument D-897. Es war das erste, was vorgelegt wurde; ein Schreiben Reichssicherheitsdienst-Außenstelle Erfurt, unterschrieben von einem Außenstellenleiter. Es ist gerichtet an alle Referenten und Stützpunktleiter. Der Herr Anklagevertreter sagte, der Stützpunkt, der hier bezogen ist, ist eine Parteidienststelle. Ist diese Ansicht richtig, wenn Sie lesen, daß das Schreiben gerichtet ist an alle Referenten und Stützpunktleiter und ein Schreiben der SS ist?


[98] MEYER-WENDEBORN: Mir ist das auch sofort aufgefallen, und ich wäre schon selbst darauf zurückgekommen. Es kann sich nur um einen Stützpunktleiter des SD gehandelt haben; denn es gab damals innerhalb der Politischen Leitung keine Stützpunkte mehr, sondern nur Ortsgruppen, und im übrigen ist in diesem Schreiben weiter unten ja auch ausdrücklich an zweiter Stelle der Ortsgruppenleiter erwähnt.


DR. SERVATIUS: Jawohl, es heißt dort:

»Ebenfalls ist diese Angelegenheit mit den Ortsgruppenleitern der Partei in engster Zusammenarbeit durchzuführen.«

Ist dieses Schreiben also gerichtet von einer unteren SS-Stelle an eine untere Parteistelle?

MEYER-WENDEBORN: Ich habe das Schreiben im Moment nicht vorliegen, aber ich erinnere mich, daß es an die untergeordneten Stellen der Außenstelle gerichtet war und daß darin gesagt wurde, man solle sich auch mit den Ortsgruppenleitern in Verbindung setzen. Es fällt mir allerdings auf, daß der Ortsgruppenleiter erst einen Tag vorher in Kenntnis gesetzt werden soll, während der Empfänger des Schreibens schon zwei Tage vorher Kenntnis und Unterlagen für seine Arbeit bekam. Das Vertrauen zur Partei...

DR. SERVATIUS: Bitte langsam, die Dolmetscher kommen nicht mit!


MEYER-WENDEBORN: Das Vertrauen zur Partei muß also nicht ganz groß gewesen sein.


DR. SERVATIUS: Wurde dann der Ortsgruppenleiter hier auf dem gewöhnlichen Befehlsweg der Partei unterrichtet, oder waren damit die höheren Parteistellen übergangen?


MEYER-WENDEBORN: In diesem Fall ist die Benachrichtigung unvorschriftsmäßig; denn sie hätte über die höheren Parteistellen erfolgen müssen.


DR. SERVATIUS: Dann kann ich also den Schluß ziehen, daß es möglich ist, daß die obere Parteistelle von dieser Aktion der unteren SS-Stellen nichts gewußt hat?


MEYER-WENDEBORN: Durchaus.


DR. SERVATIUS: Ich habe keine Fragen mehr an diesen Zeugen.


VORSITZENDER: Der Zeuge kann sich zurückziehen.


[Der Zeuge verläßt den Zeugenstand.]


Wollen Sie Ihren nächsten Zeugen rufen, Dr. Servatius?

DR. SERVATIUS: Ich rufe dann mit Erlaubnis des Gerichts den nächsten Zeugen, Wegscheider, einen Ortsgruppenleiter.


[Der Zeuge betritt den Zeugenstand.]


VORSITZENDER: Wollen Sie bitte Ihren vollen Namen angeben?

ZEUGE HANS WEGSCHEIDER: Hans Wegscheider.

[99] VORSITZENDER: Wollen Sie bitte den folgenden Eid wiederholen: »Ich schwöre bei Gott, dem Allmächtigen und Allwissenden, daß ich die reine Wahrheit sagen, nichts verschweigen und nichts hinzusetzen werde.«


[Der Zeuge spricht die Eidesformel nach.]


VORSITZENDER: Sie können sich setzen.

DR. SERVATIUS: Herr Zeuge! Wann sind Sie geboren?


WEGSCHEIDER: Am 30. Oktober 1885.


DR. SERVATIUS: Sie waren zwölf Jahre Ortsgruppenleiter auf dem Lande, und zwar von 1933 bis 1945 in Hirschdorf bei St. Lorenz?


WEGSCHEIDER: Jawohl.


DR. SERVATIUS: Das ist im Kreise Kempten-Allgäu?


WEGSCHEIDER: Nein, das ist im Kreise Kempten-Land.


DR. SERVATIUS: Und Sie waren dort auch Bürgermeister seit 1933?

WEGSCHEIDER: Jawohl.


DR. SERVATIUS: Sie waren zugleich Schmiedemeister und Tierheilkundiger?


WEGSCHEIDER: Jawohl.


DR. SERVATIUS: Und sind als solcher viel im Allgäu herumgekommen?


WEGSCHEIDER: Ja.


DR. SERVATIUS: Haben Sie dadurch einen großen Überblick über die Verhältnisse bei den anderen Ortsgruppen im Allgäu?

Bitte eine Pause zu machen, damit übersetzt werden kann, und dann erst zu antworten.


WEGSCHEIDER: Ja, ich kannte die 36 Ortsgruppen in unserem Kreis Kempten-Land so ziemlich genau.


DR. SERVATIUS: Wieviel Menschen waren das etwa?


WEGSCHEIDER: Es waren ungefähr 40000 Einwohner.


DR. SERVATIUS: Wann sind Sie in die Partei eingetreten?


WEGSCHEIDER: Am 28. März 1933.


DR. SERVATIUS: Wie wurden Sie Ortsgruppenlei ter?


WEGSCHEIDER: Anläßlich der Gründungsversammlung der Ortsgruppe wurde ich am 28. März 1933 zum Ortsgruppenleiter bestimmt.


DR. SERVATIUS: Wurden Sie vereidigt?


[100] WEGSCHEIDER: Ja, ich wurde als Ortsgruppenleiter einmal vereidigt.


DR. SERVATIUS: Sie haben vor der Kommission gesagt, daß Sie in den zwölf Jahren zwölfmal vereidigt worden seien. Ist das ein Irrtum?


WEGSCHEIDER: Das ist ein Irrtum.


DR. SERVATIUS: Wie wurden Sie Ortsbürgermeister?


WEGSCHEIDER: Im Monat April 1933 wurde der neue Gemeinderat aufgestellt, und ungefähr Ende dieses Monats erfolgten innerhalb des Gemeinderats die Bürgermeisterwahlen, und damals hatte ich nicht nur die Stimmen der NSDAP, sondern auch vier Stimmen der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei und eine Stimme der Bayerischen Volkspartei auf meine Person vereinigt, und somit wurde ich Bürgermeister.


DR. SERVATIUS: Bekamen Sie als Ortsgruppenleiter ein Gehalt?

WEGSCHEIDER: Nein.


DR. SERVATIUS: Wie war das bei den anderen Ortsgruppenleitern, die nicht nebenbei Bürgermeister waren?


WEGSCHEIDER: Die bekamen auch kein Gehalt.


DR. SERVATIUS: Aus welchem Grund wurde das Amt des Ortsgruppenleiters und des Bürgermeisters in einer Hand vereinigt?


WEGSCHEIDER: Im Kreis Kempten-Land waren es eben nur Bauerngemeinden, Landgemeinden, und da fehlte wohl die geeignete Persönlichkeit, und so war es eben, daß in zehn Gemeinden unseres Kreises Bürgermeister und Ortsgruppenleiter in einer Person vereinigt waren, und es war letzten Endes zweckmäßiger.


DR. SERVATIUS: Wie setzte sich Ihre Ortsgruppenleitung zusammen?


WEGSCHEIDER: Erstens der Ortsgruppenleiter, dann Propaganda und Organisation, dann Kassenleiter, ein Presseamtsleiter, später ein Hilfsstellenleiter, dann zwei Zellen- und ungefähr acht Blockleiter.


DR. SERVATIUS: Was war die Tätigkeit der Block-und Zellenleiter?


WEGSCHEIDER: Die Tätigkeit unserer Zellenleiter aus den kleinen Landgemeinden hatte sich als ein Leerlauf erwiesen, so daß sie wohl in den meisten Ortsgruppen wieder abgeschafft worden sind, während die Tätigkeit der Blockleiter als rein technisch betrachtet werden kann. Sie hatten tatsächlich nur Mithilfearbeit geleistet.


DR. SERVATIUS: Haben Sie die Block- und Zellenleiter als Politische Leiter angesehen und als Hoheitsträger?


[101] WEGSCHEIDER: Nein. Nachdem doch die Arbeit der Blockleiter auf den kleinen Landgemeinden draußen politisch bedeutungslos war, konnten sie doch nicht als Hoheitsträger bezeichnet werden.


DR. SERVATIUS: Warum sind Sie in die Partei eingetreten, und wann haben Sie das Amt als Ortsgruppenleiter übernommen?


WEGSCHEIDER: Wohl seit dem Jahre 1929 und in den folgenden Jahren 1930/1931/1932 habe ich, nachdem ich von Beruf Schmiedemeister bin und mit den Bauern doch aufs engste verbunden war, mit eigenen Augen gesehen, wie der Niedergang der deutschen Landwirtschaft von Jahr zu Jahr schlimmer wurde. Bei uns auf dem Lande im Allgäu waren wir wohl zum größten Teil dem Bayerischen Bauernbund angeschlossen. Ein anderer Teil, die wenigeren, waren bei der Bayerischen Volkspartei und die wenigen Arbeiter, die eben vorhanden waren, in der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei und ein kleinerer Teil in der Kommunistischen Partei.


DR. SERVATIUS: Wir wollen Ihre persönlichen Gründe für Ihren Eintritt hören.


WEGSCHEIDER: Ich habe den Niedergang, wie ich schon betont habe, in meiner eigenen Gemeinde am eigenen Leibe verspürt.


DR. SERVATIUS: Es waren also soziale Gründe?


WEGSCHEIDER: Rein soziale Gründe.


DR. SERVATIUS: Wie war die Einstellung der anderen Politischen Leiter im Allgäu? Hatten diese andere Gründe für den Beitritt, etwa Kampf gegen die Juden oder Gewinnung von Lebensraum?


WEGSCHEIDER: Die Not war in allen Landgemeinden gleich groß, und so dürfte wohl die Einstellung die gleiche gewesen sein.


DR. SERVATIUS: Wie war die Einstellung des Kreisleiters und des Gauleiters?


WEGSCHEIDER: Gauleiter und Kreisleiter waren beide Patrioten und sahen wohl ihre Tätigkeit und ihre Arbeit in der Partei zugunsten und zum Wohle unseres Volkes und unseres Vaterlandes.


DR. SERVATIUS: Herr Zeuge! Im Parteiprogramm waren aber doch auch andere Ziele aufgestellt als rein soziale, so die Lösung der Judenfrage. Wie standen die Politischen Leiter dazu?


WEGSCHEIDER: Nachdem in unserem Kreis Kempten-Land keine jüdischen Geschäfte waren und somit auch keine jüdischen Personen wohnten, war die Frage bei uns nicht brennend und ist kaum in Erwägung gekommen.


DR. SERVATIUS: Gab es nichtjüdischen Viehhandel?


[102] WEGSCHEIDER: Auf dem Lande nicht. Es war nur in der Stadt Kempten eine Großviehhandlung, die Viehhandlung Gebrüder Loew, und dort betätigten sich unsere Bauern hauptsächlich mit Viehkauf und Viehtausch.


DR. SERVATIUS: Wurde dagegen nicht vorgegangen und Stimmung gemacht?


WEGSCHEIDER: Nein, noch lange Zeit nach der Machtübernahme tätigten unsere Bauern dort bei diesem Großviehhandelsgeschäft ihre Einkäufe.


DR. SERVATIUS: Im Parteiprogramm wurde doch auch Siedlungsraum gefordert. Konnte das nur durch Eroberung geschehen? Bekamen Sie Anweisungen, die auf eine Kriegsvorbereitung hingingen?


WEGSCHEIDER: Solche Anweisungen habe ich keine erhalten, und wir auf dem Lande sahen wohl in der Siedlungs- und Raumfrage die Rückgewinnung unserer Kolonien und waren der felsenfesten Meinung und Überzeugung, daß dies wohl auf gütlichem Wege vor sich gehen könnte.


DR. SERVATIUS: Sahen die Politischen Leiter nicht auch, daß große Aufrüstung betrieben wurde?


WEGSCHEIDER: Von einer Aufrüstung konnten wir auf dem Lande wenig bemerken. Lediglich beim Besuch unserer Reichsparteitage...ich weiß das Jahr nicht mehr genau... haben wir gesehen, daß etwas mehr Flugzeuge und etwas mehr Tanks vorhanden waren. Wir kamen da zu der Überzeugung, daß ein Land wie Deutschland und ein Volk wie das deutsche zum inneren Aufbau wohl seine Grenzen beschützen muß und sahen diese Aufrüstung als ein notwendiges Übel.


DR. SERVATIUS: Gab es nicht Ziele, die nur durch Angriffskriege zu erreichen waren, wie die Parole »Los von Versailles« und »Zusammenschluß aller Deutschen«?


WEGSCHEIDER: Auch dieser Punkt des Programms wurde bei uns besprochen, und wir sahen diesen Zusammenschluß aller deutschsprechenden Völker auf dem Gebiete der Volksabstimmung und des Selbstbestimmungsrechts der deutschsprechenden Völker.


DR. SERVATIUS: Gab es nicht bald Mißstimmung und Differenzen mit der Kirche wegen der Haltung der Partei in der Kirchenfrage? Es kam ja zu Angriffen auf die Kirche.


WEGSCHEIDER: Nein, bei uns auf dem Lande nicht, schon ganz besonders deshalb nicht, weil wir keinen Unterschied bei den Parteigenossen, Ortsgruppenleitern und Blockleitern kannten, ob diese katholisch seien oder nicht. Wir sind in die Kirche gegangen, und ganz besonders in meiner Ortsgruppe war ich selbst mit meinen [103] acht Politischen Leitern in dem Kirchenchor tätig. Auch die übrigen Kirchenmusiker und Sänger – es dürften wohl im ganzen ungefähr 30 gewesen sein – waren zum Teil Parteigenossen und Parteigenossinnen oder gehörten einer Gliederung, NS-Frauenschaft, BDM und Hitler-Jugend an, und so wie es in meiner Gemeinde war, so dürfte es auch mehr oder weniger in den anderen Gemeinden gewesen sein.


DR. SERVATIUS: Protestierten nicht die Geistlichen wegen des Vorgehens der Partei in der Judenfrage? Und führte dies nicht zu Streitigkeiten?

WEGSCHEIDER: Wie ich schon erwähnt habe, waren keine Juden bei uns auf dem Lande ansässig. Also folglich wurde diese Angelegenheit bei uns kaum behandelt.


DR. SERVATIUS: Gab es keine Unruhe wegen der Festnahme politischer Gegner und deren Verbringung ins Konzentrationslager?


WEGSCHEIDER: In unserem Kreis Kempten-Land ist mir nicht bekannt, daß irgend jemand ins Konzentrationslager gekommen wäre. Lediglich in meiner Gemeinde, es mag wohl sofort nach der Machtübernahme gewesen sein, wurden zwei Personen nach Dachau eingeliefert. Auf welche Veranlassung und aus welchem Grunde wußte ich nicht, weil ich ja damals nicht Ortsgruppenleiter und auch nicht Bürgermeister war. Ich bin lediglich auf diese Angelegenheit aufmerksam gemacht worden, als im Jahre 1933 eine Frau, die Frau Bär von Rottach bei Kempten, zu mir gekommen ist und mich gebeten hat, ich möchte doch für ihren Mann, der schon einige Monate in Dachau sitzt, ein Gesuch machen, nachdem sie selbst ihren großen Gemüsegarten...


DR. SERVATIUS: Sie brauchen das nicht in Einzelheiten zu erzählen. Sagen Sie, was Sie unternommen haben, was für Auskünfte Sie gegeben haben.


WEGSCHEIDER: Ich habe eine Eingabe gemacht und hörte dann verschiedene Monate nichts mehr.


DR. SERVATIUS: Ist der Mann herausgekommen?


WEGSCHEIDER: Jawohl.


DR. SERVATIUS: Haben Sie mit ihm gesprochen?


WEGSCHEIDER: Jawohl.


DR. SERVATIUS: Und was hat er gesagt?


WEGSCHEIDER: Er hat gesagt: »Es ist mir ganz ordentlich gegangen, die Verpflegung war gut und die Behandlung auch.«


DR. SERVATIUS: War der Kreisleiter und der Gauleiter mit dieser wenig aktiven Einstellung einverstanden, oder verlangte er scharfe Maßnahmen gegen alle, die nicht Parteimitglieder waren oder andere Interessen hatten als die Partei?


[104] WEGSCHEIDER: Gauleiter und Kreisleiter waren beide so eingestellt. Beide haben scharfe Maßnahmen abgelehnt und beide, Gauleiter und Kreisleiter, haben immer bei Tagungen wiederholt uns klargemacht, daß wir durch gutes Beispiel die Liebe und das Vertrauen der Bevölkerung erlangen müßten.


DR. SERVATIUS: Wurden bei Ihnen nicht SA- und SS-Verbände gebildet, damit diese die politischen Gegner terrorisieren könnten?


WEGSCHEIDER: Nein, es gab nur wenige Gruppen von SA-Leuten, die in den Gemeinden draußen vorhanden waren. Sie waren in Stürmen in der Stadt Kempten verankert, soweit sie in der Nähe lagen, und die weit abgelegenen Gemeinden wurden irgendwie, zum Beispiel in Obergünzburg, zu kleinen Stürmen zusammengezogen. Ihre Tätigkeit war rein propagandistisch.


DR. SERVATIUS: Gab es einen Verband der SS?


WEGSCHEIDER: In Kempten existierte ein kleiner SS-Reitersturm. Man kann eigentlich nicht Sturm sagen. Diese Truppe hatte nur ungefähr acht bis zehn Pferde und diente ebenfalls propagandistischen Zwecken.


DR. SERVATIUS: Wurden Sie nicht durch die Parteipresse über weitgehende Forderungen der Partei unterrichtet, so in der Judenfrage durch den »Stürmer« oder in anderen Fragen durch das »Schwarze Korps«? Sie kennen diese beiden Zeitungen?


WEGSCHEIDER: Diese beiden Zeitungen sind in diesem Punkt des Parteiprogramms weit über die Ziele hinausgestoßen. Im Parteiprogramm war nur einzig und allein verlangt, die Juden aus den maßgebenden Stellen herauszuholen und herauszunehmen. Im übrigen wurden diese Blätter auf dem flachen Lande kaum gelesen.


DR. SERVATIUS: Mußten Sie sich nicht sagen, daß eine solche Tätigkeit zum Angriffskriege führen würde und zu Kriegsverbrechen, wie sie heute hier Gegenstand der Anklage sind?


WEGSCHEIDER: Nein. Diese Tätigkeit, die man als Ortsgruppenleiter oder als Blockleiter auf den Landgemeinden, draußen auf dem Lande hatte, war doch so, daß sie kaum zu irgendeiner solchen Vermutung Anlaß geben konnte. Unsere Arbeit war doch rein sozialistisch.


DR. SERVATIUS: Im Kriege sind bezüglich des Lynchens von notgelandeten Fliegern Weisungen gegeben worden. Durch ein Schreiben Bormanns und Goebbels' sind Weisungen gegeben worden über Rundfunk und Presse. Sind Ihnen entsprechende Weisungen von den Kreisleitern bekanntgegeben worden?


WEGSCHEIDER: Solche Weisungen habe ich nie in die Hände bekommen.


[105] DR. SERVATIUS: Sind in Ihrem Bereich Flieger notgelandet und gelyncht worden?


WEGSCHEIDER: Nein.


DR. SERVATIUS: Was ist dann mit ihnen geschehen?


WEGSCHEIDER: Ich hatte selbst Gelegenheit, einen abgesprungenen amerikanischen Flieger, der ungefähr 100 Meter hinter meinem Haus niederging, hereinzuholen. Ich habe denselben hereingeholt, habe ihn verpflegt und schon nach einer kurzen Zeit, ungefähr nach einer Viertelstunde, ist er von der Gendarmerie Kempten per Auto abgeholt worden. Ferner wurden im Monat März 1945 – ich weiß den Tag nicht mehr genau – vier amerikanische Kriegsgefangene, die im Lager Eidrunk bei Kaufbeuren entwichen sind, von einem Landwachtposten, der auf der Brücke, auf der Illerbrücke in Hirschdorf stand, nach 12.00 Uhr aufgefangen und bei mir abgeliefert.


DR. SERVATIUS: War das die allgemeine Auffassung dieser Frage und das praktische Vorgehen in Ihrem Bereich Allgäu?


WEGSCHEIDER: Das war allgemein; denn die Bevölkerung des Allgäus ist doch gut katholisch, und wir alle waren doch der Ansicht, daß solche Kriegsgefangene tatsächlich als Kriegsgefangene behandelt werden müßten.


DR. SERVATIUS: In Ihrer Ortsgruppe und in Ihrem Kreis waren ausländische Arbeiter beschäftigt. Haben Sie Anweisungen über die Behandlung dieser Arbeiter erhalten, die menschenunwürdig waren?


WEGSCHEIDER: Solche Anweisungen habe ich eigentlich nicht erhalten, denn die ganze Einweisung dieser ausländischen Arbeiter – es waren dies ungefähr 60 polnische und ukrainische Zivilarbeiter –, diese Arbeit hatte der Ortsbauernführer durchzuführen, und bei uns war es so, daß in solchen Fragen und solchen Angelegenheiten immer der Bauernführer diese Sachen mit nur durchgesprochen hat.


DR. SERVATIUS: Hatten Sie nicht davon gehört, daß diese Arbeiter im Stall schlafen sollten und dort auch ihr Essen bekommen sollten?


WEGSCHEIDER: Von einer Anweisung, daß diese Arbeiter im Stall schlafen sollten und dort ihr Essen bekommen sollten, ist mir nichts bekannt. Lediglich ist vom Arbeitsamt jedem einzelenen polnischen Arbeiter ein Zettel mitgegeben worden, der dem Bauern auszuhändigen war und auf dem stand, daß diese polnischen Arbeiter nicht am Tisch des Bauern essen sollten und daß sie zu einer gewissen Zeit zu Hause sein müssen. Bei der Rücksprache damals mit dem Bauernführer habe ich zu ihm gesagt, [106] diese Sache ist bei uns im Allgäu bei den Bauern nicht durchzuführen. Wenn der betreffende ausländische Arbeiter sich anständig aufführt und die Arbeit bei den Bauern wie ein deutscher Arbeiter ausführt, so soll er auch die gleichen Rechte eines deutschen Arbeiters genießen.


DR. SERVATIUS: Herr Zeuge! War denn nicht das, was man sonst bei den Bauern über die Partei im Reich erfuhr, so, daß man gern von vielen Punkten abgerückt wäre, insbesondere im Kriege?


WEGSCHEIDER: Nein, das habe ich tatsächlich nicht gemerkt, denn wir glaubten doch auf dem Lande draußen alle an die Friedensliebe des Führers, nachdem wir doch selbst wußten, daß Hitler den ganzen Weltkrieg in all seinen Schrecken selbst mitgemacht hat und waren von dem Friedenswillen, wie es uns immer gesagt worden ist, überzeugt.


DR. SERVATIUS: Sie bestreiten also, daß die Politischen Leiter in Ihrem Bereich sich bewußt an einer Verschwörung zur Terrorisierung der Bevölkerung zwecks Führung eines Angriffskrieges und zur Begehung von Kriegsverbrechen beteiligt haben?


WEGSCHEIDER: Nein, das war nicht der Fall.


DR. SERVATIUS: Wenn heute hier eine Anklage erhoben ist, daß diese Politischen Leiter in Ihrem Bereich verbrecherisch sein sollen, geben Sie das zu?


WEGSCHEIDER: Nein, also das war nicht der Fall.


DR. SERVATIUS: Ich habe keine Frage mehr an diesen Zeugen.

OBERSTLEUTNANT GRIFFITH-JONES: Ich habe zwei Dokumente, über die ich mit Erlaubnis des Gerichtshofs vielleicht einige kurze Fragen stellen möchte. Das erste ist EC-68, US-205, das der Gerichtshof auf Seite 21 seines Dokumentenbuches finden wird.

Zeuge! Ich möchte Sie etwas über die Bauernführer in Ihrem Stabe fragen. Der Bauernführer war doch einer der sogenannten unpolitischen Politischen Leiter. Nicht wahr? Können Sie mich hören?


WEGSCHEIDER: Ich verstehe Sie nicht.


OBERSTLEUTNANT GRIFFITH-JONES: Können Sie mich jetzt hören?


WEGSCHEIDER: Ein wenig besser.


OBERSTLEUTNANT GRIFFITH-JONES: Ich frage Sie nochmals: War der Bauernführer im Stabe des Gauleiters, Kreisleiters und Ortsgruppenleiters einer der sogenannten unpolitischen Politischen Leiter, die angeblich nur sachverständige Berater waren?


WEGSCHEIDER: Ja, der Ortsbauernführer war nur indirekt im Ortsgruppenstab tätig.


[107] OBERSTLEUTNANT GRIFFITH-JONES: Ich möchte Sie bitten, dieses Dokument anzusehen und mir zu erklären, welche Rolle der sogenannte Sachverständige in Verbindung mit der Sklavenarbeit gespielt hat. Sehen Sie das Dokument? Es ist ein Rundschreiben an alle Kreisbauernschaften. Sehen Sie das?


WEGSCHEIDER: Ja.


OBERSTLEUTNANT GRIFFITH-JONES: Und es war doch die Pflicht des Kreisbauernführers, alle Anweisungen, die er hinsichtlich der Fremdarbeiter erhielt, dem Kreisleiter mitzuteilen, nicht wahr?

Zeuge! Seien Sie so freundlich, meine Frage zu beantworten! War es nicht Pflicht des Kreisbauernführers, Anweisungen und Befehle, die sich auf die Fremdarbeiter bezogen, seinem Kreisleiter mitzuteilen?


WEGSCHEIDER: Das glaube ich nicht. Ich glaube, daß es im eigenen Ermessen des Kreisleiters oder beziehungsweise des Kreisbauernführers gelegen war und daß man Dinge, die irgendwie nicht durchführbar waren, nicht bekanntgegeben hat.


OBERSTLEUTNANT GRIFFITH-JONES: Wollen Sie dem Gerichtshof wirklich sagen, daß der Sachverständige, dessen Pflicht es war, den Kreisleiter zu beraten, ihn auf dem laufenden zu halten und ständig alles mit ihm zu besprechen, seinen Kreisleiter niemals auf die Weisungen, die er hinsichtlich der ausländischen Arbeiter erhielt, aufmerksam gemacht habe?

WEGSCHEIDER: Ich muß erwähnen, daß ich immer schlecht höre.


OBERSTLEUTNANT GRIFFITH-JONES: Ich bin aber überzeugt, daß Sie mich deutlich genug hören, um mir zu antworten.


WEGSCHEIDER: Ja, jetzt höre ich besser.


OBERSTLEUTNANT GRIFFITH-JONES: Lassen wir diese Angelegenheit beiseite; wir wollen nur sehen, welche Rolle dieser sogenannte unpolitische Sachverständige selbst spielen sollte. Sehen Sie sich zuerst einmal an:

»Mit Genugtuung haben die Dienststellen des Reichsnährstandes – Landesbauernschaft Baden – das Ergebnis der Verhandlungen beim Höheren SS- und Polizeiführer am 14. 2. 1941 in Stuttgart aufgenommen.«

Haben Sie die Stelle gefunden?

WEGSCHEIDER: Hier?

OBERSTLEUTNANT GRIFFITH-JONES: Haben Sie nun die Stelle, aus der hervorgeht, daß die Dienststellen des Reichsnährstandes, Landesbauernschaft Baden, mit Genugtuung das Ergebnis der Verhandlung beim Höheren SS- und Polizeiführer am 14. Februar 1941 in Stuttgart aufgenommen haben, gefunden?

[108] WEGSCHEIDER: Ja.


OBERSTLEUTNANT GRIFFITH-JONES: Sehen wir uns einmal an, welches Ergebnis die Dienststellen des Reichsnährstandes mit so großer Genugtuung aufgenommen haben. Aus dem Dokument geht hervor, daß die polnischen Arbeiter keine Erlaubnis hatten, sich zu beschweren, sie hatten also nicht das Recht dazu. Die Punkte Nummer 2, 3 und 4 sind weniger wichtig, Punkt Nummer 5: keine wie auch immer geartete Unterhaltung; Nummer 6: kein Besuch von Gaststätten, kein Geschlechtsverkehr, keine Benützung öffentlicher Verkehrsmittel, keine Erlaubnis, die Arbeitsstelle zu wechseln. In keinem Falle wird die Erlaubnis zum Verlassen des Dorfes erteilt, keinesfalls wird ihnen erlaubt, eine Dienststelle eigenmächtig zu besuchen, sei es ein Arbeitsamt oder die Kreisbauernschaft. Warum wurde ihnen der Besuch der Kreisbauernschaft verboten?


WEGSCHEIDER: Ich stelle fest, daß dieses Schreiben aus Karlsruhe ist, also aus einem ganz anderen Gau. Diese Maßnahmen waren bei uns alle nicht befohlen oder nicht in so großem und so starkem Ausmaß. Tatsächlich, jawohl, die ausländischen Arbeiter mußten im Sommer um 9.00 Uhr zu Hause sein, im Winter um 8.00 Uhr...


OBERSTLEUTNANT GRIFFITH-JONES: Das interessiert uns nicht. Wollen Sie behaupten, die Behandlung der Fremdarbeiter sei in Ihrem Gau anders als die Behandlung der Fremdarbeiter in Baden oder Karlsruhe gewesen und die Bauernführer dieser beiden Gaue hätten verschiedenartige Aufgaben durchgeführt?


WEGSCHEIDER: Ja.


OBERSTLEUTNANT GRIFFITH-JONES: Nun gut, wir wollen jetzt einmal genau sehen, was die Bauernführer in Karlsruhe durchgeführt haben.


VORSITZENDER: Oberstleutnant Griffith-Jones! Ist das bereits als Beweismittel vorgelegt worden?


OBERSTLEUTNANT GRIFFITH-JONES: Ja.


[Zum Zeugen gewandt:]


Ich möchte Ihnen nun ein neues Dokument vorlegen. Betrachten Sie bitte das Dokument D-894. Es handelt sich um einen Bericht der Kreisleitung aus dem Kaligrubengebiet vom 23. September 1944 mit dem Betreff: »Fremdvölkische«. Es geht daraus hervor, daß im Kaligrubengebiet auf die polnische Jugend, die von jeher das Streben nach besonderem Zusammenhalt gezeigt habe, ganz besonders aufgepaßt wird.

Der Ortsgruppenleiter Wittelsheim berichtet, daß er 13 junge Polen feststellte, die aus Buggingen sich unerlaubt entfernt [109] hatten und Arztatteste bei sich hatten. Elf dieser Polen ließ er festnehmen und der Gestapo Mühlhausen zur Nachuntersuchung vorführen.

Ich möchte dazu eine Frage an Sie richten: War es eine anerkannte Pflicht der Kreisleiter und Ortsgruppenleiter, polnische Arbeiter der Gestapo auszuliefern, wenn sie es für richtig hielten?

WEGSCHEIDER: Mir ist von solchen Fällen im Kreis Kempten-Land und Kreis Kempten-Stadt nicht das geringste bekannt.

OBERSTLEUTNANT GRIFFITH-JONES: So etwas hat sich in Ihrem Kreis nie zugetragen?


VORSITZENDER: Ist das ein neues Dokument?


OBERSTLEUTNANT GRIFFITH-JONES: Es ist ein neues Dokument und wird die Nummer GB-545 tragen. Ich habe an diesen Zeugen keine weiteren Fragen zu stellen.

Vielleicht kann ich meine Antwort auf die, ich glaube, vom amerikanischen Richter angeschnittene Frage über das Euthanasie-Programm und inwiefern es ein Kriegsverbrechen wurde, noch ergänzen.

Ich verweise den Gerichtshof auf Seite 31 des Dokumentenbuches. Es handelt sich um ein Protest schreiben des Bischofs Wurm an Frick, das dem Gerichtshof bereits bekannt ist.

Aus dem ersten Absatz dieses Schreibens wird der Gerichtshof ersehen, daß diese Aktion nach Aussage des Bischofs auf Befehl des Reichsverteidigungsrates stattgefunden hat. Wenn Sie nunmehr zu Seite 36 des Dokumentenbuches übergehen, werden Sie ein zweites, ebenfalls bereits als Beweismaterial vorgelegtes Schreiben des Bischofs Wurm an Frick finden. Dieses Schreiben stammt vom September, während das erste vom Juli 1940 datiert ist; der Bischof schreibt also im September abermals. In der Mitte des Absatzes steht, wie Sie sehen, folgende Erklärung:

»Wenn die Staatsführung davon überzeugt ist, daß es sich um eine unumgängliche Kriegsmaßnahme handelt, warum gibt sie dann keine Verordnung mit Gesetzeskraft heraus?«

Ich habe keine weiteren Fragen mehr.

GENERALMAJOR I. T. NIKITCHENKO, MITGLIED DES GERICHTSHOFS FÜR DIE SOWJETUNION: Sagen Sie, Zeuge, ist es richtig, daß Sie seit 1933 Mitglied der Nazi-Partei sind?

WEGSCHEIDER: Einen Moment, ich habe die Frage nicht verstanden.


GENERALMAJOR NIKITCHENKO: Ist es richtig, daß Sie seit 1933 Mitglied der Nazi-Partei sind?

WEGSCHEIDER: Von 1933 an, ja.


[110] GENERALMAJOR NIKITCHENKO: Sie waren also in der Nazi-Partei seit 1933?


WEGSCHEIDER: Ja, erst von 1933 an.


GENERALMAJOR NIKITCHENKO: Sind Sie freiwillig oder gezwungen in die Partei eingetreten?


WEGSCHEIDER: Ich bin freiwillig in die Partei eingetreten.


GENERALMAJOR NIKITCHENKO: Waren Sie mit dem Programm der Partei, ihren Aufgaben und Zielen genügend vertraut?


WEGSCHEIDER: Ja, im Laufe der Jahre habe ich mich eben mit den Programmpunkten vertraut gemacht.


GENERALMAJOR NIKITCHENKO: Waren Sie mit dem Parteiprogramm, den Aufgaben und Zielen der Partei vollkommen einverstanden?


WEGSCHEIDER: Ja, man kann sagen, wohl nicht mit allen so hundertprozentig, aber im großen und ganzen haben wir doch hier gesehen, daß Hitler...


GENERALMAJOR NIKITCHENKO: Nun, zu wieviel Prozent waren Sie mit den Zielen und Aufgaben der Partei einverstanden?

WEGSCHEIDER: Ganz besonders dann in dieser Sache, wie sich die Judenfrage nach dem Programm ausgewirkt hat, hat es dann weiter um sich gegriffen und da, wie ich schon früher erwähnt habe, war die Bevölkerung und auch ich selbst nicht mehr so richtig einverstanden.


GENERALMAJOR NIKITCHENKO: Sie waren also nur mit der Judenverfolgung nicht einverstanden, nicht wahr?


WEGSCHEIDER: Ja.


GENERALMAJOR NIKITCHENKO: Und mit allen anderen Fragen waren Sie vollkommen einverstanden?


WEGSCHEIDER: Ja.


GENERALMAJOR NIKITCHENKO: Haben Sie immer noch dieselbe Überzeugung wie früher bezüglich der Ziele und des Programms der Partei?


WEGSCHEIDER: Ja, wenn natürlich nach dem Programm gehandelt worden wäre, so wäre es auch sicherlich nicht zu einem Krieg gekommen. Den Krieg an und für sich, den wir selbst doch als Weltkriegsteilnehmer mitmachten...


GENERALMAJOR NIKITCHENKO: Ich frage nicht, wozu es nicht gekommen wäre. Verstehen Sie meine Frage? Haben Sie jetzt immer noch diese nazistischen Ansichten?


WEGSCHEIDER: Nein.


GENERALMAJOR NIKITCHENKO: Sie leugnen sie demnach ab?


[111] WEGSCHEIDER: Nein.


GENERALMAJOR NIKITCHENKO: Das ist mir unverständlich; Sie halten weder daran fest, noch lehnen Sie diese Ansichten ab.


WEGSCHEIDER: Wie bitte?


GENERALMAJOR NIKITCHENKO: Ich glaube, daß die Frage ziemlich klar und einfach ist. Sind Sie auch weiterhin mit den nazistischen Ansichten einverstanden?


WEGSCHEIDER: Nein, jetzt kann ich es nicht mehr sein.


GENERALMAJOR NIKITCHENKO: Warum nicht?


WEGSCHEIDER: Weil das Vertrauen der Bevölkerung in vielen Beziehungen mißbraucht wurde.


GENERALMAJOR NIKITCHENKO: Halten Sie nun von Ihrem Standpunkt aus das Programm der Nazi-Partei für richtig oder unrichtig? Haben Sie diese Frage verstanden?


WEGSCHEIDER: Nein, ich habe sie nicht verstanden.


GENERALMAJOR NIKITCHENKO: Ich habe Sie gefragt: Halten Sie heute das Programm und die Ansichten der Nazi-Partei für richtig oder für falsch?


WEGSCHEIDER: Nein, nicht mehr.


VORSITZENDER: Zeuge! Man hat Ihnen ein Dokument aus Karlsruhe gezeigt, das sich mit der Auswirkung verschiedener Verordnungen auf die polnischen Landarbeiter befaßt. Sie haben erklärt, daß diese Verordnung in Ihrem Gau nicht in Kraft getreten sei. Sie sagten aber, daß verschiedene Verordnungen in Kraft gewesen seien. In welchem Umfange wurden den ausländischen Arbeitern in Ihrem Gau Beschränkungen auferlegt?


WEGSCHEIDER: Lediglich, wie ich vorhin erwähnt habe, sie mußten im Sommer um 9.00 Uhr abends zu Hause sein, im Winter um 8.00 Uhr. Eine weitere Einschränkung haben sie nicht erfahren, denn ich habe schon als Bürgermeister vom Landrat die Weisung erhalten, dafür zu sorgen, daß innerhalb der Gemeinde ein Gasthaus bestimmt würde, worin die polnischen und ukrainischen Landarbeiter nachmittags sich aufhalten können.

VORSITZENDER: Durften sie Fahrräder haben?


WEGSCHEIDER: Ja, das ist im Allgäu sogar notwendig. Denn ein großer Teil der Wiesen und Äcker lag immer sehr weit von dem Bauernhof entfernt, und da war es dann nicht gut möglich, daß der Bauer mit seinen Knechten mit den Fahrrädern nach dem Felde fuhr und der polnische Arbeiter mußte vielleicht eine Stunde laufen. Der größte Teil der polnischen Arbeiter hatte sich dann...


VORSITZENDER: Das genügt. Sie sagen also, daß die einzige Beschränkung für sie war, zu einer bestimmten Zeit abends zu Hause zu sein?


[112] WEGSCHEIDER: Ja, weil die anderen Sachen oder anderen Bestimmungen eben nicht durchgeführt wurden, denn die polnischen Arbeiter haben in Kammern geschlafen, wo deutsche Arbeiter schliefen. Sie haben am Familientisch teilgenommen und sehr viele Kleidung von den Bauern selbst bekommen, weil sie ja sehr zerrissen und zerlumpt angekommen sind.


VORSITZENDER: Wer entschied darüber, wo sie beschäftigt werden sollten?


WEGSCHEIDER: Die Entscheidung hatte das Arbeitsamt.


VORSITZENDER: Und mit wem stand das Arbeitsamt in Verbindung?


WEGSCHEIDER: Das Arbeitsamt war mit der Kreisbauernschaft und wiederum mit dem Bauernführer in Verbindung.


VORSITZENDER: Das Arbeitsamt war demnach mit Ihnen und dem Bauernführer in Verbindung?


WEGSCHEIDER: Hauptsächlich in dieser Angelegenheit mit dem Bauernführer.


VORSITZENDER: Dann informierte der Bauernführer das Arbeitsamt, wieviel Leute er brauchte. Wurde es so gemacht?


WEGSCHEIDER: Jawohl, so war es.


VORSITZENDER: Wie wurde die Verteilung vorgenommen?


WEGSCHEIDER: Diese Verteilung hatte wiederum der Bauernführer. Die Bauern in der Gemeinde gaben an, wieviel Arbeitskräfte sie brauchten, und immer nach der jeweiligen Zuweisung wurde dann verfahren und so den Bauern die Arbeiter zugeteilt.


VORSITZENDER: Mußte sich der Bauernführer nach den Anordnungen des Kreisleiters oder Ortsgruppenleiters richten?


WEGSCHEIDER: Der Bauernführer unterstand einzig und allein dem Reichsnährstand, also dem Kreisbauernführer.


VORSITZENDER: Wollen Sie also sagen, daß er nicht dem Ortsgruppenleiter unterstand?


WEGSCHEIDER: Nein.


VORSITZENDER: Aber direkt dem Reichsnährstand, nicht wahr?


WEGSCHEIDER: Ja, er unterstand dem Reichsnährstand.


VORSITZENDER: Der Zeuge kann sich zurückziehen.


[Zeuge verläßt den Zeugenstand.]


DR. SERVATIUS: Ich rufe dann als nächsten Zeugen mit Erlaubnis des Gerichts den Dr. Hirth, einen Blockleiter.


[Der Zeuge betritt den Zeugenstand.]


VORSITZENDER: Wollen Sie bitte Ihren vollen Namen angeben?

[113] ZEUGE DR. ERNST HIRTH: Dr. Ernst Hirth.

VORSITZENDER: Wollen Sie mir folgenden Eid nachsprechen: »Ich schwöre bei Gott, dem Allmächtigen und Allwissenden, daß ich die reine Wahrheit sagen, nichts verschweigen und nichts hinzusetzen werde.«


[Der Zeuge spricht die Eidesformel nach.]


VORSITZENDER: Sie können sich setzen.

DR. SERVATIUS: Herr Zeuge! Wann sind Sie geboren?


HIRTH: Am 25. Juni 1896.


DR. SERVATIUS: Sie befinden sich auf freiem Fuß?


HIRTH: Jawohl.


DR. SERVATIUS: Sie sind Landgerichtsrat und waren während des Krieges, von 1942 bis 1945, Kriegs-Blockleiter hier in Nürnberg?


HIRTH: Jawohl.


DR. SERVATIUS: Haben Sie über Ihren Block hinaus Kenntnis über die Stellung und die politische Betätigung von Block- und Zellenleitern?


HIRTH: Ja, ich hatte Fühlung mit einer Reihe anderer Block- und Zellenleiter und bekam auch als Richter dazu noch Einsicht in diese Tätigkeit mancher Block-und Zellenleiter.


DR. SERVATIUS: Herr Zeuge! Wollen Sie auf meine Frage nicht sofort antworten, sondern eine Pause eintreten lassen, damit die Übersetzung erfolgen kann!

Wurden Sie durch die Übernahme des Amtes als Blockleiter im Kriege ein Politischer Leiter?


HIRTH: Das bin ich niemals geworden.


DR. SERVATIUS: Sie müssen warten, solange das rote Licht brennt.


HIRTH: Nein, das bin ich niemals geworden. Wir wurden nur mit den Arbeiten betraut, die mit diesem Amt zusammenhingen.


DR. SERVATIUS: Gab es viele solche Block- und Zellenleiter im Kriege, die keine Politischen Leiter waren?


HIRTH: Die Mehrzahl dieser Block- und Zellenleiter, die während des Krieges beauftragt wurden, waren nicht Politische Leiter, denn sie wurden nicht vom Kreisleiter ernannt oder bestätigt, bekamen keinerlei Ausweis und hatten kein Uniformrecht.


DR. SERVATIUS: Übernahmen die Block- und Zellenleiter ihr Amt freiwillig?


HIRTH: Die überwiegende Mehrzahl der Block- und Zellenleiter übernahm während des Krieges ihr Amt nicht freiwillig.


DR. SERVATIUS: Wie war es im Frieden?


[114] HIRTH: Im Frieden wird wohl der größere Teil der Block- und Zellenleiter diese Tätigkeit freiwillig übernommen haben.


DR. SERVATIUS: War nicht jedes Parteimitglied verpflichtet, ein solches Amt anzunehmen, und verstehen Sie darunter den Ausdruck, daß sie nicht freiwillig kamen?


HIRTH: An sich war jedes Parteimitglied verpflichtet, in der Partei oder für die Partei zu arbeiten; aber im Frieden konnte man es sehr wohl fertig bringen, sich von der Übernahme eines Amtes fernzuhalten. Das war aber im Kriege in den allermeisten Fällen unmöglich. Eine Reihe von Block- und Zellenleitern war zur Wehrmacht eingerückt. Der Ortsgruppenleiter befahl dem einzelnen Parteigenossen, der noch verschont geblieben war, die Übernahme dieses oder jenes Amtes. Man konnte da ohne entsprechende Konsequenzen nicht ausweichen.


DR. SERVATIUS: Warum lehnten die Parteimitglieder die Übernahme solcher Ämter häufig ab?


HIRTH: Ja, eine solche Tätigkeit die verursachte zusätzlich vielfach erhebliche Arbeit, und während des Krieges war jeder arbeits- und einsatzfähige Mann auch hauptberuflich schon zusätzlich sehr stark belastet.


DR. SERVATIUS: Waren es nicht auch politische Gründe, die zur Ablehnung führten?


HIRTH: Ja, ein großer Teil der Leute, welchen die Übernahme eines solchen Amtes zugemutet wurde, die waren eben mit verschiedenen Maßnahmen und Praktiken der Partei, besonders während des Krieges, immer weniger einverstanden.


DR. SERVATIUS: Was war die Aufgabe der Politischen Leiter?


HIRTH: Die Aufgaben der Kriegs-Block- und -Zellenleiter waren in erster Linie und überwiegend rein sozialer Natur. Neben Kassierdiensten, Botengängen war es in erster Linie Aufgabe der Blockleiter, die Bevölkerung in den wachsenden Kriegsnöten zu betreuen, Luftschutzmaßnahmen durchzuführen, zu überwachen, Sammlungen für Bedürfnisse der Wehrmacht durchzuführen und ähnliche der Allgemeinheit dienende Verrichtungen.


DR. SERVATIUS: Entsprach das Ihnen übertragene Amt Ihrer Stellung als Richter?

HIRTH: Keineswegs. Ich habe diese Arbeit als teils entwürdigende Zumutung empfunden, denn diese Botengänge, Kassierdienste, schematische Führung einer Kartei und ähnliches entsprach ja schließlich in keiner Weise meiner Vorbildung und meinem Beruf.


DR. SERVATIUS: Wenn Sie als politischer Führer eingesetzt worden wären, dann hätten Sie wohl einen höheren Posten bekommen müssen?


[115] HIRTH: Das muß ich wohl annehmen, aber ich hatte ja als Kriegs- Blockleiter mit politischer Tätigkeit nichts zu tun.


DR. SERVATIUS: Es handelte sich also nur darum, daß die praktische Arbeit getan wurde?


HIRTH: Wir Kriegs-Block- und -Zellenleiter haben rein praktische Arbeit verrichtet, eben als Helfer in der Ortsgruppe.


DR. SERVATIUS: Aus welchen Bevölkerungskreisen setzten sich die Block- und Zellenleiter zusammen?


HIRTH: Die Block- und Zellenleiter wurden überwiegend...


DR. SERVATIUS: Herr Zeuge! Sie müssen pausieren!


HIRTH:... aus einfachen Bevölkerungskreisen, Arbeiterkreisen, Handwerkerberufen und sonstigen kleineren Angestellten und so weiter entnommen.


DR. SERVATIUS: Was war der Gesichtspunkt, nach dem man diese Leute auswählte?


HIRTH: Man suchte schon durchwegs charakterlich anständige und zuverlässige Leute, da ja auch Kassiergeschäfte, Geldgeschäfte dabei zu verrichten waren, und die Ehrlichkeit der betreffenden Personen zweifelsfrei sein mußte.


DR. SERVATIUS: Hatten die Block- und Zellenleiter nicht einen Stab zur Verfügung, der die Bedeutung ihres Amtes als Hoheitsträger unterstrich?

Die gelbe Lampe bedeutet, daß Sie eine Pause machen müssen.


HIRTH: Von einem solchen Stab ist mir nichts bekannt. Ich weiß zwar aus Gesprächen mit anderen Block- und Zellenleitern aus früheren Jahren, daß es für große Blöcke Blockhelfer gegeben hat. Ich selbst hatte in meinem Block keinen solchen, dagegen pro Haus einen sogenannten Hauswart.


DR. SERVATIUS: Wie war es mit dem Titel »Hoheitsträger«? Was hatte das für einen Inhalt?


HIRTH: Ein Block- oder Zellenleiter hat sich jeden falls nicht als Hoheitsträger gefühlt, denn er hatte ja keinerlei politische Führungs- oder Anweisungsbefugnis. Hoheitsträger begann nach unserer Meinung beim Ortsgruppenleiter.


DR. SERVATIUS: Es fanden Besprechungen bei den Ortsgruppenleitern statt. Erhielten die Blockleiter hier Aufträge, die auf Bekämpfung der politischen Gegner gerichtet waren?


HIRTH: Bei solchen sogenannten Sprechabenden wurde niemals ein derartiger Auftrag zur Bekämpfung oder Aushorchung oder Bespitzelung politischer Gegner an Block- oder Zellenleiter erteilt.


[116] DR. SERVATIUS: Sie haben ja nun als Richter und auch aus Ihrem Unmut, das Amt zu übernehmen, besonders kritisch diese Dinge betrachtet. Ist das richtig?


HIRTH: Das kann ich von mir behaupten.


DR. SERVATIUS: Wie stand es dann um die Bespitzelung der Bevölkerung, damit diese in Konzentrationslager gebracht werden konnte. Haben Sie da Anweisungen bekommen?


HIRTH: Es wurde niemals eine solche Anweisung erteilt. Es konnte meines Erachtens aber auch ein Block- und Zellenleiter gar nicht ernsthaft...

DR. SERVATIUS: Herr Zeuge, Sie müssen eine größere Pause machen! Die Dolmetscher sind sonst nicht in der Lage zu folgen.


HIRTH: Ja. Ich darf wiederholen. Eine solche Anweisung wurde uns nicht erteilt. Es konnte meines Erachtens ein Block- oder Zellenleiter aber auch von sich aus nicht auf den Gedanken kommen, die Bevölkerung oder einzelne Blockeinwohner zu bespitzeln, etwa zum Zwecke der Denunziation, denn damit wäre seine ganze Stellung im Block oder in der Zelle, die ein Vertrauensverhältnis zur Bevölkerung voraussetzte und bedingte, sofort unmöglich gewesen.


DR. SERVATIUS: In dem Organisationsbuch der NSDAP ist aber gesagt, daß die Verbreiter schädigender Gerüchte von den Blockleitern der Ortsgruppe zu melden seien, damit die zuständigen Stellen benachrichtigt werden könnten. Wurde nicht nach diesem Buch gehandelt.


HIRTH: Das Organisationsbuch der NSDAP war sowohl mir selbst früher unbekannt als auch den übrigen Block- und Zellenleitern.


VORSITZENDER: Dr. Servatius! Sie wissen doch, daß der Gerichtshof eine sehr umfangreiche Zusammenfassung der Aussagen dieses Zeugen vor der Kommission erhalten hat. Außer den tatsächlichen Zeugenaussagen besitzen wir eine Zusammenfassung, die aus sechs Folioseiten besteht. Der Gerichtshof hält es daher für richtig, wenn Sie die Aussagen so kurz wie möglich zusammenfaßten, da wir die Möglichkeit haben, den Zeugen zu sehen und uns selbst eine Meinung darüber bilden können, inwieweit man ihm Glauben schenken kann.


DR. SERVATIUS: Das Verhör wird nicht sehr lang.


[Zum Zeugen gewandt:]


Wurde nicht von den Blockleitern eine Haushaltskartei geführt, in der politisch Verdächtige aufgenommen wurden?

HIRTH: Es wurde nur eine allgemeine Einwohnerkartei geführt; eine Rubrik für etwa politisch besonders Verdächtige ist mir völlig unbekannt.

[117] DR. SERVATIUS: Hatten nicht die Blockleiter polizeiliche Befugnisse?


HIRTH: In gar keiner Weise.


DR. SERVATIUS: Aus welchen Gründen waren die Politischen Leiter im allgemeinen der Partei beigetreten?


HIRTH: Ja, bei der Machtübernahme der NSDAP bestand in Deutschland eine weitverbreitete Arbeitslosigkeit, die erst im Laufe der Jahre völlig behoben werden konnte. Es gab für den einzelnen aber auch andere soziale Notstände, und die meisten Block- und Zellenleiter, mit denen ich in Fühlungnahme stand, die erhofften sich nun eben vom Parteibeitritt eine allgemeine Unterstützung in den Bestrebungen zur Behebung der deutschen Notlage.


DR. SERVATIUS: Herr Zeuge! Nun sind tatsächlich Kriege geführt worden, die nach Behauptung der Anklage »Angriffskriege« waren. Die Verfolgung der Juden ist bekannt. Die Gewerkschaften wurden aufgelöst. Mußten nicht die Block- und Zellenleiter diese Vorgänge als Ziel der Partei erkennen, das schon im Parteiprogramm und im Buch »Mein Kampf« festgelegt war?


HIRTH: Ich halte das für möglich. Ich selbst stand ja der ganzen Sache kritischer gegenüber wie viele andere. Aber sowohl das Parteiprogramm wie die daneben herlaufende außerordentlich starke Propaganda in der Presse, im Radio, konnten das deutsche Volk nicht erkennen lassen, welche wirklichen Ziele und Absichten Hitler mit der Anstrebung der Machtübernahme in Wirklichkeit verfolgte.


DR. SERVATIUS: Waren die Dinge, die heute als verbrecherisch unter Anklage stehen, nicht so offenkundig und allgemein bekannt, daß jeder Block- und Zellenleiter sie kennen mußte?


HIRTH: Die Block- und Zellenleiter erfuhren in ihrer Eigenschaft als solche nicht mehr, als jeder einfache deutsche Volksgenosse oder Parteigenosse aus Führerreden, aus Presseveröffentlichungen oder Radioberichten ebenfalls entnehmen konnte.


DR. SERVATIUS: Sie haben nun eine Reihe Fehler gesehen und sie abgelehnt. Sie haben die Praxis der Partei gesehen; warum sind Sie in Ihrem Amt verblieben?


HIRTH: Ich persönlich konnte als Beamter damals weder eine Ablehnung der Übernahme des Amtes noch später eine Niederlegung des Amtes ernsthaft in Betracht ziehen. Das hätte, wie genügend Beispiele bereits gezeigt hatten, für mich den Verlust meiner Berufsstellung, die Vernichtung meiner Existenz, möglicherweise noch Schlimmeres bedeutet.


DR. SERVATIUS: Ich habe keine Fragen mehr an diesen Zeugen.


VORSITZENDER: Der Gerichtshof vertagt sich nunmehr.


[Das Gericht vertagt sich bis 14.00 Uhr.]


Quelle:
Der Prozeß gegen die Hauptkriegsverbrecher vor dem Internationalen Gerichtshof Nürnberg. Nürnberg 1947, Bd. 20, S. 86-119.
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