Nachmittagssitzung.

[232] GENERAL RUDENKO: Angeklagter Fritzsche! Man wird Urnen gleich Auszüge Ihrer Rede vom 5. Juli 1941 vorlegen. Diese Rede betrifft den Widerstand, den die deutsch-faschistischen Truppen antrafen, als sie in das USSR-Gebiet eindrangen.


[Zum Vorsitzenden gewandt:]


Herr Vorsitzender! Es ist das Dokument Nummer 3064-PS, das bereits von der Verteidigung vorgelegt wurde.


[Zum Zeugen gewandt:]


Bitte sehen Sie sich den letzten Absatz, den Absatz 7, an. Ich beabsichtige nicht, ihn zu verlesen.

FRITZSCHE: Ich habe Kenntnis genommen.

GENERAL RUDENKO: Sehr gut. Geben Sie zu, daß Sie genau so gesprochen haben?


FRITZSCHE: Jawohl, ich gebe das zu und betone, ohne ihn zu zitieren, den Zusammenhang, in dem es gesagt wurde.


GENERAL RUDENKO: Sehr wohl, ich will Sie nur folgendes fragen: Sind es nicht Ausdrücke einer menschenfeindlichen Theorie, wenn Sie in Ihren Reden das polnische und das Sowjetvolk beleidigen, indem Sie es als »Untermenschen« bezeichnen?


FRITZSCHE: Ich stelle fest, Herr Ankläger, daß ich niemals das russische Volk, niemals das polnische Volk als Volk von Untermenschen bezeichnet habe.


GENERAL RUDENKO: Schön. Ich habe keine Absicht, mit Ihnen zu streiten; die Dokumente sprechen ja für sich.

Ich will nochmals auf die Aussagen von Hans Voß zurückkommen. Es ist das Dokument USSR-471. Es wurde bereits vorgelegt. Sehen Sie sich den Auszug Nummer 2 an, die Stelle ist unterstrichen. Ich werde diesen kurzen Auszug zitieren. Ich verlese:

»...und er verstand es, auf das deutsche Bewußtsein einzuwirken, indem er die Deutschen zu überzeugen versuchte, daß gerade sie – Deutsche – die höhere Rasse seien und darum andere Völker als ihre Sklaven führen müssen.«

Entspricht dies den Tatsachen?

FRITZSCHE: Nein, es entspricht nicht der Wirklichkeit, sondern es widerspricht ihr in allen Punkten.

GENERAL RUDENKO: Es widerspricht Ihrer Behauptung, nicht wahr? Gut. Ich will Ihnen nun folgende Frage stellen:

Ist Ihnen der Name des Generalleutnants Rainer Stahel bekannt, des früheren Kommandeurs der Stadt Warschau?


[232] FRITZSCHE: Ich kenne den Namen nicht.


GENERAL RUDENKO: Sie kennen ihn nicht? Schön. Es wird Ihnen jetzt ein Dokument vorgelegt.


[Zum Gerichtshof gewandt:]


Herr Vorsitzender! Es ist das Dokument USSR-473, die Aussagen von Rainer Stahel vom 15. September 1941. Ich verlese den ersten Auszug; diese Stelle ist in Ihrem Exemplar unterstrichen.

Ich verlese:

»Goebbels und Fritzsche haben alle Maßnahmen getroffen, um die Rassentheorie unter den Deutschen zu popularisieren und sie darin zu überzeugen, daß die Deutschen eine Herrenrasse seien und daß die anderen Völker als minderwertige der deutschen ›Herrenrasse‹ unterstellt werden müssen. Um die Deutschen darin zu überzeugen und sie zu zwingen an diese Theorie zu glauben, hat das von Goebbels und Fritzsche geführte Propagandaministerium vor und während des Krieges eine ganze Reihe Filme gedreht, zahlreiche Bücher, Broschüren, Zeitschriften und andere Literatur herausgegeben, in der die Verfasser die ›Über legenheit‹ der Deutschen den anderen Nationen gegenüber zu beweisen versuchten.

Es ist zu erwähnen, daß infolge einer aktiven Tätigkeit von Goebbels und Fritzsche die Rassentheorie im Bewußtsein eines erheblichen Teiles des deutschen Volkes sich festgesetzt hat. Dies trug dazu bei, daß im Laufe des Krieges die deutschen Soldaten und Offiziere, die sich die Belehrungen der Führer der deutschen Propaganda angeeignet hatten, die Bestialitäten an der friedlichen Bevölkerung verübten.«

Sagen Sie mir, hat Rainer Stahel eine richtige Darstellung Ihrer Rolle in der Propaganda der Rassentheorie gegeben?

FRITZSCHE: Nein. Ich füge hinzu die Feststellung:

Das Niveau dieser Aussage ist noch tiefer als das Niveau der anderen mir vorgelegten Bekundungen, und ich würde es begrüßen, wenn einer derer, deren Aussage hier in dieser Form niedergelegt wurde, nur einer hier erscheinen könnte, um einmal etwas von den Unterlagen anzudeuten, auf denen diese Behauptungen aufgebaut sind.


GENERAL RUDENKO: Ich nehme an, daß Sie im Laufe der sechsmonatigen Dauer dieses Prozesses genügend Zeugenaussagen in diesem Saal gehört haben. Gut, wollen wir weitergehen.


FRITZSCHE: Nein, ich muß hierzu folgendes bemerken:

Ich habe keine Zeugenaussagen über den Gegenstand gehört, der hier zur Sprache steht.


[233] GENERAL RUDENKO: Ich hoffe, Sie werden sich an die Aussagen des Zeugen Höß über die Vernichtung von Millionen von Menschen erinnern?


[Keine Antwort.]


GENERAL RUDENKO: Ich sage, Sie werden sich wohl der Aussage von Höß, des Kommandanten des Lagers Auschwitz, über die Vernichtung von Millionen von Menschen erinnern?

FRITZSCHE: Ich habe diese Aussagen nicht vergessen, ich habe sie nicht eine Minute aus dem Gedächtnis verloren.


GENERAL RUDENKO: Sehr wohl. Ich wollte Sie bloß daran erinnern. Ich will in diesem Zusammenhang keine Fragen stellen.

Ich gehe jetzt zu den Fragen über, die sich mit der Propaganda im Zusammenhang mit der Vorbereitung zu Angriffskriegen befassen.

Um das Verhör nicht zu verlängern, werde ich Ihre eigenen Aussagen vom 12. September 1945 zitieren. Diese liegen dem Gericht als USSR-474 bereits vor. Bitte, sehen Sie sich den Auszug Nummer 2 an; die Stelle ist angemerkt.


FRITZSCHE: Ich widerspreche auch der Verlesung dieses Zitates genau so, wie ich widersprochen habe der Vorlage der gesamten Vernehmungsniederschrift unter Berufung auf das, was ich vor wenigen Stunden ausgesagt habe über die Entstehung dieses Protokolls.


GENERAL RUDENKO: Sie haben diese Erklärungen bereits vor dem Gerichtshof gemacht, und der Gerichtshof wird sie zu würdigen wissen.

Dieses Dokument ist jedoch vorgelegt worden und ich will diesen Teil zitieren. Bitte folgen Sie dem Text. Auszug Nummer 2; ich verlese:

»Um diese aggressive Aktion zu rechtfertigen, hat mich Goebbels zu sich befohlen und die Anweisung gegeben, gegen Österreich eine feindlich gesinnte Kampagne einzuleiten. Unter anderem hat er mir aufgetragen, aus der Archive alte Akten, die irgendwie die Österreichische Regierung belasten, zu entnehmen und in der Presse zu veröffentlichen. Dabei unterstrich Goebbels, daß die zur Veröffentlichung bestimmten Stoffe in erster Linie darüber zeugen sollen, daß das österreichische Volk sich zu Deutschland anschließen wolle und daß die sich auf Deutschland orientierenden Österreicher von der Österreichischen Regierung verfolgt würden.

Darüber hinaus erklärte Goebbels, daß die deut sche Presse zu zeigen habe, daß die in Österreich ansässigen Deutschen von der Österreichischen Regierung systematisch verfolgt [234] werden und daß gegen sie sogar Massenrepressalien vorgenommen werden.«

Und ferner zitiere ich:

»Als Deutschland die Tschechoslowakei, Belgien, Dänemark, Polen, Norwegen und Balkanstaaten besetzte, habe ich auf die Anweisung Goebbels ebenfalls ähnliche verleumderische Aktionen aufgezogen.«


VORSITZENDER: General Rudenko! Es wäre sicher besser, ihn jeweils mit Bezug auf einen Absatz zu fragen, ob er das tatsächlich gesagt hat, anstatt ihm das ganze Dokument auf einmal vorzulesen.

GENERAL RUDENKO: Herr Vorsitzender! Ich habe nur noch einen Absatz, und ich wollte eigentlich diesen verlesen und ihm dann eine Frage stellen.


VORSITZENDER: Dagegen habe ich keine Einwendung. Ich meine nur, es wäre besser, ihm immer nur einen Absatz vorzulesen und ihn dann zu befragen, statt ihn auf einmal über drei oder vier Absätze zu befragen.


GENERAL RUDENKO: Sehr wohl, Herr Vorsitzender, ich werde so verfahren.


[Zum Zeugen gewandt:]


Ich frage Sie jetzt, Angeklagter Fritzsche:

Geben Sie den Inhalt des Absatzes über den Anschluß, den ich soeben verlesen habe, zu?

FRITZSCHE: Nein, ich muß betonen, das ist nicht das, was ich ausgesagt habe; sondern dieser Abschnitt enthält die Gedanken, die sich der vernehmende russische Offizier über meine Aussage machte, und die Formulierung wurde mir fertig vorgelegt zum Zwecke der Unterschrift.

VORSITZENDER: Einen Augenblick. Was streiten Sie darin ab? Nehmen wir den ersten Absatz.


FRITZSCHE: Herr Vorsitzender! Ich streite alles ab. Es sind insbesondere die Ausdrücke, die dort verwendet werden, die ich niemals von mir aus gebraucht habe. Ich habe in meinen Vernehmungen in Moskau ganz genau dasselbe erklärt, was ich hier in diesem Prozeß gestern und vorgestern und heute ausgesagt habe oder auch in meinem Affidavit niedergelegt habe.


VORSITZENDER: Nehmen wir den ersten Absatz. Der erste Absatz ist Ihnen soeben vorgelesen worden.

»Um diese aggressive Aktion zu rechtfertigen...«

Hat man Sie darüber befragt und haben Sie eine Antwort darauf gegeben?


FRITZSCHE: Jawohl. In sehr vielen spät nachts abgehaltenen Vernehmungen bin ich auch solche Fragen gefragt worden, und ich [235] habe auf diesen, in dieser hier niedergelegten Frage zusammengezogenen Komplex folgendes geantwortet:

Ich wurde, das Datum ist mir augenblicklich nicht gegenwärtig, im Augenblick der Österreich-Aktion zu Dr. Goebbels bestellt. Dr. Goebbels erklärte mir, daß die Österreichische Regierung Schuschnigg die und die Pläne habe – sie sind ja hier genug erörtert worden –, daß eine Regierungskrise eingetreten sei, daß Seyß-Inquart die Regierung übernommen habe, daß ein Hilferuf aus Österreich gekommen sei und daß nunmehr der Einmarsch stattfinden werde.


VORSITZENDER: Erzählen Sie uns jetzt das, was Sie dem vernehmenden russischen Offizier gesagt haben, oder sagen Sie uns jetzt, was sich in Deutschland zur Zeit des Anschlusses tatsächlich ereignet hat?


FRITZSCHE: Ich erzähle das, was ich dem vernehmenden russischen Offizier gesagt habe, und das ist genau das, was sich an dem fraglichen Tage im Propagandaministerium abspielte.


VORSITZENDER: Sie behaupten also, daß dieser erste Absatz vollständig erfunden ist?


FRITZSCHE: Nein, ich möchte den Ausdruck »erfunden« nicht gebrauchen. Ich möchte sagen, ich bitte um die Erlaubnis dazu, welche Elemente in diesem Absatz richtig sind.

Es ist erstens das Element: Eine feindlich gesinnte Kampagne gegen die Regierung Schuschnigg; die wurde tatsächlich in der deutschen Presse entfacht, ob im Augenblick seines Rücktritts oder kurz vorher, das kann ich im Augenblick aus dem Gedächtnis nicht sagen.

Weiter stimmt auch das Element in diesem Absatz, daß die Verfolgungen deutschgesinnter Elemente unter der Regierung Schuschnigg möglichst an Einzelfällen dargestellt werden sollten.

Das sind die Elemente, die zutreffen.


GENERAL RUDENKO: Damit bestätigen Sie aber das, was ich soeben zitiert habe.


FRITZSCHE: Nein, nein, Herr Ankläger, es ist ein wesentlicher Unterschied.


GENERAL RUDENKO: Von Ihrem Standpunkt aus betrachtet.

Ich glaube jedoch, daß Sie nicht abstreiten werden, Propaganda gegen die Österreichische Regierung gemacht zu haben. Das ist der Hauptsinn dieser Frage.

FRITZSCHE: Auch das muß ich abstreiten. Diese Propaganda habe ich nicht durchgeführt, sondern mein Vorgänger als Leiter der Abteilung »Deutsche Presse«.


[236] GENERAL RUDENKO: Also sollte ich Sie richtig verstanden haben, streiten Sie Ihre Teilnahme an dieser Propaganda ab, jedoch nicht die Tatsache, daß so eine Propaganda gemacht wurde?


FRITZSCHE: Sie haben mich richtig verstanden, dann, wenn Sie unter »Propaganda« in diesem Falle eine Aufzählung der gegen das gesamtdeutsche Interesse gerichteten Maßnahmen der Regierung Schuschnigg verstehen.


GENERAL RUDENKO: Ich will noch einen anderen Absatz aus Ihrer Aussage zitieren, wo folgendes gesagt wird:

»Als Deutschland die Tschechoslowakei, Belgien, Dänemark, Polen, Norwegen und Balkanstaaten besetzte, habe ich auf die Anweisung Goebbels ebenfalls ähnliche verleumderische Aktionen aufgezogen.

In jedem solchen Fall suchte ich irgendwelche alte Archivakten auf, die die Regierungen dieser Länder gegenüber Deutschland belasten, versah diese Akten mit meinen Kommentaren und versuchte auf diese Weise die oder jene deutsche aggressive Aktionen zu rechtfertigen.«

Streiten Sie das auch ab?

FRITZSCHE: Jawohl, in dieser Form auch.

GENERAL RUDENKO: Aber Sie, werden doch wohl nicht abstreiten, daß Propaganda gegen alle diese in Ihrer Aussage aufgezählten Länder geführt wurde, und zwar eine Angriffspropaganda?


FRITZSCHE: Den letzteren Zusatz, den bestreite ich. Die Propaganda gebe ich zu, und ich habe die einzelnen Aktionen und meine Teilnahme an ihnen in meinem Affidavit 3469-PS auf das eingehendste geschildert.


GENERAL RUDENKO: Gut. Ich habe keine Absicht, Sie weiter darüber zu befragen, denn das ist ja in Ihrer Erklärung vom 7. Januar 1946 genügend beleuchtet worden, das heißt in einer Reihe von Punkten des Dokuments 3469-PS, das sich im wesentlichen nicht im Widerspruch mit Ihren mündlichen Ausführungen befindet. Ist das richtig?


FRITZSCHE: Ich sehe einen erheblichen Widerspruch. Aber dieses Affidavit 3469-PS stimmt vollkommen.


GENERAL RUDENKO: Sehr gut. Ich will ergänzend die Aussagen von Ferdinand Schörner verlesen. Es ist ein von mir bereits vorgelegtes Dokument, USSR- 472. Es handelt sich um den Auszug Nummer 3. Schörner sagt folgendes aus:

»Die politische Tätigkeit Fritzsches als amtlicher Rundfunkkommentator war ebenso wie die Tätigkeit des Kriegsberichterstatters, General Dittmar, die Hauptaufgabe des Nationalsozialismus, der Entfesselung des Weltkrieges gegen [237] die demokratischen Völker und dem Beitrag mit allen Mitteln an dem Siege der deutschen Waffen, unterstellt.

Die Hauptmethode Fritzsches, die er im Laufe von mehreren Jahren seiner Tätigkeit verwandte, bestand, wie es mir später klar wurde, im bewußten Betrug des deutschen Volkes. Ich erwähne das darum, weil wir Soldaten in der letzten Zeit besonders tief diesen Betrug fühlten, da uns trotz dem falschen Jammern Fritzsches das tatsächliche Kraftverhältnis an der Front und die tatsächliche Lage bekannt waren.

Die Hauptschuld solcher Leute wie Fritzsche besteht darin, daß sie die wahre Lage der Dinge kannten, aber abgesehen davon, aus den verbrecherischen Bestrebungen der Hitler-Regierung ausgehend, dem Volke bewußt Lügen beibrachten oder nach dem deutschen Sprichwort ›Sand in die Augen streuten‹.«

Sagen Sie mir, Angeklagter Fritzsche, entspricht diese Charakterisierung der deutschen Propaganda der Wahrheit?

FRITZSCHE: Das ist ein kompletter Unsinn. Einen Teil dieser Sache kann ich sogar zufällig nachweisen. Hier sagt Herr Schörner, daß auch die Tätigkeit des Kriegsberichterstatters, General Dittmar, in der Entfesselung von Angriffskriegen bestanden hätte. General Dittmar hat zum erstenmal im Rundfunk gesprochen im Winter 1942/1943. Das ist das eine.

Das zweite ist folgendes: Ich habe Herrn Schörner nie gesehen, ich kenne ihn nicht, ich habe nicht mit ihm gesprochen. Ich würde mich wundern, wenn er ein Urteil darüber haben könnte, ob ich bewußt oder unbewußt irgendwo irgend etwas Falsches gesagt habe. Aber – und das muß ich hinzufügen –, in den letzten Tagen in Berlin wurde mir indirekt, und zwar durch den Staatssekretär Dr. Naumann, eine Mitteilung des Generalfeldmarschalls Schörner zugeleitet mit dem Anheimstellen, sie zu verwerten. Es war die Mitteilung, er stehe in Böhmen mit einer intakten Armee. Er könne, wenn er wolle, auf unbegrenzte Zeit dieses Territorium halten. Wir sollten in Berlin nur Mut haben; er könne uns sogar zu Hilfe kommen. – Ich weiß nicht, ob diese Äußerung wirklich von Schörner getan ist, aber ich meine, es würde sich lohnen, den Generalfeldmarschall Schörner als Zeugen hierher zu holen, um ihn zu fragen nach der Unterlage seiner Beurteilung.


GENERAL RUDENKO: Die Tatsache, daß Sie Ferdinand Schörner nicht kennen, genügt nicht zur Widerlegung dieser Aussage, denn Sie haben ja selbst vor diesem Gerichtshof bestätigt, daß viele Leute Sie als amtlichen Vertreter der Regierung kannten; aber natürlich konnten Sie nicht jeden kennen. Ist das richtig?


[238] FRITZSCHE: Gestatten Sie, Herr Anklagevertreter, daß ich Sie da auf eine Unlogik aufmerksam mache. Wer mich nicht kannte, kann sehr wohl urteilen darüber, was ich sagte. Aber er vermag kein Urteil zu fällen darüber, ob ich das im guten Glauben oder im bösen Glauben sagte. Sie kennen den Unterschied selbst sicher auch.


GENERAL RUDENKO: Sie sprechen wiederum von Ihrer persönlichen Teilnahme. Aber den lügnerischen Charakter der deutschen Propaganda bestreiten Sie nicht?


FRITZSCHE: Auf diese Formulierung vermag ich wiederum nicht mit Ja zu antworten. Herr Anklagevertreter, ich habe Ihnen heute morgen eine Basis gegeben für Fragen, die mir gestellt werden können, indem ich meinen Beitrag leistete für eine geschichtliche Klarstellung, indem ich darzustellen versuchte, wo war reiner Idealismus, und wo waren falsche Voraussetzungen; diese Dinge gehen jetzt durcheinander.


GENERAL RUDENKO: Ich stelle meine Fragen nicht auf der Basis, die Sie mir, wie Sie behaupten, gegeben haben, sondern auf Grund der Dokumente, die der Anklage zur Verfügung stehen.

Wollen wir weitergehen: Kannten Sie die Dokumente über die Durchführung der Aktion »Grün« gegen die Tschechoslowakei, die Dokumente über den Angriff auf Polen und auf Jugoslawien sowie die Propagandamaßnahmen, die damit zusammenhingen?


FRITZSCHE: Die Unterlagen über den Fall »Grün« und so weiter habe ich hier zum erstenmal gehört. Aber da Sie das nun wieder mit Propagandamaßnahmen verbinden, fällt es mir natürlich schwer, das, beides auseinanderzuhalten. Vielleicht ist Ihnen gedient mit der Erklärung, weder im Falle Tschechoslowakei noch im Falle Polen, noch in irgendeinem anderen Falle wußte ich früher von den deutschen Angriffen als eine Stunde oder anderthalb Stunden, bevor sie der deutschen Öffentlichkeit mitgeteilt wurden.


GENERAL RUDENKO: Also eine Stunde oder anderthalb Stunden sagen Sie? Gut!


FRITZSCHE: Auf eine oder anderthalb Stunden will ich mich nicht festlegen. Ich erinnere mich, daß ich im Falle Rußland vielleicht fünf bis sechs Stunden vorher von Dr. Goebbels unterrichtet wurde.


GENERAL RUDENKO: Gut. Das Dokument USSR- 493, das Ihnen jetzt vorgelegt wird, stellt Ihre Rundfunkrede über den Überfall auf Polen dar. Diese Rede wurde am 29. August gehalten.

Sie war schon im voraus darauf gerichtet, die Gründe des deutschen Angriffs auf Polen zu erklären. Das war am 29. August. [239] Ich habe nicht die Absicht, das Dokument zu verlesen. Der Sinn dieser Rede ist aber folgender: Sie sprachen schon damals, also am 29. August, davon, daß unerwartete Ereignisse bevorstehen.

Haben Sie sich mit diesem Dokument vertraut gemacht?


FRITZSCHE: Jawohl.


GENERAL RUDENKO: Sie streiten also nicht ab, diese Rundfunkrede gehalten zu haben am 29. August 1939?


FRITZSCHE: Das streite ich nicht ab. Ich darf nur darauf hinweisen, das gleiche...


GENERAL RUDENKO: Entschuldigen Sie, antworten Sie zuerst einmal auf meine Frage; nachher können Sie Ihre Erklärung abgeben. Das war am 29. August? Das streiten Sie nicht ab? Nun frage ich Sie: Haben Sie persönlich diesen Erklärungen Glauben geschenkt? Haben Sie an die Unvermeidlichkeit des Krieges mit Polen geglaubt? Haben Sie persönlich damals daran geglaubt?


FRITZSCHE: Ob ich in diesem Augenblick einen Krieg als unvermeidbar angesehen habe, das vermag ich nicht zu sagen. Nur eines vermag ich festzustellen: Ich glaubte nicht an eine deutsche Schuld, dann, wenn es in dieser Spannung zu einer kriegerischen Auseinandersetzung kommen würde...


GENERAL RUDENKO: Das genügt...


FRITZSCHE: Ich bitte, Herr Anklagevertreter, daß ich hier noch hinzufügen darf...


GENERAL RUDENKO: Ja, aber bitte ganz kurz.


VORSITZENDER: General Rudenko! Lassen Sie den Mann antworten.


GENERAL RUDENKO: Bitte sehr.


FRITZSCHE: Und es war mir damals eine ganz besondere Genugtuung, daß ich in den Wochen danach in der sowjetrussischen Presse feststellen konnte, daß auch Sowjetrußland und seine Regierung die deutsche Auffassung von der Frage der Kriegsschuld in diesem Falle teilte.


GENERAL RUDENKO: Ich glaube, Sie sollten jetzt nicht darüber reden. Ich habe Sie auch um keine Erklärungen über diese Frage gebeten. Sie haben mir im wesentlichen nicht geantwortet, aber ich werde jetzt zu der folgenden Frage übergehen.

Am 9. April 1940 haben Sie eine Rede gehalten, in der Sie die Gründe einer möglichen Besetzung Norwegens erläuterten. Es wird Ihnen jetzt ein Auszug aus dieser Rundfunkrede überreicht.


[Zum Gerichtshof gewandt:]


Herr Vorsitzender! Es ist das Dokument USSR-496.


[240] [Zum Zeugen gewandt:]


Angeklagter Fritzsche! Liegt Ihnen das Dokument vor? Es ist Auszug Nummer 4.

FRITZSCHE: Nein, ich habe es noch nicht vor mir...

Ja, ich habe es gefunden. Es ist Seite 4.


GENERAL RUDENKO: Gut. Richtig, es ist Auszug 4. Ich werde einen kurzen Absatz aus dieser Rede zitieren:

»Die Tatsache, daß deutsche Soldaten ihre Pflicht tun mußten, weil die Engländer die norwegische Neutralität verletzten, endete nicht in einer Kriegshandlung, sondern mit einer Tat des Friedens. Niemand wurde verletzt, kein Haus wurde zerstört, das tägliche Leben nahm seinen Fortgang.«

Das war eine Lüge. Geben Sie das zu, oder wollen Sie es abstreiten?

FRITZSCHE: Nein, das war keine Lüge...

GENERAL RUDENKO: Es war keine Lüge?


FRITZSCHE:... denn ich war gerade selbst in Norwegen gewesen und hatte es gesehen. Und es wird auch hier alles klar, dann, wenn Sie den nächsten Absatz zu lesen gestatten, der heißt nämlich...

Der nächste Satz heißt...


GENERAL RUDENKO: Einen Augenblick, Sie werden es später verlesen...


VORSITZENDER: Aber, General Rudenko, Sie müssen den Mann das erklären lassen. Er will den nächsten Satz verlesen, um damit diesen Satz zu erklären.


GENERAL RUDENKO: Nun gut.


FRITZSCHE: Der nächste Satz heißt:

»Selbst da, wo norwegische Truppen Widerstand leisteten, aufgestachelt von der irregeführten früheren Norwegischen Regierung... wurde die Zivilbevölkerung kaum davon berührt, denn die Norweger kämpften außerhalb der Städte und Dörfer, usw....«


GENERAL RUDENKO: Gut. Nun werde ich Ihnen aber ein anderes Dokument vorlegen, nämlich den »Regierungsbericht der Norwegischen Regierung«.


[Zum Gerichtshof gewandt:]


Herr Vorsitzender! In meinem Dokumentenbuch ist ein Fehler unterlaufen, die Nummer lautet darin USSR-78. Es ist aber das Dokument 1800-PS, das von der Französischen Anklagevertretung unter RF-72 vorgelegt wurde.


[241] [Zum Zeugen gewandt:]


Hören Sie jetzt zu, Angeklagter Fritzsche, wie wahrheitsgetreu Sie die Lage in Norwegen geschildert haben. Hören Sie zu, was der amtliche Bericht der Norwegischen Regierung darüber berichtet. Ich zitiere:

»Der deutsche Überfall auf Norwegen am 9. April 1940 zog Norwegen zum erstenmal seit 126 Jahren in einen Krieg hinein. Für zwei Monate wütete der Krieg im ganzen Lande und brachte Zerstörungen im Werte von ungefähr 250 Millionen Kronen. Über 40000 Häuser wurden beschädigt oder zerstört und gegen tausend Menschen aus der Zivilbevölkerung wurden getötet.«

So war die Lage in Wirklichkeit. Geben Sie zu, daß Ihre Rede vom 2. Mai 1940, wie üblich, voller Lügen war?

FRITZSCHE: Nein, das gebe ich nicht zu, sondern ich stelle fest, daß Sie, Herr Ankläger, bei der Vorlage dieses Auszuges nicht berücksichtigt haben, daß ich einleitend davon berichtete, ich wolle das schildern, was ich selbst gesehen hätte, nämlich eine Fahrt ins Gulbranstal, wie ich mich jetzt erinnere, die bis kurz vor Atta ging. Es widerspricht also meiner Schilderung durchaus nicht, wenn nach der Feststellung der Norwegischen Regierung dann insgesamt bei dieser Aktion dieser Schaden und dieser Verlust eingetreten ist.

GENERAL RUDENKO: Ich glaube, daß das norwegische Volk und die Norwegische Regierung wohl genügend den Druck der faschistischen Besatzungstruppen am eigenen Leibe verspürt haben. Der norwegische Regierungsbericht zeigt das, was wirklich vorgefallen ist und nicht das, was Sie im Sinne Ihrer Propaganda zu beleuchten versuchten. Dieses Dokument ist laut Paragraph 21 des Statutes vorgelegt und ich habe keine Absicht, mit Ihnen darüber zu argumentieren. Der Gerichtshof wird dies zur Kenntnis nehmen.

Ich habe an Sie noch einige Fragen im Zusammenhang mit der hier bereits öfter erwähnten Tatsache, das heißt im Zusammenhang mit dem »Athenia«-Fall zu stellen. Ich werde Sie nicht im einzelnen über diese Dinge befragen, da sie bereits mit genügender Ausführlichkeit behandelt worden sind. Ich frage Sie nur, ob Sie zugeben, daß die faschistische Propaganda die Öffentlichkeit über den »Athenia«-Fall in verleumderischer und lügnerischer Art fälschlich informierte?


FRITZSCHE: Ob das die faschistische Propaganda getan hat in Italien, das weiß ich nicht. Die nationalsozialistische Propaganda hat es getan im guten Glauben, wie ich deutlich geschildert habe.


GENERAL RUDENKO: Ich spreche nun schon fast eine Stunde davon, was hier geschah und was festgestellt wurde: Geben Sie [242] zu, daß es eine verleumderische Rede war, oder bestreiten Sie es immer noch?


FRITZSCHE: Nein, ich habe das schon zugegeben und habe auch deutlich geschildert, wie es zu diesen Äußerungen kam.


GENERAL RUDENKO: Schön. In dieser Frage interessiert mich nur Ihre persönliche Rolle. Warum waren Sie es gerade, der so aktiv in dieser Frage hervorgetreten ist, und warum waren Sie der erste, der diese Verleumdungen verbreitete?


FRITZSCHE: Ich glaube nicht, daß ich als erster die Sache vor die Öffentlichkeit gebracht habe, aber Tatsache ist, daß ich sehr häufig über den Fall »Athenia« sprach, und zwar auf der Grundlage der amtlichen Informationen, denen ich Glauben schenkte, und ich sprach darüber, weil ich nun einmal derjenige war, der zu Beginn des Krieges abends im Rundfunk sprach.


GENERAL RUDENKO: Wollen Sie behaupten, daß die erste Bekanntmachung über die »Athenia« im »Völkischen Beobachter« im Oktober 1939 erschien?


FRITZSCHE: Das habe ich nie behauptet.


GENERAL RUDENKO: Schön. Dann möchte ich Sie daran erinnern, daß Sie die Frage »Athenia« bereits im September 1939 behandelten; ist das richtig?


FRITZSCHE: Natürlich, die Frage »Athenia...«


GENERAL RUDENKO: Also haben Sie noch vor dem Artikel im »Völkischen Beobachter« davon gesprochen?


FRITZSCHE: Viele Wochen vorher schon.


GENERAL RUDENKO: Sie waren also der erste, der diese lügnerischen Behauptungen verbreitete?


FRITZSCHE: Nein, das kann ich nicht bestätigen, sondern...


GENERAL RUDENKO: Na, schön. Nun noch eine letzte Frage in diesem Zusammenhang: Sie werden doch nicht abstreiten, daß Sie auch im Jahre 1940 damit fortfuhren, diese Version zu verbreiten. Ich wiederhole, sie werden doch nicht abstreiten, daß Sie auch noch im Jahre 1940 diese Verleumdung weiter verbreiteten?


FRITZSCHE: Es ist die Eigenart jeder Propaganda, daß sie gute Dinge, wirksame Dinge, nach Möglichkeit oft und lange wiederholt. Ich habe schon erklärt, daß ich erst im Dezember 1945 hier im Gefängnis von Großadmiral Raeder erfuhr, daß doch ein deutsches U-Boot die »Athenia« versenkt hatte.


GENERAL RUDENKO: Schön. Ich gehe jetzt zu einer Gruppe von Fragen über, die sich auf Ihre Teilnahme an der Durchführung der Propaganda bei der Vorbereitung des Angriffs gegen die [243] Sowjetunion beziehen. Sie behaupten, daß Sie von einer Vorbereitung des Angriffs auf die Sowjetunion bis zum 22. Juni 1941, 5.00 Uhr morgens, nichts gewußt haben, das heißt bis zum Zeitpunkt, als die deutschen Truppen bereits in das Gebiet der USSR eingedrungen waren und Sie zu Ribbentrop ins Auswärtige Amt zu einer Pressekonferenz gerufen wurden. Habe ich Ihre Aussage richtig verstanden?


FRITZSCHE: Nein, schon einige Stunden vorher, also am Abend des vorangegangenen Tages, hatte Dr. Goebbels einige Abteilungsleiter des Ministeriums in seinem Hause in Wannsee versammelt, teilte ihnen diese Tatsachen mit und verbot ihnen das Weggehen und das Telephonieren. Das war das erste wirkliche Wissen davon.

GENERAL RUDENKO: Schön. Sie behaupten ebenfalls, daß Sie von den aggressiven Zielen Deutschlands gegen die Sowjetunion erst auf Grund Ihrer persönlichen Beobachtungen im Jahre 1942 erfuhren; ist das richtig?


FRITZSCHE: Ich weiß nicht, was Sie hiermit meinen. Ich habe heute früh klarzustellen versucht, daß ich einen Zweifel in der Richtigkeit einiger amtlicher deutscher Begründungen für diesen Angriff zuerst in der Gefangenschaft hatte. Ich habe das heute klargemacht. Ein Zweites habe ich früher in Verhören in Moskau auch betont, und das ist die Tatsache, daß ich 1942, vielleicht auch schon 1941, nach dem Ausbruch des Krieges mit der Sowjetunion bemerkte, daß schon eine geraume Zeit vor dem 22. Juni Vorbereitungen aller Art getroffen gewesen sein mußten.


GENERAL RUDENKO: Ich möchte Ihnen einen Absatz aus Ihrer Aussage in Erinnerung bringen. Es ist Dokument 3469-PS, das Sie hier völlig bestätigten. Ich zitiere einen kurzen Absatz aus Paragraph 42:

»Im Anfang 1942, als ich Soldat im östlichen Kriegsschauplatz war, sah ich die ausgedehnten Vorbereitungen, die für die Besetzung und Verwaltung der Gebiete, die sich bis nach der Krim erstreckten, gemacht worden waren, und ich kam aus meinen persönlichen Beobachtungen zu dem Schluß, daß der Krieg gegen die Sowjetunion schon lange vor seinem Ausbruch geplant gewesen war.«

Ist diese Ihre Aussage richtig?

FRITZSCHE: Jawohl.

GENERAL RUDENKO: In diesem Zusammenhang habe ich keine weiteren Fragen. Ich möchte Ihnen aber noch zwei Dokumente über die Durchführung von Propagandamaßnahmen im Zusammenhang mit der Vorbereitung des Angriffs auf die Sowjetunion und [244] mit dem Angriff selbst in Erinnerung bringen. Ich denke dabei an das Protokoll einer Besprechung bei Hitler am 16. Juli 1941.


[Zum Gerichtshof gewandt:]


Herr Vorsitzender! Es ist das Dokument L-221, welches dem Gerichtshof bereits vorliegt.


[Zum Zeugen gewandt:]


Es wird Ihnen gleich vorgelegt. Ich zitiere zwei Absätze auf der ersten Seite:

»Wesentlich sei es nun, daß wir unsere Zielsetzung nicht vor der ganzen Welt bekanntgäben; dies sei auch nicht notwendig, sondern die Hauptsache sei, daß wir selbst wüßten, was wir wollten. Keinesfalls solle durch überflüssige Erklärungen unser eigener Weg erschwert werden. Derartige Erklärungen seien überflüssig, denn soweit unsere Macht reiche, könnten wir alles tun, und was außerhalb unserer Macht liege, könnten wir ohnehin nicht tun.«

Und weiter:

»Die Motivierung unserer Schritte vor der Welt müsse sich also nach taktischen Gesichtspunkten richten. Wir müßten hier genau so vorgehen, wie in den Fällen Norwegen, Dänemark, Holland und Belgien. Auch in diesen Fällen hätten wir nichts über unsere Absichten gesagt, und wir würden dies auch weiterhin klugerweise nicht tun.«

Haben Sie von solchen Richtlinien Hitlers gewußt?

FRITZSCHE: Nein, eine solche Weisung war mir nicht bekannt, aber die Tatsache, daß solche Äußerungen und Weisungen in diesem Prozeß vorgebracht wurden, war ja der Anlaß dazu, daß, wie ich sagte, ich jetzt einige Voraussetzungen unserer Propaganda als erschüttert ansehe.

GENERAL RUDENKO: Gut. Sie kannten also auch die Weisungen für die Propaganda im Falle »Barbarossa« nicht, Weisungen, die vom OKW herausgegeben und vom Angeklagten Jodl unterschrieben waren?


FRITZSCHE: Das kann ich so nicht sagen; wenn ich sie sehen darf, könnte ich es bestätigen. Der Fall »Barbarossa« als solcher war mir niemals ein Begriff, bis hier im Prozeß.


GENERAL RUDENKO: Herr Vorsitzender! Es ist das Dokument C-26; es liegt dem Gerichtshof bereits vor. Ich möchte mich darauf nur im Zusammenhang mit den Propagandafragen beziehen. Es ist die Nummer USSR-477 oder C-26, Herr Vorsitzender.


[245] [Zum Zeugen gewandt:]


Ich werde nur einen Absatz zitieren. Ich verlese:

»Propagandatendenzen, die auf den Zerfall der Sowjetunion in Einzelstaaten gerichtet sind, dürfen zunächst nicht zur Anwendung gebracht werden. Die deutsche Propaganda muß sich zwar in den verschiedenen Gebietsteilen der Sowjetunion der jeweils am meisten gebräuchlichen Sprache bedienen; dies darf aber nicht dazu führen, daß durch die Art der einzelnen Propagandatexte frühzeitig der Schluß auf eine beabsichtigte Zerreißung der Sowjetunion gezogen werden kann.«

Kannten Sie diese Weisungen?

FRITZSCHE: Ich kannte weder das Dokument noch den Inhalt der Weisung, die Sie eben vorgelesen haben.

GENERAL RUDENKO: Ja, aber ich hoffe, daß Sie nicht ableugnen wollen, daß die Propaganda gerade in diesem Sinne durchgeführt wurde?

FRITZSCHE: Nein. Soweit ich die Propaganda beobachten konnte, die in der Sowjetunion betrieben wurde, hatte sie eigentlich eine umgekehrte Tendenz. Sie versuchte, die Nationalitäten zur Selbständigkeit heranzuziehen, also Ukraine, Weißrußland, Baltikum und so weiter.


GENERAL RUDENKO: Schön. Nun möchte ich Sie jetzt fragen, wann Sie zum erstenmal den Angeklagten Rosenberg getroffen und wann Sie von ihm über die Aufgaben der deutschen Propaganda im Osten informiert wurden?


FRITZSCHE: Es war mir zweifelhaft, ob ich überhaupt vor dem Prozeß schon einmal mit Herrn Rosenberg gesprochen habe. Aber ich glaube doch, daß ich ihm auf gesellschaftlichem Boden schon begegnet bin. Irgendein sachliches oder gar dienstliches Gespräch habe ich mit ihm in meinem ganzen Leben nicht geführt.


GENERAL RUDENKO: Gut. Es wird Ihnen gleich das Dokument 1039-PS vorgelegt werden. Es ist ein Bericht Rosenbergs über die vorbereitende Arbeit über den Fragenkomplex des osteuropäischen Raumes. Dieses Dokument ist dem Angeklagten Rosenberg bereits vorgehalten worden, und er hat es nicht abgestritten, sondern dessen Richtigkeit bestätigt. Ich möchte, daß Sie sich das zweite Zitat, das angestrichen ist, ansehen. Ich werde es nicht vollständig verlesen, um dieses Kreuzverhör nicht zu verlängern.

[246] In diesem Bericht lesen wir, ich zitiere:

»Neben diesen Unterhandlungen« –

von denen früher die Rede war –

»habe ich die verantwortlichen Vertreter der gesamten Propaganda empfangen, und zwar Ministerialdirektor Fritzsche, Gesandter Schmidt, Reichsintendant des Rundfunks Glasmeier, Dr. Grothe OKW und andere. Ohne auf Einzelheiten politischer Zielsetzung einzugehen, habe ich die Genannten vertraulich von der notwendigen Haltung unterrichtet, mit der Bitte, ohne jegliche Äußerungen doch die ganze Terminologie der Presse entsprechend abzustimmen.

In meiner Dienststelle sind die längst vorher präparierten Arbeiten zur substantiellen Bearbeitung der Ostfragen erschienen, die ich den Vertretern der Propaganda übergeben habe.«

Hat der Angeklagte Rosenberg diese Ereignisse von 1941, die noch vor dem Angriff auf die Sowjetunion stattfanden, genau beschrieben?

FRITZSCHE: Nein, ich erinnere mich nicht, irgendwann einmal von Rosenberg empfangen worden zu sein. Keinesfalls habe ich von Rosenberg oder irgendeinem seiner Mitarbeiter vor dem 22. Juni etwa eine Mitteilung über den beabsichtigten Angriff auf die Sowjetunion erhalten. Dagegen – das klärt vielleicht die Dinge – erinnere ich mich, daß ein Mitarbeiter Rosenbergs öfters bei mir oder meinem Mitarbeiter erschien, der Name fällt mir auch noch ein, es war der Leiter einer Pressegruppe, er war vorher Schriftleiter beim »Völkischen Beobachter«, Major Kranz. Der ist öfter bei mir oder bei meinen Mitarbeitern erschienen und hat irgendwelche Wünsche Rosenbergs in Fragen Pressepropaganda geäußert – keinesfalls aber vor dem 22. Juni über diese Frage.

GENERAL RUDENKO: Also, was Sie betrifft, ist dieser Bericht des Angeklagten Rosenberg unwahr?


FRITZSCHE: Unwahrheit wäre in diesem Falle zu viel gesagt. Es kann sein, daß diese ganze Unterrichtung, von der er spricht, sich auf eine spätere Zeit bezieht. Das kann ich nicht beurteilen, weil ich nicht das ganze Dokument gelesen habe, und es kann außerdem sein, daß Rosenberg es in diesem Bericht nicht so genau genommen hat mit dem Empfang von verantwortlichen Vertretern der gesamten Propaganda.


GENERAL RUDENKO: Gut. In diesem Zusammenhang möchte ich zwei Fragen an Sie stellen. Zuerst möchte ich mich auf die schriftliche Aussage von Hans Voß beziehen. Es ist das Dokument USSR-471, das Sie bereits in Händen haben, Auszug Nummer 3. Haben Sie die Stelle gefunden?


FRITZSCHE: Ja, ich habe sie.


[247] GENERAL RUDENKO: Ich verlese. Folgendes hat Admiral Voß bezeugt:

»Nach der Niederlage der deutschen Truppen bei Stalingrad und nach dem Beginn der Gesamtoffensive der Sowjettruppen an der ganzen Ostfront, bemühten sich Goebbels und Fritzsche, die deutsche Propaganda so aufzuziehen, um Hitler besonders aktiv mitzuhelfen, die Lage an der Front zu meistern. Die Propaganda lief darauf hinaus, daß es den Deutschen gelingen würde, sich längere Zeit zu halten. Man versuchte, der deutschen Bevölkerung Angst einzujagen, indem man verleumderische Meldungen über die Greueltaten der russischen Soldaten und über die Absichten der Sowjetunion, das deutsche Volk auszurotten, verbreitete.

Während der letzten Kriegsperiode versuchte die durch Goebbels und Fritzsche geführte Propaganda noch einmal, Hitler einen Dienst zu erweisen und den Widerstand gegenüber den Sowjettruppen zu organisieren.«

Ist das richtig?

FRITZSCHE: Das ist nicht nur nicht richtig, sondern Unsinn.

GENERAL RUDENKO: Sie haben sich schon mehrmals solcher Terminologien bedient; offenbar kommt hier Ihr Beruf zum Vorschein. Nun gut, ich habe nicht die Absicht, mit Ihnen darüber zu streiten. Ich möchte Sie jetzt bitten, sich Ihre eigene Aussage vom 12. September 1945 anzusehen. Es ist das Dokument USSR-474, dritter Auszug. Haben Sie die Stelle gefunden? Ich möchte Ihre Erklärungen über diese Frage zitieren.


FRITZSCHE: Das Ganze sind nicht meine Aussagen, aber welche Stelle meinen Sie, Herr Ankläger?


GENERAL RUDENKO: Ich meine den Auszug Nummer 3, der unterstrichen ist. Er beginnt mit folgenden Worten: »Da wir einen Vertrag mit der Sowjetunion hatten...«


FRITZSCHE: Jawohl, ja.


GENERAL RUDENKO: Lesen Sie bitte mit:

»Da wir einen Vertrag mit der Sowjetunion hatten, wurde der bewaffnete Überfall auf die SU von Deutschland im geheimen vorbereitet. Deshalb haben wir während der Vorbereitung zum Kriege gegen die SU keine propagandistische Arbeit geleistet. Im Zusammenhang damit begannen die deutschen Propagandabehörden, sich erst nach dem Anfang der Kriegshandlungen an der Ostfront aktiv antisowjetisch zu betätigen.

Es ist dabei hinzuweisen, daß die Hauptaufgabe, die von Goebbels dem gesamten Propagandaapparat gestellt wurde, darin bestand, die Eroberungspolitik Deutschlands gegen die SU zu recht fertigen.

[248] Daraus ausgehend, habe ich als Chef der deutschen Presse und des Rundfunkwesens eine groß aufgezogene antisowjetische Propagandaaktion eingeleitet, indem wir die Öffentlichkeit zu überzeugen versuchten, daß in diesem Kriege nicht Deutschland, sondern die SU die Schuld trage.

Es ist jedoch zu erwähnen, daß wir keine Unterlagen hatten, um die Sowjetunion in der Vorbereitung eines bewaffneten Überfalls auf Deutschland zu beschuldigen.

In meinen Rundfunkreden habe ich mich besonders bemüht, den Völkern Europas und der deutschen Bevölkerung die Angst vor den Greueln des Bolschewismus einzuprägen. Dabei habe ich behauptet, daß nur das faschistische Deutschland ein Staudamm für europäische Länder gegen die anglo-amerikanische ›Plutokratie‹ und den ›roten Imperialismus‹ sei.«

Geben Sie das zu?

FRITZSCHE: Hier sind tatsächliche Aussagen, die ich gemacht habe, wiederum verarbeitet. Wenn ich darf, will ich die tatsächlichen Unterlagen in den einzelnen Punkten kurz nennen. Es ist richtig, daß ich zum Ausdruck gebracht habe in Moskau, daß der Krieg gegen die Sowjetunion keine propagandistische Vorarbeit kannte, deshalb, weil er ja sehr plötzlich und überraschend kam. Weiter, es ist richtig, daß es nach dem Angriff auf die Sowjetunion die Hauptaufgabe der deutschen Propaganda gewesen ist, die Notwendigkeit dieses Angriffs zu rechtfertigen: immer wieder also zu betonen, wir wären nur einem sowjetischen Angriff zuvorgekommen. Weiter ist es richtig, daß ich gesagt habe, die nächste Aufgabe der Propaganda war es, beinahe dasselbe darzulegen, daß nicht Deutschland, sondern Rußland die Schuld an diesem Kriege trage. Leider ist ausgelassen in diesem Protokoll das wichtigste Argument, das ich anführte, nämlich die Feststellung: ich und mit mir Millionen Deutscher glaubten die amtlichen Angaben der Deutschen Regierung deshalb, weil es uns einfach unsinnig und wahnsinnig erschienen wäre, wenn jemand während eines noch unerledigten Krieges im Westen mutwillig und freiwillig noch einen Krieg im Osten dazu riskiert. Ich fahre fort: Es ist auch richtig, daß die Unterlagen in dem Weißbuch, das damals das Auswärtige Amt herausgab, verhältnismäßig knapp waren; und weiter ist es richtig, daß die deutsche Propaganda Europa Angst einjagen wollte vor dem Bolschewismus; und es ist schließlich richtig, daß die deutsche Propaganda immer wieder betonte, Deutschland sei der einzige Staudamm vor der sowjetischen Weltrevolution.

GENERAL RUDENKO: Sehr gut. Ich möchte jetzt, daß Sie Ihre Aufmerksamkeit dem Auszug Nummer 4 zuwenden. Es ist dasselbe [249] Dokument, das Ihnen vorliegt. Es handelt sich um die Propaganda, die den Wi derstandswillen im deutschen Volk aufrechterhalten sollte, trotzdem die deutsche Niederlage bereits für jeden klar war. Ich möchte diesen kurzen Absatz zitieren, es ist Dokument USSR-474, Auszug Nummer 4. Ich zitiere:

»Angefangen vom Jahre 1943 bemühte ich mich mittels Rundfunk in der deutschen Propaganda zu behaupten, daß Deutschland über solche Waffe verfüge, von der unsere Gegner erschüttert werden. Dabei habe ich erdachte Angaben über die Arbeit der deutschen Kriegsindustrie, welche ich vom Reichsminister für Rüstungsindustrie, Speer, bezog, verwertet.«

Ist das richtig?

FRITZSCHE: Der eine Teil ist falsch, der andere Teil, der richtig ist, ist falsch ausgedrückt. Mit dem letzten anzufangen: Es ist richtig, daß mir Angaben von seiten des Rüstungsministeriums zukamen, die mir große Hoffnungen machten auf den Fortschritt, zum Beispiel Zahlenangaben über monatliche Flugzeugproduktion, Zahlenangaben über neue, besonders wirkungsvolle Jagdflugzeuge. Ich habe inzwischen durch unmittelbare Befragung von Speer festgestellt, daß die Zahlen, die ich erhielt, damals samt und sonders richtig waren und daß die Flugzeuge entweder nur falsch eingesetzt wurden, zum Beispiel für die Ardennenoffensive, statt für den Schutz der Heimat, oder daß sie nicht zum Einsatz kommen konnten wegen Benzinmangel. Die erste Hälfte aber...

GENERAL RUDENKO: Das geht zu sehr in Einzelheiten, Angeklagter Fritzsche, Sie geben sich mit Einzelheiten ab, die hier bereits erörtert wurden und die in keinem Zusammenhang mit Ihnen stehen.

Ich möchte Ihnen die Aussage des Angeklagten Speer vorlegen, der vom Sowjetankläger hier in Nürnberg am 14. November 1945 verhört worden ist. Dieses Dokument lege ich dem Gericht unter USSR-492 vor.

Ich möchte lediglich den Teil des Dokuments zitieren, der sich mit den Propagandamaßnahmen dieser Zeit befaßt.

Ich zitiere:

»Im September 1944 schrieb ich Dr. Goebbels einen Brief«

Dann lassen wir etwas aus:

»In diesem Brief warnte ich Goebbels, daß er eine falsche Propaganda über neue Waffen mache; denn dadurch werden nur falsche Hoffnungen unter der deutschen Bevölkerung erweckt.

Dies war eine geheime Propaganda, die von Dr. Goebbels geführt wurde mit dem Ziel, Hoffnungen unter der deutschen [250] Bevölkerung für einen erfolgreichen Ausgang des Krieges zu verbreiten.«

Entspricht dies den Tatsachen?

FRITZSCHE: Nur zum Teil. Richtig ist, daß Dr. Goebbels persönlich über ein Jahr vor Einsatz der ersten V-Waffe eine Propaganda dafür getrieben hat. Auf der anderen Seite hat Speer inzwischen ja in seiner Aussage hier selbst erklärt, daß er nunmehr die eigentliche Quelle der Wunderwaffenpropaganda kenne, nämlich den Standartenführer Schwarz van Berk. Dr. Goebbels hat – damit darf ich schließen – in den letzten Monaten des Jahres 1944 ebenfalls versucht, diese »Wunderwaffenpropaganda« einzudämmen, die er einst selbst geweckt hatte.

GENERAL RUDENKO: Nun möchte ich Ihnen Ihre persönliche Rolle in dieser von Ihnen persönlich durchgeführten Propaganda in Erinnerung bringen. Sie wollten durch das Popularisieren einer neuen Waffengattung dem deutschen Volke die Hoffnung auf einen erfolgreichen Widerstand gegen die alliierten Armeen einprägen. Ich lege Ihnen das Dokument USSR-496 vor. Sie haben es bereits vor sich. Es ist Ihre Rundfunkrede vom 1. Juli 1944.


VORSITZENDER: Herr General! Werden Sie bald fertig, oder sollen wir uns jetzt vertagen?


GENERAL RUDENKO: Ich glaube, Herr Vorsitzender, es wäre besser, eine Pause einzulegen, ich werde noch ungefähr eine halbe Stunde benötigen.


[Pause von 10 Minuten.]


GENERAL RUDENKO: Es ist Ihnen der Auszug Nummer 6 aus dem Dokument USSR-496 vorgelegt worden. Es ist Ihre Rede vom 1. Juli 1944. Ich verlese:

»Wir Deutschen sind in unseren Berichten über die Wirkung der neuen Waffen sehr reserviert gewesen. Wir konnten uns die Reserve leisten, da wir wußten, daß England eines Tages das Schweigen brechen würde, mit dem es zunächst über die Wirkung der V 1 hinwegzugehen versuchte. Wir hatten recht. Berichte aus England während der letzten Tage und vor allem von heute beweisen, daß die Wirkungen dieser ersten der neuen Waffenschläge nur zu offensichtlich werden. Es ist vollkommen unangebracht, wenn die Engländer sich jetzt über die Welle des Hasses beklagen, die angeblich von Deutschland aus gegen die britischen Inseln aufsteigt. Im fünften Kriegsjahr ist es zwecklos, über Gefühle zu sprechen, obwohl man viel darüber sagen könnte.«

[251] Geben Sie zu, Angeklagter Fritzsche, durch eine derartige Propaganda das deutsche Volk belogen und es damit zu einem weiteren sinnlosen Widerstand aufgepeitscht zu haben.

FRITZSCHE: Im Gegenteil. In diesem Fall habe ich außerordentlich reserviert und viel bescheidener, als das zum Beispiel die deutsche Presse tat, über das Ergebnis des Einsatzes von V 1 gesprochen. Im übrigen steht gleich als nächster Satz Ihres Zitates der Satz »Wir können nur wiederholen, daß für uns die V 1 das Mittel ist, den feindlichen Terror zu brechen.«

GENERAL RUDENKO: Ich möchte Ihnen jetzt, Angeklagter, Ihre Aussage vom 12. September 1945 über die Tätigkeit der Organisation »Werwolf« in Erinnerung bringen. Es ist der Auszug 5 aus dem Dokument USSR-474. Haben Sie die Stelle gefunden?


FRITZSCHE: Ja, ich habe ihn.


GENERAL RUDENKO: Ich verlese:

»Ende Februar 1945 hat mir der Staatssekretär im Propagandaministerium Deutschlands – Dr. Naumann – die Anweisung Goebbels übermittelt, den Aufbauplan einer geheimen Funkzentrale auszuarbeiten. Auf meine Frage, wozu diese Funkzentrale nötig sei, antwortete Naumann, daß die Deutsche Regierung den Entschluß gefaßt habe, Mitglieder der NSDAP in die Illegalität überzuführen und eine Geheimorganisation unter der Bezeichnung ›Werwolf‹ zu bilden. Weiterhin eröffnete mir Naumann, daß mittels der Funkzentrale, die ich einzurichten habe, die Führung aller illegalen Werwolfgruppen verwirklicht werden solle.«

Wie man aus Ihren Aussagen ersieht, waren Sie gegen die Einrichtung eines solchen Senders. Sie haben darüber mit Goebbels gesprochen; trotzdem wurde dieser Sender errichtet und seine Leitung dem früheren Leiter des Reichspropagandaamtes, Schlesinger, anvertraut. Ist das richtig?

FRITZSCHE: Nein, hier sind zwei Dinge durcheinandergeworfen. Erstens: der hier mir in dem von Ihnen verlesenen Absatz geschilderte Plan der Schaffung eines Werwolfsenders sah einen fahrbaren, also beweglichen Sender vor. Dieser Sender ist nicht geschaffen worden. Dagegen ist – übrigens in meiner Abwesenheit – am 1. April 1945 auf direkte Weisung von Dr. Goebbels der sogenannte alte Deutschlandsender als Werwolfsender eröffnet worden.

GENERAL RUDENKO: Um über diese Frage einen Streit mit Ihnen zu vermeiden, möchte ich Ihnen Ihre eigene Erklärung vom 7. April 1945 vorlegen. Es ist dies ebenfalls Dokument USSR-496, Auszug Nummer 7. Haben Sie die Stelle gefunden?


FRITZSCHE: Jawohl.


[252] GENERAL RUDENKO: Damals sagten Sie am Radio:

»Dank seiner Überlegenheit an Menschen- und Materialreserven ist der Feind immerhin jetzt tief in unser deutsches Gebiet eingedrungen, und gegenwärtig ist er im Begriff, sein gegen uns gerichtetes Vernichtungsprogramm auszuführen.«

Dann lasse ich etwas aus und zitiere weiter:

»Niemand sei überrascht, wenn dieser Wunsch starker Herzen, vergewaltigte Menschen zu rächen, nicht einmal der kurzen Pause vorübergehender Erholung bedarf, sondern daß er plötzlich und unversehens mit ungestümer Flamme hervorbricht und sogar aktiv wird. Niemand sei überrascht, wenn hier und dort in den unbesetzten Gebieten Zivilpersonen am Kampf teilnehmen, oder selbst wenn nach vollzogener Besetzung der Kampf von Leuten in Zivil fortgesetzt wird, das heißt, wenn ohne Vorbereitung, ohne Organisation, dem reinen Selbsterhaltungsinstinkt entsprungen, jenes Phänomen ins Leben gerufen wird, das wir ›Werwolf‹ nennen.«

Was sagen Sie nun?

FRITZSCHE: Obwohl auch dieses Zitat aus dem Zusammenhang gerissen ist, erkenne ich es durchaus wieder. Es fehlt leider dazu die Stelle, wo ich von dem Recht sprach und sagte: »Das Recht ist eine empfindliche Sprache, es ist in der Überlieferung und im ethischen Bewußtsein verankert«, gegenwärtig befindet...

GENERAL RUDENKO: Entschuldigen Sie, wenn ich Sie unterbreche, Angeklagter Fritzsche. Ich habe Sie nicht um so viele Einzelheiten gebeten. Ich wollte nur die Tatsache feststellen, daß Sie nicht nur die Organisation »Werwolf« erklärten, sondern sich auch für ihre Gründung einsetzten. Ist das richtig?


FRITZSCHE: Das ist vollkommen falsch. Das ist nicht einmal eine Propaganda für den Werwolf, sondern das ist eine Entschuldigung für Werwolfsfälle.


GENERAL RUDENKO: Gut. Wir wollen diese Frage fallen lassen. Ich möchte Sie fragen, wer an der Spitze des »Werwolf« stand.


FRITZSCHE: Es ist hier schon gesagt worden, das war an oberster Spitze Bormann, unter ihm aber stand noch ein höherer SS-Führer, auf dessen Namen ich mich schon bei den Vernehmungen in Moskau vergeblich zu besinnen versuchte. Ich habe aber einen seiner Mitarbeiter gekannt, und das war Gunther d'Alquen.


GENERAL RUDENKO: Gut. Bevor ich zu meinen letzten Fragen übergehe, möchte ich Sie fragen, ob es nicht den Tatsachen entspricht, daß Rosenberg und Streicher einen größeren Einfluß auf die deutsche Propaganda hatten?


[253] FRITZSCHE: Der Einfluß war überaus gering. Die amtliche deutsche Propaganda wurde von Streicher überhaupt nicht beeinflußt und von Rosenberg in einem für mich kaum bemerkbaren Grade.


GENERAL RUDENKO: Schön. Ich will noch einige Fragen an Sie stellen. Sie haben dem Gerichtshof hier erklärt, daß Sie Hitler nie gefolgt wären, wenn Sie seine Mordbefehle gekannt hätten. Habe ich Sie richtig verstanden?


FRITZSCHE: Sie haben mich vollkommen richtig verstanden.


GENERAL RUDENKO: Mit anderen Worten verstehe ich Sie dahin, daß Sie in diesem Falle gegen Hitler gehandelt hätten.


FRITZSCHE: Es ist schwer zu sagen, was ich getan hätte. Natürlich ist das eine Frage, die ich mir jetzt oft überlegt habe.


GENERAL RUDENKO: Ich möchte Sie jetzt folgendes fragen: Sie haben hier vor dem Gerichtshof ausgesagt, daß Sie Anfang 1942 Informationen darüber erhielten, daß in der Ukraine, die damals von den Deutschen besetzt gewesen ist, in einem Ort die Ausrottung der Juden und der ukrainischen Intellektuellen vorbereitet wurde, und zwar nur deswegen, weil sie Juden und ukrainische Intellektuelle waren. Haben Sie eine derartige Nachricht erhalten? Sie haben doch darüber gesprochen, nicht wahr?


FRITZSCHE: Richtig.


GENERAL RUDENKO: Das war zu Anfang. Sie waren im Mai 1942 bei der 6. Armee. Dort haben Sie von dem Befehl über die Erschießung von Sowjetkommissaren erfahren. Ist das richtig?


FRITZSCHE: Jawohl.


GENERAL RUDENKO: Sie waren der Ansicht, daß dieser blutige Befehl nicht angewandt werden sollte. Ist das richtig?


FRITZSCHE: Richtig.


GENERAL RUDENKO: Sie wußten, daß dieser Befehl von Hitler ausging?


FRITZSCHE: Ja, das konnte ich mir denken.


GENERAL RUDENKO: Also haben Sie bereits im Jahre 1942 gewußt, daß solche Hitler-Morderlasse existierten, und trotzdem hielten Sie weiter zu Hitler?


FRITZSCHE: Sie vergleichen zwei miteinander nicht vergleichbare Dinge, Herr Ankläger. Es ist ein großer Unterschied, ob ich Kommissare nicht als Kriegsgefangene behandle oder ob ich einen Befehl zur Tötung von fünf Millionen Juden gebe.


GENERAL RUDENKO: Das bedeutet, daß Sie diesen Befehl bei der Kriegführung der deutschen Armee für erlaubt und zulässig [254] hielten. So verstehe ich Sie wenigstens, da Sie nicht gegen Hitler auftraten.

FRITZSCHE: Nein, ich hielt ihn für unmöglich; schon deshalb bin ich gegen diesen Befehl vorgegangen und nicht nur passiv, wie die anderen taten.


GENERAL RUDENKO: Aber Sie fuhren fort, Hitler zu unterstützen?


FRITZSCHE: Jawohl.


GENERAL RUDENKO: Nun, die letzte Frage: Sagen Sie mal, haben Sie sich jemals im Laufe des Krieges mit der Frage der Vorbereitung des biologischen Krieges befaßt?


FRITZSCHE: Niemals.


GENERAL RUDENKO: Ist Ihnen der Name des Majors von Passavant bekannt?


FRITZSCHE: Der Name ist mir bekannt.


GENERAL RUDENKO: Er war der Vertreter des OKW im Propagandaministerium, nicht wahr?


FRITZSCHE: Das nicht, sondern er war Rundfunkfachmann im Rahmen der Propagandaabteilung des OKW.


GENERAL RUDENKO: Es wird Ihnen sogleich die Abschrift Ihres Briefes vom 19. Oktober 1944, Dokument USSR-484, der mit Ihrem Namensstempel versehen ist, vorgelegt werden. Der Brief ist an Major von Passavant im OKW gerichtet. Es ist ein kurzes Dokument; ich verlese ihn:

»Leiter Rundfunk, Herrn Major von Passavant, OKW.

Ein Hörer, Betriebsführer Gustav Otto, Reichenberg, schickt mir die beigefügten Anlagen mit dem Vorschlag, den ›biologischen Krieg‹ durchzuführen. Ich reiche Ihnen den Vorgang mit der Bitte weiter, ihn der Dienststelle zu übermitteln, die dafür zuständig ist.

Heil Hitler. Fritzsche.«

Erinnern Sie sich an dieses Dokument?

FRITZSCHE: Natürlich erinnere ich mich nicht an dieses Dokument. Gleichzeitig erkläre ich, daß es zweifellos echt ist.

GENERAL RUDENKO: Schön, und nun die allerletzte Frage: Demnach waren Sie für die Vorbereitung und die Durchführung eines »biologischen Krieges« seitens Deutschlands? Nicht wahr?

Ich bin mit meinem Verhör zu Ende, Herr Vorsitzender.


FRITZSCHE: Aber ich muß auf die letzte Frage ja noch die Gelegenheit einer Antwort haben. Ich stelle fest, daß ich keineswegs für einen biologischen Krieg war, sondern daß es sich lediglich so [255] verhielt, daß Stöße täglicher Hörerzuschriften von irgendeiner Bürostelle den jeweils zuständigen Stellen zugeschrieben wurden und hiervon die zwei oder drei Zeilen langen Begleitbriefe zur Unterschrift vorgelegt wurden. Kenntnis von dem Inhalt nahm ich regelmäßig nicht.


VORSITZENDER: Dr. Fritz! Wünschen Sie ein Rückverhör?


DR. FRITZ: Herr Fritzsche! Ihnen ist eben im Kreuzverhör von General Rudenko vorgehalten worden, Ihre Rundfunkansprache vom 2. Mai 1940, in welcher Sie sich über Ihre Reise nach Norwegen verbreiten. Können Sie genauer sagen, wann Sie diese Reise durchgeführt haben?


FRITZSCHE: Das Datum kann ich nicht genau angeben, aber es war, wenn ich nicht irre, Ende April...


DR. FRITZ: Es ist Ihnen dann vorgehalten worden der amtliche Bericht der Norwegischen Regierung über die Kriegsschäden nach der Besetzung Norwegens durch Deutschland. Hier wird gesagt, daß die Kampfhandlungen, die diese Kriegsschäden verursachten, erst stattgefunden haben können, nachdem Sie Ihre Reise bereits beendet hatten. Stimmt das?


FRITZSCHE: Das ist durchaus möglich. Ich möchte aber folgendes erklären. Ich habe in dem Auszug, den der Herr russische Ankläger vorlas, ohne seinen Anfang zu nennen, genau das geschildert, was ich an genau bezeichneten Orten sah, so nämlich Lillehammer und Godenthal, das sind einige Namen, die mir jetzt wieder einfallen. Diese Angaben jetzt in Vergleich zu setzen mit den Angaben der Norwegischen Regierung über die Gesamtschäden, das bedeutet nichts anderes als den Versuch, eine Flüssigkeit mit dem Metermaß zu messen oder umgekehrt.


DR. FRITZ: Hierzu eine letzte Frage: War diese Ihre Reise vor der englischen Landung oder nach der englischen Landung in Norwegen?


FRITZSCHE: Ich habe selbst noch einen Kampf mit englischen Truppen beobachtet, und zwar kurz südlich, wenn ich nicht irre, des Ortes Ottar im Buldrenthal.


DR. FRITZ: Herr Präsident! Herr General Rudenko hat während seines Kreuzverhörs drei Protokolle über Vernehmungen vorgelegt, und zwar von Voß, das ist USSR-471, von Schörner, das ist USSR-472, und von Stahel, USSR-473. Ich habe in der Zwischenzeit mir diese drei Protokolle angesehen und bitte das Hohe Gericht, ebenfalls diese drei Protokolle nebeneinander zu vergleichen. Ich habe festgestellt, daß in diesen drei Protokollen von diesen drei verschiedenen Personen Teile von Antworten wiederkehren, die ganz wörtlich übereinstimmen. So sagt man zum Beispiel...


[256] VORSITZENDER: Sie bekommen das nicht aus dem Zeugen heraus. Sie bringen uns ein neues Argument, und das müssen Sie zu einem anderen Zeitpunkt tun.


DR. FRITZ: Ich wollte nur einen Antrag stellen, Herr Präsident; falls diese drei Protokolle der Urteilsfindung zugrundegelegt werden, müßte ich beantragen, wenigstens einen dieser vernommenen Zeugen hier zum Kreuzverhör persönlich zur Verfügung zu stellen.


VORSITZENDER: Meinen Sie damit, daß Sie alle drei Affidavits sehen wollen oder daß wir sie prüfen sollen, oder wollen Sie, daß einer der Leute, die die eidesstattliche Erklärung abgegeben haben, hier als Zeuge vernommen und ins Kreuzverhör genommen werden soll? Was wollen Sie?


DR. FRITZ: Das letztere, Herr Präsident. Ich möchte nur bitten, alle drei anzufordern.


FRITZSCHE: Alle drei, ich kann nur bitten, alle drei anzufordern.


VORSITZENDER: Der Gerichtshof wird über Ihren Antrag beraten.


DR. FRITZ: Im übrigen, Herr Präsident, möchte ich auf ein weiteres Rückkreuzverhör verzichten.


VORSITZENDER: Dann ist noch etwas, Angeklagter. Sie haben sich auf die Kommissarbefehle bezogen, und Sie haben darüber gesprochen, als wäre es ein Befehl, die Kommissare nicht als Kriegsgefangene zu behandeln. Das war doch nicht der Befehl, nicht wahr? Der Befehl war doch, sie zu töten.


FRITZSCHE: Der Befehl, den ich bei der 6. Armee kennenlernte, war der, Kommissare, die gefangengenommen wurden, zu erschießen.


VORSITZENDER: Ja. Das ist aber etwas ganz anderes als der Befehl, sie nicht als Kriegsgefangene zu behandeln.

Ihre Antwort ging dahin, daß Sie annahmen, der Kommissarbefehl ginge von Hitler aus. Ein Befehl, Kommissare nicht als gewöhnliche Kriegsgefangene zu behandeln oder fünf Millionen Juden zu töten, das ist doch etwas ganz anderes, das war doch nicht miteinander zu vergleichen, nicht wahr?


FRITZSCHE: In diesem Falle gebe ich zu, daß mein Ausdruck in Sachen Kommissare nicht korrekt war.


VORSITZENDER: Dann möchte ich Sie noch etwas fragen: Am 23. Oktober 1939 ist doch in den deutschen Zeitungen diese unwahre Behauptung über die »Athenia« veröffentlicht worden. Das stimmt doch?


[257] FRITZSCHE: Im Oktober 1939?

Im ganzen Verlauf des September und Oktober sind falsche Aussagen über die »Athenia« sowohl in der deutschen Presse wie im deutschen Rundfunk veröffentlicht worden.


VORSITZENDER: Ja. Aber am 23. Oktober 1939 ist in einer deutschen Zeitung eine besonders unwahre Aussage erschienen, die die Versenkung der »Athenia« Winston Churchill zuschreibt, Sie haben hier darüber ausgesagt.


FRITZSCHE: Jawohl.


VORSITZENDER: Und Sie haben trotzdem eine Zeitlang im Rundfunk weiter über diese behaupteten Tatsachen gesprochen.


FRITZSCHE: Selbstverständlich. Denn ich nahm sie damals noch als wahr an und meine...


VORSITZENDER: Das wollte ich Sie gerade fragen. Sie haben einen Marineverbindungsoffizier in Ihrer Dienststelle gehabt?


FRITZSCHE: Jawohl.


VORSITZENDER: Welche Nachforschungen haben Sie angestellt?


FRITZSCHE: Dieser Marineoffizier war an sich nicht der Verbindungsoffizier zum Oberkommando der Kriegsmarine, sondern er war Zensuroffizier für die gesamte Wehrmacht. Trotzdem nahm ich seine Hilfe in Marinefragen selbstverständlich in Anspruch. Und ihn habe ich mehrfach beauftragt, beziehungsweise gebeten, sich über den Stand der Untersuchung im Falle »Athenia« beim Oberkommando der Kriegsmarine zu erkundigen. Die Antwort war immer: »Es bleibt dabei, kein deutsches U-Boot war in der Nähe des Ortes der Katastrophe.«


VORSITZENDER: Sie behaupten, daß dieser Verbindungsoffizier der Marine Ihnen das nach dem 23. Oktober 1939 gesagt hat?


FRITZSCHE: Jawohl.


VORSITZENDER: Hat er Ihnen das auch späterhin gesagt?


FRITZSCHE: Jawohl.


VORSITZENDER: Das ist alles.

Sie können auf die Anklagebank zurückkehren.


[Der Angeklagte verläßt den Zeugenstand.]


Dr. Fritz?

DR. FRITZ: Mit Genehmigung des Gerichtshofs rufe ich den Zeugen Herrn von Schirmeister auf.


[Der Zeuge betritt den Zeugenstand.]


VORSITZENDER: Geben Sie Ihren vollen Namen an.

ZEUGE MORITZ VON SCHIRMEISTER: Moritz von Schirmeister.


[258] VORSITZENDER: Sprechen Sie mir die Eidesformel nach: »Ich schwöre bei Gott, dem Allmächtigen und Allwissenden, daß ich die reine Wahrheit sagen, nichts verschweigen und nichts hinzufügen werde.«


[Der Zeuge spricht die Eidesformel nach.]


VORSITZENDER: Sie können sich setzen.

DR. FRITZ: Herr Zeuge! Vor Beginn Ihrer Vernehmung möchte ich Sie bitten, sich bei Ihren Antworten ganz allgemein und möglichst kurz zu fassen. Schildern Sie bitte zunächst dem Gericht ganz kurz Ihren Lebenslauf, damit das Gericht weiß, mit wem es zu tun hat.


VON SCHIRMEISTER: Beamten- und Offiziersfamilie; drei Semester Theologie und zehn Jahre Bankbeamter, davon fünf Jahre in Südamerika; dann Schriftleiter bis zu meiner Berufung nach Berlin; am 1. Oktober 1931 in die Partei eingetreten; SS-Haupt sturmführer in der Allgemeinen SS; während des Krieges viermal Soldat, zuletzt seit dem 31. Juli 1944; am 22. September 1944 in britische Kriegsgefangenschaft geraten, seitdem in England.


DR. FRITZ: Als ich vor einigen Tagen das Thema Ihrer Vernehmung mit Ihnen besprach, haben Sie mir erklärt, daß Sie Ihre frühere positive Einstellung zum Nationalsozialismus in keiner Weise hindere, hier jetzt eine wahrheitsgemäße Aussage zu machen. Stimmt das?


VON SCHIRMEISTER: Ich sagte Ihnen schon, ich habe an die Sache geglaubt, ich habe ihr alles geopfert, ich habe alles durch sie verloren. Es war für mich sehr bitter, aber ich weiß heute, daß ich einer schlechten Sache gedient habe. Ich bin völlig frei davon. Ich habe bereits in meinem letzten Lager in England mithelfen dürfen bei der Umschulung meiner Kameraden. Ich habe dort die Lagerzeitung herausgeben dürfen, und wenn ich nur könnte, dann würde ich heute mitarbeiten am Wiederaufbau eines demokratischen Deutschlands.


DR. FRITZ: Wann lernten Sie den Angeklagten Fritzsche kennen?


VON SCHIRMEISTER: Am 1. Juli 1938.


DR. FRITZ: Was waren Sie damals, welche Stellung sollten Sie einnehmen?


VON SCHIRMEISTER: Ich war Schriftleiter in Braunschweig und wurde ins Propagandaministerium berufen, um persönlicher Pressereferent von Dr. Goebbels zu werden.


DR. FRITZ: Und welche Stellung haben Sie dann tatsächlich im Propagandaministerium eingenommen?


[259] VON SCHIRMEISTER: Ich war bis zum 1. Juli 1943 persönlicher Pressereferent von Dr. Goebbels. Dann war ich persönlicher Referent von Staatssekretär Gutterer bis zum 1. April 1944, ging mit ihm noch für drei Monate zur UFI, das ist die Fachgesellschaft aller Filmgesellschaften, und ging dann am 31. Juli 1944 ins Feld.


DR. FRITZ: Waren Sie also täglich mit Dr. Goebbels zusammen?


VON SCHIRMEISTER: Seit Kriegsausbruch. Ich darf kurz schildern, worin meine Haupttätigkeit bestand.


DR. FRITZ: Ganz kurz bitte.


VON SCHIRMEISTER: Ich mußte während des Krieges das gesamte anfallende Nachrichten- und Propagandamaterial der feindlichen Sender durchsehen und Dr. Goebbels davon laufend Auszüge übermitteln. Diese Auszüge waren für Dr. Goebbels die Grundlage für seine Propagandaanweisungen. Er gab sie morgens selber aus. Nachmittags und abends mußte ich sie an die Presseabteilung und Rundfunkabteilung durchtelephonieren, und daher war ich während des Krieges, soweit das nicht meine Vertreter machten, in der Wohnung von Dr. Goebbels, nahm auch die Mahlzeiten mit ihm ein, schlief bei ihm in seinem Hause, begleitete ihn auf seinen Reisen und so weiter.


DR. FRITZ: Welche Stellung nahm Fritzsche damals ein?


VON SCHIRMEISTER: Herr Fritzsche war damals stellvertretender Abteilungsleiter in der Abteilung »Inlandspresse«.


DR. FRITZ: Schildern Sie Art und Bedeutung der Stellung Fritzsches im Propagandaministerium auch in der Folgezeit, ganz kurz bitte.


VON SCHIRMEISTER: Ich sollte mich in der Inlandspresseabteilung einarbeiten. Die Zustände dort waren denkbar schlecht. Der Leiter, Herr Berndt, trieb eine ausgesprochene Holzhammerpolitik. Er schnauzte herum, kommandierte und warf die Schriftleiter am laufenden Band hinaus.


VORSITZENDER: Wollen Sie Ihre Kopfhörer richtig anlegen!


VON SCHIRMEISTER: Die Referenten waren im Format dem Durchschnittsschriftleiter weder an Können noch an Wissen gewachsen. Der einzige ruhende Pol dazwischen ist Herr Fritzsche gewesen. Er war der einzige Fachmann. Er kannte die Nöte und Bedürfnisse der Presse, und er hatte auf der einen Seite das Porzellan zu leimen, das Herr Berndt dauernd zerschlug, und auf der anderen Seite versuchte er organisatorisch die schlechten Referenten durch bessere zu ersetzen.


DR. FRITZ: Kann man also sagen, daß der Angeklagte Fritzsche in sein Amt nicht gekommen ist etwa als Exponent der Partei, sondern als Fachmann?


[260] VON SCHIRMEISTER: Nur als Fachmann. Die extremen Parteimänner im Ministerium nahmen Herrn Fritzsche damals gar nicht ganz für voll. Aber als Fachmann war er damals – und ist er auch später gewesen – der gute Geist der Presse.


DR. FRITZ: Gehörte Fritzsche damals zu den Mitarbeitern des Ministeriums, die Goebbels regelmäßig zu Besprechungen empfing?


VON SCHIRMEISTER: Solche regelmäßige Besprechungen haben damals überhaupt noch nicht stattgefunden. Herr Fritzsche gehörte auf keinen Fall dazu.

DR. FRITZ: Wurde er also erst hinzugezogen, als er Abteilungsleiter geworden war?


VON SCHIRMEISTER: Ja, soweit solche Besprechungen damals überhaupt schon stattfanden, eigentlich erst seit Kriegsbeginn.


DR. FRITZ: In welcher Weise pflegte Dr. Goebbels sich mit seinen Mitarbeitern zu besprechen?


VON SCHIRMEISTER: Seit Kriegsbeginn fanden täglich am Vormittag um 11.00 Uhr Konferenzen statt, die Dr. Goebbels selbst leitete und in denen er alle notwendigen Propagandaanweisungen gab.


DR. FRITZ: Wie viele Teilnehmer hatten diese 11.00-Uhr-Konferenzen?


VON SCHIRMEISTER: In der ersten Zeit, das heißt bis zu Beginn des Rußlandfeldzuges, etwa 20 Personen, später weitete sich dieser Kreis auf etwa 50 Personen aus.


DR. FRITZ: Wurde auf diesen Konferenzen diskutiert, oder stellten sie mehr eine Ausgabe von Befehlen dar?


VON SCHIRMEISTER: Diskutiert wurde auf diesen Konferenzen niemals. Zunächst gab der Verbindungsoffizier des Oberkommandos der Wehrmacht einen Überblick über die militärische Lage, und dann gab Dr. Goebbels seine Anweisungen für die Propaganda, hauptsächlich in Presse, Rundfunk und Wochenschau.


DR. FRITZ: Wer leitete die Konferenzen, wenn Dr. Goebbels einmal nicht anwesend war?


VON SCHIRMEISTER: Normalerweise der Staatssekretär.


DR. FRITZ: Und wer leitete sie, wenn auch der Staatssekretär nicht da war?


VON SCHIRMEISTER: Meist Herr Fritzsche, manchmal auch der Leiter der Auslandspresseabteilung oder der Auslandsabteilung, meist aber Herr Fritzsche.


DR. FRITZ: Gab Fritzsche in diesen Fällen die täglichen Propagandaanweisungen von sich aus, oder wie war das dort?


[261] VON SCHIRMEISTER: Nein, wenn der Minister nicht in Berlin war, ließ er sich auch laufend über das Nachrichtenmaterial, das aus dem Ausland anfiel, unterrichten. Er gab dann mir oder einem meiner Vertreter die Anweisungen genau so wie sonst in der Konferenz. Ich mußte diese Anweisungen durchtelephonieren. In Berlin wurden sie von Stenographen aufgenommen und wortwörtlich als Anweisungen des Ministers in der Konferenz verlesen.

Das muß übrigens auch aus den Protokollen hervorgehen. Sie waren ausdrücklich immer bezeichnet als »Anweisungen des Ministers«.


DR. FRITZ: Wenn Fritzsche sich schriftlich formulierter Weisungen in der von Ihnen geschilderten Art, die Goebbels gegeben hatte, bediente, hat Fritzsche dann von Goebbels nicht behandelte Fragen dadurch zu klären versucht, daß er sie diskutieren ließ?


VON SCHIRMEISTER: Es kam, wenn Dr. Goebbels weiter von Berlin abwesend war, vor, daß die neuen Nachrichten ihn nicht mehr rechtzeitig erreichten.

In diesen Fällen hat Herr Fritzsche die Dinge zur Diskussion gestellt, Für und Wider gegeneinander abgewogen, und dann eine Anweisung auf eigene Faust gegeben; das wurde schriftlich festgehalten; der Minister las es nachher und hat es dann gebilligt oder auch abgeändert.


DR. FRITZ: Nun gab es doch sicher nicht nur solche große Konferenzen mit 30 oder 50 Personen, bei denen Goebbels seine Weisungen erteilte, sondern wohl auch intimere Aussprachen?


VON SCHIRMEISTER: Im Laufe des Vormittags kamen selbstverständlich einzelne Abteilungsleiter zu Dienstbesprechungen auch zum Minister.


DR. FRITZ: Wurde Fritzsche damals zu solchen intimeren Aussprachen hinzugezogen?


VON SCHIRMEISTER: Im allgemeinen nein; denn der Minister benutzte die Konferenzen, bei denen ja alle Abteilungen vorhanden waren, um das, was er gleichzeitig für Presse, Rundfunk und Wochenschau zu sagen hatte, zusammenzufassen. Zu den Einzelbesprechungen kamen dann die Abteilungsleiter, deren Fachgebiet die anderen nicht interessierte.


DR. FRITZ: Wie oft wurde Herr Fritzsche hinzugezogen im Verhältnis zu den Staatssekretären, wie zum Beispiel Hahnke, Gutterer und schließlich Dr. Naumann?


VON SCHIRMEISTER: Die Staatssekretäre konnten immer bei diesen Einzelbesprechungen sein, ebenso die persönlichen Referenten, die immer dabei waren. Herr Fritzsche ist nur ganz selten bei solchen Einzelbesprechungen gewesen.


[262] DR. FRITZ: Wie war die Stellung der zwölf Abteilungsleiter des Propagandaministeriums, von denen einer der Angeklagte Fritzsche war?


VON SCHIRMEISTER: Persönlich waren diese Abteilungsleiter aufzuteilen zwischen Fachmännern auf der einen Seite, wie etwa den Leiter der Haushaltsabteilung Dr. Ott, und ausgesprochenen Parteimännern auf der anderen Seite, wie etwa Herr Berndt. Dienstlich hatten sie alle miteinander auch nicht annähernd das zu sagen, was normalerweise ein Abteilungsleiter in einem Ministerium zu sagen hat. Es war allgemein bekannt, daß der Minister sie als Werkzeuge benutzte, und wenn er sie nicht mehr brauchte, hinauswarf. Es war nicht nur mit den Abteilungsleitern so, sondern ich darf daran erinnern, wie er seinen Staatssekretär Gutterer in unwürdiger Weise weggejagt hat, als er ihn über hatte.


DR. FRITZ: Die Anklage wirft Fritzsche vor, er habe in den Nachrichtenagenturen, Rundfunk und Presse Deutschlands ein Instrument geschmiedet, das eine wichtige Rolle gespielt habe in den Händen der sogenannten Verschwörer bei der Durchführung ihrer Pläne. Stammt die Organisation der Presse im nationalsozialistischen Staat überhaupt von Fritzsche, und was können Sie zu diesem Vorwurf sagen?


VON SCHIRMEISTER: Als Herr Fritzsche ins Ministerium kam, war diese Presseabteilung längst fertig und aufgebaut. Im übrigen darf ich aber auch sagen, daß auch selbst Dr. Goebbels im Sinne der Anklage nicht zu diesem Verschwörerkreis insofern gehörte, als er ja nicht zum Kriege hat treiben wollen, sondern seine Aufgabe gerade in einer unblutigen Eroberung von Ländern gesehen hat.


DR. FRITZ: Also war die Organisation fertig, als Fritzsche die Leitung dieser Abteilung »Deutsche Presse« im Winter 1938/1939 übernahm?


VON SCHIRMEISTER: Jawohl, fix und fertig.


DR. FRITZ: War Fritzsche in dieser Leitung selbständig? Falls nein, wem unterstand er?


VON SCHIRMEISTER: Herr Fritzsche hat leider nicht nur als unselbständiger Abteilungsleiter Herrn Dr. Goebbels unterstanden, sondern er stand zwischen zwei Feuern. Da war auf der anderen Seite nämlich noch der Reichspressechef Dr. Dietrich, und in der ganzen deutschen Presse ist der Zwiespalt zwischen diesen beiden bekannt gewesen. Der Reichspressechef war zwar als Staatssekretär im Propagandaministerium eingebaut, aber trotzdem verlangte er das Recht, selbständig als Reichspressechef Weisungen geben zu können. Und wenn sich nun der Minister und der Reichspressechef über einen Punkt nicht einig waren, dann wurde das jedesmal auf [263] dem Buckel des unglücklichen Abteilungsleiters der Abteilung »Deutsche Presse« ausgetragen.


DR. FRITZ: In welcher Richtung war Fritzsche in der Presseorganisation tätig? Zog er die Fesseln fester an, oder versuchte er sie zu lockern?


VON SCHIRMEISTER: Ich sagte schon, Herr Fritzsche war der einzige wirkliche Fachmann von Format, der in der Presseabteilung war. Er kannte die Nöte und die Sorgen und Bedürfnisse der Presse. Er wußte, daß ein Schriftleiter nur arbeiten kann, wenn man ihm gewisse Freiheiten läßt, und so hat er sich immer und bei jeder Gelegenheit eingesetzt dafür, daß die Fesseln gelockert würden. Er hat das viel mehr getan, als es nach außen in Erscheinung trat, denn der Minister entschied ja dann so oder so, und nach außen kam nur zur Geltung, was der Minister wünschte.


VORSITZENDER: Glauben Sie, daß er die Frage beantwortet hat?


DR. FRITZ: [zum Zeugen gewandt] Hatte Dr. Goebbels Beanstandungen gegenüber der Presse? War sie ihm nicht scharf genug? Ganz kurz bitte.


VON SCHIRMEISTER: Sie war ihm nicht scharf und nicht stur genug, jawohl.


DR. FRITZ: Wie verhielt sich Fritzsche gegenüber solchen Forderungen, und zwar sowohl in Bezug auf einzelne Journalisten als auch in Bezug auf ganze Zeitungen?


VON SCHIRMEISTER: Er ist immer wieder und bei jeder Gelegenheit, sowohl in den vom Minister geleiteten Konferenzen als auch bei privaten Einladungen beim Minister, für die Presse und für diese Journalisten eingetreten und hat versucht, deren Standpunkt dem Minister gegenüber zu vertreten.


DR. FRITZ: Können Sie einige Namen nennen von Journalisten oder von Zeitungen, vor die sich Fritzsche in der geschilderten Weise schützend gestellt hat?


VORSITZENDER: Dr. Fritz! Warum sollte er Namen von Journalisten und Zeitungen angeben. Sind das nicht unnötige Einzelheiten?


DR. FRITZ: Herr Präsident! Dann gestatten Sie, daß ich wenigstens zu dieser Frage ein Affidavit anbiete, als Fritzsche-Exhibit Nummer 5. Es steht in meinem Dokumentenbuch II auf Seite 22 und stammt von dem Verlagsleiter der »Frankfurter Zeitung«, Dr. Wendelin Hecht. Ich möchte es ganz kurz zitieren:

»Zwecks Vorlage beim Internationalen Militärgerichtshof in Nürnberg versichere ich hiermit folgendes an Eides Statt:

[264] 1. Es ist wahr, daß der Angeklagte, Herr Hans Fritzsche, die ›Frankfurter Zeitung‹ mehrere Jahre vor einem Verbot auch dadurch mitbeschützt hat, daß er Exemplare der ›Frankfurter Zeitung‹ dem Führerhauptquartier vorenthielt.

2. Bei den vielen Angriffen, von denen die ›Frankfurter Zeitung‹ infolge ihrer politischen Haltung betroffen wurde, hat sich der Angeklagte Hans Fritzsche wiederholt für das Weiterbestehen der ›Frankfurter Zeitung‹ verwandt.

Leutkirch, den 6. März 1946.

Dr. Wendelin Hecht.«


[Zum Zeugen gewandt:]


Wen gab es außer Dr. Goebbels noch an einflußreichen Personen im Propagandaministerium?

VON SCHIRMEISTER: Nach dem Weggang von Staatssekretär Hahnke hat es nur einen einzigen Mann im Propagandaministerium gegeben, der wirklich Einfluß auf den Minister gehabt hat, nur einen einzigen Mann, zu dem Dr. Goebbels ein persönliches Verhältnis gehabt hat, das war sein späterer Staatssekretär, zunächst persönlicher erster Referent, Dr. Naumann.

DR. FRITZ: Hat sich Fritzsche öfter an Sie gewandt, um Näheres über die Ansichten des Ministers zu erfahren, weil der Minister den Angeklagten Fritzsche oben nicht informierte?


VON SCHIRMEISTER: Sogar sehr oft, denn Herr Fritzsche wußte ja, daß ich mit dem Minister auch in privaten Gesprächen oft zusammen war, und er beklagte sich immer wieder, daß er ja in der Luft hänge, daß er schwimme, ob ich ihm nicht zu diesem oder jenem die Ansicht des Ministers sagen könne. Ich habe ihm dann auch insofern helfen können, als ich ihm gelegentlich Privateinladungen zu Dr. Goebbels besorgte, in denen ich von den Nöten des Herrn Fritzsche offen sprach.


DR. FRITZ: Hat Goebbels den Rundfunk scharf unter seine eigene Kontrolle genommen?


VON SCHIRMEISTER: Der Rundfunk war für Dr. Goebbels während des Krieges das wichtigste Propagandainstrument, das es überhaupt gab. Er hat sich keine Abteilung so scharf selbst unter die Lupe genommen wie den Rundfunk. Er hat in von ihm geleiteten Sitzungen die kleinsten Details des künstlerischen Programms selber bestimmt...


DR. FRITZ: Das genügt, Herr Zeuge. War Fritzsche wirklich der leitende Mann des deutschen Rundfunks, als der er nach außen hin erschien?


VON SCHIRMEISTER: Auch das keineswegs. Der leitende Mann war Dr. Goebbels selbst. Außerdem saß Herr Fritzsche auch da zwischen zwei Stühlen, denn es kamen da von der anderen Seite die [265] Ansprüche des Auswärtigen Amtes für den Auslandsrundfunk dazwischen.


DR. FRITZ: War Fritzsche dem Minister Goebbels in seinen Rundfunkreden etwa zu schlapp?


VON SCHIRMEISTER: Ich habe selbst im Auftrage des Ministers Herrn Fritzsche mehrfach Rügen erteilen müssen von dem Minister, weil seine Vorträge viel zu schlapp seien.


DR. FRITZ: Hat Goebbels ihn auch gelobt und wenn ja, in welcher Weise?


VON SCHIRMEISTER: Wenn der Minister, was häufig geschah, Herrn Fritzsche lobte...


VORSITZENDER: Es interessiert uns nicht, ob Goebbels ihn lobte.


DR. FRITZ: [zum Zeugen gewandt] Eine andere Frage: Hat der Angeklagte Fritzsche dem Minister auch widersprochen?


VON SCHIRMEISTER: Herr Fritzsche war einer der wenigen Männer im Propagandaministerium, die dem Minister widersprochen haben, sowohl in der Konferenz als auch in seiner Wohnung, immer ruhig und bestimmt und oft auch mit einer gewissen Wirkung.


DR. FRITZ: Herr Präsident! Ich erlaube mir, an dieser Stelle auf das bereits mehrfach erwähnte Dokument, Affidavit Scharping, das Fritzsche-Exhibit Nummer 2, zu verweisen, und zwar auf Seite 7 unten bis 8 oben meines Dokumentenbuches Nummer II. Ich darf vielleicht nur einen kurzen Satz wörtlich zitieren. Ich zitiere:

»In den sogenannten Ministerkonferenzen war es ausschließlich Fritzsche, der Goebbels in politischen Fragen widersprach.«

Herr Zeuge! Wer war verantwortlich für die tatsächlich falschen oder übertriebenen Nachrichten in der deutschen Presse während der Sudetenkrise?

VON SCHIRMEISTER: Das war Alfred Ingemar Berndt, der Leiter der Abteilung. Er saß damals ganze Nächte mit Generalstabskarten, Adreßbüchern und Namensverzeichnissen und fabrizierte Greuelmeldungen aus dem Sudetenland. Herr Fritzsche hat das damals mit Sorge verfolgt. Er ist einmal zu mir gekommen und hat mich gefragt: »Wohin treiben wir, kommen wir nicht in einen Krieg? Wenn wir nur wüßten, was die oben eigentlich wollen und was hinter dem allen steht.«

DR. FRITZ: Im Anschluß hieran eine weitere Frage: Beriet Goebbels bei irgendwelchen politischen oder militärischen Aktionen, die durchgeführt wurden oder werden sollten, sich vorher mit dem Angeklagten Fritzsche?


[266] VON SCHIRMEISTER: Nicht nur nicht mit Herrn Fritzsche, sondern mit überhaupt niemanden. Der Minister hat niemals derartige Beratungen geführt.


DR. FRITZ: Fritzsche behauptet, er habe von der Urheberschaft des Dr. Goebbels an den antisemitischen Ausschreitungen im November 1938 erst viel später Kenntnis bekommen, und zwar durch eine Bemerkung von Dr. Goebbels selbst. Das klingt nicht sehr glaubhaft, weil der Angeklagte Fritzsche doch immerhin ein enger Mitarbeiter von Dr. Goebbels war. Können Sie uns hierzu etwas erklären?


VON SCHIRMEISTER: Wir haben 1938 im Ministerium wohl alle nicht gewußt, daß Dr. Goebbels der Urheber war. Dr. Goebbels war in der fraglichen Nacht nicht in Berlin. Er war, soweit ich mich entsinne, kurz vorher beim Führer gewesen und war noch in Süddeutschland. Das Gespräch, das Sie eben erwähnen, hat erst mitten im Kriege stattgefunden, und zwar in Lanke, der einen Wohnung des Ministers, gelegentlich einer Einladung, bei der auch Herr Fritzsche zugegen war. Damals fragte den Minister irgend jemand direkt nach den Zusammenhängen der Ausschreitungen vom November 1938. Darauf erklärte Dr. Goebbels: »Die nationalsozialistische Wirtschaftsführung war zu der Auffassung gekommen, daß sich eine Eliminierung des Judentums aus der deutschen Wirtschaft nicht weiter durchführen lasse...«


DR. FRITZ: Herr Zeuge! Entschuldigen Sie, das genügt. Wir haben darüber heute schon gehört.

Hat sich Fritzsche in späterer Zeit – und zwar soll es im Juni 1944 gewesen sein – nochmals mit Ihnen unterhalten über seine generelle Einstellung zur Judenfrage?


VON SCHIRMEISTER: Ich habe Herrn Fritzsche im Mai oder Juni 1944 in seiner Wohnung darauf angesprochen, daß er mir damals, an diesem Ausschreitungstage, gesagt hatte: »Schirmeister, kann man das als anständiger Mensch eigentlich noch mitmachen?« Und da hat mir Herr Fritzsche denn gesagt: »Wissen Sie, ich bin allerdings immer Judengegner gewesen, aber nur in dem Sinne, wie es ein Teil der Juden ja selber auch war.« Er nannte eine jüdische Zeitung, ich glaube, die »C. V.-Zeitung«, die...


DR. FRITZ: Das genügt mir, Herr Zeuge. Wie kam es dann zu den antisemitischen Äußerungen Fritzsches in mehreren seiner Rundfunkansprachen?


VON SCHIRMEISTER: Die waren vom Minister befohlen. Wir hatten aus der englischen Presse gesehen, daß in England eine gewisse antisemitische Strömung im Anwachsen war. Durch ein Gesetz in England wurde das dann aus der englischen Presse abgestoppt. Der Minister wünschte nun einen gemeinsamen Nenner zu [267] haben, gegen den im Ausland unsere Propaganda gerichtet werden könne. Dieser gemeinsame Nenner war der Jude. Um die Auslandspropaganda von innen her zu unterstützen, bekam Herr Fritzsche Anweisungen, nun auch im Inland in einigen seiner Vorträge dieses Thema anzuschneiden.


VORSITZENDER: Wie lange brauchen Sie noch, den Fall Fritzsche abzuschließen?


DR. FRITZ: Ich glaube, höchstens eine dreiviertel Stunde, Herr Präsident.


VORSITZENDER: Gut, danach wird der Gerichtshof dann den Fall des Angeklagten Bormann bis morgen 13.00 Uhr fortsetzen.


[Das Gericht vertagt sich bis

29. Juni 1946, 10.00 Uhr]


Quelle:
Der Prozeß gegen die Hauptkriegsverbrecher vor dem Internationalen Gerichtshof Nürnberg. Nürnberg 1947, Bd. 17, S. 232-269.
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