Nachmittagssitzung.

[438] [Der Angeklagte Jodl im Zeugenstand.]


DR. LATERNSER: Herr Generaloberst! Vor Besetzung der Tschechoslowakei fand am 10. 8. 1938 auf dem Berghof eine Besprechung Hitlers mit den militärischen Führern statt, bei der auch Sie zugegen waren. Über diese Besprechung ist bisher hier noch nicht gesprochen worden. Ich möchte Sie fragen: Was hatte diese Besprechung zum Gegenstand?

JODL: Bei dieser Besprechung hielt der Führer nur vor Generalstabsoffizieren einen etwa zweieinhalbstündigen Vortrag über die gesamtpolitische und militärische Lage und ging dabei vor allem ein auf das sudetendeutsche Problem, von dem er sagte, daß es unter allen Umständen gelöst werden müsse. Er schilderte die verschiedenen Möglichkeiten und er schilderte vor allem deutlich seine Absicht, aber auch sein Vertrauen, daß er das zuwege brächte, ohne daß ihm dabei Frankreich und England in die Arme fallen würden.


DR. LATERNSER: Das war der Inhalt dieser Besprechung?


JODL: Das war im wesentlichen der Inhalt dieser Besprechung.


DR. LATERNSER: Wissen Sie, aus welchem Grunde die Oberbefehlshaber der Wehrmachtsteile und ihre Chefs nicht beteiligt waren?


JODL: Das weiß ich daher, weil der Chefadjutant, Major Schmundt, mich vor der Besprechung darüber informierte. Er sagte mir, es sei die Absicht des Führers, einmal zu den älteren General-Stabsoffizieren unmittelbar zu sprechen, wenn sie dem Einfluß ihrer Oberbefehlshaber entzogen seien, damit sie nicht unter Umständen durch die zu kritische Einstellung der Oberbefehlshaber wieder in der Ausführung seiner Weisungen wankend würden.


DR. LATERNSER: Nun ist es aber während dieser Besprechung dennoch zu einer sehr erheblichen Kritik gekommen, und zwar seitens dieser Offiziere?


JODL: Ich will nicht sagen, daß es eine Kritik war, aber einer der Generale glaubte doch, den Führer auf die Möglichkeit hinweisen zu können oder hinweisen zu müssen, daß eben doch Frankreich und England eingreifen würden, wenn er gegen die Tschechei etwas unternähme. Das war der General von Wietersheim.


DR. LATERNSER: Hat Hitler dieses Prinzip der Ausschaltung der höchsten militärischen Führer von einer derartigen Besprechung in späteren Fällen auch noch befolgt?


JODL: Der Führer hat das sehr oft, ich möchte sagen, grundsätzlich getan. Er ließ sich zum Beispiel nach unserem gescheiterten Angriff auf den Brückenkopf von Nettuno, südwestlich von Rom, [438] untere Truppenführer aus diesen Kämpfen ins Führerhauptquartier kommen, und zwar vom Regimentskommandeur angefangen bis zum Kompaniechef, und hat sie persönlich tagelang ohne Anwesenheit ihrer Vorgesetzten und jeden für sich allein verhört. Er tat das gleiche sehr, sehr oft mit Fliegeroffizieren, die er ohne Beteiligung des Oberbefehlshabers der Luftwaffe vernommen hat.


DR. LATERNSER: Herr Generaloberst! Sie waren bei den meisten Besprechungen über die Lage bei Hitler anwesend. Konnten die jeweilig im Führerhauptquartier anwesenden Oberbefehlshaber ohne weiteres an diesen Besprechungen teilnehmen?


JODL: Solange bei diesen Orientierungen über die Lage nur von dem die Rede war, was sich schon ereignet hatte, war der Führer sehr weitherzig mit der Teilnahme. Sobald aber etwas zur Sprache kam, was erst eine operative Absicht war, zum Beispiel der Angriff 1942 in Rußland, da durfte ein Oberbefehlshaber von der Westfront nicht teilnehmen und umgekehrt auch nicht. Also bezüglich seiner Absichten weihte er nur die Offiziere ein, die es dienstlich wissen mußten.


DR. LATERNSER: In solchen Fällen wurde dann der sogenannte »Kleinste Kreis« zur Lagebesprechung befohlen?


JODL: Das ist richtig. Da gab im Auftrage des Führers der Chefadjutant bekannt, es findet jetzt noch eine Besprechung im »Kleinsten Kreise« statt, an der nur teilnehmen: die und die Offiziere.


DR. LATERNSER: Haben Sie während der Lagebesprechung häufig energische Gegenvorstellungen von Oberbefehlshabern gehört und miterlebt? Von wem und bei welcher Gelegenheit? Ich bitte Sie, auf die wichtigsten Vorfälle sich zu beschränken.


JODL: Ich kann nur ganz kurze Antworten auf die Frage geben, sonst müßte ich eine Stunde darüber sprechen. Ich kann sagen, daß es überhaupt keinen Vortrag gab, bei dem nicht die, ich möchte sagen, alte traditionelle Auffassung über Operationen in einen Konflikt geriet mit der revolutionären des Führers, so daß ich, von einzelnen Operationen vielleicht im ersten Teil des Krieges abgesehen, feststellen kann, daß bei jedem derartigen Vortrag eines Oberbefehlshabers die Meinungen aufeinanderplatzten. Da könnte ich alle Oberbefehlshaber nennen, die es überhaupt gibt. Ich weiß keinen, bei dem das nicht der Fall gewesen wäre.


DR. LATERNSER: Sie kannten ja sicherlich alle Oberbefehlshaber der Armee?


JODL: Die Oberbefehlshaber in der ersten Hälfte des Krieges, die kannte ich bis einschließlich der Armeeoberbefehlshaber alle. In der zweiten Hälfte des Krieges gab es Armeeoberbefehlshaber im [439] Osten, die ich nicht kannte. Sie waren meist nicht aus dem Generalstab hervorgegangen, sondern aus der Truppenlaufbahn; die kannte ich dann teilweise nicht.


DR. LATERNSER: Herr Generaloberst! Konnte zum Beispiel ein Oberbefehlshaber einer Armee sich ohne weiteres bei Hitler zu einer Besprechung anmelden?


JODL: Ein Oberbefehlshaber einer Armee konnte das nicht. Ein Oberbefehlshaber einer Heeresgruppe mußte erst den Oberbefehlshaber des Heeres fragen, solange es diesen gab. Als der Oberbefehlshaber des Heeres nicht mehr da war, beantragten die Oberbefehlshaber einer Heeresgruppe meist bei der militärischen Adjutantur oder durch den Chef des Generalstabs des Heeres, daß sie zum Vortrag bestellt werden sollen. Die Armeeoberbefehlshaber konnten das nicht.


DR. LATERNSER: Wenn also ein Oberbefehlshaber einer Armee beabsichtigte, gegen irgendeine Maßnahme, die er nicht für richtig hielt, Gegenvorstellungen zu erheben, dann mußte er sich an seinen Oberbefehlshaber der Heeresgruppe und dieser sich wieder an den Oberbefehlshaber des Wehrmachtsteiles wenden; und lediglich über diesen konnten im normalen Dienstwege Gegenvorstellungen Hitler gegenüber gemacht werden?


JODL: Das ist durchaus richtig; das haben alle militärischen Stellen getan und es war eine langjährige Erscheinung.


DR. LATERNSER: Was wissen Sie über eine Aufputschung Hitlers durch Himmler gegen die Generale? Wenn ich den Ausdruck »Generale« gebrauche, dann verstehe ich nur diejenigen, die unter die »Gruppe« fallen.


JODL: Ich habe einen Teil dieser Antwort vielleicht schon vorweggenommen, indem ich darüber Klage geführt habe, daß wir nicht in der Lage waren, den Führer von militärischen Meldungen und Nachrichten abzuriegeln, die er von unverantwortlichen Stellen bekam. Und es war nun eine laufende Erscheinung, daß gerade aus Kreisen der Polizei unaufhörlich die Gelegenheit benutzt wurde, auf dem Wege über Himmler gegen die traditionelle, oder wie sie es nannten, reaktionäre, humanitäre, ritterliche Einstellung der höheren Führer zu Felde zu ziehen, durch die die scharfen Befehle des Führers über ein, wie er sagte, brutales Durchgreifen inhibiert würden. Das war eine ständige Erscheinung; nicht gegenüber allen, durchaus nicht, auch nicht gegenüber allen Oberbefehlshabern; aber auf manche konzentrierte sich das.


DR. LATERNSER: Herr Generaloberst! Sie haben meine Frage noch nicht beantwortet. Ich hatte Sie gefragt, ob Sie etwas von einer Aufputschung Hitlers durch Himmler wissen, und zwar aus Gründen, die Sie mir bitte angeben wollen.


[440] JODL: Ja, die Folge dessen, was ich eben geschildert habe, die war dann ein Vortrag Himmlers, natürlich unter vier Augen, beim Führer, in dem er nun gegen einzelne Oberbefehlshaber, ausschließlich gegen solche des Heeres, Klage führte; wir merkten das daran, daß dann am nächsten Tage der Führer plötzlich anfing, gegen diesen Oberbefehlshaber, ohne daß wir wußten warum, irgendwelche Einwendungen zu erheben und ihn schlecht zu machen.


DR. LATERNSER: Wie war das Verhältnis zwischen OKW und OKH?


JODL: Vor dem Kriege und in der ersten Zeit des Krieges war das Verhältnis zwischen Oberkommando der Wehrmacht und Oberkommando des Heeres mit einer starken Spannung belastet. Der Grund war aber ausschließlich ein intern-militärischer, weil durch die Schaffung des Oberkommandos der Wehrmacht eine Generalstabsgruppe entstanden war, die sich außerhalb der Befugnisse des Chefs des Generalstabs des Heeres befand und, ich möchte sagen, beinahe über den Generalstab des Heeres gestellt, diesem Befehle gab. Und diese Konstellation wurde natürlich vom Generalstab des Heeres mit einem außerordentlichen Mißtrauen betrachtet. Ich darf aber hinzusetzen, daß es meinen und des Feldmarschalls Keitel und vieler vernünftiger Offiziere Bemühungen gelungen ist, diese Spannung im Laufe des Krieges völlig zu überwinden.


DR. LATERNSER: Das dürfte genügen, Herr Generaloberst, zu diesem Punkt.

Den militärischen Führern wird zum Vorwurf gemacht, die Beendigung des aussichtslosen Krieges unnötig verzögert zu haben. Was wissen Sie über Bemühungen der Feldmarschälle von Rundstedt und Rommel nach geglückter Invasion?


JODL: Ich erinnere mich der Besprechung mit diesen beiden Oberbefehlshabern, als der Führer mit mir in das vorbereitete Hauptquartier nördlich Reims geflogen war. Das war etwa im Juli 3944. Bei dieser Besprechung haben sowohl der Feldmarschall von Rundstedt als auch besonders Rommel in einer ganz unmißverständlichen Weise den Ernst der Gesamtlage in Frankreich dargestellt, gekennzeichnet durch die überwältigende Überlegenheit der angelsächsischen Luftwaffe, gegen die man eben mit Erdoperationen machtlos war. Und ich erinnere mich genau, daß der Feldmarschall Rommel zum Schluß den Führer fragte: »Mein Führer, wie stellen Sie sich denn eigentlich überhaupt jetzt den Weitergang dieses Krieges vor.« Der Führer war ziemlich ungehalten über diese Bemerkung und gab nur kurz zur Antwort: »Das ist eine Frage, die nicht zu Ihren Obliegenheiten gehört. Die müssen Sie meine Sache sein lassen.«


DR. LATERNSER: Haben Sie den Brief gelesen, den Feldmarschall von Kluge kurz vor seinem Tod an Hitler geschrieben hat?


[441] JODL: Ich stand neben dem Führer, als er diesen Brief bekam. Er öffnete den Umschlag, las den Brief und gab ihn dann mir zum Lesen. Es stand genau das Gegenteil von dem drin, was ich erwartet hatte. Der Feldmarschall von Kluge begann diesen Brief mit einer ungeheuren Anerkennung der Person des Führers, indem er schilderte, wie er ihn bewundert habe, mit welcher Energie er diesen Krieg durchgehalten hätte, und er sei ihm vielleicht innerlich viel näher gestanden, als der Führer ahne. Er sei auch noch mit vollem Vertrauen an seine Aufgabe im Westen herangegangen. Aber nachdem die versprochene Unterstützung durch die eigene Luftwaffe ausgeblieben sei, habe er sich jetzt davon überzeugt, daß die Lage hoffnungslos wäre, und er könne ihm in der letzten Stunde seines Lebens nur noch den einen guten Rat geben, jetzt Frieden zu machen. Das war kurz gedrängt der Inhalt dieses Briefes.


DR. LATERNSER: Herr Generaloberst! Können Sie noch weitere Beispiele anführen für Bemühungen seitens der Oberbefehlshaber, den aussichtslos gewordenen Krieg zu beenden?


JODL: Es konnte kein Oberbefehlshaber die politische Frage anschneiden; denn die Beendigung des Krieges ist ja nicht eine militärische, sondern sie ist eine politische Entscheidung. Aber indirekt muß ich sagen, gab es keinen Offizier in verantwortlicher Stellung, der nicht dem Führer vollkommen nüchtern, ehrlich und offen die militärische Lage so dargestellt hat und auch so aussichtslos dargestellt hat, wie sie zum Schluß geworden ist. Auch ich persönlich habe diese meine Auffassung schriftlich in einer Denkschrift dem Führer übergeben.


DR. LATERNSER: Ich habe wenige Fragen zu den einzelnen Feldzügen. Wie war die Einstellung des OKH, insbesondere des Feldmarschalls von Brauchitsch, zum Österreichunternehmen?


JODL: Ich war etwa am Vorabend des Einmarsches nachts 2.00 Uhr beim Feldmarschall von Brauchitsch und ich traf ihn in einer vollkommen desolaten Stimmung an. Ich sah eigentlich keinen Grund dafür ein, aber er hatte offenbar die Überzeugung oder den Glauben, daß sich aus diesem Einmarsch unter Umständen doch ein militärischer Konflikt entweder mit Italien oder mit der Tschechoslowakei entwickeln könnte. Vielleicht war er aber auch überhaupt, politisch betrachtet, nicht sehr erfreut über diese bevorstehende Zunahme, starke Zunahme des süddeutschen Elements im Rahmen des Reiches. Ich weiß es nicht. Jedenfalls war er außerordentlich bedrückt.


DR. LATERNSER: Welches waren die Gründe für die Spannungen, die nach dem Polenfeldzug zwischen Hitler einerseits und den militärischen Führern andererseits bestanden?


JODL: Das war eine Zeit eines besonders schweren Konfliktes, und zwar deswegen, weil der Oberbefehlshaber des Heeres und [442] sehr viele der höheren Generale eben diese Auffassung hatten, die ich heute früh schon bekundet habe, daß man im Westen ruhig bleiben müsse, um den Krieg zu beenden. Und weil das nun wieder ein politisches Argument war, das sie nicht sagen konnten, hat damals der Oberbefehlshaber des Heeres ein militärisches Argument dem Führer vorgebracht. Und dieses Argument lautete: In dem Zustand, in dem sich unser Heer zur Zeit befindet, ist es nicht in der Lage, eine Armee wie die französische, verstärkt durch die englische, in einem Angriffsfeldzug niederzuwerfen. Das erregte beim Führer eine ungeheure Erbitterung, die sich in allen Ansprachen an die Oberbefehlshaber immer wieder zeigte. Die ganze Rede vom 23. November, die ganze Denkschrift, die er am 10. Oktober geschrieben hat, sind alle nur aus diesem Konflikt heraus zu erklären und zu betrachten.


DR. LATERNSER: Die Anklage hat zur Begründung der Anklage gegen die Gruppe verschiedene eidesstattliche Erklärungen vorgelegt. Ich möchte Sie bitten, zu dem Affidavit Nummer 12, US-557, abgegeben von Walter Schellenberg, Stellung zu nehmen. Auf Seite 1 behauptet Schellenberg, daß in den Frontgebieten die SD-Einsatzgruppen den Armeen völlig unterstellt gewesen seien, also taktisch, fachlich und truppendienstlich, wie er es in seiner eidesstattlichen Erklärung angibt. Ist das richtig, Herr Generaloberst?


JODL: Das ist in einem nur sehr eingeschränkten Maße richtig. Ich muß an den Anfang der Beantwortung den Satz stellen, daß mir der Begriff »Einsatzgruppen« und »Einsatzkommandos« überhaupt erst hier in Nürnberg geläufig geworden ist. Ich muß das ganz offen aussprechen auf die Gefahr hin, daß man mich einen »Parsival« nennt. Aber es ist Tatsache. Ich wußte nur von der Polizei. Nun war das Operationsgebiet des Heeres in drei Teile geteilt. Das vorderste hieß das Kampfgebiet, und das reichte so weit ungefähr, als die Artilleriewirkung des Gegners reichte. In diesem Gebiet war alles, was sich dort überhaupt aufhielt, dem Heere in jeder Hinsicht unterstellt. Aber in diesem Gebiet gab es auch keine Polizei, außer die Geheime Feldpolizei, die dem Heere ohnedies voll unterstand.


DR. LATERNSER: Die Geheime Feldpolizei war doch überhaupt eine divisionseigene Truppe?


JODL: Das war eine Divisionstruppe, die den Polizeidienst innerhalb der Truppe überhaupt durchführte. Dahinter kam das rückwärtige Armeegebiet, das den Armeeoberbefehlshabern unterstand, und dahinter schloß sich dann das rückwärtige Heeresgebiet an, in dem sich die gesamten Nachschubkolonnen und Einrichtungen des Generalquartiermeisters des Heeres befanden. Und in diesem Hauptgebiet, das weitaus der größte Teil war, das war 97 Prozent des ganzen Operationsgebietes, in diesem Gebiet unterstand die gesamte Polizei oder überhaupt alles, was nicht organisch zum Heere gehörte, [443] auch dem Heere nicht taktisch, sondern das unterstand der Polizei, zum Beispiel dem Reichsführer-SS Himmler. Und nur in einer truppendienstlichen Hinsicht, das heißt bezüglich ihrer Versorgung, ihrer Bewegung beim Vormarsch oder Rückzug, da hatte das Heer selbstverständlich die Befugnis, diesen Truppen über ihre Bewegung und über ihre Unterbringung Befehle zu geben.


DR. LATERNSER: Schellenberg führt an, daß in den rückwärtigen Operationsgebieten und in den rückwärtigen Heeresgebieten diese Einsatzgruppen nur truppendienstlich dem Heere, aber befehlsmäßig und fachlich dem Reichssicherheitshauptamt unterstanden haben. Ist das richtig?


JODL: Das ist richtig. Diese gesamte Polizei hat Befehle, was sie zu tun hat, nur von Himmler bekommen.


DR. LATERNSER: Schellenberg behauptet dann weiter in diesem Affidavit Nummer 12, US-557, daß in dieser truppendienstlichen Unterstellung auch die disziplinäre Unterstellung enthalten gewesen sei. Ist das richtig?


JODL: Das ist falsch. Niemals konnte ein Offizier des Heeres einen Angehörigen der Polizei oder SS bestrafen.


DR. LATERNSER: Wie nun festgestellt worden ist, bestand die Hauptaufgabe dieser Einsatzgruppen in der Massenvernichtung von Juden und Kommunisten. Schellenberg behauptet nun in seinem Affidavit Nummer 12, daß nach seiner Überzeugung die Oberbefehlshaber der Heeresgruppen und Armeen von diesen Aufgaben auf dienstlichem Wege genau orientiert worden seien. Nachdem nun Schellenberg in diesem Affidavit seine Überzeugung angegeben hat, bitte ich Sie um die Ihre, da Sie ja, wie ich wohl richtig annehme, mit der bestorientierte Offizier der Wehrmacht gewesen sind.


JODL: Ich kann natürlich nicht genau beurteilen, was in der Praxis des Zusammenlebens an der Front die Oberbefehlshaber dort erfahren haben oder nicht; aber ich kann mit aller Bestimmtheit sagen, daß ich niemals einen Befehl gesehen habe, der etwas anderes enthalten hätte, als daß diese Polizeitruppen zu dem Zwecke in das Operationsgebiet geschickt seien, um dort für polizeiliche Ruhe und Ordnung, für die Aufdeckung von Aufständen und von Partisanentätigkeit zu sorgen. Ich habe niemals weder eine Meldung noch einen Befehl darüber gesehen, der etwas anderes enthalten hätte.


DR. LATERNSER: Herr Generaloberst! Glauben Sie, daß die Oberbefehlshaber der Armeen oder Heeresgruppen stillschweigend derartige Zustände hingenommen hätten?


JODL: Ich halte es für ausgeschlossen, weil sie in viel kleineren Vorfällen den heftigsten Protest erhoben haben. Hunderte von Dokumenten, die hier von der Anklage vorgelegt wurden, beweisen unaufhörlich Satz für Satz, wie an der Front und von der Truppe[444] Einspruch erhoben wurde gegen Maßnahmen, die sie entweder für menschlich unzulässig oder für gefährlich hielten für die Buhe und Ordnung in den besetzten Gebieten. Ich erinnere nur an die Denkschrift von Blaskowitz. Das war eine der ersten.


DR. LATERNSER: Haben Sie diese Denkschrift gelesen?


JODL: Ich habe sie nicht gelesen, ich habe nur von ihr gehört.


DR. LATERNSER: Die Anklage hat weiter das Affidavit Nummer 13 des Rittmeisters Wilhelm Scheidt vorgelegt, US-558. In diesem Affidavit gibt Scheidt folgendes an:

Ich zitiere von Seite 2:

»Es war eine allgemein bekannte Tatsache, daß der Partisanenkrieg von beiden Seiten mit Grausamkeit geführt wurde.«

Ich lasse nun einen Satz aus. Er führt weiter aus:

»Es steht außer Frage, daß diese Tatsachen den führenden Offizieren im Wehrmachtführungsstab und im Generalstab des Heeres bekanntgewesen sein müssen. Es war weiterhin bekannt, daß Hitler der Ansicht war, daß im Kampf gegen die Partisa nen nur die Anwendung von grausamen Abschreckungsstrafen erfolgreich sein könne.«

Ist diese Behauptung des Rittmeisters Scheidt richtig, nämlich daß die führenden Offiziere des Wehrmachtführungsstabes und Generalstabs des Heeres von diesem von beiden Seiten grausam geführten Partisanenkrieg gewußt haben?

JODL: Was wir über den Partisanenkrieg gewußt haben, und zwar zunächst wie er von der Gegenseite geführt wurde, das liegt dem Gericht bereits vor, nämlich in meiner von mir unterschriebenen Vorschrift über die Bandenbekämpfung in diesem Dokument F-665. Dort ist auch im Eingang eine längere Abhandlung, wie die Partisanen diesen Krieg führten. Das haben wir uns natürlich nicht aus den Fingern gesogen, sondern das war der Extrakt von Hunderten von Meldungen. Daß nun eine Truppe in diesem Kampfe, wenn sie persönlich unter dem Eindruck dieser Kampfweise der Gegner steht, auch ihrerseits nicht gerade sehr milde verfährt, das konnte man sich denken. Aber trotzdem enthielten die Vorschriften, die wir herausgaben, niemals ein Wort darüber, daß in diesem Partisanenkampf keine Gefangenen zu machen seien; sondern im Gegenteil, es war auch aus allen Meldungen ersichtlich, daß die Zahl der Gefangenen weitaus größer war, wie die der Toten. Daß der Führer selbst der Auffassung war, es dürfe der Truppe in der Führung dieses Gegenkampfes gegen die Partisanen keinerlei Einschränkung gemacht werden, das ist authentisch durch meine vielen Auseinandersetzungen und auch die des Generalstabs des Heeres mit dem Führer darüber bewiesen.

[445] DR. LATERNSER: Wenn nun den Oberbefehlshabern Meldungen zugegangen sind über Grausamkeiten, begangen von den eigenen Soldaten?


JODL: Dann ist dagegen kriegsgerichtlich eingeschritten worden. Und auch das liegt dokumentarisch fest, denn ich erinnere an den Befehl, den der Führer herausgegeben hat und der mit dem Satz beginnt etwa: »Mir ist gemeldet worden, daß gegen einzelne Soldaten der Wehrmacht wegen ihres Verhaltens im Partisanenkampf kriegsgerichtlich eingeschritten worden ist.«


DR. LATERNSER: Und das ist dann das einzige, was der Oberbefehlshaber in solchen Fällen tun kann?


JODL: Eine andere Möglichkeit hatte er nicht und er hat auch nach diesen Befehlen immer noch nach seinen rechtlichen Auffassungen gehandelt. Wer konnte ihn denn daran hindern?


DR. LATERNSER: Die Anklage hat weiter das Affidavit Nummer 15 des Generals Röttiger, US-559, vorgelegt. In dieser Erklärung gibt Röttiger an, auf Seite 1 in der Mitte:

»Ich bin erst jetzt auf Grund der mir vorgelegten Dokumente zu der Erkenntnis gekommen, daß mit der Anordnung zur schärfsten Durchführung des Bandenkampfes von höchster Stelle möglicherweise im Endziel der Zweck verfolgt wurde, den militärischen Bandenkampf des Heeres auch dazu auszunützen, die rücksichtslose Liquidierung des Judentums und anderer unerwünschter Elemente zu ermöglichen.«

Hat die höchste Wehrmachtführung einen derartigen Standpunkt eingenommen und ein derartiges Endziel beabsichtigt?

JODL: Nein. Also natürlich nach der Kirche ist man klüger wie vorher. Auch ich habe heute viele Erkenntnisse gewonnen, die ich vorher nicht hatte; aber diese Erkenntnis geht völlig irre; denn unter den Partisanen befanden sich so gut wie keine Juden. Diese Partisanen waren im wesentlichen fanatische, stahlharte russische Kämpfer, und zwar Weißrussen in der vorwiegenden Anzahl. Und das mußte auch der Zeuge Bach-Zelewski auf Anfrage meines Verteidigers schon zugeben, daß sich unter diesen Partisanen so gut wie keine Juden befanden. Und was die Ausrottung des Slawentums betrifft, so kann ich nur feststellen, die Slawen, die im Partisanenkampf getötet worden sind, waren ja allerhöchstens ein Zwanzigstel oder ein Dreißigstel von dem, was in den normalen großen Schlachten mit den sowjetrussischen Armeen die Russen an Toten und Verwundeten verloren haben. Das fiel zahlenmäßig dabei überhaupt gar nicht ins Gewicht. Das geht also völlig irre.

DR. LATERNSER: Von dem gleichen General Röttiger hat die Anklage ein weiteres Affidavit Nummer 16, und zwar US-560, [446] vorgelegt. General Röttiger führt im letzten Satz folgendes an – ich zitiere:

»Obwohl man allgemein über die Sonderaufgaben der SD-Einheiten Bescheid wußte und dies ja auch anscheinend mit Wissen der obersten Wehrmachtführung geschah, traten wir deren Methoden weitmöglichst entgegen, da die... Gefährdung der eigenen Truppe bestand.«

General Röttiger behauptet also in dieser eidesstattlichen Erklärung, daß die Sonderaufgaben der SD-Einheiten, anscheinend allerdings nur mit Wissen der obersten Wehrmachtführung erledigt worden seien. Wenn das richtig wäre, dann müßten Sie, Herr Generaloberst, ja über die Aufgaben Bescheid wissen und diese Fragen haben Sie ja vorhin schon...

JODL: Das habe ich schon beantwortet. Ich habe nie einen Offizier gesprochen, nie, der von diesen Dingen Kenntnis hatte und das mir gegenüber zum Ausdruck brachte.

DR. LATERNSER: Ebenfalls in der Anklage gegen Generalstab und Oberkommando hat die Anklage das Affidavit Nummer 17, und zwar als US-562 vorgelegt. Diese eidesstattliche Erklärung stammt von einem SS-Führer Rode. Rode gibt an, und zwar auf Seite 2 oben:

»Als Beweis kann man ja den Befehl des OKW und OKH anführen, der bestimmte, daß alle gefangenen Bandenangehörigen, wie zum Beispiel Juden, Agenten und politische Kommissare von der Truppe unverzüglich dem SD zwecks Sonderbehandlung zu übergeben sind. Außerdem enthielt dieser Befehl damals die Anordnung, daß im Bandenkampf keinerlei Gefangene außer den Obengenannten zu machen sind.«

Herr Generaloberst! Bestand ein derartiger Befehl, daß im Bandenkampf keine Gefangenen zu machen seien?

JODL: Ein derartiger Befehl hat niemals bestanden. Ich habe niemals einen solchen Befehl gesehen; in den Vorschriften über die Bandenbekämpfung stand er nicht. Im übrigen ist von dieser Aussage hier so ziemlich jedes Wort falsch. Einen Befehl OKW/OKH gab es nie, also einen Befehl, der von beiden Stellen stammte. Juden in den Banden habe ich schon erwähnt; Agenten unter den Banden, Agenten, das ist eine Sache für sich; politische Kommissare ist ein ganz anderer Punkt; und dem SD sind sie überhaupt nie übergeben worden zur Sonderbehandlung, wenn es geschehen ist. Denn der SD hatte eine ganz andere Aufgabe, höchstens der Sicherheitspolizei. Es ist also jedes Wort falsch.

DR. LATERNSER: Von dem gleichen SS-Führer Rode liegt ein Affidavit Nummer 18 vor, das von der Anklage als US-563 vorgelegt worden ist. In diesem Affidavit führt Rode folgendes aus:

[447] »Soweit mir bekannt ist, waren die SD-Einsatzgruppen bei den einzelnen Heeresgruppen diesen voll unterstellt, taktisch sowohl auch in jeder anderen Weise. Den Oberbefehlshabern waren deshalb die Aufgaben und Arbeitsmethoden dieser Einheiten völlig bekannt. Sie haben die Aufgaben und Arbeitsmethoden gebilligt, da sie ja einschneidend niemals dagegen Front gemacht haben.«

Kennen Sie den SS-Führer Rode?

JODL: Ich kenne ihn nicht, aber ich glaube, es ist nicht notwendig, viel dazu zu sagen; denn hier in diesem Zeugenstand hat der General der Polizei Schellenberg, der ja selbst eine solche Einsatzgruppe geführt hat, also es wirklich wissen muß, ganz klar zum Ausdruck gebracht, wie sein Unterstellungsverhältnis war und von wem er seine Aufträge bekommen hat.

DR. LATERNSER: Das war nicht der Zeuge Schellenberg, sondern das war der Zeuge Ohlendorf.


JODL: Ohlendorf? Ja.

DR. LATERNSER: Ich habe noch einige Fragen zum Kommissarbefehl. Waren Sie bei der Besprechung zugegen als Hitler den Oberbefehlshabern den Kommissarbefehl mündlich eröffnet hat?


JODL: Er hat über den Kommissarbefehl schon gleich zu Beginn nur mit dem Oberbefehlshaber des Heeres, meiner Erinnerung nach, oder dem Generalstabschef und ein paar Offizieren des OKW gesprochen. Er kam dann in seiner Ansprache an die Oberbefehlshaber in einer späteren Zeit, meiner Erinnerung nach, auf diese seine Anordnung ebenfalls zu sprechen. Und ich glaube, es war damals bei dieser zweiten Besprechung, wo er die Worte geprägt hat: »Ich kann nicht verlangen, daß meine Generale meine Befehle verstehen, aber ich muß verlangen, daß sie sie befolgen.«


DR. LATERNSER: Kennen Sie Oberbefehlshaber, die gegen diesen Befehl Widerstand geleistet haben?


JODL: Mir ist später einmal erzählt worden, ich weiß nicht, ob es richtig ist, daß Feldmarschall Rommel diesen Befehl verbrannt hätte.


DR. LATERNSER: Bezieht sich diese Erinnerung, Herr Generaloberst, nicht auf den Kommandobefehl? Generalfeldmarschall Rommel war...


JODL: Ja, das war der Kommandobefehl. Sie sprachen doch über den Kommissarbefehl nicht wahr?


DR. LATERNSER: Richtig.


JODL: Ich erinnere mich, daß von seiten des Oberkommandos des Heeres, das ja diesen Befehl leider ausführen sollte, eigentlich unaufhörlich Vorstellungen erhoben worden sind, über eine längere Zeit [448] hindurch. Unter der Hand sagten mir auch Offiziere des Generalstabs, er würde größtenteils gar nicht durchgeführt. Aber ich kenne da einen offiziellen Antrag beim Führer, diesen Befehl nun auch wirklich offiziell aufzuheben. Und das ist auch geschehen. Ich weiß nicht mehr, wann das war.


DR. LATERNSER: Von wem ist dieser Antrag gestellt worden?


JODL: Vom Oberkommando des Heeres, ob vom Generalstabschef oder vom Oberbefehlshaber, das kann ich nicht sagen.


DR. LATERNSER: Wann ist dieser Antrag gestellt worden?


JODL: Ich glaube, daß es im Frühjahr 1942 war.


DR. LATERNSER: Im Frühjahr 1942? Und auf diesen Antrag hin...


JODL: Der Befehl ist, das weiß ich genau, aufgehoben worden.


DR. LATERNSER: Haben Sie irgendeinen Oberbefehlshaber gesprochen, der diesem Befehl zugestimmt hat?


JODL: Nein, alle Offiziere, die ich gesprochen habe, hielten den Befehl erstens für menschlich abzulehnen und zweitens für praktisch falsch.


DR. LATERNSER: Bei der mündlichen Begründung, die Hitler zu diesem Befehl gegeben hat und die Sie hier schon teilweise angegeben haben, soll Hitler noch weitere Gründe für diesen Befehl angegeben haben, die ich Sie bitten möchte – damit dieser Komplex ganz klar ist – noch anzugeben.


JODL: Er hat längere Ausführungen darüber gemacht, wie immer, wenn er die Notwendigkeit empfunden hat, jemand zu überzeugen.


DR. LATERNSER: Hat er angegeben...


VORSITZENDER: Sind die Gründe dafür nicht schon angegeben worden?


DR. LATERNSER: Nach meiner Orientierung sind sie noch nicht vollständig angegeben worden.


[Zum Zeugen gewandt:]


Hat Hitler bei dieser Besprechung angegeben, daß...

VORSITZENDER: Einen Augenblick. Haben Sie nicht schon die Gründe angegeben, die Ihrer Aussage nach Hitler für diesen Befehl vorbrachte?

JODL: Ich habe wesentliche Gründe noch nicht angegeben, auf die der Führer noch hinwies. Das waren...


VORSITZENDER: Einen Augenblick bitte.

[449] Dr. Laternser! Ich habe Sie schon bei vielen Gelegenheiten bitten müssen, sich bei der Vernehmung von Zeugen kürzer zu fassen. Sie haben sich tatsächlich länger als eine Stunde mit dem Generalstab beschäftigt. Jeder Zeuge, der an den Zeugenstand kommt, wird von Ihnen sehr lange befragt, und der Gerichtshof ist der Ansicht, daß durch Sie ein großer Teil seiner Zeit verschwendet wurde. Dieser Zeuge kann Ihnen weitere Gründe geben, aber ich will keine Auseinandersetzung darüber. Er kann seine Erklärung jetzt bringen.


JODL: Ich habe nur noch zu ergänzen, daß der Führer damals sagte: »Wenn Sie das nicht glauben, was ich Ihnen hier sage, dann lesen Sie mal die Meldungen der Abwehr nach, die wir über das Verhalten der russischen Kommissare in den besetzten baltischen Staaten bekommen haben. Dann werden Sie ein Bild bekommen, was von diesen Kommissaren zu erwarten ist.« Das führte er ebenfalls an.


DR. LATERNSER: Ich möchte noch über die Vortragsnotiz, und zwar über Dokument 884-PS, das als USSR-351 vorgelegt worden ist, eine Frage an Sie richten.


VORSITZENDER: Wiederholen Sie bitte die Nummer.


DR. LATERNSER: Es ist die Nummer 884-PS. Dieses Dokument ist von der Russischen Anklagebehörde am 13. Februar vorgelegt worden und befindet sich auf Seite 151 des zweiten Dokumentenbuches für Generaloberst Jodl. Unter Ziffer II dieser Vortragsnotiz, Seite 153, ist folgendes angegeben. Ich zitiere:

»Demgegenüber sieht die Denkschrift 3 des Reichsleiters Rosenberg vor...«

Ich will nicht weiter verlesen, es kommt dann ein Vorschlag. Ich möchte Sie fragen, aus welchem Grund ist diese Ziffer II in diese Vortragsnotiz aufgenommen worden?

JODL: Ich kann natürlich nur eine Vermutung aussprechen, weil sie nicht von mir stammt; aber ich habe keine Zweifel, daß sie...

VORSITZENDER: Wir wollen kein Rätselraten von ihm, verstehen Sie. Wenn er nur raten kann, dann soll er es sein lassen. Wir wollen Beweise, kein Raten.


DR. LATERNSER: Ja, dann verzichte ich auf diese Frage. Ich habe angenommen, daß der Zeuge hierüber eine persönliche Kenntnis hat.

Herr Zeuge! Sie haben gestern angegeben, daß der Kommandobefehl vom 18. Oktober 1942 auf Antrag des Oberbefehlshabers West eine Abänderung, also teilweise Aufhebung, erfahren hat. Wer war der Oberbefehlshaber West, der diese Aufhebung beantragt hat?


JODL: Das war der Generalfeldmarschall von Rundstedt, und zwar hat er die Aufhebung des gesamten Befehls beantragt.


DR. LATERNSER: Sie kennen den Befehl des Generals Ton Reichenau, den die Russische Anklage am 13. Februar als [450] USSR-12 vorgelegt hat. Er ist datiert vom 10. Oktober 1941. Kennen Sie die Gründe für die Ausgabe dieses Befehls?


JODL: Ja, denn Reichenau war damals Oberbefehlshaber der 6. Armee und in seinem Armeeabschnitt lag die Stadt Kiew; und was sich in der Stadt Kiew Ende September ereignet hat, habe ich schon heute früh zu schildern begonnen; und das war der Anlaß zu dem Befehl.


DR. LATERNSER: Wie wurde die Gerichtsbarkeit gehandhabt durch die Oberbefehlshaber, streng oder weniger streng?


JODL: Ich kenne es deshalb, weil mir Dr. Lehmann...


VORSITZENDER: Das hat nichts mit der Anklage gegen das Oberkommando zu tun. Es wurde keine Anklage gegen das Oberkommando wegen Einsetzung von Kriegsgerichten oder deren schlechter Handhabung erhoben.


DR. LATERNSER: Herr Vorsitzender! Ich glaube, in diesem Punkt anderer Meinung sein zu müssen. Denn wenn die Oberbefehlshaber von irgendwelchen Disziplinwidrigkeiten oder Grausamkeiten erfahren haben...


VORSITZENDER: Ist Ihnen in der Anklage oder in dem Beweismaterial irgendwie eine Stelle bekannt, in der das Oberkommando oder ein Mitglied des Oberkommandos wegen ungehörigen Verhaltens bei einem Kriegsgericht oder in Zusammenhang mit einem Kriegsgericht beschuldigt wird?


DR. LATERNSER: Nein. Ich will damit nur die typische Einstellung der Oberbefehlshaber dartun.


[Zum Zeugen gewandt:]


Was wissen Sie über die Gründe des Massenster bens russischer Kriegsgefangener im Winter 1941?

JODL: Darüber bin ich unterrichtet, weil die Adjutanten des Führers, und zwar mehrere Adjutanten, persönlich dort hingeschickt waren und dem Führer in meiner Gegenwart darüber berichteten. Es drehte sich vor allem jetzt um das Massensterben nach der letzten großen Kesselschlacht von Wjasma. Der Grund für dieses Massensterben wurde von diesen Adjutanten des Führers folgendermaßen geschildert: Die eingeschlossenen russischen Armeen hatten einen fanatischen Widerstand geleistet, und zwar bereits die letzten acht bis zehn Tage ohne jede Verpflegung. Sie hatten buchstäblich von Baumrinden und Wurzeln gelebt, denn sie hatten sich in die ungangbarsten Waldgebiete zurückgezogen und fielen nun in einem Kräftezustand in unsere Hände, in dem sie kaum mehr bewegungsfähig waren. Es war unmöglich, sie fortzuschaffen. Es war in dieser angespannten Versorgungslage, in der wir uns mit dem zerstörten Bahnnetz befanden, unmöglich, sie alle zu fahren. Unterkünfte waren [451] nicht in der Nähe. Der größte Teil wäre nur durch eine sofortige sorgfältige Lazarettbehandlung zu retten gewesen. Sehr bald setzte dann der Regen ein und später die Kälte; und das ist der Grund, warum ein so großer Teil dieser, gerade dieser Gefangenen von Wjasma, gestorben ist.

So lautete der Bericht der dorthin entsandten Adjutanten des Führers. Die gleichen Meldungen kamen vom Generalquartiermeister des Heeres.


DR. LATERNSER: Was wissen Sie über die Beschießung von Leningrad durch die deutsche Artillerie? Sie werden sich erinnern, daß hier ein Zeuge über diesen Punkt vernommen worden ist?


JODL: Ich war bei zwei Besprechungen, die der Führer persönlich mit dem deutschen Artilleriekommandeur abgehalten hat, der die Artillerie vor Leningrad führte. Er brachte die genaue Zielkarte und es waren nach einem ganz sorgfältigen System nur die Schlüsselbetriebe in Leningrad als Ziele vorgesehen, die zu beschießen notwendig war, um die Widerstandskraft der Festung tatsächlich lahmzulegen. Vor allem waren es die Betriebe, die dort immer noch Munition erzeugten. Die Munition für diese schweren Geschütze, von denen ja nur ein geringer Teil bis in die Mitte Leningrads hineinreichte, war so knapp, daß man außerordentlich sparsam mit ihr umgehen mußte. Denn meistens waren es Beutegeschütze aus Frankreich und wir hatten nur so viel Munition, wie wir erbeutet hatten.


DR. LATERNSER: Sie wissen, daß der Zeuge behauptet hat, die Artillerie habe nach seiner Meinung absichtlich die Schlösser in Leningrad vernichtet. Sie haben die Artilleriezielkarte gesehen?

JODL: Ich habe die Artilleriezielkarte selbst viele Wochen in meiner Mappe gehabt. Es war ausschließlich die Rüstungsindustrie; denn nur Wahnsinnige würden auf etwas anderes schießen. Daß dabei durch die Streuung natürlich auch die Schüsse woanders hingingen, das weiß jeder Artillerist.


DR. LATERNSER: Was wissen Sie über den Befehl Hitlers und des OKH, bei dem Rückzug im Winter 1941 Wohnhäuser und Kamine zu zerstören? Die Gründe für das Zustandekommen dieses Befehls?


JODL: Die Gründe sind die, daß die...


DR. LATERNSER: Ich beziehe mich auf den Befehl USSR-130. Ich habe leider nicht feststellen können, an welchem Tage dieser Befehl von der Anklagebehörde vorgelegt worden ist. Ich werde es feststellen und noch angeben lassen.


JODL: In diesem furchtbaren Winterkampf bis zu 48 Grad Kälte haben die Führer von der Front dem Führer im Hauptquartier gemeldet, daß es sich bei diesem Kampf ausschließlich um [452] den Kampf um Wärmestellen handle. Wer nicht im Besitz einer Feuerstelle ist, also einer Ortschaft mit noch brauchbaren Öfen, der könne sich nicht halten, der könne auch nicht kämpfen am nächsten Tage. Also hier war es wirklich nur ein Kampf um die Öfen, und wenn wir infolgedessen zum Rückzug gezwungen waren, befahl der Führer daraufhin, dann müssen diese Kamine zerstört werden; nicht nur die Häuser, sondern auch die Kamine müssen gesprengt werden; denn das allein verhindert in dieser kritischen Lage eine Verfolgung durch die Russen. Und da nach der Haager Landkriegsordnung jede Zerstörung erlaubt ist, die militärisch unbedingt notwendig ist, glaube ich, daß man für diese Art des Winterkrieges, und nur im Winter ist es geschehen, diesen Befehl auch rechtfertigen kann.


DR. LATERNSER: Was wissen Sie über den Fall Katyn?


JODL: Über die Auffindung dieser Massengräber habe ich die erste Meldung bekommen durch meine Propagandaabteilung, die durch ihre Propagandakompanie bei der Heeresgruppe unterrichtet war. Ich habe erfahren, daß das Reichspolizeikriminalamt mit der Untersuchung dieser ganzen Angelegenheit betraut worden ist; und ich habe dann einen Offizier meiner Propagandaabteilung zu den Ausgrabungen und zu den Vorführungen vor den ausländischen Sachverständigen mitgeschickt; und von dem habe ich dann einen Bericht bekommen, der im großen dem entspricht, wie er im Weißbuch, ich glaube, des Auswärtigen Amtes, niedergelegt ist.

Irgendeinen Zweifel an dieser Tatsache, wie sie darin dargestellt ist, habe ich niemals, von keinem Menschen gehört.


DR. LATERNSER: Sie haben auch den Film gesehen, der hier von der Russischen Anklagebehörde vorgeführt worden ist und der Grausamkeiten behandelte, begangen im jugoslawischen Raum. Können Sie verschiedene Bilder, die Sie noch in Erinnerung haben, erklären?


JODL: Ich glaube, daß jedes Bild, das hier gezeigt worden ist, als Bild absolut richtig ist und richtig war; das waren erbeutete Photographien. Aber es ist ja nicht gesagt worden, was diese Photographien darstellten. Es ging ja aus dem Film nicht hervor, ob der Hund, der einen Menschen zerfleischt, nicht in einer Heereshundeschule aufgenommen...


VORSITZENDER: Das ist nur Argumentation.


DR. LATERNSER: Ich wollte bereits abstoppen.


VORSITZENDER: Jawohl.


DR. LATERNSER: Ich habe an bestimmte Aufnahmen gedacht, die Sie vielleicht aufklären können so, daß nichts...

Ich erinnere mich dieser einen Aufnahme, wo ein Polizeihund einen Menschen oder eine Puppe anspringt. Können Sie angeben...

[453] VORSITZENDER: Sie haben ihn über diese Bilder gefragt, und er sagt, es seien seiner Meinung nach alles echte Aufnahmen. Er hat sie nicht aufgenommen und weiß nichts darüber, und alles, was er sagen kann, scheint uns nur Argumentation zu sein.


DR. LATERNSER: Ich ziehe die Frage zurück.

Herr Generaloberst! Ist Löwen so genommen worden, wie der Zeuge van der Essen ausgesagt hat? Der Zeuge van der Essen sagte, daß um Löwen gar nicht gekämpft worden sei.


JODL: Ich habe festgestellt, daß im Wehrmachtsbericht vom, ich glaube, vom 18. Mai, der Satz enthalten ist: »Löwen nach schwerem Kampf genommen«, und ich glaube nicht...


VORSITZENDER: Über welchen Ort haben Sie gefragt?


DR. LATERNSER: Ich fragte den Zeugen, auf welche Weise Löwen genommen worden ist, ob es vom Gegner nur geräumt und dann besetzt worden ist oder ob um diesen Ort gekämpft werden mußte. Der Zeuge hat nämlich angegeben, daß um Löwen nicht gekämpft worden sei und daß es daher ein besonders verwerfliches Stück sei.


VORSITZENDER: Was hatte das mit dem Generalstab zu tun?

DR. LATERNSER: Ja dann, Herr Präsident, weiß ich nicht, wem dieses Ereignis zur Last gelegt werden soll. Ich kann keine Verbindung zu irgendeinem der Angeklagten feststellen. Dann müßten wir das ganze Vorbringen streichen, wenn es niemand zugerechnet werden kann.


VORSITZENDER: Ist dies eines der Vorkommnisse, auf die sich die Anklageschrift bezieht?


DR. LATERNSER: Nein, in der Anklageschrift ist darüber nichts ausgeführt worden.


VORSITZENDER: Und in der Beweisaufnahme?


DR. LATERNSER: Da ist darüber nichts ausgeführt worden; aber es ist im Beweisverfahren ein Zeuge vorgeführt worden, der aussagte, daß durch die deutsche Artillerie die Universität Löwen mutwillig zerstört worden sei; es habe gar keine Veranlassung dazu bestanden, den Ort zu beschießen.


VORSITZENDER: Ich habe den Namen des Ortes nicht verstanden, aber setzen Sie nur fort.


JODL: Ich weiß, daß im Wehrmachtsbericht vom 18. Mai 1940 der Satz aufgenommen war: »Löwen nach schwerem Kampf genommen.« Und wenn der deutsche Wehrmachtsbericht auch vielleicht manches verschwiegen hat, wissentlich die Unwahrheit hat er nie gesagt, das kann ich hiermit feststellen, denn ich habe ihn redigiert.


[454] DR. LATERNSER: Über den Fall Oradour haben Sie bereits gestern Ausführungen gemacht. Ich wollte Sie nur fragen: Was hat Feldmarschall von Rundstedt wegen dieses Falles unternommen, als er ihm gemeldet worden ist?


JODL: Ich habe viele Wochen später erfahren, daß durch den Feldmarschall von Rundstedt eine Untersuchung eingeleitet worden ist und daß über den Fall Oradour auch ein Schriftwechsel zwischen Feldmarschall Keitel, der Waffenstillstandskommission und dem Feldmarschall von Rundstedt im Gange war.


DR. LATERNSER: Ist durch den Oberbefehlshaber West ein kriegsgerichtliches Verfahren eingeleitet worden?


JODL: Das muß wohl der Fall gewesen sein; denn ich habe die Erklärung eines SS-Gerichts zu diesem Vorfall gelesen.


DR. LATERNSER: Wie dieses Verfahren ausgegangen ist?


JODL: Das kann ich nicht sagen.


DR. LATERNSER: Dann komme ich zu den letzten Punkten:

Wie viele Besprechungen haben vor der Ardennenoffensive stattgefunden, im Dezember 1944?


JODL: Über die Ardennenoffensive haben vier Besprechungen stattgefunden.


DR. LATERNSER: Haben Sie an allen diesen Besprechungen teilgenommen?


JODL: Ich habe an allen diesen Besprechungen teilgenommen.


DR. LATERNSER: Ist anläßlich einer dieser Besprechungen zu irgendeiner Zeit ein Befehl gefordert oder gegeben worden, während dieser Offensive Gefangene zu erschießen?


JODL: Nein, ich kann aber noch mehr sagen: Es ist bei keiner dieser Besprechungen überhaupt ein Wort gefallen, das außerhalb der rein operativen Überlegungen gelegen hätte. Es ist überhaupt nicht gesprochen worden über das Verhalten der Truppe.


DR. LATERNSER: Herr Generaloberst! Hätten Sie es erfahren, wenn ein derartiger Befehl von – wollen wir mal annehmen – Feldmarschall von Rundstedt gegeben worden wäre?


JODL: Ein solcher Befehl ist völlig ausgeschlossen. Er konnte niemals auf dem Wege der Soldaten gegeben worden sein. Er konnte höchstens auf dem Dienstweg über die Polizei, über Himmler oder die SS ergangen sein.


DR. LATERNSER: Aber dann doch nicht mit Verbindlichkeit für Wehrmachtsteile, also Heeresteile, die beteiligt gewesen waren?


JODL: Es ist völlig ausgeschlossen, daß ein Oberbefehlshaber des Heeres einen solchen Befehl überhaupt akzeptiert hätte; und [455] ich kenne überhaupt keinen Befehl des Führers, der sich in dieser Hinsicht gegen normale Gefangene gerichtet hätte.


DR. LATERNSER: Ich habe diese Frage auch nur deshalb gestellt, weil ebenfalls der Zeuge van der Essen hier ausgesagt hat, daß er nach der Art der Gefangenenbehandlung auf einen entsprechenden Befehl von höherer Stelle schließen müsse, und aus diesem Grunde habe ich die Frage gestellt.

Kennen Sie den Fall, und zwar den Kommandofall...


VORSITZENDER: Dr. Laternser! Ich dachte, Sie hätten Ihre letzte Frage gestellt? Sie sagten doch, das sei Ihre letzte Frage.


DR. LATERNSER: Die letzten Fragen. Ich bin in fünf Minuten fertig, Herr Präsident. Ich bitte zu berücksichtigen, daß Herr Generaloberst Jodl zur angeklagten Gruppe gehört und er derjenige Offizier ist, der am besten orientiert ist, und daß dann zu einer Vernehmung eineinhalb Stunden wirklich nicht eine zu große Zeit sein dürfte.


[Zum Zeugen gewandt:]


Kennen Sie den Kommandofall, an dem der Sohn des britischen Feldmarschalls Alexander beteiligt war?

JODL: Ja, den Fall kenne ich.

DR. LATERNSER: Bitte, schildern Sie diesen Fall.


JODL: Ich erfuhr diese Angelegenheit durch eine Meldung. Ich weiß nicht mehr, von wem sie kam. Ich habe mit dem Feldmarschall Keitel darüber gesprochen und habe meine Ansicht vertreten, daß man deswegen doch nicht ein Gerichtsverfahren gegen einen Leutnant zu machen brauche, weil er eine deutsche Feldmütze bei einem solchen Unternehmen getragen hat. Es war nämlich ein Gerichtsverfahren gegen ihn im Gange und daraufhin hat der Feldmarschall Keitel den Befehl gegeben, dieses Verfahren einzustellen.


DR. LATERNSER: Ist das Verfahren dann auch eingestellt worden?


JODL: Das Verfahren ist eingestellt worden.


DR. LATERNSER: Nun, bezüglich des Umfanges der Gruppe noch zwei Fragen: Welche Befugnisse hatte der stellvertretende Chef des Wehrmachtführungsstabes?


JODL: Der stellvertretende Chef des Wehrmachtführungsstabes, möchte ich sagen, dirigierte in der Praxis die Generalstabsarbeit meines ganzen Stabes, von dem ich ja räumlich abgesetzt war; denn ich war in dem sogenannten Sperrkreis 1 und mein Stab war in dem Sperrkreis 2, also außerhalb; und diese ganze Generalstabsarbeit innerhalb des engsten Stabes, die leitete er und im Bedarfsfall hat er mich natürlich vertreten.


[456] DR. LATERNSER: Die Anklage hat behauptet, daß der stellvertretende Chef des Wehrmachtführungsstabes verantwortlich gewesen sei, für die strategische Planung. Ist das richtig?


JODL: Nein, das war in erster Linie ich.


DR. LATERNSER: Ist die Bedeutung der Stellung des stellvertretenden Chefs des Wehrmachtführungsstabes entsprechend der Bedeutung der übrigen Dienststellungen, die in der angeklagten Gruppe zusammengefaßt sind?


JODL: Nein, sie liegt mit großem Abstand darunter. Er hatte nicht die Stellung eines Armeeoberbefehlsha bers und nicht die Stellung eines Generalstabschefs.


DR. LATERNSER: Danke sehr, ich habe keine weiteren Fragen.


VORSITZENDER: Der Gerichtshof wird sich vertagen.


[Pause von 10 Minuten.]


VORSITZENDER: Hat noch ein anderer Verteidiger Fragen zu stellen?

DR. STAHMER: Waren Sie, Herr Generaloberst, zugegen, als Ende März 1944 Himmler in der Lagebesprechung Hitler meldete, daß etwa 80 englische Fliegeroffiziere aus dem Lager Stalag III, Sagan, geflohen seien?


JODL: Ich bin in dem Augenblick, als Himmler diese Tatsache gemeldet hat, nicht in der großen Halle des Berghofs gewesen, sondern ich war in einem Nebenraum, um zu telephonieren.

Als sich dann eine ungeheuer laute Diskussion entwickelte, bin ich vorübergehend an den Vorhang getreten, um zu hören, was hier los sei; und dabei hörte ich, daß es sich um den Ausbruch der englischen Flieger aus dem Lager Sagan handelte.


DR. STAHMER: War Reichsmarschall Göring bei dieser Lagebesprechung zugegen?


JODL: Der Reichsmarschall war bei dieser Lagebesprechung nicht zugegen. Das weiß ich mit absoluter Sicherheit.


DR. STAHMER: Haben Sie in späteren Gesprächen mit dem Reichsmarschall von dessen Einstellung zu der ausgeführten Erschießung eines Teils der geflohenen Offiziere Kenntnis erhalten?


JODL: Ich weiß aus den Gesprächen mit dem Generalstabschef der Luftwaffe, daß der Reichsmarschall über diese Erschießung empört war, wie ich überhaupt weiß, daß gerade in diesen Punkten immer der ehemalige Offizier bei ihm zum Durchbruch kam, der solche Unglaublichkeiten abgelehnt hat. Da muß man der Wahrheit die Ehre geben. Es kam aus diesem Grunde zu wiederholten [457] Auseinandersetzungen zwischen ihm und dem Führer, die ich persönlich miterlebt habe.


DR. STAHMER: Ich habe keine weiteren Fragen mehr.


RECHTSANWALT GEORG BÖHM, VERTEIDIGER FÜR DIE SA: Mit Erlaubnis des Gerichts werde ich an den Zeugen einige Fragen stellen.

Herr Zeuge! Sie waren Chef des Wehrmachtfüh rungsstabes, und es sind Ihnen die Einheiten, die Ihnen zur Verfügung gestanden sind, bekannt. Die Anklage behauptet nun, daß Sie von der SA erwartet haben, daß Sie sie als eine Kampftruppe an den ersten Tagen des Angriffskrieges finden würden, und zwar auf der Basis der sogenannten Kommandotruppe. Ich möchte Sie nun fragen: Ist Ihnen die Bezeichnung »Kommandotruppe« bekannt im Zusammenhang mit einer Verwendung der SA als solcher durch die Wehrmacht?


JODL: Nein, das ist mir nicht bekannt. Das Wort Kommandotruppe habe ich zum erstenmal gehört in der Verbindung mit den Unternehmungen der englischen Ranger-Bataillone. Bei uns ist dieser Begriff niemals angewendet worden.


RA. BÖHM: Es ist also völlig ausgeschlossen demnach, daß die SA als Kommandotruppe hinter den regulären Truppen bei dem Einmarsch in Österreich oder bei der Besetzung des Sudetenlandes verwendet worden ist?


JODL: Mir ist kein Fall bekannt, daß Formationen der SA bei der Besetzung eines anderen Landes mitgewirkt hätten, mit Ausnahme des Freikorps Henlein, das sich aber vorwiegend aus den sudetendeutschen Flüchtlingen zusammensetzte. Bei diesem Freikorps Henlein waren, glaube ich, einige Führer der SA, die früher Offiziere waren, tätig.


RA. BÖHM: Fand das Regiment »Feldherrnhalle« als SA-Einheit oder als Regiment der Wehrmacht im Kriege Verwendung?


JODL: Das Regiment »Feldherrnhalle« war ausschließlich ein Regiment der Wehrmacht, das lediglich, ich möchte sagen, die Tradition der SA verkörperte und vorwiegend sich aus der SA rekrutierte. Aber es hatte mit der Obersten SA-Führung gar nichts zu tun, und es war voll und ganz ein Regiment der Wehrmacht.


RA. BÖHM: Ist Ihnen etwas davon bekannt, daß in 25 Gruppenschulen und in drei Reichsführerschulen der SA jährlich etwa 22000 bis 25000 Führer und Unterführer ausgebildet worden sind für die Front und daß diese 22000 bis 25000 Führer und Unterführer als solche in der Wehrmacht Verwendung gefunden haben?


JODL: Davon ist mir nichts bekannt, und ich halte es für ausgeschlossen, daß die Wehrmacht ihre Führer und Unterführer durch irgend jemand anders ausbilden ließ als durch ihr eigenes Personal.


[458] RA. BÖHM: Ist es nicht vielmehr so, daß die sämtlichen SA-Angehörigen als gewöhnliche Soldaten zur Wehrmacht eingezogen und in der für Wehrmachtsan gehörige üblichen Weise vom gemeinen Soldaten sich hochdienen mußten?


JODL: Die SA wurde wie jeder Deutsche in die Wehrmacht eingezogen, und ich kenne eine Menge Fälle, wo hohe SA-Führer in den alleruntersten Stellungen als Soldaten oder als Unteroffiziere mit ihrem Dienst in der Wehrmacht begonnen haben.


RA. BÖHM: Die Anklage behauptet dann weiter, daß nach 1934 nicht nur 22000 bis 25000 Führer und Unterführer von der SA ausgebildet worden seien, sondern daß auch 25000 Offiziere und Unteroffiziere von der SA für die Wehrmacht weiterhin ausgebildet worden seien. Ist Ihnen davon etwas bekannt?


JODL: Was ich vorhin schon über die Unterführer gesagt habe, gilt in noch viel höherem Maße für Offiziere. Die Offiziere wurden nur auf den Kriegsschulen des Heeres ausgebildet und sonst nirgends.


RA. BÖHM: Die Anklage behauptet weiter – und ich frage Sie, ob Ihnen dazu etwas bekannt ist –, daß im Zuge der Totalisierung des Kriegseinsatzes 86 Prozent des hauptberuflichen Führerkorps zur Verfügung gestellt worden seien?


JODL: Darauf kann ich eine bindende Antwort nicht geben, das ist mir nicht bekannt.


RA. BÖHM: Und weiter behauptet die Anklage, daß die SA als Ganzes von ihren nach Millionen zählenden Angehörigen 70 Prozent an die Wehrmacht abgegeben habe. Es mag möglich sein, daß 70 Prozent der SA-Angehörigen ihrer Wehrpflicht genügten.

Ich wollte Sie fragen: Wurden diese 70 Prozent aus der SA als Ganzes eingezogen oder wurden diese 70 Prozent nicht vielmehr im Rahmen der allgemeinen Einberufungen, wie sie der wehrfähigen männlichen Bevölkerung gegenüber stattfanden, eingezogen?


JODL: Die SA spielte im Rahmen unseres Ersatzwesens überhaupt gar keine Rolle. Der Mann wurde als wehrpflichtiger Deutscher eingezogen wie jeder andere. Ob er vorher in der SA war oder nicht, spielte gar keine Rolle.


RA. BÖHM: Wurden jemals von der Wehrmacht SA-Nachrichtenstürme oder Pionierstürme oder Reiter-und Sanitätsstürme verwendet, beziehungsweise zu Kampfhandlungen in- oder außerhalb eines Divisionsverbandes der Wehrmacht eingesetzt?


JODL: Mir persönlich ist kein Fall bekannt, daß irgendeine SA-Formation überhaupt im Kriege außerhalb der Heimat in Erscheinung getreten wäre.


RA. BÖHM: Stand dem Chef des Wehrmachtführungsstabes ein Verbindungsmann zur SA zur Verfügung?


[459] JODL: Nein, sondern von Zeit zu Zeit kam gelegentlich ein Offizier der Obersten SA-Führung zu mir, und dabei erkundigte er sich meist nach dem Schicksal und nach dem Ergehen des aus der SA hervorgegangenen oder hauptsächlich aus SA-Angehörigen zusammengesetzten Regiments »Feldherrnhalle« und später auch eines Panzerverbandes, der ebenfalls die Tradition der »Feldherrnhalle« der SA weiterführte.


RA. BÖHM: Die Anklage hat eine Zeitung vorgelegt, aus der hervorgeht, daß gelegentlich der Musterung von SA-Angehörigen Feldmarschall Brauchitsch anwesend gewesen sei, und sie will damit den engen Zusammenhang zwischen der Ausbildung der SA und der Wehrmacht darstellen. Können Sie sich diese Aufnahme oder dieses Photo erklären?


JODL: Ich glaube, daß es sich darum handelt, daß der Feldmarschall von Brauchitsch einmal den Stabschef Lutze begleitet hat, als dieser eine Besichtigung einer normalen SA-Einheit vorgenommen hat und daß er dabei von dem Feldmarschall von Brauchitsch begleitet worden ist, weil wir tatsächlich, wie ich schon schilderte, nach dem Röhm-Putsch keinerlei Konfliktstoffe mit der SA mehr hatten, die bei Kriegsbeginn ihre gesamte Ausrüstung einschließlich aller Zeitplanen an die Wehrmacht abgegeben hat. Dessen erinnere ich mich besonders genau.


RA. BÖHM: Konnte es sich bei diesem Besuch des Feldmarschalls von Brauchitsch, bei dieser Musterung von SA-Angehörigen, um eine dienstliche Tätigkeit des Feldmarschalls drehen?


JODL: Nein, das war meiner Ansicht nach ein Akt der Courtoisie.


RA. BÖHM: Aus dem Gesichtspunkt der Verschwörung, wie hier behauptet wird im Zusammenhang mit der SA, ist Ihnen bekannt, daß es Aufgabe der SA zu allen Zeiten gewesen sein soll, insbesondere aber in den Jahren 1933 bis 1939, Deutschland und insbesondere die Jugend auf einen harten Eroberungskrieg vorzubereiten, indem sie – die SA – sowohl in Deutschland als auch insbesondere bei der Jugend Kriegsgeist geschaffen, vergrößert und erhalten habe. Ist Ihnen in dieser Richtung aus Ihren persönlichen Wahrnehmungen etwas bekannt?


JODL: Das ist mir nicht bekannt. Daß die SA als eine Gliederung der Partei sich ebenfalls bemühte, einen vaterländischen Geist innerhalb ihrer Reihen zu erhalten, die körperliche Ertüchtigung zu pflegen, das ist selbstverständlich. Vorbereitet auf Angriffskriege hat überhaupt niemand irgend jemanden.


RA. BÖHM: Das ist aber das, was hier in Bezug auf die SA behauptet wird; und da sind Sie der Auffassung, daß das nicht wahr ist?


JODL: Ich habe keinerlei Anhaltspunkte dafür.


[460] RA. BÖHM: Danke schön, ich habe keine weiteren Fragen.


DR. MARTIN HORN, VERTEIDIGER DES ANGEKLAGTEN VON RIBBENTROP: Herr Generaloberst! Als X-Tag für den Vormarsch gegen Polen war zunächst der 26. August 1939 bestimmt worden. Ist es richtig, daß am 25. August die Aufhebung dieses Vormarschbefehls auf dringende Vorstellung Ribbentrops erfolgte, weil nach der dem Auswärtigen Amt ergangenen Mitteilung England den am 6. April 1939 mit Polen geschlossenen Bündnisvertrag ratifiziert hatte und Ribbentrop dem Führer erklärte, daß dies im Falle eines Vormarsches der deutschen Truppen den Krieg mit England bedeutet?


JODL: Ich weiß nicht ganz soviel, als Sie gefragt haben; aber ich weiß doch etwas davon. Als wir am 25. ganz überraschend den Befehl bekamen, »Der für den 26. vorgesehene Angriff findet nicht statt«, da habe ich den damaligen Major Schmundt angerufen – denn der Feldmarschall Keitel war nicht da – und frug ihn: Was ist denn da los? Da sagte er mir, daß vor kurzem der Reichsaußenminister dem Führer die Mel dung überbracht hätte, daß England einen Pakt – einen Beistandspakt – mit Polen abgeschlossen hat und daß er deshalb mit einem Eingreifen Englands in den Polenkrieg rechnen würde. Und aus diesem Grunde hätte der Führer den Befehl zum Angriff zurückgezogen. Das habe ich damals erfahren.


DR. HORN: Im Frühjahr 1941 fand nach dem Simowitsch-Putsch eine Besprechung des Führers mit den Befehlshabern der Wehrmachtsteile statt, zu der später auch der Angeklagte von Ribbentrop hinzugezogen wurde. Ist es richtig, daß von Ribbentrop in dieser Besprechung die Auffassung vertrat, vor einer militärischen Aktion auf diplomatischem Wege zu versuchen, die Differenzen mit Jugoslawien auszugleichen? Wie reagierte Hitler auf diesen Vorschlag?


JODL: An diesen Vorfall erinnere ich mich, und zwar besonders gut, weil ich etwa eine Stunde vorher dieselbe Andeutung gegenüber dem Führer gemacht hatte, daß wir doch durch ein Ultimatum die Lage klären würden. Und eine Stunde später machte nun in Unkenntnis dessen der Reichsaußenminister dieselbe Bemerkung. Ihm erging es wesentlich schlechter als mir. Ihm sagte der Führer: »Wie stellen Sie sich das eigentlich vor? Die Jugoslawen, die lügen Ihnen das Blaue vom Himmel herunter; die sagen selbstverständlich, daß sie keinerlei kriegerische Absicht haben, und wenn wir dann in Griechenland einmarschiert sind, dann packen sie uns im Rücken an.«

Dieser Aussprache erinnere ich mich sehr genau.


DR. HORN: Herr Generaloberst! Ist es richtig, daß das Auswärtige Amt vom Ausbruch des russischen Krieges an aus Ostfragen völlig ausgeschaltet war und daß Ribbentrop sich dagegen persönlich [461] und auch durch seinen Verbindungsmann, den Botschafter Ritter, hierüber beklagt hat, ohne Erfolg mit seinen Vorschlägen bei Hitler zu haben?


JODL: Mir ist bekannt, daß der Botschafter Ritter, der ja sehr häufig zu mir kam, wiederholt im privaten Gespräch darüber geklagt hat, daß man dem Auswärtigen Amt solche ungeheuren Stücke aus seinem Aufgabengebiet einfach herausgerissen hat, und ich muß annehmen, daß das nicht nur die Auffassung von Botschafter Ritter war, sondern die Auffassung wohl des ganzen Auswärtigen Amtes und auch des Außenministers.


DR. HORN: Sie haben in Ihrer Vernehmung bereits erwähnt, daß die Wehrmacht gegen Hitlers Absicht gewesen sei, aus der Genfer Konvention auszutreten. Ist Ihnen bekannt, daß Ribbentrop sich der Ansicht Hitlers ebenfalls energisch widersetzte und daß es – nach anfänglicher Ablehnung der Gegenvorstellungen der Wehrmacht – Ribbentrop gelang, Hitler zu veranlassen, von seiner Absicht Abstand zu nehmen?


JODL: In dieser Form kann ich es nicht voll bestätigen. Ich weiß nur das eine sicher, daß ich durch das Auswärtige Amt schriftlich eine ablehnende Stellungnahme zu diesem Vorschlag oder Gedanken des Führers bekommen habe. Das war für mich der Beweis, daß selbstverständlich der Reichsaußenminister diese Auffassung hatte, und diese ablehnende Stellungnahme des Auswärtigen Amtes habe ich zusammen mit den ablehnenden Stellungnahmen von Heer, Marine und Luftwaffe in einer kurzen Denkschrift zusammengestellt und dem Führer übergeben. Inwieweit der Reichsaußenminister beim Führer persönlich in der Angelegenheit vorstellig wurde, das kann ich mit Sicherheit nicht sagen.


DR. HORN: Ist es richtig, daß sich von Ribbentrop gegen die Fesselung englischer Kriegsgefangener als Repressalie für die Fesselung deutscher Kriegsgefangener aussprach und im Einvernehmen mit dem OKW bei Hitler die Aufhebung dieser Maßnahme herbeiführte?


JODL: Das ist richtig. Der Reichsaußenminister, das Auswärtige Amt, sind wiederholt beim Führer vorstellig geworden, diese Fesselung der kanadischen Gefangenen nunmehr doch endlich rückgängig zu machen, und es ist anzunehmen, daß diese vielen Vorstellungen, die auch vom OKW unterstützt wurden, dann endlich dazu geführt haben, daß der Befehl aufgehoben worden ist.


DR. HORN: Sie haben bereits in der Dienstagnachmittagssitzung die Frage der Terrorflieger behandelt und in diesem Zusammenhang dargelegt, daß Sie durch Rückfragen und Anmerkungen zu der in Aussicht genommenen Behandlung dieses Frage den Erlaß einer Entscheidung verhindern wollten. Es sind nun in dieser Sache zwei [462] Dokumente von der Anklage vorgelegt worden. Das eine betrifft die Festhaltung eines angeblichen Gespräches zwischen Ribbentrop, Göring und Himmler in Kleßheim, das andere ein Gutachten des bereits erwähnten Botschafters Ritter. Mich interessiert, von Ihnen zu hören, ob Sie etwas über die Einstellung Ribbentrops zur Behandlung der Frage der Terrorflieger wissen, insbesondere darüber, ob Ribbentrop in dieser Frage für eine Behandlung im Rahmen der Genfer Konvention eingetreten ist und ob er ein solches Abgehen nur dann für möglich gehalten hat, wenn hierfür entscheidende militärische Notwendigkeiten gegeben seien und auch in diesem Falle nur unter dem ausdrücklichen Hinweis, daß ein Abgehen von der Genfer Konvention den Schutzmächten vorher notifiziert werde.


VORSITZENDER: Herr Dr. Horn! Können Sie diese Frage nicht kürzer stellen? Was weiß er darüber?


DR. HORN: Ist es richtig, Herr Generaloberst, daß von Ribbentrop in der Frage der Terrorflieger genau so wie die Wehrmacht gegen ein Abgehen von der Genfer Konvention war und Ribbentrop Hitler gegenüber auch dafür eingetreten ist?


JODL: Ich kann darüber sagen, daß mir aus Gesprächen – auch wieder mit dem Botschafter Ritter – bekannt ist und bekannt war, daß der Reichsaußenminister ein offizielles Vorgehen befürwortete, das heißt eine offizielle Notifizierung, daß wir bestimmte Terrorakte nicht mehr als zu einer reglementären Kriegführung rechnen würden. Das war die ursprüngliche Auffassung des Auswärtigen Amtes. Und demgegenüber habe ich damals betont, daß der Führer davon wahrscheinlich nichts wissen will nach dem, was ich bisher aus seinen mündlichen Anordnungen entnommen habe. Es ist dann tatsächlich zu einem solchen Vorschlag, wie er dem Reichsaußenminister vorschwebte, nicht gekommen. Ich habe jedenfalls keinen gesehen.


DR. HORN: Ist Ihnen etwas von einem Friedensfühler englischer Offiziere im Auftrage des Generals Alexander, hinter dem die Englische Regierung stünde, im Jahre 1943 bekanntgeworden?


JODL: Ich weiß genau, daß um diese Zeit in Athen durch einen Mann, durch einen Engländer, ich glaube, es war ein englischer Hauptmann, Fühlung mit uns aufgenommen worden ist und daß dieser Hauptmann angab, aus dem englischen Hauptquartier im Südostraum zu kommen. Ich war dabei, wie der Reichsaußenminister dem Führer darüber gemeldet hat, und ich weiß, daß er vorschlug, diese Verbindung doch zunächst mal zu versuchen, ob sie irgend etwas bringt. Das ist auch geschehen; der Führer hat dem zugestimmt; aber weiter habe ich von der Angelegenheit nichts gehört. Scheinbar ist nichts mehr daraus geworden.


[463] DR. HORN: Ist Ihnen sonst noch etwas über weitere Friedensversuche Ribbentrops, so insbesondere nach dem Polenfeldzug, nach Dünkirchen und 1943 bekanntgeworden?


JODL: Ich kenne nur die Versuche und Absichten nach dem Westfeldzug. Damals, wo der Führer ja sehr offen und aufgeschlossen mit allen gesprochen hat, da hörte ich, wie sowohl der Reichsaußenminister als auch der Führer darin übereinstimmten, daß man jederzeit mit England einen Frieden schließen würde, lediglich gegen Rückgabe eines Teiles unserer alten Kolonien.


DR. HORN: Ist es richtig, daß der Angeklagte von Ribbentrop Hitler vorgeschlagen hat, die ungarischen Juden, soweit diese es wollten, nach dem Auslande auswandern zu lassen?


JODL: Auch das erinnere ich mich. Es war auf dem Berghof, und zwar kurz nach der Besetzung Ungarns durch unsere Truppen, es war wohl im Mai 1944, anfangs Mai; da war eine Besprechung, wo Beschluß gefaßt werden sollte, wo der Führer die Auffassungen hören wollte, ob man die ungarische Armee auflösen solle oder ob man sie belassen solle. Und am Schluß dieser Besprechung, die einen rein militärischen Charakter hatte, sagte der Reichsaußenminister zum Führer: »Können wir nicht die ganzen ungarischen Juden per Schiff an irgendein neutrales Ausland abgeben?« Worauf der Führer sagte: »Wie stellen Sie sich das überhaupt vor? Glauben Sie, daß das möglich ist? Die nimmt doch kein Mensch. Außerdem ist es technisch gar nicht durchführbar.« Das ist meine Erinnerung, die ich an diese Besprechung habe.


DR. HORN: Sie haben gestern bereits von der Ausweisung der dänischen Juden gesprochen und erwähnt, daß diese Ausweisung auf Befehl Himmlers erfolgt sei. Es ist mir nun ein Affidavit eines Obersten Mildner vorgelegt worden, in dem behauptet ist, daß diese Ausweisung auf Befehl des Reichsaußenministers erfolgt sein soll. Stimmt diese Behauptung?

JODL: Ich habe vor dieser Besprechung Himmler – Führer, die den Anlaß gegeben hat zu meinem Fernschreiben an den Wehrmachtbefehlshaber in Dänemark, niemals ein Wort darüber gehört, daß Juden aus Dänemark deportiert werden sollen, und ich habe niemals gehört, daß das Auswärtige Amt dabei irgendwie beteiligt gewesen wäre.


DR. HORN: Haben Sie überhaupt einmal etwas über die grundsätzliche Einstellung des Angeklagten von Ribbentrop zur Judenfrage erfahren können?


JODL: Außer diesem Vorschlag wegen der ungarischen Juden habe ich keine Erinnerung an irgendein Gespräch des Reichsaußenministers, bei dem ich dabei war, in dem überhaupt von Juden die Rede gewesen wäre.


[464] DR. HORN: Danke, ich habe keine weiteren Fragen.


PROF. DR. KRAUS: Habe ich Sie richtig verstanden, Herr Generaloberst, daß Sie gestern aussagten, im Jahre 1935 sei beschlossen worden, 36 Divisionen aufzustellen?


JODL: Das ist richtig, ja.


PROF. DR. KRAUS: Mich interessiert nun, wie viele Divisionen am 1. April 1938 fertig waren, und zwar interessiert mich dieser Stichtag deshalb, weil an diesem Tage die Finanzhilfe der Reichsbank aufhörte. Können Sie mir also bekunden, wie viele Divisionen an diesem 1. April 1938 fertig waren?


JODL: Wirklich fertig, also personell und materiell fertig, waren zu diesem Zeitpunkt etwa 27 bis 28 Divisionen.


PROF. DR. KRAUS: Können Sie mir sagen, Herr Generaloberst, wie sie sich zusammensetzten?


JODL: Mit einer Sicherheit kann ich es nicht sagen...


PROF. DR. KRAUS: Ungefähr?


JODL:... Aber ich weiß jedenfalls das eine noch, daß damals erst eine Panzerdivision fertig war, eine Kavalleriedivision, eine Gebirgsdivision und das übrige waren wohl Infanteriedivisionen, während die weiteren Panzerdivisionen materiell noch gar nicht ausgestattet waren, sondern nur als Rahmenverbände bestanden.


PROF. DR. KRAUS: Nun interessiert mich, wie weit sich dieser Rüstungsstand bis zum Tage des Kriegsausbruches am 1. September 1939 vergrößert hat, also von 27 Divisionen an?


JODL: Vom Herbst 1938 an wurde das Bild ein wesentlich günstigeres, und zwar deswegen, weil sich nun die Vorbereitungen der Rüstungsindustrie aus wirkten und reichlich Material schon für die Ausrüstung der Divisionen geliefert wurde und weil sich von diesem Zeitpunkt an auch schon der Anfall von ausgebildeten Jahrgängen bemerkbar machte, so daß wir in der Lage waren, im Spätherbst 1938 schon rund 55 Divisionen, einschließlich der Reservedivisionen, aufzustellen, wenn sie auch teilweise nur sehr schwach ausgerüstet waren. Und im Jahre 1939 waren es, wie ich schon gesagt habe, meiner Erinnerung nach zwischen 73 und 75 Divisionen.


PROF. DR. KRAUS: Dann würde sich also die Zahl der aufgestellten Divisionen seit April oder März 1938, seit dem Abgang des Präsidenten Schacht von der Reichsbank, in einem Jahre und fünf oder sechs Monaten um 200 Prozent vermehrt haben, während man zur Aufstellung von 27 Divisionen über drei Jahre gebraucht hat?


JODL: Das ist insofern mit der Einschränkung richtig, als natürlich diese 55 Divisionen, oder diese 75, auch in ihrer Ausstattung noch erhebliche Mängel hatten, genau so wie die geringe Zahl, die im [465] Frühjahr 1938, im April 1938, genannt war. Aber daß von diesem Augenblick an dann die Aufrüstung sehr viel schneller ging, ergibt sich, wie gesagt, aus der Natur der Sache.


PROF. DR. KRAUS: Danke, ich habe keine weiteren Fragen mehr.


DR. KAUFFMANN: Herr Zeuge! Sie haben gestern bekundet, daß der Nachrichtendienst während der Zeit Kaltenbrunners besser organisiert worden sei als vorher. Ich bitte Sie, mir zu sagen, welche Stellung hatte Kaltenbrunner während Ihrer Zeit im OKW?


JODL: Ich habe Kaltenbrunner kennengelernt, als er...


VORSITZENDER: Einen Augenblick, Herr Dr. Kauffmann! Sie haben eine allgemeine Frage gestellt. Man hat uns alle Stellungen Kaltenbrunners schon mehr als einmal angegeben. Was wollen Sie also wissen?


DR. KAUFFMANN: Herr Präsident! Kaltenbrunner hat uns lediglich bekundet, daß sein Nachrichtendienst verbunden gewesen sei mit dem militärischen Nachrichtendienst, also ganz allgemein. Dieser Zeuge hier kann uns aber sagen, welche Bedeutung, insbesondere an Umfang und an Einfluß auf die gesamte Politik, diese Verbindung des militärischen Nachrichtendienstes mit dem übrigen Nachrichtendienst hatte.


VORSITZENDER: Ich habe Sie nicht dahin verstanden, daß Sie ihn über den Nachrichtendienst befragen. Sie haben ihm eine ganz allgemeine Frage gestellt über seine Beziehungen zum OKW während der Zeit, während der der Angeklagte mit dem OKW in Verbindung stand. Die Beantwortung dieser Frage könnte ungefähr eine Stunde brauchen.


DR. KAUFFMANN: Dann darf ich die Frage, die wahrscheinlich nicht ganz durchgekommen ist, nochmals präzisieren.

Herr Zeuge! Sie haben gestern bekundet, daß unter Kaltenbrunners Zeit der gesamte Nachrichtendienst besser organisiert gewesen sei als vor dieser Zeit, also unter Canaris. Nun frage ich Sie, welche Stellung hatte Kaltenbrunner innerhalb des Nachrichtendienstes?


JODL: Kaltenbrunner...


VORSITZENDER: Was wollen Sie eigentlich fragen? Der Gerichtshof ist der Meinung, daß Sie nicht so allgemeine Fragen stellen sollten. Wenn Sie etwas besonderes wissen wollen, dann können Sie danach fragen.


DR. KAUFFMANN: Welche Tätigkeit hat Kaltenbrunner während der Lagebesprechung, die täglich stattfand, entfaltet?


VORSITZENDER: Herr Dr. Kauffmann! Es ist kaum möglich, sich eine noch allgemeinere Frage vorzustellen als diese bezüglich Kaltenbrunner – was seine Tätigkeit während mehrerer Jahre war.


[466] DR. KAUFFMANN: Herr Präsident! Während der Lage habe ich gefragt, das heißt, der täglichen militärischen Besprechungen. Wie verhielt sich Kaltenbrunner, was hat er getan, was hat er geredet, hat er Bericht erstattet, worin bestanden seine Berichte? Das ist meines Erachtens doch wohl eine konkrete Frage.


VORSITZENDER: Über welche Zeit fragen Sie?


DR. KAUFFMANN: Ich frage überhaupt nach der Zeit seiner Ernennung zum Chef des Reichssicherheitshauptamtes. Das ist die Zeit also von 1943 an. Das ist die einzige Zeit, die überhaupt in Frage kommt.


VORSITZENDER: Sie können ihn über bestimmte Besprechungen fragen, gewiß. Warum fragen Sie ihn nicht über bestimmte Sitzungen, wenn Ihnen welche bekannt sind?


DR. KAUFFMANN: Herr Zeuge! Haben Sie verstanden, worauf es ankommt? Dann bitte ich Sie, mir das zu sagen.


JODL: Meiner Erinnerung nach hat Kaltenbrunner bis zum Frühjahr 1945, als das Hauptquartier endgültig in die Reichskanzlei nach Berlin verlegt wurde, an Lagebesprechungen überhaupt nicht teilgenommen. Ich kann mich nicht erinnern, ihn je bei einer Lagebesprechung im Führerhauptquartier gesehen zu haben.

DR. KAUFFMANN: Verzeihung! Meinen Sie 1944 oder 1945?


JODL: 1945, erst vom Frühjahr 1945 an, also von Ende Januar an, da habe ich Kaltenbrunner des öfteren in der Reichskanzlei getroffen. Vor dieser Zeit war er zwar zeitweise im Führerhauptquartier und hat dort mit mir vor allem über die Übernahme des Nachrichtendienstes von Canaris verhandelt und gesprochen; aber er war nicht in der Lagebesprechung beim Führer.


DR. KAUFFMANN: Hat er Lageberichte schriftlich, militärische Lageberichte, erstattet?


JODL: Bevor er den Nachrichtendienst von Canaris übernahm – und übernommen hat er ihn am 1. Mai 1944 – bevor er den Nachrichtendienst übernahm, schickte er mir schon von Zeit zu Zeit sehr gute Berichte aus dem Südostraum; und durch diese Berichte wurde ich auf seine Erfahrung im Nachrichtendienst überhaupt erst aufmerksam. Als er dann den Nachrichtendienst übernommen hatte – zuerst gegen meinen Widerstand, aber nachdem ich mich mit ihm ausgesprochen hatte, wurde er von mir sogar unterstützt, denn ich hatte den Eindruck, der Mann versteht von dem Geschäft etwas –, da bekam ich natürlich laufend, genau so wie vorher von Canaris, nun die Berichte von Kaltenbrunner, und zwar nicht nur die täglichen Agentenmeldungen, sondern er schickte von Zeit zu Zeit einen, ich möchte fast sagen, politischen Überblick auf Grund seiner einzelnen Agentenmeldungen. Diese zusammenfassenden Lageberichte über die politische Lage im gesamten Ausland, die fielen[467] mir besonders auf, weil sie mit einer bis dahin bei Canaris ganz unmöglichen Offenheit und Nüchternheit den Ernst unserer gesamten militärischen Lage enthielten.


DR. KAUFFMANN: Herr Zeuge! Sie haben gestern noch bekundet, daß Hitler, nachdem die tägliche militärische Lagebesprechung beendet war, sich ausschließlich mit seinen Leuten, seinen Vertrauensleuten, seinen politischen Leuten, umgeben hat. Ich frage Sie nun, gehörte Kaltenbrunner zu dem Kreis dieser Vertrauensleute?


JODL: Ich habe Kaltenbrunner niemals in diesem privaten Kreis des Führers gesehen oder erlebt. Das, was ich gesehen habe, war ein durchaus rein dienstliches Verhalten.


DR. KAUFFMANN: Danke, ich habe weiter keine Fragen mehr.


FLOTTENRICHTER OTTO KRANZBÜHLER, VERTEIDIGER DES ANGEKLAGTEN DÖNITZ: Herr Generaloberst! Dem Großadmiral Dönitz wird vorgeworfen, daß er im Frühjahr 1945 die Marine aufgefordert hat weiterzukämpfen. Haben Sie selbst als verantwortlicher militärischer Ratgeber dem Führer damals geraten zu kapitulieren?


JODL: Damals geraten zu kapitulieren habe ich nicht. Das war vollkommen ausgeschlossen; das hätte kein Soldat getan; das hätte auch gar keinen Wert gehabt.


FLOTTENRICHTER KRANZBÜHLER: Auch nicht nach dem Scheitern der Ardennenoffensive im Februar 1945?


JODL: Auch nicht nach dem Scheitern der Ardennenoffensive; denn der Führer war sich über die Gesamtlage genau so klar wie wir, und er war sich wahrscheinlich sehr viel früher klar wie wir; also ihm brauchte in dieser Hinsicht nichts gesagt zu werden.


FLOTTENRICHTER KRANZBÜHLER: Welche Gründe sprachen denn dagegen?


JODL: Es sprachen im Winter 1945 viele Gründe dagegen, abgesehen davon, daß die Frage der Kapitulation oder der Aufgabe des Widerstandes überhaupt nur den Obersten Befehlshaber angeht. Es sprach vor allem dagegen, daß wir keinen Zweifel darüber hatten, daß es nur eine bedingungslose Kapitulation geben konnte; denn darüber hat uns das Ausland nicht im Zweifel gelassen. Und wenn wir noch einen Zweifel gehabt hätten, was uns bevorsteht, so ist er restlos beseitigt worden, dadurch, daß wir die englische »Eclipse« erbeuteten. Die englischen Herren der Kommission werden wissen, was das ist. Es war nämlich die genaue Anweisung über das, was die Besatzungsmacht nach der Kapitulation in Deutschland zu tun hatte. Nun erforderte die bedingungslose Kapitulation ein Stehenbleiben der Fronten an der Stelle, wo sie waren und damit die [468] Gefangennahme durch den Gegner, der ihnen gegenüberstand. Es mußte dasselbe eintreten, was im Winter 1941 bei Wjasma eingetreten ist. Es mußten Millionen von Gefangenen plötzlich im Winter auf freiem Felde kampieren. Der Tod hätte eine ungeheure Ernte eingebracht und vor allem, es wäre alles... diese dreieinhalb Millionen ungefähr, die noch an der Ostfront standen, wären völlig dem Ostgegner in die Hände gefallen. Es war unser Bestreben, möglichst viele Menschen in den westlichen Raum zu retten. Das konnte man nur dann durchführen, wenn die beiden Fronten näher mit herangerückt waren. Das waren jedenfalls die rein militärischen Überlegungen, die wir im letzten Stadium des Krieges darüber angestellt haben. Ich glaube, daß in späteren Jahren einmal darüber noch mehr zu sagen sein wird, als ich heute sagen kann und sagen will.


DR. NELTE: Herr Generaloberst! Seit wann kennen Sie Generalfeldmarschall Keitel?

JODL: Ich glaube seit dem Jahre 1932, als er Chef der Organisationsabteilung des Heeres war.


DR. NELTE: Und Sie haben seit dieser Zeit, mit Ausnahme Ihrer Wiener Zeit, immer mit ihm zusammengearbeitet?


JODL: Es gab eine Zeit, wo der Feldmarschall Keitel nicht im Kriegsministerium war sondern an der Front. Das war, glaube ich, in den Jahren 1934-1935; da ist er mir auch aus dem Blickfeld entschwunden; aber sonst die ganze Zeit.


DR. NELTE: War diese Arbeit, Zusammenarbeit, nur eine dienstliche, oder ist Ihr Verhältnis ein persönliches geworden?


JODL: Dieses Verhältnis ist im Laufe der Jahre durch das viele gemeinsame Leid, das wir erfahren haben, ein sehr persönliches geworden.


DR. NELTE: Die Anklagebehörde hat Feldmarschall Keitel als einen der mächtigsten Offiziere der Wehrmacht bezeichnet. Sie hat ihn beschuldigt, in dieser Stellung Hitler beeinflußt zu haben. Andere Kreise, die hier aufgetreten sind, haben Keitel als schwächlich bezeichnet und ihm vorgeworfen, daß er in seiner Stellung nicht in der Lage gewesen sei, sich durchzusetzen. Ich will keine Fragen stellen, die bisher schon irgendeinmal gestellt und beantwortet worden sind. Es gibt aber Fragen, die bisher, wie Sie gehört haben, verschiedenartig beantwortet worden sind, und für deren Beantwortung nur ein Mensch in Betracht kommt, wie Sie es sind, der seit über ein Jahrzehnt mit dem Feldmarschall zusammengearbeitet hat. Ich bitte Sie deshalb, mir kurz, in kurzen Sätzen, das dienstliche Verhältnis darzulegen, wie es zwischen Keitel und Hitler war.


JODL: Das Dienstverhältnis zwischen dem Führer und dem Feldmarschall Keitel war, auf einer etwas anderen Ebene, genau [469] dasselbe wie zwischen dem Führer und mir. Es war ein rein dienstliches. Und es war, gerade in der ersten Zeit, gekennzeichnet, genau so wie bei allen anderen höheren Offizieren, durch dauernde Zusammenstöße zwischen einem Revolutionär und einem traditionsgebundenen preußischen Offizier.


DR. NELTE: Es war also so, daß die Zusammenstöße als Folge verschiedener Ansichten an der Tagesordnung waren?


JODL: Sie waren an der Tagesordnung und führten in der Praxis zu sehr, sehr unangenehmen Szenen, zu solchen Szenen, daß man sich schämen mußte, als älterer Offizier in Anwesenheit jüngerer Adjutanten etwas Derartiges anzuhören. Und der Eintrag in meinem Tagebuch beweist ja, daß am 19. April 1940 zum Beispiel der Feldmarschall Keitel seine Mappe auf den Tisch warf und den Saal verlassen hat; das ist eine Tatsache.


DR. NELTE: Darf ich fragen, aus welchem Anlaß das war?


VORSITZENDER: Nein, Herr Dr. Nelte! Wenn Sie wollen, daß er die Aussagen bestätigen soll, die der Angeklagte Keitel gemacht hat, warum fragen Sie ihn denn nicht, ob er sie bestätigt?


DR. NELTE: Es handelt sich um Fragen, Herr Präsident, die ich dem Feldmarschall Keitel noch nicht vorgelegt habe. Überhaupt ist meine Befragung notwendig geworden, weil zwischen der Vernehmung des Angeklagten...


VORSITZENDER: Die Frage, die Sie ihm gestellt haben, war, wie sein Verhältnis zum Führer war. Sie hätten dies nicht allgemeiner fragen können. Sie haben das sicherlich bei dem Angeklagten Keitel behandelt.


DR. NELTE: Ich habe sie mit Keitel behandelt.


VORSITZENDER: Sie haben die Frage Keitel vorgelegt, und Keitel hat dieselbe sehr ausführlich beantwortet.


DR. NELTE: Herr Präsident! Nachdem Keitel vernommen wurde, ist hier ein Zeuge aufgetreten, der den Feldmarschall Keitel unglaubwürdig machen will, wenn es wahr ist, was er gesagt hat. Ich bedarf also, um klarzustellen...


VORSITZENDER: Gerade aus diesem Grunde habe ich Sie gefragt, ob Sie durch diesen Zeugen bestätigen lassen wollten, was der Angeklagte Keitel gesagt hat; und wenn Sie das wollten, warum haben Sie ihn dann nicht gefragt, ob er die Aussagen Keitels bestätigt?


DR. NELTE: Herr Generaloberst! Sie haben gehört, daß wir die Vernehmung auf diesem Gebiet vereinfachen können. Ich halte Ihnen vor, was der Zeuge Gisevius hier in diesem Saal über den Feldmarschall Keitel gesagt hat. Es stand dies im Widerspruch, zum wesentlichen Teil, zu dem, was der Feldmarschall Keitel und [470] was die übrigen hier über Keitel vernommenen Zeugen gesagt haben. Ich weise darauf hin, daß Gisevius nicht aus eigener Wissenschaft eine Bekundung gemacht hat, sondern daß ihm Informationen aus dem OKW gegeben wurden. Wenn Sie dieses berücksichtigen wollen, bitte ich Sie jetzt um die Beantwortung der Frage:

Ist nach Ihrer Kenntnis der Dinge das richtig, was Feldmarschall Keitel unter seinem Eid ausgesagt hat und was auch andere bestätigt haben – mit Ausnahme von Gisevius – oder ist das richtig, was Gisevius gesagt hat?


JODL: Es ist ausschließlich das richtig, was der Feldmarschall Keitel gesagt hat, und ich habe es an Tausenden von Tagen erlebt. Und was in dieser Hinsicht der Zeuge Gisevius gesagt hat, das sind allgemeine Redensarten. Es gab neben Hitler überhaupt keinen mächtigen Mann, und es hat keinen einflußreichen Mann neben ihm gegeben und es konnte keinen geben.


DR. NELTE: Es ist nun aber von dem Zeugen Gisevius ein Beispiel hier erwähnt worden, und zwar zum Beleg dafür, daß Keitel gewisse Berichte unterschlagen beziehungsweise verhindert hat, daß sie Hitler vorgetragen worden sind. Da Sie bei diesem Dokument beteiligt waren, möchte ich Ihnen dieses eine Dokument vorliegen lassen und Sie bitten, sich dazu zu äußern. Es ist das Dokument 790-PS. Dieses Dokument ist nicht ein Protokoll sondern eine Aktennotiz, wie Sie sehen. Es handelt sich um das Weißbuch, das über die angeblichen Neutralitätsverletzungen Belgiens und Hollands vorbereitet war; und diesbezüglich hat der Zeuge Gisevius gesagt:

»Ich glaube, daß ich noch zwei Beispiele erwähnen soll, die mir von besonderer Kennzeichnung sind. Erstens wurde mit allen Mitteln versucht, den Feldmarschall Keitel zu bewegen, Hitler vor dem Einmarsch in Holland und Belgien zu warnen und ihm – das heißt Hitler – mitzuteilen, daß die von Keitel vorgelegten Informationen über die angeblichen Neutralitätsverletzungen der Holländer und Belgier falsch seien. Die Abwehr« – also Canaris – »sollte diese die Holländer und Belgier inkriminierenden Berichte anfertigen. Der Admiral Canaris weigerte sich damals, diese Berichte zu unterschreiben, er hat Keitel wiederholt gesagt, daß dieser, angeblich vom OKW angefertigte Bericht, falsch sei.

Das ist das eine Beispiel, wo Herr Keitel nicht weitergegeben hat an Hitler, was er weitergeben sollte.«

Herr Generaloberst! Ich bitte Sie, nachdem Sie dieses Dokument zur Kenntnis genommen haben, zu bestätigen, daß sich aus dieser Notiz ergibt, daß man dem Feldmarschall Keitel und Ihnen zumutete, eine Falschnachricht zu decken und daß es das OKW auf[471] Grund des Vortrags von Canaris, der zum Teil enthalten ist, abgelehnt hat, dieses Weißbuch zu decken. Ist das so?

VORSITZENDER: Wenn Sie die Frage verstanden haben, wollen Sie sie beantworten?

JODL: Ich verstehe die Frage, und ich möchte ganz kurz die Tatsache hier feststellen, wie es wirklich war, soweit mich nicht der Ekel im Halse würgt. Ich war dabei, als Canaris mit dieser Vortragsnotiz in die Reichskanzlei kam zum Feldmarschall Keitel und ihm den Entwurf des Weißbuches des Auswärtigen Amtes vorgelegt hat. Feldmarschall Keitel hat dann dieses Buch durchgesehen, vor allem die wesentlichen Bemerkungen angehört, die Canaris auf Wunsch des Auswärtigen Amtes gemacht hat, nämlich daß die Nachrichten vielleicht noch etwas verbesserungsbedürftig seien, daß er bestätigen sollte, daß eine militärische Aktion unbedingt gegen Holland und Belgien notwendig sei und daß noch, wie es hier ausgedrückt ist, eine letzte, wirkliche eklatante Verletzung der Neutralität fehle. Bevor Canaris ein Wort gesagt hat, hat der Feldmarschall Keitel das Buch auf den Tisch geworfen und gesagt: »Das verbitte ich mir. Wie komme ich überhaupt dazu, hier eine Verantwortung zu übernehmen für einen politischen Entschluß? In diesem Weißbuch stehen Wort für Wort, wahr und richtig, diejenigen Meldungen, die Sie selbst, Canaris, mir gebracht haben.« Daraufhin hat Canaris gesagt: »Ich bin genau derselben Auffassung. Es ist auch meiner Ansicht nach vollkommen überflüssig, dieses Dokument von Seiten der Wehrmacht unterschreiben zu lassen, und die Meldungen, die wir hier haben in ihrer Gesamtheit, die sind vollkommen ausreichend, um die Neutralitätsvergehen, die in Holland und Belgien stattgefunden haben, zu begründen.« Und er hat dem Feldmarschall Keitel abgeraten, es überhaupt zu unterschreiben. So hat sich das abgespielt. Der Feldmarschall hat das Buch dann mitgenommen, und ich weiß nicht, wie der weitere Verlauf war.

Aber das steht fest, daß die Phantasiemeldung von diesem Herrn Gisevius ja alles auf den Kopf stellt. Diese ganzen Meldungen über die Neutralitätsverletzungen, die stammten ja von diesen Leuten, die nun behaupten, wir hätten sie falsch unterschrieben. Es ist dies eine der größten Gemeinheiten, die die Weltgeschichte kennt.


DR. NELTE: Generaloberst! Es spielte der Admiral Canaris in diesem Fall ja eine Rolle. Gisevius hat gesagt:

»Es war nicht möglich, daß der Admiral Canaris einen dringenden Bericht von sich aus Hitler vorlegen konnte.«

Er behauptet, daß Canaris Berichte an Feldmarschall Keitel gegeben hat, der sie nicht vorgelegt hat. Ich frage Sie, ist das wahr?

[472] JODL: Ich bin natürlich nicht hinter jedem Schriftstück hergelaufen, das zum Feldmarschall Keitel kam. Aber der Feldmarschall Keitel hat alles vorgelegt, von dem man sagen mußte, das muß der Führer wissen, und ich habe schon ausgeführt, wenn Canaris in dieser Hinsicht nicht befriedigt gewesen wäre, dann konnte er es ja dem Führer direkt geben. Da brauchte er ja nur in die Nebenbaracke gehen und es dem Chefadjutanten des Führers geben, oder er brauchte es nur mir geben.

VORSITZENDER: Wenn Sie es nicht wissen, warum sagen Sie es nicht? Wenn Sie nicht wissen, ob er es dem Führer gab oder nicht, sagen Sie es doch.


DR. NELTE: Ich hatte auch nur gefragt, ob die Aussage wahr ist, daß Admiral Canaris nicht zu Hitler kommen konnte, und diese Frage wollte ich von Ihnen beantwortet wissen.


JODL: Er ist ja in der Tat viele Dutzend Male beim Führer gewesen.


DR. NELTE: Also er hatte, wenn er wollte, jederzeit Zutritt?


JODL: Absolut jederzeit Zutritt.


VORSITZENDER: Wollen Sie mir bitte sagen, an welcher Stelle des Protokolls sich diese Aussage von Gisevius befindet?


DR. NELTE: Die Aussage von Gisevius ist, soweit sie Keitel betrifft, in der Vormittagssitzung vom 26. April erfolgt. (Band XII, Seite 289-295.)


VORSITZENDER: Sehr gut.


DR. NELTE: Ich will Ihnen zunächst zwei Affidavits vorhalten, die Sie zusammen mit dem Generalfeldmarschall Keitel unterschrieben haben und die dem Gericht auch vorgelegt worden sind. Es handelt sich hierbei, Herr Präsident, um das Affidavit Keitel Nummer 9, Oberkommando der Wehrmacht und Generalstab, und das Affidavit Keitel Nummer 13, Entwicklung der Verhältnisse in Frankreich 1940-1945 und die militärischen Zuständigkeiten.

Sie sind sich noch bewußt, daß Sie diese Affidavits unterschrieben haben?


JODL: Ich weiß das, ja.


DR. NELTE: Falls Sie es wissen, kennen Sie den Inhalt?


JODL: Ja.


DR. NELTE: Und Sie bestätigen hier die Richtigkeit Ihrer eidesstattlichen Erklärung?


JODL: Ich bestätige diese Erklärung.


DR. NELTE: Ich sehe von einer Verlesung dieser Affidavits oder Teilen daraus ab. Nun zur Frage der Wiederaufrüstung beziehungsweise des Generals Thomas. der auch hier als Informationsquelle [473] angegeben worden ist, möchte ich Ihnen noch einige Fragen vorlegen.

Sie wissen, daß die Anklagebehörde hier ein umfangreiches Buch vorgelegt hat, 2353-PS, welches die Wiederaufrüstung aus der Feder des Generals Thomas wiedergibt. Da General Thomas auch vom Zeugen Gisevius hier als Informationsquelle angegeben worden ist, muß ich Sie etwas über Thomas fragen. Dieser hat nämlich in seiner eidesstattlichen Versicherung, die auf der Urkunde 2353-PS vorgeheftet ist, gesagt, er sei am 1. Februar 1943 aus dem OKW entlassen worden. Wissen Sie darüber Bescheid, ob das richtig ist oder nicht?


JODL: Nach meiner Erinnerung ist er zu den Offizieren zur besonderen Verwendung des Oberkommandos der Wehrmacht gestellt worden.

Er war also zur Verfügung des Chefs, des Feldmarschalls Keitel.


DR. NELTE: Ja. Hatte er nicht eine Sonderaufgabe, als er z. b. V. gestellt wurde?


JODL: Ich glaube, er hat mehrere Aufgaben hernach noch mit übernommen.


DR. NELTE: Ich wollte damit lediglich feststellen, daß der General Thomas auch nach dem 1. Februar 1943 noch mit Aufgaben des OKW betraut war, insbesondere mit der Niederschrift dieses Werkes, das hier vorliegt. Ist das richtig?


JODL: Es ist richtig, daß er beschäftigt war – ich möchte sagen – mit der Geschichtsschreibung der Aufrüstung.

DR. NELTE: Wie war sein Verhältnis zu Feldmarschall Keitel?


JODL: Ich kenne es aus den Zeiten, die die beiden zusammen erlebt haben – das war nur vor dem Kriege und in den ersten Anfängen des Krieges – ich kenne es nur als ein gutes.


DR. NELTE: Sind Ihnen die Berichte des Generals Thomas bekannt über die Wiederaufrüstung?


JODL: Ich kann mich mit Sicherheit an keine Berichte über unsere eigene Wiederaufrüstung erinnern; ich kann mich nur an Berichte erinnern über das Kriegspotential unserer Gegner. Die sind mir in Erinnerung.


VORSITZENDER: Dr. Nelte! Werden Sie noch längere Zeit in Anspruch nehmen? Es ist schon zehn Minuten nach 5.00 Uhr. Wenn Sie heute abend nicht fertig werden, wollen wir uns lieber vertagen.


DR. NELTE: Ich brauche noch eine Viertelstunde.


VORSITZENDER: Dann werden wir uns jetzt vertagen.


[Das Gericht vertagt sich bis

6. Juni 1946, 10.00 Uhr.]


Quelle:
Der Prozeß gegen die Hauptkriegsverbrecher vor dem Internationalen Gerichtshof Nürnberg. Nürnberg 1947, Bd. 15, S. 438-475.
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